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review 2019-01-14 12:41
Durch die Gästebetten von Paris - mit Einblick in den soziokulturellen Nukleus der Grande Nation
Das Leben des Vernon Subutex 1: Roman - Virginie Despentes,Claudia Steinitz

Im Zentrum dieses sehr zynischen Einblicks in die französische Gesellschaft steht Vernon Subutex, ehemals Inhaber eines Plattenlandens, den als Technologieverlierer der Internet-Onlinehandel aus seinem Job und seiner Kernkompetenz gefegt hat. Nun ist seine Expertise nicht mehr nützlich, er wird durch die Umstände zu wenig brauchbarem Menschenschrott, eine Weile hält er sich noch durch die Sozialhilfe über Wasser, aber irgendwann ist auch damit Schluss, er verliert diese und damit auch postwendend seine Wohnung.

Durch diese Plotwendung erzeugt die Autorin Virginie Despentes einen guten, gleichsam zwangsläufigen Überblick über unterschiedliche Prototypen der französischen Gesellschaft mit ihren Lebenskonzepten und Schicksalen, denn aus der Not heraus mit einer hanebüchenen Ausrede auf den Lippen quartiert sich Vernon kurzfristig bei sehr vielen seiner Kumpels aus seinem ehemaligen riesigen Freundeskreis ein. Um niemanden zu sehr zu strapazieren und auch durch sehr dumme Aktionen von Vernon, sind diese „Notschlafstellen" nur Intermezzi beziehungsweise Übergangslösungen und machen den Roman dadurch zwar nicht zum Road-trip, denn Vernon besitzt kein Auto, sondern zum innerstädtischen Pflasterspektakel.

Sehr viele von Vernons Freunden haben sich seit den alten unbeschwerten Zeiten von Sex, Drugs and Rockn‘ Roll in Vernons Plattenladen enorm verändert. Viele laufen entweder ihrer verlorenen Jugend nach, haben sich selbst verraten, oder sind gestorben wie die Fliegen, einige haben ihren sich in der Teenagerzeit abzeichnenden Arschlochcharakter einfach noch um ein Vielfaches vertieft, manche sind in ihrer jugendlichen Unruhe und Suche nach sich selbst noch immer steckengeblieben und haben sich verloren. Wie bei einem Kaleidoskop zeichnet Despentes die unterschiedlichen Archetypen des intellektuellen Mittelstands: Der erfolgreiche Sänger Alex, der an seinem Ruhm zerbrach und gestorben ist, der rechte nationalistische wenig erfolgreiche Drehbuchautor Xavier, der eine reiche Frau geheiratet hat, die ihn verachtet, eine Online Reputationsmanagerin, genannt die Hyäne, die in Wahrheit ja nur die geschönte Bezeichnung einer Schmutzkübelcampagnisiererin verkörpert, zwei ehemalige Pornodarstellerinnen, wobei eine es geschafft hat und die andere auch schon gestorben ist, Sylvie eine Frau die Vernon im Gegenzug für ein warmes Bett gebumst hat, und die nach Vernons Laufpass zu einem Facebook Racheengel mutiert, ein sehr erfolgreicher Filmproduzent, Gaelle, die sich noch immer bei wohlhabenden Irren durchschnorrt und Vernon mitzieht und so weiter und so fort.

Die Autorin fährt ein Potpourri des Zynismus auf, in dem wie beiläufig viele moderne Themen gestreift und durchphilosophiert werden, Sex, Porno, Drogen, Ehe, Familie, Politik, Links und Rechts, der Sozialstaat, neue Technologien, Wohlstandsverlierer, Kapitalismus, Reichtum, Hedonismus, Egoismus, Tierliebe, Eifersucht, Wahnsinn, ... Alle diese einerseits zeitlosen als auch in der Sicht der modernen Welt neuartigen Ausprägungen des Menschlichen werden aufgefahren. Keine Figur – nicht mal Vernon - ist wirklich sympathisch alle tragen eine gehörige Arschlochkomponente zur Schau.

