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review 2017-08-09 09:54
Mittelmäßiges philosophisches Pallaver
Lila oder ein Versuch über Moral - Robert M. Pirsig,Hans Heinrich Wellmann

Tja was soll ich Euch erzählen? Hüte Dich vor Fortsetzungen, denn sie könnten einfach nur das schale, aufgewärmte Gericht vom letzten Mal sein. Genau das trifft auf dieses Buch zu, es hat sehr wenig mit  Moral zu tun und nervt aus mehreren Gründen massiv.

1. Redundanz: Der Autor Pirisg bzw. sein Alter Ego-Phaidros versteigt sich, anstatt ein neues Gedankengebäude für  Moral zu entwickeln, noch immer in ewig denselben Qualitätsdefinitionen wie in Zen oder die Kunst ein Motorrad zu warten - er  führt sie nur ein bisschen weiter aus, das hätte er aber auch noch in 2 zusätzlichen Kapiteln in Zen machen können.  

2. Ungenauigkeit: Er definiert mitunter sehr salopp und ungenau überheblich aus der Sicht eines überlegenen Amerikaners  vor allem wenn er auf den "europäischen Lebensstil" runterhauen kann.  Er meint viktorianisch, puritanisch, neurreich wenn er europäisch sagt.

"Jedesmal, wenn er herkam, spürte er wie die Menschen förmlicher und unpersönlicher wurden und gerissener. Ausbeuterischer. Europäischer. Und kleinlicher, weniger großzügig."

Pirsig hat einen Knall - den typischen Turbokapitalismus der Republikaner haben die Amis ganz autonom aus den österreichischen Theorien von Hayek entwickelt, das hat nix mit europäischen Werten seit 1945 zu tun.  Ist schon komisch, da definiert er sich zuerst über Qualität und Werte einen Wolf, und dann ist er bei dem Wort europäisch dermaßen schlampig, vor allem weil er eine Ohrfeige mitten ins Gesicht eines jeden modernen Europäers klatscht.

3. Präpotenz: Redet der Autor in der Figur des Phaidros über Moral und Gesellschaft, wird er präpotent teilweise sogar größenwahnsinnig. In Zen konnte man das noch nachvollziehen, da er ja verrückt wurde und durch eine Katharsis ging, nach der er sich selbst an den Haaren aus seinem eigenen Sumpf zog. In diesem Roman ist Phaidros jedoch geheilt und der unagenehme onkelhafte Erklärbär vom Typ mainsplainender Oberlehrer, der sogar meint, ein geisteskrankes junges Mädchen heilen zu können, das er natürlich vorher gebumst und ausgenutzt hat. Wäre spannend, ein Buch aus ihrer Perspektive zu lesen.  

4. Timing: Die falschen Thesen zur falschen Zeit.  In einer Zeit, in der jegliche Aufklärung  und Wissenschaft quasi jeder Beruf wie Arzt, Journalist, jeder Naturwissenschaftler grad von pöbelnden Gehirnakrobaten, die in der Schule nicht mal 1 und 1 zusammenzählen konnten, schlichtweg als Systemtrottlen, Lügner und Betrüger in den Sozialen Medien derart grossflächig vernadert werden, dass die Bevölkerung diese Berufe bereits verachtet, giesst ein Buch, das sich philosophisch kritisch mit Technokratie, Positivismus und Empirismus in der Wissenschaft der 80er und 90er Jahre auseinandersetzt, natürlich komplett sinnloserweise Öl ins Feuer. Erstens weil sich die Wissenschaft schon längst gewandelt hat. Ja das haben wir nämlich nun davon, dass Wisssenschaftler der 3. Generation in einem holistischen, ganzheitlichen Ansatz nicht in ihrem Fachgebiet geblieben sind, sondern sich mit ihrem Fachwissen auch in fremde Gebiete begeben haben.  Phaidros schwurbelt was von Menschenverstand gegen empirische Wissenschaft in seiner Postivismuskritik - in einer Zeit in der die Aufklärung vielerorts wieder negiert wird von Eso-Freaks, Flacherdlern, Impfkritikern, Chemtrailern..."

