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review 2019-07-20 16:39
Autorenmüll-Resteverwertung
Montagmorgen - Petra Soukupová

Jetzt ist diese zweisprachige Reihe Tschechische Auslese  aus dem Wieser Verlag ohnehin nur auf ungefähr sechzig A5 Seiten ausgelegt, also irgendwo zwischen Kurzroman und Kurzgeschichte, und dann meint diese Autorin doch tatsächlich, dass sie den geringen Platz und damit Möglichkeit, irgendeinen Inhalt zu präsentieren, auch noch in mehr als eine zusammenhängende Geschichte aufteilen muss. Da haben sogar ein paar meiner mittelmäßigen Mitschüler in Deutsch in der Disziplin Aufsatz besseres zusammengebracht als diese Autorin. Fast scheint es so, als hätte sie quick and dirty aus der Schachtel für Autorenmüll, respektive unfertige Skizzen, verworfene Ideen und Arbeiten, Fingerübungen der Routine, um jeden Tag irgendetwas zu produzieren, der so beim Schreiben ja immer anfällt, weil man nicht täglich eine brilliante Idee gebären kann, irgendetwas zusammengestoppelt, um auf die Anzahl der Seiten zu kommen.

Dabei gibt es in dieser Reihe, so großartige Geschichten, wie jene von  Markéta Pilátová  die ihren grandiosen Kurzroman punktgenau auf dieses Format konzipiert hat und der auch noch im Juli auf meiner best of five-Liste steht.

Jetzt werde ich arbeitstechnisch mal auch ein bisschen persönlich und bösartig. Wenn ich als Autorin von einem Verlag schon die Gelegenheit bekomme, in zwei Ländern nämlich meinem Heimatland Tschechien und in Österreich gleichzeitig präsentiert zu werden und ich mache mir nicht einmal die Mühe, für ein zugegebener Maßen recht ungewöhnliches Format etwas extra und exklusiv zu schreiben, sondern kratze irgendeinen Schreibabfall zusammen, dann halte ich das für eine bodenlose Frechheit. Auch wenn sie in Tschechien eine preisgekrönte Autorin sein mag, in Österreich kräht kein Hahn nach ihr und es ist zudem eine riesige Dummheit, solch eine Chance, in einer anderen Sprache und auf einem völlig anderen Zielmarkt Fuß zu fassen, nicht zu nutzen.

Auch inhaltlich tut sich in den einzelnen Geschichten nicht viel und auch nicht viel gutes: z.B. ein Opa, der einen Enkel adoptieren will, der auf Straßenbahnen steht. Da werden Geschlechterklischees auf primitiv bedient. Zudem musste ich mich als Leserin durch unausgegorene, unfertige, teilweise laangweilige Geschichten quälen, in die man so viel hineininterpretieren müsste, damit sie rund werden, dass ich sie mir gleich hätte selbst schreiben und erzählen können.

Fazit: Kurz und knackig - das ist Mist, was hier präsentiert wird - hätte in der Rundablage (Papierkorb) bleiben sollen. Insofern ist es wieder gut, dass es nur sechzig A5 Seiten sind, damit die Pein beim Lesen nicht so lange dauert.

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review 2019-07-18 05:41
Gehirntsunami
Der Windreiter - Renata Šerelytė

Dieser Roman von Renata Serelyte, der zwar völlig anders als ihr vorhergehendes Werk  Blaubarts Kinder angelegt ist, war ebenso nicht wirklich mein Geschmack.

Sprachlich wird die Geschichte erneut sehr gut präsentiert, wieder in dem recht unverwechselbaren poetischen Stil der Autorin. Auch inhaltlich ist die Story nicht so schlimm und deprimierend wie  Blaubart, im Gegenteil, sie hat was von einem abgefahrenen Märchen oder einem kolletiven Drogen-Flashback á la Contact High.

Als ich die Buchdeckeln schloss, war ich verwirrt, denn ich bekam die fiktive Handlung nicht zusammen. Was ist wirklich passiert? Was war ein Traum? War alles ein Traum? Was haben die Szenenfetzen miteinander zu tun? Was wollte die Autorin ausdrücken?  Warum interagieren die Figuren so? Fragen über Fragen, die sich mir stellten und auf die ich einfach keine Antwort habe.

