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review 2018-07-22 09:19
Toxischer Japanroman
Heimkehr nach Fukushima: Roman - Adolf Muschg

Ohje, dieser Roman des Schweizer Schriftstellers Adolf Muschg war für mich bedauerlicherweise ein sehr sprödes auf Gewalt getrimmtes intellektualisiertes mühsames Werk, in dem seichte Querverweise und Zitierungen quasi mit der Mistgabel hineingeschaufelt wurden. Selbstverständlich habe ich als Leserin die Reminiszenzen an Adalbert Stifters Œuvre auf Grund des Klappentexthinweises erwartet, da ja beide Protagonisten den Linzer Autor, die Pflichtschullektüre-Nemesis meiner Kindheit, verehren. Auch habe ich mir erhofft, endlich einen moderneren erwachseneren Zugang zu Stifter zu erhalten, gleichwohl blieb mir das verwehrt, denn die sehr inflationär in vielen Szenen zitierten Stifter-Passagen passen leider nur marginal zum Geschehen des Romans und dekonstruieren die ohnehin schon sehr zerfledderte Handlung noch zusätzlich.

 

Aber nicht nur bei Stifter wird sich voller intellektueller Eitelkeit bedient, um sich als braver Bildungsbürger darzustellen. Gleich einem Rundumschlag werden in einem recht präpotenten Zitate-Ratespiel sehr viele vage Anspielungen auf andere Werke bemüht, ohne in die Tiefe zu gehen: z.B. Tezukas Graphic Novel Adolf, sehr viele unterschiedliche Werke von Adalbert Stifter, Hiroshima Mon Amour, Hieronymus Bosch, einige wichtige Architekten … . Hätten solche Anspielungen wirklich punktgenau in die Handlung gepasst und wären sie inhaltlich etwas intensiver und tiefer in den Plot eingewoben worden, hätte es mir sogar sehr gut gefallen, aber fast immer war ich ob der Seichtheit der angewendeten Querverweise nur verführt auszurufen: „Jaja wir wissen es schon! Diesen Film hast Du auch gesehen, diesen Roman hast Du auch gelesen, diese Graphic Novel steht auch in Deinem Bücherregal herum und dieses Gebäude und Bild kennst Du.“ Selbst die Sexszenen waren keine uniquen Ideen, sondern eine Reminiszenz an Murakami. Da ich mich ja selbst in so einer Community bewege und um solche Auswüchse in Privatunterhaltungen zu verhindern, wurde bei mir zu Hause ein Phrasenschwein aufgestellt, in das jeder einzahlen muss, der solche unsäglichen Charaktereigenschaften außerhalb des beruflichen Unigeländes an den Tag legt (Zitate in toten Sprachen wie Latein und Altgriechisch zählen übrigens doppelt). Der Autor hat, wenn ich alle Strafbeträge zusammenzählen würde, ungefähr für 1000 Franken Phrasen für mein hungriges Schweinderl gedroschen.

 

Dass ich erst im dritten Absatz zur Kritik an der Handlung des Romans komme, sagt eigentlich schon sehr viel aus. Der Plot ist nach Weglassung des intellektuellen Füllmaterials eigentlich gar nicht schlecht, wenn auch sehr dürftig. Im Prinzip war es diese Geschichte, die mich dazu veranlasste, das Buch als Rezensionsexemplar zu wählen. Der Architekt Paul Neuhaus wird nach Japan eingeladen, um als Gallionsfigur einer Künstlerkolonie nach dem Vorbild Worpswedes die verseuchte Landschaft Fukushimas wiederzubesiedeln. Mit der verheirateten Mitsuko und einem Geigerzähler reist er in einer Fact Finding Mission durch das von den Menschen teilweise aufgegebene und jetzt allmählich wieder kultivierte Land, in dem man die Strahlenbedrohung nicht sehen und auch nicht riechen kann, nur der Geigerzähler manifestiert durch sein Piepen diese unsichtbare, vage Gefahr.

