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review 2019-04-10 10:08
Hätte man Claude Monet gesagt, seine Gemälde sind zu kompliziert?
Tod eines Gottes - Tim Straetmann,Steven Erikson

+++ Hinweis: Diese Rezension bespricht sowohl „Die Stadt des blauen Feuers“ als auch „Tod eines Gottes“. Im Original erschien der achte Band unter dem Titel "Toll the Hounds", für den deutschen Markt wurde dieser geteilt. +++

 

Nach der Zerstörung Mondbruts fanden die Tiste Andii in Schwarz-Korall eine neue Heimat. Sie hüllten die Stadt in ewige Nacht, eine Reminiszenz an Kurald Galain. Doch Mutter Dunkel ist noch immer taub für die Nöte ihrer Kinder. Vor den Toren Schwarz-Koralls entstand der Kult des Erlösers: aus ganz Genabackis pilgern Menschen zum Grabhügel des gefallenen Schild-Amboss Itkovian und bitten um seinen Segen. Der Erlöser stellt keine Ansprüche. Er schließt ausnahmslos jede Seele in seine Arme. Er ist wehrlos, verletzlich gegenüber denjenigen, die seinen Kult zu missbrauchen gedenken. Denn Itkovian ist nicht der einzige Aufgestiegene, dessen Einfluss in Schwarz-Korall spürbar ist. Aus den Tiefen des Chaos steigt der Sterbende Gott empor, der süßes Vergessen verspricht. Seine Anhänger_innen planen, den Erlöser zu überwältigen und Schwarz-Korall zu übernehmen. Mehr denn je brauchen die Andii die Führung ihres Lords Anomander Rake, dieser schaut jedoch sorgenvoll nach Darujhistan.
In der Stadt des blauen Feuers kündigt sich eine gewaltige Konvergenz an. Reisende nähern sich der Metropole, Schlitzer kehrt in Begleitung seiner Gefährten zurück in die Straßen seiner Jugend, malazanische Veteran_innen und die Assassinengilde liefern sich blutige Scharmützel, das Azath-Haus speit Totgeglaubte aus und in der Ferne ist das Geheul furchteinflößender Hunde zu hören. Darujhistan ist in Aufruhr. Leben und Tod tanzen Hand in Hand und noch immer giert der Verkrüppelte Gott nach jedem Fetzen Macht, dem er habhaft werden kann. Im Schatten der Konvergenz richtet er seinen Blick auf das verfluchte Schwert Dragnipur, dessen schwarzes Herz tausende Seelen knechtet. Sein Träger ist Anomander Rake und so obliegt es dem Sohn der Dunkelheit, Schwarz-Korall und Darujhistan gleichermaßen vor dem Gift zweier wahnsinniger Götter zu bewahren. Ein Gott muss sterben, damit ein anderer aufgehalten werden kann.

 

Ich bin während der Lektüre von „Die Stadt des blauen Feuers“ und „Tod eines Gottes“ widerwillig zu einer Einsicht gelangt: ich schaffe es nicht mehr, eigenständig alle Handlungsstränge, Figuren und Entwicklungen in „Das Spiel der Götter“ von Steven Erikson auseinanderzuhalten. Ich glaube, wäre es mir vergönnt, die Reihe hintereinanderweg zu lesen, fiele es mir deutlich leichter, den komplexen Inhalt in meinem Gedächtnis zu strukturieren, doch da der Verlag blanvalet mit der Veröffentlichung der letzten Bände nicht hinterherkommt, besteht diese Möglichkeit nicht. Ich muss langsam lesen und hilflos zuschauen, wie Teile des gewaltigen Epos in meiner Erinnerung verblassen.

 

Zwischen der Lektüre des siebten Doppelbandes „Der Goldene Herrscher“ und „Im Sturm des Verderbens“ und der Lektüre von „Die Stadt des blauen Feuers“ und „Tod eines Gottes“ verging ein Jahr. Das war definitiv zu lang. Ich hatte immense Schwierigkeiten, mich zu orientieren und in die Handlung zu finden, die mich nach dem Ausflug in das Königreich Lether zurück nach Genabackis führte. Anfangs schämte ich mich sehr für meine Gedächtnislücken und scheute mich, mir einzugestehen, dass ich allein kein Land sehen würde. Irgendwann wurde mir glücklicherweise jedoch bewusst, wie albern ich mich verhielt. Wollte ich zulassen, dass mein unangebrachter Stolz meine Leseerfahrung überschattete? Nein. Ich zog einige der von Fans erstellten Wikis zu Rate und half meinem Gedächtnis auf die Sprünge. Ab diesem Zeitpunkt lief die Lektüre wesentlich besser, weil ich nicht länger mit dem diffusen Gefühl kämpfte, entscheidende Details vergessen zu haben. Es ist keine Schande, sich nicht alle Puzzleteile von „Das Spiel der Götter“ merken zu können und vielleicht war es sogar vorprogrammiert, weil die Reihe an Komplexität kaum zu übertreffen ist. Dafür gibt es die Wikis. Anderen Leser_innen kann ich deshalb nur empfehlen, diese Krücke sofort zu nutzen. Stellt ihr fest, dass euer Gedächtnis euch im Stich lässt, zögert nicht, nachzuschlagen, was ihr nicht mehr wisst. Aus eigener Erfahrung kann ich bezeugen, dass die Lektüre viel mehr Spaß macht, wenn man sich nicht ständig fragt, ob man dieses oder jenes Detail nun eigentlich wissen sollte oder nicht.

 

Gleich zu Beginn von „Die Stadt des blauen Feuers“ nimmt Steven Erikson eine Veränderung der Erzählsituation vor. In diesem Doppelband ist es nicht der Autor, dem die Leser_innen lauschen. Er leiht seine Stimme einer populären Figur seines Epos: Kruppe. Der nimmersatte dicke kleine Mann ist ein exzentrischer Charakter, dessen spezieller Erzählstil unverkennbar ist, obwohl Erikson ihn an der kurzen Leine hält. Er lässt ihn nur gelegentlich abschweifen und schwadronieren. Für mich besteht kein Zweifel, dass Kruppe als Chronist dieses Bandes eine hervorragende Wahl war. Niemand eignet sich besser, um der außergewöhnlichen Konzeption der Geschichte Leben einzuhauchen. „Die Stadt des blauen Feuers“ und „Tod eines Gottes“ involvieren erneut zahlreiche Perspektivwechsel. Ich freute mich über das Wiedersehen mit alten Bekannten wie Karsa Orlong, Schlitzer aka Crokus Junghand, Rallik und Torvald Nom, Anomander Rake, Kallor, den Malazanern Tippa, Blend und Fahrig und vielen weiteren Figuren, die ich ins Herz schloss, doch die heimlichen Stars der Handlung sind dieses Mal unscheinbar wirkende Nebenfiguren, deren Leben in faszinierender Wechselwirkung mit den prominenten Charakteren der Reihe stehen. Immer wieder kehrt Erikson zu ihnen zurück und begleitet sie durch Momentaufnahmen ihres Alltags, wodurch sie sich schnell als unerkannte Bindeglieder qualifizieren, deren Rollen unverzichtbar für den inhaltlichen Verlauf sind. Sie sind das Rückgrat der Geschichte, der rote Faden. Ich liebe es, wie viel Respekt Erikson seinen Figuren dadurch ausdrückt. Kein Leben ist unwichtig, jedes hat seine Daseinsberechtigung und aus der Perspektive des Schicksals, die er so gern einnimmt, eben auch eine Aufgabe.

