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review 2017-09-26 10:46
Thomas Bernhards Erbe
Tau - Thomas Mulitzer

Dieses beachtliche Romandebüt des jungen Autors Mulitzer strotzt bereits zu Beginn vor innovativen Ideen, einem wundervoll gewobenen Netz zwischen Fiktion und realen Ereignissen und dient als Hommage an den alten misanthropischen Meister der österreichischen Literatur.

Die Hauptfigur, ein junger Schriftsteller und Uni-Assistent wandelt und recherchiert auf den Spuren von Thomas Bernhards Erstlingsroman FROST, in dem der Altmeister die Einwohner des kleinen salzburgischen Dorfs Weng als degenerierte, schwachsinnige, bösartige Missgeburten charakterisiert. Insbesondere die Großmutter des Protagonisten bekam von Bernhard ihr Fett weg, weil sie als nymphomanische Männerfresserin, die ihren Gästen hinterrücks Hundefleisch serviert, vernadert* wurde. Über diese Ereignisse spricht man seit Jahrzehnten nicht in der Familie und so macht sich der Student und beginnende Literat auf in das kleine Dorf, um Hintergründe und Wahrheiten aus seiner eigenen Familie zu untersuchen und herauszukriegen, inwieweit sich Bernhard eventuell durch schriftstellerische Freiheiten an der Oma gerächt hat, die ihn damals in einer intimen Beziehung enttäuscht oder auch abgewiesen haben könnte. Ihr seht schon, der Roman ist extrem vielschichtig, denn selbstverständlich sind die Figuren in FROST ein bisschen real, das Dorf Weng gibt es auch und Thomas Bernhard hat tatsächlich in der Gegend zwei Jahre in der Lungenheilanstalt  verbracht.

So mixt Thomas Mulitzer gekonnt die Schauplätze und Figuren aus Bernhards literarischer Vorlage wie eben den Maler und die Dorfwirtin und baut sie – wie den Schriftsteller Thomas Bernhard persönlich – als Protagonisten in eine andere Familiengeschichte ein, die aber dennoch – auch vom Plot her – einige Parallelen zum Roman FROST aufweist.

Dabei gelingt Mulitzer sehr ironisch mit wundervollen Sprachkonstruktionen und Wortwitz eine Charakterstudie sowohl des modernen Dorflebens als auch eine Abrechnung mit der Vergangenheit.

    „Im Cafe war es schwül wie in einem Schweinebauch. Die Kellnerin hielt den Organismus am Leben, indem sie Bier zu allen Zellen pumpte. […] Ich war als Eindringling in diesem Mikrokosmos nur ein Virus auf der Durchreise.„

    „Die alte Lungenheilanstalt thronte noch immer am Fuße des Berges. Im Gegensatz zu früher siechten die Kranken nicht mehr in einer halbverfallenen Liegehalle, sondern vegetierten in modern gestalteten Räumlichkeiten dahin, die mit allen Annehmlichkeiten ausgestattet waren, die sich die Todgeweihten des 21. Jahrhunderts nur wünschen konnten. Kabelfernsehen bis zum allerletzten Augenblick. Verrecken am Puls der Zeit.“


Weiters wird ganz grandios noch ein sehr böser Rundumschlag gegen den österreichischen Literaturbetrieb der Gegenwart geführt – insbesondere gegen das Festival, das tatsächlich in memoriam Thomas Bernhard in Goldegg nahe Weng stattfindet. Dort liest ein gefeierter Autor Namens J., ein überheblicher mit Drogenproblemen behafteter Schriftsteller, der schon viel zu früh viel zu berühmt wurde. Dieser Literat zeigt nach einem kurzem Flirt der Studentin Denise unvermittelt ein Foto seines Schwanzes. Ich kicherte beim Lesen wie Rumpelstilzchen und sang: „Ach wie gut dass niemand weiß, dass ich Thomas Glavinic heiß.“ (Dabei ist jede Ähnlichkeit mit Figuren des realen Lebens selbstverständlich frei erfunden und gaanz zufällig – vor allem dass der Autor auch noch J. heißt – wie Jonas – ist wirklich der Gipfel der Ironie.)

