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review 2017-10-18 08:10
Bildgewaltiger k.u.k. Monarchie-Krimi
Der Bankert vom Naschmarkt: Ein Kriminalfall aus dem alten Wien (Graphic Novel) - Gerhard Loibelsberger,Reinhard Trinkler

Im Jahr 1911 wird auf dem  Wiener Naschmarkt, einer auch noch heute sehr beliebten Sehenswürdigkeit, ein erfrorenes Baby gefunden. k.u.k. Polizeiinspector Joseph Maria Nechyba, ein korpulenter Genussmensch, wird mit dem Fall betraut und klärt mit viel Herz und Hirn dieses und andere Verbrechen auf.

Gerhard Loibelsberger, der mit der Figur des Inspectors schon eine erfolgreiche Reihe von klassischen Krimis im Gmeiner-Verlag entwickelt hat, ist mit dieser innovativen Graphic Novel, gezeichnet von Reinhard Trinkler, ein wundervoller Einblick in das historische Wien gelungen. Fernab vom Kitsch der Sisi-Filme wird das wahre Wien zur Zeit von Kaiser Franz Josef geschildert.

Die stimmungsvollen Bilder von Trinkler lassen die Zeit vor dem ersten Weltkrieg sehr authentisch wiederauferstehen. Im Milieu des sechsten und siebten Wiener Gemeindebezirks mit seinen mondänen Jugendstilhäusern auf der einen Seite der Wienzeile und den Arbeiterquartieren auf der anderen Seite des Naschmarktes werden die Archetypen dieser Zeit großartig aber mitunter auch sehr uncharmant bis unbarmherzig skizziert: Die Marketenderin Roserl, der man bis zum Gaumenzapferl in den schreienden Schlund sehen darf, als sie das erfrorene Baby findet, das überhebliche Ehepaar von Odenthal, denen die Bosheit und der Sadismus, mit dem es ihrem Personal begegnet, am Gesicht abzulesen ist, der Bandlkramer Giulio, dem man seine Alkoholsucht auf den ersten Blick durch die blutunterlaufenen Augen ansehen kann ... Das ist zwar nicht hübsch aber grandios; die Armut der dienenden Unterschicht im Gegensatz zu den Hochwohlgeborenen wird gekonnt in Szene gesetzt. Lediglich Inspector Nechyba, seine geliebte Ehefrau Aurelia und der Kaiser Franz Josef sind in dieser Geschichte sehr wohlwollend gezeichnet. Leider hat mich diese grafische Überstilisierung, die mich im Rahmen der Figurenentwicklung so begeistert, bei der Darstellung der Gebäude ein bisschen gestört – hätte ich doch glatt das Polizeihauptquartier im zweiten Bezirk, die Rossauerkaserne, an der ich mindestens einmal wöchentlich vorbeifahre, nicht erkannt. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau.

Der eigens von Loibelsberger für die Graphic Novel entwickelte Kriminalfall ist - obwohl kurz - dennoch sehr spannend. Im Stakkato kann der Leser spannendes Mörderraten spielen, denn der Verdächtigen, die das Baby scheinbar kurz in ihrer Obhut hatten, gibt es unzählige. Auch die Auflösung der Kindestötung ist sehr gut entwickelt. Lediglich das Motiv für den zweiten Mord erschloss sich mir einfach nicht so richtig.

Fazit: Ein guter Krimi - grandios grafisch in Szene gesetzt – sehr innovativ. In dieser Qualität ist es ein herrliches Vergnügen, in das Genre der Graphic Novel einzutauchen.

* Vielleicht sollte ich auch noch den österreichischen Dialektausdruck Bankert im Titel dieser Graphic Novel näher erklären: Bankert ist eine altmodische abfällige Bezeichnung für ein uneheliches Kind, das quasi auf einer Bank gezeugt wurde.

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review 2017-10-01 06:42
Großartiger Inhalt, der ob der stilistischen Mängel schlecht vermittelt wird
Stille Machtergreifung: Hofer, Strache und die Burschenschaften - Hans-Henning Scharsach

Ich stelle hiermit das <b>Fazit </b> für dieses Buch erstmals gleich voran: Inhalt großartig und von einer investigativen Kraft: 5 Sterne - Stil furchtbar - eine sehr unstrukturierte Analyse inklusive Aufzählungswüste gespickt mit Wiederholungen: 1 Stern - ergibt in Summe 3 Sterne.

