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review 2020-02-12 06:51
Zu viel langweilige repetitive Polizeirealität in der Fiktion
Des Träumers Verderben - Heidi Emfried

Sehr habe ich mich auf den zweiten Krimi mit Inspektor Leo Lang von Heidi Emfried gefreut, war doch ihr Debütroman Die Akte Kalkutta eine sehr positive Überraschung für mich. Leider operiert die Autorin mit nahezu demselben Plotkomponenten wie ihm vorhergehenden Roman der Reihe.

Dieses exzessive Auswalzen vom Suchen, Strukturieren und Bewerten jedweder winzigkleinen Spur war bei einer unbekannten Leiche, die in keinem System ist und auch sonst nicht identifiziert werden konnte, wie bei der Akte Kalkutta erstens sehr innovativ, weil noch nie so gelesen und zweitens auch auf Grund von fehlenden Hinweisen auf das Opfer auch absolut notwendig.

 

Im Fall des Mordes an einem Mitglied der Wiener High Society, in dem man die Verdächtigen infolge des Mikrokosmoses leicht identifizeren kann, weil Wien bekanntlich ein Dorf ist und die Reichen und Mächtigen eigentlich in Folge des Umstandes, dass sie fast ausschließlich untereinander Beziehungen knüpfen, total überschaubar sind, ist es einfach nur eine recht langweilige Wiederholung des erprobten Konzeptes, das zudem nicht gut auf den vorliegenden Fall passt. Versteht mich nicht falsch, mir ist schon klar, dass täglich abgearbeitete Excel-Listen mit jedem potenziellen Verdächtigen inklusive Alibi und Motiv und einer Farbbewertung inklusive Ersatzlisten mit noch nicht verfolgten Spuren wahrscheinlich der realen Polizeiarbeit mehr entsprechen, als diese Kiberer, die immer so ein Bauchgefühl haben, dem nachgehen und damit fast ausschließlich richig liegen. ABER ich würde ja auch nicht gerne jedes Wurschtradl genau analysiert bekommen wollen, das der Kommissar Rex gefressen hat. Hey, das hier ist Fiktion, da darf man auch Langweiliges kürzen, Repetitives straffen und mitunter auch weglassen. Lähmende echte Polizeirealität ist nur insofern als Konzept interessant, als sie erstmalig beschrieben wird, beim zweiten Mal ist sie das nimmermehr.

So plätschert der Plot so vor sich hin, keine innovativen Ideen, kein Pep, kein spannender Drive, keine aktuellen wissenschaftlichen Bezüge wie in ihrem Erstlingsroman. Moment! Ja, da gibt es das eingeführte Thema Gender Studies, Gleichberechtigung in der Sprache, Sexismus im Alltag, das durch die Figur der jungen Praktikantin Alithia eingeführt wird, die als Nichte des Innenministers und Studentin der Gender Studies dem Polizeiteam von Leo Lang aufs Aug gedrückt wurde. Sie wird ursprünglich aber leider als ein so ein klischeehafter Typ geschildert, sogar noch ein bisschen pubertierend (Hä? auf der Uni) und sich lähmend trotzig emanzenhaft gerierend, der dann auch noch durch die Polizeipraxis, den Fall und durch das Team Mores gelehrt wird und die sich letztendlich kompromissbereit in die bestehenden Hierarchien und Strukturen fügt. Echt jetzt? Das ist so schablonenhaft, so wie sich ein klischeehafter alter weißer Mann ein derartiges nerviges rotziges Emanzlein vom Uni-Institut Gender Studies vorstellen würde. Dabei ist die Realität enorm vielfältiger, da gibt es auch in diesem Fachgebiet einige witzige intelligente Feministinnen, die ich auch persönlich kenne und die mit brilliantem Humor, beißender Ironie und entwaffnenden Vergleichen operieren, anstatt wie die Figur Alithia (wahrscheinlich eine Namensanalogie zu Attila dem Hunnenkönig) wild und unsicher und misogyn um sich schlagend mit Emanzenphrasen durch die Gegend werfen und letztdendlich ihre Ziele nicht vertreten, sondern sich kleinlaut fügen, um final doch der Gruppe zu gefallen. Genau, erst auf Krawall und Konfrontation gebürstet und dann umgedreht. Ist das die Botschaft? Es wäre schön gewesen, wenn die Autorin ihre Emanzenschablonen der 80er-Jahre (junge unsichere agressive Emanze, die sich noch selbst finden muss/ versus alte hässliche, spassbefreite, untervögelte, beziehungsunfähige Emanze, die ihr Leben ohne Mann weggeworfen und verschwendet hat - mehr Protoypen gabs nicht) in der Lade gelassen hätte und eine moderne junge, intelligente und auch humorvolle Feministin geschildert hätte, die es heute zu Hauf gibt und die tatsächlich dem Team um Leo Lang ein paar wichtige Dinge beigebracht hätte. Konflikte im Team würzen zwar normalerweise einen Krimiplot aber dieses konstruierte Emanzen-Schattenfechten ist nur platt, stereotyp unschön und leider langweilig.

