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review 2018-07-02 11:02
Zusammenbruch, Umsturz, Hunger, Mord und Totschlag
Schönbrunner Finale: Historischer Kriminalroman (Historische Romane im GMEINER-Verlag) - Gerhard Loibelsberger

Dieser historische k.u.k. Krimi spielt schon wie alle anderen Romane dieser Reihe (Band 1 habe ich erst vor zwei Wochen hier in Booklikes bespochen) im Wien der Vergangenheit, diesmal aber nicht um die Jahrhundertwende, sondern 1918, im letzten Jahr des ersten Weltkrieges und punktgenau zum Zusammenbruch der Österreichisch-Ungarischen Donaumonarchie. Erneut webt der Autor Loibelsberger gekonnt aus historischen Tatsachen und einer Krimi-Handlung im Nebenstrang ein dichtes, lückenloses Netz aus geschichtlichen Fakten und perfekter Fiktion, in dem die Grenzen verschwimmen.

Die Protagonisten, den Kennern der Reihe bereits geläufig, sind wesentlich gealtert, haben sich aber durch die Kriegsumstände derart verändert, dass es sowohl für die Profis spannend bleibt, als auch ein Neuling sehr gut den quasi runderneuerten Charakteren folgen kann.

Polizeioberinspector (ja er wurde befördert) Joseph Maria Nechyba ist nun mit seiner alten Liebe der Köchin Amalia bereits seit Jahren verheiratet, die aus finanziellen und versorgungstechnischen Gründen noch immer für den Hofrat Schmerda aus dem Innenministerium die Küche führt. Der ehemalige Journalist Goldblatt hat die freie Presse verlassen und verfasst als Leutnant Jubelpropaganda, um das Volk vom drohenden Kriegsverlust abzulenken, obwohl die Spatzen die bevorstehende Kapitulation schon von den Dächern pfeiffen.

Die im ersten Band so fröhliche Stimmung und der sprichwörtliche derbe Wiener Schmäh (böser Humor) sind reinem Zynismus, Frustration, Verzweiflung, Hunger und grotesken Lebensmittelbeschaffungsaktionen gewichen, in denen auch Amtsmissbrauch, Korruption, und kleinere nicht nur disziplinarrechtliche sondern auch strafrechtliche Delikte seitens der offiziellen Beamten des Staates an der Tagesordnung stehen. Im Prinzip ist auch die öffentliche Ordnung in Auflösung begriffen. Diese Stimmung ist zwar für den Leser nicht angenehm zu ertragen, beschreibt aber die historische Situation der Donaumornarchie kurz vor dem Zusammenbruch sehr treffend und punktgenau.

Die Figuren des Romans, die ja gourmethafte – was sage ich gourmandhafte – Züge aufweisen, versuchen im hungernden Wien der letzten Kriegstage verzweifelt und gleichzeitig sehr fintenreich, ein bisschen korrupt und erfolgreich etwas wirklich gutes zum Essen aufzutreiben – und zwar einen Lungenbraten, eine halbe Sau, Speck … . Das geht sogar so weit, dass Hofrat Schmerda in der Wiener Stadtwohnung Hühner züchtet, nur um eine Eierspeise zu bekommen. Das Zimmer des toten Sohnes wird ausgeräumt und mit Erde und Stroh für die Hennen bedeckt. Außerdem träumt er von einer Sau im Zimmer seiner Frau, als er sie wegen des Viehs ausquartieren will, bekommt diese einen Tobsuchtsanfall inklusive anschließendem Nervenzusammenbruch. Wie Ihr seht, dreht sich sehr viel der Geschichte wieder um das Thema Essen, diesmal aber von einer Mangelsituation heraus.

