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review 2019-09-16 14:07
Die Wuchtl* in der Abseitsfalle
Nicht wie Ihr - Tonio Schachinger

Dieses für die Longlist des deutschen Buchpreises nominierte Werk mag vieles sein, aber „ein Roman für Fußballfans und Fußballverweigerer gleichermaßen“ – so wie er im Werbetext auf dem Buchrücken beworben wird – ist er definitiv nicht. Das kann ich als Fußballverweigerin, die aber dennoch eine gemeine Abseitsfalle zu erkennen vermag, hier definitiv unterschreiben.

 

Das ist insofern sehr schade, denn ich hätte den Roman gar nicht bestellt, wenn er sich in seinen Werbebotschaften nicht so explizit an Nicht-Fußballfans als Zielgruppe gewandt hätte. Alles andere wäre ja unfair, ein Werk zu bewerten, das mich schon im Vorfeld vom Thema her so gut wie gar nicht interessiert. Diese Kombi hat mich aber dann doch neugierig gemacht, und ich wollte unbedingt wissen, wie der Autor diesen Zielkonflikt, beide Gruppen gleichermaßen zufrieden zu stellen, löst. Naja, das ist auf jeden Fall gehörig in die Hose gegangen.

 

Der Protagonist Ivo Trifunović, mit bosnischen Wurzeln aus der Wiener Vorstadt in den Weltfußball aufgestiegen, ist ein Narziss, aber keiner von der abgrundtief bösen, spannenden Art, sondern auf eine BOBO-Spießerart: meine Häuser, meine Autos, mein Pool, meine Ehefrau, meine Kids, meine Geliebte, mein Boot, mein Job. Zudem eiert er ganz schön unentschlossen herum, ob er seine Alte (Wiener Ausdruck für Ehefrau) tatsächlich mit seiner Jugendliebe betrügen soll oder nicht. Zwar gilt für Ivo nicht das alte Simmeringer Sprichwort: Ich bin ein Fußballer, tu mir beim Denken schwer, aber wie man so einen faden, ordinären, eitlen Zauderer zum Protagonisten eines Romans machen kann, ist mir auch rätselhaft, das lockte mich jetzt auch nicht hinter dem Ofen hervor. Zudem ist der möglicherweise in Deutschland sehr goutierte, anzügliche österreichische Unterschichts-Slang, den manche, die ihn nicht kennen, als rotzfrech bezeichnen möchten, auch nicht grad das Gelbe vom Ei für mich, hatten wir doch alle mindestens ein bis zwei Mitschüler in der Klasse, die sich so machismo-sexistisch und primitiv aufführten.

 

Was mich aber am meisten gestört hat, sind diese inflationär verwendeten Kicker-Analogien. Der Roman kann keine Situationen oder Gefühlsregungen, also fast nichts beschreiben, ohne einen abstrusen Vergleich an den Haaren herbeizuziehen. Das ist dann genau so, als wäre man in einer Subkultur, in der es essentiell ist, wenn man den Film gesehen hat oder das Buch gelesen, ansonsten versteht man einfach nur Bahnhof. Wie soll ein Nicht-Fußballfan diese Analogien verstehen? Ronaldo ist anscheinend nicht so übel wie Messi (warum auch immer), was ist einen Panenka machen (Ja, Panenka war ein österreichischer Fußballer, aber was war typisches Verhalten für ihn?) und wer zum Teufel ist Peter Hackmair? So geht das zumindest für eine breitere Zielgruppe sicher nicht, ich kann ja nicht die ganzen Lebensgschichtln von diesen A-Z-Kicker-Promis von den 70er-Jahren bis zum heutigen Tag in den einschlägigen Zeitungen nachrecherchieren.

 

Und selbst wenn der Autor mal nicht nur den Fußball bemüht, kommt er ohne Analogien und Zitierungen nicht aus. Da er offensichtlich viel jünger ist als ich, die mit dem Betthupferl, Dschungelbuch, Kasperl und Petzi aufgewachsen ist, kann ich seine Filme und Fernsehserien und die darin vorkommenden Figuren überhaupt nicht interpretieren und dadurch ergibt sich für mich bei der Übersetzung der Vergleiche in Normalsprech nur ein wildes Kauderwelsch.

