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review 2017-04-07 07:46
Versuchskaninchen Mensch
Das merkwürdige Verhalten von Schimpansen in Kinderkleidung: und andere sozialpsychologische Experimente - Felicitas Auersperg

Felicitas Auerspergs populärwissenschaftliches Sachbuch beschreibt die wichtigsten sozialpsychologischen Experimente, ihre Entstehung, den wissenschaftlichen Background, die genaue Versuchsanordnung und den Alltagsnutzen, den die Ergebnisse der Forschung implizieren.

Na? Bei meiner Inhaltsbeschreibung bereits ins Koma gefallen, weil das Buch so langweilig ist? Oh wie irrt Ihr Euch und seid gewaltig auf dem Holzweg! :-)
Selten hat Psychologie derart viel Spaß gemacht, und ich habe gleichzeitig so nebenbei noch ein paar Sachen gelernt (dass es nicht ganz so viel war, liegt daran, dass ich in meinem Studium als Wahlfach Organisationspsychologie belegt habe).

Die beschriebenen Experimente sind unter anderem das weithin bekannten Milgram- und das Stanford Experiment, aber auch mir relativ unbekannte Versuchsanordnungen wie die titelgebende „Das merkwürdige Verhalten von Schimpansen in Kinderkleidung“, in der ein Wissenschaftler-Ehepaar beschloss, sein eigenes Kind zusammen mit einem Affen wie Geschwister aufwachsen zu lassen. Zuerst ging alles gut, solange die Entwicklung von Affe und Baby parallel verlief. Erst als der Affe in seinem Lernfortschritt auf Grund der Genetik hinter dem Sohn stark zurückfiel und dieser, anstatt die gelernte Sprache zu vertiefen, aus Altruismus nur noch genauso gut klettern lernen wollte wie sein Affenbruder, musste das Experiment erfolglos abgebrochen werden.

Auch die genaue Untersuchung menschlicher Phänomene wie kognitive Dissonanz, oder der Umstand, dass Menschen Personengruppen, mit denen sie noch nie in Interaktionen traten, mit einer signifikanten Tendenz negativ bewerten, sind aktueller denn je, wenn man die heutige Flüchtlingssituation und die daraus resultierenden Intoleranz-Probleme der ansässigen Bevölkerung bewertet. Die Leute müssten sich einfach nur persönlich kennenlernen. Das Harlowe-Experiment hat beispielsweise den früheren Behaviorismus in der Kindererziehung widerlegt, heute würde kaum noch ein vernünftiger Mensch ein Baby unentwegt schreien lassen, in der Generation unserer Eltern war diese Methode jedoch anerkannt – fast schon verpflichtend, um aus seinen Kindern keine Weicheier zu machen. Am spannendsten fand ich das Loftus-Experiment, das die Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen und unser Gedächtnis unter die Lupe nimmt und den Bystander-Effekt, warum und unter welchen Umständen genau viele Menschen in der Stadt wegschauen, wenn ein Verbrechen geschieht. So wird Psychologie zum reinen Vergnügen – mit extrem viel Praxisrelevanz.

    "In allen vier Experimenten zeigte sich, dass Menschen eher dazu geneigt sind zu helfen, wenn sie allein einen Notfall beobachten. Sobald sie sich in Gesellschaft befinden, teilen sie die Verantwortung und reagieren, insbesondere, wenn die anderen Augenzeugen unbekannt sind, langsamer oder gar nicht. Paradoxerweise bedeutet das, dass einem in Gefahr eher geholfen wird, wenn es nur wenige Beobachter gibt.“[…] Eine einfache, aber wirkungsvolle Strategie, um den Bystander-Effekt zu unterbrechen, ist, abwartende Zuschauer direkt anzusprechen und um Hilfe zu bitten. Damit erleichtern sie ihnen den kognitiven Prozess, in dem sie sich gerade verheddern, und kürzen die Entscheidungsfindung für Bystander erheblich ab.

