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review 2018-01-14 12:33
Abstruses im Alltag
Die Welt ist nicht immer Freitag - Horst Evers

Das Glücksbrötchen

(...) Beschließe, bis Thomas kommt, mich noch ein wenig mit meinem Glücksbrötchen zu unterhalten. Mein Glücksbrötchen war ungefähr vor 8 Wochen in mein Leben getreten. Damals hatte ich mir vier Brötchen zum Frühstück gekauft, aber nur drei gegessen. Am nächsten Tag kam ich irgendwie nicht so recht zum Frühstücken, am übernächsten nicht mal so richtig zum Aufstehen, gibt solche Tage. Das übrig gebliebene Brötchen wurde mit der Zeit ziemlich oll. Irgendwann wollt ich das dann auch nicht mehr essen. Wegschmeißen macht ich es auch nicht, immerhin war es ja Brot, also machte ich es schließlich zu meinem Glücksbrötchen. Schien mir das Vernünftigste.

Heute ist es mir richtig ans Herz gewachsen. Ganze Tage sitzen wir manchmal in der Küche und reden über Gott und die Welt. Zwar hat das Brötchen ganz eigene Ansichten über die Schöpfungslehre, hält den Bäckermeister von nebenan für Gott und hegt zeitweise beinah rassistische Vorurteile gegen Vollkornbrot, aber ansonsten ist es wirklich ein feiner Kerl. Wenn wir gemeinsam spazieren gehen, ich ihm ein bisschen die Stadt zeige, dann ist das schon ein herzerwärmender Anblick. Ein Mann und sein Brötchen, was kann es Schöneres, Natürlicheres geben. Klar, hinter unserem Rücken wird oft getuschelt: "Das Brötchen ist doch viel zu jung für den, das geht nicht gut. Irgendwann ist das Brötchen älter, nicht mehr so frisch, er trifft ein hübsches Croissant...und dann? Dann steht das Brötchen vor den Krümeln der Beziehung."

Aber unsere Freundschaft ist uns wichtiger als das Gerede der Leute.

 

Eine Buch mit gesammelten Kurzgeschichten, die einen so grandiosen trockenen und subtilen Humor pflegen, dass ich jedem dieses Buch an Herzen legen möchte. 

Es ist grandios.

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text 2018-01-06 07:55
Meine Besten Bücher 2017
Eine allgemeine Theorie des Vergessens: Roman - José Eduardo Agualusa,Michael Kegler
28 Tage lang - David Safier
Die Vegetarierin: Roman - Han Kang,Dr. Ki-Hyang Lee
Der Report der Magd: Roman - Margaret Atwood,Helga Pfetsch
Damals in Nagasaki (Broschiert) - Kazuo Ishiguro
Das merkwürdige Verhalten von Schimpansen in Kinderkleidung: und andere sozialpsychologische Experimente - Felicitas Auersperg
Wirklich wahr!: Die Welt zwischen Fakt und Fake - Simon Hadler,Stefan Rauter
Falco: Die Legende lebt. Die Graphic Novel - Reinhard Trinkler
Der Bankert vom Naschmarkt: Ein Kriminalfall aus dem alten Wien (Graphic Novel) - Gerhard Loibelsberger,Reinhard Trinkler

Das Buchjahr 2017 war wirklich sehr erfolgreich, noch nie habe ich so viele gute Bücher zusammenbekommen, insofern war meine Auswahl der Best of 5 sehr schwer. Im Bereich Belletristik, konnte ich mich aber letztendlich doch entscheiden.

 

Eine allgmeine Theorie des VergessensJosé Eduardo Agualusa
Mein absoluter Favorit im Jahr 2017. Eine wundervolles ironisches Märchen im Stile des lateinamerikanischen magischen Realismus über den Bürgerkrieg in Angola, Schuld und Sühne, Überlebenskampf, Revolution und Einsamkeit, das mich regelrecht vom Hocker gerissen hat.

 

28 Tage lang David Saffier
Meine positive Buchüberraschung in diesem Jahr. Nie hätte ich David Saffier eine derartig leise, wundervolle Geschichte über junge Leute im Warschauer Ghetto zugetraut. Großartig!

 

Die VegetarierinHan Kang
Durch meine A-Z Autorinnenchallenge lese ich vermehrt Bücher von Schriftstellerinnen. Dieses Werk über Unterdrückung und Selbstbestimmung einer Frau im asiatischen Kulturraum hat mich restlos begeistert.

