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review 2018-04-06 09:25
Unfassbar deprimierend
Der Himmel kennt keine Günstlinge (Taschenbuch) - Erich Maria Remarque

Ich bin eigentlich ein großer Fan von Remarques Schreibstil und seinen wohl bekanntesten Büchern.

 

Dieses hier kann ich leider nicht empfehlen.

 

Die weibliche Hauptperson kam mir nicht echt vor, sie wirkte nur wie ein Kunstgriff, die faszinierend schöne junge Frau, die so losgelöst und kühl bleibt, weil sie weiß, dass sie stirbt.

 

Und darum verliebt sich der Rennfahrer in sie. Denn als Person bleibt sie schablonenhaft und uninteressant.

 

Das Ende kam völlig erwartet und so wenig überraschend, dass es wiederum überraschend war, dass dieser völlig vorhersehbare Kniff gezogen wurde.

 

Und das Buch hat mich sehr deprimiert. Also auch kein schönes Leseerlebnis.

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review 2018-03-23 16:28
Vor der Abrechnung kann sich keiner drücken
Keine Menschenseele - Faye Hell

Die Gäste eines Hotels haben eines gemeinsam: sie haben in ihrem Leben richtiges Glück gehabt. Ein Moderator, der zum Liebling aller Zuschauer geworden ist, ein Mann, der als Kind die unumstößliche Zuneigung eines Tieres gewonnen hat, eine Frau, die ihrer großen Liebe begegnet ist und eine Autorin, deren Bücher sich wie von selbst an die Spitze der Bestsellerlisten aufschwingen. Doch alles hat im Leben seinen Preis und den bekommen sie mit ihrer Hotelrechnung präsentiert.

Dieser Horror-Roman basiert grundsätzlich auf fünf Kurzgeschichten, die sich zu einem furchteinflößenden Hotelaufenthalt verdichten. 

Als Gäste checken sie in diesem Hotel ein. Manche wissen gar nicht so recht, wie sie da überhaupt hingekommen sind, nehmen das aber als gegeben hin. Augenscheinlich sind sie sehr glücklich und wurden vom Schicksal verwöhnt. Doch in jedem dieser Leben hat sich ein unfassbares Grauen ereignet, von dem sie während ihres Aufenthalts eingeholt werden.

Neben schrecklichen Episoden in der Vergangenheit ist das Zimmermädchen des Hotels eine weitere Gemeinsamkeit. Allesamt werden sie von diesem Dienstmädchen betreut, das meinem Gefühl nach aus dem Schlund der Hölle gekrochen ist. Sie ist kühl, äußerst distanziert und berechnend. Äußerlich habe ich einen androgynen ameisenartigen Körper vor Augen, der in ein steriles Dienstgewand gekleidet ist.

Thematisch geht es wohl darum, dass man stets von der Vergangenheit eingeholt werden kann, auch wenn man scheinbar mit ihr längst fertig ist. Man sollte zu seinen Taten stehen und stets daran denken, dass man mit den Konsequenzen leben muss. Alles hat seinen Preis und vor der Abrechnung kann sich keiner drücken. 

Die Geschichten der Hotelgäste sind atmosphärisch und schön-schaurig erzählt! Es geht unter anderem um gefolterte Tiere, monströse Menschen und leidende Monster. Dabei verschwimmen Vergangenheit und Gegenwart, wobei das Grauen aus jeder Seite spricht.

Die Einzelgeschichten mochte ich extrem und konnte kaum genug davon bekommen. Sie sind fesselnd, grauslich und schrecklich exzellent!

Leider habe ich mir mit dem Rahmen des Hotels sehr schwer getan. Diese Intermezzi waren mir zu abgedreht, teilweise obszön und richtig wirr erzählt. Die Übergänge zwischen Vergangenheitsbewältigung und Hotelgeschehen sind kaum merkbar ineinander geflossen. Das hat starke Konzentration erfordert und meinen Lesespaß gebremst. 

Diese Abschnitte haben mich an Stephen Kings "Shining" erinnert, waren mir aber inhaltlich sowie sprachlich zu orientierungslos und wirr erzählt. In kurzen Sätzen, manchmal nur einzelnen Wörtern, wird eine Flut von Emotionen transportiert, die mich lesetechnisch überfordert und mir das Lesevergnügen gekostet hat.

