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review 2020-05-29 08:14
Surreal und zu Meta
Die neue Scheherazade - Lilian Faschinger

Ohje dieser Roman von Lilian Faschinger befand sich so gar nicht in meiner Komfortzone. Die Protagonistin Scheherazade Hedwig Moser, halb Kärnterin halb eine andere Mischung aus Perserin und Kurdin sitzt auf ihrer Couch, spinitisert so in Gedanken dahin, erzählt ihre Familiengeschichte und kommt vom Hundertsten ins Tausendste. So weit, so gut, normalerweise ein Konzept mit dem ich sehr gut etwas anfangen kann. Hat mir Doch schon ein weiterer Roman von Faschinger Magdalena Sünderin, der ähnlich angelegt ist, ausnehmend gut gefallen.

Bedauerlicherweise sind die Parallelen aber für mich nicht deutlich, beziehungsweise könnte es sein, dass die Autorin in diesem Roman, ihrem Debüt, noch ein bisschen üben musste, beziehungsweise sich vergallopiert hat und sich nicht zentrieren konnte. Mir kam die ganze Geschichte so surreal vor wie ein schräger Film Noir mit derart vielen mystischen Elementen aus tausendundeiner Nacht, dass es für mich nur wirre Hirngespinste und Kopfgeburten eines sprunghaften Geistes ergab. Ich mag ja schräg und surreal sehr, aber schräg, surreal, mystisch und wirr ist mir dann viel zuviel. So etwas kannte ich bisher nur von Osteuropäischen Autorinnen: Renata Šerelytė,
Gabriela Adameșteanu und  Zsuzsa Selyem  pflegen auch so einen Erzählstil. Der ist eben wie gesagt, sehr viel weiter von meiner Komfortzone entfernt, als es mir lieb ist und ich habe dann immer keine Ahnung, welchen Sinn die Geschichte ergeben soll. Da stehe ich einfach zu sehr mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität, dass mir so etwas gefallen könnte, da wird mir schwindelig.

Um den Stil zu untermauern, werde ich Euch wieder einmal eine der komischsten Szenen (nicht im Sinne von witzig sondern im Sinne von verwirrend und strange) schildern.

Eine Schauspielerin zerrt in einem Film von Polanski einen Embryo in einem Sack durch die Kärtnerstraße, der von Schritt zu schritt weiter wächst und immer größer wird.  Die Protagonistin trifft die Mimin in einem Wiener-Cafe mit dem Sack, der mittlerweile schon 20 Kilogramm wiegt und den sie zur Probe für den Film durch die Gegend zerrt, um ihre Fitness und Bereitschaft für die Rolle zu demonstrieren und zu üben. Die beiden Frauen unterhalten an der Bar ein bisschen miteinander. Dann trifft Polanski in Person im Cafe ein und es kommt raus, dass die Schauspielerin als 14-jähriges Mädchen Polanski bei einer Orgie kennengelernt und sich beim Sex in ihn verliebt hat. Seitdem ist sie ihm hörig und will alles für ihn tun, aber Polanski ist diese aufopfernde Ergebenheit etwas peinlich, zumindest vor der Protagonistin. Schnitt nächste surreale Szene, die irgendetwas mit der Tante der Hauptfigur zu tun hat. Irre!!!

Dann hat mich auch noch etwas sehr geärgert, aber vielleicht habe ich etwas missverstanden. Eigentlich schätze ich die Autorin als sehr feministisch ein, aber diese Vergewaltigungsfantasien mit Clint Eastwood kann ich überhaupt nicht verstehen. Soll das Ironie sein, oder was zum Teufel ist denn das? Zu so einer Aussage fehlt mir das Abstraktionsvermögen.



"Es war eine formvollendete, professionelle Vergewaltigung. [...]
Hätte ich gewußt, wie schön eine Vergewaltigung sein kann, Inquistor, dann hätte ich mich schon vorher in Situationen begeben, die eine solche ermöglicht hätten. Ich wäre spätabends durch Straßenunterführungen gegangen, wo meine Schritte gehallt hätten, wo die Wahrscheinlichkeit, dass ein Unhold auf mich gewartet hätte, sehr hoch gewesen wäre. Ich wäre per Anhalter durch die Mandschurei gefahren [...]
Lassen Sie mich fortfahren.: Clint und ich ritten also langsam weiter, in den Feldern Stellen mit niedergedrückten Maispflanzen hinterlassend. Er erzählte mir aus seinem abenteuerlichen Leben; er gestand, schon mit dreizehn Jahren zum ersten Mal eine Frau vergewaltigt zu haben und ermutigt durch deutliche Anzeichen von Entzücken seitens der Frau, bei diesem Steckenpferd geblieben zu sein.
[...]Daß jede Frau sich nach einer gekonnten Vergewaltigung sehnt, darf man als gegeben annehmen. Mich schmerzt nichts mehr als von ihren Freunden, ihren Ehemännern, ihren Liebhabern nicht mit der nötigen Aufmerksamkeit und Konzequenz behandelte, zimperliche Frauen sehen zu müssen."



