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review 2018-05-31 10:06
Surrealer, total wahrer Wahnsinn im Operettenstaat Nordkorea
Das geraubte Leben des Waisen Jun Do - Adam Johnson,Anke Caroline Burger

Dieser 2013 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnete Roman ist bedauerlicherweise bisher völlig an mir vorbeigegangen. Dann entdeckte er mich kürzlich zufällig auf dem Weg zu einer Aussichtsplattform, ich stolperte quasi über ihn. Am Tag der Annäherung von Nord- und Südkorea beschloss ich nun, dass es Zeit ist, mich mit diesem Werk zu beschäftigen.

Wahnsinn! Ich fasse noch immer nicht, was mir bisher entgangen ist, da bin ich doch glatt unvermutet über eine Perle, ein Kleinod gestolpert.

Der Waise Jun Do hat kein eigenes Leben, keine Familie, sein ganzes Dasein und sein Lebenszweck ist dem großen Führer Kim Jog Il (als Stellvertreter natürlich den ausführenden Parteibonzen), seinen Bedürfnissen, Wünschen und Forderungen gewidmet. Durch diese Konstellation schlittert und laviert er durch ein atemberaubendes total fremdbestimmtes Leben, das in seiner Grausamkeit tragisch, episch und opernhaft in seiner Groteskheit und Absurdität aber fast operettenhaft wirkt. Fast so wie wir uns den geliebten Führer Nord-Koreas vorstellen, so wie uns dieser wahnwitzige eitle Zwerg in den Medien präsentiert wird.

Ich hoffe, ich kriege die Analogien richtig zusammen, denn der Stil dieses irrwitzigen Entwicklungsromans ist einzigartig. Der Roman hat von seiner lapidaren Grausamkeit her sehr viel von Remarques Im Westen nichts Neues gemischt mit sehr viel Kafka, und einem Schuss Anarchie der Monty Pythons, aber nicht die humorvollen Szenen sondern die brachial-grotesken. Somit sind die nicht seltenen sehr gewalttätigen Sequenzen aber auch etwas verträglicher, weil sie durch die Absurdität etwas weniger realistisch wirken.

"Das wahre Leben hatte ihn wieder - man hatte ihn für eine neue Aufgabe eingeteilt, und Jun Do machte sich keine Illusionen darüber, was das bedeuten mochte. Er drehte sich wieder zu den Anzugträgern um. Sie redeten über einen kranken Kollegen und spekulierten, ob er wohl Nahrungsmittel bei sich im Haus gehortet hatte und wer die Wohnung bekommen würde, wenn er starb."


Eine kafkaeske surreale menschenverachtende Münchhausiade, die so perfekt mit abstrusen Fakten über Nord-Korea gestrickt und eng gewoben ist, dass man nicht erkennt, wo die Wahrheit aufhört und die Fiktion beginnt - ich bin ENTZÜCKT!!

Beispielsweise entführen die Nordkoreaner in China, Japan und Südkorea massenweise Personen,  die irgendwer haben will: den Sushi Koch und den Leibarzt für den geliebten Führer, Frauen für Generäle, Schauspieler um die Filmindustrie aufzubauen ..... Am Anfang dachte ich mir noch, dieses abstruse Gschichtl ist gut erfunden, dann empfand ich es als so arg, dass es schon wieder wahr sein könnte. Nach einer ausführlichen Recherche, ob so was wirklich im großen Stil stattgefunden hat, fiel ich aus allen Wolken: Das ist tatsächlich in der Realität so passiert. Das geschiedene Schauspielerehepaar wurde aus Südkorea entführt, die Schauspielerin ist tatsächlich bei einer Auslandstournee geflüchtet und hat in Wien um politisches Asyl angesucht. Massenweise Japaner wurden entführt, um als Sprach- und Japanischlehrer zu fungieren, damit die Koreaner in einer japanischen Passagiermaschine nicht auffallen und einen Terroranschlag durchführen konnten. Unpackbar! Insgesamt 30 Entfürhungen hat Nord-Korea zugegeben mehr als 100 haben alleine die Japaner nachweislich dokumentiert.