 

Der Report der Magd Margaret Atwood
Mein Lieblingsklassiker 2017. Da heuer die Fernsehserie rauskam, hatte ich nun endlich die Möglichkeit, auf dieses grandiose Werk aufmerksam zu werden, das ich bei seinem Erscheinen 1985 offensichtlich überhaupt nicht bemerkt habe. Eine furchtbare, brilliante feministische Dystopie.

 

Damals in Nagasaki Kazuo Ishiguro
Anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises habe ich ein paar Ishiguros gelesen, und dieser Roman muss unbedingt auch auf die Liste der High-Fives. Eine asiatische mysteriöse Geschichte, die fast ein bisschen an Murakami erinnert, mit einem sehr intelligenten Twist zum Ende, der reichlich Interpretationsspielraum für den Leser offen lässt.

 

Im Bereich Sachbuch möchte ich Euch zwei geniale Werke ans Herz legen, die mich 2017 sehr begeistert haben

 

Wirklich Wahr! - Simon Hader
Eines der besten Sachbücher, das unter anderem auch in praktischen Beispielen zeigt, wie man in der heutigen Medienlandschaft mit Fakten und Fakenews umgehen sollte. Gut recherchiert, humorvoll aufbereitet und grafisch wundervoll illustriert.

 

Das merkwürdige Verhalten von Schimpansen in Kinderkleidung - Felicitas Auersperg  
Mein Sachbuchhighlight des Jahres 2017! Felicitas Auersperg zeigt durch die Sammlung von spannenden sozialpsychologischen Experimenten genau auf, wie der Mensch wirklich tickt.

 

Seit ein paar Jahren habe ich auch das Genre der Graphic Novel für mich entdeckt und in diesem Bereich möchte ich auch zwei Empfehlungen aussprechen, die 2017 herausgekommen sind

 

Falco - Reinhard Trinkler
Text: Zum Geburtstag des Sängers Falco eine Biografie als Graphic Novel. Eine Innovative und großartige Idee und mein Highlight 2017 in diesem Genre!

 

Der Bankert vom Naschmarkt - Gerhard Loibelsberger und Reinhard Trinkler
Eine sehr gut gezeichnete Geschichte in Form eines Wien-Krimis um die Jahrhundertwende. Ein exzellentes realistisches Sittenbild dieser Zeit und zudem ein spannender Kriminalfall.

 

 

 

 

 

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review 2017-12-20 09:27
Fuck the Fake
Wirklich wahr!: Die Welt zwischen Fakt und Fake - Simon Hadler,Stefan Rauter

Dieses Sachbuch von Simon Hadler sollte man unbedingt in den Schulen in einem eigenen Fach Medienkunde durcharbeiten. Es ist ein klug gemachtes, sehr sachliches, witzig präsentiertes, gut recherchiertes Werk mit vielen praktischen Beispielen, wie man zwischen Fakt und Fake unterscheiden lernen kann, aber auch wie Fakten derart tendenziös grafisch präsentiert werden können, dass sie zu einer verzerrten Aussage führen. Wundervoll bereichert wird der Inhalt durch die unzähligen großartigen Grafiken gezeichnet von Stefan Rauter.

 

Schon auf der ersten Seite stößt man auf ein Bild von Marvin, dem depressiven Roboter und ein Zitat von Slartibartfaß aus Douglas Adams The Hitchhiker's Guide to the Galaxy und genauso informativ, fundiert, humorvoll und augenzwinkernd wird der Leser durch das Universum der Medien, Fakten und Fakemeldungen geführt. Dabei wird auch nicht mit guten Tipps gespart, wie man Quellen recherchiert, und wie man entspannt mit Informationen aus alten und neuen Medien umgeht.

Zusammenfassend: Eine Meldung ist entweder offensichtlicher Bullshit oder nicht. Eine Meldung betrifft mich oder nicht. Ist sie Bullshit oder betrifft sie mich nicht, kann ich sie geflissentlich ignorieren. Ist sie kein offensichtlicher Bullshit, betrifft oder bewegt sie mich, dann schaue ich sie mir näher an. Ich checke die Quelle und setze etwaige Zahlen in Relation. Meist nehmen die Schritte kaum zehn Minuten in Anspruch und verhindern, wie man in der Theaterstadt Wien sagt, dass man sich in einen Pseudokrieg „hineintheatern“ lässt. Wenn sich freilich nach all diesen Schritten die Empörung nicht gelegt hat und sich der Anlass der Aufregung als solcher bestätigt, dann kann man nur mit Stéphane Hessel sagen: Okay, dann empört euch – aber nicht vorher, weil unser Leben für unnötige Empörung zu schade ist. Und wenn ihr euch schon empört, dann – noch einmal Hessel – „engagiert euch!“ Ansonsten und das ist jetzt nicht mehr Hessel: „Entspannt Euch!“

