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review 2018-06-20 08:03
Gier hält meinen Kitschradar zum Narren
Saphirblau - Kerstin Gier

Kerstin Gier widmete sich erst spät in ihrer Karriere der fantastischen Jugendliteratur. Sie war bereits seit mehr als einem Jahrzehnt als Autorin erfolgreich, bevor sie 2009 den Genrewechsel wagte. Sie wollte eine romantische Liebesgeschichte schreiben, die Humor und Fantasy vereint, Abenteuer, historische Kostüme und Degenkämpfe involviert und kein historischer Roman ist. Ambitioniert. Zusätzlich verlangte die damalige Programmchefin des Arena-Verlags, dass Giers neustes Projekt international vermarktbar sein sollte. Mit anderen Worten: es sollte nicht in Deutschland spielen. Die Lösung hieß Zeitreisen, das Ergebnis ist die „Edelstein-Trilogie“. „Saphirblau“ ist der zweite Band dieses Welterfolgs, den ich direkt im Anschluss an „Rubinrot“ las.

 

Lange macht Gwendolyn den Zeitreise-Zirkus ja noch nicht mit, aber eines hat sie bereits begriffen: als Zeitreisende lebt man gefährlich. In den letzten Tagen ist sie nur knapp einem Attentat entgangen, ihre verschollene Cousine Lucy lauerte ihr auf und zu allem Überfluss scheint sie nun in eine Verschwörung mit ihrem gegenwärtig verstorbenen Großvater verstrickt zu sein. Von der sie keinen blassen Schimmer hat. Jedenfalls noch nicht. Offenbar hat ihr zukünftiges Ich ein Treffen mit Lord Lucas Montrose im Jahr 1948 arrangiert, um herauszufinden, warum Lucy und Paul den zweiten Chronografen stahlen. Es muss einen Grund haben, dass die beiden glaubten, der Kreis dürfe sich nicht schließen. In der Loge erklärt Gwen ja niemand jemals irgendetwas, also muss sie sich selbst helfen. Vielleicht kann die zukünftige Gwen ihr auch gleich einen Rat in Liebesdingen geben, denn aus Gideon wird sie einfach nicht schlau. Zwischen den Zeiten ist eben alles doppelt kompliziert.

 

Am Ende von „Rubinrot“ hatte ich das Gefühl, dass der erste Band hauptsächlich der Orientierung dient. Die Protagonistin Gwen entpuppt sich als Trägerin der Zeitreise-Gens und erlebt ihre ersten Zeitsprünge, doch worum es in der Handlung der Trilogie eigentlich gehen sollte, konnte ich noch nicht determinieren. Folglich erwartete ich von der Fortsetzung „Saphirblau“ Aufklärung. Ich hoffte, den Kern der Geschichte freilegen zu können. Ich schätze, es ist mir gelungen, aber ich kann nicht behaupten, dass die Autorin Kerstin Gier dabei hilfreich gewesen wäre. Obwohl ich mit „Saphirblau“ ebenso viel Spaß hatte wie mit „Rubinrot“ und erneut ratzfatz durch war, weil es aufregend und fesselnd ist, erscheint es mir rückblickend äußerst unfokussiert. Szene für Szene musste ich Gwens romantische Eskapaden mit Gideon demontieren, sie bewusst ignorieren, um zum harten Gerüst der Handlung vorzudringen. Das anstrengende Hin und Her des Teenager-Dramas lenkt massiv vom tatsächlichen Geschehen ab. Ich musste das Buch für die Inhaltsangabe noch einmal querlesen. Interessant daran ist, dass mir erst im Nachhinein bewusstwurde, wie lückenhaft sich die Handlung in meinem Gedächtnis festsetzte. Während der Lektüre fiel mir gar nicht auf, dass das Liebesleben der Protagonistin deutlich dominanter ist als die Entwicklung der Ereignisse. Nun könnte man Kerstin Gier vorwerfen, dass „Saphirblau“ unausgewogen geriet und diese Kritik wäre berechtigt. Trotz dessen spricht es für Fortsetzung und Autorin, dass ich mich beim Lesen selbst nicht daran störte. Gier versetzt sich so überzeugend in die 16-jährige Gwen hinein, dass ich die Gesellschaft der Ich-Erzählerin genoss und mich nostalgisch lächelnd daran erinnerte, wie es war, in diesem Alter zum ersten Mal verliebt zu sein. Ich fand es nur ein bisschen schade, dass Gier Gideons Perspektive ausklammerte, da sein sprunghaftes Verhalten dadurch unerklärlich wirkte. Ich vermutete allerdings, dass sein rätselhaftes Benehmen irgendwie mit den Plänen der zukünftigen Gwen zusammenhing. Gemeinsam mit ihrem Großvater versucht sie herauszufinden, warum ihre Cousine Lucy und deren Freund Paul den zweiten Chronografen stahlen und arbeitet somit aktiv daran, die Geheimnisse der Loge und des Grafen von Saint Germain aufzudecken. Die blinde Loyalität und Ergebenheit der Wächter für den Grafen konnte ich überhaupt nicht nachvollziehen. Wie ist es ihm gelungen, sich selbst in eine Position zu manövrieren, aus der er fähig ist, intelligente, erwachsene Männer aus der Vergangenheit heraus zu kontrollieren? Das stinkt doch. Nie im Leben ist er der Wohltäter, als der er sich präsentiert. Ich fand es bezeichnend, dass ein 16-jähriges Mädchen die einzige ist, die den Mut besitzt, ihm die Stirn zu bieten. Gwen ist die einzige, die sich nicht mit seinen kryptischen Antworten zufriedengibt und die Vergangenheit auf eigene Faust nach der Wahrheit durchforstet. Es beeindruckte mich abermals, wie simpel Kerstin Gier das Zeitreisethema gestaltet. Sie geht nur auf Zeitsprünge ein, wenn es absolut notwendig ist und erklärt alle daraus resultierenden Situationen transparent und einleuchtend. Sie beweist, dass ein kompliziertes Leben zwischen den Zeiten mitnichten kompliziert beschrieben sein muss.

