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review 2018-01-24 04:45
Rezension | Lieber Daddy-Long-Legs von Jean Webster
Lieber Daddy-Long-Legs - Jean Webster,Fr... Lieber Daddy-Long-Legs - Jean Webster,Franz Renger,Ingo Herzke

Beschreibung

 

Judy Abbott kennt nichts als das Leben und die Arbeit im Waisenhaus. Als sich ein Wohltäter dazu entschließt das Mädchen durch die Möglichkeit eines Collegebesuches zu fördern, ändert sich ihr Leben schlagartig. Der geheimnisvolle Mann möchte anonym bleiben und fordert für seine finanzielle Unterstützung lediglich einen Brief pro Monat von Judy in dem er über ihre Fortschritte informiert wird.

 

Voller Lebensmut beginnt Judy ein neues Leben und berichtet dem ihr unbekannten Wohltäter mehrmals im Monat von ihren Erlebnissen und dem Gelernten. Ihre Briefe adressiert sie mangels eines richtigen Namens an “Mr. Smith” oder aufgrund ihrer eigenen Vorstellung des schlacksigen Mannes an “Daddy-Long-Legs”.

 

Meine Meinung

 

Jean Websters Roman “Lieber Daddy-Long-Legs” wurde 1912 zum ersten Mal veröffentlicht und erstrahlt nun Dank des Königskinder Verlags in neuem Glanz. Wie immer kann man zum gelungenen Erscheinungsbild nur gratulieren, denn das türkisfarbene Büchlein mit dem zarten Blumenmuster und der Silhouette eines Gentlemans mit Hut passt perfekt zur Geschichte aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Dieser Klassiker ist erst durch diese Neuauflage in mein Blickfeld gerückt und durch die Briefaktion im letzten Jahr war ich nun schon äußerst gespannt auf die Story.

 

"Er sah ganz und gar wie ein riesiger, schwankender Weberknecht aus – ein »Daddy-Long-Legs«." (Lieber Daddy-Long-Legs, Seite 11)

 

Ganz in der Mode der damaligen Zeit zählt auch Jean Webster Werk zu den so genannten Briefromanen. Der größte Teil des Romans ist in Briefform abgefasst, lediglich die einleitenden Kapitel heben sich davon ab. Diese Art des Erzählens erfordert viel Geschick und vor allem schriftstellerisches Talent. Jean Webster ist es sehr gut gelungen ihrer Geschichte die notwendige Dynamik zu verleihen und das obwohl sich die Erzählung nur aus den Briefen (also aus der Perspektive) von Judy ergibt.

 

Die Briefe des Waisenmädchens und nun angehender Studentin an ihren geheimnisvollen Wohltäter »Daddy-Long-Legs« sind voller lebensbejahender Freude und haben durch eine Prise Humor genau die richtige Spritzigkeit. In ihrer erfrischenden und unbedarften Art erzählt Sie davon wie sie Freundschaften knüpft, gesellschaftlichen Umgang erlernt und natürlich berichtet sie von ihren Fortschritten am College. Das Bedürfnis sich jemanden mitzuteilen ist so groß, dass Judy gleich mehrmals im Monat an den unbekannten Mann schreibt, denn außer »Daddy-Long-Legs« hat Judy niemanden dem sie von ihren aufregenden Erlebnissen erzählen könnte.

 

"Um einen Mann auf seine Seite zu ziehen, gibt es nur zwei Methoden: Man muss ihm entweder schmeicheln oder unfreundlich werden." (Lieber Daddy-Long-Legs, Seite 172)

 

Es ist wundervoll die Entwicklung von Judy zu beobachten und die ersten Anzeichen einer Verliebtheit fest zu stellen. Schließlich muss es ja einen Grund dafür geben, dass sich ein gewisser symphatischer Jervis Pendleton immer öfter Raum in ihren Briefen verschafft. Am besten macht ihr euch einfach selbst ein Bild davon und beginnt gleich zu lesen!

 

"Es ist schrecklich, ein schlechtes Gedächtnis und zwei Mäntel zu besitzen!" (Lieber Daddy-Long-Legs, Seite 174)

 

“Lieber Daddy-Long-Legs” ist ein fröhlich frischer Klassiker über die Phase der Selbstfindung, der alles andere als eingestaubt ist und mein Herz im Sturm erobert hat. Natürlich freue ich mich nun schon sehr auf den Folgeband “Lieber Feind”, der bereits im Frühjahr erscheinen wird.

