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review 2017-06-19 17:20
Werkschau mit zeitgeschichtlichem Antisemitismushintergrund
Arthur Schnitzler: Anatom des Fin de Siècle - Max Haberich

Wer mit diesem Sachbuch eine Biografie erwartet hat, die dem Leser den Menschen und Literaten Arthur Schnitzler näherbringt – so wie ich – der wird leider sehr enttäuscht sein.

Irgendwie schaut das Werk auf drei Viertel seines Umfangs so aus, als ob es ursprünglich als literaturwissenschaftliche Arbeit eines Doktoranden konzipiert worden wäre, der seinem Germanistikprofessor beweisen wollte, wie viel er von Schnitzler gelesen hat und wie gut er dessen Werke nacherzählen kann. Das sich wahrscheinlich daraus ergebende ohne wesentliche Änderungen publizierte Buch passt sich so gar nicht an die Bedürfnisse und Erwartungen des Lesers an. Als Werkschau werden im Stakkato die Stücke von Schnitzler im Telegrammstil sinnlos und lähmend zusammengefasst – teilweise drei bis vier Stücke auf einer Seite. Wenn ich als Leserin die Werke Schnitzlers kennenlernen will, geh ich zum Schmied und nicht zum Schmiedl, ergo lese ich entweder vorher oder parallel noch die wichtigsten Stücke des Autors, die mir fehlen, oder an die ich mich nicht mehr so gut erinnern kann.

Als Charakterstudie des Literaten, der im Untertitel auch noch als Anatom des Fin de Siècle bezeichnet wird, ist dieses Sachbuch recht ordentlich misslungen. Lediglich wenn Max Haberich Schnitzlers Identität als Deutsch/Österreicher und als Jude thematisiert und auch den in Europa grassierenden Antisemitismus zeitgeschichtlich aufrollt, wird der Inhalt endlich sehr spannend und leidlich biografisch. Ansonsten wird aber fast gar nichts zur Persönlichkeit Schnitzlers enthüllt: Nebensätze zu seiner Krankheit und Hypochondrie, kurze Anspielungen zu Frauen und Kindern. Das hätte Schnitzler so gar nicht gefallen. Nur auf seine jüdische Identität und auf den Antisemitismus reduziert und nicht als Mensch dargestellt zu werden – da wär dieser literarische Meister und Analyst der menschlichen Psyche total ausgeflippt.

"Ich betrachte mich keineswegs als einen jüdischen Dichter, sondern als einen deutschen Dichter, der, soweit sich so etwas überhaupt nachweisen läßt, der jüdischen Rasse angehört.[…]

Ich schreibe in deutscher Sprache, lebe innerhalb des deutschen Kulturkreises, verdanke gewiss von allen Kulturen der Deutschen am meisten […]

Daran, dass ich ein deutscher Dichter bin, wird mich weder jüdisch-zionistisches Ressentiment, noch die Albernheit und Unverschämtheit deutscher Nationalisten, im geringsten irre machen; nicht einmal der Verdacht, dass ich mich beim Deutschtum oder gerade bei seinen kläglichsten Vertretern anbiedern möchte, wird mich daran hindern, zu fühlen was ich fühle, zu wissen was ich weiß […]


Auch die Parallelen im literarischen Werk durch den ursprünglichen Beruf als Arzt, die Rolle als Militärarzt und einfließende, damals aktuelle Methodiken der Psychoanalyse, Traumdeutung und Hypnose – ergo der Einfluss von Freud und Konsorten auf Schnitzlers Werk – wurden so gut wie gar nicht breiter untersucht.

Erst am Ende des Buches, als seine Tochter Lili Selbstmord begeht, blitzt ein bisschen der Mensch Schnitzler aus dieser Wüste an Werksbeschreibungen und Zeitgeschichte hervor. Dabei bräuchte man hier gar nicht spekulieren, es gibt tonnenweise Material – wie dieses vor den Nazis gerettet und auf abenteuerliche Weise nach Cambridge gebracht wurde, verschweigt uns Haberich natürlich auch geflissentlich. Der Briefverkehr mit seiner Frau, der dem Leser klar die Eheprobleme im Hause Schnitzler darlegt, wird auch nicht analysiert sondern gleich in den Anhang verschoben, soll sich der Leser doch selbst bemühen, die Geschichte zu schreiben und sich eine Meinung bilden. Insofern waren das letzte Kapitel und der Anhang der spannendste Teil des Sachbuchs.