Mir ist das einfach viel zu Meta und vielleicht brauche ich eine Enigma-Maschine, um das ganze zu entschlüsseln, vor allem, weil die vergewaltigte Protagonistin dann auch noch völlig fasziniert und verliebt mit Clint zusammenbleiben möchte, was nur bis zu diesem Zeitpunkt funktioniert, bis sich Clint in eine ganz biedere Frau aus ihrem Dorf verliebt und ein braver, treuer spießiger Ehemann wird.

Fazit: So surreal und Meta von Meta, dass ich es nicht verstanden habe. Vielleicht kann mir mal jemand mit Hang zu solcher Literatur verklickern, worum es geht, was das aussagen will und wohin das führen soll.

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review 2020-05-29 06:15
Schmeck mein Blut
Und wie wir hassen! - Lydia Haider

Wie kann frau an das Thema Hass im Netz herangehen? Da kann zum Beispiel seitenlang über die Hassbotschaften, denen Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, vor allem digital permanent ausgesetzt sind, lamentiert und anschließend analysiert werden, warum die Situation eben so ist, wie sie ist. Oder frau wählt eine innovative Herangehensweise wie die Herausgeberin Lydia Haider, die sich ein sehr spannendes, neues Konzept für ihr Buch vorgenommen hat, indem sie einmal ausnahmsweise Frauen eine Bühne bietet, all ihren Hass in die Welt hinauszukotzen. Das kann natürlich auch in die Hose gehen, indem das Ganze vom Niveau sehr primitiv und tief angelegt ist, aber wenn für die 15 geplanten Hetzreden ganz kluge, kompetente und des Schreibens mächtige Künstlerinnen für so ein Projekt eingeladen werden, schaut die Sache schon wieder völlig anders aus. Deshalb meine ich und sage es ganz unverblümt, dieses Hassbuch hat die Welt auf jeden Fall dringend gebraucht.

 

Lydia Haider sagte selbst in einem Interview zu diesem Buchkonzept:

Die Hassrede ist vor einigen Jahren zu einer meiner schreiberischen „Spezialitäten“ geworden – seit damals schwebte mir auch vor, hierzu ebenso befähigte Frauen mit deren Hassreden in einem Buch oder bei Veranstaltungen zu versammeln. […]
Obwohl das etwas ist, von dem die Rechte und vor allem Männer glauben, dieser Bereich würde ihnen gehören. Nur ist das nicht so. Und nun gibt es Widerstand aus allen erdenklichen Richtungen.
[…] Es liegt mir fern, den Sinn des Hassens allgemein zu bewerten. In der Literatur, in meinen Texten widme ich mich dem Hass, da er in der Gegenwart überpräsent und zeitgleich in die falschen Hände geraten ist. Was so im Zentrum der Gesellschaft steht und die Menschen so bewegt – in eine sichtlich falsche Richtung – muss aufgegriffen, zigfach umgearbeitet und das Ruder damit herumgerissen werden.

Deshalb legte Lydia Haider den Hass in die Hände von schriftstellerischen und feministischen Kapazundern wie Raphaela Edelbauer, Sibylle Berg, Gertraud Klemm, Stefanie Sargnagel und viele andere mehr und forderte sie auf, eine Hetzrede zu verfassen. Jede dieser Künstlerinnen ging völlig anders mit der gestellten Aufgabe um und das ist wirklich extrem spannend.

Das Buch bietet eine größtmögliche Bandbreite an Hass auf höchstem Niveau: Übertriebenes und/oder ins Ironische Gebrochenes genauso wie erzählende Texte, aber auch Ernsthaftes. Ohne Grenzen, ohne Themenbegrenzungen, ohne Machogesten.

Am besten haben mir fünf Herangehensweisen an das Thema gefallen.

Da schmettert beispielsweise Sophia Süßmilch, eine deutsche Multimediakünstlerin, der Leserschaft eine vollständige Liste aller Dinge, die sie hasst, gar köstlich ironisch aufbereitet, entgegen. Das geht von Salzburg über Frankfurt über Yoga, BHs, Hoden, Achtsamkeit, Psychoanalyse, Doppelnamen, Kartoffeln, After Eight, gekippte Fenster, Pizza Hawaii, dreckige Lichtschalter bis hin zu Kindern.

