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review 2018-08-19 10:50
Don't bogart that Kugelfisch my friend
Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung - Helmut Höge

Das ganze Jahr 2018 warte ich nun schon auf ein Sachbuch, das mich so richtig zu begeistern vermag, et voilá – hier ist es.

 

Der Autor Helmut Höge erzählt Geschichtln und kuriose biologische Fakten rund um die Tierwelt von A wie Ameisen bis zu Z wie Zitteraale. Dabei holt er auch durchaus recht weit aus, über den Tellerrand des biologischen Fachgebiets übermäßig hinausgehend, gleich einem grandiosen Reihumschlag in Politik, Soziologie, Psychologie, Technik, Feminismus, Film, Fernsehen … . Dieser sehr breite Zugang zur Biologie ist kurios, kurzweilig und total wundervoll! So geht Bio! Meine Güte, hätte ich jemals einen Biologielehrer von der Qualität und dem Witz des Autors gehabt und nicht so langweilige Schnarchnasen, dann wäre das wahrscheinlich mein Lieblingsfach geworden.

 

Er schildert zum Beispiel, dass die Ameisen- und Termitenforschung seit jeher Gegenstand politischer Vereinnahmung war, sowohl in der nationalsozialistischen, kommunistischen als auch kapitalistischen Welt. Je nachdem welches System gerade herrschte, wurde das Sozialverhalten der Insekten mit dem politischen System verglichen.

Die Mathematiker entwickelten inzwischen ANT-Algorithmen, die in der Logistik, der Kriegsführung und so weiter zum Einsatz kommen. Wenn Amazon Bücher mit der Bemerkung empfiehlt, „Kunden, die diesen Artikel gekauft haben … kauften auch …“, dann war da so ein Ameisen-Algorithmus am Werk, den der Konzern so weiterentwickeln will, dass er Waren auswählt, die einem derart gut gefallen könnten, dass Amazon sie sogleich zustellt – ohne dass man sie bestellt hat.

Kommt Euch das nicht von irgendwoher bekannt vor? Aus Marc-Uwe Klings dystopischem Roman Qualityland, den ich heuer hier auf dem Blog schon besprochen habe.

 

Aber nicht nur die Viecherl werden alphabetisch abgearbeitet, sondern auch ein paar Verhaltensweisen quer durch alle Tiergattungen. Im Kapitel Berauschen wird man sehr vergnüglich mit den Drogenproblemen von ganzen Arten konfrontiert. So brechen Kängurus, Wallabys und Schafherden in Australien in Mohnplantagen ein, in Indien fallen die opiumsüchtigen Papageien und Antilopen über die Schlafmohnfelder her, schwedische Elche haben schwere Alkoholprobleme, Rentiere lieben psychedelische Pilze und die Igel sind nach mit Bier getränkten Nacktschnecken süchtig, da Hobbygärtner mit Bierfallen ihr Gemüse biologisch gegen die Schnecken schützen. Den Vogel schießen aber sowieso die Delfine ab. Diese nehmen, um sich zu berauschen, einen Kugelfisch, den sie so lange quälen, bis er sein Gift – Tetrodotoxin – absondert. In einer Fernsehsendung in Österreich Was gibt es Neues (so ähnlich wie Genial daneben) habe ich sogar gehört, dass sie diesen Kugelfisch reihum gehen lassen. Da bekommt das Lied „Don‘t bogart that joint (Kugelfisch), my friend“ eine ganz neue tierische Bedeutung.

 

Die vom Autor beschriebenen Kuriositäten reißen einfach nicht ab. In Ägypten gibt es tatsächlich schon länger die Sitte, einen lebenden Skarabäus, der mit Edelsteinen verschönert ist, an einer Kette als Schmuck zu tragen. Das Tier wird vom Besitzer gehegt und gefüttert. Ich habe sowas bisher nur einmal in einem Castle-Krimi mit Kakerlaken gesehen und dachte, das sei so eine degenerierte New Yorker Idee und Mode. So, jetzt höre ich aber auf zu schwärmen und zu spoilern, es gibt noch genug zu entdecken in diesem Buch.