Die Szenen und Dialoge sind so verklausuliert und 10 hoch 3 Meta, dass ich das Meta vom Meta vom Meta einfach nicht checken konnte. Sehr poetisch, total abgehoben, bizarr, märchenhaft und konfus wie in einem Low-Budget-Ostblock-Film-Noir wird die Handlung präsentiert, wobei ich noch immer nicht sagen kann, was wirklich passiert ist, oder was das alles sein soll. Habt Ihr mein Gefühl verstanden? Wahrscheinlich nicht, denn selbst ich stehe kopfschüttelnd und konsterniert vor dieser Geschichte und blicke einfach nicht durch.

Ich werde mal eine Szene überspritzt formulieren, damit Ihr Euch eine Vorstellung machen könnt: Figur irrt durch total surreale Szene, mit voll abgedrehten wundervoll beschriebenen Figurensetting, hält inne, schreit auf, brabbelt was ganz lyrisches, was überhaupt nicht zur Situation passt und läuft irgendwie schräg von dannen. Hufgetrappel, ein Pferd läuft durch die Szene. Die anderen Protagonisten wundern sich nicht, sondern sagen auch etwas poetisches, was wiederum überhaupt nicht zu vorherigem Satz dazupasst. Schnitt. Das Pferd ist möglicherweise tot, wahrscheinlich wurde es auf den Griller geworfen. All das wird natürlich in einem für mich typisch osteuropäischen Autoren-Setting: Armut, Schmutz Dreck, Landleben, Aberglaube ... präsentiert.

Solch eine bizarre chaotische Situation ist natürlich die große Freude eines germanistischen Interpretationsprofis, weil sie unendlich viele Auslegungen der Szene zulässt, mir hingegen fehlt hier völlig das nötige Instrumentarium. Da bin ich mit meinem Realismus und meinen fest geerdeten beiden Beinen einfach überfordert, als müsste ich Gleichungen mit 3 Unbekannten lösen, ohne überhaupt die Grundrechenarten zu kennen.

Über die Handlung vermag ich wenig zu sagen, außer dass ein Fernseh-Team bestehend aus Kameramann, Journalistin und Maskenbildnerin aus der Hauptstadt aufs Land fährt, um dort in einer Reportage, quasi einer Doku-Soap die Eltern des Mädchens Sasa zu finden (der ursprüngliche Plan hat fast etwas von Julia Leischiks Sendung "Bitte melde Dich"). Sie treffen auf die Großeltern des Mädchens, die schon zu Beginn extrem abgedreht schrullig sind und anschließend tauchen unzählige Figuren inklusive das Pferd auf, die mich allesamt verwirrt haben. Irgendwie eskaliert der Abend enorm, aber was passiert ist, kann ich wirklich nicht sagen. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, alle haben irgendwelche psychogenen Substanzen wie zum Beispiel Pilze eingeworfen und sich dann im Drogenrausch treiben lassen. So ähnlich wie im Film Contact High, aber den habe ich wenigstens verstanden.

Ach ja auch der Klappentext lässt den Leser nicht im Dunkeln tappen.
"Grelle Phantastik wirft ein neues Licht auf die Realität!"
Wer den Satz schon cool findet, wird dieses Buch lieben

Fazit: Ich finde es sehr spannend, wenn ich mal etwas für mich total Neues probiere, aber in diesem Fall bin ich einfach ein bisschen zu weit aus meiner Comfortzone des Realismus hinausgeschwommen und geistig irgendwie abgesoffen. Einige Leute mit mehr Vorstellungsvermögen als ich und mit einem Hang zu Lyrik und Interpretationen werden diesen Roman aber großartig finden. 2,5 Sterne denn spannend war es schon, zu beobachten, wie sehr mich die Geschichte irritiert und überfordert hat. Zudem ist sie ja auch nicht lang, also auf keinen Fall eine Qual.

