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review 2018-05-23 18:59
Superhelden unter sich
Endgültig - Nina Kunzendorf,Deutschland Random House Audio,Andreas Pflüger

Jenny Aaron war Mitglied einer elitären Einheit der Polizei. Doch dann ging ein Einsatz schief und hat der jungen Frau das Augenlicht gekostet. Mittlerweile hat sie sich als blinde Verhörspezialistin beim BKA einen Namen gemacht. Allerdings holt sie die Vergangenheit ein und sie kämpft gegen die Dunkelheit an.

"Endgültig" ist ein Actionthriller in Spionage- und Bond-Manier. Andreas Pflüger hat mit seinem Reihenauftakt heroischen Figuren Leben eingehaucht, nur den Heldentum meiner Meinung nach ordentlich überspannt.

Protagonistin Jenny Aaron ist blind. Dennoch ist sie als Verhörspezialistin beim BKA tätig und bringt unzählige Talente zum Einsatz. Obwohl sie erst wenige Jahre mit ihrem Handicap leben muss, hat sie es perfekt im Griff. Sie wendet unzählige Techniken an, um ihren sehenden Kollegen in Nichts nachzustehen. 

Die Geschichte an sich ist meiner Meinung nach nicht schlecht. Von der Handlung her stehen Rache, der Zusammenhalt bei der Polizei und gescheiterte Existenzen im Vordergrund. 

Es wird spannend erzählt und der Autor pflegt zahllose interessante Hintergrundinformationen ein. Es geht um das organisierte Verbrechen, philosophische Ansätze der Samurai, Schieß- und Kampftechniken und worauf man bei einem Verhör zu achten hat. 

Weniger ausgehalten habe ich diesen überbordenden Heldenmut, den alle beteiligten Figuren an den Tag legen. Von Protagonistin Jenny Aaron habe ich schon kurz erzählt, doch diese knappe Informationen sind nur Randerscheinungen. Als blinde Frau ist Jenny so tough, dass sie sogar noch schießen, sich auf der Anhängervorrichtung eines fahrenden LKWs fortbewegen und ein Auto fahren kann. 

Obwohl Jenny die führende Superheldin der Geschichte ist, sind ihr ihre Kollegen und Gegner absolut ebenbürtig. Ausgenommen natürlich, dass diese sehen können. Allesamt sind sie absolut perfektionierte Tötungsmaschinen, die psychisch und physisch auf Auslöschen von Leben getrimmt sind.

Noch erschreckender als diesen Heldenmut habe ich den Stellenwert von Jenny Aaron empfunden. Sie ist unantastbar im Freundes- und Kollegenkreis und hat einen Heiligenschein für sich gepachtet. Auch wenn man sich mit einer Kollegin gut versteht und ihr kompromisslos vertraut, kann ich nicht nachvollziehen, wie ihr Leben über dem der eigenen Angehörigen stehen kann. Wie kann ein - an und für sich - fremder Mensch, eine so wichtige Position einnehmen, dass sogar das Wohl der eigenen Familie zweitrangig ist? Diese und ähnliche Regungen sind für mich nicht nachvollziehbar und haben mir den Spaß genommen.

Obwohl ich an der Geschichte nicht viel Freude hatte, war natürlich nicht alles schlecht. Ich mochte es, wie Pflüger auf den Alltag blinder Menschen eingeht, fand es höchst interessant, wie und mit welchen Techniken sie sich durch die Welt bewegen und wie er einen schönen Bogen über die Ereignisse und Polizeieinsätze spannt.

Insgesamt komme ich zu dem Ergebnis, dass der Titel "Endgültig" für mich Programm sein wird. Es war mein erster und letzter Fall den ich mit Superheldin Jenny Aaron bearbeitet habe. Dennoch kann ich dieses (Hör-) Buch guten Gewissens Lesern empfehlen, die actionlastigen Superhelden etwas abgewinnen können. 