So habe ich mich über weite Strecken köstlichst an der intelligenten Bosheit des Romans gelabt. Leider wird die Geschichte zum Ende wirr, keine einzige Frage klärt sich restlos sondern alles versinkt in vagen Andeutungen. Auch der Protagonist gibt irgendwie auf, alle offenen Fragen zu untersuchen und wird vom Dorf absorbiert, bevor er plötzlich und ziemlich grundlos abreist. Irgendwie verweigert mir Thomas Mulitzer das Ende der Story, und so etwas kann ich nicht leiden. Ich weiß natürlich schon genau, warum er dies tut, denn auch der Roman FROST, der als Vorbild dient, ist nicht als Vertreter des klassischen Entwicklungsromans zu sehen, im Gegenteil: er fungiert als ein sehr innovativer Degenerationsroman. Insofern ist dieser Abschluss dann wieder nur die konsequente Anlehnung an die Vorlage, auch wenn er mir nicht gefällt.

Fazit: Sehr gutes, lesenswertes, vielschichtiges Romandebüt – nicht nur für Thomas Bernhard-Fans geeignet.

*vernadern = denunzieren, verraten

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review 2017-09-08 09:22
Dieser Sauschädl ist verdorben
Schweinskopf al dente - Rita Falk

Von meinem zweiten Rita Falk Roman, den ich vor allem deshalb gelesen habe, weil im September drei Teile im Fernsehen gesendet werden, war ich noch weniger angetan als von meinem ersten.

Irgendwie erinnert die Eberhofer-Serie ja sehr frappant an den Bullen von Tölz. Die Parallelen wie die Mutterfixierung eines Mannes im bereits fortgeschrittenen Alter - im Schweinskopf ist es die Oma - das Amigo-Gehabe der bayrischen Landbevölkerung, das granteln..., sind einfach sehr offensichtlich. Wobei meiner Meinung nach der Bulle von Tölz um mehrere Klassen besser konzipiert ist. Da kämpft der Benno Berghammer mit Sarkasmus und stoischer Sturheit auf sehr amüsante Art gegen Amigo-Tendenzen von Mutti, Kirche, Politik und alten Freunden wie dem Strizzi Toni Rampold. Im Eberhofer-Roman ist es aber der Polizist und die Hauptindentifikationsfigur selbst, die zu solchen Amigo-Anwandlungen tendiert. Wenn ich einen Heizungsinstallateur, der einfach auf Grund von zu vielen Aufträgen eine Woche keine Zeit für mich hat, durch die Androhung von Anzeigen dazu zwinge, mir sofort bis nach Mitternacht zu Diensten zu sein, dann ist das nicht mehr im entferntesten witzig sondern nur noch schäbiger Amtsmissbrauch. Der ganze bayrische Witz verpufft bei mir auf jeden Fall sehr kläglich, vor allem weil er extrem primitiv niveaumäßig maximal auf Fußknöchelhöhe daherkommt. Ein kiffender beatleshörender Vater mit seinem neuen Richterfreund und ein ungeliebter Bruder mit der süßen Nichte machen das Sauerkraut zum Schweinskopf auch nicht mehr fett.

Auch der Plot - und Ihr meine Buchfreunde wisst ja, dass ich fast schon zwanghaft plotorientiert bin - dümpelt nur so gähnend langweilig dahin. Alles ist schon von Anfang an klar, der Täter, die sehr einfallslosen Wendungen, da hilft es auch nix, wenn die Autorin zweimal den Schauplatz wechselt und auch den Gardasee in einem sehr entbehrlichen Intermezzo in die Handlung einführt. Also krimimäßig ein voller Rohrkrepierer.

Und die Sprache! - was habe ich mir bei der Rezension des letzten Romans eigentlich gedacht, diese zu loben - ist stilistisch schon extrem primitiv. Das kann nun natürlich auch ein gewolltes Stilmittel sein - ist es wahrscheinlich auch - aber in der völligen verbalen Armut sollten auch ein paar kreative Wendungen, Bonmots und Weisheiten drinnen sein, um mit so kultigen simplen Aussagen wie in den Wolf-Haas-Romanen konkurrieren zu können. Simplizität muss außergewöhnlich daherkommen, ansonsten ist das Geschreibsel statt ungekünstelt einfach nur besch**(eiden) und kunstlos. Kein einziges Post-It ziert das Buch, also hat mir keine einzige verbale Konstruktion wirklich gefallen.