 

Letztendlich kommen wir aber zum einzigen Wermutstropfen dieses Sachbuchs: Es hat nur knapp 160 Seiten und ist vom Format her total winzig, ergo ist man bedauerlicherweise in einem Nachmittag locker durch.

 

Fazit: Wundervoll, geistreich, humorvoll, großartig, bewusstseinserweiternd … aber zu kurz, zu kurz, zu kurz. Lieber Helmut Höge! Bitte setzen Sie sich hin und schreiben noch viel mehr dazu. Ich will mehr!!! Am besten gleich im Umfang, Gewicht und Format von Brehms Tierleben.

 

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review 2018-04-28 05:31
In Lichtgeschwindigkeit durch die USA gerast
Die Amerikafalle: oder: Wie ich lernte, die Weltmacht zu lieben - Martin Amanshauser

Kann ein Reisejournalist, der es gewohnt ist, seine Gedanken in ziemlich kurze Artikel in Zeitschriften zu stopfen, weil er nur ein paar tausend Wörter zur Verfügung hat, auch zwangsläufig ein gutes Buch schreiben? Nein er kann nicht, vor allem wenn er seinen Zeitschriften Reportagen-Stil beibehält und so überhaupt nicht auf das Medium Buch eingeht, in dem er dem Leser eine tiefergehende Analyse präsentieren könnte, weil er so weitermacht wie schon immer.

 

Was ich von diesem Buch erwartet habe und was mir auch durch den Umschlagtext versprochen wurde, war folgendes: Eine Nah- und Momentaufnahme eines Landes im Umbruch, ein liebevoll entlarvender Blick auf die USA unter Präsident Trump. Klingt wirklich sehr interessant, und dementsprechend habe ich mich sehr auf dieses Sachbuch gefreut

 

Was ich bekommen habe: Einen dekonstruierten, oberflächlichen Roadtrip mit einem völlig wirren sprunghaften Erzählstil, der mir Land und Leute bis auf drei Ausnahmen (und die kann ich wirklich noch zählen) überhaupt nicht näher bringt. Kaum ein Gedanke wird sorgfältig zu Ende formuliert, wird schon der nächste aufs Tapet gebracht. Dabei rast der Autor ruhelos von Ort zu Ort. Aber auch diese Reisereportage ist teilweise derart unstrukturiert konzipiert, dass es schon fast zum Lachen wäre, wäre es nicht so wirr und lähmend. WTF! Ganz New Orleans wird von Amanshauser in neun A5 Seiten abgespult, der Geist und auch noch alle besuchten Locations von San Francisco in acht Seiten. Schon klar, dass hier nur so die Schlaglichter gleich einem Stoboskop aufblitzen und man sich von den Orten und den Menschen gar nichts merken kann. Aber es wird sogar noch grotesker. Im Kapitel Across the border werden die beiden Länder Mexiko und Kanada als Ganzes in sechs Seiten vergewaltigt. In jedem Absatz – also alle drei bis vier Zeilen – ist man an einem anderen Ort, da kriegt man als Leser einen Drehwurm, geschweige denn, dass man den Gedankensprüngen folgen könnte.

 

So ein Stil mag in einem Einzelartikel in einer Geo- oder National Geographic-Reportage gerade noch funktionieren, weil ja die Wörterzahl beschränkt ist. Aber zwischen zwei Buchdeckeln immer und immer wieder im Batch-Verfahren hintereinandergereiht? Da muss man sich als Schriftsteller schon ein bisschen mehr bemühen und tiefer gehen. Sonst ist das Buch das falsche Medium für solche Fastfood-Reisereportage-Happen, wenn ich mal einen der servierten Fastfood-Bissen überhaupt vollständig runterschlucken und verdauen konnte. Abgesehen davon habe ich eben so gut wie gar nichts über das Land und die Leute gelernt bei dem Gehetze von Ort zu Ort. Fast scheint es so, als würde dieses Werk uns einen Blick in die Tiefe Amerikas versprechen, genauso wie diese sinnlosen Reisen von amerikanischen Reisebüros, die dem US-Bürger in sechs Tagen ganz Europa nahebringen wollen und in deren Urlauben man auch nur von Stadt zu Stadt hetzt. Wobei ich diese Art zu reisen noch eher goutieren kann, denn das hier ist im Gegensatz zum Ami mit einer Woche Urlaub eben ein Buch mit viel Platz für die versprochene Analyse der amerikanischen Seele und den liebevollen Blick auf die USA, der mir total verweigert wurde. So etwas macht mich immer sehr ärgerlich.

