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review 2019-04-03 17:14
[Rezension] Aaron Wahl - Ein Tor zu eurer Welt
Ein Tor zu eurer Welt: Wie ich als Autis... Ein Tor zu eurer Welt: Wie ich als Autist meine Gefühle lieben lernte Mit einem Vorwort von Tony Attwood - Aaron Wahl
Beschreibung:
Aaron ist zehn Jahre alt, als sein geliebter Großvater bei einem Autounfall ums Leben kommt. Ein Schock, ein Verlust, ein Grund zur Trauer. Doch während alle Menschen um ihn herum Tränen vergießen, ist der Junge wie versteinert. Er entwickelt eine Faszination fürs Weinen. Weil er es selber nicht kann. Therapeuten sollen ihn zum Reden und Fühlen bringen, doch die Auswege der Experten entpuppen sich als Sackgassen. Mit jeder Fehldiagnose verstummt Aaron mehr, mit jedem neuen Medikament entfernt er sich weiter von den spärlichen Überbleibseln seiner Gefühlswelt. Doch im Gegensatz zu den Ärzten gibt er sich nicht auf. Als Erwachsener spürt Aaron noch immer: Irgendwo unter der Taubheit brodelt es in ihm. Er fordert seine Gefühle bei Online-Rollenspielen, BDSM-Affären und Mutproben heraus. Als er schließlich doch die richtige Diagnose bekommt (Asperger-Autismus), hat er sein Schicksal bereits selbst in die Hand genommen. Er ist beim Angstlaufen den eigenen Dämonen davongerannt. Und er hat mithilfe eines speziellen Emotions-Trainings das geschafft, was er jahrelang nicht konnte: Weinen. Er ist in seinem zweiten Leben angekommen. 
 
Details:
Broschiert: 256 Seiten
Verlag: Knaur TB (1. April 2019)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3426790327
ISBN-13: 978-3426790328
Größe: 13,4 x 2,5 x 20,8 cm
 
Eigene Meinung:
Das Cover ist echt sehr schön geworden, die Farben passen gut zusammen und man erkennt auch die verschiedenen Welten, die Aaron Wahl zwischen sich und den Anderen sieht. 
Aaron Wahl schreibt über sein Leben und zwar über sein Leben als Asperger-Autist, der lange nicht erkannt wurde, aber seine Erfahrungen und Erlebnisse beeindrucken. Er schreibt mit einem tollen Tiefgang und wenn man auch an einigen Stellen mal schmunzeln muss, regt das Buch einem doch sehr zum Nachdenken an. 
Aaron Wahl hat einen langen Weg hinter sich, er wurde gemobbt, gehänselt, ausgeschlossen und als "anders" oder "abnorm" angesehen und nach vielen falschen oder fehlenden Diagnosen wurde bei ihm Asperger-Autismus im leichteren Spektrum diagnostiziert, eine Diagnose, die leider meist falsch gedeutet wird. Aber auch mit der Diagnose zu seiner Erkrankung wurde das Leben für Aaron Wahl nicht unbedingt einfacher, weil er wurde arbeitsunfähig und schwer krank erklärt, aber er gibt nie auf, weil er immer auf ein besseres Leben hofft und das auch geschafft hat, auch wenn es nie einfach war. 
Eigene Momente in dem Buch, die wirklich konkrete Situationen beschreiben, kamen einem sehr bekannt vor und das auch, wenn man nicht an Asperger-Autismus leidet, Aaron Wahl ist eben auch ein normaler Mensch, so sollte man ihn auch sehen. 
Interessant ist auch, das erfahren wir am Ende des Buches, dass Aaron Wahl in Hamburg PEM Autism - Autisten helfen Autisten gegründet hat, mit dem Verein versucht er, die besonderen Methode, die sich PEM nennt und eigentlich für Schauspieler ausgelegt ist, allen Autisten zugänglich zu machen. 
Besonders spannend fand ich das Kapitel, in dem Mitmenschen beschrieben haben, wie sie Aaron wahr nehmen und dann merkt man natürlich, dass sich die Gesellschaft nicht wirklich mit dem Thema auseinander setzen möchte und das ist schade, weil so wird es Menschen mit Krankheiten (egal welcher Art) noch schwerer gemacht. 
Der Schreibstil ist sehr angenehm zu lesen und das Buch liest sich flüssig runter, man bleibt auch an dem Buch hängen, weil man gerne wissen will, wie sich das Leben von Aaron Wahl entwickelt und was das Leben sonst noch für ihn bereit hält. Die Kapitel sind kurz und lesen sich wirklich gut und man durchlebt mit Aaron Wahl wirklich die ganze Gefühlspalette. Aber man merkt, dass er sich mit dem Leben, wie es ihn geschafft hat, abgefunden hat. 
 