In ihrem Zynismus der Misanthropie erinnert mich die Autorin frappant an …. na an wen? -  an einen handwerklich besseren und moderneren Houellebecq, der nicht vor 20 Jahren in seiner schriftstellerischen Entwicklung steckengeblieben ist, einfach sorgfältiger recherchiert, sich keine so sagenhaften technologischen und logischen Schnitzer leistet und der nicht ausschließlich seinem Sexismus und dem Faible für Skandale frönt. Das ist insofern sehr witzig kurios, da man meinen könnte, Houelle wäre in diesem Fall in den Geist und den Körper einer Frau geschlüpft. Stellt Euch das mal praktisch vor, das wäre wirklich die Hölle für ihn!

„Sie hat nie verstanden, was junge Mädchen daran finden, mit älteren Männern zu schlafen. […]„Männer ihres Alters stoßen sie ab, ihre Eier hängen herab wie sklerotische Schildkrötenköpfe. Sie könnte kotzen, wenn sie sie anfassen muss."

„Internet ist für Eltern so, als würde man dir dein Kind rauben, noch bevor es lesen kann.“

„Er steht hier und kauft ein, anstatt zu arbeiten, weil Madame nicht will, dass man sie für ein Dienstmädchen hält, aber die dreckigen Faulenzer von Kanaken hängen draußen rum, ohne einen Finger krumm zu machen. […] Zusammen mit den Arbeitslosen, denen die Stütze in den Arsch geschoben wird, sitzen sie den ganzen Tag im Cafe, während ihre Weiber schuften. Die machen nicht nur alles im Haus, ohne zu jammern, und gehen arbeiten, um ihre Kerle durchzufüttern, sie müssen sich auch noch einen Schleier umhängen, um ihre Unterwerfung zu demonstrieren. Das ist doch Psychoterror! Alles nur, damit der französische Mann merkt, dass er nichts mehr wert ist.“


Alle Figuren sind detailgetreu tiefgründig mitsamt ihrer Geschichte und den Einstellungen zum Leben entwickelt und irgendwie miteinander verwoben. Man hat das Gefühl, Paris ist nicht viel mehr als ein kleines Dorf, vor allem was Vernons Kohorte betrifft. Das letzte Interview des berühmten Sängers Alex, das in Vernons Besitz sein soll, spielt auch eine Rolle, warum sich so viele Menschen mit diesem Verlierer überhaupt abgeben wollen. Am Ende des ersten Teils ist Vernon ganz unten, nämlich nicht nur ohne Wohnung sondern richtig obdachlos draußen auf der Straße angekommen und kann auch von dort einen Bericht über den Zustand dieser französischen Subkultur abgeben.

Fazit: Ich persönlich bin sehr begeistert, muss aber anmerken, dass dies nicht unbedingt ein Werk für alle ist, denn es ist beinharter Tobak. Wer Zynismus, Bösartigkeit, Menschenfeindlichkeit und grenzenlosen Pessimismus bezüglich der Gesellschaft schwer erträgt, sollte die Finger davon lassen. Denn zumindest im ersten Teil hat die Autorin jeden Funken der Hoffnung mit der Perfidie einer Göttin in ihrem fiktiven bitterbösen selbstkonzipierten Mirkoversum namens Paris ausgeblasen. Wundervoll, genial, großartig und absolut lesenswert. Für mich schon im Jänner ein erstes Highlight des Buchjahres.

Ich will auf jeden Fall unbedingt wissen, wie es weitergeht!!!!

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review 2018-11-07 20:23
Rezension: Höhenrausch
Höhenrausch - Ildikó von Kürthy

Titel: Höhenrausch

Autor: Ildikó von Kürthy

Verlag: Rowohlt Taschenbuch

 

Worum es geht: Linda findet heraus, dass ihr Freund sie betrogen hat. Sie will einfach nur weg und sucht nach einer Wohnung in Berlin, um nicht an jeder Ecke an ihren Exfreund erinnert zu werden. Da passt es super, dass Andreas dringend irgendwo hin will, wo nicht Berlin ist und die beiden ihre Wohnungen einfach tauschen können.

