logo
Wrong email address or username
Wrong email address or username
Incorrect verification code
back to top
Search tags: biografie
Load new posts () and activity
Like Reblog Comment
show activity (+)
review 2020-06-04 17:02
Handlungsstränge völlig losgelöst und in Quarantäne
Was wir voneinander wissen - Jessie Greengrass

So überhaupt nicht erfreut war ich von diesem durch renommierte britische Literaturpreise ausgezeichneten Werk. In all den Szenen, Geschichten, Zeilen und Seiten verspürte ich nicht mal irgendwie und zu irgendeinem Zeitpunkt annähernd einen Funken von lauwarm. Für mich fehlten der Flow, der Zusammenhang der stilistischen Mittel und die Konsistenz des Romans.

Dabei sind das Hauptthema und der Haupterzählungsstrang der Geschichte doch ganz mein Metier. Eine verkopfte, überanalytische und -ängstliche Protagonistin erzählt ziemlich detailliert von ihren Sorgen, Phobien und auch in Rückblenden von ihrem Leben. Das sind normalerweise Geschichten, die ich sehr mag, aber diese war in der Umsetzung einfach für mich überhaupt nicht adäquat.

 

 

Das beginnt damit, dass die zu Beginn von der Autorin präsentierte Sprachfabulierkunst und einfühlsame Beschreibung von Ereignissen mit jeder weiteren Seite so exzessiv und inflationär zelebriert werden, dass sie für mich in eine richtiggehende Überperformance im Methaphernschwängern der Szenen ausartet. Zuviel Blumiges und mit unzähligen Adjektiven Beschreibendes ist eine stilistische Überdosis, die ein gut gewürztes Werk ins Giftige abgleiten lässt. (Huch jetzt habe ichs auch gerade getan )

 

Zurück zur Handlung: Die Hauptdarstellerin hat Angst, ihren Kinderwunsch zu verwirklichen und erinnert sich an den tragischen Tod ihrer Mutter, der in einer gut geschilderten Sterbeszene beschrieben wird. Zudem existiert – völlig von der Handlung losgekoppelt – der Biografie-Erzählstrang des Wissenschaftlers Röntgen, der überhaupt keinen Bezug zur eigentlichen Story aufweist, er wirkt wie ein unangenehmer Fremdkörper im Buch. Bevor die Leserschaft schon fast das ganze Leben von Röntgen erfahren hat, kommt kein irgendwie gearteter Konnex zwischen der Protagonistin und der Biografie des Wissenschaftlers auf. Erst auf Seite 61 wird erstmals erwähnt, was die Autorin uns offenbar mit diesem extrem schwachen Bezug sagen will. Die Ich-Erzählerin hat vor einem MRT Panik und lenkt sich mit dem Lesen der Geschichte von Röntgen vor dieser Angst ab. Das war es aber schon mit den Wissenschaftsbezügen zur Protagonistin, der erste eingestreute Handlungsstrang ist so steif wie die geröntgten Knochen. (uups I did it again)

 

Im zweiten Teil der Rückblenden mit einer weiteren drübergestreuselten Lebensgeschichte von Sigmund Freud bleibt diese wieder ein Fremdkörper im Roman. Zugegeben, die Beziehung von Freud zu seiner Tochter Anna könnte marginal etwas mit der Familiengeschichte der Hauptfigur zu tun haben, aber die Gemeinsamkeiten werden nur nebeneinandergestellt, weder verzahnt noch in Bezug zueinander gesetzt. Nie reflektiert die Autorin, was ihre eingefügten Biografien denn so mit den geschilderten Figuren zu tun haben könnten. Den Kontext muss sich der Leser selbst aus den Fingern saugen. Das irritierte mich zunehmend, denn ich habe Probleme damit, wenn ich mir aus unzusammenhängenden Versatzstücken selbst eine Geschichte zusammenbasteln muss. Das ist für mich Aufgabe des Autors und Erzählers und kann zumindest für mich, als literarische Realistin, nicht komplett an die Leserschaft outgesourct werden. Mitdenken ja, aber nicht ohne jeden Hinweis. Denn dann bleiben die servierten Häppchen total unverbunden.