Fazit:
Mit Ein Tor zu eurer Welt hat Aaron Wahl ein Buch geschaffen, dass nicht nur aufklärt über eine Diagnose, die meist verkannt wird, sondern er zeigt auch, dass das Leben mit Asperger-Autismus im leichteren Spektrum teilweise sehr schwer ist, aber wenn man sich mit der Diagnose und auch deren Möglichkeiten auseinander setzt, schafft an es, ein Leben zu führen, dass zwar anders erscheinen mag, aber in vielen Momenten gar nicht so anders ist. Ein sehr wichtiges Buch über eine Krankheit, die auch in der Gesellschaft meist noch falsch verstanden wird. 
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review 2018-12-13 19:23
Dem Blutrausch der Roten Khmer ausgeliefert
Der weite Weg der Hoffnung - Loung Ung

Mit diesem Buch habe ich meine A-Z Autorinnenchallenge abgeschlossen und ich habe es nicht bereut. Ursprünglich wollte ich ja ein anders lesen, aber das andere lässt sich auch hervorragend in die 2019er Eu-Autorinnenchallenge einbauen.

Dieses Werk habe ich gewählt, weil ein Lesefreund mich darauf aufmerksam gemacht hat und weil ich am Schauplatz der autobiografischen Geschichte überall im Jahr 2015 war: Killing Fields, Pnom Penh, Die Gefängnisse, Tonle Sap der Norden Kambodschas... Auch durfte ich einem anderen, sehr alten Überlebenden des Foltergefängnisses in Pnom Penh die Hand schütteln und ihm seine Biografie abkaufen.

Doch nun von der Motivation zum Werk selbst. Stilistisch ist es doch etwas verwirrend gestrickt, weil die Autorin Präsens und Ich-Form eines kleinen Mädchens, der Protagonistin, gewählt hat, die dann aber nicht immer authentisch kindgerecht sondern oft wie eine erwachsene Schriftstellerin formuliert. Bei jedem komplexen Wort - teilweise präsentiert die Autorin einen ausnehmend komplexen Sprachschatz - und bei den öfter eingestreuten Konjunktivsatzkonstruktionen hat es mich als Leserin geschüttelt, weil dieser Stil so ambivalent und definitiv verwirrend ist wenn so etws ein 5-9 jähriges Mädchen formuliert.

Trotz dieser zugegebenermaßen ernsteren stilistischen Mängel hat Luong Ung aber etwas Wichtiges zu erzählen. Die Geschichte der Familie ist herzzerreißend, im Wohlstand beginnend und anschließend geprägt von permanenter Flucht, Hunger, Krankheit und Tod, erst stirbt die die Schwester, dann werden Vater und Mutter von den Soldaten abgeholt und erschossen. Anschießend irren drei voneinander getrennte minderjährige Kinder durch die Lager, finden sich zufällig wieder und machen sich auf, ihre restlichen erwachsenen Geschwister zu suchen.