Ich hasse Salzburg.
Wenn ein wirklich schlechter LSD-Trip und die schlimmste Winterdepression, die du dir vorstellen kannst, miteinander ein Kind bekommen würden, es würde Salzburg dabei herauskommen, das Disneyland für Heimatkundler.

Ich hasse Gesellschaftsspiele.
Bumsen mit starken Regelschmerzen, die Steuererklärung machen, einen nassen Sandsack die Treppe hochtragen, Babys beim Schreien zuhören, nach Salzburg zum Sterben fahren … All das ist im Zweifelsfall sinnvoller und macht wesentlich mehr Spaß als Brettspiele.

Oder Raphaela Edelbauer schrieb vor 7 Jahren an eine Literaturjury eine Rede, warum und wie sie sich nicht dem Fräuleinwunder-Diktat, dem sich junge Autorinnen zu unterwerfen haben, wenn sie erfolgreich sein und Preise gewinnen wollen, unterordnen kann. Nun hat sie es ja irgendwie trotzdem in den Hauptpavillon der Frankfurter Buchmesse geschafft und ein paar Preise eingeheimst. Deshalb richtet sie uns am Ende dafür eine Entschuldigung aus und kann sich nicht erklären, wie das zugegangen ist.

 

Sibylle Berg schreibt eine gruselig verstörende Geschichte über ihren Sohn, der sich von einem lieben Kind durch den Fußball und die Gesellschaft, in die er sich auf dem Fußballplatz begeben hat, zu einer Person entwickelt, die sie nicht mal mehr als ihr Kind akzeptieren kann.

 

Die Rechtsextremismusexpertin, Literatur- und Politikwissenschaflerin Judith Goetz kotzt sich in ihrem Pamphlet über Männerbünde und schlagende Studentenverbindungen aus. Das ist auch extrem köstlich und Hass auf höchstem Niveau. Die Schriftstellerin Gertraud Klemm schildert sehr humorvoll vier Zumutungen, die ihr so in ihrem Leben widerfahren sind, beziehungsweise permanent auftreten.

 

Bei so einer Vielfalt an Zugängen zu diesem Thema gibt es natürlich auch Passagen, die mir nicht ganz so gut gefallen haben. Für mich persönlich, die mit Lyrik nicht so viel am Hut hat, waren es beispielsweise die Gedichte der Aktionskünstlerin Ebow, aber so hat natürlich jeder andere ganz spezifische Vorlieben. Genau das ist jedoch das Schöne an diesem Werk: die Breite und Variationen des literarischen Angebots zu diesem Thema.

 

Ach ja, sehr hilfreich waren die Kurzbiografien am Ende des Buches, die mir mehr über jene Autorinnen verrieten, die ich bis dato noch nicht gekannt habe. Sehr wohltuend habe ich auch empfunden, dass sich die Herausgeberin Lydia Haider ganz bewusst nicht in den Vordergrund ihres eigenen Buches gedrängelt hat, indem sie außer dem kurzen Vorwort in Form einer Hassrede keinen weiteren eigenen Beitrag verfasst hat. Sie tritt nach hinten und gibt die Bühne frei für ihre hochgeschätzten Kolleginnen.

 

Fazit: Leseempfehlung! Ein wichtiges, notwendiges Buch für JederMann (in dem Fall auch Frauen mitgemeint ;-) ). Hassvariationen und -pamphlete von klugen Frauen auf höchstem literarischen und mitunter satirischen Niveau. Für Männer manchmal vielleicht ein bisschen schmerzhaft, aber auch sehr witzig, auf jeden Fall aber extrem interessant. Schaut Euch mal an, wie intelligente Frauen, die auch noch zu schreiben vermögen, diese Domäne zu interpretieren wissen.

Und wie wir hassen! von der Herausgeberin Lydia Haider ist 2020 im Verlag Kremayr und Scheriau als Hardcover erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

 

P.S.: Der schräge Titel meiner Rezension Schmeck mein Blut sollte eigentlich ursprünglich der Titel dieses Buches sein, aber er wurde in der Annahme verworfen, dass dem Literaturestablishment so viel noch nicht zumutbar sei. Probieren wir mal, ob er bei uns als Literaturfreaks ankommt.

