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text 2017-03-18 18:20
Von Kapiteln, Titeln & Überschriften

Autorenwispern

Ich weiß ja nicht so recht wie es in dieser Frage auf dem deutschen Buchmarkt genau aussieht, da ich seit Jahren fast nur noch englischsprachige Bücher lese. Die Rede ist von den Kapitel-Titeln.

Persönlich liebe ich es Bücher zu lesen, bei denen jedes Kapitel seine eigene Überschrift hat. Es scheinen aber nicht mehr sehr viele Autoren zu nutzen. Sie sind wohl irgendwann aus der Mode geraten, die Überschriften zu einem Kapitel. Meine Freundin und Kollegin Maike Claußnitzer hat sie in ihren Werken noch und Gail Carriger – mein nicht ganz so heimliches Idol – benutzt sie sowieso in all ihren Büchern. Neulich hat sie sich selbst Gedanken über die Betitelung von Kapiteln gemacht und erst da wurde mir klar, dass ich mit meiner Schreiberei wohl auch eher zu den Exoten gehöre. Denn auch ich vergebe sie in meinen Romanen mit großer Leidenschaft: die Kapitel-Titel.

Wenn ihr BRÏN lesen solltet – und das macht ihr bestimmt, nicht wahr? – dann werdet ihr dort auf eine ganze Schar von Überschriften treffen, von denen die meisten ein kleines Wortspiel sind oder eine bekannte Formulierung ein klein wenig verdrehen. Für den nerdigen Spaßfaktor, das muss sein. Mir machen diese Titel unheimlich viel Freude und über so manchem habe ich wirklich Stunden gebrütet, bis ich zufrieden war. Innerhalb der vielen Titel habe ich natürlich auch noch meine größeren und kleineren Lieblinge. Dabei ist aber eines immer gleich: Alle Titel geben einen Hinweis darauf, was in dem nun folgenden Kapitel passieren wird. So ähnlich funktionieren letztlich auch Buchtitel, nur dass man sich hier meistens noch wesentlich kürzer fassen muss. Ich liebe es mit der Titelfindung herumzuspielen, vielleicht haben meine Kapitel deswegen alle ihre eigene Überschrift. Damit ihr jetzt aber nicht einfach nur von mir zugeschwafelt werdet, spendiere ich euch hier mal einen bunt gemischten Auszug aus den Kapitelnamen in BRÏN:

 

Ein Mord zum Tee
Das kleine ABC für Aliens
Die Edana auf der Perle
Freunde mit gewissen Abzügen
Sommer, Sonne, Fangzahn

 

Natürlich brauchen nicht nur Kapitel ihre Titel. Allen voran braucht ein Roman erstmal einen Buchtitel. Als ich damals anfing mein Manuskript, bzw. erstmal das Exposé, an die Agenturen zu schicken, sagte mir meine Freundin Simone schon: »Mach dir keinen zu großen Kopf um den Buchtitel, der wird vom Verlag wahrscheinlich eh geändert.« Natürlich habe ich mir trotzdem den Kopf zerbrochen und natürlich wurde der Titel später geändert. It`s madness!

Source: moyasbuchgewimmel.de/von-kapiteln-titeln-und-uberschriften
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text 2016-11-03 18:48
I'm an Alien: Plötzlich Autorin

Plötzlich Autorin

Tja, was soll ich da noch groß sagen? Ich weiß es nun seit gut zwei Wochen, aber wirklich glauben kann ich es noch nicht. Ich bin Autorin. So richtig. Von einem Profi anerkannt. Wie viel darf ich jetzt schon erzählen? Es geht schließlich nicht mehr nur um mich. Da ist jetzt ein Verlag der das Marketing planen muss, der bestimmte Strategien kennt und nutzen möchte, damit das Buch später viele Leser findet. Also bin ich geneigt zu allem Rücksprache zu halten. Es ist ein Fantasy-Roman, soviel kann ich verraten.

Nein, kein Jugendbuch, keine tolkienesque Queste und auch keine romantische Dystopie. Es gibt ein paar Liebende, aber keine Teenager-Dreiecksbeziehung. Nicht einmal Teenager. Oder Vampire. Oder Elfen. Dafür gibt es Portale in andere Welten, Reitgreife, gefräßige Schatten, Diversität und auch einen Mörder. Bald erzähle ich mehr vom Buch und weniger von mir. Wenn ich weiß, wie viel ich verraten darf. Versprochen.

