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review 2018-10-30 03:54
Theresienstadt - Auschwitz - Gleiwitz - Stationen im Holocaust
Überleben: Der Gürtel des Walter Fantl - Gerhard Zeillinger

ücher über die Nazizeit finde ich extrem wichtig, und wenn sie dann auch noch gut sind, wie diese Biografie, dann halte ich sie für unverzichtbar. Ein Zitat aus Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Schatten des Windes zeigt genau, warum der Mensch immer und immer wieder das Grauen und die Fehler unserer Vergangenheit reflektieren sollte.

 

„Es ist wie die Gezeiten, wissen Sie“, sagte er.
„Die Barbarei,“ meine ich.
„Sie zieht ab, und man hält sich für gerettet, aber sie kommt immer wieder zurück.“

 

Heuer habe ich zudem auch noch gehört, dass solche unfassbaren Barbareien erst wieder möglich sind, wenn die letzten Zeitzeugen gestorben sind, keiner mehr davon erzählt und/oder die Verbrechen gleich verdrängt wurden. Deshalb ist es auch so essentiell, sich die Geschichte eines der letzten österreichischen Zeitzeugen der Vernichtungslager, Walter Fantl, genau anzusehen und sie zu lesen.

 

Innovativ an dieser Biografie ist zudem, dass sie nicht ein Schriftsteller oder der Biografierte selber niedergeschrieben hat, sondern ein anerkannter Historiker, Gerhard Zeillinger, auf Basis von Interviews und Tonbandaufzeichnungen. Dieser abgeklärte Historikerstil in Darstellung und Sprache gibt dem Werk einen neutralen, umfassenden, ausgezeichneten Einblick in die historischen Ereignisse des Lebens von Walter Fantl und schafft Distanz zum Biografierten. Am Anfang habe ich diese Distanz noch als unnötig und störend erachtet, denn ich war die emotionale Achterbahnfahrt von anderen Werken gewohnt. Nach und nach aber, als die Stationen von Theresienstadt über Auschwitz folgten, konnte ich erstens diesen Abstand genießen und zweitens neue Aspekte entdecken, die ich schon mehrmals zum Beispiel bei David Saffier als Andeutung in seinem Roman 24 Tage lang gefunden habe: Vor allem sehr junge Leute mit noch ausreichenden Perspektiven haben durchaus nicht nur gelitten in den Lagern, sie haben sich, sofern es in der Situation nicht nur ums nackte Überleben ging, auch mal verliebt und sich wohlgefühlt, gestritten, genossen und andere Sachen gemacht, die ein Mensch auch in ganz normalen Lebenssituationen erlebt.

 

Die Biografie beginnt in Niederösterreich mit dem Umschwung der Stimmung auf dem Land. Der ganz normale schleichende Wahnsinn in Nazibösterreich: Die bisherigen besten Freunde und Nachbarn entpuppen sich nach dem Anschluss als lang gediente Mitglieder der NSDAP. Sie wollen der Familie Fantl als einzige Juden im Dorf zwar nicht persönlich total schaden (man ist ja seit Jahrzehnten befreundet), aber da Juden prinzipiell Ratten sind, entspricht man natürlich der politischen Linie. Tagsüber mobbt man den Freund und Nachbarn und macht ihn gemäß dem System ein bisschen fertig, nachts wirft man ihm als Gegenleistung heimlich Lebensmittel über den Zaun. Weiter geht es mit dem Arisierungsverfahren von Vater Fantls Geschäft und mit dem anschließenden Leben in der Wiener jüdischen Community. Kaum jemand kann sich in diesen Jahren vorstellen, dass die Lage so ernst werden würde. Zudem wurden die Geschäftsinhaber so gering entschädigt, dass sie sich eine Auswanderung nicht unbedingt leisten konnten. Als dann die Situation eskalierte, waren die Quoten der Zielländer ausgeschöpft und die bürokratischen Hürden für die Diaspora schon so hoch, dass nur mehr wirklich reiche Familien dem Holocaust entrinnen konnten.