Genial werden zu Beginn postfaktische Mechanismen sowohl philosophisch als auch in ihrer Wirkung auf die menschliche Wahrnehmung und das Verhalten sozialpsychologisch analysiert - so habe ich das noch nie gesehen - weiters wird das Ganze in einen historischen Kontext gesetzt. Früher war eben nicht alles besser oder weniger postfaktisch, früher herrschte auch nicht weniger Gewalt, im Gegenteil, nur die Medien haben heute einen größeren Verstärkereffekt.

 

Ab Seite 75 werden dann praktische Fake-News Beispiele mit den oben erwähnten grandiosen Grafiken detailliert analysiert. Vieles ist natürlich sonnenklar, wenn ein denkender Mensch es in diesem Kontext im Rahmen des Buchs serviert bekommt, aber es macht den aufmerksamen Beobachter auch sehr sensibel für jegliches Hinterfragen, wenn man in freier Wildbahn auf Fakes oder Empörung über Fakes trifft.

 

Über den kuriosen Hintergrund einer der populärsten internationalen Falschmeldungen der letzten Jahre habe ich mich sehr überraschend amüsieren können: Dass harte Austeritätspolitik in der Krise weil zyklisch totaler Quatsch ist, weiß ich seit ich Volkswirtschaft 1990 bei Prof Schneider/Schuster in Linz studierte. Aber dass diese unsägliche Politik aufgrund eines kapitalen Rechenfehlers in der Excel-Tabelle der US-Ökonomen Reinhard/Rogoff von allen eingeführt wurde, wusste ich nicht. Was für Dilettanten!! Nicht nur die Amis sondern auch die deutschen Steuerberater in der Regierung, die sich als Volkswirte ausgeben und von Makropolitik und offensichtlich auch von Excel keine Ahnung haben.

 

Was sich mir nicht so ganz erschloss, war die Einteilung der praktischen Beispiele in Kapitel, die war nicht so ganz logisch strukturiert, und das Ende hat mir wieder mal gar nicht gefallen, weil es abrupt mit dem letzten Beispiel aufhört: keine Zusammenfassung, keine Conclusio, kein Ausblick, nix. Ist es nun Mode, dass man auch bei einem Sachbuch einfach die Tastatur fallen lässt? Ist sowas jetzt chic wie vor Jahren die abgeschnittenen Portraitfotos in allen Foldern? Also diesbezüglich bin ich sehr altmodisch und traditionell, so etwas muss ich einfach kritisieren.

 

Fazit: Ein sehr wichtiges grandioses Sachbuch, das ich sowohl jedem Schüler als auch deren Eltern, eigentlich jedermann, der nicht von der Umwelt und den Medien abgeschieden auf einem einsamen Berg wohnt, empfehlen möchte.

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text 2017-12-06 20:11
Zwei Geister, eine Hochzeit und ein Todesfall
The Ghost Bride: A Novel - Yangsze Choo

Yangsze Choo ist in meinem Bücherregal eine Exotin, weil sie aus Malaysia stammt. Ich besitze nicht viele Bücher asiatischer Autor_innen und als Abkömmling einer malaysischen Familie chinesischer Vorfahren in vierter Generation ist sie ein echtes Unikat. Choo lebte als Kind in vielen Ländern, graduierte in Harvard und ließ sich mit ihrem Mann und ihren Kindern in Kalifornien nieder. „The Ghost Bride“ ist ihr erster und bisher einziger Roman, den ich kaufte, weil mich neben dem Klappentext auch die Aussicht auf einen Einblick in die Kultur des kolonialen Malaysia lockte.