Auch die Beschreibungen der Landschaft, der Leute und der Situationen sind plastisch realistisch und eindrücklich, das kann die Luong Ung sehr gut. Pnom Penh war 2015 genauso, wie die Autorin die Stadt 1975 so anschaulich geschildert hat. Hat sich fast gar nix geändert, bis auf ein paar Hochhäuser als Hotels. Auch ein paar Gedenkstätten als Lager habe ich gesehen und darin natürlich auch die Zeitdokumente der Insassen. Diese stimmen mit meinen Eindrücken deckungsgleich überein.

Sas Thema der Kindersoldaten ist zudem ein spannender Aspekt in der Geschichte dieses Krieges der Roten Khmer gegen ihre eigene Bevölkerung. Auch wenn die Protagonistin als junges Mädchen zwar nicht authentisch formuliert, da sie in der Ich-Form von einem kleinen Mädchen gesprochen werden, findet das erwachsene Ich der Autorin aber dennoch sehr weise Worte, die sie kurz und knackig auf den Punkt bringt:
"Seine Regierung hat ein rachgieriges, blutdürstiges Volk geschaffen. Pol Pot hat aus mir ein kleines Mädchen gemacht, das töten will."

Eines sollte noch gesagt werden. Diese Familiengeschichte ist harter Tobak und nichts für zarte Gemüter, dennoch sollten wir auch auf einen solchen grausamen "Krieg" (eigentlich ja nur Konflikt in einem Land) hinschauen.

Fazit: Weil mir persönlich die Geschichte, die erzählt wird, immer wichtiger ist als die formale Struktur, bin ich über die Erzählkonstruktion sehr schnell hinweggekommen, und weil es  zudem an sprachlich ausgereiften Sätzen überhaupt nicht gemangelt hat. Deshalb vergebe ich 3,5+ Sterne, die ich leichten Herzens gerne auf 4 Sterne aufrunden möchte.

P.S.: Die Biografie ist 2017 von Angelina Jolie als Regisseurin verfilmt worden und war 2018 für den Auslandsoscar nomiert. Läuft bei uns in Österreich in den Programmkinos

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review 2018-10-30 03:54
Theresienstadt - Auschwitz - Gleiwitz - Stationen im Holocaust
Überleben: Der Gürtel des Walter Fantl - Gerhard Zeillinger

ücher über die Nazizeit finde ich extrem wichtig, und wenn sie dann auch noch gut sind, wie diese Biografie, dann halte ich sie für unverzichtbar. Ein Zitat aus Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Schatten des Windes zeigt genau, warum der Mensch immer und immer wieder das Grauen und die Fehler unserer Vergangenheit reflektieren sollte.

 

„Es ist wie die Gezeiten, wissen Sie“, sagte er.
„Die Barbarei,“ meine ich.
„Sie zieht ab, und man hält sich für gerettet, aber sie kommt immer wieder zurück.“

 

Heuer habe ich zudem auch noch gehört, dass solche unfassbaren Barbareien erst wieder möglich sind, wenn die letzten Zeitzeugen gestorben sind, keiner mehr davon erzählt und/oder die Verbrechen gleich verdrängt wurden. Deshalb ist es auch so essentiell, sich die Geschichte eines der letzten österreichischen Zeitzeugen der Vernichtungslager, Walter Fantl, genau anzusehen und sie zu lesen.

 

