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review 2020-04-11 16:01
Runter vom Elfenbeinturm, hinter die Kulissen der Wissenschaft geblickt
Nerds retten die Welt - Sibylle Berg

Als ich hörte, dass es ein Buch mit dem Titel Nerds retten die Welt gibt, war mir sofort klar, das muss ich haben, bin ich doch auch seit 1990 auf einigen Universitäten arbeitend und ganz konkret fast immer auf den Wissenschafts-Nerd-Instituten beschäftigt. Sibylle Bergs Werk ist ein sehr innovativer, größtenteils sehr spannender Beitrag zur Funktionsweise und zum Einblick in die Wissenschaft, der aber gegen Ende des Buchs das prinzipiell sehr gute Konzept mit sehr schlecht gewählten Interviewpartnern und schlecht gestellten Fragen noch ganz schön arg vergeigt.

 

Also, das Konzept ist, dass die Autorin mit Wissenschaftlern aus sehr unterschiedlichen Fachgebieten Interviews führt. Dabei werden die Forschungsgegenstände der Befragten, ihre Einschätzung zur Lage der Welt und den Beitrag ihrer Wissenschaft zur Gesellschaft insgesamt thematisiert. Dadurch, dass Berg im Rahmen der Interviews über weite Strecken des Sachbuchs wirklich gute, sehr kluge und spannende Fragen stellt, gibt dieses Werk einen ausgezeichneten, recht detaillierten und meist auch einfach erklärten Einblick hinter die Kulissen der Forschung und der sonst eher wenig allgemein bekannten wissenschaftlichen Arbeit.

 

Zudem ist der Umgang mit Quellen und Zusatzinformationen in diesem Buch topmodern, innovativ und ultragenial: Weiterführende Links zu Quellen wurden mit einem QR Code am Seitenrand versehen und können mit einem kurzen Scan angesteuert werden. Mit der Erkennung des QR-Codes durch den Scanning–beep kann in Webseiten, Lebensläufen der Interviewten, erwähnten Statistiken und youtube-Videos etc. ausführlich geschmökert werden.

 

Zuerst konnte ich nicht gleich in den Genuss dieser sensationellen Mediennutzung kommen, da bei meinem Ersatz-Handy – das letzte hatte vor einem Monat schon wieder den typischen Hosentaschen-Unfall und ist mir in die Toilette gefallen – der QR-Reader nicht installiert war und ich zuerst mein iTunes Passwort verschusselt hatte. Nach der Installation – am längsten dauerte die Suche nach dem Passwort – gab es noch ein paar persönliche motorische Troubles. Ich bin ja auch schon alterssichtig (bei uns sagt man schasaugat) und a bissi zittrig mit den Händen (patschert) und traf mit der Scanning-Kamera zu Beginn den QR-Code nicht punktgenau, so konnte er anfangs oft erst nach drei bis fünf Versuchen korrekt im richtigen Abstand lokalisiert werden. Entweder ich war zu nahe, zu weit rechts/links, zu entfernt oder zu schief mit der Kamera. Als ich mich aber an die Fokussierung gewöhnt hatte – so nach den ersten 100-150 Seiten – funktionierte es sehr genial, und die zur Verfügung gestellten Zusatzinformationen waren großartig und alle Mühe wert. Leute, die technisch nicht firm sind oder kein Handy haben, werden das Buch ohne QR-Scanning zwar auch genießen können, aber es fehlen eben die genialen Hintergrundinfos, die ich als ausgewiesener Nerd so schätze.

 

Die Interviews mit verschiedenen Wissenschaftlern sind gelegentlich zwar nix für jedermann, waren aber über weite Strecken für mich punktgenau passend und teilweise sehr genial. Am besten gefielen mir jene mit einer Pathologin, einer Gesellschafts- und Femizidforscherin, mit dem IT-Professor und Systemtheoretiker aus Delft und jener Wissenschaftlerin, die mit einer Künstlerin mit einem 3D Drucker das Modell einer Klitoris entworfen und umgesetzt hat. (https://vimeo.com/166628201) Dieser spannende Querschnitt durch die unterschiedlichsten Wissenschaftsdisziplinen in den unterschiedlichsten Ländern war fantastisch.