 
Bisher in dieser Reihe erschienen:
1) Endgültig 
2) Niemals 
Source: zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at
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review 2018-05-19 09:31
Der letzte Gast | Sabine Kornbichler
180517 Kornbichler
Autorin: Sabine KornbichlerTitel: Der letzte GastReihe: neinGenre: KriminalromanVerlag: Piper ebooks, [02.05.2018]Kindle-Edition: 374 Seiten, ASIN: B077BCLKLFauch im TB- und HB-Format erschienenhier: via NetGalley.de , #NetGalleyDEChallengegelesen auf dem Kindle-Paperwhite und über die Kindle-Appklick zu Amazon.de

Inhaltsangabe (Amazon):

München. Ein Tag wie jeder andere. Die Dogwalkerin Mia bringt Albert, den Dackel ihrer schwer kranken Kundin Berna, zurück. Die alte Dame erwartet sie bereits an der Tür, sie wirkt benommen und fahrig, behauptet, ihr Neffe sei zu Besuch, und schickt Mia mit der Bitte fort, in zwei Stunden noch einmal wiederzukommen. Später reagiert sie jedoch nicht auf ihr Klingeln. Alarmiert dringt Mia in das Haus ein und findet dort Spuren einer heftigen Auseinandersetzung. Sie entdeckt Berna, die erdrosselt in ihrem Bett liegt. Von diesem Moment an ist sie für die Polizei eine wichtige Zeugin – und für den Täter eine ernst zu nehmende Gefahr.

Meine Meinung:

 

Sabine Kornbichler, die Schöpferin der Nachlassverwalterin Kristina Mahlo, hat wieder in die Tasten gehauen, doch diesmal schreibt sie aus Sicht einer Dogwalkerin, einer Beinahe-Zeugin eines Mordes an einer schwerkranken Frau, die ohnehin 4 Wochen später ihren Freitod arrangiert hat.

 

Die Idee hat was, Spannung ist vorhanden, obwohl ich schon recht früh den richtigen Riecher hatte, aber die Umsetzung ist nicht so wirklich gut gelungen. Mehrmals habe ich kopfschüttelnd überlegt, ob die Protagonistin wirklich so weltfremd ist oder ich im Gegenzug zu abgeklärt? Aber nicht nur über ihre Handlungen war ich gelinde gesagt verwundert, auch den Polizisten habe ich nicht wirklich verstanden. Meine “Erfahrung” basiert zwar nur auf Kriminalromanen und –filmen wie dem Tatort, aber dennoch kann ich mir nicht vorstellen, dass die Ermittler sich dermaßen von einer Zivilistin, die sogar Beweismittel vernichtet, beeinflussen lassen. Da fehlte ein bisschen Recherche, will mir scheinen.

 

Sabine Kornbichler hat wieder in der ersten Person geschrieben. Eigentlich ist dies kein schlechter Schachzug, denn der Leser wird automatisch in die Protagonistin hineinkatapultiert. Bei mir ging es allerdings nach hinten los, da ich mich überhaupt nicht mit Mia identifizieren konnte. Die einzige Gemeinsamkeit, die ich sehe ist, dass auch ich kaum hätte schlafen können und mir jede Menge Gedanken gemacht hätte.

 

Schade, ich hatte mir mehr erhofft. Nach reiflicher Überlegung gebe ich die Hälfte aller Punkte, also 05/10.

