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review 2019-09-16 14:07
Die Wuchtl* in der Abseitsfalle
Nicht wie Ihr - Tonio Schachinger

Dieses für die Longlist des deutschen Buchpreises nominierte Werk mag vieles sein, aber „ein Roman für Fußballfans und Fußballverweigerer gleichermaßen“ – so wie er im Werbetext auf dem Buchrücken beworben wird – ist er definitiv nicht. Das kann ich als Fußballverweigerin, die aber dennoch eine gemeine Abseitsfalle zu erkennen vermag, hier definitiv unterschreiben.

 

Das ist insofern sehr schade, denn ich hätte den Roman gar nicht bestellt, wenn er sich in seinen Werbebotschaften nicht so explizit an Nicht-Fußballfans als Zielgruppe gewandt hätte. Alles andere wäre ja unfair, ein Werk zu bewerten, das mich schon im Vorfeld vom Thema her so gut wie gar nicht interessiert. Diese Kombi hat mich aber dann doch neugierig gemacht, und ich wollte unbedingt wissen, wie der Autor diesen Zielkonflikt, beide Gruppen gleichermaßen zufrieden zu stellen, löst. Naja, das ist auf jeden Fall gehörig in die Hose gegangen.

 

Der Protagonist Ivo Trifunović, mit bosnischen Wurzeln aus der Wiener Vorstadt in den Weltfußball aufgestiegen, ist ein Narziss, aber keiner von der abgrundtief bösen, spannenden Art, sondern auf eine BOBO-Spießerart: meine Häuser, meine Autos, mein Pool, meine Ehefrau, meine Kids, meine Geliebte, mein Boot, mein Job. Zudem eiert er ganz schön unentschlossen herum, ob er seine Alte (Wiener Ausdruck für Ehefrau) tatsächlich mit seiner Jugendliebe betrügen soll oder nicht. Zwar gilt für Ivo nicht das alte Simmeringer Sprichwort: Ich bin ein Fußballer, tu mir beim Denken schwer, aber wie man so einen faden, ordinären, eitlen Zauderer zum Protagonisten eines Romans machen kann, ist mir auch rätselhaft, das lockte mich jetzt auch nicht hinter dem Ofen hervor. Zudem ist der möglicherweise in Deutschland sehr goutierte, anzügliche österreichische Unterschichts-Slang, den manche, die ihn nicht kennen, als rotzfrech bezeichnen möchten, auch nicht grad das Gelbe vom Ei für mich, hatten wir doch alle mindestens ein bis zwei Mitschüler in der Klasse, die sich so machismo-sexistisch und primitiv aufführten.

 

Was mich aber am meisten gestört hat, sind diese inflationär verwendeten Kicker-Analogien. Der Roman kann keine Situationen oder Gefühlsregungen, also fast nichts beschreiben, ohne einen abstrusen Vergleich an den Haaren herbeizuziehen. Das ist dann genau so, als wäre man in einer Subkultur, in der es essentiell ist, wenn man den Film gesehen hat oder das Buch gelesen, ansonsten versteht man einfach nur Bahnhof. Wie soll ein Nicht-Fußballfan diese Analogien verstehen? Ronaldo ist anscheinend nicht so übel wie Messi (warum auch immer), was ist einen Panenka machen (Ja, Panenka war ein österreichischer Fußballer, aber was war typisches Verhalten für ihn?) und wer zum Teufel ist Peter Hackmair? So geht das zumindest für eine breitere Zielgruppe sicher nicht, ich kann ja nicht die ganzen Lebensgschichtln von diesen A-Z-Kicker-Promis von den 70er-Jahren bis zum heutigen Tag in den einschlägigen Zeitungen nachrecherchieren.

 

Und selbst wenn der Autor mal nicht nur den Fußball bemüht, kommt er ohne Analogien und Zitierungen nicht aus. Da er offensichtlich viel jünger ist als ich, die mit dem Betthupferl, Dschungelbuch, Kasperl und Petzi aufgewachsen ist, kann ich seine Filme und Fernsehserien und die darin vorkommenden Figuren überhaupt nicht interpretieren und dadurch ergibt sich für mich bei der Übersetzung der Vergleiche in Normalsprech nur ein wildes Kauderwelsch.