In einer Zeit in der sich jeder Depp seine Individualempirie zusammenschustert (ich kenne da aber jemanden...), glauben auch Krethi und Plethi ohne Schulabschluss, mit Diplom von der youtubeUniversität und ohne Verständnis von wissenschaftlichen Theorien, sich irgendwas von einer flachen Erde oder einem Zusammenhang zwischen Impfen und Autismus ...... zusammenzuschwurbeln zu koennen.  Plötzlich sind alle empirischen Aussagen, die bereits mit 90-99,9%iger Wahrscheinlichkeit bewiesen wurden, alles graue Theorie und gleichbedeutend mit jeder anderen Schwachsinnstheorie, die sie sich in ihrer Paranioa gegenüber Fachleuten aus ihren Fingern gesogen haben. Und das nur, weil die Wissenschaft nie 100%ige Annahmen trifft - nicht mal bei der Schwerkraft ;-).

Wenn ich das Wort Haus- oder Menschenverstand oder Bauchdenken, mehr fühlen denn Denken, mehr Spiritualität gegenüber Wissenschaft heutzutage schon höre, die der Autor auch mitunter propagiert (selbstverständlich  fundierter auf der Basis von wissenschaftlich philosophischen Methoden) geht mir sprichwörtlich das Geimpfte auf (sagt man so auf österreichisch man könnte aber auch sagen,... geht mir ein Impfschaden auf).

Somit ist das Buch, auch wenn der Autor es zwar gut argumentiert hat, aber in ein paar Punkten  sowas von falsch liegt, Wasser auf die Mühlen der aufklärungskritischen Deppen von heute.

Ein paar Aussagen zur dynamischen vs. statischen Qualität und zur Wissenschaft und auch zu den Nazis habe ich dennoch sehr gut gefunden.


Fazit: Ich mag zwar die wissenschaftliche Art des Autors, die Welt zu sehen, zu analysieren, zu katalogisieren und zu strukturieren. Leider  kommt dabei Pirsig vom Hundertsten ins Tausendste, diese gedankliche Reise war nur mäßiig spannend und führte bedauerlicherweise ins NIRWANA der Mittelmäßigkeit.

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review 2017-07-31 20:19
Welcher Mensch willst Du sein?
28 Tage lang - David Safier

Lange hab Ich ungläubig staunend die begeisterten Rezensionen zu diesem Buch verdrängt, denn ich konnte mir nicht vorstellen, wie ein Autor, der mich derart mit seinem primitiven schenkelklopfenden Humor genervt hat, ein so großartiges Buch zuwege bringen sollte. Aber so kann es passieren: Wenn man einen Schriftsteller schlussendlich in eine Schublade gesteckt hat, hüpft er mitunter wie ein Schachtelteufel überraschend aus derselben wieder heraus.

Safier ist mit diesem Roman eine wundervolle Geschichte aus dem Warschauer Ghetto gelungen. Die 16-jährige Mira betätigt sich zuerst als Schmugglerin, um ihre Familie durchzubringen. Als die Deportationen ins Konzentrationslager Treblinka beginnen und ihre Schwester und Mutter getötet werden, schließt sie sich dem jüdischen Widerstand im Ghetto an, der 28 Tage lang den deutschen SS-Soldaten und den polnischen Polizeikollaborateuren standhält. Das ist länger, als Frankreich die Deutschen aufgehalten hat.

Durch den ganzen Roman zieht sich in allen Szenen eine essentielle menschliche Frage, die Tag für Tag, bei jeder Aktion aufs Neue beantwortet werden muss: Wie weit kann man in seinem Überlebensinstinkt gehen, ohne die Menschlichkeit komplett zu verlieren? Wo beginnt Schuld und wann ist sie gesühnt?

   „Die Frage ist, kleine Mira, was für ein Mensch möchtest Du sein?“
    „Einer der überlebt,“ antwortete ich leise, abwehrend.
    „Das scheint mir als Sinn des Lebens nicht ausreichend“, antwortete der Clown.
    Dann lachte er mich an – nicht aus -, hüpfte mit seiner Beute davon und
    ließ mich mit der Frage zurück: Was für ein Mensch möchte ich sein.