 

Was ich mir letztendlich zusammengereimt habe, ist folgendes: Die selbstbestimmte autonome Mutter-Kind-Beziehung seitens des Kindes, wie sie in der Familie der Ich-Erzählerin gelebt und in Rückblenden geschildert wird, steht im Gegensatz zur symbiotischen Eltern-Kind-Beziehung, die Freud zu seiner Tochter Anna pflegte und die die Entwicklung von Anna Freud zu einer selbständigen Persönlichkeit verhinderte. Die Protagonistin sorgt sich neben all ihren anderen Ängsten um die Erziehung ihrer Tochter und schildert ihre Probleme mit dem Loslassen des Kleinkindes, um ihm die in der Familie übliche Autonomie einzuräumen. Dieses Thema wird auch in der Psychologie und in der Pädagogik kontrovers diskutiert, vor allem heutzutage in der Ausprägung Helikoptereltern. Doch ich habe nicht mal den Hauch eines Fingerzeigs, ob ich richtig liege, denn die Autorin versagt mir ja sogar den Hinweis, ob die Großmutter der Protagonistin als Psychotherapeutin den Theorien Freuds, Jungs oder einer anderen Schule folgte. Aber wie gesagt, ich habe keine Ahnung, ob ich auf der richtigen Spur bin.

 

Im dritten Abschnitt ist die Hauptfigur erneut schwanger und leidet sehr unter den körperlichen Einschränkungen. Die analoge Wissenschaftsbiografie dazu ist jene der Anatomen und Gebrüder Hunter. Es tut mir leid, aber in diesem Teil des Romans hatte ich dann schon die Lust verloren, mir irgendeinen Bezug zum Leben der Protagonistin an den Haaren herbeizuziehen, aus den Fingern zu saugen und zusammenzufantasieren.

 

Versteht mich nicht falsch, das Leben einer Familie zu zeigen und dann in Einschüben von Wissenschaftlerbiografien darzulegen, was die Protagonisten von den berühmten Intellektuellen, ihren Thesen und ihrem Leben lernen können, fände ich ein äußerst charmantes Konzept, inhaltlich wie stilistisch. Eigentlich war das auch exakt jener Roman, den ich beim Lesen des Klappentextes erwartet hätte. Wenn in der Geschichte aber keine Brücke und keine Verbindung zwischen den Handlungssträngen, zwischen Wissenschaft und Fiktion geschlagen werden, bleibt das Ganze sinn- und leblos – nebeneinander gereihte, sich nicht tangierende Fremdkörper oder eben auch zwei getrennt voneinander erzählte Geschichten, die in einem Buch einfach nicht zusammenpassen. Und das war dann lesetechnisch und auch intellektuell extrem unbefriedigend für mich.

 

Fazit: Überhaupt nicht mein Roman!

Like Reblog Comment
show activity (+)
review 2020-02-03 07:18
Sehr gut erzählter Fall
3096 Tage - Natascha Kampusch

Wie Ihr wisst, und wie ich schon öfter dargelegt habe, interessiere ich mich für solche Themen nicht aus Sensationsgier, sondern aus einer pschologischen Sicht. Wenn Aufregerbücher dieser Art auf den Markt kommen, lasse ich mir auch immer Zeit mit dem Lesen, bis der Hype und der Skandal bezüglich solcher Werke in der Öffentlichkeit abgeebt ist, um das Buch abseits der Sensation und der Diskussion darüber einfach so zu bewerten, wie es ist. Das ist nun bei <i>3096 Tage</i> sehr gut möglich. Weiters habe ich das Buch als Einstimmung zu Natascha Kampuschs neuestem Werk <i> Cyberneider</i> gelesen, um die Autorin auch kennenzulernen. Die Rezension zu <i>Cyberneider</i> geht übrigens Anfang Februar online.

Was schon auf den ersten Seiten von <i>3096 Tage </i> ins Auge springt, ist der Umstand, dass sich Kampusch mit der Formulierung ihrer Biografie von der Journalistin Corinna Milborn und Heike Gronemeier hat helfen lassen. So etwas finde ich eine ausgezeichnete Idee, vor allem auch die Wahl ihrer Helferinnen wurde exzellent ausgeführt und sticht angenehm hervor im Meer der prominenten Dilettanten, die sich Ihr Buch entweder so schlecht und recht selber schreiben oder einen Journalisten beauftragen, der auch nicht strukturiert schreiben und gut formulieren kann.