 

Information zur Reihe

 

1. 2017 Lieber Daddy-Long-Legs 1912 Daddy-Long-Legs
2. 2018 (erscheint im März) Lieber Feind 1945 Dear Enemy

Fazit

 

Ein Briefroman vom Allerfeinsten! Gefühlvoll und voller Humor erzählt die Waise Judy Abott von ihrem Schicksal und ihrer aufregenden Zeit auf dem College. Ein Klassiker der glücklich macht!

Source: www.bellaswonderworld.de/rezensionen/lieber-daddy-long-legs-von-jean-webster
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review 2017-12-20 12:12
Väterchen Frost und die wilde Maid
The Bear and the Nightingale: A Novel - Katherine Arden

Die texanische Autorin Katherine Arden besitzt einen Abschluss in französischer und russischer Literatur. Als man sie fragte, warum sie diese akademische Laufbahn einschlug, antwortete sie, ihr größter Antrieb sei ihre Liebe zum Reisen gewesen. In der High-School verbrachte sie ein Jahr in Frankreich und lebte vor ihrem Studium ein weiteres Jahr in Moskau. Fremdsprachen und die Möglichkeit, in eine andere Kultur einzutauchen, faszinieren sie. Angesichts dieses Hintergrundes war es naheliegend, als Schauplatz ihres ersten Romans „The Bear and the Nightingale“, Auftakt der „Winternight Trilogy“, Russland im 14. Jahrhundert zu wählen. Ich erhielt das Buch als Rezensionsexemplar via Netgalley.

 

Vasja ist nicht wie ihre Geschwister, ihr Vater oder die Menschen in ihrem ländlichen Haushalt. Sie besitzt die seltene Gabe, die Hausgeister, die ihr Volk seit Jahrhunderten schützen, zu sehen. Sie wächst in dem Wissen auf, dass all die Legenden und Märchen, die am Feuer in dunklen, kalten Nächten erzählt werden, wahr sind. Die Jahre vergehen. Aus einem ungestümen, frechen Mädchen wird eine junge Frau wilder Schönheit, die ihre Freiheit ebenso liebt wie ihre Familie. Besorgt beobachtet Vasja den zunehmenden Einfluss der orthodoxen Kirche, die Angst schürt und den Glauben an die Wächter ihrer Heimat erstickt. Die Macht der Geister schwindet. Tief im Wald regt sich das Böse. Der Bär erwacht aus seinem Schlummer. Nur sein Bruder, der Winterkönig Morozko, kann ihn erneut in Schlaf versetzen und das Land vor seiner Niedertracht bewahren. Doch auch Morozko ist nicht mehr, wer er einst war. Er braucht die Hilfe einer wilden Maid, um seinem Bruder Einhalt zu gebieten. Eine Maid, mit Wind in ihren Haaren und Magie in ihrem Herzen – Vasja.

 