Zusätzlich erwartet die Leser_innen eine grobe inhaltliche Strukturierung nach Kapiteln. Darujhistan und Schwarz-Korall dienen als zentrale Schauplätze, die abwechselnd im Fokus stehen.


Die Rückkehr nach Darujhistan empfand ich als bedeutungsvoll, weil dort mit „Die Gärten des Mondes“ alles begann. Trotz meiner Mutmaßung, dass sich „Das Spiel der Götter“ in Lether entscheiden könnte, nehme ich an, dass das Epos in Darujhistan enden wird. Ein Abschluss, der den Kreis schließt, passt einfach zu Steven Erikson.

Schwarz-Korall ist die neue Heimat der Tiste Andii. In der Stadt, die einst zur Domäne des Pannionischen Sehers gehörte, herrscht ewige Nacht, eine vollkommene Dunkelheit, die Sonnenlicht nicht zu durchdringen vermag und eine Manifestation des Gewirrs Kurald Galain darstellt. Ich konnte mich mit diesem Bild nicht so recht anfreunden. Es fällt mir noch immer schwer, Dunkelheit als Perfektion zu begreifen und sie nicht negativ zu interpretieren.


Steven Erikson beweist durch die Historie der Andii erneut sein Talent für die exquisite, tragische Schönheit von Leid. Die Begegnung mit dem Magier Endest Silann, ein Vertrauter von Anomander Rake, lehrte mich, wie sehr die Andii seit Jahrtausenden unter der Abwesenheit ihrer Göttin Mutter Dunkel leiden. Ihre Ablehnung ist eine schwärende Wunde im kollektiven Bewusstsein des Volkes. Die Andii sind Waisen. Ihr Schmerz ist keineswegs rein spiritueller Natur, er ist greifbar und real. Ihre Welt, ihre gesamte Kultur steht still, als hätte ihr Herz aufgehört zu schlagen, während ihr Körper gezwungen ist, weiterzuleben. Wenn sie sterben, finden ihre Seelen keine Ruhe, keinen Frieden, weil dort niemand ist, der sie aufnimmt. Sie verpuffen im Äther und warten im Nichts. Diese Aussicht finde ich zutiefst beängstigend und entmutigend. Sie zahlten einen sehr hohen Preis für den Wunsch ihres Lords nach Veränderung. Anomander Rake beendete den blutigen Bürgerkrieg ihres Volkes, doch indem er sie einte, verärgerte er Mutter Dunkel und verstümmelte die Identität der Andii. Er ist ihre einzige noch existierende Verbindung zu Kurald Galain, was erklärt, wieso sie ihn trotz seiner Entscheidungen verehren. Meiner Ansicht nach haben die Andii viel mit den T’lan Imass gemein, die ebenso verloren waren, bis ein Ritual die Ketten ihrer Unsterblichkeit sprengte. Ich hoffe, dass Erikson auch ihrem Volk irgendwann Erlösung schenkt.

 

Das Motiv der Erlösung spielt im achten Band von „Das Spiel der Götter“ eine essenzielle Rolle. Vor den Toren Schwarz-Koralls sammeln sich die Gläubigen des Kults des Erlösers. Er ist kein Unbekannter – als er noch am Leben war, hörte er auf den Namen Itkovian und war der Schild-Amboss der Grauen Schwerter. Es wundert mich überhaupt nicht, dass Itkovian mit seinem Tod aufstieg. Sein Opfer als Schild-Amboss rührte mich damals zu Tränen, warum sollte er nicht auch die Figuren in Eriksons Universum anziehen? Dieses Opfer bestimmt seinen Charakter als Aufgestiegener. Der Erlöser richtet nicht. Er lehnt niemanden ab, schickt niemanden fort, nicht einmal diejenigen, deren Absichten böswillig sind. Er kann sich nicht verteidigen, weil Aggression nicht seiner Natur entspricht. Er erduldet. Deshalb ist er den Angriffen des Sterbenden Gottes ausgeliefert. Ich dachte ursprünglich, „der Sterbende Gott“ sei lediglich ein weiterer Titel des Verkrüppelten Gottes. Es dauerte, bis ich begriff, dass es sich um zwei Entitäten handelt, die ihren Anhänger_innen unterschiedliche Wege zur Erlösung anbieten. Getrieben von Rachegelüsten deklariert der Verkrüppelte Gott Leiden als Pforte zum Seelenheil; der Sterbende Gott hingegen verspricht totale Selbstaufgabe. Schwer zu sagen, was nun schlimmer ist. Indem er die beiden Gottheiten gegenüberstellt, untersucht Erikson divergierende Formen von Fanatismus, die zwar verschiedene Bedürfnisse in den Gläubigen erfüllen, sich in ihrem grundsätzlichen Egoismus jedoch stark ähneln. Persönlich halte ich den Sterbenden Gott für das kleinere Übel, weil seine Pläne, den Erlöser als Hülle zu übernehmen, um seinen eigenen Verfall aufzuhalten, im Vergleich zu den gewaltigen Manipulationen und Intrigen des Verkrüppelten Gottes beinahe kleingeistig wirken. Sein Status als ultimativer Erzfeind der Reihe bleibt unangetastet und unbestritten.