Jun Do entwickelt sich im Laufe des Romans und wechselt in Folge seiner fehlenden persönlichen Identität und eines Glücksfalls auch sehr schnell zu der Identität des Generals Ga, den er in Notwehr umgebracht hat. In einem Staat, in dem alle vorauseilenden Gehorsam gewohnt sind, brauchen nur zwei bis drei einflussreiche Personen inkl. der große Führer diese Scharade unterstützen, schon folgen alle der Münchhausiade. Sogar die Ehefrau, die einen Treuetest des Führers oder ihres ehemaligen Gemahls vermutet, steigt in das Spiel ein. Zudem wird dieser Glücksfall von Jun Do noch gefördert, da Kommandant Ga einer der größten und unbeliebtesten Verbrecher des Landes war, der sogar von Kim Jong Il gehasst wird, weil sich beide gar so ähnlich sind.

In der ganzen skurrilen Geschichte steckt noch viel mehr drinnen, aber ich kann dem ganzen gar nicht gerecht werden, erstens wahrscheinlich überhaupt nicht in meiner Rezension und dann schon gar nicht, ohne massiv zu spoilern. Bei all den Absurditäten, die sich nach Recherche auf jeden Fall zu einem Großteil als wahr erweisen, ist Adam Johnson möglicherweise der tiefste, intensivste  ausführlichste und wahrhaftigste Blick auf den Operettenstaat Nordkorea mit dem Vorbild des Shogunats und in die verwirrten Seelen des geknechteten, mit Stockholm Syndrom gepeinigten Täter- und Opfervolks zugleich gelungen.

Fazit: Einer der Höhepunkte in meinem Buchjahr - sowohl aus politischer, dramaturgischer und sprachlicher Sicht ein absoluter Knüller, der auf jeden Fall in meine All-Time-Favourites eingeht! Aber eben ein bisschen abstrus in seiner Realität und sicher nicht für Jedermannfrau geeignet.

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review 2018-05-11 18:16
Schenkt euren Füßen mehr Beachtung!
Unfuck your Feet: Das Comeback eines vernachlässigten Körperteils - Marco Montanez

Inhaltsangabe

DAS COMEBACK EINES VERNACHLÄSSIGTEN KÖRPERTEILS

Der Fuß, von den einen geliebt, von den anderen gehasst, aber meistens sträflich vernachlässigt. Damit ist jetzt Schluss! Unfuck your Feet lenkt die Aufmerksamkeit auf unsere Füße und den großen Zeh und führt Sie auf eine unterhaltsame und bilderreiche Reise von der Evolution des zweibeinigen Fußgängers bis zum modernen Turnschuh und den Irrungen und Wirrungen der modernen Orthopädie und ihren Einlagen. Marco Montanez Fußfitness-Konzept Toebility stärkt Ihre Füße und bietet Hilfe bei gängigen Fußproblemen wie Hallux valgus oder Fersensporn. Mit den zahlreichen Übungen in diesem Ratgeber machen Sie Ihre Füße endlich fit und holen sie aus ihrem Schattendasein heraus. 

 

Meine Meinung 

Dieses Buch habe ich vor geraumer Zeit vom Verlag zur Verfügung gestellt bekommen. Und ich war wahnsinnig neugierig auf diese Thematik, gerade da ich beruflich sehr viel mit den Füßen eines Menschen arbeite.

Da passte es super, dass ich bei NetGalley zusätzlich auf eine Challenge traf, welche dieses Buch beinhaltete. Ganz schnell habe ich das Buch nun wieder zur Hand genommen, um noch die letzten fehlenden Seiten zu beenden.

 

Und bereits im ersten Kapitel spricht der Autor das an, worum es in diesem Buch geht.

„Kaum ein Körperteil wird so offensichtlich vernachlässigt.“ (S. 13)

 

In insgesamt 38 kurzen und knackigen Kapiteln nimmt sich Marco Montanez den Fuß vor. Ich mag seine Art, wie er den Leser anspricht. Dies macht er sehr persönlich und eindringlich. Er verschönert in keinerlei Hinsicht bestehende Tatsachen und greift Beispiele aus dem Alltag auf, in denen sich mit Sicherheit viele der Leser wiederfinden werden.

 

Wie viele Menschen haben ihren Fuß schon einmal anatomisch betrachtet?

Auch wenn ich als Therapeutin mit der Anatomie des Fußes vertraut bin, war es interessant einmal Zahlen zu sehen. Denn Knochen und Muskeln eines Körperteils habe ich bisher noch nie gezählt.

26 Knochen

33 Gelenke

60 Muskeln

mehr als 100 Bänder

 

Fantastisch und erschreckend zugleich oder?

