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review 2018-04-19 07:53
Wir oder Die
Die Vernichteten - Ursula Poznanski,Ursula Poznanski

Auge um Auge. Ein Leben für ein Leben. Rechtfertigt das Unrecht, das die Außenbewohner durch die Sphären erfuhren, die Auslöschung der Kuppelbewohner? Ria ist fest entschlossen, die Ausbreitung einer tödlichen Epidemie zu verhindern. Sie riskierte ihr Leben, um aus der Sphäre Vienna 2 zu fliehen, zu den Schwarzdornen zurückzukehren und Quirin das Serum abzunehmen, das die einzige Hoffnung der Sphären ist. Doch Quirin weigerte sich. Jetzt ist der Bewahrer verschwunden und Ria und Tycho sind erneut in seinem unterirdischen Labyrinth eingesperrt, während sich die Lage an der Oberfläche stetig zuspitzt. Die Sphären lassen nichts unversucht, um sie einzufangen – tot oder lebendig. Auf der Suche nach ihr durchkämmen die schlimmsten Clans der Außenwelt die Gegend. Als neuer Clanfürst hat Sandor alle Hände voll zu tun, seine Leute zu schützen und ihre Feinde gleichzeitig von Rias Fährte abzulenken. Die Situation eskaliert, als Rias und Tychos Versteck entdeckt wird und die Schwarzdornen ihnen vorwerfen, Quirin ermordet zu haben. Sandor und Andris verteidigen sie, werden jedoch nur selbst zur Zielscheibe. Der Clan verstößt sie. Allein in der Wildnis, gejagt und verfolgt, haben die vier nur eine Chance, zu überleben und die Welt vor einer Katastrophe zu bewahren: sie müssen sich zur westlichen Linie der Schwarzdornen durchschlagen, die ebenfalls über das Serum verfügt. Kann Ria sie überzeugen, ihr das Heilmittel auszuhändigen, um die Sphären zu retten? Oder sitzt der jahrzehntelange Hass längst zu tief?

 

Ist euch der Begriff „Othering“ geläufig? Laut Wikipedia beschreibt dieser Terminus „die Differenzierung und Distanzierung der Gruppe, der man sich zugehörig fühlt (Eigengruppe), von anderen Gruppen“. Klingt erst einmal harmlos, nicht wahr? Man muss die Definition schon ein bisschen auseinandernehmen, um zu verstehen, inwiefern dieser Prozess einer Gesellschaft schadet. Othering bedeutet, die Merkmale der eigenen Gruppenidentität als normal und positiv zu bestätigen, indem man sie den als abnorm, negativ wahrgenommenen Merkmalen einer anderen Gruppe gegenüberstellt. Es ist die keinen Widerspruch duldende Unterscheidung in „Wir, die Guten“ und „Die, die Schlechten“. Folglich ist Othering die Basis von Faschismus, Homophobie, Rassismus, Antisemitismus und allen anderen Geschwüren der Menschheit. Es ist ein Prozess, der Diskriminierung und soziale Ausgrenzung schürt und die Gräben unserer Gesellschaft vertieft. Ich weiß nicht, ob Ursula Poznanski explizit mit dem Konzept des Othering vertraut ist, doch das Finale ihrer „Die Verratenen“-Trilogie, „Die Vernichteten“, illustriert seine Gefahren exakt und nachvollziehbar. Die Autorin eskaliert den Konflikt zwischen Sphären- und Außenbewohnern und verdeutlicht ausgeglichen, welche fürchterlichen Früchte Othering treiben kann. Sie bevorzugt keine Seite, schildert die von Angst und Vorurteilen geprägte Koexistenz beider Parteien ausgewogen und zeigt die gegenseitige grausame Gnadenlosigkeit äußerst realistisch. Die Situation verschärft sich bis zum Patt: „Wir oder Die“. Ich fand diesen dritten Band spannender als die Vorgänger. Die Protagonistin Ria und ihre Verbündeten verfolgen ein klar definiertes Ziel – sie wollen den Ausbruch der Epidemie aufhalten. Für mich war diese konkrete Zielsetzung sehr wichtig, da ich keine Lust hatte, noch länger im Dunkeln zu tappen. Jede Geschichte braucht einen Moment, in dem alle Karten auf dem Tisch liegen. Ursula Poznanski wählte diesen Augenblick hervorragend, sodass ich das Finale mit angehaltenem Atem verfolgen konnte. Die Spannungskurve steigt im Verlauf der Trilogie stetig an und findet in „Die Vernichteten“ ihren Höhepunkt. Der Weg zum dramatischen Showdown ist mit vielen kleineren sowie größeren Überraschungen gespickt, weshalb ich ein paar träge Passagen, die die Handlung etwas ins Stocken brachten, verzeihen konnte. Poznanski spielte mit meiner Erwartungshaltung; mal rührte sie mich beinahe zu Tränen, mal rieb ich mir angesichts ungeheuerlicher Offenbarungen ungläubig und schockiert die Augen. Erneut empfand ich eine stabile Verbindung zur Ich-Erzählerin Ria, die mir als eine der angenehmsten YA-Heldinnen aller Zeiten in Erinnerung bleiben wird. Es war interessant, dass sie ihre speziellen Fähigkeiten im letzten Band seltener einsetzt. Ich hatte den Eindruck, dass der intensive Kontakt mit der Außenwelt in ihr das Bedürfnis weckte, selbst echter zu sein. Ihr Talent zur Manipulation bedeutet nun mal, oft eine Maske zu tragen und ihre wahren Gefühle zu verbergen. Vielleicht wurde ihr aber auch nur bewusst, wie wertlos ihr beeindruckendes Können in der Wildnis ist. Ich war ein wenig enttäuscht, dass sie während ihrer Zeit bei den Schwarzdornen so wenig lernte. Allein in der Natur käme sie überhaupt nicht zurecht. Sie war hilflos und auf die Unterstützung ihrer Freunde angewiesen, aus denen Poznanski übrigens mehr hätte herausholen können. Ohne sie wäre die Mission „Rettung der Welt“ von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen, weil das Sphärenmädchen tot in irgendeiner Grube gelegen hätte.

