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review 2018-04-09 06:06
Ansammlung von unverständlichen Romantikern
Die drei Marias (WAT) (German Edition) - Rachel de Queiroz,Ingrid Führer

Eigentlich fand ich das Buch sprachlich gut gemacht und auch angenehm zu lesen, aber ich hatte enorme Probleme mit den Figuren, mit ihrer Handlungsmotivation und mit den Beziehungen der Figuren untereinander. Ich konnte gar so wenig mit den Charaktären anfangen und die Autorin hat mir die inneren Antriebe dieser Protagonisten auch nicht so ausführlich genug erklärt, dass ich sie verstehen konnte. Auf Grund dieses Unverständnisses meinerseits bleiben in meinem Gedächtnis die Figuren also extrem flach.

Dabei fing der erste Teil der Geschichte schon mal sehr gut an. Das Szenario in der Klosterschule habe ich 7 Jahre lang (also von 6-13) genauso am eigenen Leib erlebt: Die Abschottung - die Nonnen, die irgendwie nur in Ausnahmefällen menschlich reagierten, einerseits, weil sie so entrückt des normalen Lebens in der Hinwendung zu Gott, andererseits weil manche tatsächlich sehr bösartig waren. Sie waren auch in meiner Schule  kaum geeignet, Kinder zu erziehen. Auch diese Sonderstellung und die glühende Beneidung der externen Schüler, die nach der Schule rausdurften, und die kasernierten internen Internatsschüler - und bei uns gabs noch die dazwischen, die im Halbinternat HORT bis zum Abend erzogen wurden (ich war übrigens in dieser Gruppe). Auch diese Ausgrenzung von unehelichen Kindern kenne ich zur Genüge - ich wurde mit 6 Jahren meiner 1. Volksschulklasse als "das Produkt einer Sünde" vorgestellt. Das hat mich aber damals nicht gekränkt, da ich von meinen Pflegeeltern atheistisch erzogen wurde, und mit dem Konstrukt "Sünde" damals glücklicherweise nicht vertraut war bzw. sogar das Wort nicht kannte. Auch die durch die Abschottung und Fehlerziehung ohne menschliche Wärme verursachte fast krankhafte Entwicklung zu Klosterschulganserln, die sich bezüglich des männlichen Geschlechts komplett unrealistische romantische Vorstellungen machen, kenne ich zur Genüge und auch diese tiefen Frauen-Freundschaften, die sich einfach nicht verändern, obwohl man sich Jahre - bei mir waren es bei einer Freundin 33 und bei der anderen 20 - nicht gesehen und aus den Augen verloren hat, hab ich kennengelernt.

ABER: und jetzt kommt das traurige ABER: Wo bleibt das Erwachsenwerden der Figuren in dieser Geschichte? Wo bleibt die Rebellion gegen das alles? Keine meiner ehemaligen Freundinnen ist in diesem romantischen Stadium steckengeblieben, schon auf der Schule haben wir uns in der Pubertät zu Rebellinnen zu gnadenlosen Kritikerinnen entwickelt. Bei uns gabs fast nur 2 Extreme - entweder gefangen fürs Kloster oder sehr unromantische pragmatische atheistische Rebellin. Kaum eine in meiner Klasse ist als gläubige Christin aus dieser Hölle herausgegangen - von denen, die wirklich in die Welt gegangen sind.

Und das fehlt mir bei den Protagonisten - sowohl bei den Mädchen, die in der Klosterschule waren, als auch bei den Männern. Die Adoleszenz, die Entwicklung. Und da starten eben die für mich unverständlichen Ungereimtheiten.