Ach ja die Auflösung des Falls ist auch recht mau. Die Vermutungen des Teams bezüglich Motivlage haben sich zwar bestätigt, die konkrete Person des Täters stellt sich aber dann nicht so vordergründig heraus. Insofern war das der einzige Mini-Faktor, der nicht allseits bekannt und vorhersehbar war.

Fazit: Das war diesmal definitiv kein Krimi für mich.

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review 2020-02-03 09:57
Cybermobbing im Tunnelblick: An der Oberfläche gekratzt und schlecht recherchiert
Cyberneider - Natascha Kampusch

Ich war schon äußerst gespannt auf das neue Buch von Natascha Kampusch, denn durch ihre Situation nach der Befreiung aus dem Kerker war sie ja eines der ersten Opfer einer Cybermobbing Kampagne. Deshalb kann sie natürlich aus der Sicht einer Betroffenen auch einiges zu diesem interessanten Thema beitragen. Außerdem habe ich Ihr erstes Buch 3096 Tage, das ich direkt vor diesem Werk zu Einstimmung gelesen habe, sowohl inhaltlich als auch sprachlich sehr gut gefunden.

 

Leider erschöpft sich der Inhalt dieses Sachbuchs zum Thema Cyberneider nahezu völlig in Hinsicht auf ihren persönlichen Bezug, was bei der oben genannten Biografie sehr erwünscht, bei einem themenbezogenen Sachbuch aber einfach viel zu wenig substantiell ist. Es werden fast ausschließlich Kampuschs persönliche Geschichte und kleine Gschichteln, die bekannten Online-Influencern passiert sind, im charmanten Plauderton total oberflächlich präsentiert. Nahezu den gesamten Rest, den ein Sachbuch ausgehend vom persönlichen Bezug des Autors zu diesem Thema sonst noch aufweisen sollte, sucht man als Leser*in vergeblich.<!--more-->

 

Da fehlen ganz dringend und unbedingt benötigt gut recherchierte und in einfacher Sprache präsentierte, auch Laien zugänglich gemachte Fakten zu Rechtslage, obwohl ein Rechtskapitel durchaus existiert. Natascha Kampusch will eigentlich Journalistin werden, hat sich für dieses Buch aber nie die dringend notwendige Mühe gemacht, zum Beispiel die Online Juristin und Spezialistin Maria Windhager eingehend zu diesem Thema zu befragen. Immer wenn Inhalte zwingend in die Tiefe gehen müssten, schummelt sie sich mit nichtssagenden Allgemeinplätzen und platten Attitüden über die notwendigen Details hinweg.

 

Sogar Stefan Slupetzky konnte in seinem neuen Krimi Im Netz des Lemming kurz und knackig für jeden verständlich auf Seite 68 den ersten problematischen Knackpunkt der aktuellen Gesetzeslage in den Krimiplot einbauen. Cybermobbing kann leider selten als eine gefährliche Drohung angezeigt werden, nur wenn sie massiv genug wäre und in einer größeren Öffentlichkeit als nur von zwei Personen bezeugt werden kann, wird die Staatsanwaltschaft aktiv. Ein Online Protokoll gilt leider nicht. Cybermobbing kann erst dann als Stalking verfolgt werden, wenn der gleiche Mobber mehrmals aktiv wird. Da aber solche Personen teilweise einige Usernamen verwenden, beziehungsweise eine Gruppe von unterschiedlichen realen Mobbern sich sogar abspricht und abwechselt, ist diese Mehrmaligkeit auch meist nicht gegeben. Also ist keine der Taten ein Offizialdelikt, sondern wir haben es mit einer Ehrenbeleidigung zu tun, was zur Folge hat, dass als Privatanklagedelikt die Polizei und der Staat nicht von sich aus tätig werden. Zudem sind die Strafen lächerlich und die Opfer tragen als Privatkläger das Risiko der Gerichtskosten.