Plötzlich Autorin

Wie das alles begonnen hat? Mit einer Katze, die mir in den Brunnen kotzte. Kein Witz. Aber ich will hier keinen Roman übers Romanschreiben verfassen. Fangen wir also am wesentlichen Punkt an: Ich habe einen Roman geschrieben. Eigentlich nur so für mich, wie ich das etwa seit der ersten Klasse mache. In den letzten Jahren ist allerdings etwas mit mir passiert. Mein ohnehin kreatives Hirn hat beschlossen die Messlatte anzuheben ohne dass ich es so direkt bemerkt habe. Das haben andere dafür getan und festgestellt: »Mensch, die Sam, die hat was richtig gutes geschrieben«. Selbstkritisch wie ich jetzt nun einmal bin, habe ich das erstmal nicht ernst genommen. Ihr wisst ja, Freunde sagen einem oft Dinge mit einer extra Glasur Zucker obendrauf, weil sie einen nicht verletzen möchten. Als ich also die ersten Rückmeldungen meiner drei Testleserinnen bekam war ich erstmal skeptisch. Ich dachte mir, na ok, freut mich, wenn es euch gefällt. An dem Punkt hätte das Abenteuer zuende sein können, ja sein sollen, aber die Rechnung habe ich ohne meine Musketierinnen gemacht. Die waren sich plötzlich einig, dass es kein Manuskript für die Schublade war und sie mich in den kalten Buchmarkt schmeißen müssen.
Zu dem Zeitpunkt war ich allerdings noch nicht ganz fertig und habe gezögert mit der Euphorie. Vielleicht wäre die Mitte nicht so gut wie der Anfang. Das Ende vielleicht nicht so gut wie Anfang und Mitte. Aber es blieb dabei, je weiter wir kamen. Meine Damen ließen nicht locker, ermutigten mich, feuerten mich an, schimpften, weil ich nicht glaubte wirklich eine Geschichte geschrieben zu haben, die andere Menschen in ihren Bann ziehen könnte. Man muss dazu sagen, zwei von ihnen sind vom Fach, alle drei sind eingefleischte Fans des Genres. Sie haben eigentlich Ahnung davon was gut ist und was nicht und sie werfen mit solchen Urteilen nicht leichtfertig um sich. Aber echte Autoren sind nicht von dieser Welt. Das sind geheimnisvolle Aliens, aber doch kein Durchschnittsmensch wie ich. Die wurden auch nicht geboren, die sind fertig vom Himmel gefallen.

 

Versteht mich nicht falsch. Ich bin stolz auf mein Werk. Ich liebe meine Geschichte. Ich liebe meine Figuren. So sehr, dass ich sie vermisse, weil sie nicht neben mir sitzen, weil ich sie nicht anfassen und nicht ihre Stimme hören kann, weil ich nicht mit Juno magische Symbole sortieren und nicht mit Shi Kamika die Winde anrufen kann. Es ist ein bisschen verrückt, ich gebe es ja zu…
Größer als mein Stolz ist aber immer die eigene Kritik an mir selbst. Ohne den mal mehr, mal weniger zärtlichen Zuspruch meiner drei Damen, würde ich heute weder über Manuskripte noch über Aliens schwadronieren. Ich kapitulierte, ließ vorsichtshalber aber noch ein paar andere Leute lesen. Das Ergebnis blieb gleich. Also schrieb ich ein Exposé, was mich mehr Nerven kostete als das ganze Buch. Fast hätte ich den tapfer gefassten Plan mit der Agentur-/Verlagssuche wieder verworfen, weil die Anforderungen an so ein Exposé nicht ohne sind. Es hat das Zeug einen in den Wahnsinn zu treiben!
Irgendwann war aber auch das geschafft und so ging mein Exposé samt Leseprobe auf die Reise. Beim ersten Mal Klicken auf den „Senden“-Button war mir noch heißkalt. Was hatte ich da getan? Bin ich größenwahnsinnig? Eingebildet? Selbstüberschätzt? Fremdüberschätzt? Oder doch ein Alien?