Ivo hatte immer schon Mitleid mit den Bösen. Mit dem Kojoten, der in einer Scheißwüste lebt, wo es sonst nichts gibt und der jedes Mal dafür bestraft wird, wenn er seiner Natur folgt und versucht, diesen arroganten Vogel zu erwischen. […]
Die Guten sind meistens langweilige Scheißkinder, und trotzdem kriegt am Ende Calimero die Bitches und Toni, die coole Ente geht leer aus. […]
Irgendwas wird auch Simbas Vater falsch gemacht haben, damit ihn sein eigener Bruder so hasst. Klar, Scar will König sein, und König wird immer der Sohn vom König und nicht sein Bruder, aber ist es so falsch, gegen diese Ordnung anzukämpfen. Ist es falsch, wenn ein Löwe König sein will. Wenn er es nicht wollen würde, wäre es ja noch schlimmer, dann würde man ihn in die Kategorie von Bernhard Tomic und Nick Kyrgios stecken, in die Kategorie der Ausländer, die nicht genug aus ihrem Talent machen, denen es nichts mehr gibt, zu gewinnen, und die deshalb für immer Ausländer bleiben.

Hä????? Rembrandt??? WTF?? Ich kapiere wirklich nur Bahnhof. Versteht mich nicht falsch, für eine interessierte Mini-Subkultur, die mit diesen Codes aufgewachsen ist und auch noch die beiden genannten Fußballer kennt, mag das grandios sein, aber wenn ein Roman den Anspruch erhebt, für ein breites Publikum geeignet zu sein, dann ist diese Ambition aber so etwas von gehörig in die Binsen gegangen.

 

Jetzt sollte ich ja nicht spekulieren, warum ausgerechnet dieser Nischenroman für den deutschen Buchpreis nominiert ist, ich ärgere mich aber schon, warum von Kremayr & Scheriau nicht dieser hinreißende feministische Roman Hippocampus, den ich vor Kurzem hier besprochen habe, nominiert wurde. Wahrscheinlich sind aber 51% Frauen in der Bevölkerung eine zu kleine Zielgruppe, als dass sie für den Buchpreis relevant wären, da wird lieber ein Buch für die totalen Fußballfreaks mit den Codes der 90er- und 00er-Jahre nominiert. Dieses Minderheitenprogramm ist sicher relevanter für den auszeichnungswerten Literaturkanon. (Ironie off)

 

Gegen Ende der Geschichte, also auf den letzten Seiten, macht Ivo übrigens noch eine gute Entwicklung durch, die nicht ganz so irrelevant für Jedermanns und Jederfraus Leben ist, insofern waren die letzten Seiten dann nicht so furchtbar wie die mühsamen restlichen neunzig Prozent der Story.

 

Fazit: Für Fußballfans kann ich den Roman nicht beurteilen, für -verweigerer ist er aber definitiv komplett ungeeignet. Außerdem strotzt er nur so von vulgären sexistischen österreichischen Dialektausdrücken, die dem Leser als „erfrischend“ und rotzfrech verkauft werden.

 

*Wuchtl = 1. Fußball 2. Tiefer Pass im Fußball 3. tiefer (primitiver) Scherz in der Sprache

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review 2019-09-01 09:13
Eiseskälte und verätzte Speiseröhren
Blutmond - Katrine Engberg

Diesen dänischen Krimi von Katrine Engberg im Hochsommer bei dreißig Grad Hitze zu lesen, kann ich wärmstens – ähm kältestens – empfehlen, denn schon auf Seite eins begann ich bei den grandiosen Beschreibungen des klirrend kalten Kopenhagens zu frösteln und auf Seite fünf fror ich bereits ordentlich, ob der treffenden, genauen und plastischen Schilderung des Wetters, des Ambientes, der Stadt und der Straßenbedingungen. Wenn Ihr das Buch im Winter lesen wollt, legt Euch bitte mindestens das Strickjackerl und die warmen Socken parat – besser wären noch Daunenjacke und Moon-Boots – Ihr werdet sie brauchen.

 

Eigentlich ist es sehr ungerecht, in einer Krimiserie bei Band zwei einzusteigen und sich dann eventuell über die mangelnde Figurenentwicklung beklagen zu müssen, aber ich kann erfreulicherweise berichten, dass mir keine Information abgegangen ist und die Tiefe der Figuren nicht nur ausreichend, sondern grandios konzipiert ist. Klar kommen auch Protagonisten aus dem ersten Band vor, aber ihre Vorgeschichte ist entweder nicht so relevant für diesen Plot oder sie wird eben hinreichend thematisiert.

