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review 2018-10-30 04:26
Rezension | Das Geheimnis der Muse von Jessie Burton
Das Geheimnis der Muse: Roman (insel tas... Das Geheimnis der Muse: Roman (insel taschenbuch) - Jessie Burton,Peter Knecht

Beschreibung

 

London, 1967. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin reiste Odell Bastien von Trinidad nach England um sich ihren Traum, Schriftstellerin zu werden, zu erfüllen. Zunächst müht sie sich mit der Arbeit in einem Schuhgeschäft ab, doch dann wird sie von Mrs. Quick als Schreibkraft an der Skelton Kunstgalerie angenommen. Nachdem ihr Freund ein Bild seiner verstorbenen Mutter in die Kunstgalerie gebracht hat, um mehr über seine Herkunft und seinen Wert in Erfahrung zu bringen, erweckt Mrs. Quicks Reaktion auf das Gemälde Odells Neugierde. Die geheimnisvolle Herkunft des Gemäldes, dass in 1930er Jahre in Andalusien entstand, verbirgt eine spannende Geschichte über Revolution und die Liebe.

 

Meine Meinung

 

Jessie Burtons Roman “Das Geheimnis der Muse” ist durch das detailverliebte Cover ein wahrer Blickfang. Eine von Schlangen, Pinseln, Blumen und Parfumflakons umrahmte Schreibmaschine deutet bereits auf eine kunstvolle Geschichte hin, und zwei Revolver versinnbildlichen die nötige Spannung.

 

"Die Meinung, dass nur ein Mann zur wahren Kunst berufen sein konnte, war so weit verbreitet, dass Olive es manchmal sogar selbst glaubte." (Das Geheimnis der Muse, Seite 74/75)

 

Der Roman ist in zwei Handlungsstränge aufgespalten die sich während des Hadlungsverlaufes einander stetig annähern. Zum einen wird die Geschichte der Immigrantin Odell, die in den Swinging Sixties in England einwanderte, um dort als Schriftstellerin Fuß zu fassen erzählt. Zum anderen begleitet man in den 1930er Jahren die junge Künstlerin Olive Schloss mit ihren Eltern nach Andalusien wo sich der spanische Bürgerkrieg anbahnt und sich ihr die Gelegenheit bietet einzigartige Bilder zu erschaffen.

 

Gleich auf Anhieb haben mir diese zwei außerordentlich starken Protagonistinnen imponiert. Beide kämpfen Sie für ihre Leidenschaft in einer von Männern bestimmten Welt. Während Olives künstlerisches Talent von ihrem Vater, der selbst als Kunsthändler tätig ist, keine Anerkennung findet, benötigt Odell mehr Selbstvertrauen um ihre Schreibkunst an die Öffentlichkeit zu bringen.

 

"Nicht jeder erhält am Ende, was er verdient." (Das Geheimnis der Muse, Seite 13)

 

Jessie Burton hat einen angenehmen Schreibstil. Man möchte sich einfach nur in ihre dicht verwobene Geschichte fallen lassen und träumt sich schnell an andere Orte und vergangene Zeiten. Die Hitze Andalusiens ist beim Lesen genauso spürbar wie die Atmosphäre der pulsierenden Stadt London zu den 60er Jahren. Clubs, Musik und der Aufbruch in ein neues Zeitalter. Besonders beeindruckt hat mich die geheimnisvolle Figur von Mrs. Quick, die so viel Selbstvertrauen ausstrahlt und Odelle sogleich unter ihre Fittiche nimmt. Nicht jeder Mann und schon gar nicht jede Frau hätte eine Immigrantin die Chance auf solch einen Job gegeben.

 

“Das Geheimnis der Muse” setzt sich aus vielen kleinen Puzzleteilchen zusammen. Es geht um zwischenmenschliche Beziehungen genauso wie um familiäre Banden und natürlich die Liebe, Inspiration und schicksalhafte Umstände die das Leben lenken. Der Roman ist so vielseitig, dass man ihn auch getrost lesen kann, ohne einen Bezug zu Kunst und Gemälden zu haben.