Fazit: Ich bin überhaupt nicht begeistert, da ich mir eine richtige Biografie erwartet habe, dennoch habe ich ein paar Informationen mitgenommen. Erstens habe ich zur Eskalation des Antisemitismus um die Jahrhundertwende in Österreich einige neue Fakten gelernt. Zweitens habe ich durch dieses Buch recherchiert und bin zufällig darüber gestolpert, dass das Theaterstück Prof. Bernardi im November 2017 Premiere in der Josefstadt hat. Da muss ich unbedingt hin. Drittens werde ich die Novellen Der Sohn und die Traumnovelle demnächst lesen. Und viertens und letztens weiß ich endlich, wo das Schnitzlerhaus steht, das in der Praterstraße weder ausgeflaggt, noch auf den offiziellen Tourismuskarten verzeichnet ist, was mich wieder mal in meiner Meinung bestätigt, dass Wien selten sehr nett zu seinen berühmten Söhnen und Töchtern ist, vor allem wenn sie renitent waren bzw. keine Volksmusiksänger oder Wintersportler sind.

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review 2017-05-27 06:53
Habsburgischer Ehepoker
Maria Theresias Kinder - Hanne Egghardt

Maria Theresias Geburtstag jährt sich heuer zum dreihundersten Mal. Anlässlich dieses Jubiläums beschäftigen sich zahlreiche Dokumentationen z.B. auf 3Sat und Bücher wie dieses mit der interessanten Grande Dame der österreichischen bzw. europäischen Geschichte.

Als Österreicherin habe ich mich natürlich im Geschichtsunterricht sehr ausführlich mit der ganzen Familie beschäftigen müssen, ich bin mir aber nicht sicher, ob die Biografie und die geschichtliche Bedeutung der Dynastie der Habsburger auch in Deutschland so ausführlich thematisiert wurde, wie bei uns.

Dieses Buch analysiert detailliert treu des Mottos Maria Theresias „Tu felix Austria nube“ (Du glückliches Österreich heirate) das "Rohmaterial" der Regentin  - im wahrsten Sinne des Wortes - nämlich ihre Kinder, die anstatt Kriege zu führen, in ganz Europa zwecks politischer Bündnisse und Friedensstiftung - oftmals auch gegen den Willen des Heiratskandidaten - regelrecht verschachert wurden. Sechzehn Kinder hatte die Regentin, die ihren Mann zum Kaiser krönen ließ, obwohl sie ja die eigentliche Kaiserin war, als Unterpfand ihrer politischen Ränkespiele zur Verfügung, elf davon überlebten die Kindheit.

Sehr detailliert mit vielen kaum bekannten Quellen beschreibt die Autorin zuerst kurz die Biografie von Maria Theresia und anschließend den Lebenslauf eines jeden einzelnen Kindes. Obwohl ich schon sehr viel wusste, wurden mir dennoch sehr viele Neuigkeiten vermittelt, die mir in der Schulzeit nicht dargelegt wurden (wen wunderts ;-).

Da wäre beispielsweise die erste Gattin des späteren Kaisers Joseph II, Isabella von Parma, die Joseph innig liebte, die jedoch dem weiblichen Geschlecht und vor allem auch Josefs Schwester mehr als zugetan war. Ganz Wien zerriss sich über die Lesbe das Maul, nur der angetraute Gatte Josef bekam oder wollte anscheinend nix mitbekommen. Auch mit ein paar anderen Mythen über den angeblichen Reformkaiser der Aufklärung, räumt dieses Sachbuch auf. Josef war planlos und unausgegoren in seinen Konzepten und Reformvorhaben. Alle Visionen wurden erst von seinem Bruder und anschließendem Kaiser Leopold nach dem Tode Josefs innerhalb kürzester Zeit auf den Boden der Tatsachen gebracht und erfolgreich umgesetzt. Vor allem das positive Bild des in Österreich sehr verehrten Josefs hat mir die Autorin nachhaltig zertrümmert. Ich wusste zwar bereits, dass er sich Marie Antoinette gegenüber schäbig verhalten hatte, und es unterließ, sie zu retten, da er den revolutionären Ideen der Franzosen anhing, aber dass er sich gegenüber allen Geschwistern als Erstgeborener mit allen Privilegien aus Narzissmus und Eifersucht gleichermaßen schäbig verhalten hat, war mir völlig unbekannt. Wann immer eines seiner Geschwister im Rampenlicht stand, startete Josef eine Vernichtungsintrige. Seine Sünden reichten vom Klau von kleinen Erbschaften zur Existenzsicherung der Geschwister – er hatte ohnehin als Haupterbe fast alles vom Kuchen abbekommen – bis zur Verweigerung der Aufnahme seiner Geschwister, die als Flüchtlinge vor Napoleon in Österreich um Asyl ansuchten. Viele durften das Land nicht betreten, denn offensichtlich hatte er Angst, dass ihm die Show gestohlen wird.