 

Die „Edelstein-Trilogie“ ist überwältigend feminin. Die weibliche Note ist auf jeder Seite spürbar, sei es in der detaillierten Beschreibung der historischen Kostüme oder in Gwens Herzschmerz-Drama mit Gideon. Normalerweise habe ich für Bücher, die das Liebesleben der Hauptfiguren dominanter thematisieren als die tatsächliche Handlung, wenig übrig. Ich leide unter einer ausgeprägten Kitsch-Allergie. Es ist ein kleines Wunder, dass mir weder „Rubinrot“ noch „Saphirblau“ Ausschlag verursachten. Der Grund dafür ist meiner Meinung nach die Mischung: „Gidolyns“ Eiertanz ist erträglich und sogar unterhaltsam, weil Kerstin Gier die romantische Ebene der Geschichte in einen rasanten, actiongeladenen Strom handfester Ereignisse integrierte. Von wegen seichte, flache Unterhaltungsliteratur. Meinen hypersensiblen Kitschradar hält sonst niemand so leicht zum Narren. Das muss ihr erst mal jemand nachmachen.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2018/06/20/kerstin-gier-saphirblau
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review 2018-06-19 09:40
Im Wirbel durch die Zeiten
Saphirblau - Kerstin Gier

In der literarischen Fachwelt wird Kerstin Gier belächelt. Sie geht damit sehr selbstbewusst um, bezeichnet ihre Bücher stolz als Unterhaltungsliteratur und sagte in einem Interview, würden ihre Geschichten einem Literaturkritiker wie Denis Scheck gefallen, hätte sie etwas falsch gemacht. Die Ursache für diese resolute Haltung liegt meiner Ansicht nach in ihrer Kindheit, während derer ihr ausschließlich pädagogisch wertvolle Literatur erlaubt war. Daher zielen vor allem ihre Jugendbücher darauf ab, ihren Leser_innen Spaß am Lesen und ein positives Gefühl zu vermitteln. Obwohl mir diese Einstellung imponiert, war ich vor der Lektüre von „Rubinrot“ doch ein wenig skeptisch, ob ich ihre gefeierte „Edelstein-Trilogie“ mögen würde. Schließlich überschritt ich die Zielgruppe um mehr als 10 Jahre.

 

Die 16-jährige Gwendolyn ist es gewohnt, von ihrer Familie wenig Beachtung zu bekommen. In ihrem verwinkelten Londoner Herrenhaus ist ihre Cousine Charlotte der Star. Nicht, dass Gwen sie beneiden würde, aber das Theater um Charlottes Zeitreise-Gen hat sie gewaltig satt. Ihre Großmutter, ihre Tante, alle lauern darauf, dass Charlotte schwindlig wird – ein sicheres Anzeichen dafür, dass ihre erste Zeitreise bevorsteht. Leider lässt diese auf sich warten. Eines Tages ist die Familie wieder einmal in heller Aufregung: Charlotte klagt über Schwindel. Gwen nutzt die erste Gelegenheit, um unauffällig zu verschwinden. Doch als sie das Haus verlässt, befindet sie sich nicht mehr in der Gegenwart, sondern im London um die Jahrhundertwende. Sie ist durch die Zeit gesprungen! Plötzlich muss sie sich mit einer elitären Geheimloge, Unterricht in historischer Etikette und ihrem Partner, dem grässlichen Gideon de Villiers, herumplagen. Das Familiengeheimnis hat Gwen eingeholt. Jetzt heißt es für sie Kopf hoch, Brust raus und aufpassen, dass sie sich nicht zwischen den Zeiten verliert – oder verliebt…

