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review 2018-11-30 09:08
Ein kräftezehrender Abstieg in die Tiefen der deutsche Seele
Kindheitsmuster (Broschiert) - Christa Wolf

Dieses Werk von Chista Wolf polarisiert offensichtlich sehr stark zwischen völliger Begeisterung und totaler Ernüchterung und ehrlich gesagt konnte ich persönlich beide Positionen gleichermaßen nachvollziehen, wodurch sich meine Beurteilung konkret in der Mitte manifestiert.

Stilistisch und erzähltechnisch war es extrem mühsam, so indirekt, so verkopft, so verklausuliert durch die vielen fiktiven Figuren, Rückblenden und auch durch die massiven Gedankensprünge. Am schlimmsten habe ich die Plotkonstruktion empfunden, diese fiktive Biografie dieser Abstand zu den Figuren diese Selbstanalyse (sowas kann ich gar nicht ausstehen) und diese 3-5 Zeitebenen in fast jedem Absatz (Krieg, 74 und dazwischen).

Aber so mühsam ich mich durchquälte, muss ich der Autorin schon den Verdienst lassen, dass dieser unsägliche Stil nicht (ausschließlich) dazu da wäre, den Leser böse zu quälen, sondern auch eindeutig eine Botschaft vermittelt: die Zerrissenheit, die Verdrängung und die Schizophrenie dieser Generation. Dadurch zieht sie auch einen Bogen von der Kriegsgeneration bis in die Jahre von 1975.

Wenn das ganze Werk jetzt auch noch intellektuell eitel wäre, indem es diesen Stil vermittelt, hätte ich die Autorin eh schon böse abgestraft, aber ich nehme Christa Wolf zudem ab, dass sie eben als Kind dieser Zeit so kompliziert ist und mir das authentisch präsentiert.

Ja so schätze ich ihren Roman ein: intellektuell spröde, verschachtelt, ein Werk, in dem man das Gefühl hat, im Hirn bzw der Imagination der Frau Wolf zuerst Tonnen von Masken, Schichten und Spinnweben wegzuräumen, bis man zu Pudels Kern kommt. Und das ist auch das, was sie mir von dieser Generation mitgegeben hat. Einen Ausbund an Verdrängungmechanismen, die erst durch einen Schlagbohrer entfernt werden mussten, um die Essenz der Protagonistin - beziehungsweise, da sie ja so umfassend Personal einführte -  die Essenz des des gesamten Deutschen Volkes freizuschrammen. Und das macht sie schmerzhaft mit jeder einzelnen verdammten Stimmung: Begeisterung, Sportsgeist, Heldenverehrung, Lehrerverehrung, Hitlerverehrung, Corpsgeist, Abwertung von anderen, Umwandlung von Angst in Hass, Verrohung und Herabsetzung von Ausländern, Armen und kranken Menschen, Flüchtlingen ... . Im Prinzip wird in einem Rundumschlag eine jede Gefühlsregung des Deutschtums seziert, auseinandergenommen und auf die Familie der Protagonistin übertragen. Dies gibt mir als Leserin auf sehr beschwerliche Weise ein tiefes Verständnis des Deutschtums und wie so etwas passieren konnte.

Ob sich die Mühe gelohnt hat, ist nun der Knackpunkt, und da bleibe ich bei fivty-fivty. Ein bisschen zu lang hat mir die Anstrengung schon gedauert, wenn ich einen Monat für ein Buch brauche und dann auch noch eine kleine Pause dazwischen, weil ich es nicht mehr aushalte. Lesen sollte zwar nicht nur Vergnügen bereiten, aber nur Qual ist auch ein bisschen zu viel. Ich gehöre nicht zu den Literaturflagellanten.

Fazit: Die Botschaft des Romans ist gut und bei mir angekommen. Der Weg über den Dachboden des Geistes und der Imagination der Protagonistin und der Autorin war mir aber ein bisschen zu staubig.