Andere Figuren sind noch viel zynischer gezeichnet. Aus relativ nichtigen Anlässen werden ganz normale Menschen wie Du und ich durch das Kriegsgeschehen und die Versorgungssituation in Wien zu Schwerverbrechern, denen ein Leben auf Grund von Kleinigkeiten wie einem Stück Zwieback, ein bisschen Geld, oder einem Verrat an die Polizei gar nichts mehr wert ist. Diese Gelegenheitstäter haben nicht einmal ein Fünkchen von schlechtem Gewissen, wenn Sie jemanden abmurksen, um einen Vorteil zu erlangen. In der gewalttätigen Grundstimmung der Geschichte passieren viele Tötungsdelikte, Oberinspector Nechyba und seine Beamten haben alle Hände voll zu tun, alle aufzuklären, wobei ihm das erste Verbrechen, der Totschlag am Planetenverkäufer (Wahrsager) Stani Kopfzerbrechen und schlaflose Nächte beschert.

In die Krimihandlung, die diesmal wieder so nebenher konzipiert ist, aber am Ende eine Überraschung bereithält, sind erneut historische Originaldokumente eingebaut, wie zum Beispiel ein Ultimatum von Präsident Wilson oder die aktuellen Zeitungsmeldungen, die sich auf Grund der Entwicklungen im Herbst 1918 tagtäglich überschlagen. Auch die in die Handlung eingeflochtenen historischen Persönlichkeiten sind Legion – viereinhalb Seiten Personenregister, schlussendlich ist Nechyba sogar als abgestellter Leibwächter des letzten Kaisers von Österreich Karl I. bei dessen Abdankung anwesend. Am Ende des Romans der zynischen Grundstimmung und historischen Tatsachen geschuldet rafft auch noch die spanische Grippe sehr tragisch das halbe Personal der Geschichte hinweg, beginnend mit Egon Schiele und seiner Frau Edith, die den Virus als Freunde in die kleine Gesellschaft der Protagonisten hineintragen.

Fazit: Ein sehr guter historischer Krimi, die Fröhlichkeit und Lebensfreude des ersten Romans geht mir zwar sehr ab, aber 1918 war eben gar nichts fröhlich in Wien. Insofern ein genaues, sehr gut beschriebenes authentisches Sittenbild der letzten Kriegstage in der Hauptstadt der untergehenden Donaumonarchie, das auf Umsturz, Mord und Totschlag natürlich nicht verzichten kann.

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review 2018-06-16 12:36
Kaiser, Krenfleisch* und Wiener Würger
Die Naschmarkt-Morde: Historischer Kriminalroman (Historische Romane im GMEINER-Verlag) - Gerhard Loibelsberger

Der Erstlingsroman von Gerhard Loibelsberger wurde 2017 in einer sehr schön gestalteten Jugendstil-Sonderausgabe neu aufgelegt, und ich habe natürlich sehr erfreut zugegriffen. Diese historische Regionalkrimireihe spielt im Wien um die Jahrhundertwende und präsentiert neben viel Lokalkolorit auch noch ein wundervolles Abbild der Zeit des Fin de Siecle. Ich persönlich wurde auf den Autor aufmerksam, als ich letztes Jahr eine Graphic Novel basierend auf dieser Reihe hier in booklikes rezensierte, die mir ausnehmend gut gefallen hat. Nun wollte ich natürlich auch noch die gesamte doch etwas tiefergehende Hintergrundgeschichte erforschen und erleben.

 

Josef Maria Nechyba, ein K&K Polizeiinspector - in seiner Freizeit ein Gourmet vor dem Herrn - kann sehr ungewöhnlich für die Zeit, in der der Roman spielt auch noch recht ordentlich kochen. Er wird mit einer „schenen unbekannten Leich“ konfrontiert, von der sich nach einigen Ermittlungen herausstellt, dass es sich um eine Adelige respektive um eine Frau Baronin handelt, die sich nächtens in der Strizzi-Welt des Naschmarktes (ein historischer Wiener Lebensmittelmarkt am Tage und ein Sündenpfuhl von Prostituierten und Kleinganoven bei Nacht) auf Grund eines „schlamperten Verhältnisses“ (eine amouröse unschickliche Affäre mit einem nicht standesgemäßen Mann) herumgetrieben hat.