"Der kleine Josef wurde von den Eltern und vom Kammerpersonal regelrecht hofiert und verwöhnt. Glücklich machte ihn das nicht. Sobald er sprechen konnte, wurde "I mog ned" zu seinem Lieblingssatz."

So geht es weiter in grandiosen Enthüllungen ausführlichst Kind für Kind, lediglich über die Enkelin von Maria Karolina, die Frau von Napoleon, hätte ich als wichtige historische Persönlichkeit noch gerne ein bisschen mehr gelesen.

So großartig der Inhalt dieses Sachbuchs zu verzeichnen ist, so katastrophal ist der strukturelle Aufbau des Werkes. Da jeder Lebenslauf von Maria Theresias Kindern solitär konzipiert wurde, strotzt das Sachbuch nur so von völlig entbehrlichen Redundanzen. Der Gemahl Maria Theresias ist gefühlte 17 Mal gestorben (obwohl die Anzahl natürlich Blödsinn ist, da ein paar Kinder nicht lange überlebt haben) und auch andere Ereignisse werden immer wiedergekäut. Aber nicht nur die Redundanzen stören sehr, sondern auch der korrekte historische zeitliche Ablauf bzw. die zeitliche Einordnung gehen dem Leser komplett verloren, da bei jedem Kind mit der Geburt die Geschichte von vorne begonnen wird. Ich habe zwar keine Ahnung, wie man dieses Problem hätte besser lösen können, denn das Buch lebt davon, die Kinder Maria Theresias einmal einzeln und intensiver zu betrachten und gerät damit natürlich in einen Zielkonflikt mit einem korrekten biografischen Ablauf, in dem alle Kinder auf einmal und ihre Lebensereignisse entlang einer korrekten Zeitschiene aufgebaut sind.

Fazit: Inhaltlich wundervoll, über die strukturellen Schwächen muss man hinwegkommen. Alle, denen die konkrete zeitliche Einordnung der Ereignisse nicht so wichtig erscheint, werden eine helle Freude an diesem Sachbuch haben. Die Geschichte, die Gschichtln und Anekdoten eignen sich sowohl für Neulinge, die die Habsburger näher kennenlernen möchten, als auch für Kenner der Materie.

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text 2017-05-01 08:26
Fremdsein
Lauter Fremde!: Wie der gesellschaftliche Zusammenhalt zerbricht - Livia Klingl

Die ersten 30 Seiten, die der Feder der Autorin entstammen, sind wirklich schwer zu ertragen, denn Livia Klingl geriert sich mit der Lanze der moralischen Rechtschaffenheit bewaffnet, auf die strohdumme männliche unmenschliche Landbevölkerung herabzublicken, nein noch schlimmer sie zu verunglimpfen.

„Verkannt werden die tektonischen Linien entlang derer die Gesellschaft auseinanderbricht. Sie tut es nicht an der Linie Alteingesessene versus neu Hinzugekommene sondern eher entlang der städtischen und der ruralen Bevölkerung, zwischen jungen wenig gebildeten Männern und gebildeteren Frauen, zwischen weltoffenen Menschen und Abschottungswilligen, zwischen Humanisten und Egoisten, Menschenfreunden und Fremdenfeinden.“

Dieses eine Beispiel von mehreren muss man sich wirklich mal auf der Zunge zergehen lassen, da wird einerseits larmoyant in einem Satz der Zusammenbruch des gesellschaftlichen Zusammenhalts beklagt und gleichzeitig der alleinige Schuldige identifiziert und gebasht, der männliche rurale dumme Höhlenmensch.