Fazit: Sehr unterdurchschnittlicher bayrischer Regional-Krimi, da habe ich in letzter Zeit vor allem sprachlich und plotmäßig wesentlich besseres gelesen wie z.B. Volksfest. Auf den so vielgerühmten bayrischen Charme (woher kommt eigentlich die Idee, dass grantelnde bauernschlaue Landeier charmant seien) falle ich ohnehin nicht rein.

Die Filmkritik folgt noch an dieser Stelle, aber da hat es mir bereits während des Trailers die Nackenhaare aufgestellt, wieviele Österreicher dem Publikum fäaschlicherweise als Bayer verkauft werden. Und ja - meine lieben Deutschen Freunde - man hört sehr deutlich den Unterschied zwischen dem bayrischen und dem österreichischen Idiom, es sei denn, die Leute wohnen im Innviertel direkt an der Grenze ( z.B. in Braunau am Inn) Diese sprachliche Mogelpackung stört mich derart, dass ich mir meine Haarwurzeln einzeln ausreißen möchte.

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review 2017-08-27 07:17
Heimathölle
Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman - Petra Piuk

Schöner und heiler als in Schöngraben an der Rauscher kann die Welt gar nicht sein. Wären da nicht ständig diese Störungen….

Die Autorin vermag mit dem Stilmittel Heimatroman und den aufgehübschten idyllischen Szenarien, die bei solchen Erzählungen üblich sind, das gesamte Genre und die heile Welt komplett zu zertrümmern. In einer Heppi-Beppi-Sprache wird mit süßlicher lapidarer Stimme alles, was eine Dorfgemeinschaft – besser gesagt alles was die Menschlichkeit im Prinzip ausmacht, also alle Werte  – perfide zerlegt: Bigotterie wird mit Gottesliebe umschrieben, Gewalt an Frauen und Kindern inklusive Vergewaltigung werden mit Frauenliebe und Kinderliebe gleichgesetzt. Tierliebe einst und jetzt verkommt – wenn man die übliche Kitschschicht abkratzt und reflektiert – zu altbewährter Sodomie und moderner Massentierhaltung inklusive Homogenisierung von niedlichen männlichen Küken.

Der Roman ist wie ein Autounfall: derart bitterböse, zuckersüß und grauslich, bis dem Leser die Galle hochkommt – ganz mein Geschmack. Lange habe ich mir Analogien überlegt, wie ich die Geschichte und den ungewöhnlichen Stil punktgenau beschreiben könnte, aber sie sind mir irgendwie ausgegangen, weil das Werk tatsächlich derart einzigartig war. Bis mir mein Mann den treffenden Tip gegeben hat. Quentin Tarantino trifft Mariandl beschreibt sehr gut den Genremix, denn die Grausamkeit in Petra Piuks Geschichte ist ähnlich bodenständig und lapidar, wenngleich viel hinterfotziger* und fieser als bei Tarantino. Stilistisch dürfte mit ziemlicher Sicherheit Aus dem Leben Hödelmosers von Reinhard P. Gruber als Inspirationsquelle für die Autorin gedient haben, aber Grubers Anti-Heimatroman ist im Gegensatz zu Toni und Moni so harmlos wie ein Lercherlschas*. So nun habe ich die Kuriosität des Werks genug beschrieben, das sollte ich Euch besser in ein paar Beispielen demonstrieren:

    „Die Mama schickt mich um ein Kalbfleisch zum Huber-Bauern. Ich gehe in den Stall. […] In der letzten Box ganz hinten schreit ein Kalb. Hinter dem Kalb steht der Huber-Bauer. Ich sage GRÜSS GOTT, weil EIN KIND HAT IMMER ZU GRÜSSEN. Der Huber-Bauer zieht schnell seine Hose hoch. […]
    In Schöngraben weiß man noch, woher das Fleisch kommt. In Schöngraben legt man im Stall noch selbst Hand an. Hier kennt man das Schnitzel noch persönlich.“

    „Denn was wäre ein Heimatroman ohne Süßspeisen. […]Und dazu viel Schlag, wie man hierzulande zur Sahne sagt. Wir Österreicher haben eben eine bildhaftere Sprache. Eine Erklärung für unsere Deutschen Urlaubsgäste, die wir immer willkommen heißen […]: Der Schlag heißt Schlag, weil man ihn mit dem Schneebesen schlägt wie ein Kind mit dem Kochlöffel oder ein Tier mit dem Besenstiel.“