 

Wundervoll beschreibt Loibelsberger das historische Biotop der Gegend um den Naschmarkt. Die hochherrschaftlichen reichen Adels- und  Staatsbeamten-Haushalte mit ihren Bediensteten an der linken Wienzeile und der Bodensatz der Gesellschaft in der Mitte am Naschmarkt und auf der rechten Wienzeile. Weiters werden ziemlich grandios mehrere wichtige Hotspots, wie Kaffeehäuser in anderen Bezirken, Heurigenlokale, Ausflugsziele und viele andere Lokalitäten der Stadt Wien und der Umgebung sehr genau - fast schon plastisch - geschildert, sodass der Leser einen recht genauen Einblick ins Wien um die Jahrhundertwende bekommt.

 

Wie Ihr seht, habe ich bereits im zweiten Absatz meiner Rezension mehrere österreichische Spezialausdrücke verwendet, die aus dem Tschechischen, Jiddischen etc. entstammen, dies ist auch dem Roman geschuldet, denn der geneigte deutschsprachige Leser muss sich auf eine andere Welt und eine andere Sprache einstellen, was der Autor aber ziemlich praktisch und großartig unterstützt, da auf jeder Seite in den Fußnoten die österreichischen Wörter, Speisen etc. genau und hinreichend erklärt werden. Dabei habe sogar ich noch einiges gelernt, denn die Speisen zu dieser Zeit, die in den hochherrschaftlichen Haushalten tagtäglich kreiert wurden, unterscheiden sich doch sehr von der modernen österreichischen Küche. Die Sprache - insbesondere der Wiener Dialekt - hat sich zumindest für meine Generation in den letzten 110 Jahren noch nicht wesentlich geändert. Auf jeden Fall kann auch der Leser aus Deutschland durch die guten Erklärungen sehr leicht der Geschichte folgen.

 

Das restliche „Personal“ abseits des Herrn Inspectors wurde in diesem Krimi derart liebevoll konzipiert, dass es die reine Freude ist. Spannend war für mich die Figur des Pospischil, der Assistent von Nechyba, der das krasse Gegenteil des vor Kraft strotzenden etwas fülligen Polizeikommissars darstellt. Rachitisch, mit teigiger Gesichtsfarbe, duckmäuserisch nach oben und nach unten tretend bzw. zu Gewaltausbrüchen gegen Verdächtige neigend, poliert er einerseits im Polizeidienst sein Ego auf und versucht andererseits durch Anbiederung an Vorgesetzte und höhergestellte Persönlichkeiten seine Karriere nicht zu verderben.

 

Auch die Köchin Aurelia, in die sich Nechyba ein bisschen verliebt hat, ist sehr gut gezeichnet. Zudem bereitet sie tagtäglich für die Familie des Herrn Hofrat ein köstliches Essen zu, das derart detailliert beschrieben wird, dass dem Leser das Wasser im Mund zusammenläuft. Ich empfehle, das Buch keinesfalls hungrig zu lesen, denn die Koch- und Essorgien sind mit leerem Magen kaum zu ertragen.

 

Zudem existieren auch noch die typischen reichen nutzlosen Lebemann-Charaktere im Stile des Joseph Roth, wie zum Beispiel der spielsüchtige Baron, der in der ganzen Stadt Schulden gemacht hat, der wegen seiner Ehre schon überlegt, sich zu entleiben und dann dennoch zu seiner Mutter betteln geht, damit diese seine Ehrenschuld begleicht.

 

Einer der größten Pluspunkte des Krimis ist der Umstand, dass auch historische Persönlichkeiten konsistent in die Handlung eingebaut auftreten. Da gibt es zum Beispiel einen köstlichen Dialog zwischen Gustav Klimt himself und Baron Schönthal-Schrattenbach, in dem sich der Künstler aufpudelt (aufregt), dass die feinen Leut immer über seine Bilder reden wollen, anstatt die Augen aufzumachen und sie einfach anzuschauen. Auch Otto Weininger und ein paar andere Persönlichkeiten werden glaubwürdig mit ihrer Biografie in den Plot integriert.