 

Mit zunehmendem Fortschritt so ca. ab Seite 280 stellten sich aber erste Irritationen ein. Oftmals mussten sowohl Berg als auch die Interviewten sprachlich mit ihrem wissenschaftlichen Fachchinesisch zu viel intellektuell auftrumpfen, ohne dass Berg als Interviewerin das Wording populärwissenschaftlich simplifizierte, im Gegenteil, sie schaukelte dieses unnötige Gebaren oft auch noch auf, indem sie zusätzlich Fachausdrücke hinein schwurbelte, ohne sie zu erklären, um zu demonstrieren, dass sie intellektuell ebenbürtig ist. So etwas hat in einem populärwissenschaftlichen Buch einfach nix verloren.

 

Ein weiteres Ärgernis nervte mich gegen Ende der Interviews noch viel mehr. Berg geht so ungefähr ab den letzten drei Interviews von einem falschen historischen Narrativ aus und fragt ständig alle Gesprächspartner, warum Frauen sich per se nicht für Programmierung interessieren, beziehungsweise nicht begabt für Technik sein sollten, das könnte wirklich besser recherchiert sein. In den historischen Beginnzeiten der Programmierung, als die Rechner noch mit Lochkarten gesteuert wurden, war diese Aufgabe fast ausschließlich Frauenarbeit, weil sie als eine Erweiterung der Sekretariatsarbeit stattfand. Nur weil diese Arbeit und die Leistungen, als sie nach der Mondlandung wichtig und „technisch“ wurden von Männern übernommen, die von Frauen erbrachten Leistungen unter den Tisch gekehrt und Männern zugeschrieben wurden, heißt das nicht, dass Frauen nicht technisch bzw. programmiertechnisch begabt sind. Das ist tatsächlich eine reine Umweltproblematik, da dieses mangelnde technische Verständnis Mädchen schon in jüngsten Jahren eingeredet wurde, beziehungsweise ist das auch heute noch gängige Praxis in den Schulen und auf den Universitäten. Dieser Umstand wird aber bei all diesen Diskussionen weder von Berg noch von ihren Interviewpartnern thematisiert, im Gegenteil, die meisten unterstützen zumindest vage und übernehmen diese extrem falsche Darstellung. Für die nahezu ausschließlich von Frauen erbrachte Leistung in den Anfängen der Informatik gibt es genug historische Belege und wenn man denn wollte, könnte man dieses hartnäckige falsche und extrem sexistische Narrativ sogar nur mit einer einzigen Wikipedia-Suche ausräumen und zertrümmern. https://de.wikipedia.org/wiki/Frauen_in_der_Informatik (Ich rede hier übrigens nicht davon, dem Wikipedia Eintrag ohne Recherche zu glauben, sondern von den vielen historischen Quellen zu folgen, die in diesem Eintrag stehen.)

 

Fazit: Ein gutes Buch, das die Wissenschaft vom Elfenbeinturm herunterholt, ihren Beitrag zur Gesellschaft erklärt, und das mit innovativer Quellentechnik arbeitet. Ich spreche sehr gerne eine bedingte Leseempfehlung aus, wenn die letzten 3-4 Interviews weggelassen, beziehungsweise nicht gelesen werden. Natürlich nix für Leute, die nicht an Wissenschaft „glauben“.

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review 2020-03-18 19:22
Sehnsucht, Sex und frommer Frust
Sehnsucht, Sex und frommer Frust - Ute H... Sehnsucht, Sex und frommer Frust - Ute Horn

Ute Horn

Sehnsucht, Sex und frommer Frust

Hänssler

 

Autor: Ute Horn lebt mit ihrem Mann und sieben Kindern in Krefeld. Die Medizinerin hat als Dermatologin an der Hautklinik Krefeld gearbeitet. Heute ist die Bestseller-Autorin als viel gefragte Referentin und Seelsorgerin tätig. Aktuelle Vortragstermine und weitere Informationen finden Sie unter www.ute-horn.de. (Quelle: Hänssler)

 

Anmerkung: Zur Handlung des Buches gibt es keine Angaben, da es sich bei “Sehnsucht, Sex und frommer Frust” um ein Sachbuch handelt, welches keine Handlung aufweist.