 

Fazit: Eine absolute Empfehlung von mir, dieses Buch NICHT zu lesen. Außer drei gute, sehr kurze Analysen der amerikanischen Seele bezüglich Obrigkeitshörigkeit, Freundlichkeit und Political Correctness gibt es auf 210 Seiten keinen einzigen weiteren Gedanken, der es wert wäre, dafür Lesezeit zu verschwenden.

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review 2018-03-18 14:12
Inside Israel - Alltag in einem zerrissenen Land
Fast ganz normal: Unser Leben in Israel - Ben Segenreich,Daniela Segenreich-Horsky

Die ORF-Israel-Korrespondenten Ben und Daniela Segenreich geben einen Einblick in das fast ganz normale Land Israel, in dem das Leben sich aber eben nur fast normal abspielt. Bereits im Vorwort wird dem Leser versprochen, dass vor allem der Alltag in diesem ständig im Krieg befindlichen Landstrich voller politischer Wirren näher beleuchtet wird, und das fand ich sehr innovativ, denn eine Innensicht auf das tägliche Leben im modernen Israel habe ich noch nie gelesen und finde ich sehr spannend.

 

Natürlich kenne und liebe ich die Romane von Amoz Oz vor allem die mit den ausufernden historischen Geschichten und Bezügen, habe auch einige Shoa-Romane unterschiedlicher Autoren und einige politische Analysen gelesen, aber moderne, alltägliche Geschichten über das ganz normale Leben in diesem Land wollte ich schon immer kennenlernen. Im Vorwort wurde zudem versprochen, Politik nur so nebenbei zu erwähnen, sofern sie notwendig für die Geschichten sei.

 

Bezüglich der näheren Beleuchtung des Alltages wurden meine Erwartungen exzellent erfüllt. Ganz wundervoll beschreibt vor allem Daniela Segenreich, wie es ist, mit kleinen Kindern ständig die Gasmasken bereitzuhalten, wie man sich kaum zu längeren Autofahrten motivieren kann, denn „die Vorstellung“ auf der Straße schutzlos einem Giftgasangriff ausgesetzt zu sein, lässt jeden Busfahrer und Verkehrsteilnehmer immer fast hypnotisch das Autoradio in Hörweite behalten. Auch die Erinnerungskultur der Nazizeit in der Schule wird sehr ausgewogen analysiert. Da fast alle 17-jährigen mit ihren Schulklassen eine Exkursion nach Ausschwitz unternehmen, wird hier diskutiert, ob es nicht eigentlich kontraproduktiv ist, seine eigenen Kinder derartig zu traumatisieren, man muss ja berücksichtigen, dass diese Kinder – zumindest ihre Großeltern – direkt als Opfer betroffen waren. Am großartigsten war das Kapitel der Armee, wie es für eine Mutter ist, ihre beiden Töchter mit 18 Jahren zur Armee und mitten in einen Krieg zu schicken. Aber sogar die Vorteile, nämlich dass die jungen Erwachsenen sehr schnell Selbständigkeit lernen, werden ausführlich erörtert. Auch Ben Segenreich analysiert die deutschen Wörter, die in die Slang-Sprache des modernen Hebräischen Eingang gehalten haben, die Innovationskultur der Israelis und die Küche des kleinen Landes mit all ihren Besonderheiten und Improvisationsnotwendigkeiten.