Fazit: So sollte Wissenschaft immer vermittelt werden! Liest sich wie ein spannender Roman. Großartig!

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review 2016-09-20 10:03
Schuster, bleib bei deinen Leisten
Runa: Roman - Vera Buck

Die Karriere des jungen Schweizer Arztes Jori Hell steckt fest. Seit Jahren lebt er in Paris, studiert an der berühmten Klinik Salpêtrière unter dem großen Neurologen Dr. Jean-Martin Charcot und kümmert sich um Patient_innen – doch die Doktorarbeit, für die er einst nach Paris zog, ist noch nicht geschrieben. Schlimmer noch, Dr. Charcot kennt nicht einmal seinen Namen, obwohl Jori regelmäßig die berüchtigten Dienstagsvorlesungen besucht, in denen Hysterikerinnen zu Unterrichtszwecken publikumswirksam hypnotisiert und vorgeführt werden. Erst als eines Dienstagabends ein junges Mädchen präsentiert wird, ändert sich Joris ziellose Routine schlagartig. Runa passt in keines der bekannten Krankheitsschemata, nicht einmal Dr. Charcot weiß, was dem Mädchen fehlt. Nur, dass sie verrückt ist, darin sind sich alle einig. Wäre sie gesund, würde sie sich kaum wie ein wildes Tier gebärden. Jori sieht seine Chance gekommen, sich zu profilieren und endlich seinen Doktortitel zu ergattern. Spontan schlägt er eine Hirnoperation vor, die Runas Verhalten korrigieren soll. Überraschenderweise erteilt ihm Dr. Charcot die Erlaubnis dazu und bietet sich sogar als Doktorvater an. Ein Rückzieher ist nun nicht mehr möglich. Jori hat keine andere Wahl, als seinen überhasteten Worten Taten folgen zu lassen. Je intensiver er sich mit Runa befasst, desto tiefer werden die Einblicke in den erniedrigenden Alltag der Patient_innen in der Salpêtrière. Er lernt die Schattenseiten einer Klinik kennen, die sich damit brüstet, weltweit als fortschrittlich zu gelten und muss sich fragen, ob seine Zukunft tatsächlich dort liegt. Doch seine Selbstzweifel sind nicht Joris einziges Problem. Runa ist der Schlüssel zu einem dunklen Geheimnis seiner Vergangenheit, das ihn nun heimsucht…

 