 

Nach der Deportation nach Theresienstadt (Tschechien) lebt und liebt Walter Fantl sogar recht glücklich im jüdischen Ghetto. Dort wird sogar etwas ähnliches wie normales Leben geschildert mit Kunstveranstaltungen, Kaffeehaus und Geschäften. Zeillinger definiert aber ganz klar, sachlich und deutlich, wie sich die kasernierten Juden diesen Selbstbetrug und diese Groteske konzipieren, während bei den älteren Personen im Ghetto – respektive auch bei Verwandten – gestorben wird wie die Fliegen.

 

Nach der erneuten Deportation in den Osten nach Auschwitz und Gleiwitz war ich dann unendlich dankbar für diese historische Distanz, die mir Gerhard Zeillinger offeriert hat, denn so konnte ich dennoch das unglaubliche Leid rezipieren, aber auch die Systematik der Vernichtung besser überdenken und zudem war auch noch thematisch Raum für Arbeiter im Lager Gleiwitz, die sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten anständig gegenüber den Juden verhalten haben und sogar verbotenerweise ihre Rationen mit ihnen teilten.

 

Die Biografie endet übrigens nicht mit der Befreiung von Auschwitz und Gleiwitz, sondern thematisiert in einem sehr spannenden Kapitel auch noch die Monate und Jahre nach der Befreiung, als Walter Fantl mit seinen Freunden zuerst befreit in Polen zwischen den Kriegszonen herummarodierte, teilweise auch an der Bevölkerung Vergeltung übte, in Wien ankam und sich total verloren fühlte, freiwillig ins Ghetto Theresienstadt zurückkehrte und einfach nicht mehr wusste, wo er ankern sollte. Zudem waren die befreiten Juden eigentlich nirgends willkommen, seine Freunde wanderten nach Palästina und Amerika aus. Die Geschichte schließt, als Walter endgültig nach Wien aufbricht und beschreibt in einem Nachwort noch das Schicksal der Gruppe der überlebenden Freunde bis zum heutigen Tag.

 

Was mir zudem noch sehr positiv an diesem Werk aufgefallen ist: Viele Biografien haben immer in der Mitte so einen unnötigen Bilderbuchteil in dem alle Bilder auf mehreren Seiten zusammengefasst und -gepfercht sind. Mich stört das immer extrem, denn eigentlich würde ich das Bild gleich während der Erwähnung im Text brauchen, die Bilderflut in der Mitte anzuschauen, ist dann auch irgendwie mühsam. Diese Biografie setzt ihre Bilder punktgenau im Text, wenn das Ereignis erwähnt wird. Auch wenn das vom Druckverfahren her möglicherweise aufwändiger und teurer ist, ist das ein großartiges Service am Leser.

 

Fazit: Unbedingt lesen! Mehr kann ich dazu nicht sagen.

 

P.S.:  Ach ja! Warum heißt der Untertitel Der Gürtel des Walter Fantl? Weil Walter alles abgenommen wurde: Wertsachen, Schuhe, Kleidung … – bis auf diesen Gürtel – der war ein unbedingtes Überlebenssymbol und wurde nicht mal für Nahrung eingetauscht.

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review 2018-09-18 10:21
Wie viel Sympathie ist erlaubt?
Der goldene Handschuh - Heinz Strunk

„Der goldene Handschuh“ ist ein Tatsachenroman des Autors Heinz Strunk, der den Serienmörder Fritz Honka in den Mittelpunkt stellt. Honka war in den 1970er Jahren in Hamburg aktiv und ermordete mindestens vier Frauen, deren Leichen durch Zufall entdeckt wurden. Seine Opfer waren gescheiterte Existenzen ohne soziales Netz, weshalb niemand sie als vermisst meldete. Honka gabelte sie in den übelsten Kneipen im Bezirk St. Pauli auf, darunter auch das Lokal „Zum goldenen Handschuh“. Er wurde im Juli 1975 verhaftet und im Dezember 1976 zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren verurteilt. Das Gericht ordnete eine Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik aufgrund verminderter Schuldfähigkeit an. Er starb 1998. Zu Recherchezwecken erhielt Strunk Einsicht in Honkas Prozessakten, die bis dahin verschlossen im Hamburger Staatsarchiv lagerten. Der daraus entstandene Roman ist eine von Kritikern gelobte Milieustudie, die mir von einem Kollegen empfohlen und ausgeborgt wurde.