    „Die Frage ist nur“ fuhr er fort, „wie willst Du sterben?
    Willst Du ein Mensch sein, der sich wehrlos abschlachten lassen will?
    Oder einer der sich wehrt?“
    „Der letzte der mich das gefragt hat, was für ein Mensch ich sein will,
    war ein Verrückter“, erwiderte ich.


Dieses Thema hatte ich letztes Jahr schon im sehr realistisch grausamen Roman Nacht von Edgar Hilsenrath. Im polnischen Ghetto gibt es auch unter den jüdischen Opfern nur noch Täter, denn der Firnis von Zivilisation und Menschlichkeit ist unter dem Umstand des täglichen wahnwitzigen Überlebenskampfes wie weggeweht. Bei Safier wird dieser moralische Themenkomplex aber erstens aus der Sicht einer 16-jährigen dargelegt, die noch relativ unverbraucht eine naivere Vorstellung von der Welt hat, und zweitens haben die meisten handelnden Personen ihre Moral und ihre Skrupel noch nicht endgültig abgelegt, sie überprüfen täglich aufs Neue ihren Standpunkt, wohl auch durch den Umstand, dass sie sich entschlossen haben, sich gegen die Nazis zu wehren und somit ein bisschen menschliche Souveränität zurückerlangt haben. So entsteht mitten im Ghetto nicht nur eine grausame Überlebensgeschichte – die natürlich auch Tag für Tag geschrieben wird – sondern auch eine Story über Liebe, Eifersucht, Freundschaft, Heldenmut, Altruismus, Humor, Satire, fantastische Märchen und – man glaubt es kaum – sogar in kurzen Szenen über Genuss und Glück. Fast ist es eine normale Geschichte, wenn nicht der Tod an jeder Ecke lauern würde.

Auch die Frage, warum die meisten Juden sich sehenden Auges, ohne Widerstand zu leisten, wie Schlachtvieh in die Konzentrationslager haben treiben lassen, wird hier konsistent thematisiert. Die Nazis haben die Hoffnung immer ein bisschen am Leben gehalten. Es wurden immer wieder Ausnahmen von der Deportation gemacht zum Beispiel durch bestimmte Bescheinigungen, die nach einer Woche nichts mehr wert waren, aber die Hoffnung – quasi wie auf einen Lottogewinn – aufrechterhielten. So wurde die Bevölkerung still gehalten und auch Kollaborateure akquiriert, die andere ans Messer lieferten. In den Ghettos gab es viele Werkstätten, die wichtige Güter für die Nazis produzierten. Die Juden haben gedacht, „Wir sind billige Arbeitskräfte, da werden sie doch nicht, das wäre doch verrückt“….. . Es dauerte lange, bis alle begriffen: Wir werden nicht überleben. Erst diese bittere Einsicht gab den Menschen die Kraft, sich zu wehren.

So lebt und kämpft Mira mit ihren jugendlichen Freunden im Ghetto Tag für Tag – 28 Tage lang im Widerstand gegen die deutschen Besatzer und überlebt in einem Happy End außerhalb des Ghettos zusammen mit ihrer großen Liebe – vorerst in einem offenen Ende.

    Ich werde keinen neunundzwanzigsten Tag kämpfen. […] Ich werde ein Versteck suchen für mich und die Kleine. […] Kommst Du mit?“

Fast schon ist dieses Ende ein bisschen zu kitschig, um wahr zu sein, man denkt daran, dass Safier hier den gesamten Roman etwas zu optimistisch und rührselig angelegt hat … und dann …
Kommt man im Nachwort drauf, dass fast alle Personen und Ereignisse historisch sind. Die Überlebenden aus der jugendlichen Widerstandsgruppe, die 28 Tage erfolgreich Widerstand und Kampf abgeleistet haben, der Schmugglerkönig mit dem großen Herz, der Zivilisten und Kämpfern seinen Bunker zur Verfügung gestellt hat, der Pädagoge Korczak, der sich für Waisenkinder einsetzte und sogar der durchgeknallte Clown Rubinstein, der reiche Ladenbesitzer erpresste, indem er Hitler lauthals schmähte, wenn SS-Soldaten vorbeigingen, und dadurch Lebensmittel abpresste, nur damit er zu reden aufhörte und die Soldaten nicht in Versuchung kamen, alle zu erschießen. Lediglich die Hauptfiguren Mira, Amos und Daniel sind fiktional, aber alles, was ihnen im Roman geschieht und alle Szenen ihrer inneren Konflikte basieren auf realen Ereignissen. Sie wurden aus den Memoiren von Überlebenden, umfangreichen Sammlungen, Quellen und von Ringelblums Vermächtnis, einem geheimen Ghettoarchiv, übernommen.