 

So könnte ich ewig weiter die Figurenentwicklung loben, aber ich möchte nun nicht mehr weiterspoilern, auf jeden Fall wird dem Leser ein genaues Bild der Bevölkerung sowohl aus der Unterschicht als auch von den oberen Zehntausend und auch von vielen irgendwo dazwischen, wie dem angestellten Hauspersonal, gegeben.

 

Sprachlich ist der Krimi wundervoll und der etwas bodenständigere derbe Wiener-Schmäh (Humor) blitzt auch aus allen Kapiteln reichlich hervor. Ich habe mich köstlichst amüsiert. Die Szene mit dem Hund Seppi oder die Beschreibung des Katers (im Sinne von Hangover) vom Redakteur Goldblatt inklusive der morgendlichen Körperfunktionen, die in einem solchen Zustand zu tragen kommen, haben mich vor Lachen fast vom Sessel gerissen.

„Eine Frauenstimme keifte: „Seppi! Hierher! Sapperlot! Seppi, du Rabenvieh, wirst herkommen? Seppi, hier! Wenn du jetzt nicht sofort parierst, kommst du ins Gulasch!“
Diese Drohung machte Eindruck, denn knurrend und fletschend trollte sich der Seppi zurück in den Hof, aus dem er wie ein Deus ex Machina hervorgeschossen war.
Nechyba versuchte, sich den Geschmack eines Hundegulaschs vorzustellen. Dabei kam ihm der pelzig ranzige Geruch, der den meisten Hunden im Sommer eigen ist, in den Sinn. Ob sich diese Ausdünstungen mit dem würzig-süßen Paprika-Zwiebel-Aroma eines ordentlichen Gulaschs vertragen würden? Ein Gedanke, bei dem der Inspector erschauerte.

Bei all der wundervollen Übererfüllung von erzähltechnischen Anforderungen ist der Kriminalfall letztendlich zwar ordentlich ausgeführt, aber dient irgendwie nur als Nebenhandlung zur Beschreibung des historischen Wiens. Das fand ich dann schon ein bisschen schade, denn für mich war der Täter recht schnell erkennbar.

 

Fazit: Ich serviere Euch ein echtes Wiener-Schmankerl mit wärmster Leseempfehlung von mir – ein wundervolles Sittenbild von Wien um die Jahrhundertwende quer durch alle Schichten inklusive kulinarischer Reise und mit ein bisschen Mord und Totschlag garniert.

 

*Kren: = Meerrettich

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review 2018-04-28 05:31
In Lichtgeschwindigkeit durch die USA gerast
Die Amerikafalle: oder: Wie ich lernte, die Weltmacht zu lieben - Martin Amanshauser

Kann ein Reisejournalist, der es gewohnt ist, seine Gedanken in ziemlich kurze Artikel in Zeitschriften zu stopfen, weil er nur ein paar tausend Wörter zur Verfügung hat, auch zwangsläufig ein gutes Buch schreiben? Nein er kann nicht, vor allem wenn er seinen Zeitschriften Reportagen-Stil beibehält und so überhaupt nicht auf das Medium Buch eingeht, in dem er dem Leser eine tiefergehende Analyse präsentieren könnte, weil er so weitermacht wie schon immer.

 

Was ich von diesem Buch erwartet habe und was mir auch durch den Umschlagtext versprochen wurde, war folgendes: Eine Nah- und Momentaufnahme eines Landes im Umbruch, ein liebevoll entlarvender Blick auf die USA unter Präsident Trump. Klingt wirklich sehr interessant, und dementsprechend habe ich mich sehr auf dieses Sachbuch gefreut

 

