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review 2017-10-03 09:21
Beeindruckender Seelenstrip
Wir waren keine Helden - Candy Bukowski

„Wir waren keine Helden“ von Candy Bukowski wurde mir 2016 vom Verlag edel & electric zur Rezension angeboten. Mein Grund, dieses Angebot anzunehmen, scheint ein wenig banal: in der Inhaltsangabe ist die Rede von einem Punker. Aufgrund meiner eigenen Vergangenheit mit bunten Haaren, glänzenden Nieten und schweren Stiefeln werde ich da stets hellhörig. Ich hoffte auf einen Roman, mit dem ich mich identifizieren konnte und der mich an meine wilden Jahre erinnerte. Vermutlich brauchte ich deshalb sehr lange, um mich für die Lektüre bereit zu fühlen. Ein Nostalgietrip verlangt eben die richtige Stimmung.

 

Als der Punker Pete vom Himmel fällt, ändert sich für Sugar alles. Überzeugt, erwachsen zu sein, verlässt sie ihr Kaff im Nirgendwo und stürmt der weiten Welt entgegen, in der Liebe, Schmerz, Traurigkeit, Hoffnung und vollkommenes Glück auf sie warten. Sie reitet die Wellen des Lebens, wird brutal unter Wasser gedrückt und taucht doch jedes Mal wieder auf. Sie ergreift Chancen, scheitert, traut sich, zu springen, um herauszufinden, ob sie fliegen kann und begreift irgendwann, dass Durchschnittlichkeit auf ihre Fragen keine Antworten bietet. Sie kämpft, um ihren Platz im verwirrenden Gefüge des Universums zu finden. Aufgeben ist keine Option. Denn Helden geben niemals auf.

 

Ich bin zwiegespalten. Wie bereits erwähnt, hoffte ich, mich mit „Wir waren keine Helden“ identifizieren zu können. Einerseits konnte ich das – und andererseits auch wieder nicht. Es ist kompliziert. Obwohl die Leser_innen die Protagonistin des Romans unter dem Namen Sugar kennenlernen, wurde für mich schnell deutlich, dass es sich bei diesem Buch um eine Art Autobiografie handeln muss oder es zumindest starke autobiografische Züge aufweist. In einem Interview bestätigte Candy Bukowski diesen Eindruck; sie erklärte: „Candy und Sugar sind eins. In jung und gereift“. Candy alias Sugar wuchs in einem kleinen Dorf in Westdeutschland auf und verbrachte den Großteil ihrer Jugend in einer abgeranzten Kneipe, in der man es mit dem Jugendschutz nicht so genau nahm. Mit 17 zog sie Zuhause aus und entschied sich für eine Ausbildung zur Buchhändlerin. „Wir waren keine Helden“ fokussiert allerdings weniger die harten Fakten ihres Lebens, sondern konzentriert sich auf Candys/Sugars emotionale Erlebenswelt. Ihre Beziehungen stehen im Mittelpunkt, sowohl ihre romantischen und freundschaftlichen Beziehungen, als auch ihre Beziehung zu sich selbst. Bukowski sorgt selbstverständlich für den nötigen Kontext, damit ihre Leser_innen verstehen, welche Begegnungen in welcher Lebenssituation eine Rolle für sie spielten, doch meist bleibt sie vage und beschränkt sich auf das absolute Mindestmaß an Informationen. Für ihre Geschichte ist es kaum von Bedeutung, wann sie wo lebte und welchen Beruf sie dort ausübte, entscheidend sind die Menschen und Gefühle, die sie in ihren Lebensabschnitten begleiteten. Candy/Sugar ist eine Stehauffigur, die sich trotz herber Rückschläge niemals davon abhalten lässt, ihr Bedürfnis nach einem freien, wilden Leben zu erfüllen. Diese Autobiografie versprüht ungeheure Lebenslust, nahezu unstillbaren Lebenshunger und darin erkannte ich mich durchaus wieder. In diesem Sinne konnte ich mich also definitiv mit „Wir waren keine Helden“ identifizieren. Was mir jedoch Schwierigkeiten bereitete, war der große Altersunterschied. Candy Bukowski wurde 1967 geboren und ist demzufolge 22 Jahre älter als ich. Sie könnte meine Mutter sein. Diese Spanne ist zu weit, als dass wir viele Berührungspunkte hätten. Ich kann nicht nachempfinden, wie es war, Anfang bzw. Mitte der 80er ein Teenager zu sein und ihre Erfahrungen in der Zeit, als ich jugendlich war, sind von einem erwachsenen Blickwinkel geprägt. Uns trennt eine ganze Generation, wodurch ich ihre stellvertretende Protagonistin Sugar eher objektiv betrachtete, als eine intensive persönliche Bindung zu ihr aufzubauen. Außerdem muss ich zugeben, dass ich ihren Schreibstil als übertrieben literarisch empfand. Ihre verschleiernde blumige Poetik, die ab und zu durch provozierende Direktheit aufgebrochen wird, erschien mir zu abgehoben und lyrisch. Wie alle Leser_innen weiß auch ich einen bildhaften, üppigen Schreibstil zu schätzen, doch Candy Bukowski überschritt die Grenze zum Gekünstelten, als wollte sie ihrem Werk mehr Gewicht verleihen, als es eigentlich hat. Letztendlich handelt es sich eben doch „nur“ um die Geschichte eines Lebens, die trotz aller unkonventioneller Pfade lediglich eine außergewöhnliche, einmalige Biografie unter vielen ist. Candy Bukowski ist genauso einzigartig wie ich, wie ihr, wie jeder Mensch auf der Welt. Ihr Schreibstil vermittelte mir, dass sie sich selbst als besonders besonders sieht, obwohl sie das vielleicht gar nicht beabsichtigte. Dadurch wirkte „Wir waren keine Helden“ leicht pathetisch, womit ich bloß bedingt zurechtkam.