 

Fritz Honka ist ein Frauenmörder. Innerlich verkommen und äußerlich entstellt, findet er seine Opfer am untersten Bodensatz der Gesellschaft. Er ist ein Verlierer, der von einem besseren Leben träumt und seinen verstörenden Fantasien nicht entkommen kann. Er weiß, er ist ein Säufer, ein bedauernswerter Tropf, eine Niete. Doch Frauen lassen sich selbst für einen wie ihn auftreiben. Die Verlorenen. Die Verzweifelten. Diejenigen, die längst nicht mehr auf bessere Tage hoffen. In der Hamburger Kneipe „Zum goldenen Handschuh“ geht Honka auf die Jagd. Dort kreuzen sich die Wege aller sozialen Klassen. Arm und Reich trinken Schulter an Schulter, Jung und Alt begegnen sich in den ranzigen Schatten der schäbigen Kaschemme. Im „Handschuh“ ist das Elend zu Hause. Und es ist kein Privileg der Unterschicht.

 

„Der goldene Handschuh“ ist ein literarisches Experiment, dessen zweifelhafter Reiz meiner Meinung nach in der starken, unerwarteten Bindung an den tragischen, grenzwertigen Protagonisten liegt. Heinz Strunk porträtiert Fritz Honka, genannt Fiete, als ganz und gar abstoßenden Mann mit widerlichen Neigungen und Fantasien, der von Beginn an zu Grausamkeiten gegenüber Frauen tendiert. Er ist Alkoholiker und ein Sozialversager, wie er im Buche steht. Sein Umfeld ist ebenso degeneriert wie er selbst, seine Stammkneipe „Zum goldenen Handschuh“ ein Moloch menschlichen Elends und Scheiterns. Der Vorhof zur Hölle. Dort ist mal jemand auf einem Barhocker gestorben und niemand hat es gemerkt. So weit, so scheußlich. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie entsetzt ich war, als ich beobachtete, dass Fritz Honka an meinem Herzen zupfte. Ich hatte Mitleid mit ihm! Heinz Strunk nötigte mir Mitgefühl für einen brutalen, ekelhaften Frauenmörder auf! Ich musste feststellen, dass mich die Charakterisierung seines Protagonisten als jämmerliches Würstchen keineswegs kaltließ. Schriftstellerisch ist das ein beeindruckender Geniestreich. Ich drückte Honka während seines Versuchs, vom Alkohol loszukommen, die Daumen und als das nicht funktionierte, erwischte ich mich dabei, auf irgendein Erfolgserlebnis für ihn zu hoffen, sei es nun eine heiße Nacht mit der Putzfrau seiner Arbeitsstelle oder die Verwirklichung seiner abartigen Fantasie von zwei Frauen. Ich wünschte ihm Glück, ich wünschte ihm Befriedigung, obwohl er es nicht verdiente. Ich erforschte meine Emotionen und fand eine erschreckende Bereitschaft, mich auf Honka einzulassen. „Der goldene Handschuh“ ist ein provokantes Buch, weil Heinz Strunk darin die Beziehung zwischen Leser_in und Protagonist ungeniert in Frage stellt. Wie weit darf Sympathie gehen? Für mich ergab die Lektüre, dass meine persönliche Schmerzgrenze sehr hoch angesetzt ist. Ich habe durch diesen Roman etwas über mich selbst gelernt: meine Fähigkeit, Mitleid zu empfinden, wird durch drastische, schockierende Schilderungen nicht beeinträchtigt. Die Hauptfigur kann abscheulich wie Fritz Honka sein, drückt der Autor oder die Autorin geschickt meine Knöpfe, kann ich trotzdem mit ihr fühlen. Heinz Strunk gelang dieses Kunststück, weil er sich auf jeder Seite des Romans um Authentizität bemüht. Ich fühlte mich nicht manipuliert, ich sah der ehrlichen Realität der Hamburger Kneipenszene der 70er Jahre ins Auge, die Strunk durch einen direkten, unzensierten Schreibstil illustriert. Der „Handschuh“ ist ein Schmelztiegel, ein Knotenpunkt, den man vielleicht als deprimierendes Wartezimmer für Suchende beschreiben kann. Was die einzelnen Akteure in der Kaschemme suchen, ist natürlich sehr unterschiedlich: Ablenkung, Zuflucht, ein Bett für die Nacht, ein wenig Gesellschaft. Daher überraschte es mich nicht, dass fast alle auftretenden Figuren, auch diejenigen, die standesgemäß weit über so einer Kneipe rangieren, irgendwann dort aufschlagen. Am Rande der Gesellschaft ist eben immer Platz. Um es mit Tolstoi zu sagen: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich“.