Innovativ an dieser Biografie ist zudem, dass sie nicht ein Schriftsteller oder der Biografierte selber niedergeschrieben hat, sondern ein anerkannter Historiker, Gerhard Zeillinger, auf Basis von Interviews und Tonbandaufzeichnungen. Dieser abgeklärte Historikerstil in Darstellung und Sprache gibt dem Werk einen neutralen, umfassenden, ausgezeichneten Einblick in die historischen Ereignisse des Lebens von Walter Fantl und schafft Distanz zum Biografierten. Am Anfang habe ich diese Distanz noch als unnötig und störend erachtet, denn ich war die emotionale Achterbahnfahrt von anderen Werken gewohnt. Nach und nach aber, als die Stationen von Theresienstadt über Auschwitz folgten, konnte ich erstens diesen Abstand genießen und zweitens neue Aspekte entdecken, die ich schon mehrmals zum Beispiel bei David Saffier als Andeutung in seinem Roman 24 Tage lang gefunden habe: Vor allem sehr junge Leute mit noch ausreichenden Perspektiven haben durchaus nicht nur gelitten in den Lagern, sie haben sich, sofern es in der Situation nicht nur ums nackte Überleben ging, auch mal verliebt und sich wohlgefühlt, gestritten, genossen und andere Sachen gemacht, die ein Mensch auch in ganz normalen Lebenssituationen erlebt.

 

Die Biografie beginnt in Niederösterreich mit dem Umschwung der Stimmung auf dem Land. Der ganz normale schleichende Wahnsinn in Nazibösterreich: Die bisherigen besten Freunde und Nachbarn entpuppen sich nach dem Anschluss als lang gediente Mitglieder der NSDAP. Sie wollen der Familie Fantl als einzige Juden im Dorf zwar nicht persönlich total schaden (man ist ja seit Jahrzehnten befreundet), aber da Juden prinzipiell Ratten sind, entspricht man natürlich der politischen Linie. Tagsüber mobbt man den Freund und Nachbarn und macht ihn gemäß dem System ein bisschen fertig, nachts wirft man ihm als Gegenleistung heimlich Lebensmittel über den Zaun. Weiter geht es mit dem Arisierungsverfahren von Vater Fantls Geschäft und mit dem anschließenden Leben in der Wiener jüdischen Community. Kaum jemand kann sich in diesen Jahren vorstellen, dass die Lage so ernst werden würde. Zudem wurden die Geschäftsinhaber so gering entschädigt, dass sie sich eine Auswanderung nicht unbedingt leisten konnten. Als dann die Situation eskalierte, waren die Quoten der Zielländer ausgeschöpft und die bürokratischen Hürden für die Diaspora schon so hoch, dass nur mehr wirklich reiche Familien dem Holocaust entrinnen konnten.

 

Nach der Deportation nach Theresienstadt (Tschechien) lebt und liebt Walter Fantl sogar recht glücklich im jüdischen Ghetto. Dort wird sogar etwas ähnliches wie normales Leben geschildert mit Kunstveranstaltungen, Kaffeehaus und Geschäften. Zeillinger definiert aber ganz klar, sachlich und deutlich, wie sich die kasernierten Juden diesen Selbstbetrug und diese Groteske konzipieren, während bei den älteren Personen im Ghetto – respektive auch bei Verwandten – gestorben wird wie die Fliegen.

 

Nach der erneuten Deportation in den Osten nach Auschwitz und Gleiwitz war ich dann unendlich dankbar für diese historische Distanz, die mir Gerhard Zeillinger offeriert hat, denn so konnte ich dennoch das unglaubliche Leid rezipieren, aber auch die Systematik der Vernichtung besser überdenken und zudem war auch noch thematisch Raum für Arbeiter im Lager Gleiwitz, die sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten anständig gegenüber den Juden verhalten haben und sogar verbotenerweise ihre Rationen mit ihnen teilten.

 

Die Biografie endet übrigens nicht mit der Befreiung von Auschwitz und Gleiwitz, sondern thematisiert in einem sehr spannenden Kapitel auch noch die Monate und Jahre nach der Befreiung, als Walter Fantl mit seinen Freunden zuerst befreit in Polen zwischen den Kriegszonen herummarodierte, teilweise auch an der Bevölkerung Vergeltung übte, in Wien ankam und sich total verloren fühlte, freiwillig ins Ghetto Theresienstadt zurückkehrte und einfach nicht mehr wusste, wo er ankern sollte. Zudem waren die befreiten Juden eigentlich nirgends willkommen, seine Freunde wanderten nach Palästina und Amerika aus. Die Geschichte schließt, als Walter endgültig nach Wien aufbricht und beschreibt in einem Nachwort noch das Schicksal der Gruppe der überlebenden Freunde bis zum heutigen Tag.