Warum ist mir eigentlich bei den alten Haider-Büchern vom Herrn Scharsach dieser Stil nicht aufgefallen? Die habe ich nämlich damals uneingeschränkt geschätzt. Ist der Autor schlechter geworden, oder habe ich damals ob des Umstandes, dass er als erster Journalist sich dieses Themas angenommen hat, auf Grund des Innovationsfaktors einfach darüber hinweggeschaut?

Aber nun zu den Details meiner stilistischen Ärgerfaktoren. Das Sachbuch beginnt schon mal mit den unzähligen Aufzählungen der Burschenschaften und ihrer Untergruppierungen, die bei jedem erwähnten Namen eines Politikers komplett inflationär, unübersichtlich und verwirrend dabeistehen (wer war wo bei welchem Ableger unzähliger schlagender Verbindungen). Diese prasseln hintereinander auf den Leser in einer zu großen Fülle ein. Das ist langweilig und kann sich keiner merken. So ein Infowust gehört strukturiert, vereinfacht und die Details in den Anhang gesteckt. Ich bin ja auch der Meinung, dass die Zugehörigkeit von Politikern zu den Burschenschaften und die Verflechtungen der Burschenschaftsnetzwerke unbedingt aufgedeckt werden sollen, aber hat vielleicht Herr Scharsach schon mal was von einer Grafik gehört? Die würde nämlich dieses Gewimmel (ja die Analogie zu einem Kinderwimmelbild ist korrekt) - sofern sie gut gezeichnet ist - übersichtlich und verständlich strukturieren. Wer hat eigentlich Sachbuchautoren verboten, Organigramme in ihren Inhalt aufzunehmen?

So geht es leider munter weiter im Kapitel Fakenews und Hasspostings wird mehr als eine ganze Seite der Hassbotschaften einzeln im Batch-Verfahren heruntergebetet. Echt jetzt? Schon nach 6-7 Zeilen kann sich jeder Leser genau vorstellen, wie schlimm diese sind, und dann nervt eben so eine Aufzählung nur mehr.  Auch im Rahmen der Medienverflechtungen der FPÖ und Burschenschafts-Online Medien hätte eine Grafik etwas Sinn, Licht und Überblick in das dunkle Gewimmel der Aufzählungen des Autors gebracht.

Wenn ich das Gesamte Sachbuch als wissenschaftliche Arbeit bewerten müsste, würde ich dringend empfehlen, die Datenwüste, mit der der Leser in der Analyse permanent konfrontiert wird, in den Anhang der Arbeit zu verlegen. In der Analyse hat so etwas wenig - also wirklich nur beispielhaft in homöopathischen Dosen - bis gar nichts verloren. Lediglich die umfangreichen Quellenangaben, die heutzutage in so einem Buch unabdinglich sind, würde ich sehr positiv bewerten.   

Auch im Aufbau des gesamten Buches hätte ich mir mehr roten Faden, und logische Struktur erwartet. Da wird von strukturellen Überblicksanalysen der Burschenschaftsverflechtungen nach Detailbiografien von Politikern und wieder zurück gesprungen, unterbrochen von einem Nationalsozialismus- und Frauenkapitel, dann zu den Medien und wieder zu Einzelbiografien. Versteht mich nicht falsch, alle Inhalte sind sehr wichtig und kein einziges Kapitel ist entbehrlich aber die Anordnung ist einfach unlogisch und verwirrend. Durch den fehlenden Aufbau kommt es natürlich auch vom Autor ungewollt zu Wiederholungen von Sachverhalten, was ich gar nicht leiden kann.

Am ärgerlichsten an diesem Sachbuch ist aber der Umstand, dass der Autor seine selbst gesteckten Ziele nicht erreichen und die Zielgruppe, die er selbst in seinem Nachwort beschreibt, einfach nicht ansprechen wird. Das Werk ist einfach ob der stilistischen Mängel viel zu mühsam zu lesen, als dass sich so etwas jemand antun würde, der von diesen Ideen verführt werden könnte. Dabei wäre es so extrem wichtig, diese großartig recherchierten Fakten von Scharsach mit Quellenbelegen (also eindeutig als Fakten belegt statt Fakes) an diese Zielgruppe zu bringen. Meiner Meinung nach ist es sehr schade um diese verschwendete gute Arbeit - die Präsentation zerstört hier leider den Inhalt und den Zweck des Werkes.

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review 2017-09-26 10:46
Thomas Bernhards Erbe
Tau - Thomas Mulitzer

Dieses beachtliche Romandebüt des jungen Autors Mulitzer strotzt bereits zu Beginn vor innovativen Ideen, einem wundervoll gewobenen Netz zwischen Fiktion und realen Ereignissen und dient als Hommage an den alten misanthropischen Meister der österreichischen Literatur.