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review 2019-07-16 06:35
Waten durch ein Meer von Gewalt, Depression, Alkohol, Armut und Tod
Blaubarts Kinder - Renata Serelyte

Mit der Autorin habe ich mir wahnsinnig schwer getan. Obwohl ich eigentlich anspruchsvolle Stoffe schätze und furchtbaren Geschichten überhaupt nicht abgeneigt bin, hat Renata Serelyte meine Duldungs- und Leidensfähigkeit bis aufs Äußerste strapaziert.

Dabei sind die Sprache und die bildhaft beschriebenen Szenen sehr gut, aber es ist inhaltlich so lähmend, dass ich das Gefühl hatte, ich wate angezogen mit Bleistiefeln durch einen niemals enden wollenden Sumpf aus Gewalt und Depression.

Viel mehr hat diese Geschichte nicht zu bieten: Strukturelle und kulturelle Gewalt an Frauen und Kindern, Alkoholismus, Depression, Armut, Delirium und Tod - gegen Ende kommen dann auch noch sexuelle Erfahrungen hinzu, die so grausam wiederum von Gewalt und Unterdrückung geprägt sind, dass frau als Leserin einfach nur abblenden möchte. Ich hatte ja selbst eine furchtbare Kindheit, aber wenn ich so wenige normale Momente gehabt hätte, wäre es besser gewesen, ich hätte mich schon als Kind umgebracht.

Marcel Reich Ranicki hat im literarischen Quartett einmal die irische Literatur beschrieben:
"Ich habe einen Widerwillen gegen die irische Literatur, ich kann das nicht ertragen, immer die Slums und immer wird gesoffen und ein bisschen gekotzt zwischendurch, Elend und muffiger Katholizismus".
Setzt man statt Katholizismus Kommunismus in die Gleichung ein und geht davon aus, dass Osteuropäer nicht kotzen, weil sie durch den vielen Wodka einfach trinkfester als die Iren sind, dann hat man die perfekte Analogie zu diesem Werk.

 

Das ist einfach zuviel, in dieser Dichte und Länge sind solch deprimierende Szenen nur langweilig, wobei meiner Meinung nach der größte Faux-Pas darin liegt, dass sich keine einzige Figur irgendwie entwickelt oder zumindest das Potenzial ausschöpfen könnte, sich zu entwickeln. Der Weg der Eltern ist auch für die restliche Familie vorgezeichnet. Armut, Depression, Alkoholismus und Tod. Und wir reden hier nicht von der Zeit des Kommunismus, sondern von der Phase nach der Wende und Hinwendung zu Europa. Selbst mit Schuldbildung kann eine Frau diesem Sumpf aus Familie, gewalttätigem Ehemann, Kindern und Depression nicht entrinnen.

Ganz am Anfang hatte ich auch Probleme mit den Perspektivenwechseln zwischen toter begrabener Mutter und der Tochter, bis ich begriff, die Unterscheidung liegt in der Kapitelnumerierung. Insofern gab es zu Beginn auch ein paar strukturelle Herausforderungen an den Leser, die Leserin, um in die Geschichte hineinzukommen.

Fazit: Ich weiß, dass es für dieses deprimierende Werk in wundervoller poetischer Sprache, das nicht schlecht ist, durchaus eine größere Fan-Zielgruppe gibt, aber ich gehöre definitiv nicht dazu. Der Roman ist überhaupt nicht mein Ding. Also, wer Frank-Mc Courts Die Asche meiner Mutter wundervoll fand, wird auch dieses Buch mögen.

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review 2019-02-11 16:34
Odysseus Heimkehr in die Securitate Hochburg
Begegnung - Gabriela Adameșteanu,Georg Aescht