Ivo hatte immer schon Mitleid mit den Bösen. Mit dem Kojoten, der in einer Scheißwüste lebt, wo es sonst nichts gibt und der jedes Mal dafür bestraft wird, wenn er seiner Natur folgt und versucht, diesen arroganten Vogel zu erwischen. […]
Die Guten sind meistens langweilige Scheißkinder, und trotzdem kriegt am Ende Calimero die Bitches und Toni, die coole Ente geht leer aus. […]
Irgendwas wird auch Simbas Vater falsch gemacht haben, damit ihn sein eigener Bruder so hasst. Klar, Scar will König sein, und König wird immer der Sohn vom König und nicht sein Bruder, aber ist es so falsch, gegen diese Ordnung anzukämpfen. Ist es falsch, wenn ein Löwe König sein will. Wenn er es nicht wollen würde, wäre es ja noch schlimmer, dann würde man ihn in die Kategorie von Bernhard Tomic und Nick Kyrgios stecken, in die Kategorie der Ausländer, die nicht genug aus ihrem Talent machen, denen es nichts mehr gibt, zu gewinnen, und die deshalb für immer Ausländer bleiben.

Hä????? Rembrandt??? WTF?? Ich kapiere wirklich nur Bahnhof. Versteht mich nicht falsch, für eine interessierte Mini-Subkultur, die mit diesen Codes aufgewachsen ist und auch noch die beiden genannten Fußballer kennt, mag das grandios sein, aber wenn ein Roman den Anspruch erhebt, für ein breites Publikum geeignet zu sein, dann ist diese Ambition aber so etwas von gehörig in die Binsen gegangen.

 

Jetzt sollte ich ja nicht spekulieren, warum ausgerechnet dieser Nischenroman für den deutschen Buchpreis nominiert ist, ich ärgere mich aber schon, warum von Kremayr & Scheriau nicht dieser hinreißende feministische Roman Hippocampus, den ich vor Kurzem hier besprochen habe, nominiert wurde. Wahrscheinlich sind aber 51% Frauen in der Bevölkerung eine zu kleine Zielgruppe, als dass sie für den Buchpreis relevant wären, da wird lieber ein Buch für die totalen Fußballfreaks mit den Codes der 90er- und 00er-Jahre nominiert. Dieses Minderheitenprogramm ist sicher relevanter für den auszeichnungswerten Literaturkanon. (Ironie off)

 

Gegen Ende der Geschichte, also auf den letzten Seiten, macht Ivo übrigens noch eine gute Entwicklung durch, die nicht ganz so irrelevant für Jedermanns und Jederfraus Leben ist, insofern waren die letzten Seiten dann nicht so furchtbar wie die mühsamen restlichen neunzig Prozent der Story.

 

Fazit: Für Fußballfans kann ich den Roman nicht beurteilen, für -verweigerer ist er aber definitiv komplett ungeeignet. Außerdem strotzt er nur so von vulgären sexistischen österreichischen Dialektausdrücken, die dem Leser als „erfrischend“ und rotzfrech verkauft werden.

 

*Wuchtl = 1. Fußball 2. Tiefer Pass im Fußball 3. tiefer (primitiver) Scherz in der Sprache

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review 2019-08-25 12:00
Inhaltlich nicht viel Neues strukturell äußerst schwach präsentiert
Kurz & Kickl - Helmut Brandstätter

Was mich immer wieder erschüttert, ist der Umstand, dass viele gestandene und sehr gute Journalisten ihre ungefähr zweihundert Seiten dicken Bücher so schreiben, als würden sie nur einen mehrseitigen Leitartikel vor sich haben. Dabei kommt dann ein sprunghaftes nicht professionelles Werkstück heraus, das in seiner Struktur total schwächelt, jeglichen Roten Faden vermissen lässt und im Plauderton wirrrr von einem Argrument zum anderen und zudem zwischen den Zeiten hin und her springt und zwischen den Personen herummäändert. So eine Leserverwirrung mag bei einem fiktionalen Werk eine grandiose Wirkung haben, in einem politischen Sachbuch, das Hintergründe und Netzwerke aufdecken sollte, ist das aber ein absolutes No-Go. Aus diesem Grund kann ich nur den Kopf schütteln, dass hier nicht ein ordentlicher Editor oder ein mutiger Lektor mit Durchgriffsrecht ein Machtwort gesprochen hat. Legts einfach Eure Eitelkeit ab, sehr viele von Euch KÖNNEN keine Sachbücher schreiben und lasst Euch endlich mal helfen. Der Herr Mitterlehner hat das mit seinem ersten Buch wesentlich besser gemacht!