 

Diesen Aspekt des Romans möchte ich auch sehr loben, er ist innovativ, spannend, einerseits mysteriös und andererseits auch für manche in unseren Breiten sehr realistisch. Nämlich die Ambivalenz der Japaner zur Strahlenbelastung durch die Atombomben, die permanente sehr intensive Nutzung der Kernkraft zur Stromerzeugung und durch den Reaktorunfall in Fukushima. Hier wird alles verdrängt, was es zu verdrängen gibt, beschönigt und unter den Teppich gekehrt. Zuerst wundert man sich noch über dieses Verhalten und dann wird man plötzlich an der eigenen Nase gepackt, speziell jene Personen, die im deutschen Schwarzwald, in Bayern und im Salzkammergut in Österreich wohnen.

Da sieht man sich selbst plötzlich vom Autor in die Rolle der Japaner versetzt, weil speziell diese Gegenden durch den Regen 1987 stark von Tschernobyl betroffen waren, was der Situation in Fukushima gleichkommt und merkt, dass wir genauso den Kopf in den Sand stecken, weil wir die Bedrohung nicht sehen und riechen können. Ab wann haben wir vergessen, darauf zu achten, keine Pilze aus diesen Regionen zu essen, kein Wildschwein von dort zu konsumieren? Ja, das macht nachdenklich!

 

Wie schon erwähnt, zerfällt ansonsten der Plot gegen Ende des Werkes bedauerlicherweise ein bisschen, er wirkt degeneriert und dekonstruiert, die unmögliche Liebesgeschichte bzw. Liason ist tragisch, hat aber dennoch irgendwie ein Happy End. Aber wie bereits gesagt, die Geschichte ist das beste an diesem Roman.

 

Einen weiteren massiven Ärgerfaktor muss ich leider auch noch erwähnen und meinen Unmut darüber kundtun. Der Roman strotzt nur so von systematischen orthografischen Fehlern, die ich überhaupt nicht tolerieren kann. Es wurde die alte ß-ss-Schreibung verwendet. Zuerst habe ich selbstverständlich gegoogelt, ob die neue Rechtschreibung in der Schweiz nicht angekommen ist, und erfahren, dass es dort überhaupt kein scharfes ß gibt. Also wieso verwendet ein schweizer Autor in einem deutschen Verlag 2018 publizierten Werk die alte Rechtschreibung, die nicht mal die heute gültigen Schweizer Orthofgrafieregeln implementiert? Das muss mir mal jemand erklären! Wie sollen junge lesende Leute richtig schreiben lernen, wenn nicht mal Autoren und Verlage inklusive Lektorat die neuen Regeln anwenden? Ist das altersstarrsinnige Eitelkeit? Oder was! Leute so geht das nicht! Und übrigens – ich will ja nicht klugscheissern, aber Olympiade ist der Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen! Was soll das für ein Lektorat sein, das so etwas verwechselt und nicht weiß. Vor allem doppelt peinlich, wenn so etwas in einem derart intellektuell aufgemascherlten Roman passiert.

 

Fazit: Lediglich die Handlung und die Figuren des Romans haben einen gewissen Charme. Die Ausführung derselben ist bedauerlicherweise grottenschlecht und aus diesem Grund gibts aus meiner Sicht auf keinen Fall eine Leseempfehlung.

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review 2018-07-20 09:50
Mexikanisches Familienpuzzle
Denn sie sterben jung: Stories - Antonio Ruiz-Camacho,Johann Christoph Maass

Dieser Roman von Antonio Ruiz-Camacho besteht aus einer Reihe von Kurzgeschichten einer Familie, die am Ende zu einer großen Einheit und einem Gesamtbild – quasi einer Familienchronik – zusammengesetzt werden sollten. Normalerweise bin ich ja eine denkbar schlechte Rezensentin für Short-Stories, da ich viel zu sehr auf Figurenentwicklung und Plotgestaltung achte und für mich deshalb auf so wenigen Seiten meist einfach zu wenig Raum bleibt, um meine Anforderungen an eine gute Geschichte zu erfüllen. Dieses eher ungewöhnliche Stilmittel hat mich dann aber dennoch sehr interessiert und herausgefordert, zumal mir der ähnlich gestrickte Roman Ruhm von Daniel Kehlmann bereits vor Jahren sehr gut gefallen hat.