In diesem Fall wird das Werk tatsächlich sprachlich zu einem Gedicht. Alleine wie die Vorstadt von Wien und die Siedlung am Rennbahnweg beschrieben wird, das ist so gut und lyrisch, als obs aus einem Roman wär.

Inhaltlich habe ich wirklich detailliert erfahren, was ich alles wissen wollte und auch in einem Stil, der für mich sehr adäquat war. In keiner Situation oder Beschreibung wirkt diese Biografie aus der  Sicht des Opfers larmoyant oder selbstmitleidig, im Gegenteil, Kampusch versucht wirklich alles möglichst sachlich und abgekoppelt von ihren derzeitigen Emotionen zu beschreiben, obwohl sie ihre eigenen Gefühle zum Zeitpunkt des Kerkers der Leserschaft schon vermittelt, aber eben sehr analytisch. Manchmal übertreibt sie auch ihren Beobachtungsposten auf sich selbst und wirkt teilweise wie ihre eigene Psychiaterin, die mit dem dementsprechenden ganz schön komplexen psychoanalytischen Fachvokabular um sich wirft, das sie sich nach ihrer Befreiung offenbar angeeignet hat, um zumindest intellektuell zu verstehen, was in der Welt des Täters eigentlich vorgegangen ist. Das klingt dann für die Leser bei all den recherchierten Fachbegriffen und psychischen Mustern manchmal etwas zu überkandidelt, aber ist eben auch eine sehr interessante Bewältigungsstrategie von Kampusch, das völlig Unverständliche irgendwie zumindest psychiatrisch zugänglich zu machen und zumindest ein bisschen zu erklären. Bei all dem bleibt sie aber authentisch und sie selbst - nicht als gefangenes kleines Mädchen und als Opfer, sondern als erwachsene reflektierte und distanzierte Frau, die ihre Lebensgeschichte Revue passieren lässt.

Im Detail ist die Täteranalyse, die dabei zustandekommt, richtig brilliant, aber auch die Überlebens- und Gegenstrategien von Kampusch sind sehr interessant zu lesen. Ein paar Mal entstehen Redundanzen im Werk, zum Beispiel, wenn sich Kampusch von der Öffentlichkeit nicht zum Opfer mit Stockholmsyndrom machen lassen will. Alle Redundanzen, die mir aufgefallen sind, waren aber eher ein Mantra für sich selbst, der unbelehrbaren Öffentlichkeit mehrmals zu versichern, wie Kampusch gewisse Situationen interpretiert haben möchte. Oft wurde ihr von der Journaille nämlich nicht zugehört und wie wild sensationsgeiler Schwachsinn spekuliert, was teilweise sogar bis in die Gegenwart anhält, deshalb muss sie das eben mehrmals richtigstellen.

Auch die von der Presse in den Dreck gezogene Beziehung zu ihren Eltern wird genau definiert und ehrlich mit den Problemen aber auch mit viel Liebe und Verständnis analysiert- so wie viele Kinder hatte Kampusch präpubertäre Ablösungstendenzen von der Mutter und gröbere Probleme mit der Scheidung ihrer Eltern.

<b>Fazit:</b> Chapeau, Frau Kampusch, für dieses Buch, es ist sehr gut erzählt und sticht auch qualtitativ hervor, Respekt vor Ihrer Person, Ihrer Geschichte und wie Sie damit umgegangen sind.

Like Reblog Comment
show activity (+)
review 2019-11-29 21:50
Wisława Szymborska i Stanisław Barańczak. Korespondencja
Inne pozytywne uczucia też wchodzą w grę. Korespondencja 1972-2011 - Wisława Szymborska,Stanisław Barańczak

Gwiazdki za treść, to oczywiste. Ale w równym stopniu za opracowanie edytorskie. Mistrzowskie.