Im Setting der skandinavischen Düsternis ist die Kriminalpolizei Kopenhagen mit Morden durch Abflussreiniger in der SchickiMicki-Gesellschaft konfrontiert. Diese Taten werden schon sehr grausam geschildert, aber nicht ganz so detailliert brutal wie bei Jo Nesbø, bei dem mich regelmäßig das Würgen beim Lesen heimsucht.

 

Den Modezar Alpha Bartholdy hat es also erwischt, die Mordwaffe ist ein Cocktail gemischt mit Abflussreiniger und am nächsten Tag stirbt auch noch eine weitere Promi-Dame während einer anderen Party auf dieselbe Weise.

 

Das Kripo Team rund um Jeppe Kørner und Anette Werner führt die Ermittlungen, wobei der Protagonist Jeppe sich bald in den Hintergrund zurückziehen muss, ist doch sein bester Freund und Schauspieler Johannes Hauptverdächtiger und Gegenstand der Ermittlungen. Doch Jeppe kann das einfach nicht akzeptieren und versucht, eigenen Spuren nachzugehen.

 

Die Figuren sind sehr liebevoll gezeichnet mit all ihren Traumata, Beziehungsproblemen, Ressentiments, schlechter Kondition und pathologischen Blutfett- und Insulinwerten. Die tiefe Figurenentwicklung ist ja meiner Meinung nach eine der typischen Stärken von weiblichen Kriminalautorinnen, die Schwächen sind – auch meiner Meinung nach – immer diese romantischen Szenen der Protagonisten und deren schwülstige Begierden. Bis Seite 215 kam erfreulicherweise für mich nichts davon vor, aber dann – die typische weibliche Krimileserin wird es freuen – gab es schlussendlich doch die so unvermeidliche romantische Verwicklung. Sie war aber nicht so breit ausgewalzt, dass sie mich sehr störte, sondern dezent in den Plot eingewoben.

 

Sprachlich war das Ambiente und die Szenerie für mich sehr bildhaft, klug und großartig konzipiert, des Öfteren blitzte sogar einiges an Witz zwischen den Zeilen und den tragischen Ereignissen hervor.

Manchmal war ein Gespräch mit Anette Werner wie ein Furz im Käseladen, die Worte verhallten unbemerkt.

 

Neben ihr posierten zwei junge Mädchen trotz der Eiseskälte in kurzen Röcken vor ihren iPhones, überprüften das Resultat und begannen noch einmal von vorn, mit Kussmund und in die Seiten gestemmten Händen. Vermutlich hatten sie einen Filter, mit dem sie ihre blaugefrorenen Knie kaschierten, bevor die Fotos auf ihrem Blog landeten.

 

An manchen Tagen war die Menschheit ein Verein, in dem man nur ungern Mitglied war.

Abgesehen von Polizeiassistent Jeppes Freund Johannes legt die Autorin im rasanten Plot auch eine Menge an Fährten und Spuren aus, die der Leser*in ein lustiges Mörderraten gewährleisten. Diesmal lag ich sogar fast richtig und nur knapp – ein ganz kleines bisschen – daneben, was mich auch auf mein investigatives Talent stolz sein ließ, aber die Handlung trotzdem nicht so durchschaubar machte, weil eben am Ende doch noch ein kleiner Twist als Überraschung dargeboten wird. Die Motivlage ist übrigens plausibel und nicht an den Haaren herbeigezogen, also alles paletti.

 

Fazit: Ein guter, solider skandinavischer Krimi in gewohnter Qualität mit Gruselfaktor, aber nicht nur vordergründig ob der grausamen Morde, sondern vor allem wegen des gut beschriebenen Settings des vereisten Kopenhagens. Ich kann ihn empfehlen.

