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review SPOILER ALERT! 2020-01-31 19:27
Rot und Schwarz: Le Rouge et le Noir (German Edition) - Stendhal,Marie-Henri Beyle

Dank Mitlesezentrale konnte ich zwei Favoriten aus jüngeren Jahren im Januar 2020 noch einmal im freundschaftlichen Umfeld lesen: Victor Hugos <i>Notre Dame de Paris</i> (1831) und Stendhals <i>Rot und Schwarz</i> (1830) beide in unmittelbarer zeitlicher Nähe entstandenen Romane ächzten schon länger unter der Last von historischen fünf Sternen, denn die beiden Klassiker hatten mich 1980 (Hugo) bzw. 1985 (Stendhal) massiv beeindruckt.

Der Klassikerbonus spielte seinerzeit ebenso eine Rolle wie der Umstand, dass ich mich mit den Helden oder einigen Protagonisten identifizieren konnte. Dieser Faktor fällt mit zunehmender Lebenserfahrung weg. Ein typisches Beispiel dafür ist meine Reaktion auf Julian Sorels Eroberung von Frau von Renal. Im Frühjahr 1985 war ich stolz auf das Meisterstück den jungen Helden und seine Trophäe, im Januar 2020 lautete mein erster Gedanke: <i>Junge, was hast du dir da bloß angetan?</i>.

Es spricht für Stendhals Meisterschaft oder Menschenkenntnis, dass Juliens Verhängnis so früh und unmittelbar spürbar ist, trotzdem hat <i>Rot und Schwarz</i> bei mir zwei Sterne verloren, während Quasimodo und Co, trotz frischer Einsichten in die gelegentlich arg ächzende Dramenmechanik von Victor Hugos historischem Roman, ihre fünf Sterne behalten haben. Der Autor des Glöckners beherrscht sein Handwerk, auch wenn manche Konventionen der Entstehungszeit eine Quälerei für Leser späterer Generationen bedeuten, Stendhal dilettiert dagegen bei seinem bahnbrechenden Feldzug gegen die Heuchelei der Restaurationszeit und verliert dabei jedes Maß in der französischen Variante von Stolz und Vorurteil ohne glücklichen Ausgang. Das Generalthema seines durchaus antiklerikalen Romans ist zwar der Unterschied zwischen Haltung und Heuchelei, mit den Unterthemen Liebe und Selbstverständnis, Wahrheit des Gefühls und gesellschaftlicher Anspruch, aber die einzelnen Situationen sind zu sehr der Wahrheit des Augenblicks verpflichtet und folgen ziemlich unvermittelt aufeinander. Eine kongruente Psychologie ist nicht vorhanden, Julien, Frau von Renal und Mathilde de la Mole fallen unvermittelt von einem Zustand des Glücks in aggressive Reueorgien oder Anfälle von Adelsstolz zurück.

Eine ausgefeilte Psychologie stand damals bei den allerwenigsten Autoren auf der Agenda, meiner Ansicht nach kommt Stendhal beim Geschlechterkampf nicht viel über die Hassliebe der <i>Gefährlichen Liebschaften</i> hinaus, obwohl der Adelsstolz einer Restaurationsprinzessin und deren Bewunderung der Renaissance auf Kosten der Gegenwart das geistige Klima jener Epoche gut einfangen. Allerdings bleiben alltäglichen Details so ziemlich auf der Strecke, wenn man einen Roman von Balzac zum Vergleich nimmt. Kein Wort davon, wie die Leute auf ihre Kosten kommen, wie neue technische Verfahren alte Handwerke verändern, nun gut als gescheiterter Druckereibesitzer, Verleger und Journalist besaß Balzac Erfahrungen in diesem Gewerben aus erster Hand, um die Vergleichsgröße <i>Verlorene Illusionen</i> anzusprechen. Ohne die Vorarbeiten Stendhals in <i>Rot und Schwarz</i> hätte sich die ungleich umfassendere Begabung aber vielleicht viel länger auf den Spuren von Walter Scott abgearbeitet.