Dass diese Sicht der Dinge, sofern man tatsächlich an der Lösung der Probleme interessiert ist, genauso wenig zielführend wie rechte Hetze ist, versteht sich für einen denkenden und ausgewogen formulierenden Journalisten, der ausnahmsweise gerade bei diesem Thema von billiger Polemik die Finger lassen sollte, von selbst, vorausgesetzt es ist nicht das einzige Ziel, sich selbst moralisch zu überhöhen und zu beweihräuchern. So eine tendenziöse, schlecht recherchierte Auslegung mag bei einem Kaffee in kleiner Runde mit Gleichgesinnten, durchaus noch diskutabel sein, denn weniger gebildete Menschen sind mitunter möglicherweise tatsächlich in jede Richtung leichter beeinflussbar, es ist aber einer Journalistin, die ein Buch mit Öffentlichkeitswirksamkeit schreibt, absolut nicht würdig.

Vor allem weil diese Aussage auch noch von ihren Kausalitäten total falsch ist. Frau Klingl hätte sich mal weniger bei irgendwelchen Moralphilosophen aufhalten, sondern gleich einen Ausflug in die psychologische Wissenschaft machen sollen. Im Eugene Hartley-Experiment wurde empirisch bewiesen, dass bei der Bewertung von Menschen die Informationslage eine wesentliche Rolle in der Entstehung von Vorurteilen spielt und dies quer durch alle Klassen, sozialen Schichten, Hautfarben, religiösen Ausrichtungen, ethischen Erziehungen etc. Fazit dieses Experiments war: Je weniger wir über einen Sachverhalt oder eine Person wissen, desto kritischer stehen wir den unbekannten Inhalten oder Personen gegenüber. Dies bedeutet, dass die urbanen gut gebildeten Städter lediglich aufgrund ihrer Infrastruktur und der Gelegenheit, reale Erfahrungen in ihrem sozialen Umfeld mit Flüchtlingen zu sammeln, eine bessere Meinung von ihnen haben. Dies erklärt auch, dass jene am meisten Angst und Vorurteile haben, die noch nie einen Flüchtling gesehen haben. Die moralische Überlegenheit der Menschenfreunde, ist also nur in der Gelegenheit begründet, Flüchtlinge kennenzulernen, etwas Fremdes vorerst abzulehnen, ist nur zutiefst menschlich, in allen sozialen Gruppen. Was bedeutet dies aber für die Landbevölkerung?

Ich möchte mal die aktuelle Situation mit einer Flüchtlingsintegrationswelle, die ich selbst erlebt habe und die sowohl zahlenmäßig ähnlich als auch weitaus erfolgreicher absolviert wurde, vergleichen. Ab 1991 haben wir in Österreich ohne viele Reibungsverluste sehr viele Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien aufgenommen. Was war damals anders?

    Die Flüchtlinge waren nicht gar so fremd, da schon viele Österreicher Erfahrungen mit Jugoslawen im Urlaub gemacht haben. Deshalb plädieren auch sehr viele anerkannte Migrationsexperten dafür, Flüchtlinge in Nachbarländern zu integrieren und dafür Gelder locker zu machen. Es ist schlicht und ergreifend einfacher.
    Die Kampagne damals lautete „Nachbar in Not“. Diese Formulierung nahm auch viel von der Fremdheit.
    Es gab tatsächlich damals auf dem Land eine bessere Flüchtlingsinfrastruktur, da die katholische Kirche sehr viele im Sinne der Nachbarschaft in die Klöster, Pfarrhäuser und Pfarrgemeinden geholt hat. Diesmal fühlt sich die Kirche durch die Muslime oft nicht zuständig und auch nicht mehr im Stande, da in den letzten Jahren viele Klöster zu Luxus-Management- oder Fastenunterkünften umgewandelt wurden.

Was kann man daraus lernen?  Man muss die Landbevölkerung schon dort abholen, wo sie sich befindet. Und ich meine nun nicht emotional in ihrer Xenophobie und ihren Ressentiments, sondern am Ort an dem sie sich befinden, um sie mit Flüchtlingen in ihrem vertrauten Umfeld bekannt zu machen. In den Landdörfern gibt es eben keine Caritas und kein Rotes-Kreuz oder sonstige zivilgesellschaftliche Initiativen, sondern nur die Kirche, die Feuerwehr und die Bürgermeister, die aktiv etwas dafür tun könnten. In Landgemeinden, in denen sich die Bürgermeister aktiv um Integration kümmern, funktioniert es ja sogar teilweise ausgezeichnet. Es funktioniert ja sogar in Traiskirchen besser als in einigen Gemeinden des Waldviertels. Sowas ähnliches hätte Frau Klingl schreiben sollen, anstatt die männliche Landbevölkerung zu verteufeln, aber da mache ich ja grad ihre Arbeit.