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review 2019-08-12 07:35
Androiden-Ich trifft auf menschliche Schwächen
Maschinen wie ich - Ian Mc Ewan

Eines gleich vorweg. Die Geschichte ist für mich kein „typischer“ McEwan Roman wie zum Beispiel Abbitte, Honig oder der Zementgarten, sie ist recht kopflastig mit sehr vielen ethischen und moralischen (ich verwende diese beiden Begriffe in diesem Fall tatsächlich nicht als Synonyme) Implikationen, die den Plot über weite Strecken in den Hintergrund drängen. Gerade deshalb und weil ich mich in meinem Fachgebiet gerade mit digitaler Ethik und Ethik von künstlicher Intelligenz beschäftige, war ich sehr gespannt auf das Buch. Ich muss sagen, ich finde es sehr gut, kann aber auch verstehen, warum einige mit der Story einfach nicht warm werden können.

 

Was hier wahrscheinlich manche stört, ist der Umstand, dass der Plot den ethischen und wissenschaftlichen Hypothesen folgt und nicht umgekehrt ein bisschen moralischer Hintergrund in eine präsente Geschichte eingewoben ist. Es ist, als hätte McEwan zuerst wie bei einer wissenschaftlichen Arbeit Forschungsfragen formuliert und sich dann drum herum eine Geschichte dazu ausgedacht: zum Beistpiel: Wie funktioniert maschinelles Lernen im Vergleich zu menschlichem mit der Einführung der Figur eines Kindes. Ich finde, das ist ein sehr gewagtes und grandioses Konzept. Aber zuerst noch ein bisschen etwas zum Inhalt damit ich diese Strategie auch gleich ein bisschen konsistent anhand von Beispielen erklären kann.

 

McEwan platziert seine Figuren in einer alternativen Welt von 1982, in der sich der Logiker Alan Turing nicht mit dem Schneewittchen-Apferl (so wie in der Realität) selbst gemeuchelt hat. Ergo schlug er – quasi in der realen if-then-else Verzweigung im Jahr 1952 die Möglichkeit der Wahl einer chemischen Kastration in Folge seiner Verurteilung wegen Homosexualität aus und hat stattdessen den Weg der gesellschaftlichen Ächtung, Schande und des Gefängnisses gewählt. Daraus folgten anstatt seines frühen Todes einige der produktivsten wissenschaftlichen Arbeitsjahre, inklusive Inspiration von anderen Wissenschaftlern und universitäre Open-Source-Zusammenarbeit weltweit. Daher gibt es in dieser Welt auch alles, was seit 2004 bei uns erst jetzt Realität ist, durch Turings Erfindergeist schon im Jahr 1982: Internet, KI (Künstliche Intelligenzsysteme), Androiden, selbstlernende Algorithmen, selbstfahrende Autos… . Das ganze Alternativuniversum ist technologisch-wissenschaftlich grandios konsistent aufgebaut. Besser kann man nicht erfinden, wie ein einzelnes, winziges Ereignis, eine kleine Gabelung in der Realität sich tatsächlich weltweit so massiv auswirken kann.

Eines muss ich hier noch loswerden. Der Diogenes Verlag spoilert bedauerlicherweise massiv in seinem eigenen Klappentext. Da ich diesen nie lese, konnte ich gottseidank in den Genuss kommen, erst nach und nach zu realisieren, was mit der vom Autor beschriebenen Welt irgendwie irritierend und mit meinem Bild vom Lauf der Welt nicht vereinbar ist. Also ich wäre enttäuscht gewesen, wenn mir diese Erfahrung genommen worden wäre.

 

Im alternativen Großbritannien von 1982 ist ansonsten zum Beispiel politisch, gesellschaftlich und kulturell vieles ähnlich wie im tatsächlichen Jahr 1982. Maggie Thatcher mischt mit, der Falklandkrieg bricht aus, aber trotzdem funktioniert die Welt in allen Belangen um eine Nuance anders, da die technologischen Möglichkeiten und die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Faktor Arbeit und die Politik einfach völlig neue Rahmenbedingungen schaffen.

 

In dieses Umfeldkonstrukt, das ich deshalb in der Rezension so detailliert thematisiert habe, weil auch McEwan den Schwerpunkt darauf gelegt hat, bettet der Autor nun eine Geschichte ein.