P.S.: Ach ja  dann habe ich auch noch einen kapitalen intellektuellen Schnitzer in dem so auf intellektuell getrimmten Werk gefunden. "Im Jahr der Olympiade", ein Oxymoron, wo es doch 4 Jahre sind. Erwischt Frau Wolf, erwischt Surkamp Lektorat!

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review 2018-11-19 10:32
Bausatz und Anleitung für die Liebe – ohne Schrauben, auf Schwedisch*
Lieben!: Über das schönste Gefühl der Welt – für Anfänger, Fortgeschrittene und Meister - Rotraut A. Perner

Eine psychotherapeutische Abhandlung und Betrachtung über die Liebe, Liebesfähigkeit und Liebesbeziehungen fand ich schon immer sehr spannend, viel interessanter als den philosophischen Blickwinkel. Insofern war ich schon sehr neugierig auf das Buch meiner Lieblingstherapeutin, die sich auch noch ab und an sehr erfolgreich als Journalistin in meiner vielgeliebten Straßenzeitung Augustin betätigt, denn auf Grund der Qualität ihrer Reportagen wusste ich zudem, dass sie gut und pointiert zu formulieren vermag.

 

Im ersten Kapitel Lieben für Anfänger startet sie auch schon sehr ambitioniert und analysiert die kindliche Prägung von Liebe. Gut erklärt, recht strukturiert aufgebaut und spannend aufbereitet thematisiert sie, wie die Erziehung der Eltern bereits vom Mutterleib über die frühkindliche Prägung bis zur Pubertät die Liebesfähigkeit im Erwachsenenalter beeinflusst und warum, beziehungsweise inwiefern, schon in dieser Phase bei vielen Menschen bezüglich der Defizite beim Thema Liebesfähigkeit im Erwachsenenalter der Hund begraben liegt, der nur mit einer ausreichenden Auseinandersetzung und Therapie wieder repariert werden kann.

Bereits in dieser Phase bemerkte ich jedoch etwas konsterniert, dass Begriffe nicht im Text, sondern in Endnoten – also am Ende des Buches – erläutert wurden, und der Leser somit für eine ausreichende, eigentlich gar nicht so in die Tiefe gehende Auseinandersetzung mit dem Thema vor und zurückblättern musste. Versteht mich nicht falsch, wir reden hier nicht von Fuß- / Endnoteninformationen wie Quellen oder fade wissenschaftliche Definitionen, sondern tatsächlich von essentiellen therapeutischen Erklärungen, die eigentlich der Fließtext unbedingt liefern sollte.

 

Hält sich diese konzeptionelle Unsitte und rezensionsmäßige Katastrophe im Kapitel Lieben für Anfänger in homöopathischen Dosen noch in einem gewissen Rahmen, so entgleitet und eskaliert dieser Irrsinn (sorry für diese nicht therapeutische falsche Metapher sie fungiert hier vielmehr als literarische Übertreibung) in den folgenden Kapiteln total. Wenn ich auf einer kleinen Seite bis zu fünf Mal hin und her blättern muss, hört sich der Spaß und somit auch der Lesegenuss auf, so eine Struktur hat im sequentiellen Medium Buch einfach nix verloren. Vor allem weil ich im Jahr ca. zehn Fachtexte und wissenschaftliche Abschlussarbeiten betreue, lese und bewerte, kann ich so etwas wirklich sehr gut beurteilen.

 

So habe ich im Kapitel Lieben für Fortgeschrittene, in dem es um Paarbeziehungen ging, irgendwann einmal aufgegeben zu blättern, weil es mir einfach zu mühsam war und ich mich von einer schlechten Struktur nicht verarschen lasse – und – welche Überraschung – mir fehlten wirklich wesentliche Inhalte, die mir die Konzepte und Gedanken der Autorin erläuterten. Die herangezogenen Analogien, die zu weit hergeholt waren, die nicht erklärten Konzepte und die an den Haaren herbeigezogenen bzw. aus der Mottenkiste hervorgekramten Zitate aus Musik, Literatur, Philosophie etc. prasselten blitzlichtartig im Telegrammstil auf mich ein.