 

"[…]je länger sie schwieg, desto schwerer fiel es mir, zum Telefon zu greifen. Alles was ich sagen wollte, war, dass sie mir fehlte. 2 (Das Geheimnis der Muse, Seite 55)

 

Die Dynamik der zwei einzelnen Ebenen hatte etwas mitreißendes und lebendiges an sich. Vor allem der spannenden Plot um Olive Schloss hat mir stellenweise den Atem genommen. Daher kann ich für diesen Roman nur eine dringende Leseempfehlung aussprechen!

 

Fazit

 

Ein prächtiger Roman über zwei starke Frauen auf dem steinigen Weg zur Emanzipation.

Source: www.bellaswonderworld.de/rezensionen/rezension-das-geheimnis-der-muse-von-jessie-burton
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review 2018-10-18 13:07
Die Biografie von Kara Ben Münchhausen ...
Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste: Ein Karl-May-Roman - Philipp Schwenke

… fast spannender als jeder seiner Romane.

 

So meine lieben abenteuerliebenden Burschen und Mädels jetzt müsst Ihr gaaanz tapfer sein, wie beim Tod Winnetous die Zähne zusammenbeißen und dürft kein Tränchen verdrücken, denn ein Idol Eurer Kindheit und Jugend, der vielgerühmte und meistübersetzte deutsche Autor Karl May wird als historische Person in diesem Roman richtig grauslich demontiert und vom Sockel gestoßen.

 

Dabei ist fast das Grausamste an diesem „fiktionalen“ historischen Roman, dass er extrem gut recherchiert ist. Wenn ich mal schätzen darf, sind mehr als 85% der geschilderten Begebenheiten historisch belegt und haben sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit genauso oder ganz ähnlich abgespielt.

 

Philipp Schwenke verknüpft Fakten und Fiktion sehr geschickt und präsentiert dem Leser ausladend und episch breit, gleichsam im Schreibstil seines Protagonisten, einen äußerst ambivalenten nicht wirklich sympathischen Helden Karl May, der als Verbrecher und genialer Schwindler in sein Leben gestartet, nach und nach an seine eigenen Gschichtln glaubt und zu guter Letzt Wahrheit von Fiktion nicht mehr zu unterscheiden vermag. Dabei werden auch punktgenau Originalzitate von Karl May bzw. Kara ben Nemsi – wenn Karl glaubt er sei seine fiktive Figur – eingestreut.

 

Viele von Euch werden ja die historischen Fakten kennen, dass May die Länder, über die er schrieb, bis zu seinem 57. Lebensjahr gar nicht bereist hatte. Im Gegenteil: er war bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht aus seiner Heimat herausgekommen. Wenige wissen aber, dass er jahrzehntelang steif und fest behauptete, keine fiktionalen Romane zu schreiben, sondern Tatsachenreiseberichte abzugeben und wirklich alle Geschichten unter dem Pseudonym Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi erlebt zu haben.

 

Der Roman beginnt 1899 als er seine erste Reise in den Orient unternimmt und sich bereits in den Zeitungen Deutschlands die ersten Gerüchte über den mangelnden Wahrheitsgehalt seiner Aussagen verdichten. Auf der Reise nach Kairo, Jerusalem und Ceylon schwindelt sich Karl mit Aggression, Dreistigkeit und Chuzpe aus Lagen, in denen er sein Sprachtalent oder seine Kampfkünste oder andere Fähigkeiten, die er sich selbst in seinen Romanen zugeschrieben hat, beweisen soll. Diese Situationen sind total spannend, amüsant und zum fremdschämen, wie er sich windet, sein selbst erstelltes Lügengebäude aufrecht zu erhalten. Der Protagonist ist leider kein fiktionaler Autor mit wundervoller Fantasie, sondern ein ziemlich fieser Aufschneider, der vertuscht, lügt, betrügt und die Leute anpöbelt, die es wagen, seine Ausführungen der Fiktion zu bezichtigen. In Ägypten läuft Karl zudem wie der typische deutsche Tourist mit dem Reiseführer Baedeker durch die Gegend, bar jeder Sprachkenntnis, holt sich Durchfall und wird im Bazar abgezockt. Auch das ist sehr witzig.