 

Die Lektüre von „Die Stadt des blauen Feuers“ und „Tod eines Gottes“ hielt für mich außerdem eine bahnbrechende Erkenntnis bereit. Mir wurde bewusst, dass alle Ereignisse in „Das Spiel der Götter“, inklusive des Feldzugs des Verkrüppelten Gottes, auf eine einzige Person zurückzuführen sind. Alles, was ich bisher erleben durfte, nahm seinen Anfang mit Kallor. Vermutlich hätte ich das schon weitaus früher schnallen können, aber irgendwie ging diese Information wohl an mir vorbei. Ich war von dieser Offenbarung aus zwei Gründen verblüfft: erstens hatte ich angenommen, dass ich erst ganz am Ende des Epos erfahren würde, weshalb der Verkrüppelte Gott nach Rache sinnt und zweitens habe ich mit einer wesentlich komplizierteren Antwort gerechnet. Der Verkrüppelte Gott, der auch der Angekettete genannt wird, lechzt danach, sich für das zu rächen, was ihm vor Jahrtausenden angetan wurde. Was ihm angetan wurde, geschah, um Kallor zu stoppen. Kallor ist der Archetyp des bösen Königs; er könnte im Grunde sogar eine Märchenfigur sein. Da Steven Erikson jedoch alles andere als ein gutmütiger Märchenonkel ist und er eine Vorliebe für ambivalente Grautöne hat, charakterisierte er Kallor komplex, widersprüchlich und erstaunlich menschlich. Kallor wurde verflucht. Er ist verdammt, auf ewig ein sterbliches Leben zu führen, niemals aufzusteigen und in all seinen Bestrebungen nach Macht zu scheitern. Deprimierend, nicht wahr? Ich möchte nicht behaupten, dass Kallor diesen Fluch nicht verdient hätte. Er ist ein grausamer, gewissenloser Mann, der Loyalität nur für sich selbst empfindet. Ich mag ihn nicht mal besonders, denn er tötete eine meiner Lieblingsfiguren. Trotz dessen weckte seine tragische Existenz mein Mitgefühl. Ich wünsche niemandem ein solches Schicksal. Der Fluch raubte Kallor vieles, vor allem allerdings die Möglichkeit, aufzugeben. Kallor hat keine andere Wahl, als einfach immer weiterzumachen, obwohl er weiß, dass er versagen wird. Was wäre die Alternative? Er kann nicht sterben, soll er also den Kopf in den Sand stecken und seinen Alterungsprozess abwarten, bis er sich nicht mehr bewegen kann? Keine gute Option. Nein, ich kann verstehen, dass Kallor munter weiterhin seine Ziele verfolgt und den Fluch meist schlicht ignoriert. Dennoch versäumt es Erikson nicht, anzudeuten, dass er leidet. Kallor ist eine Variante des Sisyphos.

 

Da Kallor sich mit Freuden in die Entwicklungen von „Das Spiel der Götter“ einmischt, hat er selbstverständlich auch seinen Platz im großen Showdown des achten Bandes in „Tod eines Gottes“. Dieser ist die Klimax eines haarsträubend vielschichtigen Plans, der sowohl den Sterbenden als auch den Verkrüppelten Gott in ihre Schranken weisen soll und – soweit ich es verstanden habe – aus der Feder von Anomander Rake stammt. Ich war zutiefst beeindruckt von seiner Strategie, deren Gelingen primär vom Timing zahlloser Faktoren abhing. Ich denke, mehr als seine schwarze Haut, mehr als seine Fähigkeiten und sein Alter war es die Konzeption dieses Plans, die mir vergegenwärtigte, dass er kein Mensch ist. Kein Mensch hätte sich das ausdenken können. Rakes Geist übertrifft die Prozessleistung eines sterblichen Hirns um ein Vielfaches. Ich bewundere ihn und staunte mit offenem Mund, als am Ende von „Tod eines Gottes“ wieder einmal Zahnrad um Zahnrad ineinander klickte. Der achte Band ist wie bereits die Vorgängerbände eine epische Symphonie, deren Absicht sich ganz zum Schluss offenbart. Leider wurde die Geschichte auch erst mit diesem Showdown richtig spannend. Vorher las sich der Doppelband durchaus etwas schwerfällig, weil das Taktieren der verschiedenen Fraktionen im Vordergrund steht. Langweilig ist „Das Spiel der Götter“ nie, doch die Vorbereitungen des aufregenden Abschlusses wiesen wenig Action und dafür reichlich tiefgründige Gespräche und philosophische Überlegungen zu den Themen Leiden und Erlösung auf. Die Lektüre war anstrengend und wurde selten aufgelockert.

 

Ich habe lange über die Verschlungenheit dieses Bandes nachgedacht, um herauszufinden, wieso mich die Komplexität der Reihe weder schreckt noch stört. Oft genug habe ich anderen Autor_innen vorgeworfen, dass sie die inhaltlichen Ziele ihrer Geschichten auch einfacher hätten erreichen können. Ich glaube, der Unterschied besteht darin, dass ich nicht wüsste, wie Steven Erikson auf all die Verwicklungen hätte verzichten sollen, ohne Abstriche zu machen. „Das Spiel der Götter“ kann nicht anders erzählt werden. Vielleicht könnte es gradliniger sein, doch dann wäre es nicht mehr brillant. Das Genie dieses Epos entsteht durch die unzähligen winzigen Details, die nur zusammen das Gesamtbild erschaffen können. Keine Figur, keine Szene ist irrelevant; alles hat Bedeutung für das große Ganze, was man erst erkennt, wenn man genau hinsieht und die Kausalketten zurückverfolgt. Meiner Meinung nach hilft es, sich „Das Spiel der Götter“ als impressionistisches Gemälde vorzustellen. Steht man direkt davor, sind die fleckig, punktartig angeordneten Farben sichtbar. Betrachtet man es hingegen aus einiger Entfernung, vermischen sich die Farben und enthüllen ihre Wirkung und Atmosphäre. Dieser Vergleich erklärt meinem Empfinden nach exakt, warum diese High Fantasy – Reihe von ihrem komplexen Detailreichtum lebt und sich jede Kritik in diese Richtung erübrigt. Claude Monet würde schließlich auch niemand sagen, er hätte seine Meisterwerke mit durchgängigen Pinselstrichen einfacher fertigstellen können.

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review 2019-04-10 10:07
Hätte man Claude Monet gesagt, seine Gemälde sind zu kompliziert?
Die Stadt des blauen Feuers - Steven Erikson

+++ Hinweis: Diese Rezension bespricht sowohl „Die Stadt des blauen Feuers“ als auch „Tod eines Gottes“. Im Original erschien der achte Band unter dem Titel "Toll the Hounds", für den deutschen Markt wurde dieser geteilt. +++

 