Was ich bekommen habe: Einen dekonstruierten, oberflächlichen Roadtrip mit einem völlig wirren sprunghaften Erzählstil, der mir Land und Leute bis auf drei Ausnahmen (und die kann ich wirklich noch zählen) überhaupt nicht näher bringt. Kaum ein Gedanke wird sorgfältig zu Ende formuliert, wird schon der nächste aufs Tapet gebracht. Dabei rast der Autor ruhelos von Ort zu Ort. Aber auch diese Reisereportage ist teilweise derart unstrukturiert konzipiert, dass es schon fast zum Lachen wäre, wäre es nicht so wirr und lähmend. WTF! Ganz New Orleans wird von Amanshauser in neun A5 Seiten abgespult, der Geist und auch noch alle besuchten Locations von San Francisco in acht Seiten. Schon klar, dass hier nur so die Schlaglichter gleich einem Stoboskop aufblitzen und man sich von den Orten und den Menschen gar nichts merken kann. Aber es wird sogar noch grotesker. Im Kapitel Across the border werden die beiden Länder Mexiko und Kanada als Ganzes in sechs Seiten vergewaltigt. In jedem Absatz – also alle drei bis vier Zeilen – ist man an einem anderen Ort, da kriegt man als Leser einen Drehwurm, geschweige denn, dass man den Gedankensprüngen folgen könnte.

 

So ein Stil mag in einem Einzelartikel in einer Geo- oder National Geographic-Reportage gerade noch funktionieren, weil ja die Wörterzahl beschränkt ist. Aber zwischen zwei Buchdeckeln immer und immer wieder im Batch-Verfahren hintereinandergereiht? Da muss man sich als Schriftsteller schon ein bisschen mehr bemühen und tiefer gehen. Sonst ist das Buch das falsche Medium für solche Fastfood-Reisereportage-Happen, wenn ich mal einen der servierten Fastfood-Bissen überhaupt vollständig runterschlucken und verdauen konnte. Abgesehen davon habe ich eben so gut wie gar nichts über das Land und die Leute gelernt bei dem Gehetze von Ort zu Ort. Fast scheint es so, als würde dieses Werk uns einen Blick in die Tiefe Amerikas versprechen, genauso wie diese sinnlosen Reisen von amerikanischen Reisebüros, die dem US-Bürger in sechs Tagen ganz Europa nahebringen wollen und in deren Urlauben man auch nur von Stadt zu Stadt hetzt. Wobei ich diese Art zu reisen noch eher goutieren kann, denn das hier ist im Gegensatz zum Ami mit einer Woche Urlaub eben ein Buch mit viel Platz für die versprochene Analyse der amerikanischen Seele und den liebevollen Blick auf die USA, der mir total verweigert wurde. So etwas macht mich immer sehr ärgerlich.

 

Fazit: Eine absolute Empfehlung von mir, dieses Buch NICHT zu lesen. Außer drei gute, sehr kurze Analysen der amerikanischen Seele bezüglich Obrigkeitshörigkeit, Freundlichkeit und Political Correctness gibt es auf 210 Seiten keinen einzigen weiteren Gedanken, der es wert wäre, dafür Lesezeit zu verschwenden.

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review 2018-04-21 15:16
Menschliches Ersatzteillager
Die Akte Kalkutta: Kriminalroman - Emfried Heidi

Dieser Roman von Heidi Emfried hat keine meiner Vorurteile bestätigt und mich positiv überrascht. Ich vermutete nämlich, dass ein österreichischer Regionalkrimi, als Erstlingsroman von einer Frau erzählt mit einem Schuss Romantik, punktgenau für das nach Schmalz lechzende weibliche Zielpublikum, viel dramatischer Figurenverwicklung und einem aufregendem Finale im Plot sicher nicht für mich funktionieren kann. Ich habe mich sehr geirrt, denn dieser Krimi hat so fast gar keine der von mir befürchteten Komponenten und hat mir deshalb wirklich gut gefallen.