Was ist das nur mit fiktiven Romanen, die sich auf historische Fakten stützen? Wieso sind diese oft hervorragend recherchiert und überzeugen in der Darstellung der zeitgemäßen Umstände, erzählen jedoch eine Geschichte, die mangelhaft und unglaubwürdig wirkt? „Runa“ von Vera Buck ist eine vorbildliche, realistische Schilderung der Verhältnisse in psychiatrischen Einrichtungen Ende des 19. Jahrhunderts (1884) und den damals üblichen Behandlungsmethoden, erreichte mich auf der fiktiven Ebene allerdings überhaupt nicht. Jeder eindrucksvoll ausgearbeitete Fakt wird durch die misslungene Geschichte geschmälert. Das ist einfach schade und enttäuschte mich herb, denn die ersten 80 Seiten des Buches versprachen Großes. Buck konfrontiert ihre Leser_innen zu Beginn mit Joris Alltag in der Salpêtrière und lässt sie an seiner Seite einer Dienstagsvorlesung beiwohnen. Was dort ablief, ist keine Übertreibung, diese Veranstaltungen sind geschichtlich dokumentiert. Dr. Charcot präsentierte seinen Studenten dort tatsächlich relevante Fälle. Ich war zutiefst abgestoßen von der Zurschaustellung und Demütigung kranker Frauen in einem vollen Vorlesungssaal. Mit Unterricht hatte das für mich nicht das Geringste zu tun, vielmehr sah ich darin Charcots persönliche Bühne zur Selbstdarstellung. Es ist nicht zu glauben, dass das Publikum gierig mit morbider Faszination die öffentliche Erniedrigung Schutzbefohlener verfolgte. Männer, die einen Eid zu helfen leisteten, ergötzten sich an der Hilflosigkeit ihrer Patientinnen. Es war widerwärtig und doch zogen mich Bucks Beschreibungen in ihren Bann. Der Konkurrenzdruck, der damals in der Medizin und der Wissenschaft allgemein herrschte, war deutlich zu spüren. Ärzte lagen im Wettstreit miteinander, als erste neue Methoden auszuprobieren und mit dem nächsten großen Durchbruch in die Geschichte einzugehen. Es ist vorstellbar, dass das Wohl der Patient_innen zu dieser Zeit nicht immer im Vordergrund stand. Diese Lektion muss auch Jori lernen. Seine Begegnung mit Runa verändert ihn und lässt ihn begreifen, dass einige seiner Kollegen bereit sind, für ein bisschen Ruhm über Leichen zu gehen. Hätte sich Vera Buck auf diesen Erzählstrang beschränkt und nicht versucht, ihrer Geschichte eine Aura von Mystik zu verleihen, hätte das Buch sicherlich eine bessere Bewertung von mir erhalten. Aber nein, sie musste ja unbedingt eine Mordermittlung ins Spiel bringen. Meiner Ansicht nach war dies eine unglückliche Entscheidung, weil sie dadurch unnötigerweise gezwungen war, weitere Erzählperspektiven zu involvieren, die das Handlungskonstrukt zerfasert und holprig wirken ließen. Jegliche Handlungsstränge abseits von Jori erschienen mir überflüssig und wertlos für die Geschichte, sodass ich mich beim Lesen dieser Abschnitte immer wieder fragte, warum Buck mir all das erzählte. Ich zweifelte an ihrer Autorität als Autorin und hatte Schwierigkeiten, ihren hin und wieder sprunghaften Gedankengängen zu folgen, sowie die Übersicht über die Chronologie zu behalten. Wie oft habe ich schon von Bescheidenheit gepredigt und betont, wie wichtig es ist, sich nicht mehr aufzubürden, als man händeln kann – ich wünschte, Vera Buck hätte sich diesen Ratschlag zu Herzen genommen.

 

„Runa“ schießt meiner Meinung nach weit übers Ziel hinaus. Wenn es Vera Buck darum ging, einen realistischen Blick auf die Geschichte der Psychiatrie zu werfen, hätte sie es auch genau dabei belassen sollen. Ihre Versuche, eine geheimnisvolle Mordermittlung und verschiedene Erzählperspektiven zu integrieren, halte ich für gründlich misslungen; sie werfen einen Schatten auf die meisterhaft recherchierten Fakten des Buches, der hätte vermieden werden können. Sie wollte zu viel und riss daher alles, was sie erst gewissenhaft aufgebaut hatte, mit dem Hintern wieder ein. Vielleicht darf man von einem Debütroman keine Wunder erwarten, doch alle Großzügigkeit ändert leider nichts daran, was ich während der Lektüre empfand. Ich kann es nicht oft genug sagen: Schuster, bleib bei deinen Leisten.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2016/09/20/vera-buck-runa
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review 2016-07-21 11:05
Humor mit der Brechstange
Die Anderen - Boris Koch

„Die Anderen“ von Boris Koch ist der Beweis dafür, dass ein gut gefülltes Bücherregal samt monströsem SuB meiner Ansicht nach ein Segen ist. Nachdem ich „Die Abschaffung der Arten“ von Dietmar Dath gelesen hatte, musste ein leichte, lockere Lektüre her, die ich mir für jede meiner Challenges anrechnen konnte. Ich brauchte einen High Fantasy – Roman von einem deutschen Autor oder einer deutschen Autorin mit einem grünen Cover. Vier Anforderungspunkte sollten erfüllt sein. Mit meiner Privatbibliothek ist das kein Problem. „Die Anderen“ passte einfach perfekt, weshalb ich mich von etlichen negativen bzw. durchschnittlichen Rezensionen nicht einschüchtern ließ.