 

In der ersten Szene hat Charlie den Androiden Adam, einen sehr teuren Prototypen einer Miniserie, mit seiner letzten Barschaft aus einer Erbschaft erworben. Er ist in seine Nachbarin Miranda verliebt und bittet sie, mit ihm gemeinsam die künstliche Intelligenz von Adam gleich nach seiner Lieferung zu parametrisieren. Die Idee, die einstellbaren Eigenschaften von Adam gleichmäßig und zufallsverteilt zwischen Miranda und Charlie aufzuteilen ist genial, das hat etwas zwingend Logisches und die Anmutung von geschlechtlicher Zeugung. Adam ist also frei parametrisierbar. Is this a Bug or a feature? Für Charlie eher ersteres, aber dann stellt sich heraus, die Einstellungsmöglichkeiten sind ohnehin hauptsächlich dazu da, dem Nutzer eine Anmutung von Kontrolle zu geben, um ihn an das Konsumprodukt, an den Androiden zu binden, denn das Ding konfiguriert sich ohnehin selbst durch maschinelles Lernen. Ist wie bei echten Kids dort heißt das Modelllernen. – Das ist ein ganz köstlicher und sensationeller Einstieg in die Geschichte.

 

Dann werden, je mehr Adam lernt und sich als Android dem menschlichen Wesen annähert, tatsächlich fast alle Forschungsfragen, die ich zu dem Thema habe, anhand der Geschichte abgearbeitet: Da geht es um topaktuelle Gedanken zur Roboterethik, Eifersucht, Liebe und Rivalität zwischen Charlie und dem Androiden, denn Miranda schnackselt tatsächlich mit Adam. Großartig, der daraus sich entspinnende Dialog über Betrug, Eifersucht und den Turing Test.

„Ich will Dich nur daran erinnern, dass er eine Maschine ist, eine verfickte Maschine.“
„Eine fickende Maschine.“ […].
„Wenn er aussieht, sich anhört und benimmt wie ein Mensch, ist er für mich auch einer.“

Da wird man stark an Philip K. Dick‘s Träumen Androiden von elektrischen Schafen (Blade Runner) erinnert, aber McEwan geht noch ein paar Schritte weiter, um das Verhalten, das Lernen und Bewusstsein von künstlicher Intelligenz genau zu erforschen und den Unterschied und die Interaktion mit realen Menschen herauszuarbeiten. So führt er auch den Unterschichtsjungen Mark in das Setting ein, der mit seinem kindlichen Lernen durch Spielen und durch sein impulsives Verhalten das Thema sehr genau aufgreift. Mark entpuppt sich quasi als das zweite zur Adoption stehende Wesen, das diametral entgegengesetzt zu Adam agierend in den kleinen Familienverband von Charlie und Miranda eingeflochten wird.

 

Durch die Aufarbeitung von Mirandas Vergangenheit spricht McEwan auch viele moralische Dilemmata an, die von Androiden mit Bewusstsein und Menschen komplett unterschiedlich interpretiert und abgewickelt werden. Hier gibt es immer den Gegensatz zwischen Adam, der einerseits auf Grund des tatsächlichen menschlichen Verhaltens und seiner Ambivalenz maschinell lernt, aber auch andererseits in seiner logischen Grundprogrammierung sich (meist) an die Asimovschen Gesetze halten muss, im Zusammenspiel und Interaktion, in der Diskussion und im Konflikt mit seinen Menschen, die er mittlerweile innig liebt. Die wichtigste Frage dieser Fiktion ist aber: Wenn Androiden ein Bewusstsein haben – was der Leser in dieser Geschichte eindeutig mit Ja beantworten muss – welche Rechte entstehen ihm dadurch gegenüber dem Menschen?

 

Irgendwann ab der Mitte wird dann auch noch Alan Turing in Persona und als Fürsprecher und moralische Instanz für die Androiden in den Roman eingeführt, das hat mir ausnehmend gut gefallen. Gegen Ende der Geschichte überschlagen sich dann die Ereignisse – das ist übrigens typisch für eine McEwan Geschichte – und gipfeln in einem für mich sehr traurigen Ende für die vierköpfige Familie. Ich war als Leserin immer wieder hin und her gerissen, für die einzelnen wundervoll gezeichneten sehr sympathischen Figuren Partei zu ergreifen und litt mit allen extrem mit, obwohl sie sich in einem unüberbrückbaren Konflikt gegenseitig aufreiben und fertig machen. Jedes Motiv konnte ich sehr gut nachvollziehen.

 

Fazit: Ich fand den Roman außergewöhnlich, sehr innovativ und großartig, aber ich glaube, man muss schon ein bisschen Interesse für Digitalisierung, Ethik und Technikgeschichte mitbringen, um ihn wirklich genießen zu können. Einen typischen rasanten McEvan Plot gibt es zwar schon, aber er steht für mich nicht im Vordergrund der Aussage des Buchs.