 

„Der goldene Handschuh“ ist ohne Zweifel ein interessantes Buch, weil es Leser_innen herausfordert und sie vor die Frage stellt, wie viel Zuneigung sie sich für einen verabscheuungswürdigen Protagonisten erlauben. Es ist eine ungeschminkte Milieustudie, die den Mikrokosmos der Hamburger Kneipen im Dunstkreis der Reeperbahn in all seiner Hässlichkeit abbildet. Nicht schön anzuschauen, aber ehrlich und echt. Intellektuell schätze ich sehr, was Heinz Strunk mit diesem Roman zu demonstrieren versucht, ich kann jedoch nicht behaupten, dass mir die Lektüre Freude bereitet hätte. Obwohl sich beim Lesen eine gewisse Faszination des Grauens einstellte, empfand ich das Buch insgesamt als zu trostlos. Daher empfehle ich „Der goldene Handschuh“ an experimentierfreudige Leser_innen, die sich gern selbst beobachten und nicht allzu zart besaitet sind. Betrachtet es als mentale Übung, um eure eigenen Grenzen auszuloten.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2018/09/18/heinz-strunk-der-goldene-handschuh
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review 2018-08-15 11:21
Willkommen bei der skurrilsten Selbsthilfegruppe der Welt
We Are All Completely Fine - Daryl Gregory

„We Are All Completely Fine“ von Daryl Gregory hat eine interessante Entstehungsgeschichte. Es erschien 2014, ein Jahr, bevor Gregory den lovecraftischen Horror-SciFi-Fantasy-Young Adult-Roman „Harrison Squared“ veröffentlichte. Diese Veröffentlichungsreihenfolge entspricht allerdings nicht der Reihenfolge, in der Gregory die Bücher geschrieben hat. „We Are All Completely Fine“ entstand nach „Harrison Squared“ und hätte ohne den YA-Roman wohl nie das Licht der Welt erblickt. In diesem geht es um den jungen Harrison, der seine Stadt Dunnsmouth vor einer Monsterinvasion retten muss. Nachdem er diese Geschichte abgeschlossen hatte, fragte sich Gregory, welche Konsequenzen sie für seinen Protagonisten haben könnte. Wie schlüge sich Harrison als Erwachsener? Garantiert wäre er traumatisiert, müsste Psychopharmaka schlucken und eine Therapie absolvieren. Was wäre, wenn es allen Held_innen von Monster- und Horrorgeschichten so erginge? Was wäre, wenn sie einmal die Woche zusammenfinden würden – in einer Selbsthilfegruppe?

 

Wir treffen uns einmal die Woche: Harrison, Barbara, Stan, Martin, Greta und die Leiterin unserer Gruppe, Dr. Jan Sayer. Wir alle haben Schreckliches erlebt. Wir tragen Wunden, Narben und unser ganz privates Trauma mit uns herum. Niemand glaubte uns. Man erklärte uns für verrückt, geistesgestört, psychotisch. Erst Dr. Jan hörte uns zu und gab uns einen sicheren Ort, um über unsere Erfahrungen zu sprechen. Wir sind die exklusivste Selbsthilfegruppe der Welt. Wir wurden vom Unnatürlichen berührt. All die Menschen, die an unseren Geschichten zweifeln, sollten sich eins fragen: was wäre, wenn sie wahr sind?