 

In wirklich sehr kurzen Geschichten wird ein Abriss von Figuren der Familie Artega sehr grob skizziert, die in der gesamten Welt verstreut leben. Wie bei den meisten lateinamerikanischen Familien üblich, führen Kinderreichtum, Namensgleichheiten von Vater und Sohn, uneheliche Kinder und viele Domestiken in den einzelnen Haushalten zu extrem viel Personal im Roman und ordentlicher Verwirrung. Dem sind der Autor oder der Verlag oder beide gemeinsam sehr genial mit einem übersichtlich strukturierten Familienstammbaum zu Beginn des Buches entgegengetreten, in dem nicht nur alle Verwandtschaftsverhältnisse, sondern auch das Hauspersonal namentlich angeführt sind und zudem auch die Nummer der Kurzgeschichte, in der alle Figuren auftreten.

 

Nach und nach erfährt die Leser*in, indem er/sie immer wieder das Organigramm studiert, was wirklich passiert ist: das Familienoberhaupt José Victoriano Artega wurde entführt und in kleinen Paketen in Einzelteilen der Familie per Boten zugestellt. Ob dieser Bedrohung verlassen alle Verwandten das Land und stieben gleich einem Stern von Mexiko aus in viele Richtungen und Kontinente. Die Kurzgeschichten geben Auskunft, wie die einzelnen Familienmitglieder mit der Tragödie umgehen. Dabei entstehen durchaus auch spannende kuriose Einzelschicksale und Geschichten wie die Story von einem Bären, der sich beim von der Polizei abgesperrten McDonalds an den Muffins gütlich tut, während sich die ehemaligen Hausangestellten, die nun illegal im Lande sind, vor Angst wegen der amtshandelnden Behörden fast in die Hose machen. Oder die Ehefrau Laura, die sich in der Diaspora aus Langeweile in einem Waschsalon einen jungen Mann aufreißt, mit dem sie den ultimativen sexuellen Kick durch eine Fahrt im Wäschetrockner erlebt.

 

Abseits der etwas kuriosen Einzelgeschichten erinnert die Rezeption des gesamten Plots – also die Chronik der gesamten Familie Artega seit der Entführung des Familienoberhauptes Don Victoriano – an ein kniffliges Puzzle, das auf Grund des eingangs erwähnten Organigramms doch recht leicht zusammenzusetzen ist. Mir hat es wirklich viel Spaß bereitet, dieses Bild Stück für Stück zu montieren. Aber ergibt das Puzzle ein schönes detailreiches Gesamtbild? Oder hat es zu viel unstrukturierten flachen blauen Himmel? Das ist hier die Frage, die sich jeder selbst für die eigene Rezeption des Romans beantworten muss.

 

Für mich waren die Einzelfiguren um eine Nuance zu farb- und substanzlos, vor allem auch, weil ich eigentlich viel zu wenige Geschichten über die Familienmitglieder gelesen habe, sehr viele Figuren fehlten völlig. Vielleicht hätten mehr beschriebene Protagonisten in einem längeren und dickeren Buch dieses Familiengeflecht für mich viel dichter, greifbarer und substantieller erscheinen lassen. Da war mir der Autor bei der Konzeption des großen Ganzen einfach ein bisschen zu minimalistisch beim Erzählen, zumal die Gschichtln ja auch sprachlich gut fabuliert sind, vor innovativen Ideen strotzen und wirklich viel Freude machen. In diesem Fall hätte ich einfach gerne noch mehr erfahren.