Nach der Zerstörung Mondbruts fanden die Tiste Andii in Schwarz-Korall eine neue Heimat. Sie hüllten die Stadt in ewige Nacht, eine Reminiszenz an Kurald Galain. Doch Mutter Dunkel ist noch immer taub für die Nöte ihrer Kinder. Vor den Toren Schwarz-Koralls entstand der Kult des Erlösers: aus ganz Genabackis pilgern Menschen zum Grabhügel des gefallenen Schild-Amboss Itkovian und bitten um seinen Segen. Der Erlöser stellt keine Ansprüche. Er schließt ausnahmslos jede Seele in seine Arme. Er ist wehrlos, verletzlich gegenüber denjenigen, die seinen Kult zu missbrauchen gedenken. Denn Itkovian ist nicht der einzige Aufgestiegene, dessen Einfluss in Schwarz-Korall spürbar ist. Aus den Tiefen des Chaos steigt der Sterbende Gott empor, der süßes Vergessen verspricht. Seine Anhänger_innen planen, den Erlöser zu überwältigen und Schwarz-Korall zu übernehmen. Mehr denn je brauchen die Andii die Führung ihres Lords Anomander Rake, dieser schaut jedoch sorgenvoll nach Darujhistan.
In der Stadt des blauen Feuers kündigt sich eine gewaltige Konvergenz an. Reisende nähern sich der Metropole, Schlitzer kehrt in Begleitung seiner Gefährten zurück in die Straßen seiner Jugend, malazanische Veteran_innen und die Assassinengilde liefern sich blutige Scharmützel, das Azath-Haus speit Totgeglaubte aus und in der Ferne ist das Geheul furchteinflößender Hunde zu hören. Darujhistan ist in Aufruhr. Leben und Tod tanzen Hand in Hand und noch immer giert der Verkrüppelte Gott nach jedem Fetzen Macht, dem er habhaft werden kann. Im Schatten der Konvergenz richtet er seinen Blick auf das verfluchte Schwert Dragnipur, dessen schwarzes Herz tausende Seelen knechtet. Sein Träger ist Anomander Rake und so obliegt es dem Sohn der Dunkelheit, Schwarz-Korall und Darujhistan gleichermaßen vor dem Gift zweier wahnsinniger Götter zu bewahren. Ein Gott muss sterben, damit ein anderer aufgehalten werden kann.

 

Ich bin während der Lektüre von „Die Stadt des blauen Feuers“ und „Tod eines Gottes“ widerwillig zu einer Einsicht gelangt: ich schaffe es nicht mehr, eigenständig alle Handlungsstränge, Figuren und Entwicklungen in „Das Spiel der Götter“ von Steven Erikson auseinanderzuhalten. Ich glaube, wäre es mir vergönnt, die Reihe hintereinanderweg zu lesen, fiele es mir deutlich leichter, den komplexen Inhalt in meinem Gedächtnis zu strukturieren, doch da der Verlag blanvalet mit der Veröffentlichung der letzten Bände nicht hinterherkommt, besteht diese Möglichkeit nicht. Ich muss langsam lesen und hilflos zuschauen, wie Teile des gewaltigen Epos in meiner Erinnerung verblassen.

 

Zwischen der Lektüre des siebten Doppelbandes „Der Goldene Herrscher“ und „Im Sturm des Verderbens“ und der Lektüre von „Die Stadt des blauen Feuers“ und „Tod eines Gottes“ verging ein Jahr. Das war definitiv zu lang. Ich hatte immense Schwierigkeiten, mich zu orientieren und in die Handlung zu finden, die mich nach dem Ausflug in das Königreich Lether zurück nach Genabackis führte. Anfangs schämte ich mich sehr für meine Gedächtnislücken und scheute mich, mir einzugestehen, dass ich allein kein Land sehen würde. Irgendwann wurde mir glücklicherweise jedoch bewusst, wie albern ich mich verhielt. Wollte ich zulassen, dass mein unangebrachter Stolz meine Leseerfahrung überschattete? Nein. Ich zog einige der von Fans erstellten Wikis zu Rate und half meinem Gedächtnis auf die Sprünge. Ab diesem Zeitpunkt lief die Lektüre wesentlich besser, weil ich nicht länger mit dem diffusen Gefühl kämpfte, entscheidende Details vergessen zu haben. Es ist keine Schande, sich nicht alle Puzzleteile von „Das Spiel der Götter“ merken zu können und vielleicht war es sogar vorprogrammiert, weil die Reihe an Komplexität kaum zu übertreffen ist. Dafür gibt es die Wikis. Anderen Leser_innen kann ich deshalb nur empfehlen, diese Krücke sofort zu nutzen. Stellt ihr fest, dass euer Gedächtnis euch im Stich lässt, zögert nicht, nachzuschlagen, was ihr nicht mehr wisst. Aus eigener Erfahrung kann ich bezeugen, dass die Lektüre viel mehr Spaß macht, wenn man sich nicht ständig fragt, ob man dieses oder jenes Detail nun eigentlich wissen sollte oder nicht.

 

Gleich zu Beginn von „Die Stadt des blauen Feuers“ nimmt Steven Erikson eine Veränderung der Erzählsituation vor. In diesem Doppelband ist es nicht der Autor, dem die Leser_innen lauschen. Er leiht seine Stimme einer populären Figur seines Epos: Kruppe. Der nimmersatte dicke kleine Mann ist ein exzentrischer Charakter, dessen spezieller Erzählstil unverkennbar ist, obwohl Erikson ihn an der kurzen Leine hält. Er lässt ihn nur gelegentlich abschweifen und schwadronieren. Für mich besteht kein Zweifel, dass Kruppe als Chronist dieses Bandes eine hervorragende Wahl war. Niemand eignet sich besser, um der außergewöhnlichen Konzeption der Geschichte Leben einzuhauchen. „Die Stadt des blauen Feuers“ und „Tod eines Gottes“ involvieren erneut zahlreiche Perspektivwechsel. Ich freute mich über das Wiedersehen mit alten Bekannten wie Karsa Orlong, Schlitzer aka Crokus Junghand, Rallik und Torvald Nom, Anomander Rake, Kallor, den Malazanern Tippa, Blend und Fahrig und vielen weiteren Figuren, die ich ins Herz schloss, doch die heimlichen Stars der Handlung sind dieses Mal unscheinbar wirkende Nebenfiguren, deren Leben in faszinierender Wechselwirkung mit den prominenten Charakteren der Reihe stehen. Immer wieder kehrt Erikson zu ihnen zurück und begleitet sie durch Momentaufnahmen ihres Alltags, wodurch sie sich schnell als unerkannte Bindeglieder qualifizieren, deren Rollen unverzichtbar für den inhaltlichen Verlauf sind. Sie sind das Rückgrat der Geschichte, der rote Faden. Ich liebe es, wie viel Respekt Erikson seinen Figuren dadurch ausdrückt. Kein Leben ist unwichtig, jedes hat seine Daseinsberechtigung und aus der Perspektive des Schicksals, die er so gern einnimmt, eben auch eine Aufgabe.

Zusätzlich erwartet die Leser_innen eine grobe inhaltliche Strukturierung nach Kapiteln. Darujhistan und Schwarz-Korall dienen als zentrale Schauplätze, die abwechselnd im Fokus stehen.