 

Ich liebe Autor_innen, die den Mut aufbringen, eine völlig absurde Geschichte lässig zu erzählen und ihre Leser_innen im Brustton der Überzeugung vor vollendete Tatsachen zu stellen. Mit „We Are All Completely Fine“ sucht Daryl Gregory die Konfrontation mit seinem Publikum. Er präsentiert eine komplett abgedrehte Szenerie und überlässt es seinen Leser_innen, aus den Fakten eine kohärente Geschichte zu formen. Er schubste mich in die Handlung hinein und erwartete von mir, mich selbst zurechtzufinden. Er hielt es nicht für nötig, irgendetwas zu erklären – er stellte die Weichen, damit ich selbst Erklärungen finden konnte. Ich hatte keinerlei Schwierigkeiten, mich auf dieses Konzept einzulassen. Ich fand es toll, dass Gregory durch seine selbstverständliche, entschiedene Zurückhaltung immensen gedanklichen und emotionalen Spielraum ermöglichte. Er zwang mir nichts auf, keine Schlussfolgerungen, keine Interpretationen. Er ließ mich einfach machen. Ich konnte vollkommen selbstbestimmt, ja geradezu emanzipiert lesen und die Handlung von „We Are All Completely Fine“ erleben, wie es mir passte. Und die hat es in sich, eine stimulierende Mischung aus oberflächlichem Wahnsinn und nachdenklicher Tiefe. Im Mittelpunkt stehen die Biografien von sechs Menschen, die ihre Begegnungen mit dem erschreckenden Unnatürlichen traumatisiert überlebten und nun versuchen, ihre Traumata durch eine Selbsthilfegruppe zu überwinden. Ich musste mich unwillkürlich fragen, was es hieße, hätten all die Menschen, die behaupten, Kontakt mit dem Übernatürlichen, Fantastischen und Überirdischen gehabt zu haben, keine Wahnvorstellungen. Angenommen, sie sagten die Wahrheit, wurden wirklich von Außerirdischen entführt oder von Monstern verfolgt – was bedeutete das für unsere Wahrnehmung der Realität? Die unfreiwillige Korrektur ihres Weltbildes spielt im Aufarbeitungsprozess der Figuren eine fundamentale Rolle. Sie müssen nicht nur verkraften, was sie physisch durchlitten, sie müssen auch lernen, diese neue, alternative Wirklichkeit zu akzeptieren. Dabei gehen sie ganz unterschiedlich vor. Obwohl sie alle auf ähnlich verstörende Erfahrungen zurückblicken, verarbeiten sie ihre Erlebnisse äußerst individuell. Ich kann mir bildlich vorstellen, wie viel diebische Freude es Daryl Gregory bereitet haben muss, diese sehr verschiedenen Persönlichkeiten in einen Raum zu sperren und sie zur Interaktion zu zwingen. Die Selbsthilfegruppe ist ein Experiment, sowohl für den Autor, als auch für die Figuren, die passend zu ihren Charakteren mal mehr, mal weniger bereit sind, ihre Geschichten preiszugeben. Gregory beweist erneut vornehme Zurückhaltung und nötigt sie nicht, mehr zu erzählen, als sie möchten. Er offenbart nichts, was sie nicht selbst berichten, wodurch es für mich umso spannender war, ihre Biografien langsam und Stück für Stück ans Licht zu bringen. Ich hatte das Gefühl, dass er sich in der Rolle des Erzählers stark mit der Gruppe identifiziert, ein Eindruck, der durch seinen ungewöhnlichen Erzählstil unterstützt wurde. Der Erzähler spricht von sich oft als Teil der Gruppe, bleibt die ganze Handlung über jedoch anonym und taucht in den Sitzungsbeschreibungen nicht auf. Aber wenn er teilnimmt, ohne physisch anwesend zu sein, wer erzählt dann da eigentlich? Daryl Gregory beantwortete diese Frage in einem Interview – ich werde euch die Antwort allerdings nicht verraten. Wo bliebe sonst der Spaß? ;-)

 