Fazit: Großartige Aufarbeitung des Themas – diesmal nicht nur furchtbar und bedrückend erzählt, sondern auch mit einem Fünkchen Hoffnung, Humor, Liebe, Freundschaft und viel Menschlichkeit. Das Beste an der Geschichte ist, dass sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit tatsächlich genauso passiert ist.

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review 2017-07-25 04:49
Szenen einer zerrütteten Ehe
Traumnovelle (SZ-Bibliothek, #12) - Arthur Schnitzler

Prinzipiell hat Arthur Schnitzler hier eine sehr gute Geschichte begonnen, diese Ehe voller Nadelstiche, kleiner Kränkungen und gegenseitiger Entfremdung. Leider steht in diesem Fall der literarische Typ der Novelle wieder mal gegen eine wirklich ausgezeichnete Aufarbeitung des angerissenen Themas. Ich finde einfach eine bzw. diese Beziehung ist viel zu vielschichtig und komplex, um derart kurz abgehandelt zu werden. Das merkt man auch beim Ende, als der Ehemann alles beichtet und dann ist alles wieder gut. Wirklich? Das ist mir einfach zu platt, wird viel zu hastig abgehandelt und das Finale kommt mir dadurch auch als unlogischer Handlungssprung vor. Eine Paartherapie einer Ehe mit jahrelangen kleinen Verletzungen und massiver Entfremdung kann auch nicht in einer Sitzung erfolgreich absolviert werden.

Daran krankt aber meiner Meinung nach die Gattung der Novelle sehr oft. Sie nimmt sich zu komplexe Themen vor, die einfach nur für einen Roman geeignet sind.  Lediglich beim Lieutnant Gustl  und bei der Schachnovelle kam mir die Geschichte hinreichend erzählt und konsistent abgeschlossen vor.

Die Traumszenen der Ehefrau sind wundervoll in die Handlung eingefügt. Diese Dame versteht es wirklich, Ihren Mann zwar nicht körperlich zu betrügen, aber ihm durch die Erzählung ihres Traumes unmissverständlich klarzumachen, dass sie es erstens könnte und dass sie es zweitens aus Verachtung sehr gerne tun wollte. Eine ganz perfide Manipulatorin, die dann auch noch ein paar sehr subtile Tötungsfantasien in den Traum einbringt. Hier zeigt sich auch der Einfluss von Freud, Jung und Konsorten, die sich zur Zeit Schnitzlers mit der Traumdeutung befasst haben. Auch die Figur des Ehemanns und Arztes Fridolin ist sehr gut und konsitent entwickelt. Schnitzler zieht dies konsequent bis zur ärztlich angehauchten Sprache durch. Die außerehelichen Abenteuer Fridolins, die nie zum Abschluss kommen, sind erstens sehr spannend konzipiert (nämlich ein jedes ist völlig unterschiedlich), zeugen aber durch ihren gemeinsamen Coitus Interruptus-Charakter durchaus von sehr bösartigem Humor. Die Ehefrau betrügt und verletzt ihren Mann im Traum mehr als dieser - zu allen Schandtaten bereit - imstande ist, die ihm dargebotenen Gelegenheiten wirklich am Schopf zu packen. Fridolin hat ein derart schlechtes Timing und die Tendenz, in gewissen Situationen immer genau das Falsche zu tun, dass ich oft schmunzeln musste. Letztendlich bleiben sich die beiden Partner in ihrem kleinen Ehegefecht nichts schuldig. Diese Szenen einer Ehe hätte ich aber gerne noch ein bisschen länger, intensiver betrachtet und nicht mit so einem derart abrupten unglaubwürdigen Happy End versehen.

Fazit: 3,5 Sterne weil die Geschichte natürlich sehr gut geschrieben ist, aber viel zu kurz abgehandelt wurde.

