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review 2018-07-30 08:33
Estnisch-Russisch-Deutsche Spirale der Gewalt
Fegefeuer - Sofi Oksanen,Angela Plöger

Durch meine diesjährige Autorinnenchallenge, in der ich in 13 Monaten 26 Bücher von Autorinnen mit dem Familiennamen A-Z lese (Details dazu hier), habe ich mich aus meiner bisherigen Komfortzone herausbegeben und möchte Euch nun zum relativ exotischen Buchstaben O die finnische Autorin Sofi Oksanen mit diesem Roman wärmstens ans Herz legen.

Im Jahr 1992 findet die Protagonistin Aliide auf ihrem estnischen Bauernhof ein junges geflüchtetes verletztes Mädchen namens Zara, das sich allmählich als Enkelin ihrer Schwester entpuppt. Nach und nach erhält der/die Leser*in Einblick in das Familiendrama, das dafür verantwortlich ist, dass die Verwandten auseinandergerissen wurden und sich gar nicht kennen. Daraus webt die Autorin ein beispielloses Drama aus Terror, Angst, Schuld, Opfer -Täterumkehr und Sühne, in dem die Figuren derart vielschichtig denken handeln und fühlen, dass es eine Freude ist.

Die Geschichte kommt zwar durch die zahlreichen sprunghaften Rückblenden in unterschiedliche Jahre etwas gemächlich in Schwung, aber spätestens bei der Hälfte der Strecke hatte sie mich so gepackt, dass sie mich überhaupt nicht mehr losließ.

Zu Beginn war es für mich gruselig, dass die Zivilbevölkerung 1992 während des russischen Umbruchs in den baltischen Staaten auch extrem von Angst, Mangelwirtschaft, Terror und Vergeltungsmaßnahmen geplagt war. Fast schien es so, als würde sich die sehr bewegte Geschichte Estlands während des 2. Weltkrieges wiederholen, in der die zuvor autonome estnische Bevölkerung permanent abwechselnd von deutschen und russischen Soldaten okkupiert und drangsaliert wurde.

Nach den Rückblenden in die Jahre 1936-1952 kommt das ganze Ausmaß der Schuld der Protagonistin Aliide ans Tageslicht. Selbst als junges Mädchen ein Opfer von Vergeltungsmaßnahmen und Vergewaltigung richtet sie aus Scham, Trotz, Eifersucht, Angst und über Leichen gehenden Überlebenswillen ihre ganze Familie zu Grunde. Unglaublich was geschundene Menschen in Ausnahmesituationen ihren eigenen geliebten Verwandten antun können, dies auch noch rechtfertigen, sich als Opfer mit den Tätern verbünden und damit selbst zu einer der widerlichsten und gleichzeitig armseligsten, erbarmungswürdigsten Form von Tätern werden. Wenn im Krieg der Firnis der Zivilisation abbröckelt, ist vieles, das vorher unvorstellbar war, plötzlich möglich.

Auch die Geschichte des Jahres 1991 mit der Großnichte Zara ist ganz schön starker Tobak. Von Mädchenhändlern in Wladiwostok akquiriert und mit angeblich ehrlicher Arbeit im Westen in die Zwangsprostitution gelockt, erlebt auch dieses Familienmitglied den absoluten Horror in der Spirale der Gewalt und Unterwerfung.

Beide Frauen misstrauen, belauern und unterstützen sich gleichzeitig gegenseitig, die Stimmung des Romans ist sehr von Angst, Misstrauen, Geheimnissen, lapidarer und massiver Gewalt geprägt. Letztendlich tilgt jedoch Aliide ihre Schuld der Vergangenheit und es kommt fast so etwas wie ein furioses trauriges Ende mit vielen Leichen zustande, das aber dennoch irgendwie als positiv bezeichnet werden kann, da sowohl die letzten übriggebliebenen „Bösen“ als auch jene sterben, für die sowieso jegliche Rettung nicht mehr möglich und vergeudet ist.

Die Figuren sind alle sehr komplex und vielschichtig gezeichnet. Kaum einer ist nur gut oder böse, Opfer oder Täter, sondern es werden menschliche Abgründe in Extremsituationen dargestellt. Gleichzeitig wird sehr viel Geschichte aus diesem kleinen baltischen Staat namens Estland vermittelt, von dem ich bisher auf jeden Fall viel zu wenig wusste. So, nun beiße ich mir aber auf die Zunge und höre auf zu schwärmen und zu spoilern, damit Ihr Euch von der Geschichte überraschen lassen könnt, und glaubt mir, da gibt es noch so einige unerwartete Wendungen und Überraschungen.

