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review 2017-12-11 12:48
Murakamimäßig mysteriöse Geschichte
Damals In Nagasaki - Kazuo Ishiguro

Dieser Roman von Ishiguro erinnert mich sehr an Murakami, es ist alles  etwas mysteriös mit vielen wagen Andeutungen und auch sehr japanisch von der Prägung der Figuren her. Frauen müssen sich sehr unterwürfig darstellen, tun sie es nicht, stoßen sie auf komplettes Unverständnis und auch Männer können das selbstgewählte Korsett der gesellschaftlichen Konventionen nicht ablegen, selbst im Streit und in der Konfrontation werden noch höfliche Floskeln ausgetauscht und gleich einem Eiertanz wird um das eigentliche Konfrontationsthema herumgelabert.  

Im Prinzip geht es um ein Frauenschicksal - und hier möchte ich diesmal gleich die Spolierwarnung setzen, denn ohne Diskussion des etwas mysteriösen Endes kann ich der Beurteilung des Buches diesmal nicht gerecht werden. Denn das Ende ist die Krux.......

Im Handlungsstrang der Gegenwart erinnert sich Etsuko, deren ältere Tochter sich soeben in London umgebracht hat, an lange verdrängte und zurückliegende Ereignisse, die damals in Nagasaki stattgefunden haben.

Zu Beginn scheint es so, als handle die Geschichte in Nagasaki von zwei Frauen, die eine genannt Sachiko ist alleinstehend, hat eine Tochter und ist als Mutter eine selbstsüchtige Versagerin, die sich mit dem ausländischen Soldaten Frank herumtreibt und auf die Bedürfnisse ihres ca. 10-jährigen Kindes Mariko keine Rücksicht nimmt. Im Gegenteil, sie lässt das Kind immer alleine, sorgt sich nicht mal um sie und will mit Frank aus Japan nach Amerika verschwinden. Leider ist Frank nicht der zuverlässigste und schiebt das Vorhaben immer wieder auf. Sachiko ist ihm komplett hörig und vergisst sogar darüber ihre Tochter.  

Etsuko, ihre damalige Freundin ist verheiratet, schwanger, recht liebevoll und sorgt sich gelegentlich um die Tochter der Freundin. So nach und nach bekommt der Leser ganz unterschwellig mit, dass in Etsukos Ehe nicht alles zum besten steht. Die beiden Frauen verbringen einige Zeit miteinander und freunden sich trotz ihrer Unterschiedlichkeit an.

Am Ende gibt es eine mysteriöse offene Brückenszene, mit einem Twist, in der quasi Sachiko und Etsuko die Rollen tauschen, denn Etsuko verspricht Mariko, der Tochter der Freundin, dass sie sie aus der Situation herausholt, wenn das Experiment mit Frank nicht funktionieren sollte.

Diese Szene und die Verzahnung der Lebensbiografien der beiden Frauen lässt mich vermuten und spekulieren, dass Etsuko und Sachiko eine Person sind, die eine ist das böse Selbst auf das alles projiziert wird und dessen Handungen auch gleich in einer anderen Person entsorgt werden.  Diese Interpretation bedeutet aber, dass Etsuko ihren Ehemann mit einem Soldaten betrügt, von diesem schwanger ist, ihre ältere eheliche Tochter völlig ignoriert und diese Handlung aber auf ihr böses Alter-Ego Sachiko überträgt. Der andere Aspekt ihrer Persönlichkeit ist die treusorgende unterwürfige, schwangere Ehefrau Etsuko diese würde nie betrügen, ist einigermaßen loyal zum Ehemann kann am Ende aber die Ehe auch nicht durchhalten.

Kein Wunder, dass sich Etsukos ältere Tochter im englischen Exil dann irgendwann umbringt, denn sie wurde ja schon damals in Nagasaki quasi entsorgt und wurde auch in England immer von ihrem Stiefvater von der Mutter und von der jüngeren Schwester zurückgesetzt.

(spoiler show)


Fazit: Ein gutes Buch, das theoretisch durch die vagen Andeutungen und komplexen Verflechtungen viel Interpretationsspielraum bezüglich des Endes zulässt. Auch eine andere Auslegungsvariante der Geschichte wäre logisch möglich aber nicht so wahrscheinlich. Auf jeden Fall ist es ein Werk mit Diksussionsbedarf, das sehr gut in der Gruppe gelesen werden kann.  Die Art des Romans mit den vielen mysteriösen Andeutungen und dem Twist, ist sehr murakami-mäßig. Weil Meister Murakami himself das aber noch um eine Nuance besser kann, gebe ich zwar nur 4,5 Sterne, die ich aber gerne auf 5 aufrunde.