 

Fazit: Wer das Stilmittel zusammengesetzter Kurzgeschichten zu einem Roman und die Erfahrung des Navigierens durch den Familienstammbaum gleich einem Spiel schätzt, wird seine helle Freude an dem Werk haben. Wer auf tiefe Figurenentwicklung Wert legt und nicht vor dem Autor den Hut ziehen kann, dass er mit einer derart minimalistischen Konstruktion die Familie, das Geschehen und die Verlorenheit der Diaspora nach der Katastrophe ausreichend gut beschreiben konnte, wird ein Haar in der Suppe finden. Mir ging es in beiden Rezeptionsmodellen gleichermaßen so wie beschrieben. Einerseits habe ich diesen minimalistischen Aufbau und den Stilgriff des Romans sehr bewundert, andererseits bin ich traurig, da ich einfach auf sorgfältige Figurenentwicklung Wert lege. Insgesamt auf jeden Fall ein sehr gut konzipiertes, lesenswertes Buch!

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review 2018-07-02 11:02
Zusammenbruch, Umsturz, Hunger, Mord und Totschlag
Schönbrunner Finale: Historischer Kriminalroman (Historische Romane im GMEINER-Verlag) - Gerhard Loibelsberger

Dieser historische k.u.k. Krimi spielt schon wie alle anderen Romane dieser Reihe (Band 1 habe ich erst vor zwei Wochen hier in Booklikes bespochen) im Wien der Vergangenheit, diesmal aber nicht um die Jahrhundertwende, sondern 1918, im letzten Jahr des ersten Weltkrieges und punktgenau zum Zusammenbruch der Österreichisch-Ungarischen Donaumonarchie. Erneut webt der Autor Loibelsberger gekonnt aus historischen Tatsachen und einer Krimi-Handlung im Nebenstrang ein dichtes, lückenloses Netz aus geschichtlichen Fakten und perfekter Fiktion, in dem die Grenzen verschwimmen.

Die Protagonisten, den Kennern der Reihe bereits geläufig, sind wesentlich gealtert, haben sich aber durch die Kriegsumstände derart verändert, dass es sowohl für die Profis spannend bleibt, als auch ein Neuling sehr gut den quasi runderneuerten Charakteren folgen kann.

Polizeioberinspector (ja er wurde befördert) Joseph Maria Nechyba ist nun mit seiner alten Liebe der Köchin Amalia bereits seit Jahren verheiratet, die aus finanziellen und versorgungstechnischen Gründen noch immer für den Hofrat Schmerda aus dem Innenministerium die Küche führt. Der ehemalige Journalist Goldblatt hat die freie Presse verlassen und verfasst als Leutnant Jubelpropaganda, um das Volk vom drohenden Kriegsverlust abzulenken, obwohl die Spatzen die bevorstehende Kapitulation schon von den Dächern pfeiffen.

Die im ersten Band so fröhliche Stimmung und der sprichwörtliche derbe Wiener Schmäh (böser Humor) sind reinem Zynismus, Frustration, Verzweiflung, Hunger und grotesken Lebensmittelbeschaffungsaktionen gewichen, in denen auch Amtsmissbrauch, Korruption, und kleinere nicht nur disziplinarrechtliche sondern auch strafrechtliche Delikte seitens der offiziellen Beamten des Staates an der Tagesordnung stehen. Im Prinzip ist auch die öffentliche Ordnung in Auflösung begriffen. Diese Stimmung ist zwar für den Leser nicht angenehm zu ertragen, beschreibt aber die historische Situation der Donaumornarchie kurz vor dem Zusammenbruch sehr treffend und punktgenau.