 

Selbstbeobachter Stendhal schöpfte dagegen sämtliche Seelenzustände und Verhaltensmuster seiner Protagonisten, sofern sie nicht an Vorbilder aus besseren Zeiten angelehnt waren, aus sich selbst. Bis hin zu den Maßnahmen mit denen Mathilde ihre Voltaire-Ausleihen aus der väterlichen Bibliothek bemäntelte, genauso ging der junge Henri Beyle mit der Voltaire-Ausgabe seines Vaters um.

Bei der bislang auf reine Mutterliebe beschränkten, sonst aber emotional unerschlossenen Frau von Renal begeht der schöne Jüngling gewissermaßen eine Todsünde aus Unerfahrenheit, die sich später rächen wird, zumal die Religion mit ihren zweifelhaften Ratgebern die einzige Zuflucht für die vollkommen aus der beschränkten Zufriedenheit früherer Jahre geworfenen Frau bleibt.

Das höhere Prickelpotenzial hätte eigentlich die Liebschaft mit Mathilde de La Mole, einer launischen Rebellin gegen die Zumutungen eines faden Zeitalters, die ihren wunderschönen Urahn vergöttert, der ein Verhältnis mit Margarethe von Navarra hatte, als ihr glückloser Ritter oder Retter enthauptet wurde. Nach der Hinrichtung holte sich die Prinzessin vom Henker die sterblichen Überreste und ließ das Haupt einbalsamieren. Den Kuss der Königin wird Mathilde am Ende mit dem Kopf ihres Favoriten wiederholen.

Haltung oder Pose als Reaktion gegen die Mittelmäßigkeit der Restaurationsära, die Tochter des Hauses liebt den schönen Sekretär als Rebellen, weniger um seiner selbst willen. Falsche Handlungsmuster führen zu Liebesentzug, zumal der hochadeligen Dame bei der Liebschaft mit dem armen Bürgerlichen auch noch ständig ihr Selbstbewusstsein in die Quere kommt.

Wenn Stendhal die Liebesgeschichte des zweiten Teils wenigstens so klar und in gebotener Kürze auf den Punkt gebracht hätte. Tatsächlich gehen die Stimmungswechsel ziemlich unvermittelt über die Bühne, Überschwang und Ungnade kommen meist sehr unvermittelt und geraten streckenweise sehr widersprüchlich. Phasenweise bewegt sich das Verhältnis Julien Mathilde zwischen Leserquälerei und Zeilenschinderei, habe mir mehr als einmal gewünscht, der Stoff wäre von einem Heinrich von Kleist im Novellenformat bearbeitet worden.

Die oben angesprochenen Inkongruenzen gehen aber auch auf die Arbeitsweise des Autors zurück, der sich bei der Verarbeitung eines bekannten Kriminalfalls keine Gedanken über das Ende machen musste, sich auf dem Weg zu den fatalen Schüssen auf die Ex-Geliebte eher durch literarisches Neuland wurschtelte und dabei keinen Blick zurück warf. Stendhal las nicht, was er am Tag zuvor geschrieben oder diktiert hatte. Am Ende ereilte ihn dann das Schicksal der meisten Vorsichhindichter: Stendahl fiel, wie auch sein Personal, in vermeintlich überholte oder eigentlich bekämpfte Routine der restaurativen Romantik zurück. Bei seiner Entscheidung gegen die weitere Existenz mit ihren Verpflichtungen zur Heuchelei und die Wahrheit einer finalen Liebe ist Julien so Erlösungsbesessen wie die Heldinnen und Helden des gerade noch so verspotteten Chateaubriand.

 

<b>Subjektive Einordnung in den literarischen Kontext</b>

 

Die stilistische Ebene des Romans ist gewissermaßen das Pendant zu den psychologischen Inkonsistenzen, obwohl man literaturhistorisch sogar so etwas wie eine Entwicklungsgeschichte des 18. Jahrhunderts als Subtext hinein interpretieren kann.