 

„Wir waren keine Helden“ ist ein sehr ehrlicher Seelenstrip, der die Grenzen zwischen Autobiografie und Fiktion im Ungewissen lässt. Obwohl sich der Generationenunterschied als schwierig erwies und ich Candy Bukowskis Schreibstil etwas affektiert fand, erkenne ich uneingeschränkt an, dass sie sich ihrer Stärken und Schwächen bewusst ist und ihr (emotionales) Leben in diesem Roman schonungslos offenlegt. Das erfordert Mut und verdient meinen Respekt. Sie ist zweifellos eine beeindruckende Frau, deren furchtlose Bereitschaft, außerhalb der Norm zu denken und zu leben, zu scheitern und dennoch immer wieder aufzustehen, bemerkenswert ist. Nichtsdestotrotz ist „Wir waren keine Helden“ meiner Ansicht nach ein Buch, das man lesen kann, aber nicht muss. Wer Interesse an Autobiografien hat und gern Einblicke in die Lebensweise anderer Menschen erhält, ist hier an der richtigen Adresse. Wer hingegen lieber zum klassischen Roman greift, sollte vielleicht noch einmal überlegen, ob eine andere Lektüre eventuell passender ist.

 

Vielen Dank an den Verlag edel & electric für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars im Austausch für eine ehrliche Rezension!

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/10/03/candy-bukowski-wir-waren-keine-helden
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review 2017-04-16 13:20
Der kategorische Imperativ ist keine Stellung beim Sex von Horst Evers
Der kategorische Imperativ ist keine Stellung beim Sex - Horst Evers

Wie, was und wer?

 

Vorbemerkungen: Ach, schon länger habe ich keine Rezension mehr geschrieben, war etwas beschäftigt mit meinem zweiten Examen und dem Lernen dazu, also konnte ich nur gelegentlich ein paar Seiten im Buch lesen und kam auch nicht so recht voran. 

Nun ist das Examen bestanden und ich habe wieder Zeit und die nutze ich mal zum Lesen, Serien schauen und Rezensionen nachholen.

 

Ihr wisst ja, ich mag Horst Evers - wie unschwer an meinem Bücherregal zu erkennen ist, aber ehrlich, das neue Buch kann leider so gar nicht mit "Wäre ich du, würde ich mich lieben" mithalten und plätschert in den Erzählungen manchmal allzu banal daher. Wo ist Ihr Wortwitz, Ihr Scharfsinn und Ihre Sprachbegabung geblieben, Herr Evers??!!