Auch in diesem Werk ist es genau so, wobei ich Herrn Brandstätter nicht als einzigen Journalisten verorte, der keine Ahnung von Strukturierung hat, da befindet er sich in hervorragender Gesellschaft mit z.B. Scharsach. Zu Beginn wird wirr zwischen Kurz und Kickl zwischen 2017 und 2019 herumgesprungen. Irgendwann zeichnet sich dann eine lasche thematische Ausrichtung, vom politischen Programm, über die Burschenschafter der FPÖ, flankiert vom Wahlkampf und die Sicht der Parteien auf die Medien, zu den Nazi Rülpsern... (Reihenfolge ist im Buch so) ab. Aber wie ihr seht, sind auch die Kapitelabfolgen nicht in einer logischen Struktur, wodurch bei den Burschenschaftern schon wieder einiges vom Nazirülpser Kapitel vorweggenommen wird.  Und so geht es munter weiter. Und nein, liebe Journalisten, wenn Ihr nur im Erzählton herumplaudert und vom Hundersten ins Tausendste springt, wird ein Buch nicht spannender und populärer, sondern nur wirr und unübersichtlich.

Um so ein Fehlen des Roten Fadens eindrucksvoll zu demonstrieren, werde ich diesmal ausnahmsweise auch in meiner Rezi denselben Fehler begehen und auf den Beginn des Buches, auf die Einleitung zurückschwenken. Ich schätze zwar Erhard Busek in vielen Bereichen, aber das Predigen hätte er sein lassen sollen. Schon im Vorwort kommt er nicht zum Thema und zum Punkt der Politik sondern schwadroniert so allgemein über christliche Religiosität - schon mal was von Laizismus gehört? In einer anständigen Politik sollte z.B. der Kircheneintritt von Van der Bellen nicht mal im Ansatz erwähnt werden, denn RELIGION IST PRIVATSACHE, wir leben eben nicht in einem Gottestaat, auch nicht in einem christlichen. Insofern war schon das Vorwort zu diesem Buch sehr ärgerlich, da es so gut wie nichts mit dem Thema zu tun hatte.

Auch sonst ist halt inhaltlich für den gemeinen politikinteressierten Leser nicht viel Neues drinnen. Die Mitterlehner Geschichte wird von Mitterlehner weit besser erzählt, alles andere ist ohnehin hinlänglich bekannt und wurde eben zudem schlecht und unstrukturiert zusammengefasst. Lediglich im Rahmen der Thematisierung  der Parteien im Umgang mit den Medien gibt es ein paar neue Erkenntnisse bei der Einflussnahme, der strukturierten Pressesprecher-Netzwerke und wie die Message-Control im Detail auch hierarchisch in der österreichischen Medienlandschaft funktioniert und durchgesetzt wird.

In diesen spärlichen Kapiteln ist Brandstätter endlich der Profi, dessen Expertise, Neuigkeiten und Zusammenhänge ich mir erwartet habe. Leider gehen diese Themen im recht mittelmäßig aufgemachten allgemein bekannten Bla-Bla unter. Hier wäre zum Beispiel auch angesagt gewesen, mal eine Politikwissenschaftlerin wie Natascha Strobl zu zitieren, die jede Rede von Kurz bis ins letzte Detail analysiert hat. Diese kompetente Frau ist normal politikinteressierten Menschen, zumindest den Nicht-Twitterern eher weniger bekannt, sie zerlegt aber punktgenau, wie die Message kontrolliert an das Wahlpublikum gelangt. Da Brandstätter keine Scheu hatte, Mitterlehner und andere zu zitieren, frage ich mich, warum er genau bei diesem Thema, das sich nahezu als Nukleus aufdrängte, verabsäumte, Strobl zu zitieren.