 

So en passant werden dem Leser in Rückblenden auch noch die sehr schwere, historisch verbriefte Jugend von Karl May und die Traumata der Vergangenheit präsentiert, die ihn zu einem Verbrecher und Schwindler haben werden lassen. Nach der Verurteilung zum Knast wegen einer Bagatelle, waren seine Laufbahn als Betrüger und weitere schwere Straftaten somit einzementiert. Durch mangelnde Resozialisierungsmöglichkeiten zur damaligen Zeit hatten Straftäter nie wieder die Gelegenheit, einer ehrlichen Arbeit nachzugehen. Insofern hat Karl May mit seiner Fantasie als Autor sein Potenzial, mit ehrlicher Arbeit Geld zu verdienen, maximal ausgeschöpft.

 

Im Roman wird die Figur Karls sehr liebevoll, tief und detailgenau entwickelt, aber nicht nur unsympathisch sondern auch mit ihren positiven Eigenschaften. Zum Beispiel ist es erstaunlich, was May, der ohne mit der Wimper zu zucken andere belügt, bestiehlt und betrügt für einen unverrückbaren moralischen Kompass bezüglich Sklaverei, allgemeinen Menschenrechten und Frieden hat, den die Reichen gesetzestreuen Bürger nicht aufweisen, denn sie unterscheiden zwischen wertem und unwertem Leben. Zwar ist das Menschenbild schon seiner Zeit geschuldet, aber May schwamm immer gegen den Strom und versuchte, fremde Völker nicht zu diskriminieren. Manchmal wirkt der Protagonist fast als tragischer Held in einem für sich selbst inszenierten Drama, in seinem hehren Anspruch an sein ideales Selbstbildnis, in seinem Dozieren, in seiner kindlich naiven Friedensliebe, mit all seinen Fehlern und psychischen Störungen, wie er sich selbst im Weg steht, und sich von den falschen Leuten instrumentalisieren lässt.

 

Ein weiterer spannender Aspekt des Romans ist das sehr gut geschilderte Beziehungsdreieck zwischen Karl und seiner ersten beziehungsweise zweiten Ehefrau. Karl und Emma May, die erste Frau, passten charakterlich überhaupt nicht zusammen, weil sie so unterschiedlich waren. Bei einem wertschätzenden Umgang in so einer Ehekonstellation ist dies aber durchaus meist die beste Voraussetzung für ein glückliches Zusammenleben. Nicht jedoch, wenn die beste Freundin der Frau und Witwe seines ehemalig besten Freundes, Klara Plöhn, sich bei den entfremdeten Eheleuten Süßholz raspelnd, verständnisvoll, hinterfotzig, ständig einwanzt, die beiden in ihren Ressentiments gegeneinander bestärkt und den schwelenden Konflikt richtiggehend durch Lug und Trug befeuert. Es kommt wie es kommen muss. Der so eingesponnene Karl May glaubt seiner „guten“ Freundin Klara und entsorgt die erste Ehefrau sehr unschön und ohne Absicherung. Emma sah ich als eigentliche tragische Heldin dieses Romans, auch wenn sie als sehr dumme egomanische Hedonistin auch nicht wirklich sympathisch geschildert wurde. Am intrigantesten ist aber die Figur der Klara Plöhn gezeichnet, die den Sieg als Klara May in diesem spannenden Ehedrama davonträgt. Die bösartigen Eigenschaften von Klara sind insofern auch historisch verbrieft, weil sie in jahrelangen gerichtsanhängigen Verfahren in der Causa May ja auch an die Öffentlichkeit gelangten. Zudem basiert der Roman auch noch auf den Tagebuchaufzeichnungen von Klara May.