Ich bin schon ziemlich enttäuscht, aber mir schwant, da ich schon einige Seiten im neuen Jürgen von der Lippe Buch gelesen habe, auch da nichts Gutes, sondern eine Ernüchterung dahingehend, dass ich zukünftig nicht einfach so die Folgebücher der Autoren kaufe, sondern doch lieber wieder hineinlese, damit ich nicht enttäuscht werde. Naja, aus Fehlern wird man klug. 

 

Also, kurz und gut, das neue Buch von Horst Evers kann leider nicht mit seinen vorherigen mithalten, es ist weniger unterhaltsam, weniger lebensnah, weniger Horst Evers allgemein. Die Geschichtchen waren manchmal zu absurd, um dann noch lustig zu sein. Vielleicht ist ihm nichts mehr eingefallen, schade. 

Dafür gibt es nur 3 Sterne von 5 und die leise Enttäuschung darüber, dass ich das neue Programm von Horst Evers lieber nicht live hören oder sehen möchte...

 

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review 2017-01-24 10:13
Unter Schnee und Eis regt sich das Böse...
Weißer Schrecken - Thomas Finn

„Weißer Schrecken“ von Thomas Finn erregte vor Jahren meine Aufmerksamkeit, weil der Klappentext behauptete, das Buch sei der ultimative Thriller für alle Fans von Stephen King. Das war kurz nachdem ich begeistert meinen ersten King gelesen hatte, „ES“. Ich war sozusagen frisch angefixt. Ich erinnere mich sogar daran, dass ich meiner Schwester euphorisch von „Weißer Schrecken“ erzählte. Das Buch landete auf meiner Wunschliste, ich konnte mich aus Geiz aber wieder einmal lange nicht überwinden, es zu kaufen. Ich weiß nicht, wie lange, mehr als drei Jahre auf jeden Fall. Im März 2016 begegnete es mir dann günstig gebraucht bei Medimops. Ich zögerte nicht und nutzte die Chance, diese WuLi-Altlast endlich abzuarbeiten. 10 Monate später nahm ich mir „Weißer Schrecken“ als ideale Winterlektüre vor.

 

Andreas verbrannte alle Brücken zu seiner Vergangenheit. Er ließ seine Heimat, das verschlafene Berchtesgadener Dörfchen Perchtal, weit hinter sich. Um zu vergessen. Um zu entkommen. 26 Jahre lang täuschte er vor, die schrecklichen Ereignisse seiner Jugend überwunden zu haben. Doch nun holt das Grauen ihn ein. Kurz vor Nikolaus ruft ihn das Schicksal nach Hause. Unter Schnee und Eis regt sich erneut das Böse in Perchtal und droht, weitere Kinder als Opfer zu fordern. Andreas hat keine Wahl. Er muss sich erinnern. Er braucht seine Jugendfreunde, um sich der uralten Macht entgegenstellen zu können. Das dunkelste Kapitel seines Lebens ist noch nicht abgeschlossen.

 