 

Was mir zudem noch sehr positiv an diesem Werk aufgefallen ist: Viele Biografien haben immer in der Mitte so einen unnötigen Bilderbuchteil in dem alle Bilder auf mehreren Seiten zusammengefasst und -gepfercht sind. Mich stört das immer extrem, denn eigentlich würde ich das Bild gleich während der Erwähnung im Text brauchen, die Bilderflut in der Mitte anzuschauen, ist dann auch irgendwie mühsam. Diese Biografie setzt ihre Bilder punktgenau im Text, wenn das Ereignis erwähnt wird. Auch wenn das vom Druckverfahren her möglicherweise aufwändiger und teurer ist, ist das ein großartiges Service am Leser.

 

Fazit: Unbedingt lesen! Mehr kann ich dazu nicht sagen.

 

P.S.:  Ach ja! Warum heißt der Untertitel Der Gürtel des Walter Fantl? Weil Walter alles abgenommen wurde: Wertsachen, Schuhe, Kleidung … – bis auf diesen Gürtel – der war ein unbedingtes Überlebenssymbol und wurde nicht mal für Nahrung eingetauscht.

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review 2018-09-18 10:21
Wie viel Sympathie ist erlaubt?
Der goldene Handschuh - Heinz Strunk

„Der goldene Handschuh“ ist ein Tatsachenroman des Autors Heinz Strunk, der den Serienmörder Fritz Honka in den Mittelpunkt stellt. Honka war in den 1970er Jahren in Hamburg aktiv und ermordete mindestens vier Frauen, deren Leichen durch Zufall entdeckt wurden. Seine Opfer waren gescheiterte Existenzen ohne soziales Netz, weshalb niemand sie als vermisst meldete. Honka gabelte sie in den übelsten Kneipen im Bezirk St. Pauli auf, darunter auch das Lokal „Zum goldenen Handschuh“. Er wurde im Juli 1975 verhaftet und im Dezember 1976 zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren verurteilt. Das Gericht ordnete eine Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik aufgrund verminderter Schuldfähigkeit an. Er starb 1998. Zu Recherchezwecken erhielt Strunk Einsicht in Honkas Prozessakten, die bis dahin verschlossen im Hamburger Staatsarchiv lagerten. Der daraus entstandene Roman ist eine von Kritikern gelobte Milieustudie, die mir von einem Kollegen empfohlen und ausgeborgt wurde.

 

Fritz Honka ist ein Frauenmörder. Innerlich verkommen und äußerlich entstellt, findet er seine Opfer am untersten Bodensatz der Gesellschaft. Er ist ein Verlierer, der von einem besseren Leben träumt und seinen verstörenden Fantasien nicht entkommen kann. Er weiß, er ist ein Säufer, ein bedauernswerter Tropf, eine Niete. Doch Frauen lassen sich selbst für einen wie ihn auftreiben. Die Verlorenen. Die Verzweifelten. Diejenigen, die längst nicht mehr auf bessere Tage hoffen. In der Hamburger Kneipe „Zum goldenen Handschuh“ geht Honka auf die Jagd. Dort kreuzen sich die Wege aller sozialen Klassen. Arm und Reich trinken Schulter an Schulter, Jung und Alt begegnen sich in den ranzigen Schatten der schäbigen Kaschemme. Im „Handschuh“ ist das Elend zu Hause. Und es ist kein Privileg der Unterschicht.