Rot und Schwarz beginnt wie ein pikaresker Roman, ein hübscher Hochstapler, der nicht nur optisch vollkommen aus der Familientradition fällt, wird Hauslehrer bei reichen Leuten und verführt die Dame des Hauses. Sprung zu Rousseaus Emfindsamkeit, dessen <i>Nouvelle Héloise</i> auch als Türöffner bei schönen, aber bislang menschlich verkannten Louise funktioniert. Nach einiger Zeit sorgt die Dienerschaft für Szenen á la Beaumarchais, die Zeit im Seminar ist das Pendant zu Diderots <i>Réligieuse/Die Nonne</i>, mit dem bezeichnenden Unterschied, dass Julien nie fromm war, aber wohl auch das Kuckucksei eines Adeligen. Voltaire wird eher als Schreckgespenst zitiert, wiewohl sich Mathilde auch als <i>Prinzessin von Babylonien</i> fühlen kann. Denn der schöne Sekretär schlägt die hochadeligen Bewerber ebenso souverän aus dem Feld wie der einfache Hirte die Könige von Ägypten, Indien und Skythien in Voltaires Märchen. Nächster literarischer Bezugspunkt sind Laclos <i>Gefährliche Liebschaften</i>, denn die Liebesgeschichte ist auch ein Wettstreit der Egos. Das Vorbild für die Parallelwerbung mit den gefälschten Liebesbriefe will mir gerade nicht einfallen, für die Spionagehandlung gibt es sicherlich auch zeitgenössische Vorläufer, die Schüsse auf die frühere Geliebte, kamen gar aus der Tageszeitung. Zuletzt endet das Buch mit dem schon angesprochenen Rückfall auf die eigentlich verhasste kopfhängerische Romantik Chateaubriands, dem literarischen Hausgott der Restaurationsära.

Wirklich originell sind nur Stendhals eigene Erfahrungen, leider wurden sie viel zu zufällig in den Roman eingebracht, um einen schlüssigen Eindruck zu hinterlassen. Trotzdem wirkte Rot und Schwarz sehr anregend auf die schreibenden Zeitgenossen und die nächste Generation. Auf Balzac, der seinen Erfahrungsvorsprung in die Ausgestaltung der Motive in größerem Umfeld einbrachte, habe ich schon angespielt. Allerdings flüchten die hochadelige Provinzdame und ihr schöner Liebhaber gemeinsam nach Paris, ehe die gesellschaftlichen Realitäten zu einer Feindschaft führen, die Luciens Karriere erst mal den Todesstoß gibt.

Alexandre Dumas machte dem aktuellen Favoriten der Reine Margot zum Haupthelden seiner Bartholomäusnacht und gestaltete die historische Kuss-Szene überaus ausführlich (brillant auch die Chéreau-Verfilmung mit Isabella Adjani und Vincent Perez), schob in der Fortsetzung <i>Die Dame von Monsoreau</i>, aber einen weitaus fähigeren Fechter und Liebhaber hinterher. Flauberts <i>Education Sentimentale</i> variiert das Thema schöner und begabter Provinzler liebt eine schöne Dame und kommt zeitweilig in Paris zum Erfolg weiter, ehe Guy de Maupassants Bel ami die Verführung von einflussreichen Ehefrauen größer denn je schreibt und dabei zu den pikaresken Wurzeln zurück kehrt. Mit <i>Schlaraffenland</i> schreibt der junge Heinrich Mann eine deutsche Variante, die im Berlin auf dem Höhepunkt des Naturalismus spielt und neben allerlei Seitenhieben auf die spießigen Salons des Wilhelminismus auch eine herrliche Parodie auf Gerhart Hauptmanns Weber enthält.

Fazit: Ohne <i>Rot und Schwarz</i> und die bahnbrechende Umformulierung des Schelmenromans zur Aufsteigergeschichte eines Außenseiters wären viele wunderschöne Bücher vielleicht nie entstanden. Die Verklärung der französischen Renaissance auf Kosten der teilt Stendhal mit seinen Zeitgenossen Victor Hugo (Notre Dame das Paris) und Balzac, dessen Romane mit einer beinahe obligatorischen Schilderung von fast schon verschwunden Spuren alter Pariser Architektur beginnen. Stendals Pionierleistung beginnt mit dem Rückgriff auf zahlreiche Genres des während der Restauration verpönten kritischen Literatur des 18. Jahrhunderts. Durch des Einbringen eigener Erfahrungen, vielleicht in Anknüpfung an Rousseaus <i>Selbstbetrachtungen</i>, erschließt Stendhal von der Verlogenheit der restaurativen Romantik verbaute Gefühlsregionen und schlägt damit eine Schneise für andere Autoren. Bei einer anderen Arbeitsweise wäre vielleicht mehr drin gewesen als die Rolle eines Meilensteins, ein Meisterwerk ist <i>Rot und Schwarz</i> ganz sicher nicht, etliche Zeitgenossen verstanden ihr Handwerk und auch die Ausdeutung der Welt so viel besser.