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review 2017-07-22 05:45
Die Substanz der Angst
Eine allgemeine Theorie des Vergessens: Roman - José Eduardo Agualusa,Michael Kegler

Am Vorabend der angolanischen Revolution mauert sich die portugiesisch-stämmige Ludovica, nachdem sie einen Einbrecher in Notwehr erschossen und auf ihrer Dachterrasse begraben hat, aus Angst für dreißig Jahre in ihrer Wohnung ein und schottet sich somit in einem selbst gewählten Exil von den Wirren des Jahrzehnte andauernden angolanischen Bürgerkriegs ab.

 

Es klingt fast wie ein utopisches Märchen, könnte aber dennoch wahr sein. Sie braucht ihre umfangreichen Vorräte auf, sammelt Regenwasser, züchtet Hühner auf ihrer Dachterrasse im elften Stock des Hochhauses der Hauptstadt Luanda, schießt Tauben mit einer Steinschleuder und wird auch noch durch einen Feigenbaum versorgt. In wundervoller Manier und mit dem typisch episch breiten, sprachlich gewundenen und mystisch angehauchten lateinamerikanischen Schreib- und Erzählstil wird hier die Geschichte einer einsamen Frau, ihr Überleben, und das von einigen Protagonisten, die direkt und indirekt Einfluss auf das Schicksal von Ludo nehmen und genommen haben, erzählt.

 

Wer Gabriel García Márquez liebt, der wird eine helle Freude an diesem Roman haben, wobei erstens nicht Myriaden von verwirrendem Personal mit nicht mehr nachvollziehbaren Verwandtschaftsverhältnissen in der Geschichte herumwuseln und zweitens der Plot derart nachvollziehbar ist, sodass der Leser den Faden nicht verliert. Mir kommt fast vor, dem Autor Agualusa ist eine kürzere, knackigere, bessere Márquez-Geschichte im Stile des magischen Realismus gelungen als das Original Hundert Jahre Einsamkeit.

 

Am Ende in Form eines grandiosen Finales treten alle Personen, die irgendetwas mit Ludos Schicksal zu tun hatten, als die mittlerweile alte Dame sich endlich anschickt, die Wohnung zu verlassen, gleichzeitig in die Handlung ein und lösen in einem Netzwerk alle Verflechtungen aus Schuld und Sühne der Vergangenheit auf. Dies ist zwar vom Timing her sehr unwahrscheinlich - der Autor benennt sogar eine Kapitelüberschrift als „Die subtile Architektur des Zufälligen“ - aber so sind sie eben, die lateinamerikanischen Geschichten: voller Zufälle, die in ihrer gewollten fiktionalen Konstruktion einen märchenhaften tieferen Sinn ergeben.

 

Nebenbei vermittelte der Roman en passant auch noch sehr viel Wissen und strukturierte Informationen über die Hintergründe, die Beteiligten und die Politik im Bürgerkrieg in Angola. Ich kann mich noch sehr gut an meine Kindheit erinnern, als die Nachrichten voll waren, mit den Namen der ganzen Splittergruppen bzw. Kriegsbeteiligten wie SWAPO, ANC, FNLA, MLPNA, UNITA und wie sie alle hießen, als keiner in Europa mehr nachvollziehen konnte, wer, was, wie, mit wem paktierte und worum es in diesem Krieg eigentlich ging.

 

"Du und Deine Freunde, ihr nehmt immer den Mund voll mit so großen Worten: Soziale Gerechtigkeit, Freiheit, Revolution, und die Leute vegetieren vor sich hin, werden krank und sterben. Große Reden machen nicht satt. Was die Leute brauchen, ist frisches Gemüse und wenigstens ein Mal in der Woche eine richtige Fischsuppe. Mich interessiert nur die Revolution, die mit einem vernünftigen Essen beginnt."

 

"Magno Moreira Monte kam durch eine Satellitenschüssel zu Tode. Er fiel vom Dach, als er versuchte, sie zu befestigen. Anschließend fiel ihm die Schüssel auf den Kopf. Manche sahen darin eine ironische Allegorie für die neuen Zeiten. Der frühe Agent der Staatssicherheit, letzter Repräsentant einer Vergangenheit, an die sich in Angola nur wenige gerne erinnern, war von der Zukunft erschlagen worden; die freie Kommunikation hatte gesiegt, über den Obskurantismus, das Schweigen und die Zensur; Weltgewandtheit hatte den Provinzialismus erschlagen."