 

„Die Vernichteten“ bestätigte, was ich nach der Lektüre des zweiten Bandes „Die Verschworenen“ kaum zu hoffen wagte: die Trilogie „Die Verratenen“ steigert sich mit jedem Band und ist insgesamt wesentlich besser, als ich erwartet hatte. Besonders das halb-offene Ende des Finales ist bemerkenswert: Ursula Poznanski verzichtet auf übertrieben pathetische Szenen und riskiert lediglich einen zurückhaltenden, realistischen Ausblick in die Zukunft. Weiter ins Detail möchte ich nicht gehen, doch ich kann euch berichten, dass ich das Buch zufrieden zuschlug. Meiner Ansicht nach ist der Hype um die Trilogie zwar trotz dessen überzogen, weil sie aus der Masse guter YA-Dystopien kaum heraussticht, aber Poznanski gelang es zweifellos, mich von ihr als Schriftstellerin zu überzeugen. Mal schauen, was sie noch zu bieten hat.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2018/04/19/ursula-poznanski-die-vernichteten
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review 2017-01-11 10:02
Unglaubwürdiges Psychogram eines Autors über eine Frau
Das Vermächtnis der Eszter - Sándor Márai,Christina Viragh

Selten klappte ich ein Buch mit derartigem verblüfften heiligen Zorn zu wie dieses, denn alle inneren Antriebe der Hauptprotagonistin zu ihren völlig wahnwitzigen selbstzerstörerischen Handlungen sind so unglaubwürdig und wurden mir einfach vom Autor überhaupt nicht erklärt. Da hilft es auch nichts, dass das Buch von einem Schriftsteller aus einer anderen Zeit und Generation vor der Emanzipation stammt, in der die Frauen allesamt noch gefügige arme Hascherln warn, aber so dämlich, sich wie ein Lemming ohne Zwangslage freiwillig von einer Klippe zu stürzen, das brachten nicht mal die naivdümmsten Vorkriegsfrauen zustande.

Aber nochmals zurück zur Ausgangslage: Das Buch beginnt eigentlich in gewohnter Marai Qualität als wortgewaltiges Psychogram des Schlawiners, Strizzis, Pülchers, Falotten (ui da poppt das österreichisch/ungarische Synonymwörterbuch in meinem Schädl automatisch auf) Lajos, geschrieben von jener Frau Eszter, die er am meisten um ihr Leben und ihr halbes Vermögen beschissen hat. Als sich Lajos zu Besuch ansagt, will er von ihr auch noch den kümmerlichen Rest ihrer Existenz und sie überschreibt ihm ihr Haus, um fortan ihr Leben im Armenhaus zu fristen.