 

Und dann zwischendurch verliert das Buch plötzlich komplett seine Mitte, seinen Schwerpunkt, da Ben Segenreich doch wieder Politik in den Alltag hineinbringt. Da ist das für mich völlig unnötige politische Analyse-Kapitel der Beziehung von Österreich – respektive Bruno Kreisky – und Israel, das in mehrfacher Hinsicht nicht in dieses Werk passt. Erstens weil es nichts zum Alltag beiträgt, zweitens als politische Analyse ist es weder Fisch noch Fleisch, da es den gesamten Kontext anderer Länder bzw. der Politik nicht berücksichtigt und als ordentliche politische Analyse einfach viel zu kurz greift. Drittens gibt es umfassendere und bessere politische Analysen zu diesem Thema, das ist nichts Neues. Viertens interessieren sich wenig Leser auf dem deutschen Buchmarkt für Kreisky, einige werden ihn wahrscheinlich gar nicht mehr kennen, über das alltägliche Leben in Israel möchten aber wahrscheinlich sehr viele etwas wissen, und last but not least widerspricht es einfach dem Ziel und dem Versprechen des Sachbuchs an den Leser, die Politik weitestgehend außen vor zu lassen, was ich einfach für den gravierendsten Fehler halte.

 

Die fehlenden Seiten nach der Streichung wüsste ich durchaus aufzufüllen, denn ein paar Fragen, die ich mir schon immer gestellt habe, könnten auch noch geklärt werden: Wie ist das in den unterschiedlichen Kibbuz(en) heute wirklich? (Wie ist eigentlich die Mehrzahl von Kibbuz?) Ich habe da ganz außergewöhnliche Geschichten von gelebtem Sozialismus und sexueller Freizügigkeit vernommen. Sind diese Geschichtln, Anekdoten und Mythen der Zeit der 70er-Jahre geschuldet, in denen sie entstanden sind, oder gibt es die heute vereinzelt noch wirklich irgendwo? Funktioniert dieses Lebensmodell und wenn ja, wie? Oder wie lebt sich der Alltag als radikaler Siedler mitten im Feindesland, aber beleuchtet fernab von politischer Propaganda, die Entbehrungen, die Einsamkeit, …? Das wären noch Alltagsgeschichten gewesen, die mich sehr interessiert hätten. Den ganz normalen Alltag eines „Palästinensers“, der für die Arbeit zwischen den Grenzen pendelt, hätte ich dann auch noch gerne gelesen.

 

Fazit: Viel mehr Politik raus aus diesem Sachbuch und mehr Alltag rein. Ansonsten hat es mir gut gefallen.

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review 2018-01-28 07:41
Die Nordische ist einfach die beste Mythologie
Nordische Mythen und Sagen - Lübbe Audio,Neil Gaiman,Stefan Kaminski

Inhaltsangabe

Warum bebt die Erde? Wie entstanden Ebbe und Flut? Wie kam die Poesie in unsere Welt? 

Neil Gaiman erzählt die nordischen Sagen und Mythen neu, mit Witz und Sinnlichkeit, voller Zuneigung und Neugierde. Wir machen Bekanntschaft mit dem mächtigen Odin, reisen mit Thor und seinem Hammer durch die neun nordischen Welten, sind bezaubert von den Göttern und entsetzt von mancher Skrupellosigkeit. Machen Sie sich die Sagen zu eigen, erzählen Sie sie weiter, an den langen kalten Winterabenden, in den lauen Sommernächten. 

Nach der Lektüre werden Sie selbst die Wolken mit anderen Augen betrachten. 

 

Meine Meinung

Bei einem Hörbuch spielt für mich zu Beginn immer der Sprecher eine große Rolle.

Stefan Kaminski macht seinen Job hier sehr gut und passt meiner Meinung nach super zu der Thematik. Er kann in seiner Stimme sowohl harte und schroffe Parts, als auch lustige und weibliche Szenen vereinen.

 

Der Einstieg ins Hörbuch bestand aus den wohl drei bekanntesten Gottheiten der nordischen Mythologie: der Göttervater Odin, sein Sohn Thor und Loki.

Für viele, die bisher wenig mit dem Thema zu tun hatten, wird im ersten Kapitel ein super, auf den Punkt gebrachter, Überblick geschaffen.