 

Sprachlich-stilistisch bin ich zudem restlos begeistert und auch die subtile Ironie, den Wortwitz und die wundervollen Allegorien habe ich sehr genossen. Alleine wenn man sich das Inhaltsverzeichnis durchliest, sind die Kapitelüberschriften derart poetisch, dass es schon auf Seite drei, ohne jemals einen ganzen Satz des Autors gelesen zu haben, die reine Freude ist. Wenn wir jetzt nicht erst Juli hätten, sondern schon Oktober, würde ich schwören, dass dieses Buch ganz oben auf meine Bestenliste kommt. Soweit möchte ich jedoch noch nicht gehen, denn das Jahr ist noch jung und die wundervollen Bücher sind auch noch nicht alle ausgelesen.

 

Fazit: Ein bisschen lateinamerikanisches Märchen mitten in Afrika, der Überlebenskampf von Rapunzel im selbstgewählten Exil fast schon à la Marlen Haushofer in Die Wand am Dach eines Hochhauses, viel Revolution und politische Wirren, Schuld und Sühne, gute Absichten und böse Taten, viele atemberaubend kuriose Verflechtungen in den Beziehungen der Protagonisten, sehr viel kluge philosophische Bonmots mit Ironie und einer wundervollen Sprache gewürzt - fertig ist dieser köstliche lateinamerikanisch-angolanische Eintopf. Chapeau! Bisher mein Buchstoffhöhepunkt – eine absolute Leseempfehlung von mir.

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review 2017-07-16 05:51
Horrorgruselvergnügen mit Gänsehautfaktor aber auch leichten Schwächen
Es - Alexandra von Reinhardt,Stephen King

Aus aktuellem Anlass habe ich endlich erstmals dieses Werk von Stephen King gelesen. Da im September der neue Film herauskommen soll, ist hier auch eine Book2Movie Rezension geplant. Bin mal gespannt, wie dieses Thema glaubwürdig cineastisch mit Spezialeffekten umgesetzt wird.

Zum Buch:
Ein sehr guter sehr gruseliger Thriller und hervorragende Charakterstudien aller Protagonisten, so beurteile ich diesen Roman von Stephen King. Als Meisterwerk ohne Kritik und Tadel kann ich die Geschichte aber aus meiner Sicht aber auf keinen Fall bezeichnen, denn da gibt es schon einige Punkte, die mich gestört haben.

Da wäre zuerst mal die typische enorme epische Breite - man könnte es auch bösartig als Geschwätzigkeit in Form eines Modetrends bezeichnen - die amerikanische Autoren sehr gerne an den Tag legen. Bei über 1200 Seiten halte ich es aber als Leser schon für angebracht, bei jeder Szene einzeln zu überprüfen, ob diese wirklich notwendig ist und für den Plot und den Handlungsaufbau tatsächlich etwas tut. Hier kann ich mit gutem Gewissen nicht für alle die Hand ins Feuer legen, was somit den Roman vor allem bei den Zwischenspiel-Kapiteln in der Mitte manchmal ein bisschen spröde und zäh macht. Nicht dass ich mich sehr gelangweilt hätte, aber ein paar Szenen rauszustreichen, hätte dem Stoff eheblich mehr Tempo, Rasanz und Spannung beschert. Ich merke bei meinem Leseverhalten so einen Umstand immer daran, dass ich nach vorne blättere und abzuschätzen beginne, wieviele Seiten noch zu lesen sind und wie lange ich noch brauchen werde. Wenn sowas passiert, ist irgendwas definitiv episch zu ausladend.