So weit so gut - die Schuldgefühle und die Tränendrüse auf die der Schwindler wortreich, eloquent, übergriffig, manipulierend und mit gewiefter emotionaler Erpressung drückt, sind ja durchaus nachvollziehbar und gut beschrieben. Aber warum Esther auf die Forderungen eingeht, erschließt sich mir nicht. Offenbar versteht es jeder, die Hausdame, der Familienanwalt, Sandor Marai - nur der Leser bleibt kopfschüttelnd und völlig ahnungslos zurück. Nun wäre es nicht so verwerflich, wenn Marai das Buch aus männlicher Perspektive geschrieben hätte, dann könnte man noch sagen, so stellt sich der kleine Sandor völlig unrealistisch und hirnverbrannt die unterwürfigen dummen Weiber vor (dies tat auch schon mal Murakami und wurde von mir deshalb besser bewertet), aber das Buch auch noch quasi aus der Frauenperspektive herauszuschreiben, ist tatsächlich ein verdammtes Sakrileg. Marai macht sich ja nicht mal die Mühe, uns schlüssig zu erklären, was die Meinungsänderung von Esther wirklich verursacht hat. So quasi - sie ist eine Frau - deshalb muss sie sich naiv dumm opfern. Punkt.

Da fühle ich mich als Mensch und als weibliches Wesen übelst beleidigt, und müsste Marai dringend empfehlen (sofern er noch leben würde), dass er über Sachen schreiben sollte, von denen er was versteht, aber auf keinen Fall über Frauen. In die Haut alternder Männer konnte er gut hineinschlüpfen über Frauen hätte er nie schreiben dürfen, dafür war er zu respektlos und präpotent-dämlich.

Selbst wenn ich ein armes weibliches Hascherl vor 1914 gewesen wäre, die noch nie was von feministischen Ideen gehört und nie aufgemuckt hätte, hätte ich mich nach damaligen Maßstäben gemansplaint gefühlt und auf diesen Roman ordentlich gespuckt.

Ach ja Stern 2 gibt es für die Form und Sprache, denn schreiben kann er ja der Herr Marai.

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review 2016-10-26 10:18
Überwältigend
A Storm of Swords - George R.R. Martin

Meine Ausgabe von „A Storm of Swords“, der dritte Band der Reihe „A Song of Ice and Fire“ von George R.R. Martin, umfasst 1177 Seiten. Das gute Stück hat die Ausmaße eines soliden Ziegelsteins und ist inhaltlich so vollgepackt, dass ich beschlossen habe, meine üblichen Zeichenrichtlinien zum Schreiben einer Rezension ausnahmsweise in den Wind zu schießen. Es ist mir egal, ob dann keiner mehr Lust hat, meine Ausführungen zu lesen, denn letztendlich dienen meine Rezensionen nicht nur dazu, euch einen Eindruck eines Buches zu verschaffen, sondern sollen auch mir helfen, mit einer Geschichte abzuschließen. Ich habe sehr viel zu „A Storm of Swords“ zu sagen und da ich der Meinung bin, dass jeder dieser Gedanken wichtig ist (ja, ich bin so arrogant), werde ich mir selbst die Möglichkeit verschaffen, jeden einzelnen aufzuschreiben, solange es kein Spoiler ist. Bringt Sitzfleisch mit, lehnt euch zurück und genießt.

 

Der Krieg der Häuser forderte erste Opfer. Renly Baratheon ist tot; sein Bruder Stannis gedemütigt und geschlagen in der vernichtenden Niederlage gegen König Jeoffrey. Nun verfügt einzig Robb Stark als König des Nordens über die nötige Truppenstärke, um den Lannisters und ihren Verbündeten im Feld die Stirn zu bieten. Doch Kriege werden nicht allein durch Schlachten entschieden. In King’s Landing begreift Sansa Stark, dass sie ihren Feinden ohne Freunde schutzlos ausgeliefert ist. Lediglich ihr Titel hält sie am Leben, eine Lektion, die ihrer Schwester ebenfalls aufgezwungen wird. Arya Stark versucht, sich auf eigene Faust zu ihrer Mutter und ihrem Bruder in Riverrun durchzuschlagen, wird jedoch von den unberechenbaren Strömungen des Krieges erfasst und als Geisel gefangen genommen.
Währenddessen kämpft ihr Halbbruder Jon Snow mit den Konsequenzen des letzten Befehls von Qhorin Halfhand. Die Wildlinge trauen ihm nicht und stellen seine Schwüre auf die Probe. Er muss einen Weg finden, so schnell wie möglich unauffällig zu entkommen, um der Nachtwache von seinen Beobachtungen zu berichten und seine Brüder zu warnen, bevor die Wildlinge ihren Angriff auf die Mauer und das Reich beginnen.
Einen Angriff plant auch Daenerys Targaryen. Weit entfernt von Westeros versammelt sie eine Streitmacht, um ihr Geburtsrecht auf den Eisernen Thron einzufordern.
Allianzen und Vereinbarungen schmieden die Bande zum Sieg – wer sie bricht, riskiert alles.