Like Reblog Comment
show activity (+)
review 2019-09-25 09:56
Buch schlägt Film klar
Ich bin dann mal weg - Hape Kerkeling

Book2moviechallenge 2 Kategorien: Komödie bzw. Verfilmung eines Sachbuchs
Ist schon sehr kurios, was alles passiert, wenn der Fokus der eigenen Wahrnehmung auf die Absolvierung meiner Book2moviechallenge liegt, ich seit 2 Monaten verzweifelt in den Bücherstapeln in meiner Wohnung herumwühle, um endlich mein Exemplar von Persepolis zu finden, und dann völlig unvermutet und plötzlich des Nächtens beim Zappen durch die Programme, letzten Samstag, als ich nicht schlafen konnte, mir die Verfilmung eines Sachbuchs - so eine Kategorie hätte ich nie konzipiert - per Zufall ins Auge springt.

Ich war natürlich sofort angefixt und hab mir den Film reingezogen. Und auch überlegt, die Kategorie der Verfilmung von Persepolis - graphic novel - mit dieser Rezension zu tauschen. Dies ist aber nicht mehr notwendig, denn ich habe 5 Minuten vor Verfassung dieser Rezension endlich Persepolis gefunden. Hinter 2 Reihen von meinen Business Büchern versteckte sich im Büroschrank noch eine Reihe von Büchern, die ich zur reinen Freude lese, ich hatte total vergessen, dass ich sie aus Platzmangel mal dort "sorgfältig" deponiert hatte. Passiert Euch das auch öfter? Etwas extra irgendwo gaaanz sicher abzulegen und dann den Ort total zu verdrängen. Ich glaube, das ist mein Talent und mein primärer Charakterzug zur Unordnung, den ich beruflich immer konsequent und total brutal unterdrücke (ich prokastiniere nie länger als einen Tag, schreibe täglich Listen und arbeite sonst auch völlig überstrukturiert). Dieser prinzipielle Wesenszug muss aber offensichtlich ab und an hervorbrechen und spielt mir dann solche gemeinen Schnippchen. Aber genug des privaten Geplauders, kommen wir zu meinem Book2movievergleich.

Buch: ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ Sterne:
ich lasse meine ursprüngliche Rezension von 2010 auf jeden Fall in den Grundfesten genauso stehen, wie sie erstellt wurde, werde sie aber um filmvergleichsrelevante Szenen, die ich selbstverständlich nachgelesen habe, ergänzen.

Meine Begeisterung ist sehr gross, denn nicht der lustige, berühmte Komiker HAPE ist hier auf dem Weg zur Selbsterkenntnis, sondern der einfache Deutsche Hans-Peter, der auf dem Camino genauso schwitzt, leidet, stinkt, nörgelt, hungert, dürstet .. wie alle anderen Pilger auch und dies in seinem Tagebuch sehr detailliert und selbstkritisch aufgezeichnet hat. Sicherlich kommt ihm gelegentlich seine Berühmtheit und sein Werdegang in die Quere, aber dies sind nur ganz kurze Episoden, die sehr wenig mit der Grundaussage des Buches, wie man ernsthaft in solch einer Qual zu sich selbst finden kann, zu tun haben. Die Erlebnisse sind sehr berührend und reichen von netten, kuriosen bis unangenehmen Wandergesellen über wunderschöne Landschafts- und Innenlebenbeschreibungen bis hin zum Finden von wahren Freunden.

Für mich war das Buch auch eine Reise in meine Kindheit, denn plötzlich wurden Bilder und Erinnerungen von Orten, Stimmungen und Landschaften in mir wieder wach, die ich erlebt habe als ich mit (11 1/2 once e media) mit meinem angeheirateten galizischen Onkel just diesen Weg entlanggefahren bin (gottseidank mit dem Auto :D).

Fazit: Lesenswert auch sprachlich sehr ansprechend.

Film: ⭐️⭐️⭐️,5 Sterne

Schon in der ersten Szene war ich schlichtweg konsterniert. Wie kann in einem Film, in dem es ausschließlich um den prominenten Hans-Peter Kerkeling geht, Hape Kerkeling nicht mitspielen, wenn er schon in einigen anderen Filmen sein Talent als Schauspieler hinlänglich bewiesen hat. Klar, vielleicht wollte er auch Jahre nach seiner Buchveröffentlichung zum Zeitpunkt der Verfilmung nicht mehr so ins Rampenlicht, aus dem er sich nach seiner Zweitkarriere als Schriftsteller doch recht konsequent zurückgezogen hat. Vielleicht will er überhaupt nicht mehr vor den Vorhang im stressigen Unterhaltungsfach, weil er kürzer treten musste und nur noch im Hintergrund agierend die Geschichten schreiben. Oder möglicherweise wollte er sich seine persönlichen Erfahrungen auf dem Camino nicht durch die erneute Frequentierung der Locations bei den Filmaufnahmen zerstören.... meine Spekulaitonen sind sehr vielfältig, aber irrelevant.