Je weiter man von der Lichtquelle über uns entfernt ist, desto größer ist der Schatten, erst wenn man direkt unter ihr steht, wirft man keinen mehr weil man ihn integriert.

Heute kommen zu diesen üblichen mahnenden Besserwissern die schnell „laufenden Bilder“ (movies) aus Film und Fernsehen dazu (damit dem Publikum nicht langweilig wird und es einen anderen „Sender“ – im Doppelsinn des Wortes – sucht. Sie sind beteiligt an dem Phänomen der „ruhelosen“ (Buchtitel von Vance Packard), „beschleunigten“ (Buchtitel von Peter Glotz) oder „flüchtigen“ Gesellschaft (Buchtitel „Flüchtige Moderne“ von Zygmunt Baumann), in der viele Gefühle „auf der Strecke bleiben“ – denn Fühlen braucht Zeit.

Man beachte, dass weder die Autorin noch das Lektorat bei diesem Einschubwahnsinn den Überblick über die aufgerissenen Klammern behalten konnte, denn die Klammer vor dem Wort damit in der zweiten Zeile wird niemals geschlossen.

Wenn man dann aus diesem abgebrannten Feuerwerk an nebensächlichen, aber intellektuell eitlen Belanglosigkeiten aus anderen Genres und schlechten Strukturmerkmalen einmal den psychotherapeutischen Nukleus extrahiert, kommen schon spannende Erkenntnisse aus den unterschiedlichst kranken und gesunden Paarbeziehungen heraus, aber dieser ist derart völlig verschüttet, dass er erst mühsam aufgestöbert und vom ganzen Tand befreit, beziehungsweise fast schon mit dem Hochdruckreiniger gesäubert werden muss.

 

Ehrlich gesagt habe ich im dritten Kapitel – Lieben für Meister*innen dann ob der oben genannten Mühsehligkeiten geistig ein bisschen abgeschaltet und kann nur mehr sagen, dass hierzu dann viel Osho (Bhagwan)- und Tantrageplänkel bei mir eben genau nicht hängengeblieben ist, denn bei diesem Thema schalte ich sowieso auf Durchzug. Den Rest des meisterlichen Liebens habe ich leider vergessen. So werde es auch im Alter bedauerlicherweise nie zur Meisterschaft in dieser Disziplin bringen ;-)

 

Fazit: Eigentlich recht gute Inhalte, die durch eine total verhunzte Struktur und durch einen unsäglichen Stil total schlecht präsentiert werden.

 

*das ist ironisch gemeint – nichts gegen die schwedischen Bedienungsanleitungen

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review 2018-11-12 05:05
Royale Dachschäden von Klein bis Groß
Habsburgs schräge Vögel - Gabriele Hasmann

Eines gleich vorweg über dieses Habsburger-Sachbuch: Es hat keine historische Struktur, und trotzdem hat es mich hier gar nicht gestört. Die Autorin Gabriele Hasmann präsentiert im Plauderton eine wundervolle Sammlung von teilweise mir bekannten aber auch vielen unbekannten Anekdoten über die Habsburger. Da sie nach der Art des „Dachschadens“ von der kleinen Marotte bis zur ernsthaften pathologischen Störung strukturiert und damit quer durch Jahrhunderte und Verwandtschaftslinien springt, ist somit ein chronologischer Aufbau überhaupt nicht gewährleistet. Für mich war diese etwas schräge Struktur kein Störfaktor bei der Rezeption, denn ich wusste meist ganz genau, wer wann wie mit welcher Verwandtschaft gemeint ist, da ich im österreichischen Geschichtsunterricht ohnehin sehr viele Haupt- aber auch Nebenlinien der kaiserlichen Familie lernen musste.

 

Hasmann präsentiert in einzelnen Kapiteln: Aberglauben, Magie und Hellsicht, Sado-Maso-Persönlichkeiten, echten Wahn und Wahnsinn, Ticks und Zwangsneurosen, Phobien und Süchte, Narzissmus, Dominanz und Fanatismus versus Laissez-faire, Lug, Betrug und Schurkenstücke und schlussendlich auch noch die sexuellen Eskapaden bzw. amourösen Auffälligkeiten.