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review 2017-12-08 07:34
Rosemarys Baby - Guter Suspense-Thriller mit einem unfreiwillig komischen Ende
Rosemarys Baby - Ira Levin,Herta Balling

Die Sprache ist zwar etwas simpel, aber die Geschichte hat mich sehr gepackt. Ira Levin arbeitet über weite Strecken des Romans ganz großartig mit Suspense. Der Leser weiß (so er den Film nicht gesehen hat und noch nie was über das Buch gehört hat) bis zum letzten Kapitel nicht, ob all dieser Horror nicht der überbordenden Fantasie einer von Alpträumen geplagten Schwangeren entsprungen ist. Der Umstand, dass manche Frauen mit gesundheitlich problematischem Verlauf ihrer Schwangerschaft oft zu teilweise wahnhaften Hysterien neigen, ist ja auch psychologisch ganz gut erforscht, theoretisch hätte das Buch auch diametral entgegengesetzt ausgehen können und alles wäre nur ein böser Traum gewesen. Solch ein Ende hätte mir weit besser gefallen, vielleicht noch mit einem offenen Cliffhanger für den zweiten Teil - ein böser Blick, ein teuflisches Lachen.... irgendeines der Protagonisten - dass sich vielleicht alle trotzdem getäuscht haben.

Stattdessen wird dem Leser ein total peinliches teuflisch-esoterisches Ende serviert, in dem das Baby Hörner, Klauen und Schwänzchen hat. Mir ist schon klar, dass diese Entwicklung des Romans dem Zeitgeist geschuldet war, denn in den späten 60er und 70er Jahre waren alle Romane und Drehbücher nicht nur von Suspense sondern im Finale auch immer von kitschigen Horrorelementen geprägt - wie auch der Exorzist, Das Omen, Carrie, Shining und wie sie alle hießen und den Leuten standen während Diskussionen um Hexenzirkel, Teufelsanbetung und Alistair Crowley die Haare zu Berge. Solange dieser Horror nur subtil angedeutet wird und sich als Wahn im Kopf der Protagonisten abspielt, finde ich es gruselig-großartig, wenn aber dann wirklich Schwänze, Klauen und Hörner wachsen, muss ich immer lachen, da das ganze so grotesk ist. Und Lachen ist nicht gerade ein gutes Zeichen für einen Horrorplot.

Fazit: Ein spannender guter Suspense-Roman, der mich bis zum vorletzten Kapitel gepackt hat. Literarisch ist er kein großer Wurf, aber ein Pageturner. Er hat mich bis auf das Ende gut unterhalten und war im Finale leider unfreiwillig komisch.

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review 2017-12-05 17:39
BOBO-Bashing
Boboville - Andrea Maria Dusl

Dieses Buch wollte ich schon immer lesen, da ich die Figur des BOBOS  schon ein paar Mal zum Beispiel bei T.C Boyle thematisiert habe, der die amerikanische Ausprägung dieses Gesellschaftstypen nicht gerade charmant charakterisiert. Auch ich habe und hatte immer Probleme mit diesen ambivalenten, überkandidelten, völlig abgehobenen Städtern, die sich in ihrer eigenen Welt einigeln und ständig ihren perfekten moralischen Lebensstil in andere Lebensrealitäten zwanghaft exportieren müssen. Dusls Roman steht sogar bei Wikipedia als Beschreibung des BOBO-Charakters und als prägendes Werk, das die Bezeichnung vorangetrieben hat.