 

Erstens ist die Regionalität recht wenig ausgeprägt, denn die Handlung spielt durchaus sehr international in Wien bzw. in der Umgebung der Stadt und in Kalkutta und die Locationbeschreibungen des Wiener Plots sind auch nicht extrem ausufernd und liebevoll. Schwülstige Romantik mit zitternden Knien gibt es gar keine, obwohl natürlich eine neue Beziehung im Leben des Kommissars Leo Lang eine Rolle spielt, die aber recht pragmatisch abgewickelt wird – typisch für einen Polizisten, der sich mit Mord und Totschlag beschäftigt. Die Figuren sind dennoch gut mit viel Hintergrund entwickelt, aber nicht im effektheischenden Sinne mit einem kriminalistischen Drama in der Vergangenheit des Protagonisten, sondern mit einem ganz normalen Krankheits-Tod der Tochter im Lebenslauf des Kommissars, was natürlich seine Ehe zertrümmert hat, worauf aber nicht wirklich detailreich eingegangen wird. Auch die Zusammensetzung des Ermittlerteams und die Beziehungen untereinander werden psychologisch und soziologisch sehr gut aufgerollt.

 

Und jetzt kommt einer der beiden Punkte, die mir am besten gefallen haben. Die Leiche eines kleinen blonden Jungen, der nicht aus Österreich stammt und von dem es auch keine internationale Vermisstenmeldung oder Hinweise auf seine Herkunft gibt, wird in der Wiener Lobau gefunden. Mysteriös und sehr ungewöhnlich, der Fall – wahrscheinlich was mit Organhandel – das Kind, dem eine Niere entnommen wurde, ist HIV-positiv. Da hier Profis am Werk waren und auch keine verwertbaren forensischen Beweise vorhanden sind, spielt diesmal weniger die kriminaltechnische Untersuchung im Labor eine Rolle, sondern die Ermittlungen werden tatsächlich von der Polizei vorangetrieben. Strukturiert fast schon technokratisch beschreibt die Autorin, wie bei ganz langweiliger klassischer Polizeiarbeit vorgegangen wird. Die akribische Spurensuche, die im Umschlagtext genannt wird, trifft den Nagel tatsächlich auf den Kopf. Ein Fall, bei dem weder Opfer noch Täter bekannt sind und das Opfer lange nicht identifiziert werden kann, wird systematisch aufgerollt: 3D-Modelling der verstümmelten Leiche, Systematisierung der Bevölkerungshinweise in A, B und C Hinweise und der strukturierte Umgang mit den Tipps, Befragungen der Hinweisgeber, Suche nach der Nadel im Heuhaufen – nach potenziellen Krankenhäusern und Arztpraxen, in denen die Niere entnommen werden konnte, Analyse der Kleidung des Jungen… Diese systematische Durchleuchtung der Autorin von klassischer Polizeiarbeit hat mir sehr gut gefallen. Kein Wunder, dass sie das so gut strukturiert konzipiert hat, schließlich hat sie Informatik auf meiner Universität, der Johannes Kepler Uni in Linz studiert und bis zu ihrer Pensionierung in der IT gearbeitet, bevor sie Schriftstellerin wurde. Da hat sie das Systematisieren von der Pike auf gelernt.

 

Vor dem letzten Viertel des Romans fiel es mir wie Schuppen von den Augen und da komme ich zu jenem Punkt, der mich am meisten begeistert hat. Zuerst dachte ich noch, die Fährte, die Frau Emfried auslegte und der ich folgte, ist entweder ein Hirngespinst meinerseits oder führt in die Science Fiction. Nach Befragung von Dr. Google wurde ich aber eines besseren belehrt. Uiuiui, da hab ich in den letzten drei Jahren die wissenschaftlichen Fortschritte in der Genetik total verpasst, beziehungsweise ignoriert. Wirklich toll, wie die Autorin Revolutionen in der Genetik seit 2013 glaubwürdig und konsistent mit wissenschaftlichem Hintergrund in den Plot einfließen lässt – die Story klingt zwar total abgedreht, aber meine Recherche zeigte, dass diese Handlung nun wirklich keine Science Fiction mehr ist und tatsächlich genauso im Jahr 2018 hätte passiert sein können. Mehr möchte ich nun nicht mehr verraten, viele können sich ohnehin schon einiges aus meinen Hinweisen zusammenreimen.