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review 2020-05-13 12:11
*Würg! Glorifizierung von verlogenem Heimatidyll und von Fremdenfeindlichkeit
Letzter Jodler - Herbert Dutzler

Im Prinzip gibt es zwei Arten von Regionalkrimis: Die erste verherrlicht total unkritisch den Aspekt der Regionalität und kommt mit dieser „wir sind wir“- eigentlich im Dialekt „mir san mir“-Mentalität daher, die alles Nicht-Regionale, Nicht-Originäre und Fremde ausgrenzt, beziehungsweise abwertet. Die zweite Art kritisiert diese Mentalität, indem sie sich drüber lustig macht oder sogar sehr böse die Finger in die Wunden der undifferenzierten Mikro-Xenophobie und der prinzipiellen Ablehnung von Neuem legt.

Erstere Art von solchen Krimis bringt mich genauso wie die menschlich-ländlichen Vertreter dieser Mentalität einfach zum Kotzen. Diese Blut- und Boden-Philosophie, die gut versteckt in einem Regionalpatriotismus fröhliche Urständ feiert und bei der man meinen könnte, seit 1945 haben wir Leute vom Land (ich wohne auch dort) so gar nix dazugelernt.

Gedacht habe ich, dass dieser Roman humorvoll eigentlich die zweite Art von Regionalkrimi bedient, in dem er augenzwinkernd die volkstümliche Musik auf die Schippe nimmt. Bekommen habe ich aber eine Rückkehr, eine Restauration einer Haltung, die auch noch völlig unironisch präsentiert wird, die das Brauchtum und die eigentliche originäre ursprüngliche Volksmusik als einzig identitätsstiftende Unterhaltungsform auf dem Land verherrlicht. Lieber Herr Dutzler, da ist mir die koksende musikalische Partie vom Musikantenstadel, obwohl ich sie sehr schwer aushalte, beim Arsch lieber, als diese selbstbeweihräuchernden auf Autochtonie pochenden Volksmusiker, die auch noch völlig unkritisch und liebevoll, als Prototyp eines Ausseers dargestellt werden.

Dabei kenne ich die Gegend und auch die Leute persönlich sehr gut, bin ich doch in Bad Ischl zur Schule gegangen, meine beste Freundin aus der Schulzeit und Jahrzehnte darüber hinaus war aus dem Ausseerland, und da das eben nur einen Rutsch über den Pötschenpass ist, war ich fast jedes zweite Wochenende bei ihr zu Besuch. Auch in der Ausseer Community, die es nach Wien zum Studieren oder Arbeiten verschlagen hat, war ich dank der Freundin lange Zeit bestens integriert. Und in diesem Konglomerat an Ausseern gäbe es sehr viel einmal witzig zu hinterfragen und zu kritisieren. Zum Beispiel diese noch immer von den Einheimischen praktizierte bekloppte Unterscheidung zwischen geborenen Ausseern, die im engen Dorf ohne Weitsicht zwischen den Bergen eingeklemmt ohne irgendeine kurze Horizonterweiterung steckengeblieben sind, dann die nach Wien zum Studium oder der Arbeit ausgewanderten geborenen Ausseer, die von den Steckengebliebenen doch tatsächlich als Verräter beschimpft werden (ich war live drei Mal bei so einem eskalierenden Streit dabei), die Weanaseer, jene Wiener die sich in Aussee einen Zweitwohnsitz erstanden haben, die Fremden, also meist Ausländer, oftmals Deutsche und Menschen aus denNachbarländern, die der Liebe oder des Jobs wegen in Aussee arbeiten und wohnen und die Touristen, denen man Heimatidylle vorspielt und die fürs Geldbeschaffen und das wirtschaftliche Überleben (leider) notwendig sind.

In diesem Roman wird ausschließlich der steckengebliebene Ausseer, der auch noch gegen alles andere wettert und sich in seiner Mikro-Fremdenfeindlichkeit suhlt, als typischer Ausseer in seiner Ablehnung von allem Neuen auf einen Sockel gestellt. Das geht sogar so weit, dass sogar Musiker, die mit neuen Strömungen experimentieren, als Verräter angeprangert und als unsympathische Figuren gezeichnet sind. Mehr stereotyp und schablonenhaft und a bisserl als Lokalpatriotismus, Brauchtum und Ursprünglichkeit förderndes angehauchtes rechtes Gedankengut geht eh nimma.

Und da gäbe es noch viel mehr in Aussee an Brauchtum auf die Schippe zu nehmen. Einmal und nie wieder habe ich mich in die Höhle des Löwen ins Ausseer Bierzelt gewagt. Soviel Sex, Familiendrama, Streit, Gewalt und widerliches männliches Balzverhalten, gefördert durch massiven Einsatz des Katalysators Bier und Zirbenschnaps auf so wenig Quadratmetern kannst als Autor nicht einmal in der Fiktion erfinden. Obwohl ich von Bad Ischl und auch aus Ebensee Vieles gewohnt war, ist mir dort wirklich alles vergangen.