Die Hauptfigur, ein junger Schriftsteller und Uni-Assistent wandelt und recherchiert auf den Spuren von Thomas Bernhards Erstlingsroman FROST, in dem der Altmeister die Einwohner des kleinen salzburgischen Dorfs Weng als degenerierte, schwachsinnige, bösartige Missgeburten charakterisiert. Insbesondere die Großmutter des Protagonisten bekam von Bernhard ihr Fett weg, weil sie als nymphomanische Männerfresserin, die ihren Gästen hinterrücks Hundefleisch serviert, vernadert* wurde. Über diese Ereignisse spricht man seit Jahrzehnten nicht in der Familie und so macht sich der Student und beginnende Literat auf in das kleine Dorf, um Hintergründe und Wahrheiten aus seiner eigenen Familie zu untersuchen und herauszukriegen, inwieweit sich Bernhard eventuell durch schriftstellerische Freiheiten an der Oma gerächt hat, die ihn damals in einer intimen Beziehung enttäuscht oder auch abgewiesen haben könnte. Ihr seht schon, der Roman ist extrem vielschichtig, denn selbstverständlich sind die Figuren in FROST ein bisschen real, das Dorf Weng gibt es auch und Thomas Bernhard hat tatsächlich in der Gegend zwei Jahre in der Lungenheilanstalt  verbracht.

So mixt Thomas Mulitzer gekonnt die Schauplätze und Figuren aus Bernhards literarischer Vorlage wie eben den Maler und die Dorfwirtin und baut sie – wie den Schriftsteller Thomas Bernhard persönlich – als Protagonisten in eine andere Familiengeschichte ein, die aber dennoch – auch vom Plot her – einige Parallelen zum Roman FROST aufweist.

Dabei gelingt Mulitzer sehr ironisch mit wundervollen Sprachkonstruktionen und Wortwitz eine Charakterstudie sowohl des modernen Dorflebens als auch eine Abrechnung mit der Vergangenheit.

    „Im Cafe war es schwül wie in einem Schweinebauch. Die Kellnerin hielt den Organismus am Leben, indem sie Bier zu allen Zellen pumpte. […] Ich war als Eindringling in diesem Mikrokosmos nur ein Virus auf der Durchreise.„

    „Die alte Lungenheilanstalt thronte noch immer am Fuße des Berges. Im Gegensatz zu früher siechten die Kranken nicht mehr in einer halbverfallenen Liegehalle, sondern vegetierten in modern gestalteten Räumlichkeiten dahin, die mit allen Annehmlichkeiten ausgestattet waren, die sich die Todgeweihten des 21. Jahrhunderts nur wünschen konnten. Kabelfernsehen bis zum allerletzten Augenblick. Verrecken am Puls der Zeit.“


Weiters wird ganz grandios noch ein sehr böser Rundumschlag gegen den österreichischen Literaturbetrieb der Gegenwart geführt – insbesondere gegen das Festival, das tatsächlich in memoriam Thomas Bernhard in Goldegg nahe Weng stattfindet. Dort liest ein gefeierter Autor Namens J., ein überheblicher mit Drogenproblemen behafteter Schriftsteller, der schon viel zu früh viel zu berühmt wurde. Dieser Literat zeigt nach einem kurzem Flirt der Studentin Denise unvermittelt ein Foto seines Schwanzes. Ich kicherte beim Lesen wie Rumpelstilzchen und sang: „Ach wie gut dass niemand weiß, dass ich Thomas Glavinic heiß.“ (Dabei ist jede Ähnlichkeit mit Figuren des realen Lebens selbstverständlich frei erfunden und gaanz zufällig – vor allem dass der Autor auch noch J. heißt – wie Jonas – ist wirklich der Gipfel der Ironie.)

So habe ich mich über weite Strecken köstlichst an der intelligenten Bosheit des Romans gelabt. Leider wird die Geschichte zum Ende wirr, keine einzige Frage klärt sich restlos sondern alles versinkt in vagen Andeutungen. Auch der Protagonist gibt irgendwie auf, alle offenen Fragen zu untersuchen und wird vom Dorf absorbiert, bevor er plötzlich und ziemlich grundlos abreist. Irgendwie verweigert mir Thomas Mulitzer das Ende der Story, und so etwas kann ich nicht leiden. Ich weiß natürlich schon genau, warum er dies tut, denn auch der Roman FROST, der als Vorbild dient, ist nicht als Vertreter des klassischen Entwicklungsromans zu sehen, im Gegenteil: er fungiert als ein sehr innovativer Degenerationsroman. Insofern ist dieser Abschluss dann wieder nur die konsequente Anlehnung an die Vorlage, auch wenn er mir nicht gefällt.