 

Auch der Fall Sigi Maurer wird von Kampusch im Plauderton vorgestellt, auf das eigentliche Fehlurteil in erster Instanz, die Beweislastumkehr, wird aber wieder überhaupt nicht eingegangen. Sigi Maurer hätte nicht beweisen müssen, dass der Craftbeer-Shop-Betreiber schuldig ist, sie beleidigt zu haben, sondern der Bierverkäufer hätte als Kläger beweisen müssen, dass er unschuldig ist. Hier wäre erneut ein Interview mit der Anwältin Windhager vonnöten gewesen, denn sie vertritt Sigi Maurer und einige andere Opfer in diesen internerechtlichen Fällen. Wer diesen Fall, in dem die österreichische Politikerin der Grünen, Opfer von Online Mobbing und zusätzlicher Bedrohung auf der Straße, vor Gericht zur Täterin bezüglich Rufschädigung gemacht wurde, nur weil sie die Originalnachrichten des Mobbers und Bedrohers veröffentlichte, nicht verfolgt hat, kann hier die genaue Geschichte recherchiert von Margarete Stokowski nachlesen.

 

Konstruktive Vorschläge für Betroffene zum Krisenmanagement im Fall von Cybermobbing sind überhaupt nicht vorhanden. Es wird sogar von wirksamen Methoden - wie das Blocken - durch Natascha Kampusch expliziert abgeraten. Das Gruppenblocken (Chain Blocking) mittels Softwaretools von Cybermobbern auf Twitter ist eine sehr wirksame Methode, einem über eine Einzelperson herfallenden (organisierten) Mob Einhalt zu gebieten. Ihre Namensvetterin Natascha Strobl, Rechtsextremismusexpertin und mobbingmäßig im Dauerbeschuss, kann hier schrittweise sinnvolle Methoden aufzeigen, wie sie einen Angriff des mit dem Welt-Journalisten Don Alphonso sympathisierenden rechten Mob durch solche Tools erfolgreich abgewehrt hat. Erneut hat Kampusch hier nicht recherchiert und verbreitet sogar als Rat für die Opfer sehr kontraproduktiv Blödsinn. Den detaillierten Prozess eines solchen Shitstorms und die gut funktionierenden Gegenmaßnahmen eines agierenden Betroffenen, der sich auch wehren kann, findet Ihr hier detailliert beschrieben. Aber jetzt höre ich schon auf, als Fleißaufgabe einen unerlässlichen Teil dieses Buches selbst zu schreiben.

 

Was mich am meisten bei diesem Werk genervt hat, ist dieser naivdümmliche Zugang zum Thema. Alles was hier gebetsmühlenartig wiederholt wird, ist, dass Mobbing böse ist und dass wir uns doch alle liebhaben sollten. Echt jetzt, so wollen wir mit dem Thema und mit Betroffenen umgehen? Keine Info, wie man sich juristisch effektiv wehren kann, beziehungsweise welche Gesetze geändert werden müssen?. Für Mobbingopfer nur ein bisschen Mitgefühl, den Rat durchzutauchen und den Kopf einzuziehen, es durchzustehen und sich nicht durch zu Chain-Blocking zu wehren? Das ist einfach zu wenig.

 

Und dann, nachdem hier so viele schmerzliche essentielle Lücken zu der Problematik des Cybermobbings klaffen, auch noch so viel zusätzliches Blabla vollständig am Thema vorbei. Wobei dieser Umstand Kampusch durchaus aufgefallen ist, und sie spricht das in den komplett überflüssigen Kapiteln zur Social Media Werbung, zum Gaming, zur Politik … auch an, schreibt aber trotzdem munter ausführlichst an diesen Abschnitten, die mit Cybermobbing nichts zu tun haben, weiter.

 

Bevor ich das Buch schon als komplett nutzlos in die Ecke schleudern und mich über meine gestohlene Lesezeit, ergo Lebenszeit ärgern wollte, kam die Autorin doch noch mit zwei winzigen Nutzeneffekten um die Ecke. Sie recherchierte aus Anwendersicht in den einzelnen wichtigen Social Media Kanälen, wie schnell beziehungsweise wie umständlich die User Informationen und Hilfe zum Thema Cybermobbing im Anlassfall bekommen. Weiters gibt es am Ende eine nicht ganz uninteressante Linkliste, in der sich unter anderem auch einige Meldestellen und Hilfsorganisationen für Mobbingopfer befinden.