 

Zitat:

Ich war alles andere als ein Hasenfuß, aber ich war auch nicht lebensmüde. Was, wenn sie sich täuschte und der Überfall einen ganz anderen Hintergrund hatte?
Kapitel 2, bei 3 %

180517 Kornbichler1

 

Bücher der Reihe Kristina Mahlo:

 

1. Das Verstummen der Krähe – rezensiert 26.08.2014 – 11/10 Punkte
2. Die Stimme des Vergessens – rezensiert 05.09.2014 – 09/10 Punkte
3. Das böse Kind – beendet 17.01.2016 – 10/10 Punkte

 

weitere Bücher:

 

- Der letzte Gast – beendet 17.05.18 – 05/10 Punkte

 

Der letzte Gast: Kriminalroman - Sabine Kornbichler 

Source: sunsys-blog.blogspot.de/2018/05/gelesen-der-letzte-gast-sabine.html
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review 2018-05-19 06:21
Düsterbruch - Pia Korittki (7) | Eva Almstädt
180515 Düsterbruch
Autorin: Eva AlmstädtTitel: DüsterbruchReihe: Pia Korittki (7)Genre: KriminalromanVerlag: Audible Studios, [18.08.2016]Hörminuten: [484 Minuten], ungekürztSprecherin: Anne Mollauch im eBook- und TB-Format erschienenWhispersync for Voice verfügbarhier: gehört über die Audible-Appklick zu Amazon.deklick zu Audible.de

Inhaltsangabe (Audible):

Der Selbstmord einer Bäuerin führt Kommissarin Pia Korittki in den kleinen Ort Düsterbruch. Hier sind Familien und Nachbarn noch füreinander da. Doch dann bringt ein Mord im Dorf eine alte, nie geklärte Familientragödie zutage, und Pia muss erkennen, dass die Menschen im Düsterbruch eine verschworene Gemeinschaft bilden - auch und erst recht im Falle eines Verbrechens...

>> Diese ungekürzte Hörbuch-Fassung wird Ihnen exklusiv von Audible präsentiert und ist ausschließlich im Download erhältlich.

©2011 Bastei Lübbe AG (P)2016 Audible GmbH

Meine Meinung:

 

Dies ist nun schon der 7. Fall in der Reihe um Pia Korittki, und einmal mehr wird deutlich, dass sie mit ihrem Beruf verheiratet ist, denn obwohl hochschwanger, arbeitet sie durch und lässt sich nicht von Außeneinsätzen abhalten. Sehr ungewöhnlich.

 

Positiv aufgefallen ist mir, dass ein solcher Fall eben nicht in wenigen Tagen aufgeklärt ist, sondern durchaus Monate lang die Ermittler auf Trab halten kann. Als ihr kleiner Sohn Felix schon 6 Monate alt ist, bekommen sie endlich Hinweise, die zur Aufklärung des Falles führen.

 

Zudem ist der Bogen zur Vergangenheit gekonnt gespannt und bringt auf spannende Weise Dinge zutage, die die eingeschworene Dorfgemeinschaft lieber für sich behalten hätte.

 

Dennoch kam für mich der Schluss zu plötzlich, einige Aspekte des Falles lagen für mich noch immer im Dunkeln, als bereits der Abspann lief. Dennoch ist auch dieses Buch natürlich wieder des Lesens oder Hörens wert und wird von mir mit soliden 08/10 Punkten bewertet. Anne Moll bringt ihr Können in Hinsicht auf die verschiedensten Dialekte wieder sehr gut ein und nuschelt sich teilweise als Bauer durch die Befragungen. Ich habe es sehr genossen :)

 

 

Bücher der Reihe:

 

1. Kalter Grund – beendet 16.07.2017 – 09/10 Punkte
2. Engelsgrube – beendet 07.08.2017 – 09/10 Punkte
3. Blaues Gift – beendet 22.09.2017 – 08/10 Punkte
4. Grablichter – beendet 14.10.2017 – 08/10 Punkte
5. Tödliche Mitgift – beendet 30.11.2017 – 08/10 Punkte
6. Ostseeblut – beendet 20.02.2018 – 09/10 Punkte
7. Düsterbruch – beendet 16.05.2018 – 08/10 Punkte
8. Ostseefluch
9. Ostseesühne
10. Ostseefeuer
11. Ostseetod
12. Ostseejagd
13. Ostseerache
14. Ostseemorde