Allgemein betrachtet, gehandelt das Buch, wie der Titel schon vermuten lässt, das Thema Beziehung und Sex.

 

Ute Horn´s Buch “Sehnsucht, Sex und frommer Frust”, behandelt in insgesamt neun Kapiteln (zusätzlich zu Vorwort, Nachwort und Einleitung), dass Thema Liebe und Sex.

Die Autorin Ute Horn beschäftigt sich in ihrem Leben, viel mit dem Thema des Buches und hat daher eine gute Voraussetzung, ein solches Sachbuch zu schreiben. Dabei kommt das Buch auch nicht, um die christliche Meinung zum Thema umher. Anfangs hatte ich davor Sorge, dass die christliche Meinung überwiegt, allerdings musste ich feststellen, das sie zwar präsent ist, sich allerdings in Grenzen hält.

Die verschiedenen Kapitel, sind sehr informativ und anschaulich gestaltet. Untermauert werden die Informationen durch Beispiele, die aus dem wahren Leben stammen sollen. Man findet auf vielen Seiten, kleine Herzchen, die wichtige Dinge, nochmals in Kurzform aufzeigen. Außerdem gibt es, nach jedem Thema oftmals noch mal die wichtigsten Informationen, in Kurzform, zum merken aufgelistet. Manchmal gibt es hier sogar einige Tipps, die dem Leser an die Hand gegeben werden.

Gibt sich die Autorin größte Mühe, die verschiedenen Themen so umfangreich wie möglich zu beleuchten, so viel mir besonders beim Thema Abtreibung auf, dass größtenteils nur negatives zu lesen ist. Hier hätte ich mir auch gerne die Seite gewünscht, das die Gründe einer Abtreibung bzw. die für eine Abtreibung sprechen, ebenfalls angesprochen werden. Ebenso beim Thema der Selbstbefriedigung ist mir die Behandlung etwas zu einseitig geraten. Hier passen einige der Aussagen, auch nicht wirklich zur heutigen Zeit, zumindest in meinen Augen.

Was im Buch allerdings oftmals angesprochen und am Ende auch durchaus mitgenommen werden kann, ist die Tatsache, dass jeder Mensch eben verschieden ist. So ist es auch in der Liebe und Sexualität.

Zum Schluss endet das Buch “Sehnsucht, Sex und frommer Frust” genau so, wie es angefangen hat, mit einem passenden Zitat.

 

Cover: Das Cover von “Sehnsucht, Sex und frommer Frust” zeigt zwei junge Menschen, die übereinander auf einer grünen Wiese liegen. Hier zeigt das Cover also schon, um welche Zielgruppe das Buch geht. Im Hintergrund sind noch einige Blumen zu sehen. Über den Köpfen der Jugendlichen befindet sich der Titel des Buches, welcher sich sehr gut vom Hintergrund abhebt. 

Ich finde das Cover, wirkt zwar etwas nüchtern und gehört sicher nicht zu den ausgefallensten Covern, passt jedoch zum Buch selbst (besonders im Hinblick auf die Zielgruppe).

 

Fazit:Sehnsucht, Sex und frommer Frust” ist ein gut strukturiertes Buch, über Sex und Liebe. Übersichtlich und gut zu lesen, behandelt es verschiedene Themen, die sich mit Liebe und Sex beschaffen. Einige Kapitel sind dabei leider, etwas zu einseitig behandelt worden und passen eventuell auch nicht mehr wirklich, zur heutigen Zeit.

Am Ende komme ich zu einer Bewertung von 3/5 Sterne, für “Sehnsucht, Sex und frommer Frust”.

 

Klappentext: Erlaubt ist, was Spaß macht! - Aber wohin dann nur mit der Sehnsucht nach Liebe? Es scheint, dass die Generation Praktikum ihre Praktikums Gewohnheiten auch auf die Bereiche Liebe, Sex und Partnerschaft ausgedehnt hat. Die erfahrene Referentin Dr. Ute Horn möchte Grundlagen für eine erfüllende Sexualität (in der Ehe) legen. Sie motiviert, sich Zeit zu lassen und zu einer reifen Persönlichkeit zu werden. Das Leben kann auch im Stand des Singles schön und erfüllend sein, denn Sexualität ist kein Hobby. Mit diesem Buch entdecken wir Gottes Gebote als schützende Richtlinien für den Alltag und den Umgang mit anderen Menschen. Gottes Gebote engen nicht ein, sondern ermöglichen ein sinnvolles und glückliches Leben. (Quelle: Hänssler)