„Weißer Schrecken“ ist das perfekte Buch für lange, kalte, dunkle Winternächte, wenn man sich gern ein bisschen gruselt und Nervenkitzel zu schätzen weiß. Eingekuschelt in eine Wolldecke, eine dampfende Tasse Tee in der Hand, kann ich mir keine bessere Lektüre vorstellen, während draußen ein Schneesturm tobt und der eisige Wind um die Ecken pfeift. Passenderweise ächzte Deutschland gerade unter einem jähen Wintereinbruch, als ich es las und auch die Weihnachtszeit lag nicht lange zurück. Dieser Thriller hat einen bemerkenswerten Bezug zum vorweihnachtlichen Nikolausbrauchtum, der für mich absolutes Neuland war. Offenbar ranken sich im Alpenland zahlreiche Mythen um die Zeit des 06. Dezembers, die mir alle unbekannt waren. In meiner Heimat Berlin gibt es keine Krampusläufe; wir kennen weder Schönperchten noch Schiechperchten. Bei uns wird am Nikolaus der Stiefel gefüllt und das war’s. Ich war schockiert, wie wenig ich über deutsche Volkssagen weiß und habe jede Information, die Thomas Finn mir präsentierte, gierig aufgesogen wie ein Schwamm. Es ist interessant, wie sich in Süddeutschland der christliche Glaube an den heiligen Nikolaus von Myra mit heidnischen, keltischen Überlieferungen vermischte und ein düsteres Geflecht aus Sagen und Gebräuchen entstehen ließ, in dem der negativ konnotierte Knecht Ruprecht eine zentrale Rolle spielt. Diese bedrohliche Schattenseite einer beliebten Kinderfigur bildet die Basis von „Weißer Schrecken“, für die ich sehr empfänglich war. Ich fand die Geschichte von Andreas und seinen vier Freunden, die einer uralten, bösartigen Macht trotzen, äußerst fesselnd und unheimlich. Die Handlung wechselt zwischen Gegenwart und Vergangenheit, der Großteil spielt allerdings in der Jugendzeit der Clique. Im Winter 1994 sind sie alle um die 15 Jahre alt und zu Tode gelangweilt vom Leben in Perchtal. Zumindest, bis sie herausfinden, dass das kleine Dorf ein entsetzliches Geheimnis verbirgt. Die solide, gradlinige, kontinuierliche Spannungskurve ließ die Seiten hinwegfliegen; ich wollte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Ich konnte mich hervorragend in die frostige, schauerliche Atmosphäre einfühlen. Ich hörte Schnee knirschen und Eis knacken, spürte die schneidende Kälte in meinen Lungen und sorgte mich um die fünf Freunde, die auf der Suche nach Antworten ihre Leben riskieren. Obwohl die Zusammensetzung der Clique ein wenig stereotyp ist, mochte ich die unterschiedlichen Charaktere, weil ihre Freundschaft glaubwürdig ist. Ebenso wenig störte mich, dass Thomas Finn kein herausragender Schriftsteller ist, denn er versteht es durchaus, eine mitreißende Geschichte zu erzählen. Ich kann ihn mir gut an einem Lagerfeuer vorstellen. Er lässt Legenden lebendig werden und ich glaube, ihn selbst faszinierten die Ergebnisse seiner Recherchen mindestens genauso wie mich. Lediglich die vielen, betonten Anspielungen auf die 90er fand ich etwas übertrieben und nervig, weil diese Zeitspanne nun wirklich nicht so lange her ist, dass sie amüsierte Nostalgie rechtfertigen würde. Nichtsdestotrotz gefiel mir „Weißer Schrecken“ so gut, dass ich diesbezüglich ein Auge zudrücken kann.

 

„Weißer Schrecken“ wird nicht mein letzter Thriller von Thomas Finn gewesen sein. Mittlerweile stehen drei weitere Romane aus seiner Feder auf meiner Wunschliste. Sein Ansatz, aus alten Legenden eine moderne, unheimliche Geschichte zu konzipieren, begeistert mich. Man erzählt sich die Sage des strafenden Knecht Ruprecht seit Jahrhunderten; zahllose Generationen von Kindern fürchteten sich vor ihm. Für mich besitzt dieses kulturelle Erbe eine ganz eigene Macht und Wirkung. Ich kann nicht leugnen, dass ich mich während der Lektüre von „Weißer Schrecken“ mehr als einmal ordentlich gegruselt habe – nicht zuletzt am Ende des Buches, das Thomas Finn zwar unbefriedigend offen gestaltete, welches meine Fantasie aber auch zu wilden Spekulationen anregte.
Tatsächlich würde ich nicht zögern, Fans von Stephen King „Weißer Schrecken“ zu empfehlen. Obschon Thomas Finn dem Meister des Horrors schriftstellerisch nicht das Wasser reichen kann, nutzt er eine ähnliche Mischung aus Realismus und Mystik, um seine Leser_innen zu unterhalten. Er holt uralte Schrecken in die Realität und spielt mit den Grenzen der Rationalität. Ein gabengefüllter Stiefel wird für mich nie wieder unschuldig sein, denn er wird mich stets daran erinnern, dass der gute Nikolaus einen finsteren Begleiter hat…

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/01/24/thomas-finn-weisser-schrecken
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review 2016-09-30 06:26
Psychogramm einer traumatisierten Jugendlichen
Es wird keine Helden geben - Anna Seidl

Was als normaler Schultag beginnt, endet in einem Loch aus Trauer, Unverständnis und absoluter Fassungslosigkeit. Zu Beginn der Pause fällt der erste Schuss, der dem unbeschwerten Alltagstrott von Schülern, Lehrern und Familien ein knallhartes Ende setzt.