 

Sei stolz, sei mutig, sei stark. – Das Mantra meiner Lieblingsfigur und da ich sie erschaffen habe, warum nicht auch meins? Und so sendete ich Exposé um Exposé hinaus in die gruselige Welt der Bücher und schickte mich an ein Alien zu werden.
Wusstet ihr, dass man regulär ca. 1-3 Monate auf eine Antwort von Agenturen und Verlagen warten muss? Das dauert gefühlt noch einmal doppelt so lange, wenn man plötzlich merkt, dass man an das eigene Werk glaubt, dass man es liebt als wäre es ein Teil von dir. Es ist ein Teil von mir. Plötzlich ist da die Angst vor der Ablehnung. Nicht um Meinetwillen sondern davor, dass meine Figuren von anderen nicht die gleiche Zuneigung erfahren würden wie von mir. Ich wollte sie alle in den Arm nehmen und ihnen tröstend sagen: »Habt keine Angst, ich werde euch immer lieben, egal was passiert.«
Und natürlich hagelte es erst einmal Absagen. Die meisten blieben neutral, ein paar waren überraschend ermutigend, eine verführte mich zu mordlüsternen Gedanken. Aber Ende gut, alles gut. Auch wenn das Ende in Wahrheit erst der Anfang ist.

 

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich bin Autorin. Nicht nur heimlich Zuhause, wo kaum jemand davon weiß. Jetzt ist es anerkannt. Das Buch erscheint voraussichtlich im Juni 2017 im Butze Verlag. Bis dahin habe ich noch Zeit, mich an die neue Alienhaut zu gewöhnen.

 

Ich bin fix und fertig vor Freude.

Source: moyasbuchgewimmel.de/i-m-an-alien-ploetzlich-autorin
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review 2016-10-24 12:21
Schreiben ohne Mühe - ist das sinnvoll?
So schreiben Sie mühelos ein tolles dickes Buch: Creative Writing - Kreatives Schreiben - Jürgen Müller

Vorweg muss ich leider direkt sagen, dass mich dieser Schreibratgeber nicht überzeugt hat. Vielleicht habe ich zuviel erwartet von einem Büchlein, das gerade einmal 43 Seiten umfasst, aber auch das eigentliche System, das hier vorgestellt wird, erscheint mir nicht sinnvoll.

Um den Ratgeber einmal Schritt für Schritt durchzugehen:

Nach einem motivierenden Vorwort beginnt Jürgen Müller damit, ein wahres Schreckenszenarium heraufzubeschwören, in dem der angehende Nachwuchsautor Stunden, Wochen, Monate mit mühsamer Recherche verbringen muss, bevor er endlich anfangen darf zu schreiben. Das zieht sich hin bis zu 7% des Buches, verschlingt also durchaus schon eines großen Teil des Ratgebers, bis die Erlösung kommt: Nein, das ist alles gar nicht notwendig!

Nun beginnt der Autor damit, sein System vorzustellen: wenn man jeden Tag zwei Stunden zum schreiben erübrigen kann, soll man sie aufteilen auf eine halbe Stunde Recherche, eine halbe Stunde Schreiben und eine Stunde Überarbeitung. Ja, genau - jede Seite wird direkt überarbeitet, bevor man am nächsten Tag die nächste Seite schreibt! Und der Autor ist überzeugt davon, dass so Stück für Stück ein Buch entsteht, das am Schluss keine weitere Überarbeitung brauchen wird.

Das erscheint mir, wie gesagt, überhaupt nicht zweckmäßig. Denn vieles lässt sich in meinen Augen nur im Kontext sinnvoll überarbeiten - was ist mit der Entwicklung des Spannungsbogens, dem Wachstum der Charaktere an ihren Erlebnissen und Ähnlichem? Es gibt so viele Elemente einer Geschichte, die man nicht an einer einzelnen Seite festmachen kann. Vielleicht stellt sich ja später heraus, dass die ganze Szene überflüssig ist oder nicht wirklich in den Fluss der Geschichte passt, was dann?