 

Das Orakel. Die Prophezeiung. Ein unbekanntes Volk, das die Welt bedroht und nur durch die Zusammenarbeit der vier Völker besiegt werden kann. Der Stoff, aus dem Helden gemacht sind!
Halt, halt, halt! Zusammenarbeit? Helden? Dass ich nicht lache! Zweckgemeinschaft egoistischer Chaoten trifft es eher. Zwei Elfen, die ihre Angebetete aus der Verbannung retten wollen, ein Trupp Orks, der sich bei der sadistischen Königin einzuschmeicheln versucht, ein Troll, der Medizin für den erkälteten Finstergeist des Berges sucht und zwei Zwerge, der eine auf der Suche nach seiner Herkunft, der andere auf einer obsessiven Mission zur Vernichtung aller Monos, gehen wohl kaum als Weltrettungskommando durch. Oder doch? Was als loser Verbund individueller Ziele begann, entwickelt sich schnell zu einer Gemeinschaft, die mit allen Wassern gewaschen ist. Sind sie bereit, es mit dem gefährlichsten Feind aufzunehmen, den die Welt je gesehen hat? Sind sie bereit für die Anderen?

 

Ich verstehe, warum sich die Begeisterung für „Die Anderen“ bei vielen Leser_innen in Grenzen hielt. Es ist stumpf, es ist reißerisch, es spielt auf billigste Art und Weise mit den Klischees des Fantasy – Genres. Es ist ganz und gar überflüssig, sinnlos und grundsätzlich Zeitverschwendung. Es gelesen zu haben, hat mich in meinem Leben weder vorangebracht, noch hat es selbiges nachhaltig beeinflusst. Aber wisst ihr was? Ich habe trotzdem gelacht. Und wie ich gelacht habe. Man will es kaum glauben, doch manchmal lese ich wirklich ausschließlich zum Spaß. Berücksichtigt man meine Ausgangssituation, hätte ich mir keine passendere Lektüre zum Durchatmen wünschen können. „Die Anderen“ ist ein Buch zum Abschalten, eine Parodie voller Anspielungen auf die großen Werke der Fantasy. „Harry Potter“, „Der Herr der Ringe“, „Die Orks“, „Die Zwerge“ – sie alle werden mächtig durch den Kakao gezogen. Boris Koch macht noch nicht einmal vor dem verstorbenen Sir Terry Pratchett Halt und bedient sich seiner Vorliebe für ausschweifende Fußnoten, um klugscheißerische Kommentare zu seinem eigenen Manuskript abzugeben. Es gibt Werbeunterbrechungen, Kanalwechsel und Illustrationen. In einer Szene wird aus dem Prosatext plötzlich ein Comic, was sogar den Figuren auffällt. Da fragt man sich, wie Koch neben all den Ablenkungen überhaupt eine zusammenhängende Geschichte erzählen kann, oder? Nun, genau das ist der Punkt: die Handlung von „Die Anderen“ spielt keine Rolle. Es ist völlig unwichtig, was in dem Buch geschieht, weil es lediglich darum geht, eine typische High Fantasy – Geschichte möglichst absurd zu parodieren. Vor diesem Hintergrund finde ich „Die Anderen“ äußerst gelungen. Objektiv betrachtet enthält das Buch alle traditionellen Elemente, von der Quest über die Heldengruppe bis hin zur Legende eines alten Relikts, das in sich die Macht zur Rettung der Welt trägt. Aber was Koch daraus macht, ist ganz und gar untypisch. Er verdreht die üblichen Handlungsstrukturen, bis sie kaum wiederzuerkennen sind, lässt seine Figuren beispielsweise versehentlich in die Realität (Mallorca oder die Ostsee) stolpern und stellt die unumgängliche finale Schlacht als surreale Prügelei dar, in der Verluste mit einem Schulterzucken abgetan werden. Man erfährt nie, in welcher Welt man sich eigentlich befindet und kann über die absichtlich klischeehaften Figuren nur den Kopf schütteln. Fragwürdige Slapstick-Einlagen unterstreichen die gewollte Komik der Szenen, sodass sich eine Atmosphäre der Unberechenbarkeit entwickelt, weil man nie weiß, wann Boris Koch das nächste Mal jemanden eine Treppe herunterfallen, auf einer Banane ausrutschen oder auf eine Harke treten lässt. Diese Art von Humor gefällt nicht allen Leser_innen, aber mir kam der Stumpfsinn des Ganzen sehr entgegen. Ich habe mich köstlich amüsiert, weil „Die Anderen“ wirklich keinen Funken Ernsthaftigkeit enthält. Ich lese so oft ernste, strenge, komplexe, bedeutsame und/oder eindringliche Literatur, dass mir ein Ausflug in die Banalität einfach guttat. Es tat gut, über all das, was ich sonst ehrfürchtig bestaune, aus voller Kehle zu lachen und sich darüber lustig zu machen. Dieser Roman hat mir genau das geboten, was ich in diesem Moment gebraucht habe.