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review 2019-02-10 23:39
John Harvey Kellogg: Pioneering Health Reformer
John Harvey Kellogg, M.D.: Pioneering Health Reformer - Richard W. Schwarz

A pioneer of the Adventist health message and controversial figure that had a very public break from the Church, yet his life was whole lot more.  John Harvey Kellogg: Pioneering Health Reformer by Richard W. Schwarz details the long life of a man who wanted to teach and not become a doctor, but who became both in advocating healthy living.

 

Schwarz begins the biography in the standard way in relating the background of Kellogg family just before John Harvey birth then proceeded to follow the young Kellogg’s life until he became a doctor.  The biography then shifts into various facets of Kellogg’s life ranging from his appointment to head Battle Creek Sanitarium and developing it, his development of various health foods and later his efforts commercially, his family life with 42 adopted children and cool relationships with his siblings, his humanitarian efforts, his work and later break with the Seventh-day Adventist Church including his relationship with Ellen White, and many more.  The final chapter chronicles the latter events of his 91 year long life including the struggle to keep Battle Creek Sanitarium open.

 

In around 240 pages, Schwarz gives a thorough look into everything that John Harvey Kellogg did throughout his life but in a non-chronological manner save for his early and late life.  Given the start length of the book and the long life of its subject, this non-chronological look was for the best as Schwarz covered topics in a straightforward manner and avoiding attempting to cover all of them in a on and off if the biography was written in a chronological fashion.  This format also allowed Schwarz to reference big events that effected all topics and foreshadowing there importance for when he covered them later in the book.

 

John Harvey Kellogg: Pioneering Health Reformer is a well-organized and informative biography of a notable pioneer in the Adventist health system that also influenced the larger American health landscape.  Richard W. Schwarz work is outstanding and his prose presents a very easy read which makes this book a highly recommended one for anyone interested in Adventist health history.

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text 2018-12-18 13:35
Erster Satzer | Barbara A. Ropertz: Das Wissen des schwarzen Obsidians
Das Wissen des schwarzen Obsidians: Fantasy-Roman (DrachenStern Verlag. Science Fiction und Fantasy) - Barbara A. Ropertz

Es war ein wunderschöner sonniger Tag Anfang März, als Marie, eine junge Studentin, mit widerspenstigen, blonden Locken und schalkhaft blitzenden blaugrünen Augen, zu ihrer Praktikumsstelle im Kölner Stadtarchiv in der Innenstadt schlenderte.

 

 

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review 2018-10-27 23:57
Light Bearers: A History of the Seventh-day Adventist Church
Light Bearers : A History of the Seventh-Day Adventist Church (Light Bearers to the Remnant) - Richard W. Schwarz

The history of the Seventh-day Adventist church is the emergence of a small band of disappointed Millerites to that of a worldwide church of more than 10 million members by the end of the 20th Century, but not without struggles of all kinds along the way.  Light Bearers: A History of the Seventh-day Adventist Church by Richard W. Schwarz with revisions and updates by Floyd Greenleaf is comprehensive look into the development the denomination over the course of over 170 years by professional historians balancing their own religious beliefs and professionalism.

 

“Beginning” in 1839, though not without highlighting Advent strains across the Christian spectrum leading up to that point, and finishing at the year 2000 with the need to focus on the doctrinal, organizational, institutional, and missionary facets of the denomination’s history was a challenge needing an organized and methodical approach for the reader.  Dividing the history into three parts Greenleaf used Schwarz’s formula of advancing all the facets of the denomination’s development at the same space—though some overlap from one part to another was unavoidable—in different chapters but linking them to past or future characters when required.  These three parts, “Origins and Formative Years 1839-1888”, “Years of Growth and Reorganization 1888-1945”, and “The Globalization of the Church 1945-2000” give the reader, while not a step-by-step look at the denomination’s history, at least a lens to view the events that shaped the denomination as its history developed.  A fourth part, “Maintaining a Biblical Message”, relates the challenges that 20th Century members had keeping the unique doctrines of the Church based Biblically as well as answering challenges from not only without but within as well.