Der Autor ist jedoch sehr überzeugt von seinem System. So schreibt er zum Beispiel, dass man damit in einem Monat etwa 30 fertige Seiten mit insgesamt 6.000 Wörtern produzieren kann, räumt direkt ein, dass Stephen King im gleichen Zeitraum das Zehnfache schafft und verkündet dann stolz:

Zitat:
"Aber er hat im Gegensatz zu Ihnen noch nicht eine einzige Seite fertig! Sie sind ihm weit voraus. Bei ihm handelt es sich lediglich um eine Erstschrift, die er noch einmal vollständig überarbeiten, verbessern und kürzen muss, in der er ganze Kapitel neu schreiben und andere löschen wird."
Und das mache keinen Spaß, sondern sei Frust pur und überflüssig. "Schließlich sind Sie Schriftsteller und kein Deutschlehrer, der gern Aufsätze korrigiert."

Danach folgen ein paar Kapitel mit Tipps:

"Ideen am laufendem Band", in dem der Autor durchaus ein paar brauchbare Tipps gibt, die besonders für Neulinge bestimmt eine Hilfe sein können.

"Aller Anfang ist leicht", in dem es darum geht, wie man den Leser direkt am Anfang seines Buches packt. Auch hier sind brauchbare Tipps enthalten, sie werden aber eher oberflächlich behandelt und berücksichtigen nicht, dass nicht alles für alle Arten von Geschichten gleichermaßen gelten kann. Hier wird tatsächlich auf den Spannungsbogen eingegangen, aber wie gesagt: meiner Meinung nach lässt sich so etwas nur im Ganzen bearbeiten, nicht anhand einer aus dem Zusammenhang gerissenen Seite.

Die restlichen 40% des Buches enthalten als Bonus eine "Gratis-Abhandlung", die eigentlich das Kernstück des Buches sein sollte: "Eine einzige Überarbeitung macht's auch", worin zehn Punkte aufgelistet werden, die man bei der Überarbeitung jeder Seite berücksichtigen soll.

Zugegeben, auch hier sind tatsächlich einige brauchbare, grundlegende Tipps enthalten, aber vieles geht nicht über Allgemeinplätze hinaus oder berücksichtigt nicht, dass unterschiedliche Texte unterschiedliche Stilmittel benötigen.

Ich hatte beim Lesen immer wieder den Eindruck, dass es bei dieser Methode vor allem darum geht, um jeden Preis Mühe und Arbeit zu vermeiden. Zwar spricht der Autor ein paarmal davon, dass es um Qualität gehe und nicht um Quantität, aber Aussagen wie diese führen das ad absurdum:

Zitat:
"Sie brauchen sich gar nicht die Mühe machen, etwas an Qualität den obigen Romananfängen Gleichwertiges zu erschaffen und dabei zu verzweifeln."

Wenn ich mir die Kritiken auf Amazon so anschaue, scheint das Buch tatsächlich zum Schreiben motivieren zu können. Aber es hat schon seinen Sinn, warum Autoren wie Stephen King Zeit und Mühe in ihre Manuskripte investieren, und ich finde es daher fatal, Nachwuchsautoren zu suggerieren, man könne eine Abkürzung nehmen und damit mühelos etwas Gleichwertiges produzieren.

Source: mikkaliest.blogspot.de/2016/10/so-schreiben-sie-muhelos-ein-tolles.html
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review 2015-12-23 09:12
Die Tränen flossen in Strömen
Was fehlt, wenn ich verschwunden bin - Lilly Lindner

Lilly Lindner wurde berühmt durch die Veröffentlichung ihrer Biografie „Splitterfasernackt“ im Jahre 2011. Zugegebenermaßen ist dieses Buch an mir völlig vorbeigegangen. Der Name Lilly Lindner schob sich erst in mein Bewusstsein, als ihr neuster Roman „Was fehlt, wenn ich verschwunden bin“ durch die Blogs tingelte und in höchsten Tönen gelobt wurde. Die Begeisterung der Blogger_innen war so groß, dass ich entschied, es lesen zu wollen, obwohl ich Bücher zum Thema psychische Erkrankungen mittlerweile eher meide. Was mich überzeugte, war, dass es sich bei diesem Buch um einen Briefroman handelt und Lindner die Perspektive einer Angehörigen einnimmt.