 

Ich habe schon einiges über diesen Teil des großen Themas Mythologie gelesen, denn ich liebe den alten Götterglauben und war sehr gespannt nun auch endlich dieses Buch von Neil Gaiman kennen zu lernen.

 

In meiner Rezension möchte ich nun nicht jedes Kapitel im Detail zerpflücken, sondern kurz auf die Dinge eingehen, die für mich neu und interessant waren.

 

Immer wieder begeistern können mich Geschichten über Yggdrasill, den Weltenbaum. Auch hier findet er und die neun Welten einen Abschnitt.


Weiter unheimlich spannend finde ich den Gott Loki.

Zum ersten Mal habe ich in diesem Hörbuch einen richtigen Überblick über seine familiären Verflechtungen bekommen. Einige Kapitel bieten tiefere Einblicke zu seinen beiden Ehefrauen Angrboda und Sigyn. Vielen Interessierten werden allerdings Loki’s Kinder mit der Riesin Angrboda eher etwas sagen. Diese Kinder sind: die Midgardschlange, die Göttin der Unterwelt Hel und der Fenriswolf.

Auch ihre Geschichten fand ich sehr spannend.

 

Sehr gefreut habe ich mich über die Geschichte zur Liebesgöttin Freyja.

Ihre Geschichte um eine Hochzeit fand ich sehr amüsant und mit dieser konnte mich der Sprecher wirklich zum Schmunzeln bringen. Ebenfalls belächeln musste ich die Geschichte um den Met der Dichter.

 

Neu und umso spannender war für mich die Geschichte um die Göttin Idun und ihren Äpfeln der Unsterblichkeit. Nur diese konnten den Göttern ihre Jugend und ihre Stärke zurückgeben. Wirklich interessant dieses Kapitel des Hörbuches.

 

Nicht neu für mich, aber ebenso interessant ist immer wieder die Geschichte um den hübschen Gott Baldur/Balder, welcher von seiner Mutter Frigg beschützt werden sollte. Nur dass diese einen entscheidenden Feind vergaß.

 

Kurz vor dem Finale erfährt man noch, wie es mit Loki sein Ende nahm.

Er, seine Frau Sigyn und das Gift der Midgardschlange.

Eine schreckliche, aber bedeutende Geschichte der nordischen Mythologie.

 

Das Finale. Die Ragnarök.

Die Geschichte zum Untergang der Götterwelt ist zugleich auch mein Lieblingswort der nordischen Mythologie. Kann es sowas geben? Ein Lieblingswort?

Bei mir schon.

____________________________________________________________

 

Allen kann ich dieses Hörbuch auf jeden Fall empfehlen.

Eher noch denjenigen, die bereits ein wenig Vorkenntnisse haben.

Schwer wird es denen fallen, die mit diesem Hörbuch ihren Einstieg in dieses Thema nehmen möchten. Denn es treten einfach so viele Gottheiten und Namen auf, dass man schnell den Überblick verliert.

All denen rate ich eher zum Buch zu greifen.

 

Einen weiteren Punkt, den lediglich das Buch mit sich bringt, ist ein tolles Glossar am Ende des Buches. Dieses mag für manche beim Lesen unheimlich hilfreich sein.

 

Mein Fazit

Die nordische Mythologie kann mich einfach immer packen, egal in welchem Buch.

Allerdings werde ich mir auch noch das Buch kaufen, um es in ein paar Jahren zu lesen. Von der Aufnahmequalität und den Extras wird das Buch hier mehr hergeben.

Ich denke, dass jeder Hörer oder Leser aus diesen Geschichten etwas Neues mitnehmen wird, aber auch auf bereits Bekannte Inhalte trifft.

