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review 2020-05-18 08:24
Wie wirklich ist die Wirklichkeit?
Nach einer wahren Geschichte: Roman - Delphine de Vigan,Doris Heinemann

Vor meiner Autorinnenchallenge, die ich 2017 startete, hatte ich zeitgenössische französischsprachige Schriftstellerinnen gar nicht auf dem Schirm, was sich für mich persönlich als kapitaler Fehler herausstellte. Mittlerweile habe ich diese eklatante Bildungslücke ein bisschen mit Nothomb und Despentes repariert und wollte mich ob meiner bisherigen begeisterten Eindrücke in nächster Zeit Delphine de Vigan zuwenden. War ich also bisher schon höchst angetan, bin ich nun von diesem Werk total hingerissen, völlig von den Socken. Bei all dem Hervorragenden, was ich bisher in dieser Literaturabteilung erlebt habe, sticht dieser Roman nochmals aus den ganzen Juwelen heraus – für mich fast schon der Kohinoor der 1A-Diamanten. Wer meine bisherigen Rezensionen kennt, weiß, dass ich mich selten vor Begeisterung überschlage, weil ich in ausgezeichneten Romanen immer noch ein kleines Haar in der Suppe finde, insofern zählt nun diese Einschätzung doppelt.

 

Also was bietet diese unmittelbar vom Standpunkt der Ich-Erzählerin geschilderte Geschichte eigentlich? Sprachlich wundervoll konzipiert ist sie vordergründig ein Psychogramm, das die Beziehung einer Schriftstellerin zu ihrem weiblichen Psychopathen-Stalker-Fan beleuchtet, jedoch steckt noch so viel mehr hinter dieser Story, das ich mir nie hätte träumen lassen. Sorry, dass ich diesmal inhaltlich auch etwas spoilern muss, aber anders kann ich meine Begeisterung einfach nicht begründen, also wer jetzt schon restlos überzeugt ist und sich die Überraschung nicht verderben möchte, sollte ungefähr nach dem nächsten Absatz zu lesen aufhören.

 

Der ganze Plot hat ursprünglich was von Stephen Kings Misery (She), wurde aber viel subtiler und weniger gewalttätig konzipiert. Die Figur der Autorin Delphine de Vigan versucht nach ihrem letzten, sehr erfolgreichen Roman wieder die Kraft aufzubringen, sich einem neuen Thema und Projekt zuzuwenden. In diesem geplanten Intermezzo zwischen zwei arbeitsintensiven Phasen lernt sie ihren weiblichen Fan L. kennen, der sich Schritt für Schritt ganz gemächlich in ihr Leben schleicht und im Prinzip alles übernimmt. Ganz leise und unterschwellig bedient die kluge, wunderschöne, sehr selbstbewusste L. die Ängste und Unsicherheiten der Schriftstellerin Delphine und fördert sie zutage, ohne in der ersten Phase übergriffig zu agieren. Durch den hintergründig aufgebauten Druck verursacht L. bei der Protagonistin eine veritable Schreibblockade. So ganz nebenbei wird hier erstmals dem Leser auch ein ganz tiefer, großartiger Einblick in den Schreibprozess und in die kreativen Kalamitäten gegeben, in die eine Schriftstellerin geraten kann, nachdem sie einen Bestseller gelandet hat und eigentlich gezwungen ist, auch das nächste Mal annähernd dieselbe Qualität wie beim letzten Meisterwerk abzuliefern. Das hat mich frappant an den Sänger Falco erinnert, der unmittelbar an dem Tag, als er als erster deutschsprachiger Sänger die Nummer 1 in den amerikanischen Billboard Charts erreichte, anstatt zu feiern todunglücklich reagiert hat und mit dem Ausspruch „Ab jetzt kann es nur mehr bergab gehen“ in die Musikgeschichte einging.

Das Schreiben muss eine Suche nach der Wahrheit sein, sonst ist es nichts. Wenn du dich durch das Schreiben nicht kennenzulernen versuchst, wenn du in dir nicht nach dem gräbst, was in dir wohnt, was dich ausmacht, wenn du nicht die Wunden wieder aufreißt, wenn du nicht mit den Händen wühlst und kratzt, wenn du deine Person, deine Herkunft, dein Milieu nicht in Frage stellst, hat es keinen Sinn. Schreiben gibt es nur als Schreiben über sich. Das Übrige zählt nicht.

