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review 2018-03-01 16:00
Sprachakrobatik und Beziehungen
Verteidigung der Missionarsstellung - Wolf Haas

Nein, in diesem Roman geht es nicht um Sex, sondern um eine kurzweilige Geschichte über Beziehungen und die Liebe aber vor allem um ein grandioses exzessives Spiel mit der Sprache.

 

Einigen von Euch wird Wolf Haas mit seinen Brenner-Kriminalromanen, die auch verfilmt wurden, im Gedächtnis sein. Auch ich habe bereits auf diesem Blog vor Jahren eine Book2movierezension über den Autor veröffentlicht. Aber Wolf Haas kann nicht nur einen minimalistischen Schreibstil wie in den sehr berühmten Krimis perfekt konzipieren, als studierter Linguist treibt er in diesem untypischen Roman mit der Sprache seine Späße, und das auf derart hohem Niveau, dass sich eine kindliche literarische Freude und das reine Lesevergnügen einstellen. Das beginnt mit ausländischen Angebeteten, die deutsche Sprache zwar sehr gut aber nicht perfekt beherrschen, was zu den köstlichsten Dialogen führt. Da werden Umlaute wie Ü komplett an der falschen Stelle gesetzt, dann wird sinniert, welche Wörter es im Englischen im Vergleich zum Deutschen nicht gibt. Weiters wird thematisiert, dass sprachlich immer die Ausnahmen von der Regel mit eigenen Wörtern bezeichnet werden, mit Ausnahme des Geschlechtsverkehrs, denn da hat auch die gewöhnliche Stellung einen Namen: Womit wir beim titelgebenden Wort – Missionarsstellung – wären, das eben tatsächlich nichts mit Sex in der Handlung zu tun hat. Haas spielt auch massiv grafisch und mit Typografie, um mit der Sprache seinen Schabernack zu treiben, da gibt es Texte in Kringeln, versetzt auf mehreren Seiten, Noten, Chinesische Schriftzeichen etc.. Ich als Leserin kam mir vor wie ein staunendes Kind, das lustvoll seinen Geist in ein Meer aus Sprachspielen und Rätseln taucht – wie Charly in der Schokoladenfabrik seine Finger in die Bottiche.

„Bist Du Vechetarier?“
„Nein“, sagte Benjamin Lee Baumgartner, obwohl er Vegetarier war.
„Und stört es Dich, wenn ich Gevögel bestelle.“
„Gevögel?“
„Vögelfleisch.“
„Geflüüügel!“
„Geflüüügel.“

„Hör auf mit diesem Unfug. Ich mache meinen Augen zu, und Du darfst mich nicht wieder kussen wie vorhin auf der Brucke. Ich habe Dir schon gesagt, warum nicht.“
„Ich will Dich nicht küssen. Ich will Dich schon küssen, ich schätze die Wahrscheinlichkeit, dass Du mich innerhalb der nächsten fünf Stunden küssen wirst, mit einer achzig- bis neunzigprozentigen Kusswahrscheinlichkeit sogar sehr optimistisch ein, jetzt aber will ich Dir nur eine Rätselfrage stellen, die ganz harmlos ist.“

Ein bisschen erinnert mich das ganze an James Joyces Ulysses – was sicher ein wenig als Vorbild diente – mit dem Unterschied, dass ich hier an einem Sprachspiel teilnehmen kann, das ich weit besser bis in die kleinsten Feinheiten in Originalsprache verstehe und nicht auf irgendeine Übersetzung angewiesen bin. Zwei weitere Vorteile hat das Haas’sche Werk auch noch: Erstens ist es kürzer und zweitens ist der Plot inhaltlich wesentlich (und jetzt ducke ich mich gleich weg, weil sprichwörtlich auf gut österreichisch die Hackln fliegen könnten) besser. Joyce hat mich immer mit seiner Imballance zwischen belanglosem Inhalt – dieser Gossip (wer mit wem) in Dublin, durch die Straßen wandern, Essen und Ausscheidungen, das war ja fürchterlich – und den überkandidelten sprachlichen Manierismen sehr genervt.

 

Bei Haas finde ich es ausgeglichen, denn er schreibt auch inhaltlich eloquent und kurzweilg über das banalste und gleichzeitig wahrscheinlich wichtigste Dauerthema der Literatur: über das Verlieben, die Liebe und Beziehungen.