 

Given the multifaceted aspect of history that a book on the Seventh-day Adventist Church entails as well as revising and updating a previous history, Greenleaf did a professional job.  Yet as the first 15 chapters of the book are the original work of Schwarz with scant revisions, it is also a testament to his own professionalism that they hold up just as much as the final third when Greenleaf’s own work is solely on display.  With numerous historical actors and events throughout the over 170 years, both authors delicately balanced the need to be informative enough without slowing down the pace of the book unless the covered topic was doctrinal and thus needed a thorough explanation to better understand the controversy being covered.

 

Light Bearers: A History of the Seventh-day Adventist Church might look like a daunting book at nearly 700 pages, but for those interested in the development of the denomination that they are either apart of or wanting to understand this is the book for them.  Longtime Adventist historians Richard W. Schwarz and Floyd Greenleaf both balance their religious beliefs with their professionalism to give the reader an accurate—warts and all—look at a now global church that developed from only a few hundred disappointed Millerites.

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review 2018-03-21 13:10
Kakophonie des Leids
Half Bad - Sally Green

„Half Bad“ von Sally Green steht zweifach im Guinness-Buch der Rekorde. 2014 brach es den Weltrekord für das „meist-übersetzte Buch eines/einer Debüt-Autor_in vor dessen Erscheinen“, sowie für das „meist-übersetzte Kinderbuch eines/einer Debüt-Autor_in vor dessen Erscheinen“. Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Die beiden Rekorde bedeuten, dass „Half Bad“ bereits vor seinem britischen Veröffentlichungsdatum am 03. März 2014 in andere Sprachen übersetzt und in die entsprechenden Länder verkauft wurde. Das schafften andere Bücher ebenfalls, doch keines erreichte die überwältigende Anzahl von 45 Sprachen. Die Rekorde sind auf der Website des Guinness-Buches noch immer verzeichnet, woraus ich schließe, dass sie weiterhin aktuell sind. Herzlichen Glückwunsch, Sally Green! Seit 4 Jahren im Guinness-Buch der Weltrekorde, keine üble Leistung! Da wurde es wohl höchste Zeit, dass ich „Half Bad“, den Auftakt der gleichnamigen „Half Bad“-Trilogie, endlich lese, oder?

 

Nathan ist Grausamkeiten gewöhnt. Sein Leben lang wurde er mit Argwohn behandelt, erfuhr Demütigungen und Erniedrigungen. Auf Schritt und Tritt wurde er beobachtet, überwacht, verdächtigt. Als einziger Sohn der gefürchteten Schwarzen Hexe Marcus sieht die britische magische Gemeinschaft in ihm eine tickende Zeitbombe. Doch jetzt sind sie zu weit gegangen. Sie sperrten ihn in einen Käfig, schlugen ihn, misshandelten ihn. Gefangen wie ein Tier fantasiert Nathan pausenlos von Flucht. Seine einzige Chance, zu überleben, besteht darin, seine Ketten zu sprengen, den Weißen Hexen zu entkommen und an seinem bevorstehenden 17. Geburtstag seine eigenen Kräfte zu erwecken. Dafür muss er allerdings das Ritual der drei Gaben vollziehen. Und der einzige, der ihm diese überreichen kann, ist sein Vater…

 