Der Grusel- und Monsterfaktor ist aber tatsächlich als einzigartig grandios herauszuheben. Der Autor  bedient permanent elementarste Kindheitsängste. Jeder Leser kann sich hier mit mindestens einer uralten Phobie identifizieren und wiederfinden, seien es Mörder, Alpträume oder Monster, Clowns, Vögel, grausliche Viecher, Abwässer, Scheiße, Leichen.... . Bei mir war z.B. es nicht nur der Keller, sondern das Böse lauerte auch hinter den Türen in der Wohnung, die alle kontrolliert werden mussten, wenn ich abends immer ganz alleine war. Eine weitere Phobie meinerseits wird auch noch hervorragend stimuliert. Da ich einen sehr ausgeprägt guten Geruchssinn habe, treffen mich erstens unangenehme Gerüche wie ein Keulenschlag und ich kann sie mir sogar bildlich so gut vorstellen, dass mich alleine die Vorstellung schon zum Würgen bringt. Mammamia King kann grausliche Gerüche wirklich gut beschreiben - so anschaulich habe ich so etwas noch nie gelesen. Manchmal scheint es mir, dass dieser Roman durch ein völlig neues Medium transportiert werden müsste - nämlich das Geruchskino, das in Aldous Huxleys Schöne neue Welt beschrieben wurde.

Der prinzipielle Plotaufbau, der zwischen den zwei Zeitebenen Kindheit in den 50er Jahren und Erwachsenenalter der Gruppe der Verlierer in den 80er Jahren hin und her switcht macht den Roman vom dramaturgischen Aufbau her sehr ansprechend. King entwickelt wundervolle Psychogramme aller handelnden Personen - sowohl der Hauptfiguren als auch der Nebenfiguren, dabei wird so en passent vermittelt, wie sich das Leben aller Einwohner von Derry seit den 50er Jahren entwickelt hat - quasi wird das 25-jährige Klassentreffen einer gesamten Stadt abgewickelt. Alles wird thematisiert, die Mobber, die Verlierer, die Reichen, die Mitläufer, das elterliche Umfeld aller Protagonisten, die Beziehungen untereinander: Freundschaften, kleine Animositäten und riesige Antipathien, das Gewaltpotenzial jedes einzelnen ausgelotet, die Entwicklung der Persönlichlichkeiten aller Beteiligtern, die unterschiedlichen Biografien nach 25 Jahren, die Lügen und der Selbstbetrug...... nichts bleibt unaufgedeckt. Das ist wirklich wundervoll konzipiert. Auch habe ich mich sehr gewundert, wie gut und eindringlich die Charaktäre beschrieben und voneinander abgegrenzt werden, denn bei derart viel Personal in diesem Roman, habe ich tatsächlich nur einmal ganz kurz bezüglich einer Namensgleichheit - es gab zwei Eddies - den Faden verloren und wusste nicht, wen der Autor meinte. In Anbetracht der Tatsache, wieviele Figuren hier in den Roman eingeführt werden - King beschreibt ja fast eine ganze Kleinstadt - ist dies wirklich sehr ungewöhnlich.

Auch sprachlich kann der Thriller anderen literarischen Romanen sowohl von teilweise humoristischen Auswüchsen als auch an Weisheiten durchaus das Wasser reichen.

"... aber Fußnoten sind eine komische Sache, wissen Sie, wie Trampelpfade durch ein wildes, zügelloses Land. Sie teilen sich, dann teilen sie sich wieder; man kann an jeder Stelle in eine Sackgasse einbiegen, die einen zu einem mit Brombeersträuchern überwucherten Ende führt, oder in sumpfigen Treibsand. "Wenn Sie eine Fußnote finden", hat ein Prof. für Bibliothekswissenschaften einmal zu einer Klasse gesagt, an der ich auch teilgenommen habe, "dann zertreten Sie sie, bevor sie sich vermehrt.""

 "Kinder konnten das Unerklärliche besser in ihr Leben integrieren. [..] Als Erwachsener lag man nicht wach im Bett und war überzeugt davon, dass im Schrank etwas lauerte oder unermüdlich am Fenster kratzte... aber wenn dann tatsächlich etwas passierte, etwas außerhalb einer vernünftigen Erklärung, war man völlig überfordert, geriet ins Schleudern, die Vorstellungskraft versagte. Man konnte das unerklärliche Ereignis nicht so ohne weiteres mit der Lebenserfahrung in Übereinstimmung bringen. Es war unverdaulich. Der Verstand beschäftigte sich immer wieder damit... bis man schließlich entweder verrückt oder zumindetst völlig unfähig zum Handeln wurde."