Hier startet nun mein Spoileralarm

* Angeblich ist eine der drei Marias laut Information auf dem Buchrücken im Kloster. Warum lebt sie dann mit Maria Augusta zusammen?
* Dieser Trottel, der sich in Guta verliebt hat, warum bringt er sich um? Er hat noch nicht mal versucht, ihr Herz zu gewinnen, er hat sie nicht mal um ein Rendez-vous gefragt. Stattdessen ergeht er sich in schwärmerischer Minne, die mir schon bei Clemens Brentano, Walther von der Volgelweide und Goethe also in der Zeit der ritterlichen Romantik sehr unverständlich war und die heutzutage wirklich recht selten und undenkbar ist. Außerdem ist er tatsächlich eine sehr ambivalente mysteriöse Figur - einerseits zu feige in Sachen Liebe, die ihn quält, zu handeln - andererseits geht er todesmutig in einen Selbstmord, den ich durch den schmerzhaften Tod nicht mal meinem ärgsten Feind zumuten würde. Verliebt in die Todessehnsucht und in die Vorstellung einer unerfüllten Liebe, nach deren Erfüllung man sich nicht zu fragen traut. Also das muss mir Frau de Queiroz dann schon genauer erklären, was in diesem Hirn vorgeht - tut sie aber leider nicht.
* auch der zweite Mann in Gutas Leben, der jüdische Arztanwärter Isaak, ist schon wieder so ein schwärmerischer Romantiker. Die Frau, die er (angeblich) liebt, lässt er von dannen ziehen, ist wieder zu feige, zu fragen und bittet sie nicht, bei ihm zu bleiben und zu heiraten, auch wenn sich dadurch sein Problem der Abschiebung gelöst hätte. Er kann ja vor lauter Liebeskrankheit die Nostrifikationsprüfungen für den Doktor Med nicht machen, die ihm eine unbefristete Aufenthaltsbewillung beschert hätten. Wie hat er denn mit so einem Charakter überhaupt den Doktor in Griechenland geschafft? Den bekam man auch damals nicht unbedingt nachgeschmissen.
* und Guta in Angst vor einer Schwangerschaft, die natürlich auch tatsächlich eintritt, kriegt auch nicht den Mund auf. Sie nimmt lieber die Schande in Kauf und liebt es, sich leidend dieser zu Hause auszusetzen, als einmal die Frage nach dem Zusammenbleiben mit ihrer großen Liebe zu stellen? Was ist schwieriger oder peinlicher? Zu fragen "wollen wir zusammenbleiben" oder die andere Konsequenz für beide, sich ins Unglück bzw. in richtig schwere Nachteile in der Zukunft zu stürzen und die vermeintliche große Liebe nur als etwas theoretisches auszuleben, dem man ewig nachweint. Hat sie das Kind übrigens verloren oder irgendwie nachgeholfen? Fragen über Fragen.

(spoiler show)


Ok dass es solche Charaktäre gibt, ist gar nicht unwahrscheinlich und auch dass solche Personen einander möglicherweise magisch anziehen. Das ist sogar gut für den Plot, solche kuriosen Figuren einzubauen, denn das macht den Handlungsablauf überraschend und spannend. Aber was denken Sie? Was ist ihre Motivation? Warum zum Teufel machen sie das? Diese Anworten bleibt mir Frau de Queiroz leider schuldig und genau deshalb hat mir das Buch nur mittelmäßig gefallen.

Fazit: Ein recht ungewöhnlicher guter Plot, der mich leider durch die flache Figurenentwicklung und die fehlenden Erklärungen zum inneren Antrieb von fast allen Figruen zu ihren ungewöhnlichen Handlungen sehr unbefriedigt zurücklässt. Ich bin kein Fan dieses Stils von Autoren ala "Leser erklär es Dir selbst" das ist meiner Meinung nach schon die Aufgabe des Schriftstellers und nicht meine.

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review 2018-04-04 14:05
Der Herr Karl gegen und für die Welt
Der Lügenpresser - Livia Klingl

Eigentlich mag ich die Sachbücher der Autorin nicht so recht, da sie doch etwas unausgewogen formuliert und polemisch agitiert – die journalistisch sachliche Herangehensweise und Beleuchtung der gesellschaftlichen Themen von mehreren Seiten fehlt mir einfach, allzu oft trennt sie in ihren Büchern nicht zwischen Information und Meinung und setzt sich dadurch über eine prinzipielle Regel des Qualitätsjournalismus hinweg. Aus diesem Grund hab ich bei Frau Klingls erstem Roman auch sofort zugegriffen, denn was im Journalismus und bei politischen Sachbüchern verpönt ist, ist in der Belletristik ja eher eine große Tugend: dass die Figuren sehr viel subjektive Meinung einbringen, diese äußern und ein unverwechselbares Profil aufweisen. In dieser Hinsicht wurde ich nicht enttäuscht.