 

„Der goldene Handschuh“ ist ein literarisches Experiment, dessen zweifelhafter Reiz meiner Meinung nach in der starken, unerwarteten Bindung an den tragischen, grenzwertigen Protagonisten liegt. Heinz Strunk porträtiert Fritz Honka, genannt Fiete, als ganz und gar abstoßenden Mann mit widerlichen Neigungen und Fantasien, der von Beginn an zu Grausamkeiten gegenüber Frauen tendiert. Er ist Alkoholiker und ein Sozialversager, wie er im Buche steht. Sein Umfeld ist ebenso degeneriert wie er selbst, seine Stammkneipe „Zum goldenen Handschuh“ ein Moloch menschlichen Elends und Scheiterns. Der Vorhof zur Hölle. Dort ist mal jemand auf einem Barhocker gestorben und niemand hat es gemerkt. So weit, so scheußlich. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie entsetzt ich war, als ich beobachtete, dass Fritz Honka an meinem Herzen zupfte. Ich hatte Mitleid mit ihm! Heinz Strunk nötigte mir Mitgefühl für einen brutalen, ekelhaften Frauenmörder auf! Ich musste feststellen, dass mich die Charakterisierung seines Protagonisten als jämmerliches Würstchen keineswegs kaltließ. Schriftstellerisch ist das ein beeindruckender Geniestreich. Ich drückte Honka während seines Versuchs, vom Alkohol loszukommen, die Daumen und als das nicht funktionierte, erwischte ich mich dabei, auf irgendein Erfolgserlebnis für ihn zu hoffen, sei es nun eine heiße Nacht mit der Putzfrau seiner Arbeitsstelle oder die Verwirklichung seiner abartigen Fantasie von zwei Frauen. Ich wünschte ihm Glück, ich wünschte ihm Befriedigung, obwohl er es nicht verdiente. Ich erforschte meine Emotionen und fand eine erschreckende Bereitschaft, mich auf Honka einzulassen. „Der goldene Handschuh“ ist ein provokantes Buch, weil Heinz Strunk darin die Beziehung zwischen Leser_in und Protagonist ungeniert in Frage stellt. Wie weit darf Sympathie gehen? Für mich ergab die Lektüre, dass meine persönliche Schmerzgrenze sehr hoch angesetzt ist. Ich habe durch diesen Roman etwas über mich selbst gelernt: meine Fähigkeit, Mitleid zu empfinden, wird durch drastische, schockierende Schilderungen nicht beeinträchtigt. Die Hauptfigur kann abscheulich wie Fritz Honka sein, drückt der Autor oder die Autorin geschickt meine Knöpfe, kann ich trotzdem mit ihr fühlen. Heinz Strunk gelang dieses Kunststück, weil er sich auf jeder Seite des Romans um Authentizität bemüht. Ich fühlte mich nicht manipuliert, ich sah der ehrlichen Realität der Hamburger Kneipenszene der 70er Jahre ins Auge, die Strunk durch einen direkten, unzensierten Schreibstil illustriert. Der „Handschuh“ ist ein Schmelztiegel, ein Knotenpunkt, den man vielleicht als deprimierendes Wartezimmer für Suchende beschreiben kann. Was die einzelnen Akteure in der Kaschemme suchen, ist natürlich sehr unterschiedlich: Ablenkung, Zuflucht, ein Bett für die Nacht, ein wenig Gesellschaft. Daher überraschte es mich nicht, dass fast alle auftretenden Figuren, auch diejenigen, die standesgemäß weit über so einer Kneipe rangieren, irgendwann dort aufschlagen. Am Rande der Gesellschaft ist eben immer Platz. Um es mit Tolstoi zu sagen: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich“.