Ich liebe den aktuellen Trend der Urban Fantasy, zu ihren Wurzeln zurückzukehren und wieder richtige Märchen zu erzählen, statt die millionste Variante der Vampir- oder Werwolf-Romanze aufzukochen. Es ist großartig, weil es so viele Möglichkeiten eröffnet. „The Bear and the Nightingale“ ist ein Märchen. Es verbindet das Übernatürliche erfrischend natürlich mit der historischen Realität des Settings, indem es sich ausschließlich auf die russische Folklore und Mythologie stützt. Im 14. Jahrhundert war an das Russland, das wir heute kennen, noch nicht zu denken. Katherine Arden entführt ihre Leser_innen in eine Zeit, in der sich das Wort „Zar“ noch auf den byzantinischen Imperator in Konstantinopel bezog und orthodoxes Christentum und heidnische Gebräuche parallel existierten. Es war völlig normal, gleichermaßen vor Ikonen zu beten und die zahlreichen Hausgeister mit verschiedenen Gaben gütig zu stimmen. Ich wusste vor der Lektüre nicht, wie vielseitig, komplex und spezifisch die russische Folklore ist. Im vorchristlichen Glaubenssystem finden sich für jede Kleinigkeit schützende Entitäten, die fest mit dem Alltag der Menschen verbunden waren und ganz selbstverständlich geehrt wurden, besonders fernab der Städte. Die Kirche sah sich von diesem Brauchtum bedroht, ein Umstand, den Katherine Arden anhand der Schwierigkeiten, mit denen ihre magisch talentierte Protagonistin Vasja konfrontiert ist, subtil und überzeugend illustriert. Der christliche Anspruch auf ein religiöses Monopol stört das Gleichgewicht des Lebens auf dem Land, das die Autorin wunderbar atmosphärisch in all seinen der rauen Natur unterworfenen Facetten porträtiert. Sie öffnet die Tür für ein uraltes Übel. Vasja ist die einzige, die die Gefahr erkennt, vermag jedoch nicht zu intervenieren, weil sie als Hexe verschrien ist und ihr niemand Glauben schenkt. Als starke, unabhängige Frau eckt sie pausenlos an, da sie ihrer Zeit weit voraus ist und daher keinen Platz in einer Gesellschaft findet, die ihr lediglich die Wahl zwischen Ehe oder Konvent lässt. Männer fühlen sich von ihrer Wildheit angezogen, schätzen diese allerdings nicht als kostenbaren Zug ihrer Persönlichkeit, sondern als Herausforderung. Sie wollen Vasja dominieren, zähmen oder gar brechen. Die potentiellen Prinzen enttäuschen. Dadurch hat sie keine andere Option, als das Konzept der Märchenprinzessin hinter sich zu lassen und selbst zur Heldin zu werden, die sich übernatürlichen Mächten mutig entgegenstellt, um ihre Heimat zu retten. Die Finesse, mit der Katherine Arden die Heldenrolle ihres Romans an die Vorlage russischer Märchen – in denen weibliche Heldinnen keine Seltenheit sind – für ein westliches Publikum verdaulich anpasst, ist beeindruckend und lässt nicht erkennen, dass es sich um einen Erstling handelt. Wäre ihr Schreibstil noch ein wenig blumiger und greifbarer, hätte ich mich sogar zu einer 5-Sterne-Bewertung hinreißen lassen. Zwar harmonisiert die schnörkellose Schlichtheit ihrer Beschreibungen mit der Charakterisierung ihrer Protagonistin, doch da sie in „The Bear and the Nightingale“ auf eine actiongetriebene Handlung verzichtet und stattdessen ein ruhiges, gelassenes Tempo verfolgt, hätte mir ein Müh mehr Üppigkeit durchaus zugesagt. In einem Märchen darf es eben gern ein bisschen mehr sein.

 

„The Bear and the Nightingale“ bereitete mir unheimlich viel Freude. Bezaubert von der speziellen Aura des Buches, die bewusst an ein russisches Märchen erinnert, flog ich durch die Seiten und wollte mich gar nicht mehr von Vasja trennen. Ich versank in dieser Welt eisiger Winde, tiefen Schnees, geheimnisvoller Wälder und uralter Magie und merkte gar nicht, wie viel mir Katherine Arden beiläufig über die russische Kultur beibrachte. Ich habe das Gefühl, die berühmte „russische Seele“ jetzt wesentlich besser zu verstehen, weil ich ihre Wurzeln besuchen durfte.
Es war die richtige Entscheidung, an „The Bear and the Nightingale“ zu glauben. Ich bereue nicht, auch die Fortsetzung „The Girl in the Tower“ bei Netgalley angefragt zu haben und freue mich jetzt, direkt weiterlesen zu können. Welche Abenteuer Vasja auch immer erwarten mögen – ich bin an ihrer Seite.

 

Vielen Dank an den Verlag Ebury Publishing und Netgalley für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars im Austausch für eine ehrliche Rezension!

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/12/20/katherine-arden-the-bear-and-the-nightingale
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text 2017-08-28 17:26
Erster Satz | Dan Vyleta: Smoke
Smoke: Roman - Katrin Segerer,Dan Vyleta

"Thomas! Thomas! Wach auf!"

 

Kaum ist er wach, sucht er Nachthemd und Bettzeug nach Ruß ab. Er macht es schnell, mechanisch, noch im Halbschlaf: fährt mit einer Hand über die Haut und tastet nach der verräterischen körnigen Substanz. 

 

Erst danach fragt er sich, wie spät es ist und wer ihn geweckt hat. 