Wenn dieser Rahmen um das Hotelgeschehen nicht so konfus gewesen wäre, dann hätte ich "Keine Menschenseele" sogar zum Highlight erklärt! Denn die Einzelschicksale sind außergewöhnlich und meisterlich erzählt. 

Daher spreche ich allein wegen der intensiven Hotelgast-Geschichten eine Leseempfehlung für Horrorfreunde aus, weil man diesem Buch bei Interesse unbedingt eine Chance geben muss.

Source: zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at
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review 2017-10-03 09:21
Beeindruckender Seelenstrip
Wir waren keine Helden - Candy Bukowski

„Wir waren keine Helden“ von Candy Bukowski wurde mir 2016 vom Verlag edel & electric zur Rezension angeboten. Mein Grund, dieses Angebot anzunehmen, scheint ein wenig banal: in der Inhaltsangabe ist die Rede von einem Punker. Aufgrund meiner eigenen Vergangenheit mit bunten Haaren, glänzenden Nieten und schweren Stiefeln werde ich da stets hellhörig. Ich hoffte auf einen Roman, mit dem ich mich identifizieren konnte und der mich an meine wilden Jahre erinnerte. Vermutlich brauchte ich deshalb sehr lange, um mich für die Lektüre bereit zu fühlen. Ein Nostalgietrip verlangt eben die richtige Stimmung.

 

Als der Punker Pete vom Himmel fällt, ändert sich für Sugar alles. Überzeugt, erwachsen zu sein, verlässt sie ihr Kaff im Nirgendwo und stürmt der weiten Welt entgegen, in der Liebe, Schmerz, Traurigkeit, Hoffnung und vollkommenes Glück auf sie warten. Sie reitet die Wellen des Lebens, wird brutal unter Wasser gedrückt und taucht doch jedes Mal wieder auf. Sie ergreift Chancen, scheitert, traut sich, zu springen, um herauszufinden, ob sie fliegen kann und begreift irgendwann, dass Durchschnittlichkeit auf ihre Fragen keine Antworten bietet. Sie kämpft, um ihren Platz im verwirrenden Gefüge des Universums zu finden. Aufgeben ist keine Option. Denn Helden geben niemals auf.

 