Ach ja die feschen, selbtsverständlich gefälligen Figuren der Madln und Frauen, die natürlich allesamt zumindest gelegentlich Tracht oder trachtig angehauchte Kleidung tragen, (gibt ja in diesem Band fast nix anderes) werden dann auch noch über die Ursprünglichkeit und Korrektheit ihrer Dirndltracht (das bezieht sich tatsächlich auf das Tal und die dort übliche Farbe von Kleid und Schürze) definiert und kritisiert. Ich weiß, dass es so etwas schon lange gab und habe es als Kind selbst und als Jugendliche an anderen auch erlebt, da ich mich ab meinem elften Lebensjahr auf Grund der wahrgenommenen Ausgrenzungen überhaupt weigerte, Dirndl zu tragen. Aber nun ist ein neues Jahrtausend angebrochen und auch auf dem Land sollten wir endlich einmal mit dieser (Mikro-)Fremdenfeindlichkeit aufhören. Vor allem in Tourismusgebieten wäre das schon angebracht. Aber was erzähle ich denn, im Rahmen der Corona-Krise trat diese unschöne Fratze des menschlich total hässlichen Ausseers wieder zu Tage. Die vier Bürgermeister der Ausseer Gemeinden haben alle Zweitwohnsitzinhaber mit Security ausforschen lassen und ihnen ausgerichtet, dass sie zu Hause am Hauptwohnsitz bleiben müssen, denn sie wären unerwünscht im Ausseerland. Sie forderten von der Bundesregierung sogar eine Totalschließung ihrer Region. dass sie quasi nur für Einheimische errreichbar wäre, was auf Grund der wenigen Covid-Fälle gesetzlich überhaupt nicht möglich war. Den widerlichen Brief, den tatsächlich alle vier Bürgermeister unterschrieben haben, möchte ich Euch nicht vorenthalten. https://www.derstandard.at/story/2000...
Also ich habe keinen Zweitwohnsitz dort, aber ich weiß, in welche fremdenfeindlichen Gemeinden, die es wagen, sogar Gäste aus anderen Bundesländern zu bashen, ich nach Öffnung des Tourismus nach der Krise, mein Geld sicher nicht mehr hintragen werde.

Kein Wunder, dass des Ermittlers, Inspektor Gasperlmaiers Frau, sich in diesem Band auf eine Weltreise verzogen hat. Ich hätte auch schleunigst Fersengeld gegeben und wäre aus dieser Heimatidyll- und Brauchtumshölle geflüchtet.

Aber nun weg vom Sentiment und den unterschwellig vermittelten Botschaften durch die Figurenentwicklung hin zum Plot des Krimis. Außer dass ich mich bei jeder Figur geärgert habe und die von mir irrtümlich und fälschlich erwartete Ironie nie finden konnte, war das Setting auch ziemlich langweilig. Ja es gab ein paar Verdächtige, aber das Finale war wenig überraschend. Fast schon schablonenhaft bediente der Autor das persönliche Eifersuchtsmotiv, das zwar schlüssig war, aber das habe ich eben schon tausend Mal genauso vorgesetzt bekommen ohne irgendeine innovative Variation oder eine Mini-Überraschung in der Story.

Fazit: Vom Krimiplot her unterdurchschnittlich aber nicht ganz schlecht, von den Figuren, der Botschaft und der Stimmung her eine regelrechte Katastrophe – ergibt in Summe leider einen sehr schlechten Roman. Dieses hier dargestellte Ausseerland kann mir gestohlen bleiben. By the way, ich kenne und schätze einige - eigentlich sogar viele - Menschen dort, die den im Krimi präsentierten Figuren diametral entgegengesetzt sind: weltoffen, modern und menschenfreundlich.