Fazit: Eine absolute Leseempfehlung von mir für diesen packenden, brutal realistischen, preisgekrönten Frauen-Roman. Er erfordert aber zu Beginn ein bisschen Durchhaltevermögen, also bitte nicht zu schnell aufgeben.

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review 2017-11-21 05:58
Kaleidoskopblick auf ein weites Land
Mein Russland: Begegnungen in einem widersprüchlichen Land - Carola Schneider

Die Autorin macht gleich im Vorwort klar, welches Sachbuch sich der Leser nicht erwarten soll. Es beinhaltet keine allgemeine politische Analyse Russlands, sondern stellt einen sehr persönlichen Blick auf dieses widersprüchliche Land dar, der durch die Brille von Carola Schneider und der breiten Auswahl an interviewten Bekannten geworfen wird. Ich mag solche klaren Ansagen, wenn Schriftsteller*Innen gleich zu Beginn die Grenzen abstecken und dem Leser nicht zu viel versprechen.

…. und dann wird tatsächlich genau das Zugesagte geliefert: Ein buntes Kaleidoskop an persönlichen Geschichten, Lebenssituationen, Meinungen und Problemen, die jedoch in Summe dennoch einen wirklich guten realistischen nachhaltigen Eindruck von diesem weiten, sehr heterogenen Land vermitteln. Die Wahl der Interviewpartner wurde klug vorgenommen. Da gibt es eine Menschenrechtsaktivistin, zwei Künstler, Jungunternehmer in Moskau, zwei Bauern in Sibirien, zwei Journalisten, einen Putin Propagandisten, einen prorussischen Fußballmanager von der Krim, einen Moskauer Pensionisten … So wie die Auswahl der Beispiele nicht tendenziös vorgenommen wurde, denn es werden die Geschichten und Meinungen von Putin-Fans über Putin-Indifferente bis ausgewiesene Putin-Gegner dargelegt, ist auch die Verortung der Beiträge sehr ausgewogen: es gibt sowohl einen Blick auf Sibirien, Moskau aber auch auf die Krim. Diese Struktur des Sachbuchs hat mir wirklich ausnehmend gut gefallen. Dazu zählt auch die Vorgehensweise, einige Gesprächspartner in einem Abstand von zwei Jahren erneut zu interviewen, um die Entwicklung im Land abzubilden.

Einen der dargestellten Künstler kenne und schätze ich übrigens seit längerem. Die Autorin hat doch tatsächlich den russischen Künstler Wassilij Slonow interviewt, den ich bei der Viennafair 2013 (größte Kunstmesse in Wien) so mutig gefunden habe, da er Sotschi ironisch kritisierte und dessen Namen ich vergessen hatte, mir zu notieren.

 description

Leider endet das Buch völlig abrupt mit dem letzten Satz des letzten Interviews, und dies ist auch mein einziger Kritikpunkt an diesem ansonsten so hervorragenden Werk. Am Ende hätte ich mir eine inhaltliche oder strukturelle Klammer von Carola Schneider gewünscht. Ein Resümee, ein Fazit, eine persönliche Meinung, einen Ausblick, eine Begründung, warum die Autorin die Interviewpartner genauso ausgewählt hat – einfach irgendwas, das einer persönlichen Stellungnahme gleichkommt, auch wenn sie möglichst neutral formuliert sein mag, aber nicht sein muss. Hier tritt mir die Autorin einfach viel zu sehr anonym in den Hintergrund des Gesagten und fungiert quasi nur als Herausgeberin eines Straußes an Meinungen und Geschichten. Es ist mir einfach zu wenig, wenn ihr Name draufsteht, sie sollte sich einfach nicht vor einer kurzen persönlichen Stellungnahme drücken. Wahrscheinlich hätte mir sogar schon eine Danksagung an die Interviewten als strukturelle Klammer gereicht, um das Werk abzurunden.

Fazit: Ein sehr gutes Sachbuch über Russland, das gerade weil es persönliche Geschichten und Meinungen darlegt und keine politische Analyse liefert, so einzigartig und erhellend dieses Land beschreibt.

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text 2017-11-05 06:29
Mein Russland: Begegnungen in einem widersprüchlichen Land - Carola Schneider

Ha! die Autorin hat doch tatsächlich den russischen Künstler interviewt, den ich 2013 bei der Viennafair so mutig gefunden habe, da er Sotschi sehr ironisch kritisiert. Jetzt weiß ich endlich wie er heißt: Wassili Slonow.