 

Der Protagonist Karl Schmied, 62, arbeitet als studierter Historiker bei einer Boulevardzeitung, aber nach eigenen Angaben bei einer der besseren und nicht bei diesen dreckigen Gratiszeitungen. Er hat sich gerade in die Moldavierin Sonja verliebt, in der Redaktion ist das Betriebsklima recht angenehm und auch sonst läuft alles gut in seinem Leben.

 

In Form eines inneren Monologs philosophiert, analysiert, polemisiert und wettert er für und gegen die heutige Welt, wie sie sich darstellt, wie sie früher war und wie sie sich seit 2015 verändert hat. Gleich einem modernen Herrn Karl (nach dem gleichnamigen Theaterstück von Helmut Qualtinger deshalb wahrscheinlich auch der Name) drückt er aus, was einem „normalen“ österreichischen Bürger auf der Seele liegt. Dabei geht es um Gesellschaft, Politik, die moderne Arbeitswelt, den Boulevardjournalismus, Soziale Medien, Ausländer, Flüchtlinge, Fremdenhass, Ausländerfeindlichkeit – einfach um alle Themen, die heute die Menschen so bewegen.

Seit das Facility Dings outgesourct wurde, tummelt sich der Lurch* zwar unter den Bücherregalen, aber das ist der Chefetage wurscht*, die surft auf der Welle des economical success. „Wir müssen alle succeeden“, sagt der Online Chef alle Augenblicke, der grundsätzlich sehr genau auf seine Work-Life-Balance achtet und aktuell sehr wenig beiträgt zum success der Zeitung. […]

 

Aber wenn ein Drittel der Österreicher in einer Umfrage angibt, sie könnten auch Kanzler, da fragt man sich schon, ob die wo angedonnert sind! Die würden ja nicht mal einmal physisch das Tagespensum derschnaufen, das diese Politiker haben. Das weiß ich sehr gut, ich habe oft genug Politiker begleitet. Und man mag sie für alles mögliche halten, aber Kondition haben sie.  […]

 

Diese Formulierung ist eigentlich eine der dümmsten im gesamten Sprachgebrauch, die hasse ich. Und alle verwenden sie! Ein Krieg bricht nicht aus, der ist keine irgendwo eingesperrte Bestie, die ausbrechen kann. Einen Krieg muss man mühsam machen! Das braucht ziemlich lange Vorbereitung. Da müssen Politiker das Volk vorbereiten, da braucht man Aufwiegler, meistens sind das eh Journalisten, aber die miesen charakterlosen, vielleicht sogar dafür bezahlten und dann braucht man auch noch die, die Finanzen für den Krieg haben und die, die die Waffen besorgen. Am Unwichtigsten ist am Anfang das Volk.

Was an dieser Geschichte wirklich spannend ist: Karl polemisiert und analysiert die Gesellschaft aus der politischen Mitte heraus. Und ich möchte hier nicht von einer Mitte reden, die die Rechten Recken nun mittlerweile besetzt haben, sondern von der ursprünglichen politischen Mitte. Einer Mitte, die mittlerweile stumm geworden ist, weil sie vor allem in Sozialen Medien einfach nicht so laut kräht wie der radikale Rand, wird hier eine gewichtige und auch etwas wütende Stimme beziehungsweise ein Podium gegeben. Es ist spannend, wie Frau Klingl den Herrn Karl hier konzipiert hat, der sich permanent austariert und verschiedene Positionen beleuchtet. Er schwankt eben gleich einer Wasserwage zwischen Fremdenangst und Fremdenfreundlichkeit, zwischen linken und rechten politischen Positionen, zwischen Boulevard und Ablehnung desselben und argumentiert sich persönlich wirklich fast punktgenau in die Mitte.

 

Ein kleines Problem hatte ich aber mit der Geschichte: Karl polemisiert drei Viertel des Romans lang also von Montag bis Donnerstag und sonst passiert eigentlich so gut wie nichts. Aber auch dies ändert sich, denn der Freitag hat es in sich. Das Leben des Protagonisten gerät sowohl beruflich als auch privat völlig aus den Fugen, und Karl muss sich beim inneren Reflektieren eingestehen, dass er eigentlich mit Scheuklappen durch sein eigenes Leben gelaufen ist.