Inhaltlich bin ich auch mit ein paar Sachen nicht einverstanden, zum Beispiel hat der Herr Forstklo (Waldhäusl) in Niederösterreich weit schlimmere Verfehlungen angerichtet, als die Leute beim Kauf von geschächtetem Fleisch registrieren zu wollen, wie Herr Brandstätter moniert. Er verstieß kriminell und massiv gegen Kinder und Jugendrechte, als er in einem Heim für minderjährige Flüchtlinge in Drasenhofen Stacheldraht anbringen ließ und quasi eine Ausgangssperre verhängte. https://www.derstandard.at/story/2000092783407/waldhaeusl-jeder-kann-sich-zwei-drei-fluechtlinge-mit-nach-hause . So ein Verbrechen nicht dementsprechend anzuprangern, ist zwar tragisch, aber entweder eine andere Wertung als ich sie vornehme, oder eben Unwissenheit, was sich in Niederösterreich tatsächlich Gravierendes abspielt.

Fazit: Für mich ein schnell und unfundiert hingeschlenztes sehr unterdurchschnittliches politisches Buch, das maximal auf 2,5 Sterne kommt. Die Zielgruppe, die dieses Buch lesen kann und will, weiß ohnehin fast alles, was drinnensteht, wird sich wahrscheinlich langweilen und hat kaum einen strukturierten Erkenntnisgewinn, die anderen sind ohnehin verblendet.

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review 2019-08-19 15:58
Seepferdchenfeminismus: spiegelverkehrt, bitterböse und urkomisch
Hippocampus - Gertraud Klemm

Wenn eine Autorin einen feministischen Roman schreiben will, kann sie anklagend oder einfühlsam eine furchtbare Geschichte über Leid und Unterdrückung durch das Patriachat schreiben, oder sie kann einfach auf extrem witzige Weise den Spieß umdrehen und die Groteske der schon komplett von der Gesellschaft verinnerlichten männlichen Privilegien abmontieren, so dass sie erstmals humorvoll entlarvt und in Frage gestellt, aber auch der Wahnwitz ihres Bestehens lächerlich gemacht wird. Es ist Gertraud Klemm ausnehmend gut gelungen, einen total witzigen, wahnwitzigen, subversiven, anarchischen, feministischen Roman zu schreiben.

 

Dies schlägt auch exakt in die für mich doch sehr neue Strömung des Feminismus, mit Humor den Spieß umzudrehen und mit der alternativen Realität und der Brille einer feministischen Welt zu kokettieren, quasi das Universum des männlichen Seepferdchens zu errichten, das die Babies austragen muss. In den letzten Wochen wurde auf Twitter unter dem Hashtag #dichterdran genau in diese Kerbe geschlagen und männliche Autoren wurden so respektlos auf Äußerlichkeiten reduziert, kritisiert und rezensiert, wie sich das bisher nur Autorinnen gefallen lassen mussten. Die meisten Schriftsteller machten gute Miene zu diesem etwas fiesen Spiel und einige wie Saša Stanišić beteiligten sich sogar humorvoll daran.

 

Wenn man kritisiert, dass es so wenige männliche Autoren in den Weltliteratur-Kanon geschafft haben, muss man auch bedenken, dass sich diese Literatur oft auf Männerthemen konzentriert und ihr der universelle Anspruch fehlt, der wahrhaft großartige Werke ausmacht..“  (Elisabeth Klar @Sam_O_Dor auf Twitter #dichterdran)

 

Erst wenn man alles, was in der Literatur über Autorinnen, gesagt wurde, mal umdreht, wird erstmals die Idiotie der Machtsicht und die immanente Marginalisierung des anderen Geschlechts offenbar.

 

Auch dieser Roman beschäftigt sich intensiv genau mit dieser Art von Unsichtbarmachung weiblicher Leistungen im Literatur- und Kunstbetrieb, in dem sich die narzisstischen männlichen Günstlinge nur so tummeln, die doch tatsächlich glauben, sie wären schon qua Geburt besser als ihre weiblichen Kolleginnen und hätten nicht aus dem Grund mehr Anerkennung durch Ehrungen und monetären Erfolg, weil die Machtpositionen der Geldvergabe und der Rezensionen im Feuilleton von ihren Geschlechtsgenossen besetzt sind. Die Autorin beschreibt mit spitzer Feder sehr böse den österreichischen Betrieb in Kunst und Literatur.