    „Wenn ich groß bin stecke ich meinen Spatz richtig in die Moni hinein. So wie Papa in die Mama. Und der Moni-Vater in die Freundin der Moni-Mutter. […] Und der Huber-Bauer in das Kalb. Und der Pfarrer in den Lukas.“


An sich ist diese Auswahl schon sehr abgedreht, böse und kurios. War ich am Anfang noch sehr amüsiert, wurde die Geschichte gegen Ende so richtig übel. So schraubt sich dieser ungewöhnliche Anti-Heimatroman mit einem genretypischen Plot dem sogenannten „Happy-End“ zwischen dem Liebespaar Toni und Moni auf dem Land in ungeahnte Niederungen menschlicher Abgründe hinab. Getreu dem Motto: Und bist Du nicht willig, gebrauch ich Gewalt.

Weitere sehr ungewöhnliche Stilmittel sind die direkte Ansprache des Lesers durch die Autorin und die Diskussion der Lektorin mit der Autorin inklusive Verbesserungsvorschläge in den Fußnoten und Streichungen im Text.

    „Sehr verehrte Leserschaft. Erheben Sie sich bitte und treten Sie vor zur heiligen Kommunion. Sollten Sie eine Sünde zu beichten haben, suchen Sie einen Beichtstuhl auf, bevor Sie weiterlesen, damit Sie in Ihrer Lasterhaftigkeit nicht den schönen Heimatroman beflecken. Der nächste Gottesdienst findet in Kapitel 24 Ein Gottvertrauen statt.„

Fand ich diese Konstruktion zu Beginn noch sehr amüsant, waren mir aber die Diskussion, die Verbesserungsvorschläge der Lektorin, und die Figurenverwirrung rund um die Autorin schlussendlich zu breit ausgewalzt, als dass sie mich bis zum Ende fesseln konnten. Im Gegenteil, sie nervten ein bisschen, aber das ist wirklich Jammern auf hohem Niveau.

Fazit: Warnung an alle! Extrem ungewöhnliche Satire mit übelstem Brachialhumor und nix für feine zartbesaitete Leser. Ein komplett wahnwitziger Anti-Heimatroman und für Leute mit schrägem Humor wie mich ein Gustostückerl an Innovation und Bösartigkeit.

*Lercherlschas, der. [leachalschas]. Bedeutung: Kleinigkeit, Geringfügigkeit (wie ein Darmwind eines Vögleins);

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review 2017-08-20 05:26
Guter Roman aber nicht grandios
Die Vertreibung aus der Hölle - Robert Menasse

Der Roman von Robert Menasse beginnnt in einer grosssartigen Ausgangskonstellation: Bei einem 25-jährigen Klassentreffen konfrontiert der Schüler Viktor - mittlerweile habilitierter Historiker - seine Lehrer mit ihrer Nazivergangenheit, indem er von den jeweiligen Mitgliedern des Lehrkörpers die NSDAP Mitgliedernummern vorliest. Das das gemütliche Beisammensein natürlich auf Grund dieser Aktion beendet ist, versteht sich von selbst. Dann erzählt der Autor aber bedauerlicherweise nicht diese Geschichte, die ich sehr gerne gehört hätte,  sondern eine völlig andere. In zwei unterschiedlichen Handlungssträngen wird zuerst eine Lebensgeschichte aus Portugal und Amsterdam konzipiert, die sich als jene von Viktors Vorfahren herausstellt, und weiters wird das gesamte Leben von Viktor bis zum Klassentreffen aufgerollt.