 

Der Glaube an das Jenseits ist in der malaysischen Kultur des späten 19. Jahrhunderts fest verankert. Die 17-jährige Li Lan ehrte die Vorfahren stets angemessen. Sie verbrannte Bestattungsopfer. Doch einen Geist zu heiraten – das geht zu weit. Obwohl das ungewöhnliche Angebot der wohlhabenden Familie Lim die gravierenden Geldsorgen ihres Vaters beenden würde, möchte Li Lan keinesfalls die Ehefrau ihres überraschend verstorbenen Sohnes Tian Ching werden. Leider akzeptieren die Lims ein Nein nicht. Li Lan wird von seltsamen Träumen heimgesucht, die die Grenzen zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten verwischen. Nacht für Nacht erscheint ihr Tian Ching. Sein Werben wird jedes Mal nachdrücklicher, bis sie eines Morgens nicht mehr aufwacht. Plötzlich selbst ein Geist muss Li Lan im Jenseits einen Weg finden, die zerrissenen Bande zwischen ihrer Seele und ihrem Körper wiederherzustellen. Ihre einzige Chance besteht darin, die rätselhaften Umstände von Tian Chings Tod und die Geheimnisse der Familie Lim aufzudecken, bevor es zu spät ist und sie auf ewig in der Geisterwelt gefangen bleibt.

 

Stellte sich euch während des Lesens der Inhaltsangabe zufällig die Frage, inwiefern Li Lans Zustand als Geist mit der Familie Lim verknüpft ist? Dummerweise kann ich euch den Zusammenhang nicht erklären, weil es meiner Meinung nach keinen Zusammenhang gibt. „The Ghost Bride“ erzählt gefühlt zwei Geschichten, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Yangsze Choo bemühte sich, Verbindungen vorzugaukeln, die nicht existieren. Bildlich gesprochen ist dieses Buch ein Weg, der sich vor einem dichten Waldstück gabelt. Ein Trampelpfad führt links am Wald vorbei, zu Li Lans unfreiwilliger Abspaltung ihrer Seele von ihrem Körper, der andere rechts, zu den Geheimnissen der Familie Lim und Tian Chings mysteriösem Tod. Statt sich für einen Pfad zu entscheiden, beschritt Choo beide. Sie wollte sowohl eine Geister- als auch eine Kriminalgeschichte schreiben, stellte sich dabei allerdings bedauernswert ungeschickt an. Es ergibt keinen Sinn, dass Li Lan im Jenseits in der schmutzigen Wäsche der Lims wühlt, weil ihr ihre schmalen Erkenntnisse überhaupt nicht helfen, sich wieder mit ihrem Körper zu verbinden. Tragischerweise hätte Choo diesen Stolperstein durch eine simple Verschiebung von Li Lans Motivation beseitigen können. Hätte Li Lan die Geisterwelt freiwillig aufgesucht, um den übergriffigen Tian Ching loszuwerden, hätte Choo beide Trampelpfade problemlos logisch miteinander verbinden und dem einen oder anderen Stirnrunzeln vorbeugen können. Leider fehlt ihr offenbar grundsätzlich das Gespür für inhaltliche Kohärenz, denn „The Ghost Bride“ fällt wiederholt durch kleinere wie größere Inkonsistenzen auf, die sich in meinem Fall negativ auf den Lesefluss auswirkten. Ich stutze immer wieder über Passagen, die nicht mit meinem bisherigen Wissensstand vereinbar waren. Beispielsweise sorgt sich Li Lan ständig um die finanzielle Situation ihres Vaters, beschließt aber später, ihn zu bitten, ihr ein Pferd zu kaufen. Entweder ist die Lage weniger prekär, als Choo darstellte oder Li Lan ist weit egoistischer, als ich sie eingeschätzt hatte. Die 17-Jährige ist keine unsympathische Protagonistin. Sie ist unscheinbar. Obwohl der kulturelle Mehrwert dieses Romans marginal ist und ich weder viel über Malaysia im 19. Jahrhundert, noch über die komplizierten lokalen Totenbräuche lernte, ist es im historischen Kontext sicherlich korrekt, dass Li Lan eine gewisse Zurückhaltung an den Tag legt. Trotz dessen hätte mir ein wenig mehr Persönlichkeit geholfen, eine Beziehung zu ihr aufzubauen. Ich behalte sie als den größten Tollpatsch der Literaturgeschichte in Erinnerung. Betritt Li Lan eine Szene, geht alles schief, was nur schiefgehen kann. Versteckt sie sich hinter einem Paravent, kann man sicher sein, dass sie diesen versehentlich mit viel Getöse umschubst. Sie ist das Gegenteil von Anmut, was mir auf Dauer ziemlich auf die Nerven ging. Ebenso anstrengend fand ich das erzwungene, wenig überzeugende Liebesdreieck und ihre zwanghafte Fixierung auf eine mögliche Hochzeit. Mir ist klar, dass malaysische Mädchen zu dieser Zeit selten höhere Ambitionen verfolgten, aber meiner Ansicht nach hat Li Lan weit drängendere Probleme als die Auswahl eines Ehemannes. Reicht es nicht, dass sie verhindern muss, die Gattin eines toten Widerlings zu werden?