 

Trotzdem ist eben auch dieser innere Monolog in langsamem Tempo vor allem für Leute um die Lebensmitte nicht schlecht, denn der Leser lernt einiges, reflektiert den Zustand der heutigen Gesellschaft zusammen mit Herrn Karl und findet kuriose Lebensgewohnheiten aus der Vergangenheit wieder. Zum Beispiel gab beziehungsweise gibt es in Wien 50 Ausdrücke für Sterben: wie den 71er nehmen (Straßenbahnlinie zum Zentralfriedhof), cool war auch die Erinnerung an meine typische Wiener Wohnung der 80er Jahre mit Indischer Toilette (jenseits des Ganges) 

 

Fazit: Ein guter erster Roman – ich kann ihn empfehlen, auch wenn er für mich ein etwas zu langsames Tempo aufweist.

 

*Lurch = Wollmaus
*wurscht = egal

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review 2018-03-25 04:42
Die Magie der botanischen Forschung
Orchis: Roman - Verena Stauffer

Verena Stauffer hat mit ihrem Erstling ein sehr beachtliches Romandebut hingelegt. Die Geschichte ist sowohl sprachlich, stilistisch vom Plot her als auch durch die Vielzahl der angesprochenen und eingearbeiteten Thematiken sehr vielfältig und anspruchsvoll.

 

Der erste Teil der Story spielt in Madagaskar und hat im Sinne des magischen Realismus stilistisch ein bisschen etwas von Gabriel Garcia Marquez’s Macondo: wundervolle Beschreibung des Dschungels der Insel, der Orchideen, der Farbenpracht, der Düfte, der zwei europäischen Botaniker, die das Umfeld erforschen, der Einheimischen und des neugewonnenen Guides und Freundes Isaak aus Mozambique. Der Protagonist und Botaniker Anselm ist nicht nur Pflanzenforscher, sondern muss sich auch intensiv mit den indigenen Völkern auf seinen Reisen beschäftigen, denn sonst ist man Mitte des 19. Jahrhunderts bei Forschungen rund um die Welt schneller gestorben, als man Orchidee sagen kann. Die Rückfahrt von der Expedition mit dem Schiff zählt auch noch zu diesem magischen Abschnitt, denn dem im Fieberwahn befindlichen Anselm wächst eine Orchidee aus seiner Schulter.

 

Der zweite Teil in Europa bringt dann den Leser sehr unsanft auf den Boden der Realität zurück. Die Orchidee verschwindet nicht von Anselms Schulter und dieser findet sich auf Grund einer wahnhaften Persönlichkeitsstörung in einer Irrenanstalt wieder. Der Alltag, die triste Stimmung, die Entbehrungen und die sehr menschenverachtenden Therapien, die geistig kranken Menschen dieser Zeit angetan wurden, beschreibt die Autorin grandios. Dennoch gibt es wieder einen Funken Magie und Hoffnung, denn Anselm verguckt sich in den letzten Tagen seines Klinikaufenthalts in die Insassin Lilia, die einer Blume ähnelt.

 

Im dritten Abschnitt wird Anselm – als er vollständig geheilt ist – auf Grund der Protektion seines Vaters als Lektor für Botanik an der Universität aufgenommen. Erst jetzt offenbart sich der wahre Charakter des Protagonisten. Anselm lebt tatsächlich mit dem Kopf in den Wolken bzw. im Elfenbeinturm, ist eitel, präpotent und im Rahmen seiner Forschung nicht nur rücksichtslos gegen sich selbst und seine Gesundheit, sondern auch gegen seine Umwelt. Er lehnt sowohl alle politischen Umbrüche im Land als auch Darwins neue Theorien ab, aber nicht so sehr, weil sie Gott lästern oder sich schon als falsch herausgestellt hätten, sondern weil er prinzipiell gegen Veränderung ist. Er entpuppt sich als ein überheblicher manisch rechthaberischer Wissenschaftler, der auf Grund von Angst vor Veränderung nie neue Theorien in Betracht zieht bzw. sie überprüft– sondern nur einsam dagegen polemisiert, sich aus Feigheit und Überheblichkeit nicht mal einem ehrlichen wissenschaftlichen Disput stellt – eine sehr schlechte und ungeeignete Kombination in der Welt der universitären Wissenschaft, sowohl in der Forschung als auch in der Lehre.