Die Figuren des Romans, die ja gourmethafte – was sage ich gourmandhafte – Züge aufweisen, versuchen im hungernden Wien der letzten Kriegstage verzweifelt und gleichzeitig sehr fintenreich, ein bisschen korrupt und erfolgreich etwas wirklich gutes zum Essen aufzutreiben – und zwar einen Lungenbraten, eine halbe Sau, Speck … . Das geht sogar so weit, dass Hofrat Schmerda in der Wiener Stadtwohnung Hühner züchtet, nur um eine Eierspeise zu bekommen. Das Zimmer des toten Sohnes wird ausgeräumt und mit Erde und Stroh für die Hennen bedeckt. Außerdem träumt er von einer Sau im Zimmer seiner Frau, als er sie wegen des Viehs ausquartieren will, bekommt diese einen Tobsuchtsanfall inklusive anschließendem Nervenzusammenbruch. Wie Ihr seht, dreht sich sehr viel der Geschichte wieder um das Thema Essen, diesmal aber von einer Mangelsituation heraus.

Andere Figuren sind noch viel zynischer gezeichnet. Aus relativ nichtigen Anlässen werden ganz normale Menschen wie Du und ich durch das Kriegsgeschehen und die Versorgungssituation in Wien zu Schwerverbrechern, denen ein Leben auf Grund von Kleinigkeiten wie einem Stück Zwieback, ein bisschen Geld, oder einem Verrat an die Polizei gar nichts mehr wert ist. Diese Gelegenheitstäter haben nicht einmal ein Fünkchen von schlechtem Gewissen, wenn Sie jemanden abmurksen, um einen Vorteil zu erlangen. In der gewalttätigen Grundstimmung der Geschichte passieren viele Tötungsdelikte, Oberinspector Nechyba und seine Beamten haben alle Hände voll zu tun, alle aufzuklären, wobei ihm das erste Verbrechen, der Totschlag am Planetenverkäufer (Wahrsager) Stani Kopfzerbrechen und schlaflose Nächte beschert.

In die Krimihandlung, die diesmal wieder so nebenher konzipiert ist, aber am Ende eine Überraschung bereithält, sind erneut historische Originaldokumente eingebaut, wie zum Beispiel ein Ultimatum von Präsident Wilson oder die aktuellen Zeitungsmeldungen, die sich auf Grund der Entwicklungen im Herbst 1918 tagtäglich überschlagen. Auch die in die Handlung eingeflochtenen historischen Persönlichkeiten sind Legion – viereinhalb Seiten Personenregister, schlussendlich ist Nechyba sogar als abgestellter Leibwächter des letzten Kaisers von Österreich Karl I. bei dessen Abdankung anwesend. Am Ende des Romans der zynischen Grundstimmung und historischen Tatsachen geschuldet rafft auch noch die spanische Grippe sehr tragisch das halbe Personal der Geschichte hinweg, beginnend mit Egon Schiele und seiner Frau Edith, die den Virus als Freunde in die kleine Gesellschaft der Protagonisten hineintragen.

Fazit: Ein sehr guter historischer Krimi, die Fröhlichkeit und Lebensfreude des ersten Romans geht mir zwar sehr ab, aber 1918 war eben gar nichts fröhlich in Wien. Insofern ein genaues, sehr gut beschriebenes authentisches Sittenbild der letzten Kriegstage in der Hauptstadt der untergehenden Donaumonarchie, das auf Umsturz, Mord und Totschlag natürlich nicht verzichten kann.

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review 2018-05-29 11:21
Anarchie brutal
Parthenon: Roman - Christos Chryssopoulos,Theo Votsos

Dieser bereits 2010 erschienene Roman von Christos Chryssopoulos, der nun erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt, ist auf jeden Fall sehr einzigartig und äußerst ungewöhnlich.

 

Der Täter CH.K. sprengt die Akropolis bzw. IHN – den Parthenontempel – in die Luft und wütet und monologisiert gegen die Gesellschaft, die verlorene Ehre der Griechen und legt seine Motive dar. Dabei werden in einem atemberaubenden griechisch – anarchischen Manifest die Faktoren Terrorismus, Gesellschaft, Politik und Kunst zu einem philosophischen Konstrukt miteinander verknüpft und zur Rechtfertigung der Tat eingesetzt.