ABER: Wenn das Casting Team schon ein Rollenmodell finden muss, WIESO dann einen Schauspieler, der so gut wie gar nix mit Herrn Kerkeling gemein hat (bis auf die blonden Haare) und sich nicht mal die Mühe gemacht hat, die Mimik und Gestik des Originals zu studieren. Das kann nicht sein, dass es europaweit keinen Schauspieler gegeben hat, der das besser und ordentlicher hätte hinbringen können. Dieser Cast ist eine Katastrophe, denn der Schauspieler Devid Striesow spielt irgendwen, aber sicher nicht Hans-Peter Kerkeling. Mir fällt da immer ein, wie gut bei der Verfilmung von Young Sheldon - Big Bang Theory Star Sheldon Cooper und seine Mutter als jüngere Ausgaben gespielt wurden. Von der Mimik wie Sheldons Mutter immer den Mund verzieht bis zur Gestik von Sheldon wurde alles punktgenau einstudiert und transformiert. Sogar Sehldons älterer Brunder Goegie wurde authentisch abgeleitet. Auch wenn sich die Personen nicht punktgenau ähnlich sehen, sind sie es dennoch, weil man die Mimik kennt und sie authentisch rüberkommen. Das war bei Devid Striesow, der Hans Peter Kerkeling darstellte, überhaupt nicht so - es schüttelte mich förmlich jedes Mal im Film, wenn irgendjemand in einer Szene (was ja auch im Buch stand) in ihm HAPE Kerkeling erkannte. Insofern erlebte für mich irgendein anderer schwuler Künstler den Camino, aber sicher nicht Hans Peter Kerkeling, was mich extrem störte.

Auch inhaltlich wurde der Fokus völlig neu ausgerichtet. Dier Beinahe-Herzanfall und die Reha wurden extrem breit ausgewalzt, im Buch wird das Ereignis nur in einem kleinen Absatz, als Nebenschauplatz und fast schon stenografische Randnotiz, die den Grund und die Intention zur  Reise kurz erkäutert, erwähnt. Hans Peters im Buch sehr witzige deutsche Eigenschaft, sich an seinem Reisführer festzukrallen, was er auch sehr selbstironisch und urkomisch immer wieder dokumentiert, wird im Film nicht thematisiert. Seine im Buch ausführlich beschriebenen  Interaktionen am Weg mit der einheimischen Bevölkerung die keine Pilger sind, sowohl in Frankreich und in Spanien werden bis auf das eine Mal, als er sich quasi sehr unpilgerisch in das kleine Gefährt mit den Schafen setzt, auch nicht mal erwähnt, dabei sind sie im Buch ein wesentlicher Bestandteil, denn das Sachbuch lebt vor allem auch von den vielen Aktionen drumherum, die sich nicht primär auf das Pilgern fokussieren.  Auch die gravierenden sexuellen Beläsitgungen der Pilgerinnen, die ich im Buch ganz furchtbar erschütternd und sehr erkenntnisreich fand, werden im Film fast gänzlich auf eine kleine Anbraterei auf der Straße verharmlost. Das finde ich gar nicht gut.