„Ähnlich unsachlich wie die Kopftuchdebatte verläuft jene, über die Gesichtsverschleierung der Frau beginnend mit dem Umstand, dass Burka genannt wird, was ein Niqab ist.“

Ui ist das putzig, wenn man anderen Unsachlichkeit vorwirft und selbst überhaupt nicht unterscheiden will, dass es früher mehrere Möglichkeiten gab, als Muslima ein Kopftuch zu tragen, und man heute fast nur noch die Art des politischen Kopftuchs sieht, das jener der Wahabiten (Saudis) entspricht, und das wirklich sehr stark zugenommen hat. Alle jene Arten, bei denen man ein Fitzelchen von den Haaren sah, wurden in den letzten 20 Jahren massiv in der muslimischen Welt zurückgedrängt. Auch hier wird von der Autorin nicht auf die prinzipielle faire Diskussionsmöglichkeit der Abschaffung von allen religiösen Symbolen in der österreichischen Öffentlichkeit und im öffentlichen Dienst verwiesen, sondern das „Kopftuch" ist laut Frau Klingl auf jeden Fall von den Frauen freiwillig getragen, und sakrosankt - wer hier wagt, etwas anders zu behaupten, steht eh schon wieder im Eckerl der so verachteten Rechten oder der ängstlichen Dummköpfe. Ach ja und das Kopftuch ist laut ihrer Meinung ein Ausdruck von Tradition und nicht von Religion. Ich weiss nicht, ob sie in den 70er Jahren mal nach Ägypten, in den Iran oder nach Afghanistan geschaut hat - da gab es teilweise gar keine Kopftücher. So weit zur Tradition früherer Zeiten.

Man kann dann richtig froh sein, dass ab Seite 50 nur mehr andere Personen durch Interviews zu Wort kommen, um sich als Österreicher mit Migrationshintergrund aber auch als Vorarlbergerin mit Oberösterreichhintergrund mit der eigenen Identität des Fremd-Seins auseinanderzusetzen. Hier wird das Buch richtig gut, sehr durchdacht meist sehr persönlich wertschätzend, um auf die Integrationsprobleme von vielen Menschen aufmerksam zu machen. Diese wohltuende Entwicklung ist aber den großartigen Interviewpartnern und nicht der Autorin zu verdanken.

Leider kommt selbstverständlich die im Vorwort so gebashte Bevölkerungsgruppe der ruralen schlechter gebildeten Männer in den Interviews wieder nicht zu Wort. Und ich rede da nicht von rechten Hetzern, denen man keine Plattform geben darf, aber von Männern, die durchaus selbstkritisch und reflektiert ihre Ängste artikulieren können, denn auch die gibt es genauso zuhauf, wie nicht alle muslimischen Männer potenzielle Vergewaltiger sind. Leider ist die Frau Klingl da mal wieder nicht von ihrem hohen Ross der moralischen Überlegenheit heruntergestiegen und hat, wie sie es der Landbevölkerung bezüglich der Flüchtlinge oktruiert, ihren Allerwertesten aus Wien herausbewegt um sich ins Fremde zu begeben und die Landbevölkerung mit Ihren Infrastrukturproblemen und Ängsten kennenzulernen. Tja ändern müssen sich dann immer die anderen - gell? Und das Hartley-Experiment hat auch ihr Verhalten bestätigt.

Fazit: Für wen soll das Buch überhaupt sein? Eine moralische Stütze für die moralisch überlegenen Menschenfreunde? Die sind eh schon überzeugt. Rechten Hetzern, die schon komplett in die Szene hineingekippt sind, ist nur mit breiter gesellschaftlicher Ächtung beizukommen, die sind für diese Informationen auch verloren. Also sollte sich das Sachbuch doch tatsächlich an die Ängstlichen wenden. Die hat Frau Klingl aber schon bereits ab Seite 20 das erste Mal zum dummen Sündenbock abgestempelt. Die werden hier sicher nicht mehr weiterlesen, denn so blöd, wie sie glaubt, sind sie dann auch nicht.
Das ist sehr kontraproduktiv und bedauerlich, denn die Interviewpartner mit Migrationshintergrund in diesem Buch kennenzulernen, würde möglicherweise wirklich einiges von der Angst nehmen.