 

Fazit: Dieses Sachbuch hat zum Mobbing nichts Substantielles zu berichten. Von mir gibt es also auf keinen Fall eine Leseempfehlung. Wer ein glühender Fan von Natascha Kampusch ist, kann vielleicht mit der ausschließlich persönlichen und tunnelartigen Sicht der Autorin auf das Thema ein bisschen etwas anfangen, gelernt hat die Person auf jeden Fall nichts Wesentliches. Wer Natascha Kampusch als Person genauer kennenlernen möchte, sollte besser Ihren Bericht 3096 Tage lesen, der ist nämlich wirklich gut.

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review 2020-02-03 07:18
Sehr gut erzählter Fall
3096 Tage - Natascha Kampusch

Wie Ihr wisst, und wie ich schon öfter dargelegt habe, interessiere ich mich für solche Themen nicht aus Sensationsgier, sondern aus einer pschologischen Sicht. Wenn Aufregerbücher dieser Art auf den Markt kommen, lasse ich mir auch immer Zeit mit dem Lesen, bis der Hype und der Skandal bezüglich solcher Werke in der Öffentlichkeit abgeebt ist, um das Buch abseits der Sensation und der Diskussion darüber einfach so zu bewerten, wie es ist. Das ist nun bei <i>3096 Tage</i> sehr gut möglich. Weiters habe ich das Buch als Einstimmung zu Natascha Kampuschs neuestem Werk <i> Cyberneider</i> gelesen, um die Autorin auch kennenzulernen. Die Rezension zu <i>Cyberneider</i> geht übrigens Anfang Februar online.

Was schon auf den ersten Seiten von <i>3096 Tage </i> ins Auge springt, ist der Umstand, dass sich Kampusch mit der Formulierung ihrer Biografie von der Journalistin Corinna Milborn und Heike Gronemeier hat helfen lassen. So etwas finde ich eine ausgezeichnete Idee, vor allem auch die Wahl ihrer Helferinnen wurde exzellent ausgeführt und sticht angenehm hervor im Meer der prominenten Dilettanten, die sich Ihr Buch entweder so schlecht und recht selber schreiben oder einen Journalisten beauftragen, der auch nicht strukturiert schreiben und gut formulieren kann.

In diesem Fall wird das Werk tatsächlich sprachlich zu einem Gedicht. Alleine wie die Vorstadt von Wien und die Siedlung am Rennbahnweg beschrieben wird, das ist so gut und lyrisch, als obs aus einem Roman wär.

Inhaltlich habe ich wirklich detailliert erfahren, was ich alles wissen wollte und auch in einem Stil, der für mich sehr adäquat war. In keiner Situation oder Beschreibung wirkt diese Biografie aus der  Sicht des Opfers larmoyant oder selbstmitleidig, im Gegenteil, Kampusch versucht wirklich alles möglichst sachlich und abgekoppelt von ihren derzeitigen Emotionen zu beschreiben, obwohl sie ihre eigenen Gefühle zum Zeitpunkt des Kerkers der Leserschaft schon vermittelt, aber eben sehr analytisch. Manchmal übertreibt sie auch ihren Beobachtungsposten auf sich selbst und wirkt teilweise wie ihre eigene Psychiaterin, die mit dem dementsprechenden ganz schön komplexen psychoanalytischen Fachvokabular um sich wirft, das sie sich nach ihrer Befreiung offenbar angeeignet hat, um zumindest intellektuell zu verstehen, was in der Welt des Täters eigentlich vorgegangen ist. Das klingt dann für die Leser bei all den recherchierten Fachbegriffen und psychischen Mustern manchmal etwas zu überkandidelt, aber ist eben auch eine sehr interessante Bewältigungsstrategie von Kampusch, das völlig Unverständliche irgendwie zumindest psychiatrisch zugänglich zu machen und zumindest ein bisschen zu erklären. Bei all dem bleibt sie aber authentisch und sie selbst - nicht als gefangenes kleines Mädchen und als Opfer, sondern als erwachsene reflektierte und distanzierte Frau, die ihre Lebensgeschichte Revue passieren lässt.