 

„The Ghost Bride“ ist ein hervorragendes Beispiel dafür, dass ein einziges unmotiviertes Detail ein ganzes Buch ad absurdum führen kann. Die Kausalkette der Geschichte ist instabil. Diese Instabilität wirkt sich auf alle folgenden Ereignisse aus, sodass das gesamte Konstrukt krängt und schlingert. Ich möchte nicht behaupten, dass „The Ghost Bride“ ein guter Roman geworden wäre, hätte Yangsze Choo ihre Protagonistin die Geisterwelt freiwillig besuchen lassen, aber alle weiteren Mängel wären definitiv weniger ins Gewicht gefallen. Außerdem ist es einfach schade, dass sie die Chance versäumte, ihren Leser_innen die faszinierende Kultur ihrer malaysischen Vorfahren näherzubringen. Ich fand die Lektüre enttäuschend und meist stinklangweilig, weil das Buch neben Li Lans Drama kaum Substanz aufweist, trotz des erkennbaren Potentials. Man kann nur hoffen, dass sie nie auf die Idee kommt, eine unnötige Fortsetzung zu schreiben.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/12/06/yangsze-choo-the-ghost-bride
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review 2017-11-21 10:29
Der Zauber ist ungebrochen
London: Ein Uralte Metropole Roman - Christoph Marzi

Die „Uralte Metropole“ von Christoph Marzi war für meine Entwicklung als Leserin ebenso wichtig wie „Harry Potter“. Die vier Bücher rund um das Waisenmädchen Emily Laing und die magische Stadt unter London prägten mich maßgeblich. Seit ich sie das erste Mal als Teenager las, bin ich immer wieder zu dieser bezaubernden Geschichte zurückgekehrt. Beim Erscheinen des letzten Bandes „Somnia“ war ich 19. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass Christoph Marzi mir acht Jahre später einen weiteren Band schenken würde. Ich traute meinen Augen nicht, als ich „London“ in der Verlagsvorschau von Heyne entdeckte. Weihnachten, mein Geburtstag und Ostern fielen zusammen. Eine Fortsetzung der Geschichte, die mir so viel bedeutet – ich musste nicht überlegen, ob sie lesen wollte.

 

Die Welt ist gierig und manchmal verschlingt sie Städte mit Haut und Haaren. Nach einem Besuch in Cambridge wartet Emily Laing auf den Zug nach London. Sie ist müde und traurig, möchte nach Hause, zurück in die Stadt der Schornsteine, wo sie die Ängste eines kleinen Jungen vergessen kann. Doch der Zug kommt nicht. Seltsamerweise scheint sich niemand daran zu stören. Irritiert befragt Emily einen Mitreisenden. Sie erntet Ratlosigkeit. Eine Stadt namens London existiere nicht, behauptet er. Veralbert er sie? Das kann nicht stimmen. Verunsichert zieht Emily das Internet zu Rate und erhält dieselbe Antwort: die Stadt der Schornsteine, die Metropole am dunklen Fluss, ist verschwunden; verschluckt, als hätte es sie niemals gegeben. Was geht da vor sich? Wie können sich ganz London und mit ihr die Stadt unter der Stadt plötzlich in Luft auflösen? Noch einmal müssen Emily und ihre Gefährten all ihren Mut zusammennehmen, um London zu retten – mit Leib und Seele.