Zu meiner Person, damit hier keine Missverständnisse auftreten, ich könnte mich irgendwie auf den Schlips getreten fühlen und deshalb so argumentieren:

     Ich habe großväterlicherseits keine Migrations- sondern sogar eine Flüchtlingsbiografie, aber das ist schon 102 Jahre her.
    Wenn Du mich in eine Gruppe Syrer stellst, kannst Du mich optisch nicht leicht rausfinden
    Ich bin sehr gut gebildet und weiblich, mein Mann ist auch Akademiker
    Ich wohne so richtig am tiefsten Land und weiß, wovon ich spreche, meine Freunde sind zwar nahezu alle gut ausgebildet, aber ich bin natürlich alltäglich, wenn ich nur 10 Meter rausgehe, mit dieser „pösen männlichen Landbevölkerung“ konfrontiert.
    Ich bin Österreicherin, Feministin, Links und selbstverständlich sehr gerne Teil der Zivilgesellschaft. Ich stehe dafür, dass wir die Pflicht haben, die Flüchtlinge zu versorgen. Ich stehe dafür, ängstlichen schlecht gebildeten Menschen auf dem Land, die nicht hetzen, ihre Angst zu nehmen und sie zu überzeugen, anstatt sie zu diffamieren und zu verspotten.

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review 2017-04-13 11:52
[Rezension] Aimee Song - Zeige deinen Style: Optimiere deine Instagram-Fotos und mache dein Leben zum ultimativen Schaufenster
Zeige deinen Style: Optimiere deine Instagram-Fotos und mache dein Leben zum ultimativen Schaufenster - Aimee Song
Beschreibung:
Bei mehr als 3 Millionen Instagram-Fans weiß Aimee Song offensichtlich ziemlich gut Bescheid, wie man das perfekt Foto bekommt. In ihrem Buch verrät sie nun zum ersten Mal ihre Geheimnisse, wie man einen überwältigenden Feed erschafft und seine Follower-Zahlen nach oben zieht – natürlich immer mit perfektem Style. In diesem innovativen Instagram-Guide zeigt Aimee Song u.a.:
· wie man das perfekte Instagram-Foto macht,
· wie man die eigene Instagram-Story einzigartig macht,
· wie man Style- und Food-Fotos perfekt vorbereitet,
· wie man seine Follower-Zahlen vervielfacht.
Zeige deinen Style zeigt, wie man aus seinen Smartphone-Fotos das Beste herausholt und seine eigene Online-Präsentation perfektioniert.
 
Details:
Taschenbuch: 208 Seiten
Verlag: mvg Verlag (10. April 2017)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3868828079
ISBN-13: 978-3868828078
Größe: 20,3 x 2 x 20,5 cm
 
Eigene Meinung:
Amiee Song gehört zu den erfolgreichsten Fashion-Bloggern der Welt und mit ihrem Blog "Song of Style" zieht sich Millionen Follower an und kann sich somit als wirklich erfolgreich bezeichnen.
In ihrem Buch "Zeige deinen Style" erklärt sie nun Einsteigern, aber auch erfahrenen Instagram-Nutzen, wie man beispielsweise Fashion, Food oder auch Produktfotos in Szene setzen kann, aber erklärt auch an ihren eigenen Bildern, was sie dann an den Bilder macht, wie sie beispielsweise mit Linien, Farben und Akzenten arbeitet, welche Apps sie zu Instagram nutzt und welche Vorteile es bietet, die Bilder so in Szene zu setzen, dass sie einen möglichst großen Publikum gezeigt werden und das ohne bei Instagram werben zu müssen. Zusätzlich erklärt sie wahnsinnig viel über die ganzen Begriffe, die in der Instagram-Welt eine erhebliche Rolle spielen und was sie selber für wichtig und auch zielführend hält. In ihrem Texten hat sie auch keine belehrenden Ton an sich, sie zeigt einfach nur auf, was sie macht und wie man das auch auf die eigenen Bilder anwenden kann und man muss zugeben, der Erfolg, den sie damit hat, gibt ihr absolut Recht. Aufgelockert wird die ganze Theorie durch die vielen Bildbeispiele, die das Buch bereit hält. Zudem regt sie durch Checklisten (in denen sie das Wichtigste nochmal knapp zusammenfasst) und "Nun seid ihr an der Reihe" - Seiten immer wieder den Leser an, es selber mal auszutesten und dann zu schauen, ob es für einen selber einen Effekt ergibt, so nimmt man auch mehr aus dem Buch mit, weil man es selber ausprobieren kann.
 