"Denen, die es ernst meinen, wird die Haut dieser Heimat bald zu klein. Die, die bleiben, hungert der Betrieb bald aus. Nur die Kammergünstlinge, Kirchenlemminge, die politisch aktiven Nachwüchsler, die Markthuren, die die eigennützige Systemtreue in den Genen haben, die bleiben und lassen sich mästen."

Die alte feministische Schriftstellerin Helene Schulze ist also gestorben. Sie hat sich zu Tode gesoffen. Einerseits weil sie den Ausstieg aus ihrem systemunkonformen Leben im frühen Erwachsenenalter in das typisch patriarchale Muster von bravem Ehefrauchen, Weibchen und Mütterchen in einer spießigen Kleinstadt nicht verkraftet hat und weil ihr zweitens niemals – auch nicht beim Abstreifen ihrer gesellschaftlich angepassten Rolle und Rückkehr in den Literaturbetrieb – jene Ehre zuteil wurde, die ihr eigentlich gebührt hätte. Nun ist sie unter einem männlichen Pseudonym zum siebten Mal für einen wichtigen Literaturpreis – diesmal für den deutschen Buchpreis – nominiert, den sie nie gewonnen hat, weil ihr immer wieder ein Mann vorgezogen wurde. Da sie nun tot ist und das erwiesenermaßen ordentlich Kasse macht, wird ihre eigentliche Identität vom Verlag gelüftet. Was für eine Sensation, eine posthume Vergabe eines Literaturpreises.

 

Ihre Freundin Elvira, Aktionskünstlerin aus alten WG-Zeiten, ist stinksauer über diese anbiedernde speichelleckende Heuchelei bei Helenes Beerdigung. Sogar der fette Literaturkritiker, der dafür gesorgt hat, dass Helene der schon verliehene Bachmann-Preis wieder aberkannt wurde, weil ein Satz ihres eingereichten Beitrags – man staune, es handelte sich tatsächlich nur um einen Satz – bereits vorab veröffentlicht wurde, entblödet sich nicht, zu diesem Ereignis aufzutauchen und sich in devotem Gebuckel zu ergehen.

 

An diesem Punkt läuft das Fass der Künstlerin Elvira über, die Hutschnur geht ihr hoch und sie beschließt, im Namen der toten Schriftstellerein Helene alle Frauen durch Kunstaktionen endlich vor den Vorhang zu heben. Unter dem Streetart-Tag des Seepferdchens werden zwölf krawallfeministische Aktionen in einem Roadtrip quer durch Österreich subversiv inszeniert und dokumentiert. Die Kulturschickariabashing-Oma Elvira engagiert den jungen, hübschen Assistenten Adrian, und gemeinsam machen sie sich mit Helenes altem Campingbus auf den Weg, dem patriarchalen Establishment, der bigotten Kirche und dem Staat das Fürchten zu lehren. Die Leserin (Männer selbstverständlich mitgemeint ;-) ) freut es außerordentlich, denn die Autorin punktet in einem wilden Ritt mit wundervoller anarchischer, witziger, pöhser Vorstellungskraft. Drei von den zwölf Aktionen, die mir besonders gefallen haben, möchte ich kurz skizzieren, damit Ihr Euch vorstellen könnt, welcher Spaß das ist, die Planung der Aktionen zu begleiten und auch die Reaktionen der Betroffenen. Da kriegt Jesus am Kreuz a rotes Strickjackerl, eine Reiterstatue schnackselt plötzlich eine riesige Vulva und die winzige, fast nicht sichtbare Ingeborg-Bachmann-Statue in Klagenfurt in irgendeinem Park wird als Salat drapiert, denn der Bachmann-Salat im Café gegenüber ist einfach in der Stadt gegenwärtiger als die berühmte Autorin, wobei man im Gegenzug natürlich Lindwürmern und Nazis riesengroße Denkmäler gesetzt hat.

 

So fahren Elvira und Adrian als todesverachtendes Duo im Auftrag des Feminismus durchs Land und nähern sich einander an. Auch menschlich passiert viel, denn Elvira erläutert dem relativ unbedarften jungen Mann ihre und Helenes Wut über die patriarchalischen Verhältnisse durch die Erklärung der sehr witzigen Kunstwerke. Das Ende hat mich sehr überrascht, ist aber erstens gar nicht so abwegig, zweitens sehr konsequent und drittens auch noch sehr positiv gestaltet.