Gleichzeitig hatte er auch begonnen, jenes wichtige Prinzip zu begreifen das die Welt regiert - zumindest wenn es um Karriere und Erfolg geht: Man muss den verrückten Kerl in seinem eigenen Inneren finden, der einem das Leben schwermachte. Man musste ihn in die Ecke teiben und packen. Aber man durfte ihn nicht umbringen, o nein. Für kleine Bastarde dieser Art wäre der Tod viel zu gut gewesen. Man musste ihm ein Geschirr anlegen und dann anfangen zu pflügen. Der verrückte Kerl legte sich mächtig ins Zeug, sobald man ihn erst in die Spur gebracht hatte. Und er hielt einen bei Laune, amüsierte einen. Das war eigentlich auch schon das ganze Erfolgsgeheimnis."


Die ganze Geschichte steigert sich dann für meinen Geschmack eben ein bisschen zu gemächlich zu einem Finale indem ES sowohl in der Vergangenheit durch die Kindergruppe gestoppt als auch in der Gegenwart vernichtet wird. Die permanenten Zeitsprünge und Analogien zwischen Vergangenheit und Zukunft passen punktgenau.

Und dann kommt noch eine Szene, die wieder einmal für den Plot überhaupt nichts tut und zudem aus einem anderen Grund völlig fatal und daneben ist. Nachdem die Kindergruppe ES zurückgeschlagen hat, haben alle das Gefühl, der Zusammenhalt würde zerbrechen. Also "opfert" sich die 12-jährige Beverly - ihres Zeichens bisher auch noch Jungfrau - und schnackslt gleich einer Gang-Bang Orgie mit all ihren Freunden aus dem Club der Verlierer gleich in einem Aufwaschen hintereinander, um quasi als Gruppenkleber den Zusammenhalt zu gewährleisten.
Ich bin ja gar nicht zart besaitet und hab zum Beispiel schon mehrere derartige Bücher gut gefunden wie Mc Evans Zementgarten, aber was hier so nebenbei an Pädophilie und männlichem Täter-Opfer-Umkehr-Stereotyp von einem Autor wie King vermittelt wird, lässt mich bei all dem fiktionalen Horror erstmals ernsthaft erschaudern.  
Dies liegt vor allem daran, dass Beverly ja bis zu diesem Zeitpunkt noch keine sexuellen Erfahrungen hatte - nicht mal wusste, worum es genau beim Sex ging -  aber von Ihrem Vater, der seine sanft sprießenden pädophilen Neigungen durch Gewaltorgien kompensierte, beschuldigt wurde, eine Schlampe zu sein. Dann entscheidet sich Bev autonom - und wir reden hier nicht von einer 14-jährigen in der Pubertät sondern einer 12-jährigen, die noch nicht mal weiß worum es geht, spontan diesem Bild zu entsprechen und Sex mit all ihren Freunden zu haben? Echt jetzt? Dass ist wirklich psychologisch völlig irreal. Derart sexualisiert verhalten sich nämlich nur kleine Mädchen, die wirklich bereits vom Vater missbraucht wurden, oder eben nur in einer männlichen Vorstellung, wie sich das erwachsene Täter gerne in der typischen Täter-Opfer-Umkehr zurechtreden: Das Kind hat dies auch so gewollt.

Seid mir nicht bös, auch wenn wir hier über Fiktion reden, einen derartigen Humbug braucht man weder unter die Leute bringen noch solchen Fake unterstützen, das machen die pädophilen Täter eh schon seit Jahrhunderten selber, indem sie so einen Dreck vor der Gesellschaft und ihren Frauen behaupten, um die Schuld abzuwehren. Und dann hat die Szene ja nichts mit Gruselfaktor oder mit sonst irgendwas zu tun. Sie schwebt irgendwie frei im Plotkonzept und wird auch noch so beiläufig in die Handlung eingefügt. Das ist meiner Meinung nach total daneben.
Eine meiner Goodreads Freundinnen hat mir gesteckt, dass King sich zu dieser berechtigten Kritik rechtfertigte, dass er dieses Kapitel total bekifft geschrieben hat.

Fazit: Ein guter Horrorroman, mit hohem Gruselfaktor der aber auch meiner Meinung nach einige Schwächen aufweist.

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