Und dann sind alle sympathischen Frauen bis auf dieses ungustiöse Ehepaar auf dem Pilgerweg im Film viel zu hübsch und einige auch viel zu jung. Wieder dieser total grauenhafte Cast, ich hatte das Gefühl, dass zum Beispiel Martina Gedek stundenlang vor dem Dreh wie für den Laufsteg aufgewuschelt wurde, damit die Locken auch perfekt fallen. So sieht vielleicht eine als Edel-Hippie verkleidete Millionärsfrau in der Finca in Ibiza aus (nicht mal die echten Hippies waren so gepflegt und fesch), aber nicht wenn  jeden Tag 30 Kilometer zu Fuß absolviert werden müssen. Das ist auch wieder total unrealistisch. Und ja, ich habe in diesem Fall total Recht, denn ich bin ein Mensch, der sich auch die Fotos im Sachbuch anschaut. Die echte Pilgerin Anne, die Weggefährtin und beste Freundin von Hans Peter im Buch, schaut eben viel älter und abgezehrter aus und wurde nicht auf perfekte Frisur getrimmt. Naturschönheiten bei Ironwoman Aktivitäten gibt es nicht - das sei Euch Filmleuten ins Tagebuch geschrieben. Da hilft es auch nix, wenn man die weiblichen Hauptprotagonisten des Sachbuchs umbenennt wie zum Beispiel Sheelagh und einen Teil ihrer Biografien zu tränendrüsendrückenden Damen hochstilisiert wie bei der bodentändigen Anne, die durch die hübsche Stella (was für ein gefälliger Name) ersetzt wurde. By the way Martina Gedek ist gar nicht so eitel und kann auch unhübsche Rollen sehr gut spielen, wie die Wand von Marlene Haushofer eindrucksvoll beweist.

Und außerdem... warum zum Teufel pflegt im Film die Figur Kerkeling nur tiefe freundschaftliche Beziehungen zu deutschen Frauen. Im Sachbuch ist das Personal wesentlich internationaler, was natürlich auch viel mehr Offenheit und eine gehörige Portion mehr Realismus symbolisert. Denn der Camino ist tatsächlich nicht die Schinkenstraße in El Arenal auf Mallorca.

Also der Film hat tatsächlich von einer großartigen Vorlage im Cast und im Schauspiel ziemlich viel vergeigt und zerstört. Dass er überhaupt anzuschauen ist, liegt an der großartigen Vorlage, die man nicht komplett vernichten konnte, die Genialität blitzt einfach durch. Warum habe ich dennoch 3,5 Punkte vergeben?. Das ist leicht erklärt, und nun komme ich zum einzigen, aber gewaltigen Potenzial, dass der Film wirklich restlos auszuschöpfen vermochte. Die Bilder und Stimmungen der Locations vom Camino sind richtig atemberaubend, die Kameraführung und das Einfangen des Ambientes ist genial. So ein Filmmaterial hätte ich mir aber in einer sehr guten Doku ohne Figuren sicher auch anschauen können

Fazit: Schauspiel, Cast grauenhaft, Plot auch auf weite Strecken im Vergleich zur Vorlage verhunzt, Natur Landschaft und Orte wundervoll.

Buch gegen Film: Eindeutig das Buch, da gibt es gar nix zu rütteln.

Like Reblog Comment
show activity (+)
review 2019-09-06 08:28
Zurück ins Leben gekämpft
Nie wieder Flügelhemd - Ralph Winkler,Susanne Schlecht

Inhaltsangabe

Es ist ein warmer Sommertag wie jeder andere. Bis Ralph Winkler auf dem Rückweg seiner Motorradtour lebensgefährlich verunglückt. Der genaue Unfallhergang bleibt für ihn bis heute ein Rätsel. Nachdem er klinisch tot war und reanimiert werden konnte, schaffte er es, sich langsam zurück ins Leben zu kämpfen. Eindrucksvoll erzählt Ralph Winkler von diesem Leidensweg. Beginnend mit seinen Nahtod- und Wachkoma-Erlebnissen, nimmt er den Leser mit auf seine ganz persönliche Reise. 

 

Meine Meinung 

Zu allererst möchte ich mich bei Ralph und Susanne bedanken, dass ihr mir diese doch sehr persönliche Geschichte in die Hände zu legen. Ralph, es war mir eine Ehre deine Geschichte kennen zu lernen.

 

Motorradfahren.

Das war das Erste, was mir an diesem Morgen durch den Kopf ging.

Und es war das, was mein Leben für immer verändern sollte. (S. 3)

 

In dem autobiographischen Roman erzählt Ralph Winkler in drei Teilen von dem Schicksalsschlag, welcher sein Leben in mehrerlei Hinsicht verändern sollte.

 

TEIL 1

Auf zwei Seiten erfährt der Leser, wie der 21.06.2015 für Ralph begann.