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review 2017-05-03 16:05
Rezension | Cavaliersreise. Die Bekenntnisse eines Gentlemans von Mackenzi Lee
Cavaliersreise. Die Bekenntnisse eines G... Cavaliersreise. Die Bekenntnisse eines Gentlemans - Mackenzi Lee,Gesine Schröder

Beschreibung

Der 18-jährige Sir Henry Montague liebt es das Leben in vollen Zügen zu genießen. Dazu gehören jede Menge Alkohol, Liebschaften und die Abenteuer mit seinem besten Freund Percy. Bevor der Ernst des Lebens beginnt, steht für Monty, seine Schwester Felicity und Percy jedoch noch eine Bildungsreise, auch Cavaliersreise genannt, an.

 

Wie könnte es anders sein? Auf der Cavaliersreise ist Monty die meiste Zeit über betrunken und tritt von einem Fettnäpfchen ins nächste. Außerdem verliert die junge Reisegesellschaft durch einen Überfall durch Wegelagerer auch noch ihren Hofmeister und jegliche Aussicht auf eine vergnügliche und bequeme Reise. Monty, Percy und Felicity stehen dafür jede Menge Abenteuer und Kämpfe bevor. Die offensichtlichen Kämpfe gegen Wegelagerer und Piraten sind dabei nicht immer die schwerwiegendsten, der Kampf gegen ihre Gefühle füreinander treiben Monty und Percy immer weiter auseinander…

 

Meine Meinung

 

Mit dem Jugendroman „Cavaliersreise. Die Bekenntnisse eines Gentlemans“ ist zum ersten Mal ein Roman der Autorin Mackenzi Lee in deutscher Sprache erschienen. In ihrem Roman behandelt die Schriftstellerin das Thema der Bildungsreise, auch „Grand Tour“ oder „Cavaliersreise“ genannt, die für die Söhne des damaligen europäischen Landadels üblich war und vor allem kulturelle Ziele in Mitteleuropa, Italien und Spanien hatte.

 

"Es hat sich nichts verändert, und doch ist nichts, wie es war." (Seite 196)

 

Ich liebe Romane in denen historische Fakten und Details mit einem fiktiven Plot zu einer lebendigen Geschichte verwoben werden. Genau dies ist Mackenzi Lee mit ihrer „Cavaliersreise“ hervorragend gelungen! Hinzu kommen zudem noch ein wahnsinnig mitreisender und erfrischender Schreibstil, der das Buch mit Witz und gelungenem Spannungsbogen zu einem richtigen Pageturner macht. Also VORSICHT, wenn du zu diesem Buch greifst solltest du genügend Zeit haben, denn einmal begonnen wirst du es nicht mehr aus der Hand legen können.

 

Besonders geschickt verleiht die Autorin ihren Figuren während des Handlungsverlaufs den nötigen Feinschliff. Ohne es richtig zu bemerken wachsen einem Monty, Percy und Felicity immer mehr ans Herz. Monty (Spitzname von Sir Henry Montague) ist zuerst ein wahrer Unsymphat mit seinem übermäßigen Alkoholgenuß und seinem fehlenden Verantwortungsbewusstsein. Doch je mehr ich über Monty laß, seine Entwicklung und Vergangenheit mit erlebte, desto mehr mochte ich ihn. Ähnlich erging es mir mit Montys Schwester Felicity, die zuerst ziemlich blass erscheint, mit fortlaufender Zeit aber immer mehr Reiz gewinnt. Sehr beeindruckend fand ich, dass Felicity ohne mit der Wimper zu zucken ihre Frau steht, und im Vergleich zu ihren männlichen Reisebegleitern um einiges reifer wirkt. Percy war für mich immer der ausgleichende Ruhepol in dieser Dreierkonstellation, der sich trotz des Päckchens das er zu tragen hat, selbst zurücknimmt.

 

Mehr Diversity kann man sich in diesem Roman kaum vorstellen. Die Autorin Mackenzi Lee hat sich wirklich sehr viel Mühe gegeben, möglichst viele Themen anzuschneiden die im 18. Jahrhundert gegen die gesellschaftlichen Gepflogenheiten verstoßen haben. Monty fühlt sich zu Frauen und Männern hingezogen und verliebt sich schließlich in seinen allerbesten Freund. Felicity ist eine starke Frau die sich von der dominierenden Männerwelt nicht unterbekommen lässt und sich gegen die damaligen Regeln Wissen auf eigene Faust aneignet, um einen Beruf ausüben zu können. Percy hat eine dunkle Hautfarbe und wird zwar von seiner Familie, bestehend aus Onkel und Tante, akzeptiert – in der Gesellschaft ist er allerdings nicht gerne gesehen. Von dem ein oder anderen wird er als Angestellter oder gar Sklave angesehen.