Nach einigen Dating Desastern in Berlin trifft Linda dann auch noch auf einen absoluten Traummann. Der Haken: er ist verheiratet. In ihrer Fantasie steigt Linda jeden Augenblick von der Affäre zur Ehefrau auf. Doch die Frage ist, wie lange kann das gut gehen?

 

Was ich sage: Was ich von diesem Buch erwartet habe, kann ich gar nicht so genau sagen. Ich habe es einfach bei mir aus dem Buchregal genommen und habe es gelesen. Enttäuscht wurde ich nicht, soviel steht fest. Und das obwohl ich sehr schnell sagen konnte, wie es endet.

 

Die gesamte Geschichte wird aus der Sicht von Linda erzählt. Wie gut die anderen Charakteren entwickelt sind, ist daher schwer zu sagen. Sie werden immer nur von Linda bewertet.

Linda dagegen ist sehr gut ausgearbeitet. Sie hat eine Vergangenheit und einen facettenreichen Charakter. Außerdem fehlt es ihr nicht an Motivation.

 

Was mir nicht so gut gefallen hat, ist, dass es zwischendurch immer wieder Zeitsprünge gegeben hat. Diese waren wirklich irritierend, da sie sehr unerwartet und mit großer Regelmäßigkeit aufgetaucht sind.

 

Die Idee für die Geschichte finde ich wirklich gut. Linda hat mich mit ihren ständigen Figur- und Männerproblemen allerdings stark an Bridget Jones erinnert.

Der Schreibstil ist sehr gut, laut und aktiv. Das macht es leicht mit Spaß das Buch bis zum Ende durchzulesen.

 

Fazit: Das Buch Höhenrausch ist eine witzig geschriebene Geschichte, die ihre Höhen und Tiefen hat, aber insgesamt durchaus lesenswert ist. 4 von 5 Sterne.

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review 2018-10-24 11:00
Rezension: Ich und die anderen
Ich und die anderen Als Selbst-Entwick ler zu gelingenden Beziehungen - Jens Corssen

Titel: Ich und die anderen

Untertitel: Als Selbst-Entwickler zu gelingenden Beziehungen

Autoren: Jens Corssen, Christiane Tramitz

Verlag: KNAUR

 

Klappentext: Wir verspüren Scheu gegenüber anderen und fühlen uns missverstanden. Wir erwarten sehnsüchtig, dass unsere Gefühle erwidert werden. Wir leiden unter Misstrauen, Kontrolle, Neid und fühlen uns den Machtspielen anderer ausgeliefert. Warum ist das so? Warum machen wir in Beziehungen immer wieder die gleichen Fehler?

Jens Corssen, der Verhaltenstherapeut, und Christiane Tramitz, die Verhaltensforscherin, zeigen, wie wir unsere Beziehungsfähigkeit in Partnerschaft, Familie, Beruf und im Freundeskreis verbessern können.

 

Was ich sage: Anfangs war ich wirklich optimistisch, was dieses Buch anging. Ich war motiviert und bereit das gelesene sofort in der Realität auch versuchen umzusetzen. Nach etwa einem Drittel des Buches war diese Euphorie dann allerdings auch verflogen. Denn ab dem Zeitpunkt wurde der Inhalt nicht mehr so leicht greifbar und wissenschaftlicher.

 

Die Idee für das Buch finde ich wirklich gut. Es gibt gute Erklärungen, warum wir reagieren wie wir es eben tun, wenn wir mit anderen Menschen in Kontakt kommen und das auf eine Weise, von der ich bisher noch nie gehört habe: als Selbst-Entwickler. Leider ist es in meinen Augen diese Herangehensweise, die es nicht gerade praktikabel macht, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen.

 

Den Schreibstil fand ich ansprechend und nicht so langweilig, wie es bei einigen Sachbüchern durchaus üblich ist.