 

Das Ende der Geschichte und die Ausforschung der tatsächlichen Täter bot letztendlich für mich ein bisschen wenig Überraschung, was mich natürlich doch etwas an meinem lustigen Mörderraten hinderte.

Sprachlich hat mir der Krimi gut gefallen, die Autorin ist eine punktgenaue, messerscharfe und pointierte Beobachterin. Zum Beispiel zitiert sie eine Analogie zwischen Koriander und der Palmolive-Werbung, wohl wissend, dass für manche Menschen auf Grund von genetischen Komponenten Koriander wie Seife schmeckt.

„Magst Du Koriander?“ […]
„Koriander? Äh ich glaube schon, überlasse ich Dir. Wie sieht der aus?“
„Du zufpst ihn gerade ab“, sagte Leo. Er fühlte sich an die Palmolive Werbung aus den Achtzigern erinnert, bei der der Hausfrau von einer Expertin eröffnet wurde, dass sie gerade ihre Hände in Spülmittel bade. […] Er wartete gespannt – bei Koriander gibt es nur lieben oder hassen.

Oder auch diese Uniformen der Stewardessen, der Austrian Airlines. Jeder Österreicher, den ich kenne, hat sich bei einem Flug schon mal über die Strumpfhosen mokiert.

Da sie außer Dienst war, trug sie saloppe Alltagskleidung, was ihr wahrscheinlich ohnehin viel besser passte als die AUA-Uniform, die Lang überhaupt nicht gefiel. Das viele Rot, besonders bei den Strümpfen, stand den wenigsten, fand er.

Fazit: Ein guter internationaler Krimi mit einer spannenden wissenschaftlichen Ausrichtung bezüglich, Genetik, Informatik, Materialkunde und Psychologie. Für manche vielleicht mit zu wenigen dramatischen Effekten und zu langsamem Tempo, in diesem Fall für mich aber nicht, denn dieser qualifizierte Blick hinter die Kulissen wog für mich alles auf.

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review 2018-04-04 14:05
Der Herr Karl gegen und für die Welt
Der Lügenpresser - Livia Klingl

Eigentlich mag ich die Sachbücher der Autorin nicht so recht, da sie doch etwas unausgewogen formuliert und polemisch agitiert – die journalistisch sachliche Herangehensweise und Beleuchtung der gesellschaftlichen Themen von mehreren Seiten fehlt mir einfach, allzu oft trennt sie in ihren Büchern nicht zwischen Information und Meinung und setzt sich dadurch über eine prinzipielle Regel des Qualitätsjournalismus hinweg. Aus diesem Grund hab ich bei Frau Klingls erstem Roman auch sofort zugegriffen, denn was im Journalismus und bei politischen Sachbüchern verpönt ist, ist in der Belletristik ja eher eine große Tugend: dass die Figuren sehr viel subjektive Meinung einbringen, diese äußern und ein unverwechselbares Profil aufweisen. In dieser Hinsicht wurde ich nicht enttäuscht.

 

Der Protagonist Karl Schmied, 62, arbeitet als studierter Historiker bei einer Boulevardzeitung, aber nach eigenen Angaben bei einer der besseren und nicht bei diesen dreckigen Gratiszeitungen. Er hat sich gerade in die Moldavierin Sonja verliebt, in der Redaktion ist das Betriebsklima recht angenehm und auch sonst läuft alles gut in seinem Leben.

 

In Form eines inneren Monologs philosophiert, analysiert, polemisiert und wettert er für und gegen die heutige Welt, wie sie sich darstellt, wie sie früher war und wie sie sich seit 2015 verändert hat. Gleich einem modernen Herrn Karl (nach dem gleichnamigen Theaterstück von Helmut Qualtinger deshalb wahrscheinlich auch der Name) drückt er aus, was einem „normalen“ österreichischen Bürger auf der Seele liegt. Dabei geht es um Gesellschaft, Politik, die moderne Arbeitswelt, den Boulevardjournalismus, Soziale Medien, Ausländer, Flüchtlinge, Fremdenhass, Ausländerfeindlichkeit – einfach um alle Themen, die heute die Menschen so bewegen.