 

Bei der Lektüre von „Die Anderen“ sind der Zeitpunkt und das Erwartungsmanagement immens wichtig. Kann man von Boris Koch erwarten, dass er seine Leser_innen zum Lachen bringt? Definitiv. Kann man von ihm feinsinnigen, subtilen, intelligenten Humor erwarten? Himmel, nein. Humor mit der Brechstange, das ist sein Metier. Deswegen ist es essenziell, dass man in der richtigen Stimmung ist, wenn man dieses Buch zu lesen beabsichtigt. Sicherlich hilft auch eine Vorliebe für flache, doofe Witze und für das Spiel mit Stereotypen. Meiner Ansicht nach muss man nicht unbedingt ein Fan der Fantasy sein, um sich von „Die Anderen“ unterhalten zu fühlen, aber es ist garantiert von Vorteil, weil sonst all die Anspielungen auf andere Werke unbeachtet verpuffen und die Absicht hinter diesem Roman verloren geht. Für mich war das Buch mentaler Urlaub, eine Erholung von allem Bedeutungsvollen und eine Gelegenheit, intellektuell endlich mal wieder alle Viere gerade sein zu lassen. Was könnte dafür besser geeignet sein als hochkarätiger Schwachfug?

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2016/07/21/boris-b-b-b-koch-die-anderen
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review 2015-11-24 20:21
Historischer Medizin-Krimi mit faszinierendem Setting, aber einer leider sehr behäbigen Story
Runa: Roman - Vera Buck

Das Pariser Nervenkrankenhaus Hôpital de la Salpêtrière war im 19. Jahrhundert die angesehenste psychiatrische Heilanstalt in ganz Europa und berufliche Heimat einer ganzen Reihe bekannter Ärzte, zu denen beispielsweise auch Sigmund Freud zählte. Was zunächst wie eine absolute Vorzeige-Institution der medizinischen Forschung wirkt, erscheint in „Runa“, dem Debütroman der jungen Autorin Vera Buck, jedoch wie die Hölle auf Erden – zumindest, wenn man zu den bedauernswerten Patientinnen der Klinik gehört. Aus heutiger Sicht haben die damaligen Praktiken an der Salpêtrière nämlich mehr mit einer Folterkammer gemein, wie man als Leser schon früh im Buch feststellen muss. Einmal in der Woche hält der berühmte Neurologe Jean-Martin Charcot nämlich im Hörsaal der Klinik seine berühmten Vorträge und führt einer begeisterten Menge von Medizinern und Studenten die Patientinnen und ihre Erkrankungen vor – und dabei scheint das Motto zu gelten: je wahnsinniger die Kranke, desto spektakulärer die Show. Als Leser muss man schon schlucken, wenn psychisch kranke und wehrlose Frauen ohne jegliche Menschenwürde vor ein sensationslüsternes Publikum gezerrt werden und ohne Rücksicht auf ihr Wohl schmerzhafte Anfälle provoziert oder demütigende Untersuchungen an ihnen vorgenommen werden, während sich die vermeintliche neurologische Koryphäe Charcot von seinen Jüngern feiern lässt.