 

Es geht um Wolf Haas und seinen Freund, Benjamin Lee Baumgartner, der immer, wenn er sich verliebt, in eine gefährliche Pandemie gerät. Auch hier wird wundervoll thematisiert, dass ein zeitlicher Zusammenhang im Deutschen nicht unbedingt eine kausale Korrelation nach sich zieht, obwohl man beides gleich ausdrückt. Allmählich wird in der liebenswürdigen Geschichte aber klar, nach der BSE-Krise in London 1988, Vogelgrippe 2006 in Peking und Schweinegrippe 2009 in Santa Fe könnte auch der hartnäckigste Verschwörungstheorieverweigerer draufkommen, dass es einen kausalen Zusammenhang geben könnte.  In Liebesdingen gibt es selbstverständlich auch einige ernsthafte amouröse Verwicklungen, denn Benjamin Lee Baumgartner ist nicht der ehrlichste, zuverlässigste Typ und auch selten Single, wenn er sich neu verliebt.

 

Zwei Kleinigkeiten haben mich ein ganz kleines bisschen gestört. Wolf Haas, der ja als Figur und Autor mitspielt, lässt manche Passagen des Romans unfertig und präsentiert dem Leser eigene Verbesserungsvorschläge und Anmerkungen zur Überarbeitung. Das war am Anfang noch lustig, nervte mich aber letztendlilch schon etwas. Außerdem gibt es einen logischen Fehler inklusive einer wesentlichen Auslassung im Plot. Die dritte Liebesbeziehung war gar keine, denn Benjamin Lee trifft völlig unvermutet seine eigene Tochter, fällt auf Grund der Schweinegrippe in Ohnmacht und trifft sie nicht mehr an, als er aus dem Krankenhaus entlassen wird. Dann wird dieser Erzählstrang aber völlig ignoriert. Nie wird thematisiert, ob sich Benjamin überhaupt auf die Suche gemacht hat. So etwas mag ein Mann verstehen, ich kann das einfach nicht, denn so etwas auf sich beruhen zu lassen, ist für mich sehr unlogisch.

 

Das Ende des Romans ist wieder von einer Genialität konzipiert, die atemberaubend ist. Benjamin verliebt sich in Deutschland und ich musste mir auf den Kopf schlagen, denn diese Seuche habe ich schon längst verdrängt. Ratet mal! 

 

Fazit: Wer sich gerne auf Sprachspielereien einlässt, wird restlos begeistert sein, aber der Roman ist zudem auch noch eine gute Geschichte über die Liebe und Beziehungen.

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review 2017-12-23 07:23
Ironische Geschichte mit romantischem Schmalzabsturz zum Ende
Juliet, Naked - Nick Hornby,Clara Drechsler Harald Hellmann

Wie ich schon mehrmals in einigen Rezensionen erwähnt habe, halte ich Nick Hornby für einen großartigen Starter von Romanen, die wenigsten Autoren können so gut unvermittelt und auch mit ein bisschen beißender Ironie eine Geschichte beginnen, aber auch für einen der schlechtesten Finisher im Literaturbetrieb. Entweder er läßt gleich quasi die Tastatur fallen, oder er vergeigt den ursprünglichen Plot derart nachhaltig, dass es ein Graus ist. So wie es mein Goodreads-Freund Armin formuliert hat, agiert Hornby gleich seinen Figuren, die auch immer alles verpatzen, wobei eine Katastrophe am Ende in einem fiktiven Plot mit fiktiven Figuren ja wesentlich besser und amüsanter ist als ein realer Qualitätsabfall im Werk.

 

Auch bei Juliet, Naked ist es nicht anders. Sprüht die Geschichte zu Beginn vor Ironie und witzigen Beziehungsproblemen mit unerwarteten Wendungen und ist sie bis Seite 250 also hundert Seiten vor dem Ende noch gut und amüsant zu lesen, so strotzt sie nach dem Herzinfarkt (was für eine blöde Idee, es hätte 100 witzigere alternative Plotmöglichkeiten gegeben) nur so vor kitschigen Platitüden. Wie kann man bei einem so rasanten Roman eine derart sinnlose Vollbremsung machen! Fast könnte man meinen, der Geist einer grottenschlechten Bianca Schrifstellerin wäre plötzlich in Nick Hornby gefahren. Für alle, die das nicht kennen - das sind diese dünnen gebundenen Schundheftln, die früher als Frauenliteratur propagiert wurden.