 

Fazit: Ein episch breiter, sehr spannender historischer Roman mit viel Faktengehalt der mich zum Recherchieren angeregt und keine Sekunde gelangweilt hat. Aber eines solltet Ihr als Fans auf jeden Fall beherzigen. Lest ihn mit der Maxime: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“.

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review 2018-10-07 11:41
#metoo Roman
Im Blick - Marie Luise Lehner

Marie Luise Lehner greift mit ihrem feministischen Frauenroman viele heiße Eisen und heftig diskutierte Themen der letzten paar Jahre an: Geschlechteridentität, Homosexualität in der Jugend, sexuelle Übergriffe auf Frauen und Alltagssexismus, die im Rahmen der viel diskutierten #metoo Debatte endlich mal aufs gesellschaftliche Tapet kamen.

 

Ihre Romanfiguren, die anonyme Protagonistin, ihre wunderschöne angebetete Geliebte, die nur mit Du angesprochen wird, Anja die beste heterosexuelle Freundin aus der Schulzeit, mehrere gute Freundinnen und die Exfreundin der Geliebten, die Wölfin, leben im Universum des Heranwachsens und der frühen Adoleszenz und setzen sich eher weniger als mehr mit der im ersten Absatz genannten brisanten Thematik auseinander. Sie sind eigentlich nur betroffen und leben so vor sich hin mit ihren Problemen, ohne jemals irgendwas zu reflektieren, zu thematisieren oder zu hinterfragen, geschweige denn, sich mal richtig wütend über etwas aufzuregen.

 

Die Gedanken, die die Autorin auf den Tisch des gesellschaftlichen Diskurses legt, sind extrem wichtig, dennoch bleiben sie bedauerlicherweise nur kurze Ideen und Schlaglichter gleich einem Stroboskop. Dieser Eindruck entsteht auch zusätzlich durch den Stil, denn die Geschichte springt ziemlich unvermittelt, sehr dekonstruiert und fragmentiert zwischen den Figuren, den Handlungssträngen, den Themen und sehr dissoziativ zwischen der Vergangenheit und Jugend mit Anja und der Gegenwart mit der Geliebten und den Freundinnen. Das ganze Konvolut wirkt weniger wie ein Roman, eine Geschichte aus einem Guss, als vielmehr wie ein Rohkonzept dazu – es scheint unfertig und liest sich sehr holprig.

 

Irgendwie verweigern sich sowohl die Autorin als auch die von ihr konzipierten Romanfiguren komplett einer intensiven Auseinandersetzung mit den Themen und einer gesellschaftlichen Diskussion. Gegenargumente werden nie ausgeräumt, weder breit theoretisch erörtert, noch gibt es eine Figur in der Geschichte, die diese Rolle und die Position argumentativ übernimmt. Damit erweist sie der feministischen Literatur und dem sehr wichtigen Anliegen einen Bärendienst, weil die Figuren nur egozentrisch um sich selbst kreisen und die angesprochenen Probleme einfach zwar unreflektiert und unangenehm berührt hinnehmen, aber auch ihre feministische Position zu der gegenwärtigen Situation, nie ausführlich begründen.

 

Am besten demonstriert dies jenes Beispiel, dass sich die Figuren Anja und die Protagonistin in ihrer Jugend oftmals durch Drogenkonsum oder Autostoppaktionen in der Pampa nicht nur in Österreich sondern auch im Ausland in gefährliche Situationen begeben haben und dann eben postwendend sexueller Belästigung ausgesetzt waren. In einem Nebensatz wird irgendwie vermittelt, dass dies keine Rolle spielen sollte. Punktum! Na Bumm!