 

Ein mysteriöses Mädchen als unfreiwilliges Forschungsobjekt

 

Zu dieser begeisterten Anhängerschaft zählt auch der Protagonist dieses Romans, der junge Schweizer Medizinstudent Jori, für den das Studium an der Salpêtrière aus vielerlei Gründen der Himmel auf Erden ist: zum einen darf er mit den besten Ärzten seiner Zeit zusammenarbeiten und von ihnen lernen, er hat die Möglichkeit, mit einem Doktortitel unter Charcot seine persönliche Karriere deutlich voranzutreiben und er hofft, in diesem Umfeld endlich ein Heilmittel für die Hysterie-Erkrankung seiner großen Liebe Pauline zu finden und mit ihr dadurch das Leben führen zu können, dass er sich seit vielen Jahren erträumt. Der Schlüssel zum Erfolg scheint das Mädchen Runa zu sein, dass nicht nur Vera Bucks Buch seinen Titel verleiht, sondern Jori die Möglichkeit gibt, auf eigene Faust nach dem langersehnten medizinischen Durchbruch zu forschen. Und auch hier zeigt sich der zweifelhafte Charakter der Pariser Ärzteschaft, denn an der Klinik werden nach Bekanntwerden von Joris Projekt gleich Wetten darüber abgeschlossen, ob der Student es tatsächlich schafft, dem Mädchen förmlich „den Wahnsinn aus dem Gehirn zu schneiden“, oder ob Runa bei dem heiklen Eingriff ihr Leben lässt.

 

„Prominente“ Nebendarsteller sorgen für hohe Authentizität

 

Bis Runa jedoch überhaupt die Bühne betritt, vergehen fast 200 Seiten und so kommt die Geschichte an sich eher schleppend in Gang, da die Autorin das erste Romandrittel vorrangig dazu nutzt, den Schauplatz der Handlung vorzustellen und die Leser mit der medizinischen Thematik vertraut zu machen. Auch wenn die lange Einführungsphase wenig Spannung verspricht, so hat das Buch für mich hier jedoch bereits seine stärkste Phase, da die schockierenden Praktiken an der Salpêtrière eine verstörende Mischung aus Faszination und Abscheu hervorrufen und eine sehr beklemmende Atmosphäre erzeugen. Bucks großer Trumpf ist zudem, dass viele ihrer Nebenfiguren tatsächlich existierende historische Persönlichkeiten sind, wie z.B. der eingangs erwähnte Neurologe Charcot oder auch ein gewisser George Gilles de la Tourette, dem das gleichnamige Tourette-Syndrom seinem Namen zu verdanken hat. Dadurch wirkt „Runa“ sehr authentisch und der Realitätsbezug lässt die medizinischen Eingriffe an der Klinik noch einmal grausamer erscheinen, weil diese sich anscheinend tatsächlich so abgespielt haben.

 

Faszinierendes Setting, aber behäbige Story und schwache Hauptfigur

 