 

Autor: Ute Horn

Titel: Sehnsucht, Sex und frommer Frust

Verlag: Hänssler

Genre: Sachbuch

Seiten: 160

Preis: /

Erstveröffentlichung: 2007

ISBN: 978-3775146913

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review 2020-03-15 18:00
Soziale Berufe und soziales Engagement spannend aufbereitet
Wen kümmert's - Elisa Tomaselli

Vordergründig wurde ich auf dieses Sachbuch aus dem Verlag des österreichischen Gewerkschaftsbundes aufmerksam, da mir die Grafiken so gut gefallen haben, weiters dachte ich zuerst durch den Titel, dass hauptsächlich die unbezahlte Sorgearbeit von Frauen in Österreich thematisiert und sichtbar gemacht wird und es dadurch perfekt als einer meiner wichtigen Lesebeiträge zum Weltfrauentag passen würde. Keine meiner Erwartungen wurde komplett erfüllt und trotzdem bin ich so angetan von den mir völlig neuen sehr international geprägten Inhalten dieses Buches über kluge Projekte und Probleme von Sorgearbeit aus Europa, dass ich es sogar dem deutschen Publikum unbedingt vorstellen möchte, was ich ansonsten bei einem österreichischen Minderheitenprogramm nicht machen würde.

Die Kapitel sind thematisch lose aneinandergereiht und haben als einzige inhaltliche Klammer Projekte und Probleme mit Sorgearbeit.

Bereits im ersten Abschnitt Jugendarbeit und Familie kommt ein sehr kompetenter Mann zu Wort, der uns das Konzept der modernen Bubenarbeit vorstellt. Um toxische Männlichkeit von Anfang an zu vermeiden, sollen männlichen Kindern schon in der Schule stereotype Geschlechterklischees, Sexismus und andere Verhaltensweisen gar nicht antrainiert werden, beziehungsweise den Burschen auch alternative Konzepte von Männlichkeit abseits von Machogehabe und moderne Problemlösungsmechanismen vorgestellt werden. Kindern, die einmal vorgelebt bekommen, dass Hilfe in Situationen zu suchen, die nicht selbst bewältigt werden können, nichts Unmännliches ist, tappen auch als Erwachsene in Krisensituationen seltener in die Falle der toxischen Männlichkeit. Das verhindert sowohl Suizid als auch Femizid. So nebenbei reden die Burschen im Rahmen des Projektes auch über Tabuthemen wie Sex, Pornos und LGBT, was auch sehr zur Weiterentwicklung beiträgt.

In Kapitel zwei geht es um das moderne Modell der Väterkarenz beziehungsweise Elternzeit für Väter. Es zeigt anhand von Fallbeispielen, wie in dieser Situation mit viel Gegenwind gegen traditionelle Rollenbilder angegangen werden muss und welche Probleme dabei in sehr traditionell orientierten Gesellschaften wie Österreich und Deutschland entstehen. Dem werden die skandinavischen Problemlösungen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch mit den schon erwähnten schönen Grafiken gegenübergestellt.

Im zweiten Abschnitt geht es um Pflege und dabei um zwei total gegensätzliche Modelle. Das erste ist die Österreich–Variante mit weiblichen Vollzeit 24-Stunden-Betreuerinnen aus Rumänien und der Slowakei, die zwischen drei Wochen bis einen Monat ununterbrochen in einem österreichischen Haushalt arbeiten und erst dann wieder nach Hause fahren. Hier wird die Situation in Hochpreisländern wie Österreich geschildert, aber auch wie sich dieses Arbeitsmodell zu Hause in der Heimat der Pflegerinnen mit der Arbeitsverteilung zwischen Ehepartnern auswirkt.