 

„Der goldene Handschuh“ ist ohne Zweifel ein interessantes Buch, weil es Leser_innen herausfordert und sie vor die Frage stellt, wie viel Zuneigung sie sich für einen verabscheuungswürdigen Protagonisten erlauben. Es ist eine ungeschminkte Milieustudie, die den Mikrokosmos der Hamburger Kneipen im Dunstkreis der Reeperbahn in all seiner Hässlichkeit abbildet. Nicht schön anzuschauen, aber ehrlich und echt. Intellektuell schätze ich sehr, was Heinz Strunk mit diesem Roman zu demonstrieren versucht, ich kann jedoch nicht behaupten, dass mir die Lektüre Freude bereitet hätte. Obwohl sich beim Lesen eine gewisse Faszination des Grauens einstellte, empfand ich das Buch insgesamt als zu trostlos. Daher empfehle ich „Der goldene Handschuh“ an experimentierfreudige Leser_innen, die sich gern selbst beobachten und nicht allzu zart besaitet sind. Betrachtet es als mentale Übung, um eure eigenen Grenzen auszuloten.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2018/09/18/heinz-strunk-der-goldene-handschuh
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review 2018-08-15 11:21
Willkommen bei der skurrilsten Selbsthilfegruppe der Welt
We Are All Completely Fine - Daryl Gregory

„We Are All Completely Fine“ von Daryl Gregory hat eine interessante Entstehungsgeschichte. Es erschien 2014, ein Jahr, bevor Gregory den lovecraftischen Horror-SciFi-Fantasy-Young Adult-Roman „Harrison Squared“ veröffentlichte. Diese Veröffentlichungsreihenfolge entspricht allerdings nicht der Reihenfolge, in der Gregory die Bücher geschrieben hat. „We Are All Completely Fine“ entstand nach „Harrison Squared“ und hätte ohne den YA-Roman wohl nie das Licht der Welt erblickt. In diesem geht es um den jungen Harrison, der seine Stadt Dunnsmouth vor einer Monsterinvasion retten muss. Nachdem er diese Geschichte abgeschlossen hatte, fragte sich Gregory, welche Konsequenzen sie für seinen Protagonisten haben könnte. Wie schlüge sich Harrison als Erwachsener? Garantiert wäre er traumatisiert, müsste Psychopharmaka schlucken und eine Therapie absolvieren. Was wäre, wenn es allen Held_innen von Monster- und Horrorgeschichten so erginge? Was wäre, wenn sie einmal die Woche zusammenfinden würden – in einer Selbsthilfegruppe?

 

Wir treffen uns einmal die Woche: Harrison, Barbara, Stan, Martin, Greta und die Leiterin unserer Gruppe, Dr. Jan Sayer. Wir alle haben Schreckliches erlebt. Wir tragen Wunden, Narben und unser ganz privates Trauma mit uns herum. Niemand glaubte uns. Man erklärte uns für verrückt, geistesgestört, psychotisch. Erst Dr. Jan hörte uns zu und gab uns einen sicheren Ort, um über unsere Erfahrungen zu sprechen. Wir sind die exklusivste Selbsthilfegruppe der Welt. Wir wurden vom Unnatürlichen berührt. All die Menschen, die an unseren Geschichten zweifeln, sollten sich eins fragen: was wäre, wenn sie wahr sind?

 