 

Für die 9-jährige Phoebe ist ihre große Schwester das Zentrum ihrer Welt. Niemand versteht sie so wie April. Doch nun ist April fort. Ihre Eltern haben sie in eine Klinik gebracht, weil sie krank ist. Phoebe versteht nicht, was Magersucht eigentlich bedeutet, aber sie spürt sehr genau, dass die Krankheit ihre Familie zerreißt. Allein mit Millionen Fragen tut sie das einzige, das ihr einfällt, um mit der Sehnsucht nach ihrer Schwester fertig zu werden: sie schreibt April Briefe. Obwohl sie niemals eine Antwort erhält, schickt sie fast täglich Worte hinaus in die Stille. Denn nur die Worte ermöglichen es Phoebe, die Leere, die April hinterlassen hat, einen kurzen Moment zu ertragen.

 

„Was fehlt, wenn ich verschwunden bin“ ist das emotionalste Buch, das ich 2015 gelesen habe. Lilly Lindner ist eine beeindruckend talentierte Schriftstellerin, die eine extreme Nähe zu ihren Figuren erzeugt und auf diese Weise eine starke emotionale Resonanz provoziert. Ich konnte gar nicht verhindern, dass die Tränen in Strömen flossen. Es tat einfach so weh, diese Briefe zu lesen. Die Geschichte der beiden Schwestern hat mir wieder und wieder das Herz gebrochen. Ich wusste bereits vorher, dass Lindner nicht nur Phoebe eine Stimme verleiht, sondern auch April, doch darauf, wie intensiv ihre Verbindung ist und wie sehr sie einander in ihrer dysfunktionalen Familie brauchen, war ich nicht vorbereitet. Die beiden Mädchen sind hochintelligent und zutiefst missverstanden. Ihre Eltern sind von ihrer Intelligenz so eingeschüchtert, dass sie sie wie eine Krankheit behandeln. Sie sind überfordert und beschneiden die Kreativität ihrer Töchter, statt Phoebe und April angemessen zu fördern. Sie erwarten von ihnen, dass sie sich wie „normale“ Kinder verhalten. April ist unter dem Druck, ihren Erwartungen gerecht werden zu müssen, zerbrochen. Ihre Magersucht ist ein verzweifelter, stummer Hilferuf, den ihre Eltern sich meiner Meinung nach schlicht weigern zu sehen. Sie interessieren sich nicht dafür, warum April nicht isst und verschwenden ihre Zeit lieber mit fruchtlosen Anschuldigungen. Dabei ist ihre Art, April zu behandeln, nur ein Ausdruck ihrer eigenen Hilflosigkeit und Ohnmacht. Sie wissen nicht, wie sie auf ihre Tochter eingehen sollen und reagieren deshalb mit Wut. Sie stellen die falschen Fragen – wie könnte April ihnen einleuchtende Antworten geben? Phoebe ist die einzige, die April erreicht, doch Phoebe ist ein Kind. Weder ist es ihre Aufgabe, April zu retten, noch ist sie stark genug, das volle Gewicht von Aprils Traurigkeit zu tragen.
„Was fehlt, wenn ich verschwunden bin“ ist ein großartiges Buch, das mich emotional sehr mitgenommen hat, alle Dämme in mir brach und definitiv eine hohe Wertung verdient. Dennoch bin ich froh, dass zwischen dem Lesen und dieser Rezension etwa zwei Wochen lagen, in denen ich Zeit und den nötigen Abstand erhielt, diese gefühlvolle Geschichte objektiv zu betrachten. Je länger ich das Buch gedanklich sezierte, desto deutlicher wurde, dass mich aller Betroffenheit zum Trotz irgendetwas störte. Ich musste tief in mich gehen, um herauszufinden, über welche Kante ich immer wieder stolperte. Mein Problem mit „Was fehlt, wenn ich verschwunden bin“ ist folgendes: ich sollte heulen. Ich hatte keine andere Wahl, als Mitleid mit Phoebe und April zu haben und Wut für ihre Eltern zu empfinden. Ich fühle mich von Lilly Lindner emotional manipuliert. Das Buch drückt absichtlich und wenig subtil auf die Tränendrüse. Es gestand mir sehr wenig Raum für eigene Gedanken und Gefühle zu; stattdessen habe ich vermutlich genau und ausschließlich das empfunden, was Lilly Linder von mir erwartete. Ich fühlte mich seelisch in eine Ecke gedrängt, als würde mich Lindner zwingen, so und nicht anders zu empfinden. Meines Erachtens nach hat sie deswegen auch darauf verzichtet, die hässliche, psychische Fratze der Anorexia nervosa zu zeigen. All der Zorn und die Zerrissenheit, die ich von einem magersüchtigen Teenager erwarten würde, fehlen April. Da ist kein Selbsthass, kein Selbstekel, keine einzige Empfindung, die für Leser_innen potentiell unverständlich sein könnten, sodass die Sympathie für sie ungetrübt bleibt. Ich verstehe zwar, warum es Lindner wichtig war, dass April in einem positiven Licht erscheint, doch ich fand das Bild des armen, missverstandenen, lieben Mädchens ohne Fehl und Tadel etwas einseitig und nicht völlig glaubhaft.

