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review 2017-04-07 07:46
Versuchskaninchen Mensch
Das merkwürdige Verhalten von Schimpansen in Kinderkleidung: und andere sozialpsychologische Experimente - Felicitas Auersperg

Felicitas Auerspergs populärwissenschaftliches Sachbuch beschreibt die wichtigsten sozialpsychologischen Experimente, ihre Entstehung, den wissenschaftlichen Background, die genaue Versuchsanordnung und den Alltagsnutzen, den die Ergebnisse der Forschung implizieren.

Na? Bei meiner Inhaltsbeschreibung bereits ins Koma gefallen, weil das Buch so langweilig ist? Oh wie irrt Ihr Euch und seid gewaltig auf dem Holzweg! :-)
Selten hat Psychologie derart viel Spaß gemacht, und ich habe gleichzeitig so nebenbei noch ein paar Sachen gelernt (dass es nicht ganz so viel war, liegt daran, dass ich in meinem Studium als Wahlfach Organisationspsychologie belegt habe).

Die beschriebenen Experimente sind unter anderem das weithin bekannten Milgram- und das Stanford Experiment, aber auch mir relativ unbekannte Versuchsanordnungen wie die titelgebende „Das merkwürdige Verhalten von Schimpansen in Kinderkleidung“, in der ein Wissenschaftler-Ehepaar beschloss, sein eigenes Kind zusammen mit einem Affen wie Geschwister aufwachsen zu lassen. Zuerst ging alles gut, solange die Entwicklung von Affe und Baby parallel verlief. Erst als der Affe in seinem Lernfortschritt auf Grund der Genetik hinter dem Sohn stark zurückfiel und dieser, anstatt die gelernte Sprache zu vertiefen, aus Altruismus nur noch genauso gut klettern lernen wollte wie sein Affenbruder, musste das Experiment erfolglos abgebrochen werden.

Auch die genaue Untersuchung menschlicher Phänomene wie kognitive Dissonanz, oder der Umstand, dass Menschen Personengruppen, mit denen sie noch nie in Interaktionen traten, mit einer signifikanten Tendenz negativ bewerten, sind aktueller denn je, wenn man die heutige Flüchtlingssituation und die daraus resultierenden Intoleranz-Probleme der ansässigen Bevölkerung bewertet. Die Leute müssten sich einfach nur persönlich kennenlernen. Das Harlowe-Experiment hat beispielsweise den früheren Behaviorismus in der Kindererziehung widerlegt, heute würde kaum noch ein vernünftiger Mensch ein Baby unentwegt schreien lassen, in der Generation unserer Eltern war diese Methode jedoch anerkannt – fast schon verpflichtend, um aus seinen Kindern keine Weicheier zu machen. Am spannendsten fand ich das Loftus-Experiment, das die Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen und unser Gedächtnis unter die Lupe nimmt und den Bystander-Effekt, warum und unter welchen Umständen genau viele Menschen in der Stadt wegschauen, wenn ein Verbrechen geschieht. So wird Psychologie zum reinen Vergnügen – mit extrem viel Praxisrelevanz.

    "In allen vier Experimenten zeigte sich, dass Menschen eher dazu geneigt sind zu helfen, wenn sie allein einen Notfall beobachten. Sobald sie sich in Gesellschaft befinden, teilen sie die Verantwortung und reagieren, insbesondere, wenn die anderen Augenzeugen unbekannt sind, langsamer oder gar nicht. Paradoxerweise bedeutet das, dass einem in Gefahr eher geholfen wird, wenn es nur wenige Beobachter gibt.“[…] Eine einfache, aber wirkungsvolle Strategie, um den Bystander-Effekt zu unterbrechen, ist, abwartende Zuschauer direkt anzusprechen und um Hilfe zu bitten. Damit erleichtern sie ihnen den kognitiven Prozess, in dem sie sich gerade verheddern, und kürzen die Entscheidungsfindung für Bystander erheblich ab.

Fazit: So sollte Wissenschaft immer vermittelt werden! Liest sich wie ein spannender Roman. Großartig!

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review 2015-05-19 13:00
Charmantes Gedärm
Darm mit Charme - Giulia Enders

Gulia Enders hat doch tatsächlich einen genialen und witzigen Sachbuch-Bestseller über den Darm geschrieben, den ihre Schwester humor- und liebevoll illustriert hat. Der ursprüngliche Beginn sollte lauten: "Lieber Leser folgen sie wie Alice dem weißen Kaninchen, fragen sie aber nicht, durch welches Loch sie fallen." In Darm mit Charme beschreibt Enders sehr lyrisch und entzückend, was bei uns inwendig vorgeht. Die Idee zum Buch entstand dadurch, dass ein WG-Mitbewohner sie als Medizinstudentin nach einer durchzechten Nacht fragte, wie Kacken funktioniert. Das war ihr Einstieg ins Schmuddelbusiness und im Zuge der Recherchen wollte sie daraufhin ihrem inneren Schließmuskel mehr Macht geben.

Ihr glaubt ein Sachbuch über den Darm gibt nix her? Oh da seid Ihr sowas von auf dem Holzweg, derart spannend und witzig hab ich noch nie wissenschaftlich qualifiziert übers Scheißen gehört! Wer nun im Bereich Humor auf Analwitze spekuliert, irrt gewaltig. Mir ist während der Lektüre tatsächlich keiner eingefallen. Auch grausliche Fäkaldetails, vor denen ich mich ehrlich gesagt ein bisschen gefürchtet habe, blieben aus - im Gegenteil – ich habe nun ein viel entspannteres Verhältnis zu meinem Darm.

Das Buch beschreibt schlichtweg alles über die Verdauung wenn es vorne reinkommt bis hinten raus und ohne beschönigende Blackbox dazwischen. Dabei werden z.B. entspannte Hockstellungen am stillen Örtchen ebenso thematisiert, wie die Verdauungsfunktionen - beginnend beim Speichel im Mund und endend am WC , Nahrungsmittelintoleranzen, Funktionen von Bakterien im gesamten Verdauungsapparat, die Auswirklungen von übertriebener Hygiene, gestörte Darmflora als Ursache für Depressionen etc…

Im Bereich Bakterienbesiedlung, Prä- und Probiotika werden dann auch noch tatsächlich neue wissenschaftliche Erkenntnisse verwertet, die ich noch nie gehört habe.

Einer der spannendsten Abschnitte für mich als Bewohnerin einer Weingegend ist die Beschreibung des Wein-Abganges:
„Fast alles was Ihnen ein Weinverkoster erzählt, findet sich so nicht in der Weinflasche. Verzögerte Geschmäcke wie der „Abgang von Wein“ sind deshalb verzögert, weil Bakterien für ihre Arbeit Zeit brauchen. Sie sitzen auf dem hinteren Bereich der Zunge und bauen schon das Essen und Trinken um. Was dabei freigesetzt wird, gibt einen Nachgeschmack…Trotzdem nett, dass er uns von seinen Mikroben erzählt."

Fazit: So witzig, spannend und informativ sollte Wissenschaft immer sein. Ich bin restlos begeistert!

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