 

Die Sprache des Romans ist wundervoll, und die Figuren sind sowohl einfühlsam wo es angebracht, aber auch mit sehr spitzer Feder gezeichnet, wenn es notwendig ist.

 

Fazit: Ein wilder, augenzwinkernder, feministischer Roadtrip. Eine absolute Leseempfehlung von mir vor allem auch für Männer, denn das Buch ist so bitterböse witzig – zwar auf eine sehr brutale unkonventionelle Art, aber sehr witzig.

 

So bleibt mir nun nur noch zu fragen, warum gibt es solche von der Autorin beschriebene Aktionen von feministischen Künstlerinnen eigentlich nicht in der Realität? Jene österreichischen Aktionistinnen, die ich kenne, befassen sich nur narzisstisch mit ihrem eigenen Körper (z.B. Elke Krystufek und Jakob Lena Knebel), aber tun wenig für andere Frauen und feministische Anliegen. Warum muss eine Schriftstellerin so etwas fiktiv konzipieren. Oder anders gefragt. Liebe Gertraud Klemm: Könnten sie nicht Mal kurzfristig ihre Profession wechseln und die Inhalte des Buchs in die Realität der Kunst umsetzen? Danke! Das hätten wir nämlich alle gebraucht! Ich mache Ihnen auch den Adrian ;-) und dokumentiere alles.

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review 2019-07-15 15:59
Nicht regional, nicht saisonal, wichtige Techniken und Gerichte fehlen
Kochbuch ohne Rezepte - #3 Obst & Gemüse - Ingrid Andreas

Mit dem dritten Band der Reihe zum Thema Obst und Gemüse habe ich aus mehreren Gründen enorme Probleme. Das beginnt bei fehlender Regionalität, geht über das Ignorieren von nachhaltigem saisonalen Konsum und endet auch beim Fehlen von wesentlichen Haltbarmachungstechniken.

 

Zuerst werden zwar ein paar Apfelsorten – vor allem die nicht regionalen wie Golden Delicious – beschrieben, aber regionale Kartoffel- und Tomatensorten werden nicht einmal erwähnt. Es ist eine Schande, wenn in einem so dicken Buch Kartoffeln nur in fest kochend, vorwiegend fest kochend und mehlig unterteilt werden und der Autorin zu den Sorten überhaupt nichts eingefallen ist. Auch bei den Tomaten beschränkt sich die Darstellung auf Rispentomaten, Fleischtomaten, Cocktailtomaten und Dosentomaten, von unterschiedlichen Kürbissorten will ich gar nicht mehr sprechen.

 

Weiters gibt es überhaupt keine Tabelle, zu welcher Zeit welches Obst und Gemüse eigentlich Saison hat, ist ja ohnehin egal, die Lebensmittel kann man ja das ganze Jahr immer und von überall her mit höchstem CO2-Ausstoß zu uns nach Europa karren. Essen wir eben Erdbeeren aus Japan im Dezember, Spargel aus Peru im Februar, und so weiter, pfeifen auf unseren Planeten und auf eine saisonale und regionale Ernährung.

Also bitte, wenn in einem ganzen Buch über Obst und Gemüse kein Platz oder Wille zu einer regionalen Sortenaufzählung und einer Saisontabelle von jedem Obst und Gemüse ist, dann kann man diesen Band zu Zeiten des Klimawandels sofort metaphorisch in die Tonne treten (er müsste natürlich ordnungsgemäß entsorgt werden). Sogar Katharina Seiser hat in ihren Kochbüchern immer regionale Sorten beschrieben und Saisontabellen zusammengebracht, obwohl ihre Werke vor Rezepten strotzen und Grundlagen nur ein kleiner Teilbereich sind. Selbst auf wenigen Seiten geht sich das aus, also müsste eine ausführliche Behandlung dieser Themen in einem Grundlagenkochbuch selbstverständlich sein.

 

So geht es munter weiter. Dass man Artischocken auch selbst einkochen und einrexen (benannt nach dem gleichnamigen REX-Glas) kann, ist nicht mal eine Erwähnung wert. Die prinzipielle Technik des Einkochens und Einrexens von Gemüse und pikanten Obstchutneys ohne Zucker habe ich zudem nirgendwo gefunden.