 

Was für ein kitschiger Scheissdreck am Ende auf diese anfängliche wundervolle Ironie! Dem Herrn Hornby sind schlussendlich sprichwörtlich nicht nur die spitzen Zähne sondern gleich auch die messerscharfe Zunge rausgefallen. Damit der altersheimgerechte schale Brei aus Schmonzette für das gehinamputierte romantikaffine Publikum mit Realitätsverweigerung besser verdaulich ist.

 

Fazit: 2,5 Sterne aufgerundet auf 3 weil doch 250 Seiten sehr gut und nur 100 schlecht waren.

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review 2017-12-14 04:43
Bittersweet
Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry - Rachel Joyce

Die Pilgerreise des Harold Fry ist eine berührende bittersüße aber auch traurige Geschichte über ein fast vergeudetes Leben und Szenen einer sprachlosen Ehe, die durch ein Unglück und das darausfolgende Trauma quasi eingefroren ist.

Harold hat Pensionsschock - während er zu Fuß quer durch England von Süden nach Norden zu seiner krebskranken Freundin Queenie wandert und pilgert, die mit dem Sterben auf ihn warten soll, reflektiert er sein Leben: sein Versagen als Vater - er war zu zurückhaltend, hat sich nie eingebracht, weder in die Beziehung zu seinem Sohn als auch zu seiner Frau Maureen - die Kommunikationsverweigerung des Paares, die aus der Ohnmacht und der Trauer resultiert und sich derart manifestiert hat, dass die Erstarrung nahezu eingemeisselt ist. Das ist recht traurig!

Im ganzen Buch ist der Weg das Ziel, Harold wandert, denkt nach, reflektiert und wird irgendwann sogar eine kleine Berühmtheit. In diesem Abschnitt droht der Roman tatsächlich kurz ins Kitschige abzudriften, aber die Autorin kriegt sehr schnell wieder die Kurve. Denn nun transformiert sich der introvertierte Harold zum Propheten, zum Guru wider Willen, der von seinen Jüngern total missverstanden wird und diese mühsamen Menschen an der Backe hat. Sie stören ihn in seiner eigentlichen Mission, aber er kann sie natürlich nicht verraten auch wenn sie seine ureigensten Ziele uminterpretieren und ins Gegenteil verzerren. Das erinnert mich ein bisschen auch an Jesus - der, wäre er heute hier und könnte uns konfrontieren, entsetzt wäre, wie sehr seine Adepten seine Lehre und seine Ziele ins Gegenteil verzerrt haben.

Diese leise nachdenkliche Geschichte schrammt immer kurz an der Grenze zum Kitsch vorbei, schießt aber meiner Meinung nach ganz selten darüber hinaus. Am Ende zeigen sich andeutungsweise bereits erste Symptome einer Demenz und Alzheimererkrankung, die erstens einiges an Harolds Verhalten ab der Mitte der Pilgerreise erklären und dem vorläufigen Happy End zwischen Harold und Maureen einen sehr traurigen Touch verpassen, denn es wird nicht von Dauer sein.   

Einige Rezensionen, die ich vorher über dieses Buch gelesen habe, waren wenig schmeichelhaft, ich möchte hier mal eine Lanze für Harold brechen und ausnahmsweise diesen entgegentreten. Also ich finde den Vergleich des Buchs von Rachel Joyce mit Paolo Coelho (den ich bereits sehr oft niveaumäßig auf Fußknöchelhöhe bezeichnet habe) sehr gemein, denn hier gibt es nicht irgendwelche abgehobene esoterische Gleichnisse von total unrealistischen Figuren, sondern Harold, der Pensionist wie Du und ich, rollt ganz authentisch in sich zentriert sein trauriges, vergeudetes Leben auf. Natürlich ist die Geschichte etwas emotionaler als viele andere, aber das heißt ja nicht, dass Emotionen immer schmalzig sein müssen.

Auch die Forrest Gump-Analogie ist nich ganz gerecht, denn Harold ist nicht der tumbe Tor, der durch die Geschichte stolpert sondern ein extrem aktiver Verdänger, wie viele von uns. Auch dieses Treiben durch die Weltgeschichte in Form einer Pilgerreise mit einer besonderen Naivität ist meiner Meinung nach mehr den typischen britischen Gesellschaftskonventionen, immer höflich zu sein und nie anecken zu wollen und auch noch den ersten Symptomen der Demenz geschuldet, als tatsächlich der schlichten blauäugigen Einfältigkeit.  