Fazit: Sehr gutes, lesenswertes, vielschichtiges Romandebüt – nicht nur für Thomas Bernhard-Fans geeignet.

*vernadern = denunzieren, verraten

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review 2017-09-05 17:43
Kulinarische Physik
Die Genussformel - Werner Gruber,Thomas Wizany

Ist die Genussformel von Experimentalphysiker Werner Gruber von den Sciencebusters ein Kochbuch? Ja und nein. Einerseits werden zwar Rezepte dargelegt, andererseits werden jedoch alle eingeführten Kochtechniken auf ihre physikalischen Grundlagen, die Ursachen und die Wirkung hin untersucht. Es ist irgendwie wie eine sehr spannende Kochstunde im Physiklehrsaal einer Schule.

Gleich in der Einführung wird Kochen ganz grandios mit einem wissenschaftlichem Experiment gleichgesetzt, was genau die sehr innovative Herangehensweise des Autors an das Thema durch das ganze Buch hindurch beschreibt. Die Hypothese bildet das Rezept, das einheitliche genaue Maßeinheiten beinhalten muss. In vielen Experimenten wird nun diese Hypothese auf Basis der Physik überprüft, variiert und verbessert, dabei darf natürlich streng wissenschaftlich jeweils nur eine Variable verändert werden. Doppelblindstudien mit unabhängigen Experten (Probanden bzw. Gästen, die außerhalb der Familie akquiriert werden müssen), gehören genauso dazu wie gleichbleibende Qualität der Ausgangsmaterialien und ordentliche Dokumentation der Forschung.

Als Hotelfachschülerin habe ich ja alle Kochtechniken von der Pike auf gelernt, mir wurde jedoch nie gesagt, warum etwas genauso gemacht werden muss, wie es uns die Fachlehrer beibrachten. Die Vorurteile „Weil wir es immer schon so gemacht haben“, die so gerne in der Schule aber auch bei Familienrezepten zitiert werden, lässt Gruber nicht gelten und untersucht jede einzelne Kochtechnik auf ihre physikalische Sinnhaftigkeit. Das ist das physikalische Hintergrundwissen in der Küche, das meinem kritischen Geist schon immer gefehlt hat. Dabei fiel es mir wie Schuppen von den Augen, habe ich manche Techniken wie das Schlagen von allen möglichen kalten Saucen oder Süßspeisen mit dem Schneebesen von Hand oft als frauenfeindliche Schikane vermutet (warum gab es früher nur Männer in der Spitzengastronomieküche, obwohl Frauen schon als Kind kochen lernten – weil sie mit diesen körperlichen Techniken aus ihrer ureigenen Domäne getrieben werden sollten), so wurde dieser Verdacht beispielsweise bei den Süßspeisen bestätigt, bei den Mayonnaisen hat eine solche Vorgehensweise aber durchaus Sinn – da habe ich mich getäuscht – da die Emulsion einfach etwas länger haltbar ist, wenn die Lecithinzellen nicht von einem brutalen Mixer komplett zerstört werden.

Gruber liefert wundervolle physikalische Erklärungen, warum nicht jeder Ofen exakt die Temperatur hat, die eingestellt ist, dass das perfekte weiche Ei bzw. die perfekte Eierspeise keine Hexerei ist, warum das Gulasch zwei Mal leicht anbrennen muss, warum man auch fettes flachsiges* Fleisch im Gulasch für die Bindung benötigt und wie man das umgehen kann. Weiters habe ich gelernt, dass das Meersalz definitiv schlechter und heutzutage mit mehr Verunreinigungen behaftet ist als das Steinsalz, geschweige denn, dass andere Sorten, wie Himalayasalz nur ein Marketinggag sind, um verunreinigtes Salz teuer zu verkaufen, was viele von uns ohnehin schon wussten. Selbstverständlich zeigt er dem Leser auch wie und warum man physikalisch richtig eine perfekte Mayonnaise und eine Sauce Hollandaise macht, wenn man zu Hause nicht auf Kosteneffizienz achten muss. Dabei wird ebenso geklärt, warum der Knödel möglichst rund sein soll, nicht kochen, sondern nur sieden darf und sich am Rand des nicht vollgestopften Topfes rollen soll. Auch die Funktion und Sinnhaftigkeit der vielzitierten Opferwurst wird ebenso genau geklärt, wie die Funktion und der sinnvolle Einsatz eines Mikrowellenherdes in der Küche.