Während in Österreich und in Deutschland händeringend nach Lösungen für Langzeitpflege gesucht wird, scheint sie Holland gefunden zu haben. Das Nachbarschafts-Pflegemodell BUUR wird vorgestellt, das einheimische Arbeitskräfte einsetzt, Menschlichkeit vor Bürokratie stellt, Selbstorganisation im Job und Zufriedenheit der abgesicherten Angestellten gewährleistet und dadurch Überforderung der Angehörigen und des Pflegepersonals verhindert. Zudem ist dieses Modell langfristig sogar kostengünstiger.

Im letzten Abschnitt wird das Freiwilligenengagement für die Gesellschaft dargestellt und wie die Arten der Tätigkeiten sich zwischen Männern und Frauen in Österreich strukturell unterscheiden. Diese Situation wird in Deutschland wahrscheinlich nicht anders sein. Männer arbeiten vorwiegend im Bereich Katastrophen- Rettungsdiensten und Vereinen, Frauen im Sozial- und Gesundheitsbereich.

Die offensichtliche Stärke des Buches zieht sich über alle Abschnitte: Fakten und detaillierte Modellbeschreibungen gewürzt mit ganz persönlichen Geschichten und wunderschön gezeichneten Statistiken. Der einzige Kritikpunkt, den ich persönlich anmerken möchte: Es war mir einfach zu kurz und die Themen hätte ich gerne noch umfassender behandelt gesehen. Aber wahrscheinlich würde das dem Werk dann ein bisschen die Leichtigkeit und die Innovationskraft nehmen. Ich bin eben ein Faktenfan.

Fazit: Eine große Überraschung und Leseempfehlung für dieses wunderschöne farbige Buch zum Thema Sorgearbeit, das im Verlag des Gewerkschaftsbundes herauskam. Da in allen erwähnten Teilbereichen Österreich, Deutschland und die Schweiz ähnlich ticken und sehr viele europäische Aspekte vorgestellt werden, ist es meiner Meinung nach EU-weit auch relevant.

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review 2020-02-23 17:43
In die männliche Psyche im Kinderschwimmbecken abgetaucht
Kerls!: Eine Safari durch die männliche Psyche - Angelika Hager

Versteht mich nicht falsch, ich habe es durchaus genossen, dieses Buch zu lesen, es behandelt das Thema Mann ein bisschen an der Oberfläche, locker und flockig, aber es scheitert meiner Meinung nach an den hohen Ansprüchen, die es sich selbst und den Leser*innen-Erwartungen im Untertitel gesetzt hat. An der auf dem Cover angekündigten Safari durch die männliche Psyche habe zumindest ich nicht teilgenommen, beziehungsweise wurden mir nur ein paar seichte Tümpel mit ein paar Erdhörnchen gezeigt, die big five der männlichen Probleme blieben mir aber weitgehend verborgen.

 

Dabei fand ich das Konzept, eine Frau tiefer in die männliche Psyche eintauchen zu lassen, und uns dieses fremde Wesen dann empathisch möglichst aus Männerpositionen zu erklären, ursprünglich gar nicht so dumm, denn mit Gefühlsdingen und Selbstanalyse sind unsere maskulinen Vertreter ja nicht ganz so familiär und reagieren oft außerordentlich wortkarg verschwiegen. Da schien Angelika Hager, die unter dem Pseudonym Polly Adler schon sehr viele witzige Kolumnen bezüglich menschlicher Schwächen geschrieben hat, durchaus eine Person zu sein, die diesen Spagat schaffen könnte.

 

Leider funktionierte das nicht, denn Angelika Hager konnte sich nie von der weiblichen Sicht von außen auf den Mann lösen. Eine Frau ist ausgezogen, uns den Mann in seiner ganzen Tiefe inwendig zu erklären und beschrieb dennoch nur eine oberflächliche Sicht wie sich Frau ungefähr den Mann vorstellt. Da kann ich dann auch gleich selbst herum dilettieren – als langjährige Ehefrau und Hobbypsychologin.

 

Die inhaltliche Auseinandersetzung beginnt ausgerechnet mit #metoo und einer doch sehr feministischen Sicht des Problems, in dem über Männer nur am Spielfeldrand geurteilt wird. Dann wird viel über männliche Teenager und ihre durchaus nicht uninteressanten Schwierigkeiten bezüglich Sexualerziehung in der heutigen Welt wie Pornos, Tinder etc. geschrieben, aber eben über keine Typologie oder tiefere psychologische Einblicke in das Wesen der modernen Männer. Im lockeren Plauderton wird dann auch noch über Erektionsstörungen und Paarprobleme parliert, gemixt schon wieder mit viel zu vielen Frauensichten und –positionen.