Ich sitze schon zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit etwas fassungslos, ein bisschen überfordert und konsterniert vor einem rumänischen Roman, habe irgendwie das Gefühl, zwar etwas Gutes, sehr Lyrisches gelesen, aber nicht wirklich verstanden zu haben und frage mich, warum diese Art zu beschreiben und mir diese Welt so fremd erscheint, beziehungsweise warum sie so schwer für mich zu verstehen ist. Nachdem ich ein bisschen in den Pressestimmen der Leipziger Buchmesse, deren Gastland Rumänien ja 2018 war, recherchiert habe, fällt mir die Antwort wie Schuppen von den Augen. Diese rumänische Strömung nennt man literarischen Surrealismus und genauso surreal, unverständlich und verklausuliert stellen sich mir aus bisheriger Erfahrung rumänische Romane dar. Fast könnte man meinen, die Securitate wäre noch immer hinter allen Schriftstellern her und würde alle Romane zensieren, so indirekt und über tausend Ecken wird hier Gesellschaftskritik angebracht. Die Inhalte sind irgendwie spannend-kurios, die literarische Reise ist weit wie in die Walachei und bis ans Schwarze Meer, aber der Sinn bleibt mir doch ein böhmisches Dorf (beziehungsweise ein walachisches).

 

Manu Traian hat sein Heimatland bereits vor dem Krieg verlassen, ist nach Italien emigriert und lebt dort ein sehr erfolgreiches Leben als anerkannter Intellektueller. Obwohl er die Schrecken der Securitate gar nicht am eigenen Leib erlebt hat, dürfte sich dennoch im Exil ein Trauma in ihm festgesetzt haben. Die erste Szene der Geschichte ist schon sehr heftig. Manu verfolgt ein immer wiederkehrender Alptraum: Er ist in den Westen gegangen und dann hat er sich nach Jahrzehnten ohne Ticket mit dem Zug zu seiner Familie zurückgeschummelt. Alle sitzen an einem Tisch, aber erkennen ihn nicht und glauben, er ist von der Securitate geschickt worden, um alle auszuhorchen. Er soll verschwinden, keiner der Familie ist in den Westen gegangen, sagen sie.

 

Im Kernstrang der Erzählung kehrt Manu Traian als erfolgreicher Westler auf Einladung offizieller Stellen in seine Heimat Rumänien zurück, permanent verfolgt, bespitzelt und vernadert* von seinen eigenen Verwandten, der Familie seiner ehemaligen Geliebten und seinen beruflichen Bekanntschaften. Manu will nicht wahrhaben, dass die gesamte Reise unter der Regie des Geheimdienstes gleich einem Theaterstück aufgeführt wird und kann nicht zwischen Freund und Feind unterscheiden, im Gegenteil, in den schlimmsten Spitzeln glaubt er seine eigentlichen Freunde zu erkennen.

 

Alles, was in Rumänien spielt, hat was von Kafka in der Securitate-Hochburg: die exzessiv bürokratische Verwaltung und das hierarchische Human-Ressource-Management von Bespitzelung, Vernaderung*, Terror und Folter durch papiererne Aktenberge und beamtische Speichelleckerei. Wie sagt man bei uns in Österreich „Nach oben buckeln und nach unten treten“. Vor allem die ältere Generation der kommunistischen Geheimdienstschergen wird extrem primitiv und als grobschlächtige, dumme Säufer ohne Manieren dargestellt. Manus gesamte Rumänienreise ist gekennzeichnet von permanentem seichtem Geplapper seiner Verwandten, die alle etwas von ihm wollen, es aber nicht wirklich artikulieren, Aktennotizen, die an die Vorgesetzten der Securitate zwecks Bespitzelung von Taijan verfasst wurden und von Zitaten aus der Odyssee, die das Lieblingswerk von Manu darstellt und irgendwie auch das Heimkommen symbolisiert. In diesem Ballett aus nutzloser Geschwätzigkeit, Finten, Lug, Betrug, Spionage und Reminiszenzen an den Sagenstoff kann der Protagonist die einzige Person, die es gut mit ihm meint und die einfach keine Gelegenheit findet, mit Manu zu reden, einfach nicht identifizieren. Das Gespräch zwischen Daniel und Manu scheitert in vielen Anläufen an Sprachlosigkeit und Zurückhaltung des jungen Mannes und an der Fehleinschätzung von Manu.