Auf der dazugehörigen Goodreads-Seite wird „Half Bad“ als Sensation beschrieben. Dem kann ich nicht widersprechen, denn ein Buch, das gleich zwei Weltrekorde auf einmal brach, verdient diese Bezeichnung durchaus. Leider sagt die Tatsache, dass der Trilogieauftakt zweifacher Weltrekordhalter ist, nichts über die inhaltliche Qualität der Geschichte aus. Meiner Ansicht nach bewegt sich „Half Bad“ in der weiten, schwammigen Grauzone zwischen gut und schlecht. Es ist weder Fisch noch Fleisch; weder begeisterte es mich, noch enttäuschte es mich grundlegend. Es ist ganz nett – wir wissen, dass diese Aussage einem Schulterzucken gleichzusetzen ist. Von der Handlung ist bei mir nicht allzu viel hängen geblieben. Ich erinnere mich an einige Schlüsselszenen, die groben Eckpfeiler der Geschichte, doch darüber hinaus… wabernder Nebel. Ich habe allerdings nicht das Gefühl, dass diese Gedächtnislücken tragisch wären, denn meinem Empfinden nach konzentrierte sich Sally Green hauptsächlich darauf, die deprimierenden Lebensumstände des Protagonisten Nathan darzustellen, statt einen konstanten inhaltlichen Fluss zu konzipieren. Der Beginn des Buches irritierte mich arg, weil Green eine ungewöhnliche Variante der Ich-Perspektive wählte. Nathan spricht die Leser_innen in 2. Person Singular direkt an. Ich konnte mich mit dieser Erzählweise überhaupt nicht anfreunden und hoffte inbrünstig, es bald hinter mir zu haben, was glücklicherweise auch der Fall war. Nach 20 Seiten wechselt Green in die gewohnte 1. Person Singular. Ich atmete auf. Was folgte, war eine minutiöse Beschreibung von Nathans Leben, bevor er in einen Käfig gesperrt wurde, eine Kakophonie des Leids, die mich, obwohl ich voll und ganz anerkenne, dass alles, was Nathan durchleben muss, furchtbar und schrecklich ist, auf Dauer langweilte. Die Auflistung der Grausamkeiten seitens des Rates der Weißen Hexen und der magischen Gemeinschaft im modernen Großbritannien erschien mir äußerst langatmig. Ich fühlte mich bedrängt; ich sollte unbedingt Mitleid für Nathan empfinden und erhielt nie die Chance, mir ein Bild seiner Persönlichkeit zu machen, das nicht von den Auswirkungen der Schikanen gegen ihn geprägt war. In meinem Kopf blieb er stets der arme, gequälte, missverstandene Junge, was ihm meiner Ansicht nach nicht gerecht wird. Seine Existenz wird vollkommen davon bestimmt, wer sein Vater ist: Marcus, die bösartigste Schwarze Hexe aller Zeiten. Die steife Einteilung in Schwarze und Weiße Hexen geriet trotz Sally Greens Bemühungen, zu betonen, dass die Weißen Hexen nicht automatisch die Guten sind, sehr eindimensional, weil sie die Unterschiede sträflich vernachlässigte. Es wirkte, als sei Marcus die einzig erwähnenswerte Schwarze Hexe und alle anderen ohnehin nur geistesgestörte Spinner, die sich früher oder später gegenseitig abmurksen. Weder weiß ich, ob sich ihre Magie anders manifestiert, noch, wie die Veranlagung zu Schwarzer oder Weißer Magie überhaupt zustande kommt. Ich habe auch nicht verstanden, wie sich die Kultur der Hexen unerkannt in die Gesellschaft nicht-magischer Menschen integriert und wie sie strukturiert ist. Paradoxerweise steht Nathans miserables Dasein so sehr im Mittelpunkt, dass die Welt, in der er lebt, die direkt für sein Elend verantwortlich ist, völlig dahinter verschwindet.

 

Ein Satz mit X, das war wohl nix. Ich beendete „Half Bad“ mit einem unmissverständlichen Gefühl von Ernüchterung. Es ist ein durchschnittliches, einseitiges Buch, das man trotz der Weltrekorde nicht gelesen haben muss und das ich schnell im staubigen Keller meines Gedächtnisses eingemottet habe. Meiner Meinung nach hätte Sally Green ebenso gut auf den ganzen Hexen-Kram verzichten und einfach einen Roman über Diskriminierung und Ausgrenzung schreiben können. Den übernatürlichen Touch hätte es nicht gebraucht, da dieser ohnehin nur mäßig gelungen ist. Ich empfinde kein Bedürfnis, Nathan wiederzusehen und habe daher auch keinerlei Interesse an den Nachfolgern der „Half Bad“-Trilogie. Ob man den ersten Band nun als Sensation, Phänomen oder Weltrekordhalter bezeichnen möchte – für mich hat es sich ausgehext.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2018/03/21/sally-green-half-bad
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