Allerdings machen ein interessantes Thema und ein spannendes Setting alleine noch keinen packenden Roman aus, und leider hatte „Runa“ für mich abgesehen davon auch wenig zu bieten. Die Story entwickelt sich sehr behäbig und auch die Krimi-Elemente konnte mich nicht wirklich zum Weiterlesen motivieren, zudem schaden die vielen Erzählperspektiven meiner Meinung nach eher als das sie nützen, da durch den ständigen Wechsel auch kein richtiger Erzählfluss aufkommen will. Ein weiter großer Kritikpunkt ist für mich zudem auch die schwache Hauptfigur, denn ich habe für Jori hauptsächlich Abscheu empfunden, weil dieser nur von egoistischen Motiven angetrieben wird, sich aber überhaupt nicht um das Wohl seiner Patientinnen zu scheren scheint und damit für mich als angehender Arzt und Sympathieträger komplett durchfällt und während der 600 Seiten auch kaum an Profil gewinnt. Auch das eher offene Ende konnte mich nicht zufriedenstellen, sodass „Runa“ für mich insgesamt leider eine Enttäuschung ist, da mich zwar das Setting fasziniert hat, mich die Geschichte selbst jedoch zu keinem Zeitpunkt fesseln konnte.

Source: buecher-monster.de/2015/11/24/gelesen-runa-vera-buck
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review 2015-05-19 13:00
Charmantes Gedärm
Darm mit Charme - Giulia Enders

Gulia Enders hat doch tatsächlich einen genialen und witzigen Sachbuch-Bestseller über den Darm geschrieben, den ihre Schwester humor- und liebevoll illustriert hat. Der ursprüngliche Beginn sollte lauten: "Lieber Leser folgen sie wie Alice dem weißen Kaninchen, fragen sie aber nicht, durch welches Loch sie fallen." In Darm mit Charme beschreibt Enders sehr lyrisch und entzückend, was bei uns inwendig vorgeht. Die Idee zum Buch entstand dadurch, dass ein WG-Mitbewohner sie als Medizinstudentin nach einer durchzechten Nacht fragte, wie Kacken funktioniert. Das war ihr Einstieg ins Schmuddelbusiness und im Zuge der Recherchen wollte sie daraufhin ihrem inneren Schließmuskel mehr Macht geben.

Ihr glaubt ein Sachbuch über den Darm gibt nix her? Oh da seid Ihr sowas von auf dem Holzweg, derart spannend und witzig hab ich noch nie wissenschaftlich qualifiziert übers Scheißen gehört! Wer nun im Bereich Humor auf Analwitze spekuliert, irrt gewaltig. Mir ist während der Lektüre tatsächlich keiner eingefallen. Auch grausliche Fäkaldetails, vor denen ich mich ehrlich gesagt ein bisschen gefürchtet habe, blieben aus - im Gegenteil – ich habe nun ein viel entspannteres Verhältnis zu meinem Darm.

Das Buch beschreibt schlichtweg alles über die Verdauung wenn es vorne reinkommt bis hinten raus und ohne beschönigende Blackbox dazwischen. Dabei werden z.B. entspannte Hockstellungen am stillen Örtchen ebenso thematisiert, wie die Verdauungsfunktionen - beginnend beim Speichel im Mund und endend am WC , Nahrungsmittelintoleranzen, Funktionen von Bakterien im gesamten Verdauungsapparat, die Auswirklungen von übertriebener Hygiene, gestörte Darmflora als Ursache für Depressionen etc…

Im Bereich Bakterienbesiedlung, Prä- und Probiotika werden dann auch noch tatsächlich neue wissenschaftliche Erkenntnisse verwertet, die ich noch nie gehört habe.

Einer der spannendsten Abschnitte für mich als Bewohnerin einer Weingegend ist die Beschreibung des Wein-Abganges:
„Fast alles was Ihnen ein Weinverkoster erzählt, findet sich so nicht in der Weinflasche. Verzögerte Geschmäcke wie der „Abgang von Wein“ sind deshalb verzögert, weil Bakterien für ihre Arbeit Zeit brauchen. Sie sitzen auf dem hinteren Bereich der Zunge und bauen schon das Essen und Trinken um. Was dabei freigesetzt wird, gibt einen Nachgeschmack…Trotzdem nett, dass er uns von seinen Mikroben erzählt."

Fazit: So witzig, spannend und informativ sollte Wissenschaft immer sein. Ich bin restlos begeistert!

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