 

Warum Adamesteanu mit der Figur der Christa, der deutschen Freundin des Protagonisten, auch noch eine Nazifamilienbiografie in die totalitäre Schlacht der Geschichte wirft, erschließt sich mir inhaltlich nicht so ganz, denn für eine intensive Aufarbeitung der beiden totalitären Systeme in Ost und West hat sie diesen Handlungsstrang für meine Begriffe nämlich viel zu wenig in den Fokus der Story gesetzt. So bleibt diese Verzweigung für mich nur ein kleines aufblitzendes Schlaglicht in der Gesamtkonstellation. Auf dem blauen Sofa der Leipziger Buchmesse hat die Autorin zugegeben, dass sie von Anfang an den Roman auch für den deutschen Markt schreiben wollte. Das erklärt natürlich vieles, hätte dann aber auch in der Gegenüberstellung für meine Begriffe weitaus intensiver und konfliktreicher mit dem Protagonisten betrieben werden sollen.

 

Fazit: Ich bin unschlüssig. Eine nicht unspannende Geschichte, die ich in ihrem Aufbau und in der Botschaft nicht ganz verstanden habe. Tonalität und Inhalt sind für mich ein bisschen ambivalent. Auf jeden Fall regte sie mich zur intensiven Recherche an. Vielleicht sollte ich noch mehr rumänische Schriftsteller lesen, um in diese literarische Kultur tiefer einzutauchen und sie in letzter Konsequenz auch wirklich zu verstehen.

 

*vernadern – denunzieren

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review 2019-02-09 18:06
Auf ins weite Europa – ohne Sinn und Verstand
Kartografie der Freiheit. Roman - Andrej Kurkow

Als ich nach Beendigung des Romans das Nachwort des Autors las und realisierte, wie er die Tonalität seiner Geschichte und deren Intention sah, war ich total überrascht und von der Rolle, denn ich hatte das Gefühl, ein komplett anderes Buch gelesen zu haben. Kurkov meint, er habe einen sehr europäischen Roman über junge Leute geschrieben, die „den Wegfall der Grenzen und die europäische Zusammengehörigkeit ernst nehmen.“ Das ist bei mir überhaupt nicht so angekommen.

 

Im Prinzip geht es um drei junge Paare aus Litauen (Barbora und Andrius, Ingrida und Klaudjus, Vitas und Renata), die am Tag des Wegfalls der Schengen-Grenzen während eines Festes miteinander vereinbaren, sich ihren Traum von Europa zu erfüllen, mit dem Ziel, in die Ferne, in ihre Traumstädte London, Paris und Rom aufzubrechen, um genau dort ihr Glück zu versuchen und sich niederzulassen.

 

Dabei gehen sie aber derart hirnlos vor, dass ich die ganze Zeit den Kopf schütteln musste. Keiner checkt vorab über das Internet die Lage, sucht sich in Jobportalen von Litauen aus schon eine qualifizierte Arbeit, sie lassen sich treiben, brauchen ihre Ersparnisse auf und taumeln von einem zufällig ergatterten Billiglohn-Gelegenheitsjob zum nächsten. Zwei Paare – und das muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen – deren Traumdestinationen Paris und Rom sind, sprechen noch nicht mal ein Wort in der Sprache des Ziellandes, in dem sie sich dauerhaft niederlassen, leben und arbeiten wollen. Das ist irgendwie total verrückt und kann ja von vornherein nicht gut gehen. Irgendwie hatte ich als Leserin auch das Gefühl, der Autor vermittelt uns unterschwellig, dass Europa diesen Paaren, die sich derart respektlos ihren Zielländern gegenüber verhalten, etwas schuldig sein soll.

 

Zum Beispiel gerade in Paris angekommen, dem Bus entstiegen, entspinnt sich folgender Dialog:

Der Barkeeper antwortete in einem langen unverständlichen Satz. Andrius und Barbora tauschten Blicke.
„Was hat er gesagt, was glaubst Du?“ fragte die junge Frau.
„Dass ich eine wundervolle Begleiterin habe, nehme ich an“.
„Nein, er hat doch zu mir gesprochen“, widersprach Barbora. „Also, wir müssen Französisch lernen! Warum haben wir das eigentlich nicht gemacht?“
„Weil wir keine Zeit hatten.“ Andrius nahm einen Schluck Espresso.“Und wenn wir welche hatten, haben wir lieber geschmust, als Französisch gelernt …“
„Na, dann lernen wir jetzt Französisch. Das Schmusen kann warten …“
“ Wieso denn das?“ Andrius tat entrüstet.