 

Eine Kleinigkeit, die mir aufgefallen ist, ist der Fakt, dass in diesem Buch die Begriffe schüchtern und introvertiert als Synonyme benutzt werden. Das ist allerdings falsch, was in einem Sachbuch zu dem Thema Beziehungsaufbau absolut nicht passieren sollte. Auf meine Bewertung hat dieser doch sehr häufig vorkommende Fehler keine Auswirkungen.

 

Fazit: Das Buch Ich und die anderen ist ein interessantes Buch über Beziehungen zwischen Menschen. Es versucht eine doch sehr wissenschaftliche Herangehensweise an dieses Thema so verständlich wie möglich darzustellen. Das gelingt in meinen Augen leider nicht sehr gut. Daher gebe ich 3 von 5 Sternen. 

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review 2018-09-18 04:30
Rezension | Sag den Wölfen, ich bin zu Hause von Carol Rifka Brunt
Sag den Wölfen, ich bin zu Hause: Roman ... Sag den Wölfen, ich bin zu Hause: Roman - Carol Rifka Brunt,Frauke Brodd

Beschreibung

 

New York, 1987.

 

Die vierzehnjährige June Elbus ist ganz vernarrt in ihren Onkel Finn Weiss, der sich als gut gehandelter Maler etabliert hat, jedoch viel zu früh an einer Krankheit verstirbt die Junes Mutter kaum zu benennen vermag. Finn hinterlässt in Junes Leben ein großes Loch der Traurigkeit und sie hat das Gefühl mit ihrem Schmerz vollkommen alleine zu sein. Als June eine Nachricht des jungen Mannes Toby erhält, der behauptet Finn genau so sehr zu lieben, beschließt sie gegen den Willen und hinter dem Rücken ihrer Mutter eine Freundschaft zu Toby aufzubauen.

 

Meine Meinung

 

Schon alleine bei der Auswahl des Buchtitels „Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ hat Carol Rifka Brunt ein gutes Händchen besessen, denn er ist wunderbar poetisch, lässt gefährliches erahnen und steckt voller Verheißung auf eine bewegende und mitreißende Lektüre.

 

Worte für dieses Debüt zu finden, die alle Emotionen und Gedanken einfängt und nur ansatzweise meine Begeisterung abbilden, scheint mir fast unmöglich. Dennoch möchte ich mein Bestes geben und mich daran versuchen die spezielle Atmosphäre von Carol Rifka Brunt’s Geschichte zu umschreiben.

 

Vor allem der Facettenreichtum ist atemberaubend! Das etwas eigenbrötlerische Mädchen June wächst mit ihrer älteren Schwester Greta in einem behüteten Elternhaus heran. Mutter und Vater sind in der Buchmacherbranche tätig, so dass die Schwestern einen großen Teil des Jahres auf sich alleine gestellt sind – schließlich ist Steuersaison und da gilt es von morgens bis abends so einiges an Papierkram zu erledigen. Die Schwestern haben vielleicht gerade deshalb eine starke Bindung zueinander, doch diese ist seit einiger Zeit beschädigt und June kann sich nicht erklären warum ihre Schwester so abweisend und kalt zu ihr ist.

 

"Manches von dem, was Greta sagte, war so scharf, dass ich tatsächlich spürte, wie ihre Worte mich aufschlitzen, hinein in meinen Bauch und mein Herz." (Sag den Wölfen, ich bin zu Hause, Seite 298)

 

Die wohl wichtigste Bezugsperson in Junes Leben war ihr verständnisvoller und kluger Onkel Finn, der immer ein offenes Ohr für sie hatte und eine besondere Zeit mit ihr verbrachte. Gemeinsam besuchten sie Orte die für sie eine Bedeutung hatten (z. B. The Cloisters) und tranken Tee aus einer bemalten Kanne. Doch Finns Leben wurde durch eine Krankheit ein Ende gesetzt, die in den 80er Jahren zur Stigmatisierung führte (und auch heute noch dazu führen kann). Die Rede ist von AIDS. Junes Mutter fiel der Umgang mit dieser Krankheit äußert schwer und für all das Übel machte sie Finns „besonderen“ Freund Toby verantwortlich und selbst an Finns Beerdigung schneidet sie ihn.