"Sobald er [Darwin] dann einmal nach England käme, würden sie sich gegenüberstehen und der gute Charles müsste ihm ins Gesicht sagen, dass der Mensch nicht von Gott erschaffen sei, sondern von anderen Tieren abstamme, von welchen, das wollte sich Anselm gar nicht ausmalen. Er sah sich selbst in England einen großen Vortrag halten, in welchem er bewies, dass dem nicht so sein konnte. Er brauchte also einen Gottesbeweis."

Am Ende dieses Teils rast er, verursacht durch eine kleine Intrige wieder los, lässt alle, sowohl die Wissenschaft, die Kollegen, die Studenten, seinen wohlmeinenden Freund Lendi und seine Eltern im Stich und begibt sich erneut nach China auf die Jagd nach einer neuen Orchidee – nach einem Phantom.

 

Der letzte Teil wiederum schließt den Kreis sowohl stilistisch als auch vom Inhalt. Wundervoll beschrieben entdeckt Anselm durch seine rücksichtslose Hartnäckigkeit und etwas Glück zufällig entgegen aller Wahrscheinlichkeiten im magischen China eine neue blaue Orchidee, was natürlich wieder Konsequenzen nach sich zieht. Das Ende ist wieder mal etwas offen und zeigt dem Leser nicht ganz klar, ob und ab wann sich die Geschichte um wahnhafte Imagination dreht, oder vielleicht doch wirklich wahr sein könnte – alles ist möglich im magischen Realismus. Irgendwie ist es die Geschichte eines großen leidenschaftlichen Forschers, der auf Grund grundsätzlicher wissenschaftlicher Charakterschwächen z.B. fehlender Kritikfähigkeit, Zweifel an eigenen Positionen und Theorien, Realitätssinn etc. ganz episch gescheitert ist. Auch weil er ex post betrachtet einfach fundamental unrecht hat und sich trotzdem nicht beirren lässt.

 

Fazit: Ein sehr guter Erstlingsroman, sprachlich wundervoll, vom Plot her gut gearbeitet, inhaltlich sehr spannend mit einem magisch realistischen Touch und einem offenen Ende.

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review 2018-03-13 15:56
Mörderischer Apfelduft
Totenweg: Kriminalroman (Elbmarsch-Krimi, Band 1) - Romy Fölck

Manchmal darf es bei mir auch ein Regionalkrimi sein. Meine Qualitätskriterien in diesem Genre sind: Spannung, ein nicht durchsichtiger Plot, exzellente Figurenentwicklung, einigermaßen anspruchsvolle Sprache, gute Ortsbeschreibungen und dicht beschriebene Stimmungen, lustiges Mörderraten, nachvollziehbare Motive, ein Ende, das nicht an den Haaren herbeigezogen ist und die Vermeidung von jeglicher schmalziger Romantik. Romy Fölcks Krimi erfüllt diese Aufgaben auf jeden Fall gut, sicher wesentlich besser als der Durchschnitt der unzähligen Romane in dieser Gattung.

Am besten hat die Autorin im Rahmen der Figurenentwicklung und bei der Stimmungsbeschreibung gearbeitet. Frida, eine junge ehrgeizige Polizistin auf dem beruflichen Erfolgsweg zur Kommissarin muss von Hamburg kurzfristig wieder in ihr Heimatdorf zurück, da ihr Vater niedergeschlagen wurde und ins Koma gefallen ist. Dort wird sie zuerst mit der desolaten wirtschaftlichen Lage des Apfelbauernhofs der Eltern konfrontiert, muss schleunigst ein paar Brände löschen und dringende Probleme lösen. Weiters trifft sie ihre alten Freunde und Bekannten wieder und ein paar uralte Traumata brechen auf. Der Mord an ihrer Freundin Marit ist noch immer nicht aufgeklärt. Frida hat Kommissar Haverkorn, der sich nun erneut an ihre Fersen heftet und den Cold Case aufklären will, als 13-jähriges Mädchen wichtige Details zum Mörder aus Angst verschwiegen.