So geht es wundervoll voran, tatsächlich alle Mysterien und Irritationen meiner Kochausbildung werden von Gruber hinterfragt und auf ihre physikalische Praxistauglichkeit überprüft. Und dann begann mir unvermittelt ein bisschen etwas zu fehlen. Im letzten Viertel des Buches scheint es fast so, als hätte sich der Autor nicht mehr so viel Zeit und Mühe genommen, alles physikalisch zu hinterfragen. Da wird zuerst eine weiße Grundsauce, die Bechamel vergessen und dann fegen die physikalischen Erklärungen zu den Teigen wie ein D-Zug durch das Süßspeisenkapitel. Da fehlen der Sinn des Abbröselns beim Mürbteig und noch ein paar andere Techniken. Dachte ich zuerst noch, das kommt mir nur so vor, da ich mich selbst auch nicht gerne mit Süßspeisen beschäftige und hier auch bei mir viel weniger Hintergrundwissen vorhanden ist, wird es spätestens beim Kapitel Molekularküche klar. Der Autor hat sich im letzten Viertel des Buches einfach viel weniger Zeit genommen, alles genau zu experimentieren, zu dokumentieren und zu beschreiben. Diese Kapitel sind einfach zu flach und zu wenig genau vor allem auf der physikalischen Seite ausgearbeitet.

Am Ende versucht Gruber noch mit einer theoretischen Physikerin die ultimative Genussformel (ja Ihr hört richtig, das soll eine Formel werden) zu entwickeln. Na daran muss er auch noch ein bisschen arbeiten, da sind zwei falsche Annahmen enthalten. Erstens stellt er die Hypothese auf, dass zu viele Geschmäcker gleichzeitig den Genuss schmälern. Diese Annahme stimmt nur für Personen, die mit der gewürzarmen mitteleuropäischen Küche sozialisiert wurden. So etwas gibt es in Asien beispielsweise nicht, in der thailändischen Küche – nebenbei unter Spitzenköchen als eine der besten Küchen der Welt bewertet – ist es wesentlich, möglichst viele Geschmäcker gleichzeitig zu kosten, um alle Geschmacksnerven auf der Zunge (süß, salzig, bitter, sauer, scharf und umami) anzuregen. Auch die Annahme, dass die gleiche Konsistenz der Speisen am Teller das Geschmackserlebnis steigert, widerspricht der Spitzengastronomie, denn dort soll immer eine spannende Komponente in die Speisen eingeführt werden, insofern wird immer etwas chrunchiges als Überraschung des Gaumens dazugefügt und vom Gast auch meist positiv bewertet.

Fazit: Großartiges innovatives Buch über kulinarische Physik bzw. das Kochen, das mir in den letzten Kapiteln einfach noch ein bisschen zu wenig tief ausgearbeitet ist.

*flachsig= durchwachsen, sehnig

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review 2017-08-27 07:17
Heimathölle
Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman - Petra Piuk

Schöner und heiler als in Schöngraben an der Rauscher kann die Welt gar nicht sein. Wären da nicht ständig diese Störungen….

Die Autorin vermag mit dem Stilmittel Heimatroman und den aufgehübschten idyllischen Szenarien, die bei solchen Erzählungen üblich sind, das gesamte Genre und die heile Welt komplett zu zertrümmern. In einer Heppi-Beppi-Sprache wird mit süßlicher lapidarer Stimme alles, was eine Dorfgemeinschaft – besser gesagt alles was die Menschlichkeit im Prinzip ausmacht, also alle Werte  – perfide zerlegt: Bigotterie wird mit Gottesliebe umschrieben, Gewalt an Frauen und Kindern inklusive Vergewaltigung werden mit Frauenliebe und Kinderliebe gleichgesetzt. Tierliebe einst und jetzt verkommt – wenn man die übliche Kitschschicht abkratzt und reflektiert – zu altbewährter Sodomie und moderner Massentierhaltung inklusive Homogenisierung von niedlichen männlichen Küken.