 

June tritt dem Thema AIDS im Gegensatz zu ihrer Mutter viel aufgeschlossener entgegen und als Toby den Kontakt zu ihr sucht, ringt sie sich zu einem Treffen mit dem ihr fremden Mann, dem Finn so nahe stand, durch und lernt ihn langsam besser kennen. Es entwickelt sich eine besondere Freundschaft die June sehr viel gibt, aber schlussendlich auch sehr viel Schmerz verspricht.

 

"Das Leben schien ein immer enger werdender Tunnel zu sein. Im Augenblick der Geburt war der Tunnel riesengroß und unendlich lang. […] Dann, in exakt einer Sekunde nach der Geburt, verengte sich der Tunnel bereits um die Hälfte." (Sag den Wölfen, ich bin zu Hause, Seite 316)

 

Ein weiterer Strang des Gesamtkunstwerkes ist das Gemälde von June und ihrer Schwester Greta, welches Finn vor seinem Tod fertig stellte und das den Titel „Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ trägt. Von diesem Bild geht eine spezielle Faszination aus, die die Charaktere von Toby, June, Greta und Finns Schwester (die Mutter von June und Greta) miteinander wie durch ein durchsichtiges Netz verbindet.

 

Dieser Debütroman wird aus zahlreichen Puzzleteilen zusammen gesetzt, wie die Probleme des Erwachsen Werdens, des sich Selbst Findens, die Schwierigkeiten und Schönheiten des Geschwister Habens und dann wird auch noch die heikle Sache mit der Homosexualität und AIDS in den 80er Jahren eingewoben. Carol Rifka Brunt hat mich allerdings nicht nur mit der Geschichte von ihrer schriftstellerischen Qualität überzeugen können, sondern vor allem mit ihrem Schreibstil, bei der jede Seite wie ein frisch bezogenes Bett zum reinlegen und reinkuscheln verführt.

 

Fazit

 

Carol Rifka Brunt ist eine Wortkünstlerin und ihr Debütroman ein absolutes Lesehighlight.

Source: www.bellaswonderworld.de/rezensionen/rezension-sag-den-woelfen-ich-bin-zu-hause-von-carol-rifka-brunt
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review 2018-06-19 05:31
Eine wohltuend unkitschige Liebesgeschichte
Die Reisen des Mr. Leary: Roman - Anne Tyler

Noch einmal habe ich mich todesmutig auf eine der von mir immer verschmähten und gehassten Liebesgeschichten eingelassen und diesmal bin ich - naja wie soll ich sagen - nicht nur gar nicht abgestoßen, sondern auch eigentlich sehr erfreut.

Als aller erstes beweist Anne Tyler, dass man auch als Autorin Beziehungen und das ewige Thema der Liebe fernab von romantisierendem schmalzigen Kitsch durchaus treffend beschreiben kann. Das ist insofern sehr realistisch und trifft den Alltag von uns allen viel punktgenauer, denn Frauen leben und lieben eben einfach in der Wirklichkeit nicht in einem Bianca-Roman. Diese Hefte aus vergangen Zeiten stehen für mich stellvertretend für unrealistische Märchenprinz-Romantik, bei der sich schon seit Urzeiten bei mir sprichwörtlich die feministischen Zehennägel vor Grausen und Empörung aufdrehen.

Aber worum geht es: Die Ehe von Macon Leary ist infolge des Todes des Sohnes, der bei einem Überfall im Feriencamp erschossen wird, in einer veritablen Krise. Beide Ehepartner trauern unterschiedlich, machen sich in ihrem Schmerz gegenseitig Vorwürfe und ziehen sich in sich selbst zurück. Die Beziehung und das Leben der beiden ist in Sprachlosigkeit und Trauer erstarrt, die Ehefrau Sarah zieht die Notbremse und trennt sich. Mr. Leary ist zudem ein bisschen ein monkhafter Zwängler, der aber von der Autorin nicht effektheischend durchgeknallt, sondern eigentlich sehr liebevoll und recht normal beschrieben wird. Fast bricht es einem das Herz, wie sehr der durch die Ehekrise geänderte neue Alltag ihn immer mehr in seine Zwänge hineinschlittern lässt.