Auf Seite 120 könnte der Leser meinen, der Roman sei schon zu Ende, denn der Täter des Mordes aus den 90er Jahren ist nun klar, Frida hat als Kind zuerst aus Angst geschwiegen und als Polizistin deshalb, weil der Mörder relativ bald nach der Tat bei einem Autounfall gestorben ist, und sie seinen Vater nicht noch mehr belasten wollte. Lediglich der feige Anschlag auf ihren Vater ist noch ungeklärt, aber da werden die Spuren von der Autorin auf massive Grundstücksspekulationen gelegt.

Dann macht der Plot eine Kehrtwende um 180 Grad (so etwas ist immer ganz mein Geschmack) und alles wird in Frage gestellt, der vermeintliche Mörder von Marit war es gar nicht, weitere Verbrechen geschehen, sind alle miteinander verflochten und werden offenbar: Mord, Totschlag, Brandstiftung, Entführung … die Entwicklung ist sehr rasant und man kann das Buch kaum weglegen.

Die Autorin beschreibt wundervoll die Dorfgemeinschaft, die angehende Kommissarin Frida und ihre Probleme, die Kinderfreundschaften aus der Vergangenheit und die Erwachsenen der Gegenwart, die Landschaft und die Apfelhöfe, deren Duft man förmlich riechen kann, Kommissar Haverkorn mit all seinen gesundheitlichen und privaten Problemen, der kurz vor seiner Pensionierung noch Lunte gerochen hat und endlich diesen alten Fall, seinen ersten Fall und gleichzeitig Misserfolg als Leiter der Mordkommission aufklären will. Auch das ambivalente Verhältnis von Haverkorn und Frida wird ziemlich ausführlich und psychologisch sehr aufschlussreich thematisiert und analysiert, das ist wirklich große Klasse.

Der wahre Mörder kristallisierte sich für mich zwar relativ früh vor dem Ende heraus, was mir aufgrund der nicht ganz so zahlreichen Verdächtigen ein bisschen die Lust am Mörderraten nahm, aber nicht alle Taten aus Vergangenheit und Gegenwart hätte ich so eingeschätzt und die Motive werden auch sehr konsistent und realistisch dargelegt. So geht ordentliche Krimiunterhaltung.

Fazit: Ein spannender Pageturner, der Krimi erfüllt alle relevanten Anforderungen an eine schlaflose Nacht, in der man dieses Buch dann nicht mehr weglegen möchte.

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review 2018-02-27 12:54
Einsamkeit und Paranoia im Aussteigerland
Bananama - Simone Hirth

Dieser Roman ist mir sehr an die Nieren gegangen, denn er vermittelt so intensiv und gleichzeitig subtil eine extrem bedrohliche, angsterfüllte, einsame Grundstimmung, die fast nicht auszuhalten ist.

 

Sehr authentisch wird die Geschichte aus der Sicht eines kleinen Mädchens erzählt, dessen Eltern als Aussteiger leben. Man ist sich nicht klar, in welche Richtung sie tendieren, aber sie haben etwas sektenhaft eskapistisches, öko-esoterisches, manchmal sogar ein reichsbürgerhaftes Verhalten an sich. Das beginnt mit der eigenen Bushaltestelle und dem Universum von Bananama, geht über die völlige Abschottung der kleinen Familie von der Umwelt, bis auf den Postboten, der die Pakete bringt, über die Selbstversorgung und Selbstkasteiung, bis zur Ablehnung von medizinischer Versorgung und vieler anderer alarmierender gruseliger Einstellungen.

 

Das Mädchen ist so einsam und isoliert bei ihren Eltern, dass es sich eine Freundin oder eine Schwester wünscht. Bei Anfrage nach einem Schwesterchen, um die Einsamkeit zu überwinden, beißt sie auf Granit, denn die egoistischen Eltern sind schon glücklich. Relativ bald wird sie auch noch im Rahmen einer totalen sozialen Isolation aus der Schule genommen, weil das SYSTEM den Kindern nix beibringt, alle Medien und Bücher werden verwehrt. Die Eltern verhalten sich im Gegenzug sehr ambivalent und leben nicht vor, was sie dem Kind verbieten. Sie surfen im Internet und bestellen wie wild Sachen – selbstverständlich handgearbeitet und total nachhaltig– die sie meist gar nicht benutzen.