 

In weiterer Folge wird die Tat auch noch sehr lapidar, fast schon staubtrocken analytisch wie ein klassischer Kriminalfall mit Zeugenaussagen und Verhörprotokollen aufgerollt, der in einer kurzen und knappen Kriminalfallnotiz in der Hinrichtung des Täters durch die Ermittlungsrorgane gipfelt und in der Vertuschung dieser Vergeltungsmaßnahmen.

Ehrlich gesagt ist es mir glaube ich noch nie so schwer gefallen, ein Buch überhaupt zu bewerten, ich weiß noch immer nicht, welche Meinung ich dazu habe, denn es scheitert bei mir am Grundverständnis und auch am Hintergrundwissen für dieses Werk. Eines kann ich aber sagen, dadurch dass ich es einfach nicht verstehe, und ich so etwas nicht gerne auf mir sitzen lasse, hat mich der Roman von Chryssopoulos mehr beschäftigt als viele andere Werke.

 

Durch eine Recherche versuchte ich den historischen und philosophisch-anarchischen Hintergrund für dieses für mich atemberaubend wirre Manifest des Täters mit einer Verknüpfung von Kunst – Terrorismus und Politik zu erheben, die ich einfach nicht nachvollziehen konnte und bin auch auf den im Roman zitierten Dichter Jorgos V. Makris gestoßen. Leider habe ich auf Englisch keine Abhandlung über die Grundlagen dieses philosophischen Gedankengebäudes gefunden. Mehrere Feuilleton – Rezensenten verwiesen aber darauf, dass sich die Tat und der Hintergrund auf die griechisch anarchischen Ideen Mitte des 20. Jahrhunderts beziehen. Historisch spannend dürfte auch sein, dass der Roman schon 2005 begonnen und 2010 herausgegeben wurde und sowohl die Ideen des Terrorismus als auch die langfristigen Auswirkungen der Schuldenkrise auf die Gesellschaft Griechenlands fast prophetisch vorwegnahm.

Ansonsten ist zu sagen, dass der Autor seinen Täter sprachlich wirklich exzellent aber sehr selbstmitleidig und larmoyant, also doch sehr mühsam sein Manifest der Motive formulieren lässt.

In dieser Stadt gehört uns nichts, ein Sinn für Besitz ist nicht vorhanden. Nicht mal der Stolz für Ihn gehört uns. Wir leihen ihn uns aus. […]

Ich wollte nicht, dass man in mir einen Verbrecher sieht. Einen Wahnsinnigen. Es ist sehr wichtig für mich, dass meine Motive nicht missverstanden werden. Ich hatte nicht die Absicht, Böses zu tun. Ich wollte nicht zerstören, Ich verfolgte nicht den Zweck uns einer Kostbarkeit zu berauben. Es verlangte mich nur danach, uns von dem zu befreien, was als unübertroffen vollkommen angesehen wurde. Ich empfand mich selbst als jemanden, der ein Geschenk anbietet, einen Ausweg, eine Herausforderung.

 

Fazit: Dieser Roman ist sehr eigen, fast schon bizarr, nicht unspannend, vom Aufbau her recht dekonstruiert und philosophisch recht kompliziert und schwer begreiflich konzipiert – mehr vermag ich diesmal einfach nicht zu sagen.

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review 2018-04-28 05:31
In Lichtgeschwindigkeit durch die USA gerast
Die Amerikafalle: oder: Wie ich lernte, die Weltmacht zu lieben - Martin Amanshauser

Kann ein Reisejournalist, der es gewohnt ist, seine Gedanken in ziemlich kurze Artikel in Zeitschriften zu stopfen, weil er nur ein paar tausend Wörter zur Verfügung hat, auch zwangsläufig ein gutes Buch schreiben? Nein er kann nicht, vor allem wenn er seinen Zeitschriften Reportagen-Stil beibehält und so überhaupt nicht auf das Medium Buch eingeht, in dem er dem Leser eine tiefergehende Analyse präsentieren könnte, weil er so weitermacht wie schon immer.