 

P.S.: Ein ausführliches Interview mit dem Autor, und was er sich bei der Gestaltung dieser Fiktion gedacht hat, im Gegensatz zu dem, was ich hineininterpretiere, findet Ihr hier. Ich habe es mir vor dem Schreiben der Rezension nicht angeschaut, denn ich wollte mir meine alternative Auslegung nicht von der Realität beeinflussen lassen ;-).

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review 2019-07-20 16:39
Autorenmüll-Resteverwertung
Montagmorgen - Petra Soukupová

Jetzt ist diese zweisprachige Reihe Tschechische Auslese  aus dem Wieser Verlag ohnehin nur auf ungefähr sechzig A5 Seiten ausgelegt, also irgendwo zwischen Kurzroman und Kurzgeschichte, und dann meint diese Autorin doch tatsächlich, dass sie den geringen Platz und damit Möglichkeit, irgendeinen Inhalt zu präsentieren, auch noch in mehr als eine zusammenhängende Geschichte aufteilen muss. Da haben sogar ein paar meiner mittelmäßigen Mitschüler in Deutsch in der Disziplin Aufsatz besseres zusammengebracht als diese Autorin. Fast scheint es so, als hätte sie quick and dirty aus der Schachtel für Autorenmüll, respektive unfertige Skizzen, verworfene Ideen und Arbeiten, Fingerübungen der Routine, um jeden Tag irgendetwas zu produzieren, der so beim Schreiben ja immer anfällt, weil man nicht täglich eine brilliante Idee gebären kann, irgendetwas zusammengestoppelt, um auf die Anzahl der Seiten zu kommen.

Dabei gibt es in dieser Reihe, so großartige Geschichten, wie jene von  Markéta Pilátová  die ihren grandiosen Kurzroman punktgenau auf dieses Format konzipiert hat und der auch noch im Juli auf meiner best of five-Liste steht.

Jetzt werde ich arbeitstechnisch mal auch ein bisschen persönlich und bösartig. Wenn ich als Autorin von einem Verlag schon die Gelegenheit bekomme, in zwei Ländern nämlich meinem Heimatland Tschechien und in Österreich gleichzeitig präsentiert zu werden und ich mache mir nicht einmal die Mühe, für ein zugegebener Maßen recht ungewöhnliches Format etwas extra und exklusiv zu schreiben, sondern kratze irgendeinen Schreibabfall zusammen, dann halte ich das für eine bodenlose Frechheit. Auch wenn sie in Tschechien eine preisgekrönte Autorin sein mag, in Österreich kräht kein Hahn nach ihr und es ist zudem eine riesige Dummheit, solch eine Chance, in einer anderen Sprache und auf einem völlig anderen Zielmarkt Fuß zu fassen, nicht zu nutzen.

Auch inhaltlich tut sich in den einzelnen Geschichten nicht viel und auch nicht viel gutes: z.B. ein Opa, der einen Enkel adoptieren will, der auf Straßenbahnen steht. Da werden Geschlechterklischees auf primitiv bedient. Zudem musste ich mich als Leserin durch unausgegorene, unfertige, teilweise laangweilige Geschichten quälen, in die man so viel hineininterpretieren müsste, damit sie rund werden, dass ich sie mir gleich hätte selbst schreiben und erzählen können.

Fazit: Kurz und knackig - das ist Mist, was hier präsentiert wird - hätte in der Rundablage (Papierkorb) bleiben sollen. Insofern ist es wieder gut, dass es nur sechzig A5 Seiten sind, damit die Pein beim Lesen nicht so lange dauert.

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review 2019-07-18 05:41
Gehirntsunami
Der Windreiter - Renata Šerelytė

Dieser Roman von Renata Serelyte, der zwar völlig anders als ihr vorhergehendes Werk  Blaubarts Kinder angelegt ist, war ebenso nicht wirklich mein Geschmack.

Sprachlich wird die Geschichte erneut sehr gut präsentiert, wieder in dem recht unverwechselbaren poetischen Stil der Autorin. Auch inhaltlich ist die Story nicht so schlimm und deprimierend wie  Blaubart, im Gegenteil, sie hat was von einem abgefahrenen Märchen oder einem kolletiven Drogen-Flashback á la Contact High.