Düsterbruch (Pia Korittki 7) - Audible Studios,Eva Almstädt,Anne Moll 

Source: sunsys-blog.blogspot.de/2018/05/gehort-dusterbruch-eva-almstadt.html
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review 2018-03-13 15:56
Mörderischer Apfelduft
Totenweg: Kriminalroman (Elbmarsch-Krimi, Band 1) - Romy Fölck

Manchmal darf es bei mir auch ein Regionalkrimi sein. Meine Qualitätskriterien in diesem Genre sind: Spannung, ein nicht durchsichtiger Plot, exzellente Figurenentwicklung, einigermaßen anspruchsvolle Sprache, gute Ortsbeschreibungen und dicht beschriebene Stimmungen, lustiges Mörderraten, nachvollziehbare Motive, ein Ende, das nicht an den Haaren herbeigezogen ist und die Vermeidung von jeglicher schmalziger Romantik. Romy Fölcks Krimi erfüllt diese Aufgaben auf jeden Fall gut, sicher wesentlich besser als der Durchschnitt der unzähligen Romane in dieser Gattung.

Am besten hat die Autorin im Rahmen der Figurenentwicklung und bei der Stimmungsbeschreibung gearbeitet. Frida, eine junge ehrgeizige Polizistin auf dem beruflichen Erfolgsweg zur Kommissarin muss von Hamburg kurzfristig wieder in ihr Heimatdorf zurück, da ihr Vater niedergeschlagen wurde und ins Koma gefallen ist. Dort wird sie zuerst mit der desolaten wirtschaftlichen Lage des Apfelbauernhofs der Eltern konfrontiert, muss schleunigst ein paar Brände löschen und dringende Probleme lösen. Weiters trifft sie ihre alten Freunde und Bekannten wieder und ein paar uralte Traumata brechen auf. Der Mord an ihrer Freundin Marit ist noch immer nicht aufgeklärt. Frida hat Kommissar Haverkorn, der sich nun erneut an ihre Fersen heftet und den Cold Case aufklären will, als 13-jähriges Mädchen wichtige Details zum Mörder aus Angst verschwiegen.

Auf Seite 120 könnte der Leser meinen, der Roman sei schon zu Ende, denn der Täter des Mordes aus den 90er Jahren ist nun klar, Frida hat als Kind zuerst aus Angst geschwiegen und als Polizistin deshalb, weil der Mörder relativ bald nach der Tat bei einem Autounfall gestorben ist, und sie seinen Vater nicht noch mehr belasten wollte. Lediglich der feige Anschlag auf ihren Vater ist noch ungeklärt, aber da werden die Spuren von der Autorin auf massive Grundstücksspekulationen gelegt.

Dann macht der Plot eine Kehrtwende um 180 Grad (so etwas ist immer ganz mein Geschmack) und alles wird in Frage gestellt, der vermeintliche Mörder von Marit war es gar nicht, weitere Verbrechen geschehen, sind alle miteinander verflochten und werden offenbar: Mord, Totschlag, Brandstiftung, Entführung … die Entwicklung ist sehr rasant und man kann das Buch kaum weglegen.

Die Autorin beschreibt wundervoll die Dorfgemeinschaft, die angehende Kommissarin Frida und ihre Probleme, die Kinderfreundschaften aus der Vergangenheit und die Erwachsenen der Gegenwart, die Landschaft und die Apfelhöfe, deren Duft man förmlich riechen kann, Kommissar Haverkorn mit all seinen gesundheitlichen und privaten Problemen, der kurz vor seiner Pensionierung noch Lunte gerochen hat und endlich diesen alten Fall, seinen ersten Fall und gleichzeitig Misserfolg als Leiter der Mordkommission aufklären will. Auch das ambivalente Verhältnis von Haverkorn und Frida wird ziemlich ausführlich und psychologisch sehr aufschlussreich thematisiert und analysiert, das ist wirklich große Klasse.