Die Rückkehr nach Darujhistan empfand ich als bedeutungsvoll, weil dort mit „Die Gärten des Mondes“ alles begann. Trotz meiner Mutmaßung, dass sich „Das Spiel der Götter“ in Lether entscheiden könnte, nehme ich an, dass das Epos in Darujhistan enden wird. Ein Abschluss, der den Kreis schließt, passt einfach zu Steven Erikson.

Schwarz-Korall ist die neue Heimat der Tiste Andii. In der Stadt, die einst zur Domäne des Pannionischen Sehers gehörte, herrscht ewige Nacht, eine vollkommene Dunkelheit, die Sonnenlicht nicht zu durchdringen vermag und eine Manifestation des Gewirrs Kurald Galain darstellt. Ich konnte mich mit diesem Bild nicht so recht anfreunden. Es fällt mir noch immer schwer, Dunkelheit als Perfektion zu begreifen und sie nicht negativ zu interpretieren.


Steven Erikson beweist durch die Historie der Andii erneut sein Talent für die exquisite, tragische Schönheit von Leid. Die Begegnung mit dem Magier Endest Silann, ein Vertrauter von Anomander Rake, lehrte mich, wie sehr die Andii seit Jahrtausenden unter der Abwesenheit ihrer Göttin Mutter Dunkel leiden. Ihre Ablehnung ist eine schwärende Wunde im kollektiven Bewusstsein des Volkes. Die Andii sind Waisen. Ihr Schmerz ist keineswegs rein spiritueller Natur, er ist greifbar und real. Ihre Welt, ihre gesamte Kultur steht still, als hätte ihr Herz aufgehört zu schlagen, während ihr Körper gezwungen ist, weiterzuleben. Wenn sie sterben, finden ihre Seelen keine Ruhe, keinen Frieden, weil dort niemand ist, der sie aufnimmt. Sie verpuffen im Äther und warten im Nichts. Diese Aussicht finde ich zutiefst beängstigend und entmutigend. Sie zahlten einen sehr hohen Preis für den Wunsch ihres Lords nach Veränderung. Anomander Rake beendete den blutigen Bürgerkrieg ihres Volkes, doch indem er sie einte, verärgerte er Mutter Dunkel und verstümmelte die Identität der Andii. Er ist ihre einzige noch existierende Verbindung zu Kurald Galain, was erklärt, wieso sie ihn trotz seiner Entscheidungen verehren. Meiner Ansicht nach haben die Andii viel mit den T’lan Imass gemein, die ebenso verloren waren, bis ein Ritual die Ketten ihrer Unsterblichkeit sprengte. Ich hoffe, dass Erikson auch ihrem Volk irgendwann Erlösung schenkt.

 

Das Motiv der Erlösung spielt im achten Band von „Das Spiel der Götter“ eine essenzielle Rolle. Vor den Toren Schwarz-Koralls sammeln sich die Gläubigen des Kults des Erlösers. Er ist kein Unbekannter – als er noch am Leben war, hörte er auf den Namen Itkovian und war der Schild-Amboss der Grauen Schwerter. Es wundert mich überhaupt nicht, dass Itkovian mit seinem Tod aufstieg. Sein Opfer als Schild-Amboss rührte mich damals zu Tränen, warum sollte er nicht auch die Figuren in Eriksons Universum anziehen? Dieses Opfer bestimmt seinen Charakter als Aufgestiegener. Der Erlöser richtet nicht. Er lehnt niemanden ab, schickt niemanden fort, nicht einmal diejenigen, deren Absichten böswillig sind. Er kann sich nicht verteidigen, weil Aggression nicht seiner Natur entspricht. Er erduldet. Deshalb ist er den Angriffen des Sterbenden Gottes ausgeliefert. Ich dachte ursprünglich, „der Sterbende Gott“ sei lediglich ein weiterer Titel des Verkrüppelten Gottes. Es dauerte, bis ich begriff, dass es sich um zwei Entitäten handelt, die ihren Anhänger_innen unterschiedliche Wege zur Erlösung anbieten. Getrieben von Rachegelüsten deklariert der Verkrüppelte Gott Leiden als Pforte zum Seelenheil; der Sterbende Gott hingegen verspricht totale Selbstaufgabe. Schwer zu sagen, was nun schlimmer ist. Indem er die beiden Gottheiten gegenüberstellt, untersucht Erikson divergierende Formen von Fanatismus, die zwar verschiedene Bedürfnisse in den Gläubigen erfüllen, sich in ihrem grundsätzlichen Egoismus jedoch stark ähneln. Persönlich halte ich den Sterbenden Gott für das kleinere Übel, weil seine Pläne, den Erlöser als Hülle zu übernehmen, um seinen eigenen Verfall aufzuhalten, im Vergleich zu den gewaltigen Manipulationen und Intrigen des Verkrüppelten Gottes beinahe kleingeistig wirken. Sein Status als ultimativer Erzfeind der Reihe bleibt unangetastet und unbestritten.

 

Die Lektüre von „Die Stadt des blauen Feuers“ und „Tod eines Gottes“ hielt für mich außerdem eine bahnbrechende Erkenntnis bereit. Mir wurde bewusst, dass alle Ereignisse in „Das Spiel der Götter“, inklusive des Feldzugs des Verkrüppelten Gottes, auf eine einzige Person zurückzuführen sind. Alles, was ich bisher erleben durfte, nahm seinen Anfang mit Kallor. Vermutlich hätte ich das schon weitaus früher schnallen können, aber irgendwie ging diese Information wohl an mir vorbei. Ich war von dieser Offenbarung aus zwei Gründen verblüfft: erstens hatte ich angenommen, dass ich erst ganz am Ende des Epos erfahren würde, weshalb der Verkrüppelte Gott nach Rache sinnt und zweitens habe ich mit einer wesentlich komplizierteren Antwort gerechnet. Der Verkrüppelte Gott, der auch der Angekettete genannt wird, lechzt danach, sich für das zu rächen, was ihm vor Jahrtausenden angetan wurde. Was ihm angetan wurde, geschah, um Kallor zu stoppen. Kallor ist der Archetyp des bösen Königs; er könnte im Grunde sogar eine Märchenfigur sein. Da Steven Erikson jedoch alles andere als ein gutmütiger Märchenonkel ist und er eine Vorliebe für ambivalente Grautöne hat, charakterisierte er Kallor komplex, widersprüchlich und erstaunlich menschlich. Kallor wurde verflucht. Er ist verdammt, auf ewig ein sterbliches Leben zu führen, niemals aufzusteigen und in all seinen Bestrebungen nach Macht zu scheitern. Deprimierend, nicht wahr? Ich möchte nicht behaupten, dass Kallor diesen Fluch nicht verdient hätte. Er ist ein grausamer, gewissenloser Mann, der Loyalität nur für sich selbst empfindet. Ich mag ihn nicht mal besonders, denn er tötete eine meiner Lieblingsfiguren. Trotz dessen weckte seine tragische Existenz mein Mitgefühl. Ich wünsche niemandem ein solches Schicksal. Der Fluch raubte Kallor vieles, vor allem allerdings die Möglichkeit, aufzugeben. Kallor hat keine andere Wahl, als einfach immer weiterzumachen, obwohl er weiß, dass er versagen wird. Was wäre die Alternative? Er kann nicht sterben, soll er also den Kopf in den Sand stecken und seinen Alterungsprozess abwarten, bis er sich nicht mehr bewegen kann? Keine gute Option. Nein, ich kann verstehen, dass Kallor munter weiterhin seine Ziele verfolgt und den Fluch meist schlicht ignoriert. Dennoch versäumt es Erikson nicht, anzudeuten, dass er leidet. Kallor ist eine Variante des Sisyphos.