 

In dieser Rezension möchte ich all die Lobhudelei auf George R.R. Martin beiseitelassen. Ich habe bereits in den Rezensionen der vorangegangenen Bände ausreichend beschrieben, wie begeistert ich von seinem Worldbuilding, seinem Schreibstil und seiner Charakterkonstruktion bin. Er ist brillant. Daran gibt es nichts zu rütteln und „A Storm of Swords“ erhält nicht grundlos volle 5 Sterne von mir. Ich möchte vermeiden, mich ständig zu wiederholen. Stattdessen habe ich entschieden, diesen Rahmen zu nutzen, um euch an meinen Gedanken zu den inhaltlichen Entwicklungen dieses dritten Bandes teilhaben zu lassen. Vor allem möchte ich das erste Mal über eine Figur schreiben, über die ich bisher noch kein Wort verloren habe. Ich möchte über Daenerys Targaryen philosophieren.

 

Ich habe lange über Dany nachgedacht. Ich habe überlegt, was sie von den anderen Charakteren der Reihe „A Song of Ice and Fire“ unterscheidet und warum sie trotz ihrer fragwürdigen Abstammung so furchtbar sympathisch ist. Die Antwort ist überraschend simpel: Dany ist sympathisch, weil sie ein guter Mensch ist. Keine lebensverändernde Erkenntnis, was? Banal. Offensichtlich. Naheliegend. Nun, die Tatsache an sich würde sie kaum hervorheben, schließlich kann wohl niemand bestreiten, dass sich auch Westeros durchaus gute Menschen tummeln. Danys Vorteil und ihr Alleinstellungsmerkmal sind in ihrer Isolation begründet.

 

Seht ihr, die Familien in Westeros sind vorbelastet. Sie können keine einzige Entscheidung aus dem Herzen oder dem Bauch heraus treffen. Sie können ja noch nicht einmal danach entscheiden, was richtig und falsch ist, weil diese Worte über die Jahrhunderte und schwelenden Konflikte hinweg für die Häuser ihre Bedeutung verloren haben. Meiner Ansicht nach ist die Perspektive der Häuser verschoben. Sie sind so auf ihre kleinlichen Fehden konzentriert, dass sie aus den Augen verloren haben, wo ihre Prioritäten liegen sollten. Es sollte niemals ihr Ziel sein, sich gegenseitig auszulöschen. Ihr Ziel sollte sein, das Beste für die Menschen zu erreichen, für die sie Verantwortung tragen: ihr Volk. Sie zwingen sich gegenseitig in einen tödlichen Tanz, der niemals enden kann und stets auf den Rücken der kleinen Leute ausgetragen wird. Wessen Felder werden verbrannt? Wessen Dörfer geplündert? Leider spielen diese sehr realen Verluste für die Mächtigen in Westeros nur auf dem Papier eine Rolle, als Symbol ihrer Herrschaft. Niemand vergießt eine Träne für den Bauern, dessen Frau vergewaltigt und zu Tode gefoltert wird.

 

Dany hingegen… Dany ist nicht nur ein guter Mensch, sie handelt auch entsprechend. Sie hat ein Herz für die Schwachen; ihre Verbindung zu ihnen ist echt und voller Leidenschaft. In „A Storm of Swords“ beginnt sie einen Kampf gegen die Sklaverei, der deutlicher Ausdruck ihrer moralischen Überzeugungen ist. Sie kann es sich leisten, nach Ethik und Moral zu agieren, weil sie keine Familie hat, der sie Rechenschaft schuldig ist oder deren Befindlichkeiten sie respektieren muss. Sie ist autonom. All die Ketten, die die Starks, Lannisters, Tullys usw. fesseln, greifen bei ihr nicht. Ich halte sie für eine gute Königin, weil sie wirklich das Beste für ihr Volk anstrebt und dafür bereit ist, selbst Opfer zu bringen. Trotzdem oder gerade deshalb möchte ich ihr zurufen, sich von Westeros fernzuhalten. Ich mache mir Sorgen, dass die festgefahrene Situation auf dem Kontinent ihr edles Wesen verdirbt. Sie hat keine Vorstellung davon, worauf sie sich einlässt, welche Schlangengrube sie dort erwartet.