 

Was ich von diesem Buch erwartet habe und was mir auch durch den Umschlagtext versprochen wurde, war folgendes: Eine Nah- und Momentaufnahme eines Landes im Umbruch, ein liebevoll entlarvender Blick auf die USA unter Präsident Trump. Klingt wirklich sehr interessant, und dementsprechend habe ich mich sehr auf dieses Sachbuch gefreut

 

Was ich bekommen habe: Einen dekonstruierten, oberflächlichen Roadtrip mit einem völlig wirren sprunghaften Erzählstil, der mir Land und Leute bis auf drei Ausnahmen (und die kann ich wirklich noch zählen) überhaupt nicht näher bringt. Kaum ein Gedanke wird sorgfältig zu Ende formuliert, wird schon der nächste aufs Tapet gebracht. Dabei rast der Autor ruhelos von Ort zu Ort. Aber auch diese Reisereportage ist teilweise derart unstrukturiert konzipiert, dass es schon fast zum Lachen wäre, wäre es nicht so wirr und lähmend. WTF! Ganz New Orleans wird von Amanshauser in neun A5 Seiten abgespult, der Geist und auch noch alle besuchten Locations von San Francisco in acht Seiten. Schon klar, dass hier nur so die Schlaglichter gleich einem Stoboskop aufblitzen und man sich von den Orten und den Menschen gar nichts merken kann. Aber es wird sogar noch grotesker. Im Kapitel Across the border werden die beiden Länder Mexiko und Kanada als Ganzes in sechs Seiten vergewaltigt. In jedem Absatz – also alle drei bis vier Zeilen – ist man an einem anderen Ort, da kriegt man als Leser einen Drehwurm, geschweige denn, dass man den Gedankensprüngen folgen könnte.

 

So ein Stil mag in einem Einzelartikel in einer Geo- oder National Geographic-Reportage gerade noch funktionieren, weil ja die Wörterzahl beschränkt ist. Aber zwischen zwei Buchdeckeln immer und immer wieder im Batch-Verfahren hintereinandergereiht? Da muss man sich als Schriftsteller schon ein bisschen mehr bemühen und tiefer gehen. Sonst ist das Buch das falsche Medium für solche Fastfood-Reisereportage-Happen, wenn ich mal einen der servierten Fastfood-Bissen überhaupt vollständig runterschlucken und verdauen konnte. Abgesehen davon habe ich eben so gut wie gar nichts über das Land und die Leute gelernt bei dem Gehetze von Ort zu Ort. Fast scheint es so, als würde dieses Werk uns einen Blick in die Tiefe Amerikas versprechen, genauso wie diese sinnlosen Reisen von amerikanischen Reisebüros, die dem US-Bürger in sechs Tagen ganz Europa nahebringen wollen und in deren Urlauben man auch nur von Stadt zu Stadt hetzt. Wobei ich diese Art zu reisen noch eher goutieren kann, denn das hier ist im Gegensatz zum Ami mit einer Woche Urlaub eben ein Buch mit viel Platz für die versprochene Analyse der amerikanischen Seele und den liebevollen Blick auf die USA, der mir total verweigert wurde. So etwas macht mich immer sehr ärgerlich.

 

Fazit: Eine absolute Empfehlung von mir, dieses Buch NICHT zu lesen. Außer drei gute, sehr kurze Analysen der amerikanischen Seele bezüglich Obrigkeitshörigkeit, Freundlichkeit und Political Correctness gibt es auf 210 Seiten keinen einzigen weiteren Gedanken, der es wert wäre, dafür Lesezeit zu verschwenden.

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