„We Are All Completely Fine“ ist ein köstliches Vergnügen, voller Wahnsinn, Absurdität und philosophischem Surrealismus. Die Lektüre erfordert einen wachen, aufgeschlossenen Geist und die Bereitschaft, ein unkonventionelles Experiment zu wagen, ohne jede Kleinigkeit zu hinterfragen und auf explizite Erklärungen zu warten. Ich warne euch, es wird seltsam, fantastisch, abgefahren und manchmal sogar ein bisschen beängstigend. Daryl Gregory mag es extrem und schreckt vor Brutalität nicht zurück. Der Trick ist, hinter die schrillen, nervenaufreibenden Szenen zu blicken und auf die Bedeutung der stillen, nachdenklichen Momente zu achten. Wer sich auf diese Herangehensweise einlassen kann, wird ein einzigartiges Abenteuer erleben – mit der skurrilsten Selbsthilfegruppe aller Zeiten.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2018/08/15/daryl-gregory-we-are-all-completely-fine
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review 2018-08-01 19:30
Anda Rottenberg - "Berlińska depresja
Berlińska depresja - Anda Rottenberg

Trzy najwyższe noty. Za genialny komentarz do zarówno polskiej jak i europejskiej rzeczywistości. Druga, nie mniej ważna, za rozważania dotyczące świadomego przechodzenie na stronę starości. Niezależnie od wieku. Trzecia za kreślone na marginesie opisy pewnych mechanizmów ze świata sztuki i polityki, które dla zwykłego zjadacza chleba nie zawsze są znane i jasne.

 

Dlaczego dziewiątki? Bo liczę na jeszcze lepszą kontynuację.

 

Lektura konieczna nie tylko dla tych, których obecna rzeczywistość jakoś nie zachwyca, ale których przede wszystkim niezależnie od tego zachwytu bądź jego braku stać na jakąś głębszą refleksję nad tym co tu i teraz. U nas i w Europie. Którzy potrafią słuchać.

 

Bo przecież najlepiej uczyć się nie z mądrych traktatów, podręczników i pouczeń. Najlepiej jest słuchać ludzi sensownych, mówiących o codzienności zwykłym językiem chwili bieżącej. A chyba coś się takiego stało, że nie potrafimy korzystać w pełni z tego co mówią ludzie ciekawi, którzy coś wartościowego (w sensie człowieczeństwa) przeżyli, mających doświadczenia wynikające z możliwości życiowych, zawodowych znacznie przekraczające nasze własne.

 

Czy tylko my, tu i teraz tego nie potrafimy czy tak jest zawsze i wszędzie?

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review 2018-05-12 12:52
Unterschätze niemals eine Frau
Power Women - Geniale Ideen mutiger Frauen: Was würden sie dir raten? - Andreas Jäger

Inhaltsangabe

In diesem Buch finden sich die wahren Geschichten von 25 Frauen, die alle auf ihre eigene Weise die Welt verändert haben - von den Trung-Schwestern, die vor 2000 Jahren in Vietnam eine Rebellion gegen China anführten, über Katharina die Große, die Kaiserin von Russland wurde, zu der großartigen Malerin Frida Kahlo, der jungen Nobelpreisträgerin Malala Yousafzai, der engagierten Schauspielerin Emma Watson und Michelle Obama, die eine große Fürsprecherin der Rechte von Frauen und Mädchen ist.

Jede dieser Frauen ist auf ihre Weise beeindruckend, aber ob Naturwissenschaftlerin, Krankenschwester, Schriftstellerin, Rechtsanwältin, Schauspielerin, Umweltschützerin, Fußballerin oder Tierschützerin – eines haben sie alle gemeinsam: Sie waren und sind der Überzeugung, dass Männer und Frauen ebenbürtig sind, und haben sich geweigert, Männern den Lauf der Geschichte zu überlassen. 

 

Meine Meinung 

Dieses Buch gehört einfach in die Hand jedes jungen Mädchens und auch gerne in jede Hand einer erwachsenen Frau. Mit diesem Werk zeigt uns der Verlag auf, dass es weit mehr als zwei Hände voll Frauen gibt, die zu unserer Geschichte etwas beigetragen haben.

 

Ich bezeichne mich nicht nur gerne als starke und selbstbewusste Frau, sondern bin es auch. In einer Welt, die meiner Meinung nach noch sehr weit von Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männer entfernt ist, sind solche Bücher unheimlich wichtig. Vor allem für die weibliche junge Generation.