 

Irgendwie ist das fast so, als könnte der Leser unter dem intellektuellen Deckmantel der historischen Forschung wie ein lüsterner Paparazzo und Boulevardmedienschreiber in die Stuben und Schlafzimmer der gekrönten Häupter schauen und einfach schamlos auch noch darüber tratschen und Witze reißen. Ich gestehe, da ja alle schon tot sind und es keinem mehr schadet, genieße ich mitunter so eine voyeuristische Nabelschau auf ganz tiefem Niveau sehr. Schließlich muss man sich ja auch mit den Schattenseiten der österreichischen Geschichte befassen ;-)

 

Die Anekdoten waren wie gesagt teilweise ganz neu: Zum Beispiel wurde das Geheimnis von 007 gelüftet, der wahre Van Helsing identifiziert (das wusste ich schon) und die amourösen Abenteuer des Mannes von Maria Theresia mit seinem besten Buddy, Giacomo Casanova, durch das Hurenviertel am Spittelberg und durch die Bums-Droschken geschildert, inklusive wütender Gegenmaßnahmen der Ehefrau.

Es gab auch eine derart abgefahrene Story über mehrere afrikanische Menschen (Mohren), die dem Kaiser geschenkt wurden und die infolge der ungewohnten Kost und des Klimas nicht lange überlebten. Der Kaiser ließ ihnen die schwarze Haut abziehen und stellte sie als Figuren gekleidet und geschmückt aus. Da viele starben, hatte er bald eine ganze Rotte von Schwarzen beisammen.

 

Auch die – wie soll ich es höflich formulieren – extrem hässlichen Habsburgermerkmale, die sich durch die andauernde Inzucht gleichsam wie der Wahnsinn in manchen Linien vervielfachten, wurden von der Autorin mit spitzer Zunge erläutert. Im Rahmen des pathologischen Irrsinns war der Wurm schon seit dem 16. Jahrhundert in der Genetik der Familie durch die spanische Linie, respektive durch „Juana la Loca“, verankert.

 

Eine Geschichte hat mich am meisten verblüfft: Maximilian, der Kaiser von Mexiko, wurde offensichtlich nur zum Schein exekutiert, zumindest ist bewiesen, dass die neue Republik nicht seine Leiche überführt hat und ein Bürgerlicher in Salvador namens Justo Armas dieselbe Handschrift hatte.

 

Ach ja, im Kapitel Völlerei gibt es ein Rezept für Krebsgermnudeln, die Leibspeise von Maria Theresia. Das möchte ich unbedingt mal kochen.

 

Fazit: Für Anfänger im Hause Habsburg leider etwas verwirrend, wenn man auf historische Chronologie Wert legt. Für Profis in diesem Bereich und für Royal Watchers, die auf sensationelle Geschichten abzielen, aber doch sehr vergnüglich.

 

P.S.: Eine Kleinigkeit ist mir noch aufgefallen. Der Verlag hat sich beim Coverbild von Leopold I. noch eine kleine Impertinenz einfallen lassen. Die hässlichen, wulstigen Habsburgerlippen wurden mit Folie oder Lack überzogen und springen dadurch dem Leser förmlich ins Auge. Das ist sooo böse und köstlich! :D

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review 2018-10-14 07:17
Tierische Zaungäste bei Vertreibung und Folter
Regen in Moskau - Zsuzsa Selyem

Dieser außergewöhnliche, recht gute und sehr kurze Roman von Zsuzsa Selyem handelt von der Vertreibung und Folter der ungarisch-stämmigen, ehemals wohlhabenden rumänischen Familie Beczásy vom zweiten Weltkrieg bis zum Jahr 1989. Leider hat die Geschichte für mich persönlich nicht ganz so gut funktioniert, da ich aus mangelnden historischen Kenntnissen des Landes und der Lage die vielen indirekten und vagen Andeutungen nicht alle verstehen konnte. Ein Kenner dieser geschichtlichen Hintergründe würde aber sicher begeistert sein. Fast könnte man meinen, die Zensur säße der Autorin noch immer im Nacken, so verklausuliert werden die historischen Ereignisse kommentiert und im Roman angesprochen.