 

Da Kallor sich mit Freuden in die Entwicklungen von „Das Spiel der Götter“ einmischt, hat er selbstverständlich auch seinen Platz im großen Showdown des achten Bandes in „Tod eines Gottes“. Dieser ist die Klimax eines haarsträubend vielschichtigen Plans, der sowohl den Sterbenden als auch den Verkrüppelten Gott in ihre Schranken weisen soll und – soweit ich es verstanden habe – aus der Feder von Anomander Rake stammt. Ich war zutiefst beeindruckt von seiner Strategie, deren Gelingen primär vom Timing zahlloser Faktoren abhing. Ich denke, mehr als seine schwarze Haut, mehr als seine Fähigkeiten und sein Alter war es die Konzeption dieses Plans, die mir vergegenwärtigte, dass er kein Mensch ist. Kein Mensch hätte sich das ausdenken können. Rakes Geist übertrifft die Prozessleistung eines sterblichen Hirns um ein Vielfaches. Ich bewundere ihn und staunte mit offenem Mund, als am Ende von „Tod eines Gottes“ wieder einmal Zahnrad um Zahnrad ineinander klickte. Der achte Band ist wie bereits die Vorgängerbände eine epische Symphonie, deren Absicht sich ganz zum Schluss offenbart. Leider wurde die Geschichte auch erst mit diesem Showdown richtig spannend. Vorher las sich der Doppelband durchaus etwas schwerfällig, weil das Taktieren der verschiedenen Fraktionen im Vordergrund steht. Langweilig ist „Das Spiel der Götter“ nie, doch die Vorbereitungen des aufregenden Abschlusses wiesen wenig Action und dafür reichlich tiefgründige Gespräche und philosophische Überlegungen zu den Themen Leiden und Erlösung auf. Die Lektüre war anstrengend und wurde selten aufgelockert.

 

Ich habe lange über die Verschlungenheit dieses Bandes nachgedacht, um herauszufinden, wieso mich die Komplexität der Reihe weder schreckt noch stört. Oft genug habe ich anderen Autor_innen vorgeworfen, dass sie die inhaltlichen Ziele ihrer Geschichten auch einfacher hätten erreichen können. Ich glaube, der Unterschied besteht darin, dass ich nicht wüsste, wie Steven Erikson auf all die Verwicklungen hätte verzichten sollen, ohne Abstriche zu machen. „Das Spiel der Götter“ kann nicht anders erzählt werden. Vielleicht könnte es gradliniger sein, doch dann wäre es nicht mehr brillant. Das Genie dieses Epos entsteht durch die unzähligen winzigen Details, die nur zusammen das Gesamtbild erschaffen können. Keine Figur, keine Szene ist irrelevant; alles hat Bedeutung für das große Ganze, was man erst erkennt, wenn man genau hinsieht und die Kausalketten zurückverfolgt. Meiner Meinung nach hilft es, sich „Das Spiel der Götter“ als impressionistisches Gemälde vorzustellen. Steht man direkt davor, sind die fleckig, punktartig angeordneten Farben sichtbar. Betrachtet man es hingegen aus einiger Entfernung, vermischen sich die Farben und enthüllen ihre Wirkung und Atmosphäre. Dieser Vergleich erklärt meinem Empfinden nach exakt, warum diese High Fantasy – Reihe von ihrem komplexen Detailreichtum lebt und sich jede Kritik in diese Richtung erübrigt. Claude Monet würde schließlich auch niemand sagen, er hätte seine Meisterwerke mit durchgängigen Pinselstrichen einfacher fertigstellen können.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2019/04/10/steven-erikson-die-stadt-des-blauen-feuers-tod-eines-gottes
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review 2019-03-13 08:44
Die Toten, die Untoten und der Zauberer
Grave Peril - Jim Butcher

Jim Butcher schrieb den ersten Band der „Dresden Files“ für einen Schreibkurs. Seine Dozentin Debbie Chester beeinflusste seine Karriere daher maßgeblich. Soweit ich es verstanden habe, verdanken wir ihr sogar Bob, Harrys sprechenden Schädel. Als Butcher seine Lehrerin fragte, ob er Harry einen Assistenzcharakter schreiben könnte, ermahnte sie ihn, daraus keinen „Talking Head“ zu machen. In der englischen Fachsprache ist ein „Talking Head“ eine Figur, die ausschließlich für Informationen integriert wird, ohne eine echte Persönlichkeit zu besitzen. Tja. Butcher ist eine Nervensäge. Deshalb wurde Bob buchstäblich ein „Talking Head“. Als Geist in einem Schädel passt er gut zum Thema des dritten Bandes „Grave Peril“ – in diesem geht es nämlich um rachsüchtige Geister.

 

Die Geisterwelt ist verrückt geworden. Das Nevernever war zwar noch nie ein Ort, der die mentale Gesundheit fördert, aber was in letzter Zeit drüben los ist, setzt wirklich neue Maßstäbe. Die Barrieren zur Welt der Lebenden weichen auf. Zornige, blutrünstige Geister schießen wie Pilze aus dem Boden und terrorisieren die Bewohner_innen Chicagos. Harry Dresden – Berufszauberer und Privatdetektiv – hat alle Hände voll zu tun, sie zurück ins Jenseits zu schicken. Ohne Michael, ein Krieger Gottes, mit dem er im letzten Jahr einige übernatürliche Fälle löste, wäre er aufgeschmissen. Ihre wilde Geisterjagd quer durch die Stadt bekämpft allerdings nur das Symptom, nicht die Ursache. Irgendjemand muss für das Ungleichgewicht im Nevernever verantwortlich sein. Alle Hinweise deuten auf Bianca, die lokale Vampirkönigin. Harry würde ihr gern aus dem Weg gehen, denn sie hegt noch immer einen Groll auf ihn. Doch ihm bleibt keine andere Wahl und eines interessiert ihn sowieso brennend: was hat eine Untote mit den Toten am Hut?