Der wahre Mörder kristallisierte sich für mich zwar relativ früh vor dem Ende heraus, was mir aufgrund der nicht ganz so zahlreichen Verdächtigen ein bisschen die Lust am Mörderraten nahm, aber nicht alle Taten aus Vergangenheit und Gegenwart hätte ich so eingeschätzt und die Motive werden auch sehr konsistent und realistisch dargelegt. So geht ordentliche Krimiunterhaltung.

Fazit: Ein spannender Pageturner, der Krimi erfüllt alle relevanten Anforderungen an eine schlaflose Nacht, in der man dieses Buch dann nicht mehr weglegen möchte.

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review 2018-03-13 09:37
Die Freuden der Pflicht
Deutschstunde - Siegfried Lenz

Siegfried Lenz war einer der bedeutendsten Schriftsteller der deutschen Nachkriegsliteratur. 1926 in Ostpreußen geboren, wurde er 1943 zur Kriegsmarine eingezogen und desertierte kurz vor Kriegsende in Dänemark. Später etablierte er sich erst als Autor von Erzählungen, Kurzgeschichten und Novellen, bevor ihm mit seinen Romanen ebenfalls der Durchbruch gelang. Sein vermutlich wichtigstes Werk ist „Deutschstunde“, das 1968 erschien und im Kontext der Studentenunruhen große Beachtung erhielt. Siegfried Lenz positionierte sich stets gegen die deutsche Kriegsvergangenheit und zögerte nie, sich literarisch mit den Verbrechen des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Die Bücher des 2014 verstorbenen Autors werden bis heute im Deutschunterricht vieler Schulen behandelt. Auf dem Lehrplan meines Gymnasiums stand er hingegen nicht, weshalb ich „Deutschstunde“ im Januar 2018 privat las.

 

„Die Freuden der Pflicht“ lautet das Thema, zu dem Siggi Jepsen im Deutschunterricht einer Hamburger Besserungsanstalt einen Aufsatz schreiben soll. Ein Thema, zu dem er so viel zu sagen hat, dass er nicht weiß, wo er beginnen soll. Am Ende der Stunde hat er kein einziges Wort zu Papier gebracht. Die Anstaltsleitung bietet ihm an, den Aufsatz als Strafarbeit zu vollenden – allein, in Isolation. Eingeschlossen in seiner Zelle findet er endlich die Ruhe, die er benötigt, um sich seinen Erinnerungen zu stellen. Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat schildert Siggi seine Kindheit als Sohn des nördlichsten Polizeihauptwachtmeisters Deutschlands, der 1943 die Order erhielt, das Malverbot des Künstlers Max Ludwig Nansen durchzusetzen. Ungehemmt berichtet er, wie das blinde Pflichtbewusstsein seines Vaters sein Leben entscheidend prägte und warum er im Alter von 10 Jahren entschied, zu rebellieren und die Bilder des Malers heimlich zu retten. Je länger Siggi schreibt, desto klarer schält sich seine Vergangenheit heraus und desto näher rückt er der Erkenntnis, nach der er es ihn mehr als alles andere verlangt: wer er ist.

 