Dabei wird es stilistisch sehr mühsam. Der Switch zwischen den beiden Handlungssträngen ist mitunter derart abrupt, und wird auch nahezu jedesmal beim Wechsel angewandt, dass man sich als Leser oft gar nicht auskennt. Zuerst dachte ich noch an einen Fehler bzw. ein Stilmittel des Verlages, der einfach die Zeilenumbrüche nicht ausreichend zwischen Vergangenheit und Gegenwart gesetzt hat. Aber dann wurde es klar, dass dies vom Autor beabsichtigt war, denn einmal wurde die Gegenwart nur durch zwei Zeilen eingeschoben (S.86) und ein anderes Mal ging der Satz direkt ansatzlos vom Amsterdam des 17. Jahrhunderts über und wurde in der Jetztzeit beendet (S.479).
Was das bringen und wie dieses mühsame Stilmittel den Inhalt unterstützen bzw. vorantreiben soll, ist mir komplett schleierhaft, offensichtlich dürfte es die Analogie der Lebensbiografien in der Familie demonstrieren, die aber nicht wirklich vorhanden sind. Mich hat es nur genervt, da es so sinnentleert appliziert wird.

Ansonsten kann er ja sehr gut erzählen der Herr Menasse und präsentiert uns eine gute Geschichte vor allem von Viktors Ahnen aus Lissabon und Amsterdam im 17. Jahrhundert, aber auch das triste Wien der 60er bis 70er Jahre wird sehr punktgenau charakterisiert und seziert. Einige philosophische und reale Auseinandersetzungen in der linken Studentenszene sind auch sehr spannend zu lesen. Insbesondere die Opferung von Viktors Ruf in der Bewegung durch Renate als "Der Mann - das Schwein" schlechthin - stellvertretend für alle Männer.

Am Ende im Finale verpufft sowohl die Geschichte des Rabbis, der irgendwie zu plötzlich stirbt um seine Probleme zu lösen, als auch jene Nazi Story Viktors mit den Lehrern, die sich als Fake,  als Finte herausstellt.

Fazit: 3,5 Sterne aufgerundet auf 4 erstens wegen der Erzählkraft des Romans - obwohl ich perönlich eine völlig andere Geschichte vom Autor hören wollte - wegen der Leserquälung ohne Ziel, Sinn und Verstand beim Switch zwischen den Handlungssträngen und wegen des unausgegorenen Endes. Ein ganz gutes Buch - möglicherweise eines der besten des Autors - das kann ich nicht beurteilen, denn dies ist mein erster Robert Menasse. Ehrlich gesagt, gefällt mir das von seiner Schwester Vienna wesentlich besser. (Nachtrag auch sie ist stilistisch ein bisschen eigen und übt sich in der Leserverwirrung, was ihr bei mir die 5 Sterne gekostet hat ;-).

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review 2017-08-09 09:54
Mittelmäßiges philosophisches Pallaver
Lila oder ein Versuch über Moral - Robert M. Pirsig,Hans Heinrich Wellmann

Tja was soll ich Euch erzählen? Hüte Dich vor Fortsetzungen, denn sie könnten einfach nur das schale, aufgewärmte Gericht vom letzten Mal sein. Genau das trifft auf dieses Buch zu, es hat sehr wenig mit  Moral zu tun und nervt aus mehreren Gründen massiv.

1. Redundanz: Der Autor Pirisg bzw. sein Alter Ego-Phaidros versteigt sich, anstatt ein neues Gedankengebäude für  Moral zu entwickeln, noch immer in ewig denselben Qualitätsdefinitionen wie in Zen oder die Kunst ein Motorrad zu warten - er  führt sie nur ein bisschen weiter aus, das hätte er aber auch noch in 2 zusätzlichen Kapiteln in Zen machen können.  

2. Ungenauigkeit: Er definiert mitunter sehr salopp und ungenau überheblich aus der Sicht eines überlegenen Amerikaners  vor allem wenn er auf den "europäischen Lebensstil" runterhauen kann.  Er meint viktorianisch, puritanisch, neurreich wenn er europäisch sagt.

"Jedesmal, wenn er herkam, spürte er wie die Menschen förmlicher und unpersönlicher wurden und gerissener. Ausbeuterischer. Europäischer. Und kleinlicher, weniger großzügig."

Pirsig hat einen Knall - den typischen Turbokapitalismus der Republikaner haben die Amis ganz autonom aus den österreichischen Theorien von Hayek entwickelt, das hat nix mit europäischen Werten seit 1945 zu tun.  Ist schon komisch, da definiert er sich zuerst über Qualität und Werte einen Wolf, und dann ist er bei dem Wort europäisch dermaßen schlampig, vor allem weil er eine Ohrfeige mitten ins Gesicht eines jeden modernen Europäers klatscht.