 

Hm. Ich muss feststellen, dass die „Dresden Files“ in meinem Gedächtnis schnell verblassen. Bei allen drei Bänden, die ich bisher gelesen habe, musste ich sehr tief in meinen Erinnerungen graben, um eine Inhaltsangabe schreiben zu können. Das liegt vermutlich daran, dass sie völlig actionüberladen sind, was auch für den dritten Band „Grave Peril“ gilt. Die rasante Abfolge der Ereignisse geriet erneut äußerst dramatisch. Es geschieht so unglaublich viel in so unglaublich kurzer Zeit, dass ich Schwierigkeiten hatte, alle Details auf dem Schirm zu behalten. Im Nachhinein fühlte ich mich komplett übersättigt und außer Puste. Ich glaube, ich kann all den Input gar nicht so schnell verarbeiten, wie Jim Butcher ihn mir präsentiert und erinnere mich deshalb später nicht mehr ähnlich zuverlässig wie bei anderen Büchern. Bezüglich „Grave Peril“ kommt erschwerend hinzu, dass ich recht lange dachte, ich hätte etwas verpasst. Das Buch beginnt ansatzlos mit einer Geisterjagd. Harry muss eine zornige Seele daran hindern, unschuldige Babys zu töten. Begleitet wird er dabei von Michael. Michael? Wer bitteschön ist Michael? Ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich den Gotteskrieger kennen sollte, denn zwischen ihm und Harry herrschte eindeutig eine gewisse Vertrautheit, die Butcher allerdings unkommentiert ließ. Ich zweifelte an mir selbst und recherchierte, ob zwischen „Grave Peril“ und dem vorangegangenen Band „Fool Moon“ eine Kurzgeschichte erschien, die Michaels Auftauchen erklärte. Fehlanzeige. Stattdessen stieß ich auf die Rezension einer anderen Leserin, die genau denselben Punkt bemängelte. Michael wird nie richtig in die Geschichte eingeführt. Er ist einfach da. Es stellte sich heraus, dass ich blind in eine Zeitsprungfalle getappt war. Seit „Fool Moon“ war etwa ein Jahr vergangen, doch Butcher setzte mir neue Figuren und Umstände vor, als sei dieser Zeitsprung nie passiert. Das war irritierend, verunsichernd und für die weitere Entwicklung der Handlung ungünstig, denn der Ursprung des Geisterchaos‘ liegt in einem Fall, den Harry und Michael innerhalb dieses Jahres bearbeiteten. Schon blöd, wenn man den Bösewicht nie kennenlernen durfte. Irgendwann konnte ich mich glücklicherweise damit abfinden – ich ignorierte einfach alles, was ich nicht verstand oder sich komisch anfühlte. Dadurch war ich für die weiteren Überraschungen in „Grave Peril“ einigermaßen gewappnet. Ein bisschen verdattert war ich trotzdem, als sich offenbarte, dass es in diesem Band eigentlich gar nicht um Geister geht. Tatsächlich geht es um Vampire. Nachdem Butcher in „Fool Moon“ die Spezies der Werwölfe vorstellte, widmet er sich nun den Blutsaugern und erläutert, dass sich die Vampirpopulation in drei Höfe teilt (Schwarz, Rot und Weiß), deren Mitglieder unterschiedliche Fähigkeiten und Charakteristiken besitzen. Ich fand seine Strategie, von Geistern auf Vampire zu kommen, ungelenk und unnötig kompliziert. Er rennt mit der Kirche ums Dorf. Ich weiß, dass Butcher die ersten Bände der „Dresden Files“ detailliert plottete, doch man merkt eben, dass er unerfahren war. Vieles wirkte arg zufällig.

 

Meiner Meinung nach ist „Grave Peril“ der tapsige Versuch eines damals noch ziemlich grünen Autors, einen neuen Handlungsabschnitt in seiner Reihe zu beginnen. Vermutlich war Jim Butcher ein Plan für die weiteren Bände der „Dresden Files“ eingefallen; um diesen umzusetzen musste er „Storm Front“ und „Fool Moon“ fix hinter sich lassen. Seine Leser_innen vor vollendete Tatsachen in Form eines Zeitsprungs und neuer Figuren zu stellen, war dafür sicherlich nicht die beste Taktik, aber wahrscheinlich wusste Butcher es einfach nicht besser. Deshalb ist dieser dritte Band nicht so recht schlüssig. Dennoch ist er unterhaltsam; eine zügige Lektüre für Zwischendurch, die es verzeiht, wenn man nicht hundertprozentig aufmerksam ist. Brain candy per Definition. Für mich geht die Reise mit Harry Dresden weiter, denn ich glaube, dass sich meine Geduld und Nachsicht mit Protagonist und Autor irgendwann auszahlen werden. Irgendwann wird Jim Butcher aus den Kinderschuhen herausgewachsen sein. Ich kann warten.

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text 2019-03-07 18:08
My February 2019
The Mermaid's Voice Returns in this One - Amanda Lovelace
What Makes Girls Sick and Tired - Lucile de Pesloüan,Genevieve Darling
Das Lied der Krähen: Roman (Glory or Grave, Band 1) - Michelle Reid,Leigh Bardugo
Das Gold der Krähen - Leigh Bardugo
The Mermaid's Voice Returns in this One - 5 stars
What Makes Girls Sick and Tired - 3 stars
Das Lied der Krähen - 5 stars
Das Gold der Krähen - 5 stars

 

Favorite book(s) of the month:

The Mermaid's Voice Returns in this One, Six of Crows duology

 

Books started this month but haven't finished yet:

Still, Spindle, Wahrheit gegen Wahrheit, Wie Blut so rot

 

Random ramblings:

I'm so happy with this months reading. I actually managed to read the Six of Crows duology in one month, without struggle. I loved these books so much. Also the other book that I have read, I really loved and enjoyed them. Super great reading month.