Fazit:
Ein interessantes Buch über Instagram, seine Begriffe, Tricks und Tipps, was man nicht nur Einsteigern sondern auch erfahrenen Instagram-Nutzern empfehlen kann, da es vor allem in Sachen Bildoptimierung und Publikumsvergrößerung hilfreiche Tipps gibt. 
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review 2017-04-07 07:46
Versuchskaninchen Mensch
Das merkwürdige Verhalten von Schimpansen in Kinderkleidung: und andere sozialpsychologische Experimente - Felicitas Auersperg

Felicitas Auerspergs populärwissenschaftliches Sachbuch beschreibt die wichtigsten sozialpsychologischen Experimente, ihre Entstehung, den wissenschaftlichen Background, die genaue Versuchsanordnung und den Alltagsnutzen, den die Ergebnisse der Forschung implizieren.

Na? Bei meiner Inhaltsbeschreibung bereits ins Koma gefallen, weil das Buch so langweilig ist? Oh wie irrt Ihr Euch und seid gewaltig auf dem Holzweg! :-)
Selten hat Psychologie derart viel Spaß gemacht, und ich habe gleichzeitig so nebenbei noch ein paar Sachen gelernt (dass es nicht ganz so viel war, liegt daran, dass ich in meinem Studium als Wahlfach Organisationspsychologie belegt habe).

Die beschriebenen Experimente sind unter anderem das weithin bekannten Milgram- und das Stanford Experiment, aber auch mir relativ unbekannte Versuchsanordnungen wie die titelgebende „Das merkwürdige Verhalten von Schimpansen in Kinderkleidung“, in der ein Wissenschaftler-Ehepaar beschloss, sein eigenes Kind zusammen mit einem Affen wie Geschwister aufwachsen zu lassen. Zuerst ging alles gut, solange die Entwicklung von Affe und Baby parallel verlief. Erst als der Affe in seinem Lernfortschritt auf Grund der Genetik hinter dem Sohn stark zurückfiel und dieser, anstatt die gelernte Sprache zu vertiefen, aus Altruismus nur noch genauso gut klettern lernen wollte wie sein Affenbruder, musste das Experiment erfolglos abgebrochen werden.

Auch die genaue Untersuchung menschlicher Phänomene wie kognitive Dissonanz, oder der Umstand, dass Menschen Personengruppen, mit denen sie noch nie in Interaktionen traten, mit einer signifikanten Tendenz negativ bewerten, sind aktueller denn je, wenn man die heutige Flüchtlingssituation und die daraus resultierenden Intoleranz-Probleme der ansässigen Bevölkerung bewertet. Die Leute müssten sich einfach nur persönlich kennenlernen. Das Harlowe-Experiment hat beispielsweise den früheren Behaviorismus in der Kindererziehung widerlegt, heute würde kaum noch ein vernünftiger Mensch ein Baby unentwegt schreien lassen, in der Generation unserer Eltern war diese Methode jedoch anerkannt – fast schon verpflichtend, um aus seinen Kindern keine Weicheier zu machen. Am spannendsten fand ich das Loftus-Experiment, das die Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen und unser Gedächtnis unter die Lupe nimmt und den Bystander-Effekt, warum und unter welchen Umständen genau viele Menschen in der Stadt wegschauen, wenn ein Verbrechen geschieht. So wird Psychologie zum reinen Vergnügen – mit extrem viel Praxisrelevanz.

    "In allen vier Experimenten zeigte sich, dass Menschen eher dazu geneigt sind zu helfen, wenn sie allein einen Notfall beobachten. Sobald sie sich in Gesellschaft befinden, teilen sie die Verantwortung und reagieren, insbesondere, wenn die anderen Augenzeugen unbekannt sind, langsamer oder gar nicht. Paradoxerweise bedeutet das, dass einem in Gefahr eher geholfen wird, wenn es nur wenige Beobachter gibt.“[…] Eine einfache, aber wirkungsvolle Strategie, um den Bystander-Effekt zu unterbrechen, ist, abwartende Zuschauer direkt anzusprechen und um Hilfe zu bitten. Damit erleichtern sie ihnen den kognitiven Prozess, in dem sie sich gerade verheddern, und kürzen die Entscheidungsfindung für Bystander erheblich ab.

Fazit: So sollte Wissenschaft immer vermittelt werden! Liest sich wie ein spannender Roman. Großartig!

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