Leider war ich nicht so glücklich mit dem Buch. Es erschließt zwar das Wesen des Bobos ganz gut, hat aber inhaltlich außer Bobobashing und wirres Stolpern der Protagonistin mit skurillen Figuren und mit bekannten Möchtegerns durch ein auf Bobobezirke beschränktes Wiener Microversum, das die Autorin teilweise komplett präpotent-größenwahnsinnig mit New York City gleichsetzt, nicht viel zu bieten. Fast schein es so, als beschriebe der ganze Roman einen völlig wirren Trip von dem sie jahrelang nicht runterkommt und der für den Leser ohne intime Wienkenntnis und Kenntnis der österreichischen BOBO-Schickaria überhaupt nicht zu rezipieren ist. Ich habe es zwar schon verstanden, aber das Tempo des Romans und die Aufzählung von diesen bekannten und unbekannten kuriosen Typen ist fast so monkhaft zwangsgestört wie die Aufzählung von Marken in American Psycho. Diesen Mikrokosmos zu verarschen ist zwar am Anfang ganz lustig, gibt aber, wenn die Geschichte keine Schicksale erzählt, sondern nur abgedrehte Actions von coolen Leuten aneinanderreiht, einfach zu wenig her, um mich hinter dem Ofenrohr meiner ländlichen Existenz in  meinem Poughkeepsie (verächtlich für das Land natürlich wieder mit amerikanischen Größenwahnsvergleichen -  in meinem Fall Krems 80 km von Wien entfernt) hervorzulocken.

Ein Umstand hat den Roman dann doch ob der Innovation locker auf 2,5 aufgerundete Sterne geschraubt: Wahnsinn die Autorin kann wirklich im Stakkato Wörter kreieren, das ist zwar anstrengend aber witzig
"die Musik war auf Nachbartötungslautstärke eingestellt"
"Bonbonville  ... und dann kam sie und knirschknalldrückte mir die Türe zum Süßigkeitenjerusalem auf"
"Zum Schreiben hat er [Glavinic] sich ein Gerät angeschafft, das die Welt außerhalb Bobovilles als Blackberry kennt, der Fehltritt einer Schreibmaschine mit einer Hotelseife."
"Im Angesicht des abendlichen Fortgangs schüttet mein Körper Hypnotoxine aus. Während die Körper anderer Fortgehender Adrenalin ausschütten, Pheromone synthetisieren und andere selbstaufmunternde Substanzen, schüttet mein Körper Schläfrigkeit aus. Ich ermüde beim Gedanken an öffentliches Wosein."

Auch einige innovative Ideen werden entwickelt z. B. die Cedeh (CD) oder Das @ Zeichen wird nicht mit [Ätt] bezeichnet sondern als Marsupilamischwanz: Mariapunkt Dusl Marsupilamischwanz Tschimehlpunkt Komm.

Also Fazit : Inhaltlich passiert so gut wie nix substanzielles und das nervt - wortkreationsmäßig ist der Roman sehr anstrengend, aber auch witzig und innovativ.

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review 2017-12-02 13:19
Im freien Fall
Man down - André Pilz

Ich mag dieses Milieu und die Sprache des Romans zwar überhaupt nicht. Die Protagonisten sind ordinär, primitiv, gewalttätig, hasserfüllt und gleichzeitig auch lamentierend weinerlich, die Stimmung ist siffig, alkohol- und drogengeschwängert, sexuell anrüchig - also extrem tief.
…..und dennoch ist es ein gutes Buch, sehr kraftvoll wird dem Leser eine authentische unangenehme Welt mit Macho-Verliererattitüde geschildert, bei der ich als Leserin in jeder Zeile unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht. So funktioniert gute Literatur, die primäre Todsünde ist Langeweile, alles andere ist bei mir zumindest sekundär.

Kai ist 25 und am Ende: Bei seiner Arbeit als Dachdecker ist er heruntergefallen, hat sich schwer verletzt und ist nun arbeitslos, pleite und perspektivlos. Eine Weile kämpft er noch gegen den freien Fall, wehrt sich gegen die Abzocke seines Ex-Chefs, ihn um seine geleisteten Überstunden zu betrügen, borgt sich von den falschen Leuten Geld, um die Zeit, in der er sein Recht erkämpfen möchte, zu überbrücken. Als er glaubt, völlig am Boden zu liegen öffnet sich eine weitere Falltür (welch eine herrliche Analogie!), die ihn in ungeahnte Tiefen katapultiert. Der weitere Abstieg ist vorprogrammiert: Arbeit als Drogenschmuggler, um das geliehene Geld zurückzuzahlen, eine extrem problembehaftete Liebe und Beziehung zu einer Frau mit ähnlicher Biografie, ein krimineller- eigentlich komplett verschlagener falscher Freund und zu guter Letzt der Showdown mit dem Rücken zur Wand am Abgrund, der dennoch eine Art Befreiungsschlag darstellt. Eine großartige Geschichte!