 

Der Autor nimmt im Buch immer wieder Anlauf, um dem Leser zu verdeutlichen, wie stark wir unsere Füße im Alltag ignorieren. Meines Erachtens brauch ein Mensch solche Bücher, um sich gewisse Themen erstmals näher zu bringen und zum Nachdenken anzuregen.

Fragt auch ihr euch einmal, was eure Füße für euch tun.

Welchen Aufgaben und Funktionen bringen sie mit sich?

Was müssen sie über das gesamte Leben alles aushalten?


„Wir haben vergessen, wie man steht, geht und läuft.“ (S. 26)

 

„Moderne Menschen haben verlernt zu gehen und schuld sind die Schuhe.“ (S. 45)

 

Das Thema Schuhe baut Marco Montanez in die Thematik Joggen ein.

Dieser Punkt spaltet immer wieder die Gemüter.

Ich persönlich finde, dass man diese Sportart sehr gut beherrschen muss, um seiner Physiologie treu zu bleiben. Aus therapeutischer Sicht bin ich allerdings kein Befürworter des Joggings, einfach weil ich der Meinung bin, dass sehr viele Menschen dieses physiologische Laufen nicht beherrschen. Der Autor spricht davon, dass viele Menschen erst einmal wieder lernen sollten, richtig zu stehen.

Damit trifft er es auf den Punkt.

Mir selbst wurden meine Probleme sehr gut vor Augen geführt.

An Laufen denke ich nicht, aber ich werde nun wieder üben physiologisch zu stehen.

 

Besonders erschreckt hat mich ein Beispiel hinsichtlich der Belastung beim Joggen. Wenn man da auf einmal Kilogrammangaben vor sich hat, sitzt man mit großen Augen und einem offenen Mund vor den geschriebenen Zeilen.

 

„Ein Körper ist nur so stark wie sein Fundament.“ (S. 80)

Und unser Fundament sind unsere Füße.

 

Um euch nicht zu viel vorwegzunehmen, möchte ich meine Worte an dieser Stelle sacken lassen. Jeder sollte in sich gehen und überlegen, wie viel Gutes er seinen Füßen tut und auch darüber nachdenken, wie viel Schlechtes wir unserem Fundament zu muten.

 

Da meine Füße selbst ein sehr unphysiologisches Grundgerüst darstellen, habe ich mich sehr über den praktischen Teil im Buch gefreut. Mit einfachen, aber so schwierigen Übungen werde ich mich in Zukunft meiner Fußmotorik widmen.

Es ist erschreckend, was ein Fuß wahrscheinlich einmal konnte und mit der Zeit verlernt hat.

 

Mein Fazit

Ich bedanke mich vielmals für diese Fokussierung auf meine Füße.

Trotz Vorwissen konnte der Autor mich zum Nachdenken anregen und er zeigt mir neue Perspektiven auf, um mich und auch meine Patienten besser zu beraten und zu behandeln. Mit seinem Buch „Unfuck your feet!“ spricht Montanez den Leser direkt an. Sowohl für Laien, als auch Fachleute super verständlich und unbedingt empfehlenswert.

Widmet euch diesen vernachlässigten Körperteilen.

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review 2018-05-06 09:55
Was bleibt
Das Leben, das uns bleibt - Susan Beth Pfeffer

Seit der Katastrophe ist das Leben hart geworden. Es ist kalt, es gibt nur selten Storm und Lebensmittel sind Mangelware. Fast hätte Miranda die Hoffnung aufgegeben, doch dann stehen plötzlich ihr Vater, seine Freundin Lisa mit dem Baby und zwei Jungs vor der Tür. 

"Das Leben, das uns bleibt" ist der Abschlussband der "Die letzten Überlebenden"-Trilogie.  

Diesmal kehrt die Autorin zu der jugendlichen Miranda - die Protagonistin aus dem 1. Band - zurück. Miranda und ihre Familie haben sich einigermaßen eingerichtet. Tag für Tag kämpfen sie gegen den Staub, haben es mit Kälte zutun und ziehen sich zum Schlafen aneinander gekuschelt in den Wintergarten zurück.

Miranda hat wieder angefangen Tagebuch zu schreiben und so erlebt man als Leser diese tristen Tage aus ihrer ganz persönlichen Perspektive mit. Ich muss schon sagen, dass Susan Beth Pfeffer mit dieser Tagebuchform eine exzellente Erzählweise für dieses Endzeitszenario gewählt hat. 

Man erfährt aus erster Hand wie Miranda empfindet, wie sie die Tage erlebt, wovor sie sich fürchtet und wann sie zu hoffen wagt. 