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review 2020-05-08 06:14
Der Verdacht
Wir holen alles nach - Martina Borger

Dieser gelungene Roman von Martina Borger erzählt eine sehr gute Geschichte und beschäftigt sich mit einem wichtigen Dilemma von Frauen, die gerade eine Patchworkfamilie gegründet haben. Wenn der Verdacht besteht, dass dem eigenen Kind körperlicher oder auch sexueller Missbrauch passiert ist, stellt sich die Frau dann automatisch auf die Seite des Kindes, untersucht massiv die Verdachtsmomente gegen den neuen Partner und beschuldigt diesen auch noch gleich? Wo beginnt das aktive Wegschauen von Frauen, die  Misshandlungen des Partners nicht wahrhaben wollen und wo beginnt die unfaire Verdächtigung, die eine eigentlich gute Beziehung zerstört, weil auch das Vertrauen unnötig ruiniert wurde? Was liegt zwischen diesen Polen? Wie spielt auch das Umfeld bei den Beschuldigungen mit, ab wann muss man sich bei Verdacht einmischen, wann ist man ungerecht? Diese leise Geschichte rollt das umfassende moralische Dilemma, mit dem eigentlich jeder, auch Menschen, die keine Kinder haben, irgendwann einmal als Zeuge konfrontiert sein könnte, richtig gut auf.

 

Sina hat nach jahrelanger Alleinerzieherschaft und einigen ökonomischen, beziehungsmäßigen und organisatorischen Katastrophen plötzlich den Jackpot gezogen. Ihr ständiges Betreuungsproblem löst sich unvermittelt in Luft auf, denn der Sohn Elvis ist bei der Nachbarin, der etwas einsamen Pensionistin und Buchhändlerin Ellen gut aufgehoben. Zudem hat sich Sina in einen neuen Partner, den arbeitslosen, geschiedenen Ex-Alkoholiker Thorsten Hals über Kopf verliebt, der dann auch noch einen guten Job ergattert und sein Leben endgültig in glückliche Bahnen lenkt. Alles ist total paletti, Thorsten hat zwar sein Paket an Beziehungs- und persönlichen Bürden aus der Vergangenheit zu tragen – wie eigentlich alle geschiedenen Personen eine Vorgeschichte haben – aber er ist selbstreflektiert, hat Therapie gemacht, ehrlich kommuniziert und ihr nichts verheimlicht. Er ist im Gegensatz zu ihrem unzuverlässigen Ex-Mann vertrauenswürdig, liebevoll, ein großartiger Partner und versteht sich als Vorbild und Stiefvater mit Elvis recht gut.

 

Bis zur Seite 100 transformiert sich das bisherige Chaosleben von Sina in eine glückliche Wohlfühlwelt, die Autorin stellt so nebenbei auch noch alle Figuren liebevoll auf und entwickelt sie ebenso. Doch im Hintergrund wabert schon bedrohlich irgendein Ungemach – so wie der drohende Hintergrundton in Filmen wie „Der weiße Hai“ – das dem Leser doch einiges an Dramaturgie und Spannung beschert.

 

Leider dauerten mir persönlich dieses Vorgeplänkel und das Aufstellen der Figuren um eine Nuance zu lange. Erst auf Seite 209 kommt das eigentliche Drama heraus – das war mir dann um hundert Seiten zu wenig zügige Dramaturgie und Tempo. Bitte versteht mich nicht falsch, das ist mein Jammern auf hohem Niveau und ich erkläre dadurch lediglich bei einer Fünf-Sterne-Bewertung den Abzug eines Sternes. Das Buch ist trotzdem sehr gut.

 

Dann steht die Katastrophe unvermittelt quasi wie eine dunkle Wolke im Raum und in Sinas Leben. Nach einem Wochenende inklusive Campingausflug mit Thorsten und einer Übernachtung bei Elvis Freund hat Ellen bei Elvis Verletzungen am ganzen Körper festgestellt. Der Junge möchte nicht darüber reden und es bringt gar nichts, in ihn zu dringen. Zuerst versucht Sina noch zu verdrängen, was Ellen ihr erzählt hat, aber nach ein paar Wochen bemerkt auch die Lehrerin blaue Flecken. Fest steht, während der Übernachtung bei Elvis Freund ist nichts passiert und Elvis und Thorsten haben miteinander ein Geheimnis. Für die Mutter bricht die ganze idyllische Familie mit einem Schlag auseinander und irgendwann kann sie die Augen auch nicht mehr vor ihrem Verdacht verschließen, sie konfrontiert Thorsten mit ihren vermuteten Beschuldigungen. Schließlich muss sie als gute Mutter diese Frage bohrend stellen. Leider zerbricht die noch sehr junge, bisher glückliche Beziehung sofort, Thorsten kann das mangelnde Vertrauen nicht akzeptieren und trennt sich schlagartig. Aber auch andere Kollateralschäden wurden in unterschiedlichen Beziehungen verursacht, sie sind fast alle kaputt, denn Ellen macht sich Vorwürfe, vielleicht überreagiert zu haben, Sina will mit Ellen nichts mehr zu tun haben und dadurch kann auch Elvis mit seiner guten Freundin nichts mehr unternehmen.