 

"Und so endete der Abend, der mit Poesie und Feuerwerk begann, in dem peinlichsten Schweigemarsch nach Hause, den je zwei Menschen gemeinsam absolvieren mussten." (Seite 58)

 

Für mich ist „Cavaliersreise“ eine rundum gelungener Roman der keine Wünsche offen lässt. Der Plot bietet reichlich Action mit historischen Einflüssen, aber auch die emotionale Seite wird mit einer hinreißenden Liebesgeschichte abgedeckt, die jedes Herz zum schmelzen bringt. Die liebevoll gezeichneten Charaktere runden die ganze Geschichte ab.

 

Fazit

 

Ein Roman zum mitfiebern, lachen und Tränen vergießen. Das alles vor dem mitreisenden historischen Hintergrund einer Bildungsreise im 18. Jahrhundert. Das muss man unbedingt gelesen haben!

Source: www.bellaswonderworld.de/rezensionen/rezension-cavaliersreise-die-bekenntnisse-eines-gentlemans-von-mackenzi-lee
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review 2017-04-28 09:42
Subtile Gesellschaftskritik statt leichtem Mystery-Thriller
Smoke: Roman - Katrin Segerer,Dan Vyleta

Dan Vyleta ist ein Kind des Potts. Ja, ihr habt richtig gelesen! Sein Weg führte ihn zwar über England in die USA und bis nach Kanada, aber er wurde 1974 als Sohn tschechischer Einwanderer im Ruhrgebiet geboren. Ich frage mich, wie viel Pott noch in ihm steckt. Seinen aktuellen Roman „Smoke“ verfasste er jedenfalls nicht in Deutsch, sondern in Englisch. Unseren Markt erreichte das Buch durch die Random House Gruppe, die es mir als Rezensionsexemplar anbot. Ich nahm das Angebot an, da der Klappentext wirklich interessant klang. Meine Neugier war geweckt.

 

Thomas und Charlie sind privilegiert. Als Schüler eines elitären Internats werden sie auf ihr späteres Leben an der Spitze der Gesellschaft vorbereitet. Sie sind normale Jungen – doch ihre Gedanken sind unrein. Jeder weiß es, denn der Rauch zerrt all ihre Verfehlungen ans Tageslicht. Der Rauch brandmarkt die Menschen als Sünder, er dringt aus Poren und Körperöffnungen und hinterlässt schmierigen Ruß, der an der Haut klebt, Kleidung befleckt und Gebäude in einen schwarzen Schleier hüllt. Jede Lüge, jede Gehässigkeit, jede Missetat wird unweigerlich offengelegt. Der Rauch ist der sichtbare Graben zwischen Oberschicht und Pöbel. Niemals wäre es Thomas und Charlie eingefallen, seine Gesetze zu hinterfragen, bis ein verstörender Schulausflug nach London die Freunde ratlos zurücklässt. Wieso würde jemand den Ruß von Mördern sammeln? Wie ist es möglich, dass ein Mensch kein einziges Fädchen Rauch absondert? Aufgewühlt begeben sich Thomas und Charlie auf die Suche nach den Ursprüngen des Rauchs und stoßen auf eine Verschwörung nationalen Ausmaßes, die sie vor eine haarsträubende Entscheidung stellt: ist ihre Welt es wert, gerettet zu werden?