Als sich Mr. Leary den Fuß bricht, weil der ungehorsame verhätschelte Hund des toten Sohnes komplett durchdreht, nimmt sein Leben eine neue Wendung. Er lernt Muriel, die sehr chaotische Hundetrainerin kennen und zieht zu seiner Schwester und den Brüdern, die genauso zwänglerisch wie er und ebenso erstarrt in ihren Ritualen sind.

Die Figuren des Romans sind allesamt extrem liebevoll beschrieben, bis auf Sarah, die irgendwie den ganzen Roman über farblos und nichtssagend bleibt, aber das hat auch seine Gründe in ihrem Charakter und in ihrer Funktion als Anker, Gefängnis, Alltagstrott, letzter Ausweg, weil man sich nicht ändern will und Katalysator. Die Alltagszwänge der Familie Leary gipfeln aber nicht in einer auf erzwungener Komik beruhenden Beschreibung von kuriosen total durchgeknallten Achetypen sondern die Familienmitglieder sind relativ banal und recht alltagstauglich skizziert.  Beispielsweise ordnet Rose, die Schwester von Macon die Lebensmittel in den Küchenschränken alphabetisch und ist auch sonst ein unglaubliches Organisationstalent, wenngleich sie überhaupt keinen Orientierungssinn hat. Macon hat seine Zwänge vor dem Trauma mit seinem Sohn vor allem beruflich sehr erfolgreich kanalisiert, indem er Reiseführer für Leute schreibt, die weltweit alles genauso wie in Amerika haben wollen. Er rechcherchiert in fact finding missions überall - vor allem in Europa - quasi für Geschäftsreisende, die den american way of life global wie die Stecknadel im Heuhaufen suchen.

"Aber Macon! Er ist Dein Arbeitgeber!"
"Er ist ja nur gekommen, weil er hofft, dass wir uns exzentrisch aufführen", sagte Macon. "Er macht sich einseitige Vorstellungen von uns. Ich flehe bloß zu Gott, dass keiner von uns etwas Unkonventionelles äußert. Hörst Du überhaupt zu?"
"Was sollen wir schon äußern?" fragte Rose. "Wir sind die konventionellsten Menschen, die ich kenne."
Das entsprach zwar durchaus der Wahrheit, paradoxerweise aber wieder auch nicht.


Was im Plot dann anschließend folgt, ist ein grandios amüsantes Paradebeispiel an Hundeerziehung und die Hartnäckigkeit der chaotischen Hundetrainerin Muriel, die sich einbildet, eine Beziehung zu Macon aufbauen zu wollen, es auch letztendlich schafft und das Leben von Mr. Leary total umkrempelt. Beide passen eigentlich charakterlich überhaupt nicht zusammen, tun sich aber gegenseitig so wohl, weil sie sich ausgleichen und das beste im Anderen wecken.  Macon bricht dann jedoch wieder aus seinem neuen Leben aus und versucht, in das alte zurückzuschlüpfen. Am Ende gibt es natürlich ein Happy End.

Hier sind wir schon beim einzigen Faktor, der mich dann doch noch etwas gestört hat. Das Ende kommt, wahrscheinlich bewußt von der Autorin so konstruiert, um schmalzige Romantik zu verhindern, viel zu abrupt und ist dann auch für mich wirklich zu knapp und lapidar in zwei bis drei Sätzen abgehandelt.  

Fazit: Wenn alle Liebesgeschichten sprachlich, von der Figurenentwicklung und inhaltlich derart unschwülstig unromatisch und lebensrealistisch wie in der Qualität von Anne Tyler geschrieben werden würden, dann würde ich sagen, "Her damit! Ich will mehr."

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