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review 2018-01-24 12:37
Selbstliebe ist harte Arbeit
Bodies: Schlachtfelder der Schönheit - Susie Orbach

Susie Orbach ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Psychoanalyse und der Psychotherapie. Als Expertin für Essstörungen und das enge Verhältnis von Körper und Selbstwertgefühl führt sie seit Jahrzehnten eine Praxis in London, gründete 1976 das „Women’s Therapy Centre“, veröffentlichte mehrere Bücher (darunter der Bestseller „Anti-Diät-Buch“) und behandelte Prinzessin Diana wegen ihrer Bulimie. Sie ist eine engagierte Feministin, die unermüdlich die Prozesse unserer Gesellschaft demaskiert, die unser Körpergefühl zielgerichtet unterminieren, Unsicherheiten bewusst provozieren, aus selbigen profitieren und uns in einen Krieg gegen den eigenen Körper treiben. Sie trug entscheidend zur feministischen Debatte bei, in der das Empfinden von Körperlichkeit heute mehr denn je als essenzieller Faktor für die Entwicklung einer gesunden Persönlichkeit angesehen wird.

 

Absurd unrealistische Schönheitsideale vom klassischen Sixpack bis zur berüchtigten „Thigh Gap“, Essstörungen, Body-Shaming, Fat-Shaming und die vollkommene Fixierung auf oberflächliche Äußerlichkeiten sind längst keine Ammenmärchen des feministischen Untergrunds mehr. Diese und viele weitere körperbezogene Phänomene sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Sie sind bekannt. Wir sind entsetzt, lesen wir vom Selbstmord eines jungen Mädchens, die von den diskriminierenden Facebook-Kommentaren ihrer Mitschüler_innen bezüglich der Breite ihrer Hüften in den Tod getrieben wurde. Wir schütteln den Kopf, sehen das soziale Netzwerk in der Pflicht, verlangen, dass diese Kommentare strenger kontrolliert werden. Wir regen uns auf – und rennen dann ins Fitnessstudio, um zur „bestmöglichsten Version unserer selbst“ zu werden. Wir treiben Sport bis zur Erschöpfung, wir halten Diät, wir verzichten, nehmen Appetitzügler, kaufen formende Unterwäsche, die unsere Organe einquetscht, verlassen uns auf überteuerte, fragwürdige Pharmazie und Kosmetikartikel und glauben der Industrie jede noch so paradoxe Lüge. Hilft das alles nicht, tritt die Schönheitschirurgie auf den Plan. Schönheit, die theoretisch im Auge des Betrachters liegen sollte, ist ein globales Milliarden-Geschäft.

 

In „Bodies: Schlachtfelder der Schönheit“ untersucht Susie Orbach die Auswirkungen des weltweiten Schönheitswahns und postuliert eine Theorie, inwiefern das zwanghafte Streben nach dem perfekten Körper ihrer Meinung nach ein gestörtes, ungesundes Körpergefühl verursacht. Anhand verschiedener Fallbeispiele und Studienergebnisse zeigt sie die extremen Spielarten des modernen Körperkults, analysiert entwicklungspsychologische Faktoren und hinterfragt Einflüsse und Verantwortlichkeit von Schönheitschirurgie, Werbe-, Diät- und Pharmaindustrie. Sie nennt das Problem mutig beim Namen: Körperhass. Die totale Ablehnung des eigenen, physischen Ichs, dessen Individualität nicht als Stärke, sondern als Makel angesehen wird, den es in aller Konsequenz auszumerzen gilt. Der Körper als Dauerbaustelle.

 