3. Präpotenz: Redet der Autor in der Figur des Phaidros über Moral und Gesellschaft, wird er präpotent teilweise sogar größenwahnsinnig. In Zen konnte man das noch nachvollziehen, da er ja verrückt wurde und durch eine Katharsis ging, nach der er sich selbst an den Haaren aus seinem eigenen Sumpf zog. In diesem Roman ist Phaidros jedoch geheilt und der unagenehme onkelhafte Erklärbär vom Typ mainsplainender Oberlehrer, der sogar meint, ein geisteskrankes junges Mädchen heilen zu können, das er natürlich vorher gebumst und ausgenutzt hat. Wäre spannend, ein Buch aus ihrer Perspektive zu lesen.  

4. Timing: Die falschen Thesen zur falschen Zeit.  In einer Zeit, in der jegliche Aufklärung  und Wissenschaft quasi jeder Beruf wie Arzt, Journalist, jeder Naturwissenschaftler grad von pöbelnden Gehirnakrobaten, die in der Schule nicht mal 1 und 1 zusammenzählen konnten, schlichtweg als Systemtrottlen, Lügner und Betrüger in den Sozialen Medien derart grossflächig vernadert werden, dass die Bevölkerung diese Berufe bereits verachtet, giesst ein Buch, das sich philosophisch kritisch mit Technokratie, Positivismus und Empirismus in der Wissenschaft der 80er und 90er Jahre auseinandersetzt, natürlich komplett sinnloserweise Öl ins Feuer. Erstens weil sich die Wissenschaft schon längst gewandelt hat. Ja das haben wir nämlich nun davon, dass Wisssenschaftler der 3. Generation in einem holistischen, ganzheitlichen Ansatz nicht in ihrem Fachgebiet geblieben sind, sondern sich mit ihrem Fachwissen auch in fremde Gebiete begeben haben.  Phaidros schwurbelt was von Menschenverstand gegen empirische Wissenschaft in seiner Postivismuskritik - in einer Zeit in der die Aufklärung vielerorts wieder negiert wird von Eso-Freaks, Flacherdlern, Impfkritikern, Chemtrailern..."

In einer Zeit in der sich jeder Depp seine Individualempirie zusammenschustert (ich kenne da aber jemanden...), glauben auch Krethi und Plethi ohne Schulabschluss, mit Diplom von der youtubeUniversität und ohne Verständnis von wissenschaftlichen Theorien, sich irgendwas von einer flachen Erde oder einem Zusammenhang zwischen Impfen und Autismus ...... zusammenzuschwurbeln zu koennen.  Plötzlich sind alle empirischen Aussagen, die bereits mit 90-99,9%iger Wahrscheinlichkeit bewiesen wurden, alles graue Theorie und gleichbedeutend mit jeder anderen Schwachsinnstheorie, die sie sich in ihrer Paranioa gegenüber Fachleuten aus ihren Fingern gesogen haben. Und das nur, weil die Wissenschaft nie 100%ige Annahmen trifft - nicht mal bei der Schwerkraft ;-).

Wenn ich das Wort Haus- oder Menschenverstand oder Bauchdenken, mehr fühlen denn Denken, mehr Spiritualität gegenüber Wissenschaft heutzutage schon höre, die der Autor auch mitunter propagiert (selbstverständlich  fundierter auf der Basis von wissenschaftlich philosophischen Methoden) geht mir sprichwörtlich das Geimpfte auf (sagt man so auf österreichisch man könnte aber auch sagen,... geht mir ein Impfschaden auf).

Somit ist das Buch, auch wenn der Autor es zwar gut argumentiert hat, aber in ein paar Punkten  sowas von falsch liegt, Wasser auf die Mühlen der aufklärungskritischen Deppen von heute.

Ein paar Aussagen zur dynamischen vs. statischen Qualität und zur Wissenschaft und auch zu den Nazis habe ich dennoch sehr gut gefunden.


Fazit: Ich mag zwar die wissenschaftliche Art des Autors, die Welt zu sehen, zu analysieren, zu katalogisieren und zu strukturieren. Leider  kommt dabei Pirsig vom Hundertsten ins Tausendste, diese gedankliche Reise war nur mäßiig spannend und führte bedauerlicherweise ins NIRWANA der Mittelmäßigkeit.

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