Im Detail ist die Täteranalyse, die dabei zustandekommt, richtig brilliant, aber auch die Überlebens- und Gegenstrategien von Kampusch sind sehr interessant zu lesen. Ein paar Mal entstehen Redundanzen im Werk, zum Beispiel, wenn sich Kampusch von der Öffentlichkeit nicht zum Opfer mit Stockholmsyndrom machen lassen will. Alle Redundanzen, die mir aufgefallen sind, waren aber eher ein Mantra für sich selbst, der unbelehrbaren Öffentlichkeit mehrmals zu versichern, wie Kampusch gewisse Situationen interpretiert haben möchte. Oft wurde ihr von der Journaille nämlich nicht zugehört und wie wild sensationsgeiler Schwachsinn spekuliert, was teilweise sogar bis in die Gegenwart anhält, deshalb muss sie das eben mehrmals richtigstellen.

Auch die von der Presse in den Dreck gezogene Beziehung zu ihren Eltern wird genau definiert und ehrlich mit den Problemen aber auch mit viel Liebe und Verständnis analysiert- so wie viele Kinder hatte Kampusch präpubertäre Ablösungstendenzen von der Mutter und gröbere Probleme mit der Scheidung ihrer Eltern.

<b>Fazit:</b> Chapeau, Frau Kampusch, für dieses Buch, es ist sehr gut erzählt und sticht auch qualtitativ hervor, Respekt vor Ihrer Person, Ihrer Geschichte und wie Sie damit umgegangen sind.

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review 2020-01-09 10:40
Ostblockzusammenbruch und Beziehungen im Wandel
Ich wollte kein Lenin werden - Dora Čechova

Ich möchte Euch erneut zeitgenössische Literatur von unseren direkten östlichen Nachbarn vorstellen. Tschechien ist ja bei sehr vielen Lesern abseits der zwei großen Ks Kafka und Kundera nahezu Terra incognita. Es gibt aber sehr viel Gutes in unserem Nachbarland zu entdecken.

 

Ein derartiges Werk, das es auch wert ist, von deutschsprachigen Lesern erforscht zu werden, sind diese drei Kurzgeschichten, die sich vor allem mit Beziehungen beschäftigen und von Dora Cechová im Rahmen der Verlagsreihe Tschechische Auslese verfasst wurden.

 

Die erste Geschichte Sommeräpfel beginnt schon einmal grandios und ist eine kritische Auseinandersetzung mit den Benesch-Dekreten und deren Auswirkungen, die diese auf ein gemischtes tschechisch-deutschstämmiges Paar haben. Ulrike wird als sehr junge Frau aus Tschechien nach Deutschland vertrieben, ihre große Jugendliebe Frantisek und sie kommen nie über dieses abrupte Auseinanderreißen hinweg. Obwohl sie eigene Familien gründen, bleiben sie einander im Geiste verbunden, irgendwie auch in einer fiktiven Beziehung verhaftet und können sich nie wirklich komplett auf neue Partner einlassen. Als 1989 der eiserne Vorhang fällt und erstmals die Möglichkeit besteht, sich wieder zu sprechen, zu treffen und zu sehen, sind beide wieder Single. Sie nutzen daher die Gelegenheit, an Vergangenes anzuknüpfen, was vorerst scheitert, denn sie sind sich fremd geworden. Trotz allem gibt es aber als Überraschungseffekt dennoch ein Happy End in dieser Liebesgeschichte.

 

Die zweite Kurzgeschichte Ich wollte kein Lenin werden ist inhaltlich recht kurios und sehr anrührend. Ein junger Student zieht zwecks Ausbildung vom Dorf am Schwarzen Meer nach Moskau. Als sein Studium beendet ist, bekommt er keinen adäquaten Arbeitsplatz und verdingt sich auf dem Roten Platz als Lenin-Darsteller. Seiner Mutter, die sehr viele Entbehrungen für die Ausbildung ihres Sohnes auf sich genommen hat, schildert er in höchsten Tönen ein erfolgreiches Berufsleben in seiner erlernten Branche und seine perfekte Beziehung, die bedauerlicherweise in der Realität auch sehr problembehaftet und abgekühlt ist. Als die Mutter die Hauptstadt Moskau besucht, küsst sie dem perfekten Lenindarsteller am Roten Platz, den sie nicht als ihren Sohn erkennt, die Hand und bedankt sich bei Väterchen Lenin für ihr Kind. Als sie am Abend ihren Sohn und seine Lebensgefährtin besucht, hat dieser sein Leninaussehen komplett abgelegt und spielt der Mutter das perfekte Theater vor. Die Scharade bringt aber etwas Nähe in die völlig erkaltete Beziehung des Paares. Am Ende der Geschichte fehlt leider von der Dramaturgie her ein bisschen der Spannungsbogen, insbesondere ein definitives, interessantes Ende.