Ich bin zwiegespalten. Wie bereits erwähnt, hoffte ich, mich mit „Wir waren keine Helden“ identifizieren zu können. Einerseits konnte ich das – und andererseits auch wieder nicht. Es ist kompliziert. Obwohl die Leser_innen die Protagonistin des Romans unter dem Namen Sugar kennenlernen, wurde für mich schnell deutlich, dass es sich bei diesem Buch um eine Art Autobiografie handeln muss oder es zumindest starke autobiografische Züge aufweist. In einem Interview bestätigte Candy Bukowski diesen Eindruck; sie erklärte: „Candy und Sugar sind eins. In jung und gereift“. Candy alias Sugar wuchs in einem kleinen Dorf in Westdeutschland auf und verbrachte den Großteil ihrer Jugend in einer abgeranzten Kneipe, in der man es mit dem Jugendschutz nicht so genau nahm. Mit 17 zog sie Zuhause aus und entschied sich für eine Ausbildung zur Buchhändlerin. „Wir waren keine Helden“ fokussiert allerdings weniger die harten Fakten ihres Lebens, sondern konzentriert sich auf Candys/Sugars emotionale Erlebenswelt. Ihre Beziehungen stehen im Mittelpunkt, sowohl ihre romantischen und freundschaftlichen Beziehungen, als auch ihre Beziehung zu sich selbst. Bukowski sorgt selbstverständlich für den nötigen Kontext, damit ihre Leser_innen verstehen, welche Begegnungen in welcher Lebenssituation eine Rolle für sie spielten, doch meist bleibt sie vage und beschränkt sich auf das absolute Mindestmaß an Informationen. Für ihre Geschichte ist es kaum von Bedeutung, wann sie wo lebte und welchen Beruf sie dort ausübte, entscheidend sind die Menschen und Gefühle, die sie in ihren Lebensabschnitten begleiteten. Candy/Sugar ist eine Stehauffigur, die sich trotz herber Rückschläge niemals davon abhalten lässt, ihr Bedürfnis nach einem freien, wilden Leben zu erfüllen. Diese Autobiografie versprüht ungeheure Lebenslust, nahezu unstillbaren Lebenshunger und darin erkannte ich mich durchaus wieder. In diesem Sinne konnte ich mich also definitiv mit „Wir waren keine Helden“ identifizieren. Was mir jedoch Schwierigkeiten bereitete, war der große Altersunterschied. Candy Bukowski wurde 1967 geboren und ist demzufolge 22 Jahre älter als ich. Sie könnte meine Mutter sein. Diese Spanne ist zu weit, als dass wir viele Berührungspunkte hätten. Ich kann nicht nachempfinden, wie es war, Anfang bzw. Mitte der 80er ein Teenager zu sein und ihre Erfahrungen in der Zeit, als ich jugendlich war, sind von einem erwachsenen Blickwinkel geprägt. Uns trennt eine ganze Generation, wodurch ich ihre stellvertretende Protagonistin Sugar eher objektiv betrachtete, als eine intensive persönliche Bindung zu ihr aufzubauen. Außerdem muss ich zugeben, dass ich ihren Schreibstil als übertrieben literarisch empfand. Ihre verschleiernde blumige Poetik, die ab und zu durch provozierende Direktheit aufgebrochen wird, erschien mir zu abgehoben und lyrisch. Wie alle Leser_innen weiß auch ich einen bildhaften, üppigen Schreibstil zu schätzen, doch Candy Bukowski überschritt die Grenze zum Gekünstelten, als wollte sie ihrem Werk mehr Gewicht verleihen, als es eigentlich hat. Letztendlich handelt es sich eben doch „nur“ um die Geschichte eines Lebens, die trotz aller unkonventioneller Pfade lediglich eine außergewöhnliche, einmalige Biografie unter vielen ist. Candy Bukowski ist genauso einzigartig wie ich, wie ihr, wie jeder Mensch auf der Welt. Ihr Schreibstil vermittelte mir, dass sie sich selbst als besonders besonders sieht, obwohl sie das vielleicht gar nicht beabsichtigte. Dadurch wirkte „Wir waren keine Helden“ leicht pathetisch, womit ich bloß bedingt zurechtkam.

 

„Wir waren keine Helden“ ist ein sehr ehrlicher Seelenstrip, der die Grenzen zwischen Autobiografie und Fiktion im Ungewissen lässt. Obwohl sich der Generationenunterschied als schwierig erwies und ich Candy Bukowskis Schreibstil etwas affektiert fand, erkenne ich uneingeschränkt an, dass sie sich ihrer Stärken und Schwächen bewusst ist und ihr (emotionales) Leben in diesem Roman schonungslos offenlegt. Das erfordert Mut und verdient meinen Respekt. Sie ist zweifellos eine beeindruckende Frau, deren furchtlose Bereitschaft, außerhalb der Norm zu denken und zu leben, zu scheitern und dennoch immer wieder aufzustehen, bemerkenswert ist. Nichtsdestotrotz ist „Wir waren keine Helden“ meiner Ansicht nach ein Buch, das man lesen kann, aber nicht muss. Wer Interesse an Autobiografien hat und gern Einblicke in die Lebensweise anderer Menschen erhält, ist hier an der richtigen Adresse. Wer hingegen lieber zum klassischen Roman greift, sollte vielleicht noch einmal überlegen, ob eine andere Lektüre eventuell passender ist.

 

Vielen Dank an den Verlag edel & electric für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars im Austausch für eine ehrliche Rezension!

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/10/03/candy-bukowski-wir-waren-keine-helden
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review 2017-04-16 13:20
Der kategorische Imperativ ist keine Stellung beim Sex von Horst Evers
Der kategorische Imperativ ist keine Stellung beim Sex - Horst Evers

Wie, was und wer?

 

Vorbemerkungen: Ach, schon länger habe ich keine Rezension mehr geschrieben, war etwas beschäftigt mit meinem zweiten Examen und dem Lernen dazu, also konnte ich nur gelegentlich ein paar Seiten im Buch lesen und kam auch nicht so recht voran. 

Nun ist das Examen bestanden und ich habe wieder Zeit und die nutze ich mal zum Lesen, Serien schauen und Rezensionen nachholen.