 

Abgesehen davon, dass ich total derselben Meinung bin, sollte man hier schon mal breiter diskutieren, warum diese Aussage so im Sinne der Gleichberechtigung und der Ablehnung von Täter-Opfer-Umkehr wirklich ihren Sinn hat. Dazu fallen mir persönlich mehrere Punkte ein.

 

Eine Frau darf nie schwach und muss immer auf der Hut und gerüstet sein, einen Übergriff auf ihre körperliche Unversehrtheit abzuwehren – sie muss quasi jederzeit damit rechnen, dass ihr etwas angetan wird. Da würden nun viele Leute in der im Roman thematisierten Situation sagen, dass die Mädchen selbst schuld seien, da sie aus jugendlichem Leichtsinn diese gefährlichen Situationen herbeigeführt haben. Abgesehen davon, dass so etwas betrunkenen oder von Drogen benebelten Männern von Frauen so gut wie nie angetan wird und wenn es so wäre, würde der gesellschaftliche Konsens die Täterin nie in Schutz nehmen. Aber was wäre, wenn die Frau durch Krankheit, Autounfall, Ohnmacht … außer Gefecht gesetzt ist – ist sie dann auch noch immer selbst schuld, da sie sich nicht mehr wehren kann? Und glaubt mir, nicht immer ist ein Rausch ersichtlich, es könnte auch ein Insulinschock oder etwas anderes sein. Hier würde nämlich dann die Grenze für viele Übergriffige anfangen, die sie aber nicht mal erkennen könnten, denn sie sind keine Ärzte.

 

Zweitens was wäre tatsächlich eine Situation, sich in Gefahr zu begeben, bei der das Opfer seine körperliche Souveränität verliert und selbst schuld ist? Sich mal außerhalb des Elternhauses aufzuhalten? Irgendwo fern der Heimat in die Schule zu gehen oder zu arbeiten? In eine Disko zu gehen? In die Ferne zu reisen? Wo beginnt die Gefährdungslage von Frauen, die dann automatisch Freiwild werden? Die Gefährdungslage beginnt aus meiner Erfahrung und auch aus vielen dokumentierten Missbrauchsfällen schon in der Teenagerzeit bei einer Schule oder einem Internat fern der Heimat, in der Täter nicht mehr die Eltern fürchten müssen. Von Übergriffen und Missbrauch im häuslichen Umfeld möchte ich in diesem Kontext noch gar nicht sprechen.

 

Drittens warum können junge Frauen überhaupt nicht auch mal leichtsinnig ihre Grenzen austesten, ohne gleich bedroht zu werden, einem Verbrechen zum Opfer zu fallen. Junge Männer tun dies in den diversen Fortgeh- und Trinkritualen fast ihre ganze Jugend lang. Warum müssen Frauen immer in Angst leben? …

 

Dies sind nur ein paar Argumente, zu nur einer im Roman beschriebenen Situation, die ich persönlich in die Diskussion werfen möchte und von der ich mir erwartet habe, dass diese Auseinandersetzung die Aufgabe der Autorin wäre. Leider tut sie hierzu und auch zu allen anderen Themen nichts. Man muss nicht nur Männer sondern auch Frauen argumentativ ein bisschen bei diesen Themen abholen oder ihnen zumindest in der Diskussion auf halber Strecke entgegenkommen, um wirklich etwas in den Köpfen zu ändern. Wenn man sich aber der Kommunikation verweigert, und wie in diesem Roman nur egozentrisch um sich selbst kreist, bringt das gar nichts im offenen Diskurs, im Gegenteil, der vor allem heutzutage durch den gesellschaftlichen Backslash so dringend notwendige Feminismus wird ein weiteres Mal als total abgehoben diffamiert.

 

Fazit: Ein feministischer Roman mit sehr wichtigen Themen, aber leider kein guter. Mein Urteil bezieht sich sowohl auf Inhalt, stilistische Form aber bedauerlicherweise zudem auch noch auf die Auseinandersetzung und den Diskurs zu diesen brennenden Fragen.