 

Uff. Nach der Lektüre von „Smoke“ musste ich mich erst einmal zurücklehnen, tief durchatmen und darüber nachdenken, was ich da eigentlich gerade gelesen hatte. Dieser Roman ist weit bedeutungsvoller und philosophischer, als ich erwartet hatte. Es ist definitiv kein leichter Mystery-Thriller, sondern eine erstaunliche komplexe Gesellschaftskritik. Dan Vyleta entführt seine Leser_innen in das 19. Jahrhundert, zeigt England auf dem Höhepunkt der industriellen Revolution und konfrontiert sie mit einer alternativen Realität, die sich vor allem in einem offensichtlichen Punkt von der unseren unterscheidet: die Menschen rauchen. Starke Gefühle wie Zorn, Neid, Lust, aber auch Freude und Glück lösen eine biochemische Reaktion im Körper aus, deren Resultat der Rauch ist, der aus allen Körperöffnungen dringt. Folglich ist der Rauch die visuelle Manifestation des menschlichen Wesens. Er ist weder gut noch böse, er ist einfach nur. Nichtsdestotrotz wird er in Vyletas Version des Vereinigten Königreichs als göttliches Zeichen und sichtbarer Beweis für das Böse in einem Menschen aufgefasst. Der Rauch wird instrumentalisiert; er dient als Legitimation, die Bevölkerung zu kontrollieren und die Klassenunterschiede stetig zu verschärfen. Die beiden jugendlichen Protagonisten Thomas und Charlie werden bereits im Internat indoktriniert. Als Elite des Landes müsse die Oberschicht mit gutem, sauberen Beispiel vorangehen, um das gemeine Volk führen zu können. Wer aus dem Adel stammt, sollte idealerweise niemals rauchen. Selbstkontrolle als Religion. Natürlich können weder Thomas noch Charlie dieses Ideal erfüllen, obwohl Charlie ihm deutlich näherkommt als sein Freund. Thomas ist ein reizbarer, leidenschaftlicher junger Mann, dessen Gefühle schnell überkochen. Dementsprechend raucht er stark und viel, während Charlies gutmütige, ehrliche und offene Persönlichkeit eher selten kleine Rauchfähnchen produziert. Sie verkörpern vollkommen verschiedene Formen von Rauchern. Betrachtet man die beiden als die Endpunkte einer Skala, kann man getrost behaupten, dass ihnen auf ihrer Suche nach Antworten die Myriaden Zwischenstufen dieser Skala begegnen. Sie lernen unterschiedliche Lebensweisen mit und Herangehensweisen an den Rauch kennen, was ich als sehr spannend empfand. Ich denke, Dan Vyleta konstruierte für „Smoke“ absichtlich eine sich selbst treibende Handlung, die seitens der Figuren wenig Initiative bedurfte. Thomas und Charlie lenken die Geschichte nicht, sie werden von ihr gelenkt, wodurch sich zahlreiche Situationen ergeben, die ihren Horizont erweitern. Sie erleben Unrecht und Grausamkeit, Güte und Großzügigkeit und entwickeln anhand dieser Erlebnisse eine eigene Weltanschauung. Meiner Ansicht nach ist „Smoke“ daher eine ungewöhnliche, aber überzeugende Coming-of-Age-Geschichte, die den Konflikt zwischen Individuum und System erfrischend originell und tiefgründig interpretiert.

 

„Smoke“ ist eines dieser Bücher, die weniger gefallen als faszinieren. Dan Vyleta versucht meines Erachtens nach nicht, sich bei seinen Leser_innen anzubiedern, sondern präsentiert eine subtile, feinsinnige Gesellschaftskritik, die zum Nachdenken anregt. Dafür nimmt er eine gewisse Trägheit der Geschichte in Kauf, weil diese intellektuell statt emotional mitreißen soll. Für mich hat dieses Konzept funktioniert, obwohl ich der Meinung bin, dass Vyleta haarscharf an der Grenze zur gesellschaftsphilosophischen Überladung vorbeischlitterte. Beinahe hätte er zu viel von mir verlangt. Glücklicherweise zügelte er sich, sodass ich den immensen gedanklichen Spielraum und das stimulierende Potential des Buches sehr zu schätzen wusste.
Meiner Meinung nach ist „Smoke“ äußerst lesenswert, es setzt allerdings ein hohes Maß an eigenständiger, geistiger Beweglichkeit voraus. Es ist keine locker-flockige Lektüre für Zwischendurch. Stellt euch zum Warmwerden vor dem Lesen eine Frage: was bedeutete es für die Gesellschaft, wäre jede starke Emotion jedes Menschen nicht länger verborgen, sondern sichtbar?

 

Vielen Dank an Random House und carl’s books für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars im Austausch für eine ehrliche Rezension!

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/04/28/dan-vyleta-smoke
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