Denn schaut man sich den heutigen Alltag einer Jugendlichen an, so fällt auf, dass es nicht nur Jungs sind, die einen erdrücken. Nein! Mobbing, Neid und Hass spielen in unserer modernen Welt für viele Mädchen eine große Rolle.

Zurückzug und ein geringes Selbstbewusstsein sind das Resultat.

 

Dieses Buch zeigt euch, dass Mädchen und Frauen so einiges erreichen können.

Und das Phänomen „unterschätze niemals eine Frau“ zieht sich einmal komplett durch die Weltgeschichte. Im Buch zeigt Kleopatra bereits 69 v. Chr., dass man eine Frau als Herrscherin nicht verkennen sollte.

 

Einige der 25 vorgestellten Frauen, wie zum Beispiel Jeanne D’Arc, Katharina die Große oder Florence Nightingale waren mir bereits bekannt.

„Ich habe keine Angst. Ich wurde geboren, um dies zu tun.“

(Jeanne D’Arc, 1429)

Andere wiederum waren mir noch aus der Schulzeit ein Begriff. Dazu gehören Marie Curie, Virginia Woolf und Rosa Parks.

„Ich wage sogar zu behaupten, dass sich hinter dem >Anonymus<, der so viele Gedichte geschrieben hat, ohne seinen Namen darunterzusetzen, oft eine Frau verbirgt.“

(Virginia Woolf)

 

Absolute neue und unheimlich interessante Informationen bekam ich durch dieses Buch von Ada Lovelace, Amelia Earhart und Junko Tabei.

Diese drei Geschichten machen mich wirklich neugierig auf mehr Literatur über die Damen.

„Du sollst wissen, dass ich mir der Gefahren vollauf bewusst bin.

Ich will es tun, weil ich es tun will.

Frauen müssen versuchen, das Gleiche zu wagen wie Männer.

Wenn sie scheitern, soll ihr Scheitern nur eine Herausforderung für andere sein“

(aus einem Brief von Amelia Earhart)

 

Wie bereits im Klappentext ersichtlich, hatten diese 25 Frauen Erfolg auf die verschiedensten Weisen. Dass hier nicht nur die Politik oder Bürgeraktivisten zählen, ist ein absoluter Pluspunkt. Es werden auch eine Architektin und eine Malerin geehrt.

 

Ein weiteres Highlight sind die einzelnen Illustrationen der Frauen, welche von verschiedenen Illustratoren stammen. So hat man die Frau, über die man liest, gleich vor Augen. Allerdings wurde ich dennoch angespornt auch das Internet nochmal zu einigen Damen zu befragen.

 

Vom Aufbau her erfährt man anfangs wichtige Fakten zur Biografie, im Anschluss befindet sich ein Text zum Wirken der Frauen. Dieser beläuft sich allerdings immer nur auf lediglich eine Seite. Mir war es fast immer ein wenig kurz, aber da dieses Buch unter die Kategorie Kinder- und Jugendbuch fällt, sind diese kurzen, aber informativen Abschnitte auf jeden Fall sinnvoll.

 

Am Ende jeder Vorstellung stellte der Autor verschiedene Fragen in den Raum, welche vor allem junge Frauen in der heutigen Welt beschäftigen und ließ diese Fragen aus der Sicht einer jeden porträtierten Frau beantworten.

Dieser Teil fällt absolut in das Jugendbuch-Genre. Ich konnte mich an meine Schulzeit zurückerinnern, in der mich da einige der Tipps motiviert hätten.

Als Erwachsene steht man mittlerweile über viele der angesprochenen Probleme drüber.

 

Mein Fazit

Für mich ein Buch, welches mich gut unterhalten hat und welches nachwirkt.

Der Beweis dafür, dass nicht nur Männer zu unserer Weltgeschichte etwas beigetragen haben. Dieses Buch sehe ich abschließend eher als Buch für 12- 17- Jährige, aber dennoch konnte es mir auch als Erwachsene einige neue Informationen beschaffen. Ich bin dankbar über jede starke Frau, die ich kenne.

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