Ich liebe Autor_innen, die den Mut aufbringen, eine völlig absurde Geschichte lässig zu erzählen und ihre Leser_innen im Brustton der Überzeugung vor vollendete Tatsachen zu stellen. Mit „We Are All Completely Fine“ sucht Daryl Gregory die Konfrontation mit seinem Publikum. Er präsentiert eine komplett abgedrehte Szenerie und überlässt es seinen Leser_innen, aus den Fakten eine kohärente Geschichte zu formen. Er schubste mich in die Handlung hinein und erwartete von mir, mich selbst zurechtzufinden. Er hielt es nicht für nötig, irgendetwas zu erklären – er stellte die Weichen, damit ich selbst Erklärungen finden konnte. Ich hatte keinerlei Schwierigkeiten, mich auf dieses Konzept einzulassen. Ich fand es toll, dass Gregory durch seine selbstverständliche, entschiedene Zurückhaltung immensen gedanklichen und emotionalen Spielraum ermöglichte. Er zwang mir nichts auf, keine Schlussfolgerungen, keine Interpretationen. Er ließ mich einfach machen. Ich konnte vollkommen selbstbestimmt, ja geradezu emanzipiert lesen und die Handlung von „We Are All Completely Fine“ erleben, wie es mir passte. Und die hat es in sich, eine stimulierende Mischung aus oberflächlichem Wahnsinn und nachdenklicher Tiefe. Im Mittelpunkt stehen die Biografien von sechs Menschen, die ihre Begegnungen mit dem erschreckenden Unnatürlichen traumatisiert überlebten und nun versuchen, ihre Traumata durch eine Selbsthilfegruppe zu überwinden. Ich musste mich unwillkürlich fragen, was es hieße, hätten all die Menschen, die behaupten, Kontakt mit dem Übernatürlichen, Fantastischen und Überirdischen gehabt zu haben, keine Wahnvorstellungen. Angenommen, sie sagten die Wahrheit, wurden wirklich von Außerirdischen entführt oder von Monstern verfolgt – was bedeutete das für unsere Wahrnehmung der Realität? Die unfreiwillige Korrektur ihres Weltbildes spielt im Aufarbeitungsprozess der Figuren eine fundamentale Rolle. Sie müssen nicht nur verkraften, was sie physisch durchlitten, sie müssen auch lernen, diese neue, alternative Wirklichkeit zu akzeptieren. Dabei gehen sie ganz unterschiedlich vor. Obwohl sie alle auf ähnlich verstörende Erfahrungen zurückblicken, verarbeiten sie ihre Erlebnisse äußerst individuell. Ich kann mir bildlich vorstellen, wie viel diebische Freude es Daryl Gregory bereitet haben muss, diese sehr verschiedenen Persönlichkeiten in einen Raum zu sperren und sie zur Interaktion zu zwingen. Die Selbsthilfegruppe ist ein Experiment, sowohl für den Autor, als auch für die Figuren, die passend zu ihren Charakteren mal mehr, mal weniger bereit sind, ihre Geschichten preiszugeben. Gregory beweist erneut vornehme Zurückhaltung und nötigt sie nicht, mehr zu erzählen, als sie möchten. Er offenbart nichts, was sie nicht selbst berichten, wodurch es für mich umso spannender war, ihre Biografien langsam und Stück für Stück ans Licht zu bringen. Ich hatte das Gefühl, dass er sich in der Rolle des Erzählers stark mit der Gruppe identifiziert, ein Eindruck, der durch seinen ungewöhnlichen Erzählstil unterstützt wurde. Der Erzähler spricht von sich oft als Teil der Gruppe, bleibt die ganze Handlung über jedoch anonym und taucht in den Sitzungsbeschreibungen nicht auf. Aber wenn er teilnimmt, ohne physisch anwesend zu sein, wer erzählt dann da eigentlich? Daryl Gregory beantwortete diese Frage in einem Interview – ich werde euch die Antwort allerdings nicht verraten. Wo bliebe sonst der Spaß? ;-)

 

„We Are All Completely Fine“ ist ein köstliches Vergnügen, voller Wahnsinn, Absurdität und philosophischem Surrealismus. Die Lektüre erfordert einen wachen, aufgeschlossenen Geist und die Bereitschaft, ein unkonventionelles Experiment zu wagen, ohne jede Kleinigkeit zu hinterfragen und auf explizite Erklärungen zu warten. Ich warne euch, es wird seltsam, fantastisch, abgefahren und manchmal sogar ein bisschen beängstigend. Daryl Gregory mag es extrem und schreckt vor Brutalität nicht zurück. Der Trick ist, hinter die schrillen, nervenaufreibenden Szenen zu blicken und auf die Bedeutung der stillen, nachdenklichen Momente zu achten. Wer sich auf diese Herangehensweise einlassen kann, wird ein einzigartiges Abenteuer erleben – mit der skurrilsten Selbsthilfegruppe aller Zeiten.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2018/08/15/daryl-gregory-we-are-all-completely-fine
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