 

„Was fehlt, wenn ich verschwunden bin“ habe ich auf verschiedenen Ebenen meines Ichs unterschiedlich wahrgenommen. Emotional war dieses Buch ungeheuer verstörend; intellektuell fielen mir ein paar kleine Makel auf. Trotz dessen ist es für mich nicht im Geringsten schwierig, eine Bewertung festzulegen, denn die Gefühlsebene ist der objektiven, analytischen Ebene gegenüber immer dominant. Wenn mich ein Buch so zum Weinen bringt wie dieses, muss sich das einfach in der Anzahl der Sterne niederschlagen.
Solltet ihr mit dem Gedanken spielen, „Was fehlt, wenn ich verschwunden bin“ zu lesen, muss euch klar sein, dass das kein Spaziergang wird. Es wird weh tun. Es wird euch aber auch eine Krankheit näherbringen, die bis heute stigmatisiert und tabuisiert wird.
Ich für meinen Teil nehme aus diesem Buch vor allem eines mit: tiefe Dankbarkeit für meine wundervolle, unterstützende Familie.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2015/12/23/lilly-linder-was-fehlt-wenn-ich-verschwunden-bin
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review 2015-12-09 09:58
Ein Comic ohne Bilder
Basaltblitz - Geburt eines Helden - Markus Tillmanns

Anfang November trat der junge Autor Markus Tillmanns an mich heran und bat mich, seinen Kurzroman „Basaltblitz: Geburt eines Helden“ zu lesen und zu rezensieren. Der Klappentext versprach eine witzige, aufregende Lektüre, also schaute ich mir an, was das allwissende Internet zu dem Buch zu sagen hatte. Dabei fand ich heraus, dass Markus Tillmanns bereits auf meiner Wunschliste vertreten ist. Zwar nicht mit „Geburt eines Helden“, sondern mit „Teufel“, aber da ich offenbar schon von selbst entschieden hatte, eines seiner Werke lesen zu wollen, nahm ich die Bitte um eine Rezension natürlich mit Freuden an.

 

Nick ist die Personifizierung des Wortes Loser: schmächtige Statur, keine Freunde und eine Superhelden-Comic-Sammlung, mit der er sein gesamtes Zimmer mehrschichtig tapezieren könnte. Hoffnung? Nicht in Sicht. Eine Besserung der Umstände? Unwahrscheinlich. Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Denn als eines Tages plötzlich ein Meteorit in Nicks direkte Nachbarschaft kracht, zeigt sich, dass das Leben auch für einen hageren Nerd noch die eine oder andere Überraschung bereithält. Nicht nur schafft es Nick wie durch ein Wunder, sich mit dem Neuen in der Klasse anzufreunden, ihm unterläuft auch ein Fauxpas, der die Karten völlig neu mischt. Versehentlich verspeist er ein Stück des Meteoriten – und entwickelt über Nacht Superhelden-Fähigkeiten! Ein Traum geht in Erfüllung! Nick ist begeistert. Eine Kleinigkeit vergisst er allerdings. Jeder Superheld hat einen Gegenspieler…

 