Miriam wird vom Amoklauf an ihrer Schule brutal aus ihrem bisherigen Leben katapultiert. Sie sieht ihren Freund Tobi, der mit einer Schusswunde am Boden liegt, ihren Schulkollegen Phillipp, der wimmernd vor der Klotür kniet, und den Jungen mit der Waffe in der Hand, für den niemand ein nettes Wort übrig hat.

Die ersten Seiten sind packend, schockierend und lassen einen sprachlos den Boden unter den Füßen verlieren. Man ist mit Protagonistin Miriam mitten im Amoklauf. Es ist laut und leise zugleich, ein Schuss knallt, während angestrengt versucht wird, Atemgeräusche zu unterdrücken und man sich im Versteck nicht zu bewegen wagt. Doch so mitreissend diese ersten Seiten und das Schlüsselereignis des Romans geschrieben sind, so schnell flaut die Handlung im eher lauen Psychogramm einer Jugendlichen ab.

Vielleicht bin ich mit den falschen Erwartungen an dieses Buch gegangen, aber mich konnten Miriams Seelenqualen im Anschluss nicht so richtig bei der Stange halten.

Miriam ist nach diesem einschneidenden Erlebnis erstarrt und weiß nicht, ob und wie sie danach weitermachen kann. Der Großteil der Geschichte beschäftigt sich mit Miriams Geisteszustand und wie dieses erschütternde Erlebnis ihr Leben aus den Angeln gehoben hat.

Hier war es interessant zu erfahren, dass danach nichts mehr weitergeht wie es davor gewesen ist. Ob es nun der Freundeskreis, die Familie oder einfach der Weg zum Supermarkt ist, die Person die man zuvor war, ist mit den anderen mitgestorben und Miriam muss als Überlebende ihr neues Ich entdecken.

„Es ist wie bei einem Puzzle. Jeden Tag nehme ich ein Puzzleteil und füge es hinzu. Jeden Tag lerne ich mich wieder ein bisschen besser kennen.“ (S. 144)

Wie man an meiner kurzen Ausführung schon sieht, dreht sich die Handlung um Miriams Seelenpein. Es ist egal, ob man einen lieben Angehörigen verliert oder von einem Schicksalsschlag anderer Art gezeichnet wird, die Person, die man vorher war, wird man nie wieder sein. Der Amoklauf dient lediglich als Auslöser von Miriams Gefühlsleben und ist von der erzählerischen Umsetzung her, relativ leicht austauschbar.

Ich hätte gern mehr über den Amoklauf selbst erfahren und darüber, wie sich Schüler, Lehrer und Eltern in ihrer Gesamtheit fühlen, anstatt einen derart tiefen Einblick in die Seele eines gepeinigten Mädchens zu erlangen. Es gibt Szenen, da sitzt Miriam über Seiten hinweg in ihrem Zimmer und denkt über alles Mögliche nach. Ich bin mir sicher, dass es Leser gibt, die darauf ansprechen, für mich war es schon fast eine Qual.

Allerdings hat mir die Beziehungsebene gut gefallen. Die Autorin hat gezeigt, dass durch einen Amoklauf Menschen, Gemeinschaften und Freundeskreise zerbrechen, weil jeder für sich immer wieder durch die Hölle geht und sich nicht mehr auf andere einlassen kann.

Obwohl der Amoklauf als Aufhänger dient, driftet mir die Geschichte zu sehr in die Psyche einer traumatisierten Jugendlichen ab. Trotzdem hat Anna Seidl ein brisantes Thema aufgegriffen und ein gutes Debüt geschrieben, das mich zwar nicht vollkommen überzeugt aber dennoch zum Nachdenken angeregt hat.