Als ich die Buchdeckeln schloss, war ich verwirrt, denn ich bekam die fiktive Handlung nicht zusammen. Was ist wirklich passiert? Was war ein Traum? War alles ein Traum? Was haben die Szenenfetzen miteinander zu tun? Was wollte die Autorin ausdrücken?  Warum interagieren die Figuren so? Fragen über Fragen, die sich mir stellten und auf die ich einfach keine Antwort habe.

Die Szenen und Dialoge sind so verklausuliert und 10 hoch 3 Meta, dass ich das Meta vom Meta vom Meta einfach nicht checken konnte. Sehr poetisch, total abgehoben, bizarr, märchenhaft und konfus wie in einem Low-Budget-Ostblock-Film-Noir wird die Handlung präsentiert, wobei ich noch immer nicht sagen kann, was wirklich passiert ist, oder was das alles sein soll. Habt Ihr mein Gefühl verstanden? Wahrscheinlich nicht, denn selbst ich stehe kopfschüttelnd und konsterniert vor dieser Geschichte und blicke einfach nicht durch.

Ich werde mal eine Szene überspritzt formulieren, damit Ihr Euch eine Vorstellung machen könnt: Figur irrt durch total surreale Szene, mit voll abgedrehten wundervoll beschriebenen Figurensetting, hält inne, schreit auf, brabbelt was ganz lyrisches, was überhaupt nicht zur Situation passt und läuft irgendwie schräg von dannen. Hufgetrappel, ein Pferd läuft durch die Szene. Die anderen Protagonisten wundern sich nicht, sondern sagen auch etwas poetisches, was wiederum überhaupt nicht zu vorherigem Satz dazupasst. Schnitt. Das Pferd ist möglicherweise tot, wahrscheinlich wurde es auf den Griller geworfen. All das wird natürlich in einem für mich typisch osteuropäischen Autoren-Setting: Armut, Schmutz Dreck, Landleben, Aberglaube ... präsentiert.

Solch eine bizarre chaotische Situation ist natürlich die große Freude eines germanistischen Interpretationsprofis, weil sie unendlich viele Auslegungen der Szene zulässt, mir hingegen fehlt hier völlig das nötige Instrumentarium. Da bin ich mit meinem Realismus und meinen fest geerdeten beiden Beinen einfach überfordert, als müsste ich Gleichungen mit 3 Unbekannten lösen, ohne überhaupt die Grundrechenarten zu kennen.

Über die Handlung vermag ich wenig zu sagen, außer dass ein Fernseh-Team bestehend aus Kameramann, Journalistin und Maskenbildnerin aus der Hauptstadt aufs Land fährt, um dort in einer Reportage, quasi einer Doku-Soap die Eltern des Mädchens Sasa zu finden (der ursprüngliche Plan hat fast etwas von Julia Leischiks Sendung "Bitte melde Dich"). Sie treffen auf die Großeltern des Mädchens, die schon zu Beginn extrem abgedreht schrullig sind und anschließend tauchen unzählige Figuren inklusive das Pferd auf, die mich allesamt verwirrt haben. Irgendwie eskaliert der Abend enorm, aber was passiert ist, kann ich wirklich nicht sagen. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, alle haben irgendwelche psychogenen Substanzen wie zum Beispiel Pilze eingeworfen und sich dann im Drogenrausch treiben lassen. So ähnlich wie im Film Contact High, aber den habe ich wenigstens verstanden.

Ach ja auch der Klappentext lässt den Leser nicht im Dunkeln tappen.
"Grelle Phantastik wirft ein neues Licht auf die Realität!"
Wer den Satz schon cool findet, wird dieses Buch lieben

Fazit: Ich finde es sehr spannend, wenn ich mal etwas für mich total Neues probiere, aber in diesem Fall bin ich einfach ein bisschen zu weit aus meiner Comfortzone des Realismus hinausgeschwommen und geistig irgendwie abgesoffen. Einige Leute mit mehr Vorstellungsvermögen als ich und mit einem Hang zu Lyrik und Interpretationen werden diesen Roman aber großartig finden. 2,5 Sterne denn spannend war es schon, zu beobachten, wie sehr mich die Geschichte irritiert und überfordert hat. Zudem ist sie ja auch nicht lang, also auf keinen Fall eine Qual.

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