 

In der dritten Story Der letzte Russe sucht sich die sehr pragmatische Jarmila einen russischen Soldaten, Tolja, den sie direkt aus der Kaserne in ihrem tschechischen Dorf abgeholt hat und der ihr auf dem Hof helfen soll. Da die russischen Besatzungssoldaten in den Brüderländern nicht unbedingt beliebt sind, verbirgt sie Tolja vor der Öffentlichkeit und ist auch die einzige Schnittstelle zur Kaserne. Sie macht ihm vor, dass er von niemandem vermisst wird. Nach und nach entwickelt sich in den Jahren aus der ursprünglichen Zweckgemeinschaft eine Liebesbeziehung. Inzwischen ist der Ostblock zusammengebrochen, die Kaserne wurde aufgelöst, die Soldaten nach Russland zurückbeordert und Tolja hat in seinem Beziehungskokon nicht die blasseste Ahnung davon. Als ein Exfreund von Jarmila in diese Idylle einbricht, auf das vor Ewigkeiten gegebene Heiratsversprechen pocht, die Beziehung des Paares zerstören und zu diesem Zweck Tolja nach Russland abschieben lassen will, kämpft Jarmila sehr überraschend mit recht ungewöhnlichen Mitteln darum, ihr gewohntes trautes Glück zu erhalten. Das Ende ist übrigens grandios.

 

Bis auf die zweite Geschichte, in der mir das Ende zu lapidar und unausgegoren war, weisen alle Stories trotz ihrer Kürze einen ausgezeichneten Spannungsbogen mit großartiger Dramaturgie auf. Die Figuren sind allesamt sehr liebevoll entwickelt und die angesprochenen Themen von Beziehungen im Wandel und in den Wirren des Umbruchs im Ostblock sind ein spannendes Feld, das meiner Meinung nach ohnehin noch viel zu wenig in deutscher Sprache übersetzt, aufgearbeitet und veröffentlicht wurde. Insofern ein wundervoller literarischer Beitrag für zeitgenössische tschechische Literatur.

 

Bezüglich Fabulierkunst verstehen sowohl die Autorin als auch die Übersetzerin ihr Handwerk ausgezeichnet. Sehr charmant finde ich auch, dass in der Reihe immer die Biografie der Übersetzer*in gleichwertig neben der Autorenbio angeführt wird. Endlich einmal eine faire Würdigung dieser so wichtigen Arbeit.

 

Fazit: Sehr lesenswert – ich habe letztes Jahr zwar ein noch grandioseres Werk im Rahmen der Reihe auf dem Blog besprochen, aber auch diese Kurzgeschichtensammlung von Dora Cechová erhält von mir eine absolute Leseempfehlung.

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review 2019-12-11 13:17
Langatmige Telenovela Schmonzette
Wenn ich jetzt nicht gehe: Roman - María Dueñas,Petra Zickmann

Was für eine Lese-Qual war dieses langatmige Abenteuerbuch fast ohne Abenteuer, diese furchtbare Schmonzette. Ich fragte mich die ganze Zeit, was die Spanier so an dieser Autorin und ihrer Art zu erzählen finden. Dramaturgisch hat dieses Werk die Qualität einer Telenovela mit gefühlten 1000 Folgen, die Handlung ist alles andere als rasant, es passiert sehr wenig aber es zieht sich ewig laaang. Sprachlich hatte ich ohnehin keinen Anspruch an dieses Werk. Ständig zählte ich die Seiten, die ich noch lesen musste, aber wegen der Autorinnenchallenge habe ich bis zum Ende durchgehalten.

Am Ende ist ist der beinharte Abenteurer auch noch in einer romantischen schmalzigen Verwicklung gefangen, ihm schlottern die Knie und Schmetterlinge flattern im Bauch - wäh das ist furchtbar und total glaubwürdig (Ironie off). Ganz zum Schluss wollte ich aber dann auch wie bei einem Autounfall, bei dem man nicht wegschauen kann, wissen, wie die Autorin die gesamten Intrigen auflöst.

Fazit: Wer kein Spanier ist und Telenovelas nicht liebt, sollte tunlichst die Finger von diesem Buch lassen.

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