 

© NiWa

Source: zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at
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review 2016-08-25 12:23
Punk ist...
Wir waren keine Helden - Candy Bukowski
Punk ist - Die Ärzte (1999)


"Rette den letzten Fetzen unverletzter Haut."
Mein Highlight 2016 haben wir dann wohl gefunden. Dank dem edel&electric Verlag, der sich diese Wortakrobatin aus den ganzen Self Publishern gefischt hat. Schätze, ich sollte diese Rezension meiner Mutter widmen, die per Bukoswki Definition eine dieser Schiffsbekanntschaften wäre. Ich sah meine Mutter stets als Löwin, als kämpfende alleinerziehende Rechthaberin. Stichwort: "Machtwort!" Doch Candy Bukowski nennt sie 'Keine Heldin'. Und sie hat Recht. Denn auch ich habe meine Mutter am Boden gesehen, auch wenn sie es gut versteckt hat, diese Eremitin.

So geht Ich-Perspektive (oder doch 'wir'?) und ein Roman wie dieser stellt, für meinen Geschmack, die einzige zu verwendende Form dar. Solche Romane dürfen das. Denn sie erzählen dir entlang eines Fadens (ob er rot ist - oder idyllisch rapsgelb - ist egal), an dem Knötchen befestigt sind, ein Leben und viele andere. Manchmal zusammenhängend und überleitend: der leere Kühlschrank wenn der Vater auszieht und der Weißmöbelverkäufer mit dem man einen Griff ins Klo landet. Manchmal mit Zeitsprüngen dazwischen die man mit einem Schmollen liest, da man zu gerne noch viel mehr erfahren hätte.


"...die Welt war magic, 
wenn wir sie dazu machten."
Eingefasst sind die in Episoden unterteilten Lebensabschnitte in keine übergeordnete Rahmenhandlung sondern in temporäre Songs, die bei mir bis auf eine Ausnahme alle auf der eigenen Festplatte zu finden sind. Angefügt ist auch eine spotify playlist.
Der Soundtrack funktioniert jetzt folgendermaßen: Jedes Kapitel hat ein Lied vorangestellt - das ist zwar längst ausgelaufen bis man die Worte durchgelesen hat, aber es ist jedes Mal stimmig untermalend. Wie zum Beispiel: "3 Die Lara Croft der 80er - Survivor "Eye of the tiger" (1983)" Rückwirkend schließe ich daraus auf das Cover und kann mir an dieser Stelle ein herzhaftes: "ADRIAN!!!" nicht verkneifen.

Tatsächlich befinden sich in meinen Notizen beinah ausnahmslos Zitate. Was bei: "ich - das Pubertier" beginnt, über "den Griff in den Sack voll Sonnenschein" und dann immer weiter geht, mal zynisch, mal lebensnah, mal philosophisch, auf Lyrik bezogen oder einem vorkommt, als wäre Frau Bukowski verantwortlich für den ein oder anderen FaceBook Meme. Ich möchte euch einfach mal ein paar davon kredenzen, denn das stellt für mich in weiten Teilen in diesem Buch das A und O.
"dreckig geht immer, Saubermänner werden wir noch früh genug", "ein halbes Leben voller Dienstage", "und jeder schnitzt sich selbst seine Breitseite", "du hast drei Asse im Strumpfband und das Leben spielt Schach", "bis sich das Fragezeichen in einen Imperativ verwandelt", "das Leben ist einfach, wenn man es einfach sein lässt" und mein Liebling: "feuchte Wände und trockene Träume" und "wir sind keine Prinzen und Prinzessinnen, wir sind selbst die Drachen"


"Wenn all die sperrigen Wenn und Aber aus dem Weg gekickt
und all die sinnbefreiten Konjunktive vom Herz gerissen wurden,
dann läuft es schon irgendwie in die richtige Richtung
.
"
Über die Kindheit wird nicht groß Wort verloren, begonnen wird auf einer Ranch am Ortsausgangsschild in der Jugend. Zu einer Zeit in der ich geboren wurde, Protagonistin Sugar schon Latein paukt. Kurz darauf fällt ein Punk auf eine Bushaltestelle und lässt es sich nicht nehmen in der 'Ist-Zeit' zu leben. Und das in der Umgebung von geschützten Bedingungen um den Traum der Freiheit zu verinnerlichen und sich vorzunehmen alles irgendwie anders zu machen. Ein wenig Flucht, ein Suchen, ein Ankommen, Umwege. Es geht um das Sortieren von Büchern in Regalen nach Farben, den intergalaktischen Ohrfeigenautomaten, Luxushasen und Küchenaquarien, eingefrorene Revolutionen, Ansprüche auf das Glück, Rilke und Umberto Eco, Zeit - es geht um so viel Zeit -, frusthässliche Gefühle, sich zum Narren machen, das Zusammensein, das nach vorn Streben, um Sepia-Erinnerungen im Herzen, und Einparken in selbige rechte Kammer, über die Poesiealben von Helden, über historisches: die unspektakuläre Jahrhundertwende, die Windsbraut in kursiv, über Spinnengleichnisse, über die verdammte pissgelbe Raucherumrandung die wir alle ignorieren - Rebellen die wir sind!, um Kapitulation und Zweifel - und am Ende… am Ende wollen wir einen Satz: "Und es war doch ein verdammt geiles Leben."