Mit „Deutschstunde“ gelang Siegfried Lenz ein Roman, der entscheidend zur deutschen Erinnerungskultur beiträgt und uns hilft, zu verstehen, was sich das deutsche Volk im Dritten Reich selbst antat. Am Beispiel des fiktiven, durch und durch norddeutschen Rugbülls, Heimat des Ich-Erzählers Siggi Jepsen, beschreibt Lenz, wie Nationalsozialismus und Krieg in der deutschen Provinz ankamen und sich subtil auf den Alltag völlig durchschnittlicher Menschen auswirkten. Lenz‘ Schreibstil ist gewöhnungsbedürftig, da er keine Abgrenzung von wörtlicher Rede verwendet und häufig auf willkürliche, abrupte Szenenwechsel zurückgreift, um auf die Rahmenerzählung des Aufsatzes zu verweisen. Siggis Schilderungen sind zweigeteilt und multiperspektivisch. Erzählzeit und erzählte Zeit driften stark auseinander. In der Gegenwart beobachten die Leser_innen ihn als beinahe volljährigen Mann beim Schreiben seiner Memoiren in Vogelperspektive, in der Vergangenheit durchleben sie an seiner Seite die Erfahrungen seines 10-jährigen Ichs in Froschperspektive. Der Begriff der Pflicht ist das zentrale Thema der fragmentarischen Erinnerungen des kindlichen Protagonisten. Dessen Erlebenswelt wird von zwei männlichen Bezugspersonen und ihren gegensätzlichen Auffassungen von Pflichtbewusstsein geprägt: sein Vater, der Polizeihauptwachtmeister Jens Ole Jepsen und sein Nachbar, der Maler Max Ludwig Nansen. Während sein Vater die verheerendste Version blinder Pflichterfüllung verkörpert, die keine Zweifel zulässt, ausschließlich auf das korrekte Ausführen von Befehlen und den unerschütterlichen Glauben an Autorität ausgerichtet ist, ohne das eigene Gewissen zu belästigen, sieht sich der Maler nur seinem intuitiven Verantwortungsgefühl und seiner Kunst verpflichtet. Die Beziehung der beiden Männer ist über ihre aufgezwungene Verbindung hinaus emotional aufgeladen, da sie einst Freunde waren. Zwischen diesen beiden Extremen muss Siggi wählen, eine für ein Kind nahezu unmögliche Entscheidung. Es ist bezeichnend für Siggis Intelligenz und Kreativität, dass er fähig ist, seine eigene Lösung aus diesem Dilemma zu finden, ohne sich einer der Parteien ganz zu verschreiben. Er wählt einen Mittelweg, der ihm eine gewisse Unabhängigkeit bewahrt. Trotz dessen zeigt sich in der Gegenwart seiner Erzählung, dass Siggi von dem prinzipiellen Konflikt seines Vaters mit Nansen traumatisiert wurde. Meiner Ansicht nach steht er exemplarisch für die erste Jugendgeneration nach Kriegsende, die ziellos und verunsichert versuchte, ihre Identität fern vom Vorbild ihrer Eltern zu gestalten. Siggi durchläuft durch das Schreiben seines Aufsatzes eine Entwicklung, die es ihm ermöglicht, mit seiner Vergangenheit abzuschließen. Ich konnte erkennen, dass Lenz im offenen Ende seines Romans Hoffnung anklingen ließ, muss aber zugeben, dass sich diese Emotion in meiner Gefühlswelt kaum durchsetzen konnte. Ich fühlte mich traurig und leer, als ich das Buch zuschlug.

 

Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, wie „Deutschstunde“ auf Leser_innen wirken mag, die nicht in Deutschland geboren und/oder aufgewachsen sind. Vielleicht wird dieser zutiefst deutsche Roman von einem internationalen Publikum vollkommen anders empfunden? Vielleicht als langweilig, weil es eher interessant als spannend ist? Kann man sich nur dann wirklich in Siggi Jepsens Geschichte hineindenken und -fühlen, wenn man unter dem Eindruck der allgegenwärtigen Erinnerungen an die deutsche Vergangenheit heranwuchs? Möglicherweise kann es ausschließlich in Leser_innen, die sich als Deutsche verstehen, die gesamte Bandbreite der beabsichtigten Emotionen wecken. Ein zweifelhaftes Privileg. Wir leben mit der Schuld. Wir leben mit der Scham. „Deutschstunde“ ist das Buch eines Deutschen für Deutsche. Gegen das Vergessen. Für die Aufarbeitung einer Historie, die uns noch immer schmerzt.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2018/03/13/siegfried-lenz-deutschstunde
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