Außerdem zeichnen sich die Bände um Miranda durch Realismus aus. Es wird nicht übertrieben, nicht beschönigt und kaum konstruiert. Die Ereignisse sind plausibel, werden nicht unnötig dramatisiert - weil sie für sich schon tragisch genug sind - und haben dadurch sehr glaubwürdig auf mich gewirkt. 

Daher darf man sich auch keine spannungsgeladene Action erwarten, sondern es wird die Zeit nach dem katastrophalen Asteroideneinschlag am Mond beschrieben. Das Wetter ist verschoben. Es wächst nichts, weil fast das ganze Jahr über Winter ist und die Temperatur in den kurzen Sommermonaten nicht einmal die 10-Grad-Marke erreicht. Die Sonne kommt nicht hervor und Miranda kann sich kaum mehr an Farben oder den Himmel erinnern. 

Demzufolge sind Nahrungsmittel rar und jede Woche wird um die zugeteilten Tüten vom Rathaus gebangt. Noch sind sie in der glücklichen Lage, dass sie montags immer eine Lieferung erhalten. Doch was passiert, wenn diese Nahrungsquelle eines Tages versiegen wird? Dabei ist Miranda schon aufgefallen, dass der Inhalt der Lebensmitteltüten mit jeder Woche spärlicher wird. 

Realistisch wirkt auch, dass es nicht besonders viel zutun gibt. Sie sind damit beschäftigt, das Haus auf Vordermann zu halten, den seltenen Strom optimal zu nutzen und vor sich hin zu hungern. 

Doch dann klopft es eines Tages und Mirandas Dad steht vor der Tür! Darf sie jetzt wieder Hoffnung haben? Aber ihre Freude wird von all den hungrigen Mäulern getrübt, die ihr Vater im Schlepptau hat. 

Die weitere Entwicklung ist trostlos und wird dem Genre mehr als gerecht. Der Schwerpunkt wird auf den Alltag in der Endzeit gelegt und gemeinsam mit Miranda versucht man einen Tag nach dem anderen zu überstehen. Miranda begreift, dass das Leben nun anders als früher ist und nie wieder so wie damals werden wird. 

Die Erzählweise in Tagebuchform, die Handlung und der realistische Rahmen haben mich wieder überzeugt. Die Besonderheit an Susan Beth Pfeffers Endzeit-Szenario ist die schonungslose Realität, die in Mirandas Aufzeichnungen anschaulich dargestellt wird. Ich kann mir gut vorstellen, dass das Ende tatsächlich so passieren könnte, wie Miranda es in ihrem Tagebuch erzählt.

Wer nüchterne Endzeit-Geschichten mag, wird diesen und den ersten Teil von Susan Beth Pfeffers „Die letzten Überlebenden“-Trilogie sicherlich gerne lesen.

 

 

Die letzten Überlebenden:
1) Die Welt, wie wir sie kannten
2) Die Verlorenen von New York
3) Das Leben, das uns bleibt

Source: zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at
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review 2018-04-26 09:12
Eine Reise in die eigene Vergangenheit
Ein mögliches Leben: Roman - Hannes Köhl... Ein mögliches Leben: Roman - Hannes Köhler

Eigentlich sollte Franz Schneider im Jahr 1944 ein Teil der Gegenoffensive Hitlers sein. Stattdessen landete der Bergmann in amerikanischer Gefangenschaft. 70 Jahre später ist Franz verwitwet und hat einen Wunsch: Der fast 90-Jährige will noch einmal zurück nach Texas und das ehemalige Lager sehen. Sein Enkel Martin, ein Lehrer in den unbezahlten Sommerferien, kann ihm die Bitte nicht abschlagen und lässt sich ein auf die letzte große Reise seines Großvaters. In den USA werden für den alten Mann die Kriegsjahre und die Zeit danach wieder lebendig. Endlich findet Franz die Worte für das, was sein Leben damals verändert hat. Mit jeder Erinnerung kommt Martin seinem Opa näher. Und langsam beginnt er die Brüche zu begreifen, die sich durch seine Familie ziehen…

„Ein mögliches Leben“ ist ein bewegender Roman von Hannes Köhler.

Meine Meinung:
Aufgeteilt ist das Buch in sechs Kapitel. Darüber hinaus gibt es einen Pro- und einen Epilog. Passagen aus der Gegenwart wechseln sich mit Rückblicken beziehungsweise Erinnerungen ab. Die Verknüpfung von damals und heute ist fließend und dabei gut gelungen.