Fazit: Also wer nichts gegen a bissi Emotionen hat, ist hier mit diesem Buch gut aufgehoben. Eines möchte ich nochmals klarstellen, die Geschichte ist meiner Meinung nach gar nicht schmalzig, und das hört Ihr von mir, bei der sich in jedem Frauenroman - wenn der Kitsch und das Schmalz oder irgendwas Romantisches kommt - normalerweise die Zehennägel schmerzhaft aufdrehen.

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review 2017-05-11 11:15
Nebbich
Der gefrorene Rabbi - Steve Stern,Friedrich Mader

Dieser Roman hat eigentlich alle Ingredienzien, die mich zu Begeisterung hinreissen könnten.

Jiddische Geschichte einer Familie quer durch die Jahrhunderte ganz so wie ich es mag, in Rückblenden a bissal polnisches Ghetto, a bissal Shoa, a bissal Auswanderung nach USA, a bissal kabbalistische Mystik versus gottloses kapitalistisches amerikanisches Judentum, a bissal Israel, Terrorismus (sorry Freiheitskampf) bei Staatengründung und Kibbutz - über mehrere Generationen verteilt. Jiddische Witze meist sexuell anzüglich bis fast schon unverschämt dreckig, ausschweifend erzählt mit Anekdöteln gespickt,  jüdisches Leiden in jeder Situation und eingeflochtene jiddische Sprach. Dazu noch ein Familienfluch und das Versprechen einer skurrilen Familiengeschichte.

Leider waren diese wundervollen Komponenten für mich im völlig falschen Mischungsverhältnis vorhanden. Die Story zog sich permanent und zäh wie Strudelteig und ich habe lange gerätselt, was mich tatsächlich so derart gestört hat bei einer für mich so perfekten Ausgangessituation: Es war  der Skurillitätszwang, den sich der Autor bei der Erzählung der jiddischen Familiengeschichte selbst auferlegt hat, der mich derart nervte. Sobald irgendwas in der Familienchronik einen Hauch von (spiessiger) Normalität versprühte, wie beispielsweise eine klassische Liebesgeschichte mit Hochzeit, normalen Kindern mit normalen Problemen und relativ normaler glücklicher Ehe wurde vom Autor sofort weggeblendet, ein paar Jahre übersprungen und das nächste Kuriosum erzählt. Somit ergab sich keine normale Familiengeschichte, sondern lediglich eine Aneinanderreihung im Kuriositätenkabinett. Ich fand den Autor einfach zu bemüht und angestrengt, sich bei all den Generationen nur die Skurillitäten herauszupicken, die mehr oder weniger doch jede Familie hat. Kuriositäten sollten wie Gewaltsszenen in einem Roman wohldosiert, in den Plot eingewebt und teilweise überraschend eingesetzt werden, sonst stumpft der Leser einfach ab und langweilt sich nur.

In die andere Richtung bin ich natürlich auch geneigt, Romane mit totalem fiktionalen Wahnwitz, der sich bei schwarzhumorigen Irrsinnspunkten ganz vorne einreiht, sehr zu schätzen zu wissen. In dem Fall war aber dann die Story eigentlich wieder viel zu normal, um in diese Kategorie zu fallen. So pendelte für mich das Werk permanent auf der Kippe zwischen Fisch und Fleisch (im Jiddischen selbstverständlich zwischen Fleisch und Milchprodukten herum). Was ich durch diese Erkenntnis aber gewonnen habe ist, dass ich verstehe, das dieses Buch sehr polarisierend rezensiert wurde, und dass es die einen lieben und die anderen hassen. Für mich war es gleichzeitig zu wenig und zuviel Skurrilität und deshalb bleibt meine Bewertung genauso wie die Geschichte auf dem Grad auf der mediokren Mittellinie.

Fazit: Nebbich mit guten Ansätzen hätte 2 komplett unterschiedliche gute Romane ergeben können.

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review 2017-01-17 09:28
Familienleben mit Demenz
Der alte König in seinem Exil - Arno Geiger

Das unangenehme Thema des Alterns, der Demenz bzw. Alzheimer wird in unserer dem Jugendwahn frönenden Gesellschaft meiner Meinung nach in der Literatur abseits von spezialisierten Sachbüchern viel zu wenig thematisiert, insofern ist das Buch von Arno Geiger, bereits bevor man eine Seite gelesen hat, eine erfreuliche Ausnahme.