 

Da bin ich schon bei einer weiteren Schwierigkeit, die ich mit der generellen Tonalität des Sachbuchs hatte. In ihren wöchentlichen Kolumnen kommt die locker-flockige amüsante Plauderei, die die Autorin gezielt einsetzt, immer außerordentlich gut rüber, sie macht die kurzen Artikel witzig und spannend. Wenn wir aber in einem Sachbuch über das ernste Problem der toxischen Männlichkeit reden müssen und auch darüber, was solche eingelernten Verhaltensmuster der Kindheit – wie niemals um Hilfe bitten zu dürfen, weil ein Mann das nicht macht – in den männlichen Seelen anrichtet, dann ist diese leichte Auseinandersetzung richtiggehend kontraproduktiv.

 

Strukturell fehlt mir auch eine logisch aufgebaute umfassende Männertypologisierung, denn DEN MANN als einzigen Prototyp gibt es ja auch nicht. Zum Beispiel wäre schon schön gewesen, mal zu lesen, wie sich der moderne Hipster und Frauenversteher eigentlich an die Anforderungen der neuen Zeit angepasst hat, beziehungsweise in welchen Bereichen noch immer sein Steinzeitprogramm abläuft. Das hätte ich unbedingt einmal wissen wollen.

 

Am Ende des Sachbuchs kommen dann doch noch ein paar sinnvolle ernsthafte tiefere Auseinandersetzungen mit Depression, Gewalt und deren Zusammenhänge gerade bei Männern, aber leider auch nur ganz wenige und zu wenig konkrete Lösungsansätze dazu. Da ich ja sehr oft ein Thema gleichzeitig mit mehreren Büchern abdecke, habe ich einen ganz kurzen extrem konstruktiven Artikel über Bubenarbeit in der Schule in einem Buch des ÖGB Verlags zum Thema Jugend- und Familienarbeit, das ich wahrscheinlich auch bald auf diesem Blog besprechen werde, weit erhellender als Wegweiser zu langfristigen Lösungsstrategien gefunden.

 

Fazit: Kerls! erklärt uns den Mann nur so mittel, nicht schlecht, aber ohne Tiefgang. Liest sich sehr gut, ist teilweise sogar humorvoll aber oberflächlich, zu wenig Mann inwendig und überhaupt inside the book. Zudem wurde letztendlich zu seicht in die männliche Psyche und die Lösungsstrategien eingetaucht. Da müssen wir raus aus dem Kinderschwimmbecken, brauchen doch unbedingt ein paar Meter mehr Tauchgang und noch drei zusätzliche Sauerstofflaschen

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review 2020-02-16 08:55
Nachhaltige, globale Wirtschaft by Nature
Animal Spirits - Oliver Tanzer

Dieses Werk, das sich mit einem nachhaltigen globalen Wirtschaftskonzept beschäftigt, hat mich schlichtweg vom Hocker gerissen – auf Englisch würde man es als mindblowing bezeichnen. Schon heute kann ich für Dezember prognostizieren, dass es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf meiner Sachbuch-Bestenliste stehen wird.

 

Dabei habe ich das Buch, als es mir in einer recht kuriosen Situation angeboten wurde, sofort einmal abgewehrt, zu sehr ließ der Name Animal Spirits vermuten, dass es sich um etwas Esoterisches mit Tieren handelt. Und hier bin ich schon beim ersten massiven Kritikpunkt: Der Titel spricht die Kernzielgruppe, zu der ich punktgenau zähle – Wirtschaftswissenschaftler und Leute, die sich für globale Wirtschaft und Volkswirtschaft interessieren – nicht an, im Gegenteil, er ist sogar ein Hinderungsgrund, das Buch in die Hand zu nehmen. Gott-sei-dank waren der Autor und seine Lektorin, die ich auf der BuchWien ganz zufällig im Kaffeehaus an meinem Tisch getroffen habe, weil man dort infolge der Enge ein bisschen zusammenrücken muss, sehr hartnäckig und haben mich überzeugt, es dennoch zu nehmen. Ich möchte mich nachträglich bei ihnen bedanken, gebe dem Verlag aber zu bedenken, dass in einer klassischen Buchkaufsituation kein Autor neben dem Interessenten steht und derartige Überredungs- und Überzeugungsarbeit leistet.