 

Selbstverständlich habe ich mich redlich bemüht, meine Wissenslücken über Google und Wikipedia aufzufüllen, dennoch wurde ich bei vielen dieser indirekten Verweise und Allegorien einfach nicht fündig. So wird beispielsweise auch die Geschichte und die Gerüchte über Ana Pauker, die angeblich ihren Ehemann auf dem Gewissen hat, im Web auch nicht näher erläutert, obwohl natürlich Hinweise existieren. Wie literarisch verklausuliert die historischen Ereignisse im Roman beschrieben werden, zeigt folgendes Beispiel von Tschernobyl, das zumindest jeder in meiner Generation im deutschsprachigen Kulturkreis aus dem Gedächtnis ohne zu Hilfenahme von Lexika identifizieren kann.

Noch ein bisschen Knattern, Melodie, satter Sprecher, dass sowjetisches Atomkraftwerk fertig ist, soi-disant eine Errungenschaft, das sagt der sozialistische Sprecher. Erbärmlich jeden Errungenschaft, für ein paar Jahre Natur besiegt, dann hat sie alles zurückgenommen, dabei sterben Kinder von Strahlung, schicken sie heldenhafte Liquidatoren hin, auch sie sterben von Strahlung …
(Die Orthografiefehler sind der Rolle der Figur geschuldet und passen in diesem Fall punktgenau.)

 

Jetzt stellt Euch mal die Situation vor, die historischen Ereignisse und deren Ablauf überhaupt nicht genau zu kennen, und keine Erläuterungen oder klare Anhaltspunkte zu bekommen, welches Ereignis denn gemeint ist, dann wisst Ihr, wie ich mich oft gefühlt habe. Als wäre ich in einer Community, in der alle dieselben Bücher gelesen haben, von denen ich keinen blassen Schimmer habe. Alle reden in Andeutungen und ich verstehe meist nur Bahnhof. Fast ist es, wie einen Nostradamus-Text zu interpretieren, man könnte auch etwas ganz anderes herauslesen. Im Klappentext – und nur dort – werden die politischen Fakten aber so glasklar angesprochen, dass man auch als deutschsprachiger Leser zumindest weiß, was gemeint ist. Ihr könnt Euch meine Überforderung mit diesem Werk nun ungefähr ein bisschen vorstellen, die aber nichts über die Güte des Textes aussagt.

 

Im Gegenteil, manchmal konnte ich diesen außergewöhnlichen Stil richtig genießen. Ein weiterer innovativer interessanter Ansatz der Autorin ist der Umstand, dass die Geschichte der Familie Beczásy von Schleiereulen, Amseln, Bäumen, Hunden, Katzen, Schmeißfliegen, Eichhörnchen … erzählt wird. In jedem Kapitel erzählt ein anderes anwesendes Tier bzw. Lebewesen die Geschichte der Familie, bringt somit die Familienchronik voran und analysiert so en passant auch die anwesenden Menschen ethnologisch inklusive der politischen Situation. Am ärgsten war die Szene mit den Bettwanzen, die die Folter von Beczásy durch die Securitate kommentieren, das ist nicht nur innovativ, sondern schafft auch zudem noch einen notwendigen Abstand zum Protagonisten, um das Grausame besser ertragen zu können. Die letzte Szene mit dem Eichhörnchenzirkus ist eine der abgedrehtesten Allegorien, die ich jemals gelesen habe und soll möglicherweise – aber vielleicht missinterpretiere ich ja auch – den Tod des Diktators Nicolae Ceaușescu darstellen.