 

Betrachten wir doch mal, mit wem Dany es zu tun bekommen wird, wenn sie Westeros eines Tages erreicht. George R.R. Martin präsentiert seinen Leser_innen in „A Storm of Swords“ eine neue Perspektive, er schildert die Ereignisse unter anderem aus der Sicht von Jaime Lannister.
Von außen betrachtet hat Jaime alles, was man sich nur wünschen kann: er sieht gut aus, er gehört zu einer reichen und mächtigen Familie, er hat einen prestigeträchtigen Posten als Mitglied der Königswache und eine beachtliche Reputation als Kämpfer und Soldat. Und doch ist Jaime nicht glücklich. Er trägt zwar eine Arroganz zur Schau, die ihresgleichen sucht, aber ich halte diese für Fassade. Er versteckt sich hinter seinem Hochmut, um sich vor der Verurteilung eines ganzen Reiches zu schützen. Er ist der Königsmörder, der Sündenbock für die Revolte gegen Danys Vater Aerys II Targaryen. Natürlich brach Jaime seinen Schwur, als er das Schwert gegen seinen König erhob, doch tat er nicht genau das, was erstens sowieso alle wollten und zweitens auch das Beste für das Reich war? Aerys war verrückt, das lässt sich kaum bestreiten. Ich finde es heuchlerisch, Jaime für etwas zu verdammen, was im Interesse aller war und was – seien wir ehrlich – ohnehin passiert wäre. Wäre Jaime nicht Mitglied der Königswache, würde man ihn als Held feiern, statt ihn Königsmörder zu schimpfen. Er muss den Kopf hinhalten für all diejenigen, die zu feige sind, sich mit ihrer eigenen Schuld auseinander zu setzen. Das Stigma des Eidbrechers wird ihn sein Leben lang begleiten. Das ist einfach nicht fair. Ich verstehe, dass Jaime verbittert und zynisch ist, weil niemand ihm jemals wirklich vertraut.
Ich habe nicht erwartet, Sympathie für ihn zu empfinden und war überrascht, dass in Jaimes Herzen das Potential zu einem großzügigen, gerechten und liebenswerten Menschen schlummert. Er ist seinem Bruder Tyrion sehr viel ähnlicher, als es den Anschein hat und ich wünsche ihm, dass er eines Tages erkennt, dass Cersei ihm nicht guttut. Tatsächlich bin ich der Meinung, dass die Gesellschaft von Brienne von Tarth für ihn weit gesünder war, als es seine inzestuöse Beziehung zu seiner Schwester je sein könnte. Ihre gemeinsame Reise verändert sie beide. Brienne zeigt Jaime, dass Loyalität, Ehrlichkeit und Treue keineswegs überholte Werte sind, die Schwäche symbolisieren und Integrität eine erstrebenswerte Eigenschaft ist. Brienne hingegen lernt durch Jamie, dass die Welt niemals stur in schwarz und weiß untereilt werden kann. Sie wachsen aneinander. Ich hoffe, dass ihre Wege sich nicht zum letzten Mal gekreuzt haben und drücke Jaime von Herzen beide Daumen für seinen Versuch, sich selbst neu zu erfinden. Er verdient es, zu einer Person zu werden, die er beruhigt im Spiegel betrachten kann.