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review 2018-09-30 07:23
Die Vergangenheit holt uns alle ein
Es scheint die Sonne noch so schön - Barbara Vine

Oh wie liebe ich diese A-Z Autorinnenchallenge. Beim Buchstaben V habe ich erneut eine für mich komplett neue Schriftstellerin entdeckt, die mir sehr gut gefallen hat. Barbara Vine kann wahnsinnig gut fabulieren, die akuraten Landschaftsbeschreibungen, die atmosphärische Dichte des Plots und die intensiven Figurenentwicklungen fallen zuerst ins Auge. Sehr schnell war ich als Leserin gemeinsam mit dieser Kommune auf diesem geerbten Landsitz in der Nähe von London.

 

Die Story weist eine sehr spannende Konstellation auf. In einem Haus werden zufällig die Knochen einer Frauenleiche und anschließend auch noch eines Babies entdeckt. Dieser Roman ist nun vordergründig die Geschichte jener fünf Personen, die mehr oder weniger gut mit dem Trauma der Vergangenheit, das dem Leser erst nach und nach enthüllt wird (Mord Totschlag Unfall), zurechtkommen.

 

Die Handlung springt sehr schnell und unvermittelt permanent zwischen Gegenwart und Vergangenheit, was ein bisschen herausfordernd zu lesen aber punktgenau konzipiert ist, denn die drei männlichen Protagonisten haben dieses mehr als zehn Jahre alte Trauma noch nicht wirklich verarbeitet, das schlechte Gewissen und die Selbstvorwürfe holen sie immer wieder ein, trotz aller Vertuschugnen gelangen die Wahrheit und alle verdrängten Fakten allmählich an die Oberfläche des Bewusstseins. Das ist auch psychologisch sehr gut konzipiert, durch den Fortschritt der polizeilichen Ermittlungen werden die Herren der damaligen Kommune allmählich nach und nach nervös, weichgeklopft und offenbaren sich selbst und dem Leser das Geständnis, die Beichte, was wirklich passiert ist.

 

Auch beim Kriminalplot wurde ich am Ende des Romans noch einmal gehörig überrascht, was mir sehr viel Vergnügen bereitet hat, denn ich werde sehr gerne ein bisschen and der Nase herumgeführt.

 

Fazit: Ein psychologisch klug konziperter, sprachlich und inhaltlich anspruchsvoller Roman mit einem spannenden Krimiplot. Warum ich nun speziell bei diesem Buch nur 4,5 Sterne vergebe, weiß ich auch nicht so genau, aber es könnte daran liegen dass sich die Geschichte zu Beginn ein bisschen zu gemächlich entwickelt. Vielleicht liegt es aber auch wahrscheinlich daran, dass ich zusätzlich 2 Bücher von der Autorin gekauft habe, die möglicherweise auch noch viel besser sind.

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review 2018-09-20 12:28
Versteckenspielen mit Leiche
Walter muss weg: Frau Huber ermittelt. Der erste Fall - Thomas Raab

Wenn ein Schriftsteller eine neue Reihe mit einem ganz neuen Setting und taufrischen Figuren startet, bin ich immer sehr erfreut, denn ich bin der Meinung, dass sich die Protagonisten und die Story irgendwann zwischen Band 4-8 stark abnutzen und der Schwung, die Innovation in dem geschaffenen Universum fast immer verlorengehen. Ich war ja Fan der ersten Stunde von der Metzger Reihe, bei der es mir ab Band vier genauso ging.

 

Thomas Raab hat nun einen neuen ländlichen Mikrokosmos namens Glaubenthahl mit einer etwas grantelnden Seniorenermittlerin namens Hannelore Huber geschaffen, der mir sehr gut gefällt. Besonders hat mich vor allem der bösartige, richtig fiese Humor des Autors erfreut, aber auch dieses ländliche Amigogehabe und die Ämterkummulation in den know-how-mäßig und personell ausgedünnten Dorflandschaften, die ja förmlich nach Korruption, Vertuschung und größeren Verbrechen schreien, haben mich sehr amüsiert. Die Renitenz, die Bauerschläue und die Altersboshaftigkeit triefen fast aus jedem Buchstaben dieses Romans.