 

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review 2016-11-06 19:52
Wie man eine Demokratie schnell zerstören kann
Orbáns Ungarn - Paul Lendvai

Dem ORF Korrespondenten Paul Lendvai ist mit diesem Buch eine brillante, gut recherchierte Analyse der ungarischen Politik seit 1989 gelungen. Insofern ist das Werk für alle Ungarnfreunde sehr wichtig, aber auch für all jene, die sich für Politik interessieren, denn es kann auch als politisches Lehrstück verstanden werden, wie ein machtgeiler rechtspopulistischer Politiker innerhalb von 7 Jahren eine zwar relativ neue, aber trotzdem gut funktionierende Demokratie nachhaltig zerstören kann.

 

In Deutschland ist es ja noch nicht ganz so weit, denn die Regierung ist - trotz aller Vorbehalte, die man gegen ihre Politik haben mag – stark und agiert wenigstens proaktiv und löst Probleme, anstatt sich seit Jahrzehnten ständig gegenseitig zu blockieren. In Österreich fahren aber die mittlerweile sehr erfolgreichen rechten Populisten im geheimen Schlepptau mit dem identitären Mob durch Angstmache das analoge Programm zu Ungarn und werden genauso wie beim südlichen Nachbarn von einer Jahrzehnte quasi gelähmten und inaktiven Regierung nicht daran gehindert. Orban ist ja auch das erklärte Vorbild von H.C. Strache und Norbert Hofer. Irgendwie erinnert mich die reale Situation in Ungarn an die fiktive politische Satire „Endlich Strache“ aus dem Jahr 2010, in der dieser rechtspopulistische Hetzer nicht hauptsächlich durch seine eigenen Qualitäten an die Macht kommt, sondern durch die Inkompetenz aller anderen Parteien in den Sattel gehoben wird. Leider ist diese Situation in Ungarn tatsächlich fast genauso quasi drehbuchmäßig passiert. Insofern sollte diese Analyse eben von allen irgendwie an Demokratie Interessierten gelesen werden, denn sie gibt natürlich sehr gute Hinweise, wie solche Situationen entstehen und wie sie auch vermieden werden können.

 

Lendvai, der sich als 1956 aus Ungarn Geflüchteter als neutraler österreichischer Chronist seines emotional abgelegten Heimatlandes sieht, also 100% Österreicher, der nur zufällig ungarisch spricht und Ungarn kennt, verfolgt in seinem Sachbuch mit allen Hintergründen und Beziehungen sowohl das Leben von Orban als auch die Wandlung der vormals linken Fidez Partei zu einer autokratischen Einmannshow des Viktor Orban inklusive Speichel leckenden Günstlingen, die in unglaublicher Machtfülle irgendwo rechts von Attila dem Hunnenkönig agiert. Wirklich selten eine so gut geschriebene strukturierte Analyse gesehen, wie nach einer parlamentarischen 2/3 Mehrheit durch die Aushöhlung und Änderung der Verfassungsgesetze im Wochentakt, zuerst das Wahlsystem, die Medien, die Wirtschaft, das Geldwesen und die Nationalbank, die Bildung ... einfach alles an sich gerissen und auch langfristig nachhaltig (also auf Jahrzehnte) durch geschickte strategische Planung im Einflussbereich des Günstlingssystems von Viktor Orban bleiben wird. Dies konnte nur dadurch geschehen, dass die Opposition wie paralysiert und in gegenseitige Grabenkämpfe verwickelt einfach nichts dagegen getan hat, und die Bürger der Linken und vernünftigen politische Mitte Ungarns, anstatt ein lautstarkes zivilgesellschaftliches politisches Gegengewicht zu bilden, quasi geflüchtet also schlicht und ergreifend irgendwo anders in die EU ausgewandert sind – hauptsächlich nach Österreich, Deutschland und Großbritannien. Mich schaudert, dass Orban sein System auch exportieren und der EU aufstülpen will.

 

Orban lavierte in seiner Karriere von links nach rechts völlig egal - Hauptsache Sieg und Macht. Lendvai spart hier auch nicht mit einer sehr guten psychologischen Analyse der Person Viktor Orbans. Wie nannte man diese Leutchen bei Euch mal in Deutschland? Wendehals? Na in diesem Fall wendet sich der Hals nicht nur, sondern er dreht sich um 360 Grad, da wir ja nun mittlerweile wieder postkommunistisch in der Zeit vor 1989 durch Ungarns Anbiederung an Putins Russland angekommen sind. Während der gesamten Lektüre kam mir ein Satz immer wieder in den Sinn „Macht korrumpiert und absolute Macht korrumpiert absolut“, was auch die Conclusio des Buches auf der letzten Seite ist.

 

Fazit: Absolut lesenswert, eines der besten politischen Bücher, das ich seit langem gelesen habe.

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