 

Die Freundschaft zwischen Brienne von Tarth und Jaime Lannister kann man getrost als seltsam bezeichnen; sie ist jedoch nahezu gewöhnlich, vergleicht man sie mit der Beziehung zwischen Arya Stark und dem Hund, Sandor Clegane.
Aryas Reise empfand ich als furchtbar frustrierend. Sie erschien mir vom Pech verfolgt, wird nach ihrer Gefangennahme zwischen den Mächten des Krieges hin- und hergeschoben, die alle kein Interesse an ihr selbst haben, sondern nur an ihrem Wert in harter, klingender Münze. Es kümmert niemanden, dass sie trotz ihrer rotzfrechen Art eigentlich nur ein junges Mädchen ist, das sich nach seiner Familie sehnt. Obwohl ich ihr das niemals ins Gesicht sagen würde, tat sie mir unheimlich leid, weil ich glaube, dass sich unter ihrer harten Schale ein verängstigtes Kind verbirgt, das dringend in den Arm genommen werden möchte. Nun, liebevolle Worte kann man vom Hund nicht erwarten, aber ich bin überzeugt, er ist nicht das Schlechteste, das Arya passieren konnte. Irgendwie passen die beiden zueinander. Irgendwie schafft es Arya, ihm fürsorgliche Gefühle abzuringen. Ich denke, Celgane imponieren ihr Mut und ihre Wildheit, möglicherweise sieht er in ihr die kleine Schwester, die er nie hatte. Sie zeigt ihm gegenüber auf jeden Fall mehr Courage als so manches Mitglied des Hofes.
Vielleicht interpretiere ich aber auch zu viel in sein Verhalten hinein. Ich habe bemerkt, dass ich den Hund trotz all seiner Fehler mag und ihn gern positiver beurteile, als er objektiv betrachtet ist. Ich möchte an das Gute in ihm glauben, ähnlich wie bei Jaime Lannister. Ich habe eine gewisse Schwäche für ihn, weil ich das Gefühl habe, ihn zu verstehen. Er hatte in King’s Landing nichts verloren, er ist viel zu ehrlich und direkt für das subtile Intrigenspiel am Hof. All das Stolzieren und Lügenspinnen sind ihm zuwider, weil er weiß, dass sich unter der glänzenden, achtungsheischenden Rüstung eines Ritters oft ein verdorbener Kern befindet. Erstaunlicherweise trifft diese Beschreibung auch auf Jeoffrey zu, dem er viele Jahre als Leibwächter diente. Ich wüsste furchtbar gern, wie er wirklich von Jeoffrey denkt.

 

Arya zusammen mit dem Hund zu erleben, bestätigte darüber hinaus meine Überzeugung, dass Sansa im letzten Band „A Clash of Kings“ mit ihm hätte gehen sollen. Er hätte sie sicher aus King’s Landing herausgebracht und an seiner Seite wäre es ihr auf der Straße bzw. auf der Flucht vermutlich auch nicht schlechter ergangen als am königlichen Hof. Leider ist Sansa ein naives, oberflächliches Ding und muss deshalb nun mit ansehen, wie ihr vollständig die Kontrolle über ihr Leben entrissen wird. Sie ist nicht länger eine Persönlichkeit mit Vorlieben, Ängsten, Stärken und Schwächen, sondern nur noch der personifizierte Anspruch auf Winterfell. Da ihr Bruder Robb jeder Zeit fallen könnte, umkreisen sie die Mächtigen des Reiches wie Geier, bereit, zuzuschlagen, sobald sich eine Gelegenheit bietet. Ausgerechnet die Lannisters finden eine Lösung für ihre Situation, die Sansa unglücklicherweise nicht als die Chance erkennt, die sie ist. Ihre Oberflächlichkeit steht ihr erneut im Weg. Meiner Meinung nach ist Sansa von allen Stark-Sprösslingen diejenige, die ihrem Vater am wenigsten ähnelt.

 

Ironischerweise ist ausgerechnet Jon Snow, der Bastard, charakterlich ein genaues Abbild seines Vaters Ned Stark. Ich habe festgestellt, dass ich mich auf die Kapitel aus Jons Sicht besonders freue. Seine Perspektive gefällt mir außerordentlich gut, nicht nur, weil er eine sympathische Figur ist, sondern auch, weil er meinem Empfinden nach eine spezielle, starke Stimme hat. Er ist überlegt und rational, lässt sich selten von Leidenschaft überwältigen und trifft in der Regel logische Entscheidungen. Damit hat er den meisten Figuren der Reihe einiges voraus und auf mich wirkt seine bedachte, verstandesbasierte Persönlichkeit beruhigend, er kühlt meine Aufregung angenehm herunter. Ich stelle ihn mir als einen jungen Mann vor, der niemals schreien muss und trotzdem gehört wird; einen Mann mit dem natürlichen Talent zur Autorität. Ich kann es kaum abwarten, die tragische Geschichte seiner Mutter zu erfahren. Ich weiß mittlerweile, wer sie war, aber was genau zwischen ihr und Ned Stark geschah, ist noch immer ein Geheimnis.
Obwohl ich es damals als furchtbar ungerecht empfand, bin ich nun dankbar, dass Jon ein Bruder der Nachtwache geworden ist. Ich denke, nirgendwo sonst hätte er eine Gemeinschaft gefunden, die ihn bedingungslos akzeptiert und nach seinen Taten und Fähigkeiten beurteilt. Wo auch immer er versucht hätte, sich ein Leben aufzubauen, als Bastard wäre er stets ein Außenseiter geblieben. Die Nachtwache besteht ausschließlich aus Außenseitern der verschiedensten Couleur. Es wundert mich nicht, dass Jon sich hier wohlfühlt und die gegenseitige Loyalität zwischen ihm und seinen Brüdern hat mich tief berührt.