 

Fazit: Ein guter innovativer Roman, der für mich auf Grund meiner dürftigen Kenntnisse der historisch-politischen Fakten einfach ein bisschen zu wenig funktioniert hat. Ich bin mir sicher, Kenner des Landes und der Geschichte werden restlos begeistert sein. z.B. Peter Nádas, der den Roman sehr lobt und die persönlichen Visionen der Autorin als „unsere fürchterliche gemeinsame Geschichte“ bezeichnet. Trotzdem war der Roman auch für mich nicht unspannend und herausfordernd. Ich bin froh, dass ich auch manchmal ein Werk aus einem kleinen Verlag rezipieren darf, das völlig abseits des literarischen Mainstream agiert.

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review 2018-10-07 11:41
#metoo Roman
Im Blick - Marie Luise Lehner

Marie Luise Lehner greift mit ihrem feministischen Frauenroman viele heiße Eisen und heftig diskutierte Themen der letzten paar Jahre an: Geschlechteridentität, Homosexualität in der Jugend, sexuelle Übergriffe auf Frauen und Alltagssexismus, die im Rahmen der viel diskutierten #metoo Debatte endlich mal aufs gesellschaftliche Tapet kamen.

 

Ihre Romanfiguren, die anonyme Protagonistin, ihre wunderschöne angebetete Geliebte, die nur mit Du angesprochen wird, Anja die beste heterosexuelle Freundin aus der Schulzeit, mehrere gute Freundinnen und die Exfreundin der Geliebten, die Wölfin, leben im Universum des Heranwachsens und der frühen Adoleszenz und setzen sich eher weniger als mehr mit der im ersten Absatz genannten brisanten Thematik auseinander. Sie sind eigentlich nur betroffen und leben so vor sich hin mit ihren Problemen, ohne jemals irgendwas zu reflektieren, zu thematisieren oder zu hinterfragen, geschweige denn, sich mal richtig wütend über etwas aufzuregen.

 

Die Gedanken, die die Autorin auf den Tisch des gesellschaftlichen Diskurses legt, sind extrem wichtig, dennoch bleiben sie bedauerlicherweise nur kurze Ideen und Schlaglichter gleich einem Stroboskop. Dieser Eindruck entsteht auch zusätzlich durch den Stil, denn die Geschichte springt ziemlich unvermittelt, sehr dekonstruiert und fragmentiert zwischen den Figuren, den Handlungssträngen, den Themen und sehr dissoziativ zwischen der Vergangenheit und Jugend mit Anja und der Gegenwart mit der Geliebten und den Freundinnen. Das ganze Konvolut wirkt weniger wie ein Roman, eine Geschichte aus einem Guss, als vielmehr wie ein Rohkonzept dazu – es scheint unfertig und liest sich sehr holprig.

 

Irgendwie verweigern sich sowohl die Autorin als auch die von ihr konzipierten Romanfiguren komplett einer intensiven Auseinandersetzung mit den Themen und einer gesellschaftlichen Diskussion. Gegenargumente werden nie ausgeräumt, weder breit theoretisch erörtert, noch gibt es eine Figur in der Geschichte, die diese Rolle und die Position argumentativ übernimmt. Damit erweist sie der feministischen Literatur und dem sehr wichtigen Anliegen einen Bärendienst, weil die Figuren nur egozentrisch um sich selbst kreisen und die angesprochenen Probleme einfach zwar unreflektiert und unangenehm berührt hinnehmen, aber auch ihre feministische Position zu der gegenwärtigen Situation, nie ausführlich begründen.

 

Am besten demonstriert dies jenes Beispiel, dass sich die Figuren Anja und die Protagonistin in ihrer Jugend oftmals durch Drogenkonsum oder Autostoppaktionen in der Pampa nicht nur in Österreich sondern auch im Ausland in gefährliche Situationen begeben haben und dann eben postwendend sexueller Belästigung ausgesetzt waren. In einem Nebensatz wird irgendwie vermittelt, dass dies keine Rolle spielen sollte. Punktum! Na Bumm!