 

Ihr wisst ja, ich mag Horst Evers - wie unschwer an meinem Bücherregal zu erkennen ist, aber ehrlich, das neue Buch kann leider so gar nicht mit "Wäre ich du, würde ich mich lieben" mithalten und plätschert in den Erzählungen manchmal allzu banal daher. Wo ist Ihr Wortwitz, Ihr Scharfsinn und Ihre Sprachbegabung geblieben, Herr Evers??!!

Ich bin schon ziemlich enttäuscht, aber mir schwant, da ich schon einige Seiten im neuen Jürgen von der Lippe Buch gelesen habe, auch da nichts Gutes, sondern eine Ernüchterung dahingehend, dass ich zukünftig nicht einfach so die Folgebücher der Autoren kaufe, sondern doch lieber wieder hineinlese, damit ich nicht enttäuscht werde. Naja, aus Fehlern wird man klug. 

 

Also, kurz und gut, das neue Buch von Horst Evers kann leider nicht mit seinen vorherigen mithalten, es ist weniger unterhaltsam, weniger lebensnah, weniger Horst Evers allgemein. Die Geschichtchen waren manchmal zu absurd, um dann noch lustig zu sein. Vielleicht ist ihm nichts mehr eingefallen, schade. 

Dafür gibt es nur 3 Sterne von 5 und die leise Enttäuschung darüber, dass ich das neue Programm von Horst Evers lieber nicht live hören oder sehen möchte...

 

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review 2017-01-24 10:13
Unter Schnee und Eis regt sich das Böse...
Weißer Schrecken - Thomas Finn

„Weißer Schrecken“ von Thomas Finn erregte vor Jahren meine Aufmerksamkeit, weil der Klappentext behauptete, das Buch sei der ultimative Thriller für alle Fans von Stephen King. Das war kurz nachdem ich begeistert meinen ersten King gelesen hatte, „ES“. Ich war sozusagen frisch angefixt. Ich erinnere mich sogar daran, dass ich meiner Schwester euphorisch von „Weißer Schrecken“ erzählte. Das Buch landete auf meiner Wunschliste, ich konnte mich aus Geiz aber wieder einmal lange nicht überwinden, es zu kaufen. Ich weiß nicht, wie lange, mehr als drei Jahre auf jeden Fall. Im März 2016 begegnete es mir dann günstig gebraucht bei Medimops. Ich zögerte nicht und nutzte die Chance, diese WuLi-Altlast endlich abzuarbeiten. 10 Monate später nahm ich mir „Weißer Schrecken“ als ideale Winterlektüre vor.

 

Andreas verbrannte alle Brücken zu seiner Vergangenheit. Er ließ seine Heimat, das verschlafene Berchtesgadener Dörfchen Perchtal, weit hinter sich. Um zu vergessen. Um zu entkommen. 26 Jahre lang täuschte er vor, die schrecklichen Ereignisse seiner Jugend überwunden zu haben. Doch nun holt das Grauen ihn ein. Kurz vor Nikolaus ruft ihn das Schicksal nach Hause. Unter Schnee und Eis regt sich erneut das Böse in Perchtal und droht, weitere Kinder als Opfer zu fordern. Andreas hat keine Wahl. Er muss sich erinnern. Er braucht seine Jugendfreunde, um sich der uralten Macht entgegenstellen zu können. Das dunkelste Kapitel seines Lebens ist noch nicht abgeschlossen.

 