 

Ich liebe die Geschichte von „A Song of Ice and Fire“. Ich kann einfach nicht genug davon bekommen. Ich wünschte, ich könnte George R.R. Martin zwingen, sich mit dem Schreiben des sechsten Bandes etwas mehr zu beeilen, damit ich mein Lesetempo nicht länger zügeln muss. Ich versuche ja, Verständnis dafür aufzubringen, dass die Fortführung dieser epischen Reihe extrem viel Aufwand bedeutet, aber ich halte meine Ungeduld nur mit Mühe unter Kontrolle.

 

„A Storm of Swords“ ist ein fabelhaftes Buch und eine fantastische Fortsetzung. Bedeutende Tode und gelüftete Geheimnisse, Tragik, Intrigen, ungewöhnliche Freundschaften, brennender Hass und zarte Liebe – der dritte Band bietet all das und mehr. Niemals hätte ich diese überwältigende Vielfalt in eine normale Rezension mit durchschnittlicher Zeichenanzahl quetschen können. Ich will es auch gar nicht. „A Storm of Swords“ verdient eine detaillierte Besprechung; verdient es, nicht nur besprochen, sondern diskutiert zu werden. Wenn mich ein Buch zu so vielen eigenen Gedanken und Eindrücken inspiriert, wenn ich Charaktere analysiere, als wären sie reale Persönlichkeiten, wenn mich eine Welt so gefangen nimmt wie Westeros und die Sieben Königslande, ist eine genaue Beschreibung meiner Gefühle meiner Meinung nach durchaus gerechtfertigt. Außergewöhnliche Umstände erfordern außergewöhnliche Methoden.
Mein besonderer Dank gilt all denjenigen, die tatsächlich bis zu diesem Punkt gelesen haben. Ich danke euch für eure Geduld und vielleicht, nur vielleicht, könnt ihr nun am Ende ja sogar verstehen, warum bezüglich „A Storm of Swords“ sämtliche Pferde und Zebras mit mir durchgegangen sind.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2016/10/26/george-r-r-martin-a-storm-of-swords
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text 2016-03-04 01:58
January Wrap Up!
About Face - Donna Leon
Dirty Rowdy Thing - Christina Lauren
Portraits of a Marriage - George Szirtes,Sándor Márai
The Martian - Andy Weir
Dark Wild Night - Christina Lauren
The Sign of Four - Arthur Conan Doyle
The Brutal Telling - Louise Penny

So I haven't posted in a while, so I'm wrapping up both January and February in two quick posts. Let's star with January!!

 

January:

 

About Face - Donna Leon (Commissario Brunetti #18) - 4 out of 5 stars.

 

Dirty Rowdy Thing - Christina Lauren  (Wild Seasons #2) - 4 out of 5 stars.

 

Portraits of a Marriage - George Szirtes,Sándor Márai - 1,5 out of 5 stars.

 

The Martian - Andy Weir - 5 out of 5 stars.

 

Dark Wild Night - Christina Lauren (Wild Seasons #3) - 3 out of 5 stars.

 

The Sign of Four - Arthur Conan Doyle - 4 out of 5 stars.

 

The Brutal Telling - Louise Penny - 5 out of 5 stars.

 

My favorites were The Martian and The Brutal Telling. Two very different books, but great in their own style!

 

 

 

 

 

 

 

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review 2016-02-07 00:00
Embers
Embers - Sándor Márai,Carol Brown Janeway A Note About the Translator

--Embers
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