Sprachlich hat das Werk sicher Anleihen beim Altmeister des tiefen Macho-Romans Charles Bukowski genommen, wobei der verbale Stil perfekt auf die abgewrackten deutschen Vorstädte und Glasscherbenviertel der heutigen Zeit transferiert wurde, in der Leute mit Migrationshintergrund Tür an Tür mit Nazischlägerversagern wohnen. Aber die harten knackigen Macho-Figuren von Kai und Shane sind nicht ganz so überzeichnet wie bei Bukowski, sondern es schleicht sich eine weinerliche Selbsterkenntnis, eine Auseinandersetzung mit dem und suhlen im Versagen ein. Das gefällt mir fast besser, da es von der Figurenentwicklung weitaus realistischer gezeichnet ist.

Auch die Liebesgeschichte ist harter Tobak. Sie ist ein bisschen vergleichbar mit der Stimmung von Wir Kinder vom Bahnhof Zoo der 80er Jahre, erzählt aus der Sicht eines „alternden“ nunmehr erwachsenen Detlef, Freund von Christiane F. Statt Heroin werden nun modernerweise wahlweise rezeptpflichtige Schmerzmittel kombiniert mit Alkohol, Extasy oder Pilze eingeworfen und anschließend noch kiloweise Gras geraucht, um wieder runterzukommen. Marion, die große Liebe von Kai hat ihre eigene furchtbare geheimnisvolle Geschichte und diese öffnet letztendlich auch die letzte Falltür für unseren Helden bzw. Anti-Helden Kai.

Ich kann die Begeisterung von vielen für diesen Roman sehr gut verstehen. Ein großartiger Plot, wundervolle Figurenentwicklung, aber eine Welt und eine Sprache, die gar nicht angenehm sind. Da ist nichts ein bisschen subtil oder umschrieben, alles wird dem Leser quasi gewalttätig mit einem primitiven Holzhammer eingebläut. Auch dass jemand mit diesen typischen Versagerfiguren, der Welt, dem Hass und der Sprache so gar nix anfangen kann, ist völlig verständlich. Ich bin ein ganz kleines bisschen ambivalent, liebe die Stärke der Geschichte, die Spannung, mag die Welt nicht, gebe aber trotzdem oder vielleicht sogar deshalb eine klare Leseempfehlung aus.

Fazit: Harter Tobak! Nicht für jedermann! Ein weiterer, weniger bekannter österreichischer Autor, den man beachten sollte.

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review 2017-11-02 04:13
Zäh wie Kelloggs Maisbrei
Willkommen in Wellville - T.C. Boyle

Das ist definitiv der schlechteste oder zweitschlechteste Boyle, den ich jemals gelesen habe. Von den 620 Seiten kann man mindestens 300 ungeschaut in den Mistkübel werfen, vielleicht wäre es sowieso besser gewesen, T.C. hätte gleich auf Seite 280 aufgehört, diesen Roman zu schreiben. Seit dem Moralkapitel und dem ersten Live-Toten im Strombad mit seinen Konzequenzen war die Story so zäh, als wäre ich mit klatschnassen schweren medizinischen Fußwickeln durch Maissirup gewatet.

Die beiden Erzählstränge laufen dem Schriftsteller mit dem normalerweise unvergleichlichen erzählerischen Talent, für den ich Boyle immer schon gehalten habe, völlig aus dem Ruder. Sie verhalten sich wie ein Hochgeschwindigkeits-Intercity-Zug zu einem Regional-Bummerlzug, der an jedem Misthaufen anhält. Sie halten einfach beide nur gelegentlich in ein paar Stationen gemeinsam und dann auch noch zu völlig unterschiedlichen Zeiten. So verpasst der Leser einfach immer den Anschluss und friert frustriert in den zugigen Wartehallen des Plots. Dieser Umstand nervte mich derart, dass ich völlig das Interesse am Handlungsstrang Per-Fo mit Charly Ossinig und Bender verlor, oft wollte ich schon widerwillig diese Kapitel überblättern, hab mich aber dann doch mühevoll durchgebissen. Zugegeben nach mehr als 600 Seiten an der Endhaltestelle wird alles konsitent zusammengefügt, aber das ist viel zu spät und hat außerdem einiges von meiner wertvollen Leseaufmerksamkeit sinnloserweise und schändlich vergeudet.