 

Lange weiß auch die Leserschaft nicht, ob Thorsten schuldig ist oder nicht. Eine Wendung im Plotfinale spielt dann noch einmal grandios mit der berechtigen Thematisierung dieses Dilemmas, in dem alle beteiligten Personen verstrickt sind und dem Umstand, dass solch ein zu schnell geäußerter Verdacht auch eine Menge unfairen Schaden anrichten kann, indem er an Unschuldigen kleben bleibt. Irgendwie hatte ich in diesem Szenario mit allen Figuren, die Opfer der Umstände geworden sind und dadurch alle auseinandergerissen wurden, beziehungsweise deren Positionen und Nöten Verständnis und Mitgefühl. Das war richtiggehend herzzerreißend, wie gute Menschen, die sich alle richtig verhalten, trotzdem völlig ausweglos in solche Katastrophen schlittern können. Am Ende gibt es einen kleinen Silberstreif am Horizont, der aber nur als Möglichkeit angedeutet wird.

 

Fazit: Eine sehr einfühlsame, äußerst sensible Auseinandersetzung mit dem Thema Patchworkfamilie und Missbrauch von Kindern. Ein ausgezeichnetes Psychogramm der Figuren und ein Plot, der ein wichtiges Thema von vielen Seiten beleuchtet. Lesenswert!

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review 2020-04-24 11:13
Mit Siebenmeilenstiefeln quer durch die Geschichte und die Kontinente
Mit Bat'a im Dschungel - Markéta Pilátová

Dieser großartige Roman über die Schuhfabrikantendynastie Bat‘a bedient punktgenau eine meiner Jugenderinnerungen. Als Kind, Jugendliche und junge Frau habe ich immer die liebevoll dekorierten Schaufenster des Bat‘a Geschäfts in der Linzer Landstraße betrachtet, manchmal etwas probiert, aber nie etwas gekauft. Diese wunderschönen Designer-Schuhe waren trotz der moderaten Preise einfach zu teuer für mich. Insofern war es sehr spannend, hinter die Kulissen der Familie und des Weltkonzerns zu blicken.

 

Leider beschlich mich auch gleich das Gefühl, dass ich selbst schuld bin, weil ich mit diesem Buch nicht so gut zurecht gekommen bin, wie ich gehofft hatte, denn ich konnte mich einfach in letzter Zeit nicht ordentlich konzentrieren. Auf Grund eines Bandscheibenvorfalls, Schmerzmitteleinnahme, Angst vor einer Corona-Ansteckung beim Arzt durch die dringend notwendigen Mobilisierungsmaßnahmen und argen Existenzproblemen, konnte ich bei diesem Roman nicht ständig am Ball bleiben, meine Gedanken schweiften immer wieder ab, dabei ist hier doch zumindest bis weit über die Mitte der epischen Familiensaga ein gehöriges Maß an Fokussierung und Konzentration notwendig, um die gewöhnungsbedürftigen Perspektivenwechsel aus der Sicht der vielen Bekannten und Familienmitglieder zu erfassen und die Handlung auch chronologisch korrekt zusammenzusetzen. Tja, die Geschichte war für mich bis zu zwei Dritteln der Dauer doch ganz schön irritierend und gehörig dekonstruiert. Sozusagen eine zerschnipselte Biografie mit vielen Figuren, die ihre Sicht der Dinge stroboskopartig ohne durchgängigen Zeitablauf darlegten.

 

Wenn schlussendlich das Gebäude aufgebaut ist und die einzelnen Ziegel darin sortiert sind, gibt es aber ganz großes Kino. Die wahre Geschichte der Schuhfabrikanten Bat’a hat wirklich alles: Flucht vor den Nazis ins Ausland, ein bisschen Hundert-Jahre-Einsamkeit-Feeling durch den Neu-Aufbau einer Fabrikstadt mitten im Dschungel von Brasilien, eine wahrhaft spannende politische Komponente durch den Kampf mit den tschechischen Behörden um die Restitution des Familienvermögens nach dem zweiten Weltkrieg und nach der erneuten Enteignung durch die Kommunisten und zu guter Letzt auch noch eine fiese, finstere Intrige innerhalb der Großfamilie zusammen mit politischen Handlangern, das Familienvermögen unverdient an sich zu reißen.