 

„London“ lag etwa ein Jahr auf meinem SuB. Wieso, werdet ihr euch fragen, habe ich so lange mit der Lektüre gewartet, obwohl es sich bei der „Uralten Metropole“ für mich um eine Herzensgeschichte handelt? Die Antwort lautet: weil sie eine meiner Herzensgeschichten ist. Ich hatte Angst, all meine hoffnungsvollen, euphorischen Erwartungen leidvoll sterben zu sehen. Mein Verhältnis zu Christoph Marzi ist schwierig; in der Vergangenheit enttäuschte er mich häufig. Keines seiner Bücher, die ich nach die „Uralte Metropole“ las, entfachte in mir die gleiche Begeisterung. Ich fürchtete mich davor, einsehen zu müssen, dass „London“ den Vorgängern nicht gerecht wird. All das emotionale Gepäck, das ich mit der Reihe verbinde, hielt mich zurück. Es kostete mich enorme Überwindung, „London“ eine faire Chance einzuräumen und mich nicht von meinen Befürchtungen einschüchtern zu lassen. Ich habe nicht bereut, die Lektüre gewagt zu haben. Ganz im Gegenteil: ich liebe „London“. Ich wurde für den Vertrauensvorschuss, den ich Christoph Marzi zugestand, reich entlohnt. Während des Lesens fühlte ich mich wie eine Katze vor dem Ofen, behaglich, warm und kuschlig. Es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte angefangen zu schnurren. Dieser fünfte Band ist die literarische Personifizierung von Heimkehren. Ich bin so dankbar und erleichtert, dass die späte Fortsetzung gelungen ist und die Geschichte zu ihren Wurzeln zurückträgt, nachdem „Somnia“ einen drastischen Zeitsprung involvierte. Inhaltlich ist „London“ zwischen „Lumen“ und „Somnia“ angesiedelt. Obwohl ich entschieden hatte, auf einen Reread der Reihe zu verzichten, hatte ich keinerlei Schwierigkeiten, wieder in Marzis magische Welt hineinzufinden und habe mich in der Gesellschaft altbekannter Figuren sofort pudelwohl gefühlt. Der Zauber ist ungebrochen. Emily steht erneut im Mittelpunkt – älter, reifer und ihrer kindlichen Illusionen beraubt. Das Waisenmädchen ist erwachsen geworden. Sie strahlt eine melancholische Aura aus, die einerseits hervorragend zu der atemberaubenden Kulisse Londons im Winter passt und andererseits unmittelbare Nähe initiierte. Ich wollte sie trösten, in den Arm nehmen und ihr zuflüstern, mutig und stark zu sein. Ich fühlte mich für sie verantwortlich, weil ich sie schon so lange begleite und wollte ihr helfen, das Rätsel um das verschwundene London zu lösen. Ich tauchte tief in die Geschichte ein, empfand mich als Teil selbiger, musste ich mich allerdings mit der Rolle der Beobachterin begnügen und es Emily und ihren Gefährten überlassen, die Stadt am dunklen Fluss zu retten. Ich war stets überzeugt, dass die „Uralte Metropole“ nicht nur eine bezaubernde Geschichte, sondern auch eine Liebeserklärung an London ist. In „London“ ist diese Liebe stärker spürbar denn je. Christoph Marzi durchschaut das Wesen der Stadt und beschreibt ihre Seele intim und zärtlich in einer Handlung, die den Vorgängern in Spannung und Mystik in nichts nachsteht. Das Ende geriet vielleicht etwas hastig und unspektakulär, doch Marzi betont wohlwissend, dass es kein Abschluss ist. Nichts endet jemals wirklich und möglicherweise werden uns in Zukunft weitere Abenteuer mit Emily erwarten. Fragen Sie nicht.

 

Meine Rückkehr in die Welt der „Uralten Metropole“ ließ mein Herz in einem warmen, weichen Licht leuchten. Gerade weil ich solche Angst hatte, von „London“ enttäuscht zu werden, erfüllt mich die stabile Überzeugungskraft des Buches mit einem strahlenden, liebevollen Glücksgefühl, das ich in dieser Intensität nur sehr selten beim Lesen erlebe. Es gibt viele gute Bücher, die mich begeistern. Aber es gibt nur wenige Herzensgeschichten. Die „Uralte Metropole“ ist auch 13 Jahre nach dem Erscheinen des ersten Bandes „Lycidas“ ein Teil von mir, ein Teil meiner eigenen Geschichte, untrennbar mit mir verbunden und jetzt erweitert durch „London“. Ich möchte Christoph Marzi meinen tiefempfundenen Dank aussprechen. Danke, dass Sie meine Erinnerungen behutsam behandelten und sie nicht kaputtmachten. Das bedeutet mir mehr, als ich ausdrücken kann. Vielleicht mussten acht Jahre bis zur Fortsetzung vergehen, damit diese den Vorgängern würdig sein und ich sie in mein Herz lassen konnte. Es gibt keine Zufälle.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/11/21/christoph-marzi-london
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