„Weißer Schrecken“ ist das perfekte Buch für lange, kalte, dunkle Winternächte, wenn man sich gern ein bisschen gruselt und Nervenkitzel zu schätzen weiß. Eingekuschelt in eine Wolldecke, eine dampfende Tasse Tee in der Hand, kann ich mir keine bessere Lektüre vorstellen, während draußen ein Schneesturm tobt und der eisige Wind um die Ecken pfeift. Passenderweise ächzte Deutschland gerade unter einem jähen Wintereinbruch, als ich es las und auch die Weihnachtszeit lag nicht lange zurück. Dieser Thriller hat einen bemerkenswerten Bezug zum vorweihnachtlichen Nikolausbrauchtum, der für mich absolutes Neuland war. Offenbar ranken sich im Alpenland zahlreiche Mythen um die Zeit des 06. Dezembers, die mir alle unbekannt waren. In meiner Heimat Berlin gibt es keine Krampusläufe; wir kennen weder Schönperchten noch Schiechperchten. Bei uns wird am Nikolaus der Stiefel gefüllt und das war’s. Ich war schockiert, wie wenig ich über deutsche Volkssagen weiß und habe jede Information, die Thomas Finn mir präsentierte, gierig aufgesogen wie ein Schwamm. Es ist interessant, wie sich in Süddeutschland der christliche Glaube an den heiligen Nikolaus von Myra mit heidnischen, keltischen Überlieferungen vermischte und ein düsteres Geflecht aus Sagen und Gebräuchen entstehen ließ, in dem der negativ konnotierte Knecht Ruprecht eine zentrale Rolle spielt. Diese bedrohliche Schattenseite einer beliebten Kinderfigur bildet die Basis von „Weißer Schrecken“, für die ich sehr empfänglich war. Ich fand die Geschichte von Andreas und seinen vier Freunden, die einer uralten, bösartigen Macht trotzen, äußerst fesselnd und unheimlich. Die Handlung wechselt zwischen Gegenwart und Vergangenheit, der Großteil spielt allerdings in der Jugendzeit der Clique. Im Winter 1994 sind sie alle um die 15 Jahre alt und zu Tode gelangweilt vom Leben in Perchtal. Zumindest, bis sie herausfinden, dass das kleine Dorf ein entsetzliches Geheimnis verbirgt. Die solide, gradlinige, kontinuierliche Spannungskurve ließ die Seiten hinwegfliegen; ich wollte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Ich konnte mich hervorragend in die frostige, schauerliche Atmosphäre einfühlen. Ich hörte Schnee knirschen und Eis knacken, spürte die schneidende Kälte in meinen Lungen und sorgte mich um die fünf Freunde, die auf der Suche nach Antworten ihre Leben riskieren. Obwohl die Zusammensetzung der Clique ein wenig stereotyp ist, mochte ich die unterschiedlichen Charaktere, weil ihre Freundschaft glaubwürdig ist. Ebenso wenig störte mich, dass Thomas Finn kein herausragender Schriftsteller ist, denn er versteht es durchaus, eine mitreißende Geschichte zu erzählen. Ich kann ihn mir gut an einem Lagerfeuer vorstellen. Er lässt Legenden lebendig werden und ich glaube, ihn selbst faszinierten die Ergebnisse seiner Recherchen mindestens genauso wie mich. Lediglich die vielen, betonten Anspielungen auf die 90er fand ich etwas übertrieben und nervig, weil diese Zeitspanne nun wirklich nicht so lange her ist, dass sie amüsierte Nostalgie rechtfertigen würde. Nichtsdestotrotz gefiel mir „Weißer Schrecken“ so gut, dass ich diesbezüglich ein Auge zudrücken kann.

 

„Weißer Schrecken“ wird nicht mein letzter Thriller von Thomas Finn gewesen sein. Mittlerweile stehen drei weitere Romane aus seiner Feder auf meiner Wunschliste. Sein Ansatz, aus alten Legenden eine moderne, unheimliche Geschichte zu konzipieren, begeistert mich. Man erzählt sich die Sage des strafenden Knecht Ruprecht seit Jahrhunderten; zahllose Generationen von Kindern fürchteten sich vor ihm. Für mich besitzt dieses kulturelle Erbe eine ganz eigene Macht und Wirkung. Ich kann nicht leugnen, dass ich mich während der Lektüre von „Weißer Schrecken“ mehr als einmal ordentlich gegruselt habe – nicht zuletzt am Ende des Buches, das Thomas Finn zwar unbefriedigend offen gestaltete, welches meine Fantasie aber auch zu wilden Spekulationen anregte.
Tatsächlich würde ich nicht zögern, Fans von Stephen King „Weißer Schrecken“ zu empfehlen. Obschon Thomas Finn dem Meister des Horrors schriftstellerisch nicht das Wasser reichen kann, nutzt er eine ähnliche Mischung aus Realismus und Mystik, um seine Leser_innen zu unterhalten. Er holt uralte Schrecken in die Realität und spielt mit den Grenzen der Rationalität. Ein gabengefüllter Stiefel wird für mich nie wieder unschuldig sein, denn er wird mich stets daran erinnern, dass der gute Nikolaus einen finsteren Begleiter hat…

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/01/24/thomas-finn-weisser-schrecken
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