Den Erzählstil habe ich als angenehm und anschaulich empfunden. Die Sprache ist sehr klar. Dennoch schwingen viele Emotionen und Stimmungen mit und es entstehen viele Bilder. Dadurch konnte mich der Roman in seinen Bann ziehen.

Franz und Martin sind zwei interessante und authentisch dargestellte Hauptprotagonisten. Ich fand es berührend zu lesen, wie sich ihre Beziehung entwickelt. Trotz seiner zweifelhaften Vergangenheit war mir Franz nicht unsympathisch. Die Reise der beiden habe ich gerne verfolgt.

Ein Pluspunkt des Romans ist es, dass hier das interessante Thema der Kriegsgefangenschaft so detailliert und glaubwürdig aufgegriffen wird. Es bietet dem Leser nicht nur einen Erkenntnisgewinn, sondern regt auch zum Nachdenken an. Dass der Autor zwei Monate lang auf Recherchereise in den Vereinigten Staaten war und sich fundiert in die Materie eingearbeitet hat, merkt man dem Buch an. Dennoch ist es keine trockene Lektüre, sondern eine Geschichte, die emotional berührt.

Das Cover ist ein Blickfang, der neugierig macht und inhaltlich gut zur Geschichte passt. Auch der Titel ist überzeugend.

Mein Fazit:
„Ein mögliches Leben“ von Hannes Köhler ist ein lesenswerter Roman, der mir schöne Lesestunden bereitet hat. Eine überzeugende Geschichte, die nicht nur die Vergangenheit einer Familie, sondern einer ganzen Generation beleuchtet.

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review 2018-04-17 08:00
Psst! Eine politische Jugend-Dystopie!
Die Verschworenen - Ursula Poznanski

Betrachtet man die Liste der Werke von Ursula Poznanski, fällt die dystopische „Die Verratenen“-Trilogie als ungewöhnlich auf. Normalerweise tummelt sich die österreichische Autorin nämlich nicht in der Science-Fiction. Überwiegend schreibt Poznanski Thriller und allgemein Spannungsliteratur für Erwachsene und Jugendliche. Ihren Ausflug in ein anderes Genre begründete sie gegenüber der FAZ damit, dass sie, um die Geschichte erzählen zu können, die ihr vorschwebte, ein spezielles Gesellschaftskonstrukt benötigte, das extreme Gegensätze zuließ. Dies bedeutete entweder Fantasy oder Dystopie. Sie entschied sich für die Dystopie. Meiner Ansicht nach war ihre Wahl goldrichtig, da der Realitätsbezug ihres Dreiteilers in einer düsteren Zukunftsvision definitiv glaubwürdiger ist.

 

Niemals hätte Ria geglaubt, dass Tageslicht das kostbarste Gut in ihrem Leben werden würde. Seit sie und ihre Freunde in Quirins unterirdisches Labyrinth flohen, sehnt sie jede Sekunde unter der Sonne herbei. Doch diese wertvollen Momente sind selten. Nur wenige der Schwarzdornen wissen, dass ihre Abreise inszeniert war – zum Schutz des Clans und zu ihrem eigenen Schutz, denn die Sphären suchen noch immer nach ihnen. Die Frage, warum ihre eigenen Leute sie umbringen wollen, quält Ria in den langen, dunklen Stunden unter der Erde. Trotz dessen hält sie Aureljos Plan, sich heimlich in eine Sphäre zu schmuggeln, für zu gefährlich. Quirin hingegen unterstützt ihn tatkräftig bei seinen Vorbereitungen. Fast, als wollte er sie loswerden… Während Aureljo beschäftigt ist, sortiert Ria die Bücher der Bibliothek. Inmitten von dicken Wälzern voller längst vergessenem Wissen entdeckt sie handgeschriebene Briefe. Aufgeregt beginnt sie, zu lesen und begreift schnell, dass sie die Antwort auf all ihre Fragen in den Händen hält. Sie kann nicht länger bei den Schwarzdornen bleiben. Sie muss Aureljo in die Sphären begleiten. Denn jetzt geht es nicht mehr nur um ihr Leben.