Ich hatte ja bisher so meine Probleme mit dem Autor, da er mir in seinen früheren Werken einfach keine relevanten Geschichten erzählt hat, dies aber sprachlich hervorragend arrangiert.

Dieses Buch ist jedoch total anders und ich bin so froh, dass ich ihm eine weitere Chance gegeben habe! Es rührte mich fast zu Tränen, wie persönlich, ehrlich und intim Geiger über die Alzheimererkrankung seines Vaters und die gemeinsame Beziehung schreibt, das war so wundervoll und großartig. In der Krankheit und in der dementen Person nicht nur eine fürchterliche Bürde – was sie auch definitiv ist und was in diesem Roman auch nicht verheimlicht wird – sondern auch eine Chance zu sehen, die nicht gerade gelungene Vater-Sohn-Beziehung neu zu entwickeln, finde ich berührend. Der Vater wird nicht nur über den Verlust der Fähigkeiten definiert, sondern auch über die durch die Demenz verursachte Herauskristallisierung von alten Stärken, die durch das bisherige Leben verschüttet waren. Ich glaube so eine Sichtweise hilft allen Beteiligten, obwohl Geiger selbstverständlich darauf hinweist, dass alle Demenzerkrankungen höchst unterschiedlich verlaufen, und ein solcher Umgang und die damit einhergehenden Chancen nicht generalisierbar sind.

    „Das Leben ist ohne Probleme auch nicht leichter“. Witz und Weisheit des August Geiger. Schade nur, dass die Sprache langsam aus ihm heraussickert, dass auch die Sätze, bei denen einem vor Staunen die Luft wegbleibt, immer seltener werden. Was da verlorengeht, das berührt mich.

    Es ist, als würde ich dem Vater in Zeitlupe beim Verbluten zusehen. Das Leben sickert Tropfen für Tropfen aus ihm heraus. Die Persönlichkeit sickert Tropfen für Tropfen aus der Person heraus. Noch ist das Gefühl, dass dies mein Vater ist, der mitgeholfen hat, mich großzuziehen, intakt. Aber die Momente, in denen ich den Vater aus früheren Tagen nicht wiedererkenne, werden häufiger, vor allem abends.

    Die Abende sind es, die einen Vorgeschmack auf das liefern, was bald auch der Morgen zu bieten haben wird. "


Durch die Aufarbeitung und erstmalige Thematisierung der Vergangenheit des Vaters und seiner Familiengeschichte quasi mitten in der Demenz – also viel zu spät – versucht Geiger das gleichgültige Verhältnis der beiden zueinander zu verändern und zu verstehen, warum der Vater nie irgendwie Position bezogen und als Reibebaum für seinen Sohn fungiert hat.

  "Wir hatten nie etwas anderes als beiläufige Gespräche geführt. Er hat mich nie ins Gebet genommen, mir nie Ratschläge erteilt. Ich kann mich an keinen Vortrag von pädagogisch relevantem Inhalt erinnern. Sein bevorzugtes Metier waren Bemerkungen über das Wetter und die Bewegungen der Landschaft.“

Diesen Fehler macht übrigens der Autor auch, was psychologisch sehr nachvollziehbar und verständlich ist, mich aber trotzdem ein ganz kleines bisschen gestört hat. Immer wenn Arno Geiger etwas zu nahe geht, wird er beiläufig, um sich abzugrenzen und abzuschirmen. Das beginnt mit beiläufigen Verwandtengeschichten, die dann einfach plötzlich eingestreut erzählt werden, obwohl sie mit der Familiengeschichte im Kern überhaupt nichts zu tun haben, und endet mit beiläufigen Kommentaren von irgendwelchen anderen Alzheimer-Patienten, die auch in keinem Bezug zu August Geiger stehen. Ich hätte mir gewünscht, dass er die Zähne zusammengebissen hätte und beim Kernthema Krankheit des Vaters, Vater-Sohn Beziehung und Vergangenheit des Vaters geblieben wäre, ohne abzuschweifen.

Das allerletzte Ziel des Buches, nicht einen Roman über den sterbenden August Geiger zu schreiben, sondern einen über den lebenden bzw. sehr lebhaften Demenzkranken, wurde meiner Meinung nach ausgezeichnet erfüllt und hat mir ausnehmend gut gefallen.

Fazit: Ein grandioses Thema, eine sehr gute Geschichte, sprachlich wundervoll umgesetzt und somit eine absolute Leseempfehlung von mir.

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