Der Roman ist wie ein Autounfall: derart bitterböse, zuckersüß und grauslich, bis dem Leser die Galle hochkommt – ganz mein Geschmack. Lange habe ich mir Analogien überlegt, wie ich die Geschichte und den ungewöhnlichen Stil punktgenau beschreiben könnte, aber sie sind mir irgendwie ausgegangen, weil das Werk tatsächlich derart einzigartig war. Bis mir mein Mann den treffenden Tip gegeben hat. Quentin Tarantino trifft Mariandl beschreibt sehr gut den Genremix, denn die Grausamkeit in Petra Piuks Geschichte ist ähnlich bodenständig und lapidar, wenngleich viel hinterfotziger* und fieser als bei Tarantino. Stilistisch dürfte mit ziemlicher Sicherheit Aus dem Leben Hödelmosers von Reinhard P. Gruber als Inspirationsquelle für die Autorin gedient haben, aber Grubers Anti-Heimatroman ist im Gegensatz zu Toni und Moni so harmlos wie ein Lercherlschas*. So nun habe ich die Kuriosität des Werks genug beschrieben, das sollte ich Euch besser in ein paar Beispielen demonstrieren:

    „Die Mama schickt mich um ein Kalbfleisch zum Huber-Bauern. Ich gehe in den Stall. […] In der letzten Box ganz hinten schreit ein Kalb. Hinter dem Kalb steht der Huber-Bauer. Ich sage GRÜSS GOTT, weil EIN KIND HAT IMMER ZU GRÜSSEN. Der Huber-Bauer zieht schnell seine Hose hoch. […]
    In Schöngraben weiß man noch, woher das Fleisch kommt. In Schöngraben legt man im Stall noch selbst Hand an. Hier kennt man das Schnitzel noch persönlich.“

    „Denn was wäre ein Heimatroman ohne Süßspeisen. […]Und dazu viel Schlag, wie man hierzulande zur Sahne sagt. Wir Österreicher haben eben eine bildhaftere Sprache. Eine Erklärung für unsere Deutschen Urlaubsgäste, die wir immer willkommen heißen […]: Der Schlag heißt Schlag, weil man ihn mit dem Schneebesen schlägt wie ein Kind mit dem Kochlöffel oder ein Tier mit dem Besenstiel.“

    „Wenn ich groß bin stecke ich meinen Spatz richtig in die Moni hinein. So wie Papa in die Mama. Und der Moni-Vater in die Freundin der Moni-Mutter. […] Und der Huber-Bauer in das Kalb. Und der Pfarrer in den Lukas.“


An sich ist diese Auswahl schon sehr abgedreht, böse und kurios. War ich am Anfang noch sehr amüsiert, wurde die Geschichte gegen Ende so richtig übel. So schraubt sich dieser ungewöhnliche Anti-Heimatroman mit einem genretypischen Plot dem sogenannten „Happy-End“ zwischen dem Liebespaar Toni und Moni auf dem Land in ungeahnte Niederungen menschlicher Abgründe hinab. Getreu dem Motto: Und bist Du nicht willig, gebrauch ich Gewalt.

Weitere sehr ungewöhnliche Stilmittel sind die direkte Ansprache des Lesers durch die Autorin und die Diskussion der Lektorin mit der Autorin inklusive Verbesserungsvorschläge in den Fußnoten und Streichungen im Text.

    „Sehr verehrte Leserschaft. Erheben Sie sich bitte und treten Sie vor zur heiligen Kommunion. Sollten Sie eine Sünde zu beichten haben, suchen Sie einen Beichtstuhl auf, bevor Sie weiterlesen, damit Sie in Ihrer Lasterhaftigkeit nicht den schönen Heimatroman beflecken. Der nächste Gottesdienst findet in Kapitel 24 Ein Gottvertrauen statt.„

Fand ich diese Konstruktion zu Beginn noch sehr amüsant, waren mir aber die Diskussion, die Verbesserungsvorschläge der Lektorin, und die Figurenverwirrung rund um die Autorin schlussendlich zu breit ausgewalzt, als dass sie mich bis zum Ende fesseln konnten. Im Gegenteil, sie nervten ein bisschen, aber das ist wirklich Jammern auf hohem Niveau.

Fazit: Warnung an alle! Extrem ungewöhnliche Satire mit übelstem Brachialhumor und nix für feine zartbesaitete Leser. Ein komplett wahnwitziger Anti-Heimatroman und für Leute mit schrägem Humor wie mich ein Gustostückerl an Innovation und Bösartigkeit.

*Lercherlschas, der. [leachalschas]. Bedeutung: Kleinigkeit, Geringfügigkeit (wie ein Darmwind eines Vögleins);

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