 
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review 2019-03-06 09:09
Lauf, Atticus, lauf!
Hunted - Kevin Hearne

„Hunted“ ist in der Benennung der Reihe „The Iron Druid Chronicles“ von Kevin Hearne ein kleiner Hickser. Die Titel der ersten drei Bände enthalten alle den Anfangsbuchstaben „H“ („Hounded“, „Hexed“ und „Hammered“), Band vier und fünf das „T“ („Tricked“ und „Trapped“) und die letzten drei Bände das „S“ („Shattered“, Staked und „Scourged“). Der Symmetrie zuliebe hätte der sechste Band eigentlich ebenfalls einen Titel mit einem „T“ tragen müssen. Tatsächlich sollte er ursprünglich „Tracked“ heißen. Letztendlich entschieden Hearne und sein Verlag jedoch, dass „Hunted“ die inhaltlichen Entwicklungen besser widerspiegelte, da „to track“ eben nicht nur „jemanden verfolgen“ bedeutet, sondern auch „jemanden beobachten/überwachen“. Ein nachvollziehbarer Einwand, denn was in „Hunted“ passiert, ist definitiv keine Überwachung. Es ist eine Jagd.

 

Atticus, Granuaile und Oberon sind auf der Flucht. Atticus‘ Entscheidung, den Gott Bacchus aus dem Verkehr zu ziehen, kam im griechisch-römischen Pantheon nicht gut an. Jetzt sind ihnen gleich zwei Jagdgöttinnen auf den Fersen: Artemis und Diana. Atticus würde gerne einfach in Tír na nÓg Däumchen drehen, bis sie sich beruhigt haben, aber das ist nicht möglich. Die Portale zur irischen Ebene wurden blockiert. Stinkt nach einer Verschwörung. Ohne die Hilfe der Morrigan, die ihnen einen Vorsprung verschaffte, wären sie niemals entkommen. Sie riet ihm, sich quer über Europa bis zum englischen Windsor Forest durchzuschlagen, das Hoheitsgebiet von Herne dem Jäger. Es ist ihr letztes Geschenk an ihn. Atticus, Granuaile und Oberon nehmen die Beine in die Hand. Doch die wilde Jagd ist nicht ihr einziges Problem. Ragnarök rückt näher. Atticus muss all seine grauen Zellen anstrengen, will er die Griechen und Römer austricksen, bevor Loki das Universum in Brand steckt. Irgendwelche Vorschläge?

 

Verrückt. Obwohl ich nach der Lektüre des letzten Bandes „Trapped“ bemängelte, dass mich Atticus‘ ständiger Krisentango nervt und ich mir lautstark Abwechslung wünschte, gefiel mir „Hunted“ erstaunlich gut. Trotz des Jagdmotivs. Oder gerade deswegen. Die aufregende Flucht vor den griechisch-römischen Göttinnen der Jagd ist die eine große Baustelle des sechsten Bandes der „Iron Druid Chronicles“. Natürlich ist die drohende Apokalypse in Form von Ragnarök weiterhin präsent – Loki und Hel lassen sich schwer ignorieren – und Atticus vermutet, dass ihm irgendjemand in Tír na nÓg bösgewillt ist, weil niemand unbemerkt die Portale dorthin schließen kann, aber hauptsächlich läuft er um sein Leben. Dadurch wirkte „Hunted“ wesentlich fokussierter als „Trapped“, denn Atticus hat schlicht keine Zeit, die vielen kleineren Brände zu löschen, die er sich im Verlauf der Reihe einbrockte. Artemis und Diana sind furchteinflößende Gegnerinnen, die seine gesamte Aufmerksamkeit und all seine geistige Beweglichkeit einfordern. Im Grunde sind sie unsterblich. Sie sind zwar verwundbar und können vorübergehend besiegt werden, doch kaum ist man sie los, erstehen sie der Mythologie entsprechend schon wieder auf. Ich fühlte mich während der Lektüre oft hoffnungslos und zweifelte mehrfach daran, dass Atticus, Granuaile und Oberon sie überlisten können. Mir unterlief der Fehler, Atticus‘ Intelligenz zu unterschätzen. Durch seine witzigen Sprüche und seine lässige Persönlichkeit vergaß ich, wie clever er ist. Er ist ein Fuchs. Ich wäre niemals darauf gekommen, dass hinter seinem Zwist mit dem griechisch-römischen Pantheon eine größere Verschwörung stecken könnte und war verblüfft, was er sich alles einfallen lässt, um Artemis und Diana kaltzustellen. Er konnte einige der Sympathiepunkte, die er im letzten Band einbüßte, wieder wettmachen. Ein entscheidender Faktor dafür war eine gesteigerte emotionale Verbindlichkeit, die ich als echten Fortschritt empfand. In den letzten Bänden fehlte mir Atticus‘ Bewusstsein für den Schaden, den er (unabsichtlich) anrichtete. In „Hunted“ hatte ich das Gefühl, dass er sich den Konsequenzen seines Handelns erstmals stellt. Das betraf nicht nur Ragnarök, sondern auch seine Beziehung zur Morrigan. Ihr Opfer erschüttert ihn. Natürlich erhält er auf seiner Flucht durch Europa kaum Gelegenheit, sich mit seinen Gefühlen für sie auseinander zu setzen, aber Kevin Hearne vermittelt einen klaren Eindruck dessen, was er empfindet. Das gefiel mir, ebenso wie die überraschenden Kapitel aus Granuailes Ich-Perspektive, die mein positives Bild von ihr bestätigten. Hearne gelang der Stimmenunterschied zwischen ihr und Atticus, er sollte ihn allerdings noch verfeinern. Die ehrlichen Einblicke in das Innenleben der beiden entschädigten mich beinahe für die mittelmäßige Umsetzung der Europareise. Schon klar, die drei müssen rennen, Sightseeing ist nicht drin. Dennoch fand ich die geringe Interaktion mit dem Setting, diese wenig aussagekräftige Abfolge distinktiver Landschaften, schwach. Eine spannende Verfolgungsjagd vor einer leider zu blassen Kulisse.

 

Es wird ernst in den „Iron Druid Chronicles“. Ich sehe in „Hunted“ den etwas verspäteten Beginn der neuen Handlungslinie, die mir für „Trapped“ versprochen wurde. Die Situation gewann für Atticus, Granuaile und Oberon an Dringlichkeit, die Phase des Versteckens und Herumalberns ist vorbei. Ich spürte jetzt den Zeitsprung von 12 Jahren, der sich bereits im Vorgänger hätte bemerkbar machen müssen. Die Flucht vor den Jagdgöttinnen weckt Atticus unsanft auf. Er kriegt endlich seinen Hintern hoch, bereitet sich auf Ragnarök vor und schließt zum Wohle des Universums ungewöhnliche Allianzen. Zeit wurde es. Ich verzeihe Kevin Hearne die Verzögerung, einerseits aus Sympathie, andererseits aus dem festen Glauben heraus, dass er Atticus nun auf den rechten Weg führt und ihn mal was richtig machen lässt. Zu lange betrieb er lediglich Schadensbegrenzung. Er muss ein echter Held werden. Leicht wird das nicht. Aber wann war die Rettung des Universums jemals leicht?

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2019/03/06/kevin-hearne-hunted
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