 

Beim Vorwort von Tomáš Sedláček dachte ich mir „ohjeohje“, denn auch er schwurbelte gemäß des Titels irgendwie sehr mühsam über die Ursprünge der titelgebenden Wörter Seele, Körper, Spirit aus der uralt philosophischen Ecke der Griechen und Römer herum, was wieder völlig konträr zum eigentlichen Inhalt des Buches verläuft. Wahrscheinlich ist Sedláček nicht über die ersten Seiten hinausgekommen und hat schlussendlich dann natürlich mit seiner an den Haaren herbeigezogenen Analogie zur Wirtschaft die Kurve nicht gekriegt.

 

Aber dann, …
…. dann nach all dem irreführenden Vorgeplänkel legte der Autor Oliver Tanzer endlich los und ich war hingerissen und entzückt. Schritt für Schritt kritisiert Tanzer im ersten Drittel des Buches die Ursachen für unsere gegenwärtige Bredouille. Auch er geht weit zurück in die Vergangenheit zu den Griechen und Aristoteles, da nicht hauptsächlich der Kapitalismus unser Problem ist, sondern der Wurm im kompletten System der Ökonomie zu finden ist. Ökonomie wurde schon seit mehr als drei Jahrtausenden als hierarchisches System der (männlichen) Herrschaft (Patriarch>Frau>Tiere>Sklaven) definiert. Der Gegenentwurf von Xenophon, der kooperativen Katallexie, der ungefähr zur selben Zeit entstand, hat sich bedauerlicherweise nie durchgesetzt, und daran krankt unser ganzes Fundament und unser Denken.

Befehl und Gehorsam ist der Common Sense, der sich in der Politik, im Rechtswesen, in Bildung und Wissenschaft, in den Medien, in Familien und in Religion wiederfindet. Dabei ist es unerheblich, wer Befehle gibt oder ausführt, ob das ein Mann oder eine Frau oder aber ein Roboter ist. Für den Prozess ist alleine ausschlaggebend, dass befohlen und reagiert wird. In diesem Sinne könnte sich auch das Patriachat auflösen und von einem Matriarchat ersetzt werden. Es könnten auch transhumane Mischwesen die Herrschaft übernehmen. So lange nur jemand dominiert, ist für das System alles perfekt. Ich meine, dass diese vertikale Ordnung von Befehl und Gehorsam in der Vergangenheit optimale Bedingungen vorfand, nämlich einem beständigen Mangel an Nahrung.

Heute in unserer gegenwärtigen Wirtschaftssituation des Überflusses ist dieses Modell aber völlig ungeeignet, nun muss der Mangel künstlich durch ständig neue Bedürfnisse und die Wegwerfgesellschaft hergestellt werden, um das System am Laufen zu halten und nicht zusammenbrechen zu lassen, was die Ressourcen unseres Planeten verschwendet und die Erde an den Rand eines Kollapses treibt.

 

Anschließend zerlegt Tanzer den Homo Oeconomicus von Adam Smith, zeigt, warum auch der Kommunismus an seinem hierarchischen Herrschaftsdenken scheitern musste und identifiziert den einzigen Revolutionär, der ein vernetztes und kooperatives System konzipierte: Jesus von Nazareth, der bedauerlicherweise von seinen eigenen Anhängern verraten und uminterpretiert wurde. Da jubelte mein VWL-Hirn.

In einem radikalen Sinn ist auch der Auftrag von Jesus zu verstehen, wenn er die Jünger an die Bettelei bindet. […] Jesus will seine Leute mit den anderen Menschen in Beziehung setzen. Alles, was nicht in Beziehung setzt, etwa autonome Versorgung des einzelnen Apostels mit Lebensmitteln, schmälert die Intensität des Kontakts. Er fordert gleichsam ein existenzielles „Aufeinander-angewiesen-sein“ ein, damit wirkliche Freundschaft entstehen kann.