 

„Rubinrot“ ist ein hervorragendes Beispiel dafür, dass die anvisierte Zielgruppe gar nichts darüber aussagt, wie ein Buch bei Leser_innen ankommt, die offiziell nicht in diese Gruppe passen. Ich fand den Trilogieauftakt überraschend gut und hatte mit der Lektüre viel Spaß. Ich war rasend schnell durch, was hauptsächlich daran lag, dass dieses Werk tatsächlich reine Unterhaltungsliteratur ist. Kein Nachdenken, kein Grübeln, kein Analysieren. Ich werde ja nie müde, zu betonen, wie sehr ich diese brain candy – Ausflüge in der Gestaltung meines Leseverhaltens schätze und danke Kerstin Gier dafür, dass sie gar nicht erst versuchte, „Rubinrot“ den Anschein großer Literatur zu verpassen. Ich bekam genau, was mir versprochen wurde: ein amüsantes, schnelllebiges und unterhaltsames Jugendbuch, das vor der historisch ergiebigen Kulisse Londons glücklicherweise ohne kitschige Theatralik auskommt und stattdessen mit Herz und Köpfchen überzeugt.
Von Anfang an mochte ich die Protagonistin Gwendolyn, die meine Sympathie im Sturm eroberte, weil sie sich direkt in ihrer ersten Szene ihr Mittagessen in den Schoß kleckert. Ein banal wirkender Zwischenfall, aber durch diese Demonstration von Tollpatschigkeit und mangelnder Perfektion konnte ich mich sofort mit ihr identifizieren. Ich bin nämlich selbst keine Ausgeburt an Grazie. Daher fiel es mir leicht, ihre Ich-Perspektive zu akzeptieren und ihrem etwas kindlich-naiven Blick auf die Welt und auf die Figuren in ihrem Umfeld zu folgen. Sie stellt uns die Akteure der Geschichte vor: ihre Mitschüler_innen, ihre beste Freundin Leslie und natürlich ihre durchgeknallte Familie. Zu den Mitgliedern ihrer skurrilen Sippe hat Gwen sehr unterschiedliche Beziehungen. Ihr ist leider allzu bewusst, dass sie hinter Charlotte stets die zweite Geige spielt. Deshalb zögert sie, ihrer Familie von ihrem ersten unkontrollierten Zeitsprung zu berichten: sie ist es nicht gewohnt, auf sich aufmerksam zu machen. Kerstin Giers Umsetzung des Zeitreisethemas gefiel mir äußerst gut, weil sie bestimmte Gesetzmäßigkeiten formulierte, die eine komplizierte Thematik übersichtlicher gestalteten. Zeitreisende können beispielsweise nicht in ihre eigene Vergangenheit und grundsätzlich nicht in die Zukunft springen. Diese Regeln werden Gwen von der „Loge des Grafen von Saint Germain“ vermittelt, die über das Zeitreisen wacht. Dort lernt sie auch ihren Partner Gideon de Villiers kennen, den sie spontan unausstehlich findet. In der YA-Literatur kann das eigentlich nur bedeuten, dass die beiden irgendwann ein Liebespaar werden. ;) Die Loge ist darüber hinaus im Besitz des Chronografen, der es Gwen ermöglicht, kontrolliert in die Vergangenheit zu springen. Ich finde die Wächter und ihre Verbindung zum Grafen von Saint Germain verdächtig. Ihre Geheimniskrämerei weckt mein Misstrauen, denn obwohl Gwen für die Loge äußerst wichtig ist, verraten sie ihr lediglich das Nötigste. Es würde mich nicht wundern, sollte sich in den Folgebänden herausstellen, dass in ihren Rängen nicht alles koscher ist. Alte Männer und Geheimnisse – wann war diese Kombination jemals positiv?

 

„Rubinrot“ atmet das Genre Jugendbuch auf jeder Seite. Als solches ist es ein wenig vorhersehbar, was Kerstin Gier jedoch ausglich, indem sie den Auftaktcharakter des Buches voll ausschöpfte. Die Lektüre wurde nie langweilig, weil sich die Handlung rasant entwickelt, während wenige Hintergrundinformationen geliefert werden. Ich wurde an Gwens Seite in die Geschichte hineingeschubst; gemeinsam versuchten wir, uns zu orientieren, ohne wirklich zu verstehen, was eigentlich vor sich geht. Es hat Spaß gemacht, mit ihr durch die Zeiten zu wirbeln. Bei mir hat Kerstin Gier ihr Ziel somit definitiv erreicht und ich möchte an dieser Stelle eine Lanze für die Unterhaltungsliteratur brechen. Es muss nicht immer anspruchsvoll sein. Nicht jedes Buch muss über 20 Bedeutungsebenen verfügen. Manchmal reicht es völlig aus, wenn ein Buch den Leser_innen ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

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