 

Der Mann von Frau Huber, der titelgebende Walter, ist also gestorben, seine „trauernde Witwe“ ist erstens irgendwie ein bisschen erleichtert und freut sich zweitens ob ihres neu beginnenden selbstbestimmten Lebens.

Beschwingt dabei ihr Schritt, der Gehstock nur Atrappe, Placebo, Werkzeug, und ja, kurz kam der alten Huber unterwegs sogar ein Lächeln aus. Und das will was heißen bei Mundwinkeln, die sonst kaum über die Waagrechte hinausragen. War ja auch kein lustiges Leben bisher. Genau dieser betrübliche Zustand sollte sich nun grundlegend ändern.

An diesem Punkt setzt der Autor mit dem Text eines Liedes, das der Protagonistin in den Sinn kommt, auch noch einen von ein paar grauslichen, sehr witzigen Ohrwürmern, vor dem ich alle prophylaktisch warne. Also klickt auf eigene Gefahr hier.

Ein ziemlich kleiner magerer Mann war ihr Walter, stets darauf bedacht, sein Gegenüber auf Augenhöhe herunterzubekommen, sprich ein paar Köpfe einzukürzen. Selbsterhöhung durch Fremderniedrigung. Ganze Familien, Länder oder gleich der komplette Globus mussten da schon ihren Schädel hinhalten, nur weil sich so ein einzelner Giftzwerg nicht richtig auswachsen durfte.

Doch irgendwie will dieser blöde Gatte nicht in die Grube, denn im Sarg liegt ein anderer, was durch einen Unfall bei der Beerdigung zufällig zu Tage tritt. Walters Leiche ist verschollen, selbst im Tode schlägt er der Witwe noch ein Schnippchen, spielt sich in den Vordergrund, indem er quasi davonläuft. Das und der Mangel an kompetentem Personal in der ländlichen Idylle, das das Verbrechen aufklären könnte, inspiriert die alte Huber, sich selbst auf die Suche nach Walter zu begeben und den Grund für die weitere Leiche(n) bzw. die Vertauschung aufzuklären.

 

Was dann folgt, ist ein recht vergnüglicher typischer Landkrimi mit Korruption, Vertuschung, Amigos, Liebe, und Toten, der vom Krimiplot her aber wenig sensationell und effektheischend ist. Im Gegenteil, am Ende bleibt recht wenig Kriminalhandlung übrig. Die Figuren sind liebevoll entwickelt und die Sprache ist Raab-typisch ganz meine, trotz gewollt simpler Konstruktion voll Wortwitz und Fabulierkunst.

 

Dennoch hat mich stilistisch in diesem Werk etwas so massiv gestört, dass es mir nach und nach die Leselust vergällt hat. Raab arbeitet mit folgendem Konzept: Die Gedankensprünge werden im Stakkato eingesetzt. Er stiftet absolute Verwirrung, klärt auf den nächsten Seiten alles wieder auf und setzt zum erneuten Gedankensprung an. Das ist fast so wie beim Angeln: ausholen … reinziehen … ausholen … reinziehen. Am Anfang war es nur ein bisschen anstrengend, herausfordernd und erforderte Konzentration, aber da sich dieses Stilmittel durch den ganzen Roman zog, war es letztendlich nur noch nervig, da es den Lesefluss und die Rezeption der Handlung enorm störte.

 

Fazit: Eine gute neue Reihe mit einem für mich ansprechenden Setting. Der Roman hat aber ob des mageren Krimiplots und der stilistischen Mühsamkeit noch einiges an Luft nach oben.

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