 

Jan Antonin Bat’a, tschechischer Großunternehmer und Visionär, wurde von den Nazis als Jude verfolgt, von den Kommunisten als Nazi verleumdet und stand auch noch bei den Briten, Amerikanern und den Tschechen auf der schwarzen Liste, weil alle ganz gierig darauf waren, sich die jeweiligen weltweit verstreuten Fabrikniederlassungen des Schuhkonzerns durch Enteignung unter den Nagel zu reißen. Am Ende hat sich der Sohn seines Halbbruders, der mit den Kommunisten kollaborierte und Originaldokumente verschwinden ließ, die Fabrik geholt, obwohl er überhaupt nicht Eigentümer war. Erst nach dem Tod von Jan Antonin Bat’a – lange nach der Öffnung des Ostblocks – wurde dieser auf Betreiben seiner Töchter endlich zumindest in Bezug auf seinen Ruf rehabilitiert.

 

Ein Motto der gesamten Saga könnte man in einem Satz auf Seite 17 zusammenfassen, auch wenn es mehr als ein halbes Jahrhundert dauerte und auf vierhundert Buchseiten ausgearbeitet wurde.

Die Wahrheit wird zum Vorschein kommen wie Öl auf dem Wasser.

Der Familienpatriarch versucht unermüdlich, seinen guten Ruf wiederherzustellen und die Wahrheit, die in den Wirren des Zweiten Weltkrieges und des Kommunismus verlorengegangen ist, zu Tage zu fördern. Dabei verzweifelt er nicht und ergeht sich nicht in allgemeiner Misanthropie sondern baut unermüdlich und fleißig am anderen Ende der Welt ein noch größeres Imperium auf, als jenes, das er schon verloren hat.

Glaube ich immer noch und nach allem, was war, an die Menschheit und ihre Mission? An eine vernunftbestimmte, humane Zukunft? Ich würde gerne Nein sagen. Denn nur ein Verrückter könnte nach den Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe, noch an die Vernunft, die Gerechtigkeit und die Menschheit glauben, geschweige denn an eine vernünftige, humane Zukunft. Aber letztlich war ich immer ein Verrückter. Heute würde man sagen ein „Freak“.

Selbstverständlich gibt es auch hier wie in jedem Familienepos unzählige sehr liebevoll und tief entwickelte Figuren quer durch die Generationen, aber das ist bei mir ohnehin ein Hygienefaktor in diesem Genre. Zudem bin ich von der außerordentlichen Sprachfabulierkunst der Autorin Markéta Pilátová schon seit letztem Jahr restlos begeistert, als ich sie Euch im Rahmen der Reihe Tschechische Auslese mit dem Kurzroman „Der Held von Madrid“ bereits wärmstens auf diesem Blog ans Herz gelegt habe.

 

So schildert der serbische Schwiegersohn von Jan Antonin Bat’a seine Diaspora aus Europa folgendermaßen:

Ich sammelte mein Schusterwerkzeug zusammen und machte mich zu Fuß über Italien nach England auf, wo ich mich den Alliierten anschloss. In der Zelle hatte ich mir auch geschworen, dass ich in einer möglichst weiten Landschaft leben würde, dass mich niemand mehr irgendwo einsperren würde. Aber dass ich einmal achttausend Hektar brasilianischen Urwald besitzen würde, hätte ich mir natürlich nicht träumen lassen. Nun hatte ich als Partisan nicht für die Kommunisten gekämpft, sondern für König Petar. Dragoslav und ich konnten uns also ausrechnen, dass wir nach dem Krieg nicht sonderlich beliebt sein würden. Man musste nur einmal tief durch die Nase einatmen, und es stank bereits nach neuen Gräueln. […]

 

Also ließ Dragoslav seinen Finger über der Weltkarte kreisen und Brasilien gefiel uns nicht schlecht, weil es so riesengroß aussah und weil unserer Vorstellung nach viele Menschen dort barfuß gingen, denen wir Schuhwerk anfertigen konnten, wie unser Vater es uns beigebracht hat. Nach diesem Krieg konnte uns nichts mehr schrecken. Wir fürchteten weder Teufel noch irgendwelche Krokodile, Schlangen oder Urwaldindianer.

Fazit: Absolute Leseempfehlung für diese großartige Familiensaga, die Presseagentin, die mich immer mit österreichischer Literatur von unterschiedlichen Verlagen versorgt, meinte sogar, sie hätte was von „Krieg und Frieden auf Tschechisch“ und dem kann ich auf jeden Fall zustimmen. Bitte lernt aber aus meinen Fehlern und sucht Euch ein ruhiges Platzerl und eine ruhige Zeit, um das Buch zu lesen, denn mit Hummeln im Hirn hat man einfach weniger Freude daran.

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