Von vorne bis hinten ist dieses Werk 'durch'. Durch mit allem, auch der Rechtschreibung und etwaigen Tippfehlern. Exemplarisch möchte ich hier mal auf etwas hinweisen. Vielleicht liege ich völlig falsch, aber vielleicht erkenne ich da auch etwas was nicht so geplant war, bleibt ja mir überlassen.
Die ultimative Lobhudelei und Liebeserklärung auf diese eine beste Freundin, die verwandte Seele, die man nicht täglich anrufen muss, die aber immer da ist; mit der man nie in den Urlaub fährt, aber mit der man alt werden wird. Bei all dem was diese Beste schon für die Protagonistin getan hat, erscheint es mir das Mindeste, dies zu schreiben, solche Freunde kannst du nicht in Gold aufwiegen:
"Ich will dorthin, ich will es mal gesehen haben, ich will die 45.Avenue entlanglaufen, nach Manhatten und in die Bronx, und deshalb habe ich seit Jahren ein NY-Kissen der Besten von allen in meinem Bett liegen und schlafe jede Nacht darauf, bis wir zusammen dort sein werden. . Und wenn wir bis dahin etwas anderes wollen, werden wir eben woanders sein, aber ein Plan zur groben Orientierung kann ja nie schaden." Seht ihr auch diesen Satzendepunkt? Ohne, dass dieses Satzzeichen einen Satz hat? Was bedeutet er? Was fehlt hier (und fehlt es wirklich oder ist es da)? Ein: 'Ich liebe dich.' vielleicht?
 

Fazit: 


Buch erhalten, halb gelesen, beschlossen schon die ganze Palette an Gefühlen mitgemacht zu haben. Schicksalsschläge, abstreiten, einsehen, hinfallen, (Krone richten) aufstehen, weitergehen. Wohin? Egal - nur Los! und nach vorn. So und nicht anders wurde es mir beigebracht und vorgelebt. So und nicht anders habe ich (wenn auch jünger) meinen Teil der Gelassenheit gefunden, auch ohne die Leuchtbuchstaben gegenüber. Das waren bei uns sowieso immer nur Baukräne mit nem B. Unvergessen meine Oma: "Komisch, guckt mal, der Mond sieht heute aus wie ein 'B'." Was auch immer sie wohl in diesem Moment gesehen hat. Kann ja doch sein, dass das Leben uns hier und da Zeichen schickt und wir sie nur selbst mit einer Sinnebene füllen müssen.

Die berühmten Fragen: Würdest du dein Leben noch einmal genauso leben, wie du es getan hast? Wann ist man ein Held und für wen? Wie funktionieren Beziehungen - scheitert man jämmerlich anders, wenn man kein normales Paar ist aber scheitern ist nicht verhandelbar? Was zählt wirklich, wen vermisst du?
Gekonnt in Worte gefasst von einer Meisterin der deutschen Sprache. Ich muss, ich sollte, ich kann, ich werde dieses Buch weiter empfehlen. Das ist doch kein ComingOfAge-Roman. Aber was weiß ich schon, ich lese diese Sparte ja kaum. Für mich… ist das Punk.
 
"Ich sag' Dir:
Mach' Dein Ding, steh' dazu. Heul' nicht rum, wenn andere lachen."
(Die Ärzte - Punk Ist)

Mein Urteil: Musssollkann
 
PS: "Geil" sagen nur noch Assis.
Source: lesekatzen.blogspot.de/2016/08/rezension-wir-waren-keine-helden-candy.html
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