Seit das Facility Dings outgesourct wurde, tummelt sich der Lurch* zwar unter den Bücherregalen, aber das ist der Chefetage wurscht*, die surft auf der Welle des economical success. „Wir müssen alle succeeden“, sagt der Online Chef alle Augenblicke, der grundsätzlich sehr genau auf seine Work-Life-Balance achtet und aktuell sehr wenig beiträgt zum success der Zeitung. […]

 

Aber wenn ein Drittel der Österreicher in einer Umfrage angibt, sie könnten auch Kanzler, da fragt man sich schon, ob die wo angedonnert sind! Die würden ja nicht mal einmal physisch das Tagespensum derschnaufen, das diese Politiker haben. Das weiß ich sehr gut, ich habe oft genug Politiker begleitet. Und man mag sie für alles mögliche halten, aber Kondition haben sie.  […]

 

Diese Formulierung ist eigentlich eine der dümmsten im gesamten Sprachgebrauch, die hasse ich. Und alle verwenden sie! Ein Krieg bricht nicht aus, der ist keine irgendwo eingesperrte Bestie, die ausbrechen kann. Einen Krieg muss man mühsam machen! Das braucht ziemlich lange Vorbereitung. Da müssen Politiker das Volk vorbereiten, da braucht man Aufwiegler, meistens sind das eh Journalisten, aber die miesen charakterlosen, vielleicht sogar dafür bezahlten und dann braucht man auch noch die, die Finanzen für den Krieg haben und die, die die Waffen besorgen. Am Unwichtigsten ist am Anfang das Volk.

Was an dieser Geschichte wirklich spannend ist: Karl polemisiert und analysiert die Gesellschaft aus der politischen Mitte heraus. Und ich möchte hier nicht von einer Mitte reden, die die Rechten Recken nun mittlerweile besetzt haben, sondern von der ursprünglichen politischen Mitte. Einer Mitte, die mittlerweile stumm geworden ist, weil sie vor allem in Sozialen Medien einfach nicht so laut kräht wie der radikale Rand, wird hier eine gewichtige und auch etwas wütende Stimme beziehungsweise ein Podium gegeben. Es ist spannend, wie Frau Klingl den Herrn Karl hier konzipiert hat, der sich permanent austariert und verschiedene Positionen beleuchtet. Er schwankt eben gleich einer Wasserwage zwischen Fremdenangst und Fremdenfreundlichkeit, zwischen linken und rechten politischen Positionen, zwischen Boulevard und Ablehnung desselben und argumentiert sich persönlich wirklich fast punktgenau in die Mitte.

 

Ein kleines Problem hatte ich aber mit der Geschichte: Karl polemisiert drei Viertel des Romans lang also von Montag bis Donnerstag und sonst passiert eigentlich so gut wie nichts. Aber auch dies ändert sich, denn der Freitag hat es in sich. Das Leben des Protagonisten gerät sowohl beruflich als auch privat völlig aus den Fugen, und Karl muss sich beim inneren Reflektieren eingestehen, dass er eigentlich mit Scheuklappen durch sein eigenes Leben gelaufen ist.

 

Trotzdem ist eben auch dieser innere Monolog in langsamem Tempo vor allem für Leute um die Lebensmitte nicht schlecht, denn der Leser lernt einiges, reflektiert den Zustand der heutigen Gesellschaft zusammen mit Herrn Karl und findet kuriose Lebensgewohnheiten aus der Vergangenheit wieder. Zum Beispiel gab beziehungsweise gibt es in Wien 50 Ausdrücke für Sterben: wie den 71er nehmen (Straßenbahnlinie zum Zentralfriedhof), cool war auch die Erinnerung an meine typische Wiener Wohnung der 80er Jahre mit Indischer Toilette (jenseits des Ganges) 

 

Fazit: Ein guter erster Roman – ich kann ihn empfehlen, auch wenn er für mich ein etwas zu langsames Tempo aufweist.

 

*Lurch = Wollmaus
*wurscht = egal

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