Es war Sonntag und Ralph wollte einfach nur noch eine Runde mit dem Motorrad drehen… Plötzlich befinden wir uns in einem Krankenzimmer und der Autor beschreibt seine Gefühle und Empfindungen. Weder er hat zu diesem Zeitpunkt eine Ahnung bzw. Erinnerung, was ihm zugestoßen ist, noch der Leser hat genauere Informationen. Dieser Fakt ist super! Denn so konzentriert man sich beim Lesen, auf die Beschreibungen, welche Ralph anführte.

Für mich waren diese zum Teil erschreckend, fast schon gruselig.

Zwischenzeitlich fragte ich mich, ob er halluziniert.

Da waren ein Turm, seltsame Keramikmaskenfrauen und Mäuse.

Kurz um, diese Erzählungen waren bedrückend zu lesen und man kann sich nicht vorstellen, wie der Autor diese Geschehnisse selbst empfunden haben muss.

Ralph befand sich zu diesem Zeitpunkt im Wachkoma.

 

TEIL 2

Im mittleren Teil muss man sich auf einiges gefasst machen.

Sowohl auf Begebenheiten, bei denen man denkt: nein, das kann so nicht passiert sein, als auch auf positive und aufbauende Erlebnisse.

Der Autor versucht den Unfall und den anfänglichen Leidensweg danach anhand von verschiedenen Quellen (Erzählungen, Berichte der Zeitung und Polizei) für uns Leser zu beschreiben.

Ralph war meines Erachtens kein Motorradfahrer, der gelegentlich auf den Straßen unterwegs war, nein! Es war seine Leidenschaft. Und das gerade diese ihm diese schwierige Folgezeit bescheren sollte, ist einfach nur traurig.

Am Sonntagnachmittag macht er sich auf den Weg.

Kurze Zeit später…

 

„Es kam zu einem brutalen Zusammenstoß.“ (S. 61)

 

Das Autorenduo arbeitete einiges an Zeitungsartikel und Bildmaterial in dieses Buch ein. Als Leser bedanke ich mich dafür, denn man kann es dadurch noch zehn Mal intensiver miterleben.

Und dann war da dieser „schützende Engel“ (diesen Songtext der Band Frei.Wild führt Ralph in seinem Buch an), der eine sehr schnelle Rettung und Behandlung des Verunglückten ermöglichte. Ralph, meiner Meinung nach hatten die Engel da oben gerade eine Versammlung, als es passierte…

 

Im Anschluss nimmt uns Ralph mit ins Krankenhaus.

Als Ergo- und Schmerztherapeutin waren diese Abschnitte unheimlich interessant zu lesen. Ich möchte euch absolut nicht zu viel vorwegnehmen, aber eines muss ich hier einfach einfügen. Der operierende Arzt schätze allein 220-250 Knochenbrüche in seinem Gesicht. Ich bin fast vom Glauben abgefallen, holte ich mir doch sofort die Anatomie des Kopfes in Erinnerung und blieb nur mit einem offenen Mund zurück.

 

Den Rest, darunter auch der dritte Teil, in dem Ralph und Susanne auf die Zeit von 2015-2019 eingehen, möchte ich euch nicht auch noch vorweg nehmen.

Für mich steht fest, dass ich sehr dankbar bin, dieses Buch gelesen zu haben.

Ich musste das Gelesene nun tatsächlich eine Woche sacken lassen, bevor ich mir sicher war, wie ich meine Empfindungen in Worte fassen werde, um dem Buch gerecht zu werden.

 

Mein Fazit

„Nie wieder Flügelhemd“ hat allein schon einen Preis für diesen Titel verdient.

Zu Beginn scheint er für viele, auch für mich, etwas aus der Luft gegriffen, aber bereits nach den ersten Kapiteln, steht dieses Buch für diese Aussage ein.

Ralph war und ist ein Kämpfer!

Und ich möchte an dieser Stelle betonen, wie mutig du warst uns deine Geschichte zu erzählen. Nicht nur deine Erlebnisse, sondern auch die vielen privaten Bilder, welche dich in sehr hilflosen Situationen zeigen.

Für alle Leser, die sich auf Menschenschicksale einlassen können und dankbar sind, dass uns Betroffene ihre Geschichten erzählen, spreche ich eine ganz klare Leseempfehlung aus.

 

More posts
Your Dashboard view:
Need help?