Ich fand „Bodies“ definitiv sehr interessant. Dieses Sachbuch zwingt die Leser_innen nahezu, sich selbst zu hinterfragen und das Verhältnis zum eigenen Körper auf den Prüfstand zu stellen. Ich konnte nicht verhindern, mich zu fragen, warum ich eigentlich Joggen gehe, obwohl mir das Laufen an sich keinen Spaß macht, wieso ich esse, ohne Hunger zu haben und inwieweit mein Blick in den Spiegel von gesellschaftlichen ästhetischen Idealvorstellungen getrübt ist. Wessen Gedanken treiben mich an? Meine eigenen? Oder sind es die Ideen profitorientierter Wirtschaftsunternehmen? Bin ich fähig, mich selbst so zu akzeptieren, wie ich bin? Lebe ich in Frieden mit und in meinem Körper? Bin ich in der Lage, mich selbst „schön“ zu finden? Diese Fragen sind zweifellos unangenehm. Ich kann mir vorstellen, dass es Leser_innen gibt, die Susie Orbachs Ausführungen als Angriff werten und sich in die Defensive gedrängt fühlen, weil sie soziokulturelle Prozesse kritisiert, die uns alle betreffen. Mit dem rasanten Fortschreiten von Globalisierung und Digitalisierung wird es immer schwieriger, sich dem Einfluss einer ganzen Armee von Industriezweigen, die uns vorbeten, wie wir auszusehen und unseren Körper zu behandeln haben, zu entziehen. Treibe Sport, verzichte auf Kohlenhydrate, lass deine Nase richten – tu etwas für dich, denn du trägst die Verantwortung für dein Projekt „Körper“.

 

Laut Orbach werden wir pro Woche schätzungsweise zwischen 2000 und 5000 Mal mit Bildern digital manipulierter, retuschierter Körper konfrontiert. Ich finde das enorm viel und darüber hinaus empörend. Bis zu 5000 Mal wird mir also vor Augen gehalten, wie ich nicht aussehe, niemals aussehen werde und auch gar nicht aussehen kann. Menschen, die sich ausschließlich für mein Geld interessieren, belästigen mich mit unrealistischen Illusionen, die mir ein schlechtes Gewissen einreden sollen. Unsicherheit wird zielgerichtet in meinen Kopf verpflanzt. Das ist unverschämt. Das Schlimme daran ist, dass ich, obwohl ich für diese systematische Manipulation bereits sensibilisiert bin, mich immer wieder bewusst daran erinnern muss, dass ich nicht „falsch“ oder unzureichend bin, nur weil ich nicht einem willkürlich gesetzten Ideal entspreche. Selbstliebe ist harte Arbeit.

 

Orbach sieht jedoch nicht nur äußere Einflüsse als entscheidende Faktoren hinsichtlich der Ausbildung eines gestörten Körpergefühls. „Bodies“ ist kein gift- und gallespuckender, hysterischer Feldzug gegen die Industrie, obwohl die Autorin die Ausbeutung des Körpers und das Verschwinden der Körpervielfalt selbstverständlich anprangert. Sie beleuchtet verschiedene, teilweise interagierende Ursachen und beruft sich auf Studien, die nahelegen, dass das Empfinden von Körperlichkeit bereits im frühesten Kindesalter determiniert wird und maßgeblich von der physischen Interaktion mit den Eltern abhängt. Babys, die eine Form von Vernachlässigung ihrer psychischen Bedürfnisse erleben – werden sie beispielsweise nicht getröstet, wenn sie weinen – modifizieren ihre eigene Psyche und die damit verbundenen Neuralbahnen, um zu gefallen, weil sie annehmen (soweit man in diesem Entwicklungsstadium davon sprechen kann), dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Sie stellen die Aspekte ihres Ichs in den Vordergrund, die positive Resonanz erhalten, um ihr Bestreben nach Anerkennung zu befriedigen, während andere Aspekte unterentwickelt bleiben. Ist diese psychische, neurale Struktur erst einmal gefestigt, kann sie sich bis ins Erwachsenenalter fortsetzen, wodurch sich ein fragiles Körpergefühl einstellen kann, da allem misstraut wird, das aus der betreffenden Person selbst kommt.
Ich habe meine Eltern gefragt: soweit sie sich erinnern, haben sie mich als Baby nie schreien lassen.