Ansonsten gibt es natürlich nicht nur Schlechtes von Willkommen in Wellville zu berichten. Die moralinsauren Gesundheitskapitel sind wundervoll und hacken in gewohnter TC-Manier bösartig satirisch und enlarvend auf die bessere Gesellschaft ein. Alle Figuren insbesondere Dr. Kellogg und die Lighthouses sind wundervoll gezeichnet. Die Szenen der Lighthouse-Ehe muss man sich überhaupt mal auf der Zunge zergehen lassen, die strotzen nur so von Einfallsreichtum und tiefenpsychologischen Einsichten, was man sich durch kleine impertinente Nadelstiche gegenseitig antun und wie man sich das Leben schwermachen kann.

Witzig grotesk wütet Dr. Kellogg gleich einem Ritter in Rüstung gewappnet mit moralischer und medizinischer Empörung mit unverrückbarer Meinung gegen jegliche Bedürfnisbefriedigung. Das fängt beim lustfeindlichen Essen an, verteufelt Alkohol und Tabak, entzieht allen Menschen in seiner Umgebung auch seinen Kindern irgendwelche Gefühle der Zuwendung und hört beim Schlafen und bei Sex auf.  

Alles ist nicht nur moralisch verwerflich und unnötige Zeitverschwendung, Kellogg legt für sich und seine Patienten auch medizinische Gründe zurecht, fälscht Fakten und Daten wie unter dem Mikroskop, das alles ungesund sei, obwohl er genau weiß, dass er alle für dumm verkauft.  Die berechtigte Frage nach dem Aussterben der gesamten Menschheit beim gänzlichen Verzicht auch auf ehelichen Sex wiegelt er ab. Sie sollte offensichtlich aussterben. Kellogg adoptiert, anstatt diesen grauslichen Sex zu praktizieren, wie ein Wilder irgendwelche Kinder und fühlt sich dadurch auch noch zum Empfänger von unendlicher Dankbarkeit berechtigt.

Alles dient seiner Mission, die tierquälerische Erziehung eines Wolfes zum Vegetarier (der ihm letztendlich auch undankbar ins Bein beißt), die Manipulation des Publikums, Bakterien und Würmer im Fleisch unter dem Mikroskop zu entdecken, dieser unvergleichliche Sauberkeitswahn mit mehr als 5 Darmspülungen am Tag und das operative Herumgestochere in den Därmen der Patienten. Wenn man die Figur Kellogg entwicklungspsychologisch analysiert, muss man sagen, dass bei diesem Herrn in der annalen Phase nicht nur ein bisschen was schiefgegangen, sondern der Schaden quasi derart gravierend irreparabel und nur durch eine Lobotomie behebbar wäre. Diese Zwangsstörung lebt er aus und transferiert sie auch gleich mit medizinischen Theorien garniert auf die Umwelt - sowas nennt man in der Psychologie Übertragung. Dabei werden seine verrückten unverrückbaren Theorien auch nach einigen Toten im Sanatorium (sowohl auf menschlicher als auch auf tierischer Seite) nie auf Fehler untersucht, ein bisschen Fehleranalyse und Skrupel leistet sich der große Zampano nie. Da wird ordentlich die Realität verdrängt, Fakten mit der Mission geglättet, uminterpretiert und wieder in Einklang gebracht. Ein großartiger Ungustl - wirklich gut beschrieben.

Auch der Boylsche Humor blitzt natürlich in diesem ewig langen Roman in gewohnter Manier durch:
"Will klammerte sich an die Speisekarte, als wäre sie ein Seil, das über eine Grube mit Krokodilen gespannt war. Seine Tischnachbarn waren verstummt, konzentrierten sich auf seine gedankenreichen Erwägungen. Hier ging es nicht einfach ums Essen, das war Wissenschaft."

Letztendlich bleiben bei diesem Werk nur 2,5 Sterne auf der Guthabenseite, weil es einerseits eben gar so lang war. Andererseits hat es mich nicht ganz so schlimm wie die Korrekturen von Franzen  genervt, da zwar der Plot grottenschlecht, aber die Figuren in gewohnter Qualität konzipiert sind.  Aus diesem Grund bzw. weil ich auch ein Fan vom T.C. bin, runde ich wohlwollend auf 3 Sterne auf.

Fazit: Wie ich schon bei meiner Asterix-Besprechung diese Woche ausgeführt habe: Lest einen Boyle, aber bitte einen anderen.

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