Wenn Markus Tillmanns ebenso gut zeichnen wie schreiben könnte, wäre „Geburt eines Helden“ dann ein Comic? Ich glaube schon, denn selbst ohne bunte Bildchen liest sich dieses spezielle Stück Literatur wie ein Comicheft: flüssig, klar und gradlinig. Genau deshalb hat mir die Lektüre sehr viel Freude bereitet. Dieses kurze Buch ist genau das Richtige für Zwischendurch, wenn man mal nicht weiß, was man als nächstes lesen soll oder sich ein wenig leichte Ablenkung wünscht. Es ist witzig, rasant und kurzweilig; die typische Geschichte des sympathischen Underdogs, der sich durch unvorhersehbare Umstände in einen Superhelden verwandelt. Dank des Fangirls in meinem Herzen konnte ich Nicks Verwandlung begeistert verfolgen, was wohl auch daran lag, dass es so einfach ist, ihn zu mögen. Am Anfang der Geschichte ist er ein dermaßen bemitleidenswertes Häufchen Elend, dass man ihm die Kräfte, die er durch das Stück des Meteoriten erhält, wirklich gönnt. Auch hat es mich gefreut, dass er in Bruce (kurz Be), dem neuen Schüler in seiner Klasse, einen Freund findet, obwohl ich nicht so ganz begreife, wie man mit Be überhaupt befreundet sein kann. Meiner Ansicht nach ist er nicht von dieser Welt. Er wirkt ständig so fehl am Platz, dass ich mittlerweile vermute, dass in ihm wesentlich mehr steckt, als ich bisher erfahren durfte. Schließlich ist es schon ein gigantischer Zufall, dass Be ausgerechnet einen Tag nach dem Meteoriteneinschlag in Nicks Klasse auftaucht und dabei auch noch den Eindruck macht, als wüsste er nicht, warum er dort ist. Er macht mich neugierig und ist für sich allein schon ein Grund, die Reihe weiterzulesen.
Wie ihr jedoch seht, hat es trotz meiner Begeisterung nur für 3,5 Sterne gereicht. Ich finde „Geburt eines Helden“ toll, aber es ist nicht mit herkömmlichen Büchern oder Romanen vergleichbar. Viele der Punkte, die ich normalerweise von einer überzeugenden Lektüre erwarte, sind auf diesen Reihenauftakt gar nicht anwendbar. Es fühlte sich nicht richtig an, ihn höher zu bewerten und damit auf eine Stufe mit wahren Meisterwerken wie „A Game of Thrones“ von George R.R. Martin oder „Schiffbruch mit Tiger“ von Yann Martel zu stellen. Auf seine Weise ist dieser erste Band sehr unterhaltsam, nur bewegt er sich nun einmal in einem völlig anderen Rahmen als die Bücher, die ich sonst lese. Ich empfinde „Geburt eines Helden“ nicht als vollwertiges Leseprojekt, denn dafür ist es viel zu kurz und nicht handlungsintensiv genug. Die Ausrichtung auf zahlreiche schmale Episoden entspricht eben wirklich eher einem Comic als einem Roman.

 

Markus Tillmanns hat das Fangirl in mir sehr glücklich gemacht und dafür bin ich ihm dankbar. Leider teilt sich das Fangirl mein Inneres mit einer Hobby-Literaturkritikerin, die während des Lesens von „Geburt eines Helden“ ständig die Stirn gerunzelt hat, weil es so anders war als alles, woran sie sonst gewöhnt ist. Diesen Zwiespalt konnte ich nicht einfach ignorieren und musste ihn in meine Bewertung einfließen lassen. Ich möchte aber noch einmal betonen, dass ich Spaß an der Lektüre hatte und auf jeden Fall weiterlesen möchte. Ich werde allerdings davon absehen, weitere Rezensionen für „Basaltblitz“ zu schreiben. „Basaltblitz“ reserviere ich mir als privates Vergnügen, das ich mir gönne, wenn ich eine Pause von der weiten Welt der Literatur brauche. Ich denke, es wird mir guttun, eine kleine Nische zu besitzen, in der ich nicht über Handlungsaufbau, Charakterkonstruktion und all den ganzen Schmu nachdenken muss, aus dem sich eine Rezension normalerweise zusammensetzt.
Wenn ihr ebenfalls einfach mal abschalten wollt und Superheld_innen liebt, dann besorgt euch „Basaltblitz: Geburt eines Helden“. Nicks Geschichte ist ein Comic ohne Bilder – vielleicht nicht besonders geistreich, dafür aber besonders entspannend.

Vielen Dank an Markus Tillmanns für dieses Rezensionsexemplar!

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2015/12/09/markus-tillmanns-basaltblitz-geburt-eines-helden
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