 

Abgesehen davon, dass ich total derselben Meinung bin, sollte man hier schon mal breiter diskutieren, warum diese Aussage so im Sinne der Gleichberechtigung und der Ablehnung von Täter-Opfer-Umkehr wirklich ihren Sinn hat. Dazu fallen mir persönlich mehrere Punkte ein.

 

Eine Frau darf nie schwach und muss immer auf der Hut und gerüstet sein, einen Übergriff auf ihre körperliche Unversehrtheit abzuwehren – sie muss quasi jederzeit damit rechnen, dass ihr etwas angetan wird. Da würden nun viele Leute in der im Roman thematisierten Situation sagen, dass die Mädchen selbst schuld seien, da sie aus jugendlichem Leichtsinn diese gefährlichen Situationen herbeigeführt haben. Abgesehen davon, dass so etwas betrunkenen oder von Drogen benebelten Männern von Frauen so gut wie nie angetan wird und wenn es so wäre, würde der gesellschaftliche Konsens die Täterin nie in Schutz nehmen. Aber was wäre, wenn die Frau durch Krankheit, Autounfall, Ohnmacht … außer Gefecht gesetzt ist – ist sie dann auch noch immer selbst schuld, da sie sich nicht mehr wehren kann? Und glaubt mir, nicht immer ist ein Rausch ersichtlich, es könnte auch ein Insulinschock oder etwas anderes sein. Hier würde nämlich dann die Grenze für viele Übergriffige anfangen, die sie aber nicht mal erkennen könnten, denn sie sind keine Ärzte.

 

Zweitens was wäre tatsächlich eine Situation, sich in Gefahr zu begeben, bei der das Opfer seine körperliche Souveränität verliert und selbst schuld ist? Sich mal außerhalb des Elternhauses aufzuhalten? Irgendwo fern der Heimat in die Schule zu gehen oder zu arbeiten? In eine Disko zu gehen? In die Ferne zu reisen? Wo beginnt die Gefährdungslage von Frauen, die dann automatisch Freiwild werden? Die Gefährdungslage beginnt aus meiner Erfahrung und auch aus vielen dokumentierten Missbrauchsfällen schon in der Teenagerzeit bei einer Schule oder einem Internat fern der Heimat, in der Täter nicht mehr die Eltern fürchten müssen. Von Übergriffen und Missbrauch im häuslichen Umfeld möchte ich in diesem Kontext noch gar nicht sprechen.

 

Drittens warum können junge Frauen überhaupt nicht auch mal leichtsinnig ihre Grenzen austesten, ohne gleich bedroht zu werden, einem Verbrechen zum Opfer zu fallen. Junge Männer tun dies in den diversen Fortgeh- und Trinkritualen fast ihre ganze Jugend lang. Warum müssen Frauen immer in Angst leben? …

 

Dies sind nur ein paar Argumente, zu nur einer im Roman beschriebenen Situation, die ich persönlich in die Diskussion werfen möchte und von der ich mir erwartet habe, dass diese Auseinandersetzung die Aufgabe der Autorin wäre. Leider tut sie hierzu und auch zu allen anderen Themen nichts. Man muss nicht nur Männer sondern auch Frauen argumentativ ein bisschen bei diesen Themen abholen oder ihnen zumindest in der Diskussion auf halber Strecke entgegenkommen, um wirklich etwas in den Köpfen zu ändern. Wenn man sich aber der Kommunikation verweigert, und wie in diesem Roman nur egozentrisch um sich selbst kreist, bringt das gar nichts im offenen Diskurs, im Gegenteil, der vor allem heutzutage durch den gesellschaftlichen Backslash so dringend notwendige Feminismus wird ein weiteres Mal als total abgehoben diffamiert.

 

Fazit: Ein feministischer Roman mit sehr wichtigen Themen, aber leider kein guter. Mein Urteil bezieht sich sowohl auf Inhalt, stilistische Form aber bedauerlicherweise zudem auch noch auf die Auseinandersetzung und den Diskurs zu diesen brennenden Fragen.

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