 

Im selben Interview, in dem Ursula Poznanski erklärt, warum sie die „Die Verratenen“-Trilogie als Dystopie konzipierte, scherzt sie, dass sie Hemmungen hat, die drei Bücher als politisch zu betiteln, um ihre jugendlichen Leser_innen nicht zu vergraulen. Bei mir muss sie sich da keine Sorgen machen. Im Gegenteil, ich freue mich sehr darüber, dass der zweite Band „Die Verschworenen“ die politische Ebene der Geschichte subtil aber deutlich fokussiert. Genau diese Verbesserung hatte ich mir nach der Lektüre des ersten Bandes „Die Verratenen“ gewünscht und siehe da, Poznanski hat mich erhört. Dank spannender Einblicke in das gesellschaftliche Gefüge innerhalb der Sphären und in das Verhältnis zwischen Sphären- und Außenbewohnern lernte ich die Strukturen der potentiellen zukünftigen Welt besser kennen und erfuhr darüber hinaus beiläufig die realistische Ursache für die Eiszeit, die einen Teil der Menschen veranlasste, Zuflucht in den gigantischen Plastikkuppeln zu suchen. Ursula Poznanski hätte all dieses Wissen bereits im Auftakt der Trilogie verraten können – ich bin froh, dass sie es nicht getan hat. „Die Verschworenen“ ist erneut eng an die Protagonistin und Ich-Erzählerin Ria geknüpft. Ihr Erlebnis- und Erkenntnishorizont bestimmt das Fortschreiten der Geschichte. Es ist vollkommen plausibel, dass sie Zeit brauchte, um zu begreifen, dass ihre Wahrnehmung der Welt durch ihre Erziehung in den Sphären einseitig, voreingenommen und teilweise schlicht falsch ist. Rias Blickwinkel musste sich erst verschieben, um sie sehen zu lassen: Unrecht und Ungleichgewicht in zahllosen Facetten, nicht nur bezüglich der Behandlung der Außenbewohner durch die Sphären, sondern auch hinsichtlich der Organisation des Lebens in den Sphären selbst. Mir war nicht bewusst, wie privilegiert Ria und ihre Freunde als Elitestudenten waren – es fiel uns gemeinsam wie Schuppen von den Augen, als sie erfährt, wie sich der Alltag normaler Arbeiter_innen gestaltet, wie vielen Einschränkungen und Vorschriften diese unterworfen sind. Diskret hinterfragt Poznanski, ob die gefährliche Freiheit der Außenwelt der klaustrophobischen, erdrückenden Sicherheit der Sphären vielleicht vorzuziehen ist. Dank Rias beeindruckender Auffassungsgabe sind die Klassenunterschiede allgegenwärtig. Ihre Gedankengänge zu beobachten war faszinierend. Aufgrund ihrer Ausbildung zeichnet sie sich durch ein außergewöhnliches Maß an Struktur, Rationalität und Kontrolle aus, wirkt jedoch niemals kalt oder unglaubwürdig, weil sie ihre Gefühle überzeugend durchlebt. Sie verfügt lediglich über Strategien, die es ihr ermöglichen, sich zu beherrschen. Dadurch nervt sie sehr viel weniger als manch andere YA-Heldin. Sie ist keine Heulsuse und darin geschult, sich selbst zu helfen und Probleme eigenständig zu lösen. Hysterie ist ihr fremd, weshalb sogar ihr unvermeidliches Liebesdreieck erträglich war, was allerdings auch daran liegt, dass es die Handlung niemals überlagert. Poznanski erhält den Fokus aufrecht.

 

Ich fand „Die Verschworenen“ zweifelsfrei besser als den Trilogieauftakt. Beinahe hätte es für eine 4-Sterne-Bewertung gereicht, bräuchte die Handlung nicht etwas lang, um in Gang zu kommen. Die Zeit, die Ria unterirdisch verbringt, erschien mir langatmig; es dauert eine Weile, bis sich die Situation der Protagonistin entscheidend ändert. Trotz dessen erkenne ich nun doch Ursula Poznanskis Talent. Sie schreibt sehr elegant und ökonomisch, verzettelt sich nicht und verzichtet auf unnötige inhaltliche Schlenker. Ihre Dystopie ist ebenso vorstellbar wie innovativ und ich habe das Gefühl, dass trotz der unerwarteten, schockierenden Wendung des zweiten Bandes noch längst nicht alle schmutzigen Geheimnisse aufgedeckt wurden. Ich freue mich auf das Finale „Die Vernichteten“ und drücke Ria die Daumen, dass sie eine Brücke zwischen Sphären und Außenwelt schlagen kann. Für mich wäre die Wahl übrigens eindeutig: lieber frei als sicher.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2018/04/17/ursula-poznanski-die-verschworenen
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