 

Gerade meine Generation kann so eine Situation wie hier im Roman in Litauen beschrieben, sehr gut nachvollziehen, denn als wir ungefähr im Alter der Protagonisten waren, gingen auch für uns schon vor dem Beitritt Österreichs zur EU (durch Gegenseitigkeitsabkommen) in den 90er-Jahren unvermittelt die Grenzen auf – das war wie im Schlaraffenland. Was vorher extrem bürokratisch und schwierig – fast schon unrealistisch war, war plötzlich ganz einfach möglich, nämlich arbeiten in Deutschland, in Italien, am Meer, studieren durch Finanzierung mit Au-pair oder Jobben in allen großartigen Städten der EU. Einige wollten das Meer sehen, einige viel Geld verdienen, manche hatten als Zieldestination die Stadt der Liebe, Paris. Aber keiner war so unvorbereitet wie diese Protagonisten, jeder paukte wie verrückt Französisch, Italienisch, Spanisch oder Griechisch, Englisch war ja nicht notwendig, denn das konnten wir und durchsuchte die lokalen Zeitungen vorab schon nach Jobs und bewarb sich. Dabei hatten wir damals nicht so einfach Zugang zum Internet wie heute und waren trotzdem weitaus besser gerüstet für das Leben in fernen Ländern.

 

In keiner Situation des im ganzen mehr als 600 Seiten dauernden extrem langen Romans wird ob dieser Blauäugigkeit und des mangelnden Realitätssinns irgendwann mal ein Funken Selbstkritik der Figuren oder eine kritische Darstellung des Autors vermittelt, im Gegenteil, die im selbstgewählten Exil im Ausland „Gestrandeten“, hadern und lamentieren permanent herum. Schlimmer ist zudem noch, dass Renata und Vitas, jenes Paar mit Ziel Rom, das durch die notwendige Versorgung von Renatas Großvaters an der Auswanderung gehindert wurde, offensichtlich als Einzige mit Hirn und Verstand die Segnungen des Internets einzusetzen vermag, und damit in Litauen erfolgreich ist. Was soll das nun? Was ist die Moral von der Geschicht?: Renn mutig aber kopflos wie ein Hendl gegen Westen und werde unglücklich oder bleib zu Hause trau Dich nix, dann bist Du erfolgreich und froh?- Das ist so BÄÄÄHHH (sorry für das Wort, aber dieselben fehlen mir gerade).

 

Zudem begeht Kurkov mit seiner Geschichte – zumindest für meine Begriffe – eine unverzeihliche Todsünde, nämlich sie hat mich über weite Strecken extrem gelangweilt. Zwei Paare wandern also ziemlich friktionsfrei aus …. und dann passiert 200 Seiten gar nix: Ein paar Gelegenheitsjobs und ein alter Hund ist gestorben, ansonsten nichts als Banalitäten … und dann passiert bis Seite 500 wieder fast gar nichts. Der Roman hat das Tempo einer Schnecke, in super-super-slow-motion vegetiert der Plot dahin. Ich wünschte mir die ganze Zeit, dass einer der Figuren mal was richtig Furchtbares zustößt, damit endlich Schwung in die Story kommt. Ich brauche ja nicht immer Drama, aber das ist mir wirklich zu wenig Action. Wenn mein Leben in jungen Jahren so gewesen wäre, wäre ich wahrscheinlich vor Langeweile schon längst gestorben. Ab Seite 500 – das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen – kommt die Handlung dann endlich richtig in Schwung, aber da habe ich schon irgendwie die Lust an den Figuren und ihren Schicksalen verloren.

 

Fazit: Viel zu langer, gähnend langweiliger, inhaltsloser, larmoyanter Roman, in dem ich die Botschaft des Autors einfach nicht vernommen habe. Eines muss man Kurkov aber lassen, auch wenn er sich in Banalitäten ergeht, diese kann er sehr gut und mit ausgezeichneter Sprache transportieren.

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