 

Die Psychotherapeutin berichtet von einer Patientin, die seit ihrer Jugend an wiederkehrender Bulimie litt. Im Laufe der Behandlung stellte sich heraus, dass besagte Patientin nie viel von ihrer Mutter berührt worden war, stattdessen jedoch Gefühle von Trauer, Entsetzen, Schmerz, Scham, Angst und Unsicherheit übermittelt bekam. Sie lebte in einem „falschen“ Körper, in dem sie sich nie ganz wohlfühlte, weil ihre Mutter die Ausbildung ihres „wahren“ Körpers beschnitten hatte.
Dieser Fall ist ein hervorragendes Beispiel dafür, warum „Bodies“ von mir trotz seines höchst informativen Charakters lediglich 4 Sterne erhält. Die Schilderung von Orbachs Beziehung und Interaktion mit dieser Patientin empfand ich als schwer nachvollziehbar, ja beinahe esoterisch. Nun möchte ich ihre Erlebnisse als Therapeutin selbstverständlich nicht in Frage stellen, aber die intensive Bindung zwischen ihnen, in der Orbach die unterschwelligen, unbewussten Gefühle ihrer Patientin, die ihr von ihrer Mutter vermittelt worden waren, körperlich wahrnahm, ist zweifellos schwer zu glauben.

 

Darüber hinaus war mir nicht immer klar, wo genau Susie Orbach die Grenze zwischen Psyche und Körper zieht. Mir erscheint der Übergang fließend und ich könnte nicht determinieren, wann sich ein gestörtes Körpergefühl tatsächlich aus einer gestörten Beziehung zum eigenen Körper speist und wann es Ausdruck eines psychischen Traumas ist. Ich habe ihre Ausführung nicht völlig verstanden, weil sie sich teilweise abstrakt ausdrückt und oft weit ausholt, um einen bestimmten Punkt zu erörtern. Ich bin nicht sicher, ob sie überhaupt einen Unterschied zwischen psychischer und physischer Existenz sieht oder ob diese ihrer Meinung nach nicht zu trennen sind.

 

Nichtsdestotrotz stimme ich ihrer These, dass sich die moderne Auffassung vom Thema Körperlichkeit ändern muss, uneingeschränkt zu. Der Druck, einem bestimmten Ideal entsprechen zu müssen, ist unkontrolliert mutiert und bringt uns in eine Lage, in der wir oft kein Maß mehr finden. Wir sind verunsichert und haben verlernt, die Signale unserer Körper zu deuten. Das Bestreben, äußerlich perfekt zu sein, stürzt uns in ein tiefes psychisches Ungleichgewicht, das uns veranlasst, unsere Körper hyperkritisch zu beurteilen. Wir wollen jede noch so kleine Körperfunktion kontrollieren und können das reine Erleben nicht mehr genießen.

 

Öffentliche Körper-Toleranz ist maximal ein erster Schritt; eine wahrhafte Veränderung kann nur dann ihr Potential entfalten, wenn sie an den Stellen greift, die von unserem instabilen Verhältnis zum Körper profitieren: in der Industrie. Leider habe ich keine Hoffnungen, dass die entsprechenden Industriezweige für das Allgemeinwohl auf haufenweise Geld verzichten. Was bleibt also übrig? Ich denke, die einzige Waffe gegen den Einfluss des globalen Schönheitswahns ist der eigene Geist. Wir müssen bewusst entscheiden, uns so zu akzeptieren, wie wir sind und die Manipulationsversuche zu ignorieren. Damit möchte ich nicht sagen, dass niemand mehr Sport treiben oder eine Schönheitsoperation vornehmen lassen sollte, aber ich halte es für wichtig, eine ganz individuelle Balance zu finden, statt sich in einen Krieg gegen den eigenen Körper drängen zu lassen.

 

Ich habe durch „Bodies: Schlachtfelder der Schönheit“ sehr viel gelernt und ich bin dankbar, dass Menschen wie Susie Orbach versuchen, unser Bewusstsein für den gesellschaftlichen Umgang mit Körperlichkeit zu schärfen. Ich schätze ihre Arbeit sehr und kann dieses Sachbuch guten Gewissens empfehlen.
Abschließend möchte ich nur noch eines sagen: überprüft eure Gedanken, während ihr den Spiegel blickt. Tötet die fiese Stimme, die euch zuflüstert, dass ihr nicht genügt, dass ihr zu dick, zu krumm, zu hässlich seid. Sie lügt.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2018/01/24/susie-orbach-bodies-schlachtfelder-der-schoenheit
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