So geht es munter weiter. Der Autor kritisiert die grassierende Krankheit des Narzissmus als prägende Störung der Gesellschaft und was sie nachhaltig in Wirtschaft, Medien und Politik, aber auch bei einzelnen Personen anrichtet. Die deckungsgleiche Entwicklung der narzisstischen Schübe einer diagnostizierten und beobachteten Störung mit den Konjunkturzyklen ließ mich gruseln und erklärte mir auch erstmals völlig logisch die Systemzusammenhänge. Dass sich unter Topmanagern ein hoher Anteil von Personen mit narzisstischer Störung und ausgewachsene Psychopathen tummeln, ist ja nichts Neues. Wie diese Prototypen von Managern aber gerade in Krisen- und Problemlösungssituationen durch ihre Defizite am kolossalsten versagen, wurde mir noch nie so deutlich vor Augen geführt.

 

Anschließend wird das Wachstum von Bäumen thematisiert, mit dem alten System von Bretton Woods in Bezug gesetzt, die Finanzkrise 2008 und ihre Folgen bis zum heutigen Tag zerlegt und analysiert. Bei der Entwicklung und Konzeption einer neuen und nachhaltigen Wirtschaft und des damit einhergehenden globalen Finanzsystems, rät der Autor, sich das nachhaltige Baumwachstum mit den Ruhephasen im Winter zum volkswirtschaftlichen und konzeptionellen Vorbild zu nehmen. Er geht sogar so weit, die Baum-Strategie auch im mikroökonomischen Bereich auf die Entwicklungsabteilungen und auf die Konzeption von Produktinnovationsportfolios in Unternehmen anzuwenden.

 

Ihr fragt Euch mittlerweile wahrscheinlich: Wo bleiben hier die Animals, also die Tiere? Und ich muss gestehen, dass sie bis zur Seite 137 gar nicht vorkommen. Da das ganze Buch total spannend und in sich schlüssig aufgebaut ist, fehlten sie mir gar nicht, wenn da nicht dieser ominöse Titel wäre … Aber gemach, nach der Hälfte des Sachbuchs dürfen sie als Rollenmodelle für nachhaltige Strategien herhalten. Im Kapitel Pantoffeltierchen werden Vermehrungsstrategien dieser „possierlichen“ Einzeller auf das Wirtschaftssystem in der Finanzkrise und auf den Keynesianismus angewandt. Die Strategien von Bienen transformiert auf Medien-Kommunikationsmuster, der Umgang von Fledermäusen mit Egoisten (analog zu Narzissten), Management und Leadership by Wolfsrudel und die Konfliktvermeidung von Bonobos runden die tierischen Vorbildfunktionen ab. Das letzte „Wort“ hat dann der Wasserfloh, um den Weg zu einer zukunftsweisenden Strategie zu zeigen.

 

Fazit: Titel ändern, Vorwort weg, ansonsten bin ich total hingerissen. Der Autor hat hier so viel Innovatives und Neues zu einer nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung zusammengetragen, dass ich dafür plädiere, eine prüfungsrelevante, volkswirtschaftliche Pflichtlehrveranstaltung für alle Studierenden der Wirtschafts- und Politikwissenschaften zu diesem Thema in gleicher Gewichtung wie Makro- und Mikroökonomie, einzurichten und zudem alle narzisstischen Topmanager irgendwie zwangszubeglücken. Für Leser*innen, die mit Wirtschaft überhaupt nichts anfangen können, gebe ich keine Leseempfehlung ab, für alle anderen, die sich nur ein bisschen für das Thema interessieren, beziehungsweise denen nachhaltige Wirtschaft am Herzen liegt, ist es ein absolutes Muss.
Dazu ist noch ganz explizit festzustellen, dass auch Leser*innen ohne wirtschaftswissenschaftlichen Hintergrund dieses Buch leicht verstehen können, denn die wirtschaftlichen Zusammenhänge sind einfach erklärt, aber ein Bezug zur Wirtschaft, was bei der Finanzkrise abgegangen ist, ein bisschen Keynes und das Gegenmodell des Monetarismus machen das Buch noch interessanter, weil man dann tiefer die dahinterstehenden Mechanismen begreift.

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