 

Durch die komplette Isolation und das total paranoide Verhalten der Eltern hat das 6-jährige Kind sehr viel Angst – die sich zu einer ausgewachsenen Angststörung ausweitet – es weiß aber nicht mal wovor tatsächlich (normalerweise fürchten sich die Knirpse ja konkret vor etwas wie zum Beispiel vor Monstern oder Einbrechern). Die von der Autorin beschriebenen Überlebensstrategien des Mädchens gegen die Einsamkeit und die Angst sind so herzzerreißend und grandios – beispielsweise werden Wörter, vor denen sie sich fürchtet, im Garten vergraben oder der Spiegel wird eine Weile als Schwesterersatz herangezogen. Das Kind ist in seiner Intelligenz und der isolierten Selbstreflextion zu einem altklugen Erwachsenen in einem Kinderkörper geworden.

Wir wohnen in einem Koffer, auf dem in großen, schiefen Buchstaben Bananama steht. In diesem Koffer steht unser Haus. Der Koffer reicht bis zum Wald, zur Landstraße, zum nächsten Hügel, aber weiter nicht. Dort hört er auf. In diesem Koffer ist es hell. In diesem Koffer scheint immer die Sonne, in diesem Koffer ist alles tot. Der Koffer, in dem wir wohnen, öffnet sich niemals. Wir haben ihn fest verschlossen, weil wir Aussteiger sind.

 

Sprachlich grandios wird hier aus der Sicht des Mädchens dieses für Menschen wie Du und ich total unwirkliche Szenario gezeichnet – die furchtbare, einsame entbehrungsreiche Welt von Bananama. Mein Lesetempo war sehr langsam, da ich permanent diesen Wahnsinn der Protagonisten immer wieder überdenken, reflektieren, und wieder sacken lassen musste. Zudem kenne ich solche Leute tatsächlich persönlich, die wohnen alle nördlich von mir in der Einsamkeit des Waldviertels. Historisch ist dort schon seit den 80er Jahren das Zentrum der gestörten Eskapisten, die sich von der Gesellschaft abgenabelt haben und die die Einsamkeit der Wälder und leeren Landstriche zu schätzen wissen. Solche Leute und vor allem ihre gnadenlose Missionarstätigkeit machen mich in der Realität immer ur-aggressiv – das musste ich auch ständig beim Lesen verdauen.

 

Einige Wendungen im Plot werden von der Autorin nicht aufgelöst. Sind die Leichen im Garten echt oder Ausdruck der beginnenden Wahnvorstellungen des Kindes? Wenn sie existieren, warum liegen sie im Beet und wer hat sie umgebracht. Ich muss sagen, solche offenen Handlungsstränge stören mich immer ein bisschen, aber das ist meine ganz persönliche Meinung, die viele nicht teilen werden.

 

Auch das Ende ist relativ unvollendet und offen. Meine Interpretation versucht aber eine optimistische, großartige Wendung zu konzipieren: Diese wundervolle traurige kleine total reflektierte sechsjährige Person startet einen ganz persönlichen Befreiungsschlag gegen den Wahnsinn der Eltern und versucht, einfach aus Bananama zu emigrieren, was ihr auch gelingt. Wie weit sie damit langfristig Erfolg hat, sei dahingestellt. Aber auch das Verhalten der Eltern lässt viel Interpretationsspielraum und Kritik an der Gesellschaft offen. Ist die propagierte nachhaltige völlig autarke Lebensweise per se schon zum Scheitern verurteilt, weil sie nicht durchführbar ist? Oder scheitern die Eltern nur persönlich auf Grund ihres Charakters, weil sie ihre Ideale einfach selbst nicht konsequent genug verfolgen und alles auf das Kind projizieren? Fragen über Fragen, die noch lange nach der Lektüre wirken.

 

Fazit: Ich bin immer wieder überrascht, welche relativ neuen gesellschaftsrelevanten Themen von österreichischen Verlagen dem Leser präsentiert werden. Hut ab vor dieser deutschen Autorin, die dieses spannende Werk und brandaktuelle Thema sprachlich grandios und atmosphärisch sehr dicht umgesetzt hat.

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