Es fehlen auch kalte Suppen Gazpaccios aus Obst und Gemüse wie zum Beispiel Melonen, Tomaten, Gurken und Avocados… .

 

So, nun beende ich mein Lamento beziehungsweise die Aufzählung, was in diesem Buch alles falsch läuft und inhaltlich fehlt und komme gleich zu einer diesmal vernichtenden Beurteilung.

 

Fazit: Ich empfehle, diesen Teil nicht zu kaufen. Er ist total entbehrlich.

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review 2019-07-12 07:15
Alles rund um den Teig von süß bis sauer - auch für Backphobiker geeignet
Kochbuch ohne Rezepte - #2 Mehl Milch & Ei - Ingrid Andreas

Dieses Grundlagenkochbuch fast ohne Rezepte nimmt sich im zweiten Teil unter dem Titel: Mehl Milch & Ei alle Mehlspeisenteige, Nudelteige, Milchprodukte, Eier, Eiscremes, Glasuren und Schokoladeüberzüge vor – also alles rund um den Teig von süß bis sauer.

Dabei werden wieder mal wichtige Basics vermittelt, die wahrscheinlich nicht jedem bekannt sind. Zum Beispiel wird im Kapitel Mehl bezüglich Schädlinge thematisiert, warum die Lebensmittelmotten nur in gesunden Mehlsorten zu finden sind und auch noch welche Mottenart im Detail (mit Bild) sich in unseren Küchen tummelt. Sogar das heutzutage wenig bekannte Mutterkorn hat von der Autorin ein Kapitel bekommen.

Ausgehend von den Mehlsorten und Mahlgraden geht es nach der Lagerung von Mehl, zu den Backtriebmitteln, der Hefe und anschließend zu den Teigen. Bei der Präsentation der Teigarten war zwar manchmal die Strukturierung des Inhaltes nicht ganz logisch, aber inhaltlich ist fast alles da und die Grundlagen werden von Anfang an für den Laien sehr gut erklärt.

 

Beim Mürbteig fehlt bedauerlicherweise die Bezeichnung 1-2-3-Teig und die genaue Erklärung für den Namen. Das Wissen über diese Hintergründe würde das Backen ohne Rezept möglich machen und wäre auch genau im Stil des Buches. Bei anderen Teigen, wie zum Beispiel dem Gleichschwerteig wird diese Chance genützt und das Backen ohne Rezept genau so erläutert.

 

Wie schon im ersten Teil dieser Reihe bestehen auch in diesem Band wesentliche inhaltliche Schwachpunkte im Bereich moderner, veganer Küche. Die Autorin kümmert sich überhaupt nicht um dieses Thema, was ich bei einem Grundlagenkochbuch, das im Jahr 2019 verlegt wird, als fatalen Fehler empfinde. Zum Beispiel fehlen beim Schlagobers milchfreie Ersatzalternativen und wie man diese steif bekommt, denn das ist wirklich eine Wissenschaft, wie ich aus eigener schmerzlicher Erfahrung als Kuhmilchallergikerin weiß, die hin und wieder gute, aber auch schöne Torten, Rouladen und Cremes essen möchte.

 

Genauso fehlt auch bei pflanzlichen Michalternativen, die zwar so nebenbei erwähnt werden, die Beschreibung der Eigenherstellung von z.B. Mandelmilch. Wie man Joghurt selbst macht, wurde hingegen genauestens erklärt. Insofern ist dieses Kochbuch aus dem Jahr 2019 bedauerlicherweise im letzten Jahrhundert steckengeblieben. Auch wenn ich keine Veganerin bin, ist mir klar, dass solche Inhalte einfach in ein Grundlagenkochbuch heutzutage hineingehören.

Abgesehen von den kleinen strukturellen Schwächen und den paar fehlenden Inhalten finde ich diesen Band ganz hervorragend.

 

Fazit: Für Kochanfänger und vor allem auch für Backphobiker ein ausgezeichnetes Grundlagenbuch, das auf jeden Fall geeignet ist, Amateuren durch gute Beschreibung der Techniken und Basics, die Angst vor dem Ausprobieren zu nehmen.

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