Nach und nach steigert die Psychopathin L. die Intensität der Interventionen. Sie trennt schrittweise die Figur Delphine von ihrer Umwelt und den Freunden (der Herde), um sie ganz vereinnahmen und besitzen zu können. Dabei vermeidet es L. aber geschickt, einen direkten Kontakt zu Delphines Umfeld aufzubauen, sie agiert immer im Hintergrund. L. bedient in diesem grandiosen Psychogramm vor allem die Ängste der Autorin bezüglich der Schreibblockade, um dann als Retterin aufzuschlagen, indem sie sogar beruflich für die Schriftstellerin einspringt, ihre Korrespondenz erledigt, Absagen erteilt, Vorworte und kleine Texte für andere Autoren verfasst, um Abgabeterminverschiebungen ersucht und Lesungen absolviert. Mittlerweile hat sich L. auch optisch enorm der Protagonistin angenähert und ist sogar bei ihr eingezogen – selbstverständlich nicht unter Zwang, aber Delphine sah sich im Rahmen der Freundschaft moralisch genötigt, L. in einer Notlage zu unterstützen. Alle Autonomiebestrebungen und Versuche, den neuen Roman zu beginnen, zertrümmert L. mit ganz hinterlistigen, viel zu hoch geschraubten Qualitätsansprüchen, die der selbstkritischen Delphine das Gefühl der Unfähigkeit geben. Nach einer Weile ist Delphine so verunsichert, dass sie nicht mal mehr einen Einkaufszettel schreiben kann. Sie spricht auch aus Scham nicht mit ihrem Umfeld über ihre Probleme, einzig L. ist ihre Komplizin in ihrem massiven persönlichen Versagen, dieser Schreibblockade.

Manchmal kommt mir das etwas abgenutzte Bild einer Spinne in den Sinn, die geduldig ihr Netz webt, oder eines Kraken, der mich mit seinen vielen Fangarmen unschlossen hätte. Aber es war etwas anderes. L. war eher eine leichte, durchscheinende Qualle, die sich auf einen Teil meiner Seele gesetzt hat. Die Berührung hat eine Verbrennung hinterlassen, die aber mit bloßem Auge nicht zu erkennen war. Diese Spur ließ mir scheinbar volle Bewegungsfreiheit. Doch mich band viel mehr an sie, als ich mir hätte vorstellen können.

Mehrmals versucht die Protagonistin, die selbstreflektiert natürlich diese ganze ungesunde Umklammerung ihrer Persönlichkeit ziemlich punktgenau analysiert, sich aus dieser Situation zu befreien. Sie probiert, sich zuerst emotional abzugrenzen und trennt sich schließlich von L., indem sie sie aus der Wohnung und aus ihrem Leben weist. Das ganze Szenario eskaliert dann aber trotzdem nach einem Beinbruch, als die Autorin erneut die Hilfe von L. annimmt und im abgeschiedenen Wochenendhäuschen von Delphines Freund Francois – aufgrund des Trümmerbruchs nun auch noch körperlich sehr immobil – dieser Psychopathin vollends ausgeliefert ist. Nun zeigt sich L.s wahres Gesicht. Sie sperrt Delphine ein und vergiftet sie wochenlang schleichend, um sie total unter Kontrolle zu bringen.

 

Nach einer sehr spektakulären Flucht glaubt man als Leser*in im Finale der Geschichte angekommen zu sein. Aber weit gefehlt! Nun spielt nicht die Figur, sondern die Autorin De Vigan mit der Realität und der Wahrnehmung. Könnte es sein, dass L. gar nicht existiert hat? Dass die Figur nur eine fiktive Manifestation der psychischen Probleme und der Schreibblockade der Protagonistin ist? Viele, zuvor als unwiderrufliche Fakten präsentierte Episoden könnten auch anders interpretiert werden, denn L. ist Delphines Freunden nie begegnet und ihre Spuren hat sie offensichtlich auch noch restlos beseitigt. Abschließend wird noch etwas Grandioses thematisiert. Wie viel der Protagonistin Delphine ist der Autorin de Vigan tatsächlich passiert? Gekonnt wird mit den Gegensätzen von Wahrheit (Biografie) und reiner Fiktion in der Literatur jongliert und beides ineinander aufgelöst. Wieviel Wahrheit und Wahrhaftigkeit des Lebens von Autor*innen ist in reiner fiktionaler Literatur vorhanden und wie wahr beziehungsweise geschönt ist Biografisches – oder ist es fast gleich? Das ganze Buch kokettiert ja zwangsläufig mit dieser Frage, selbst mein Mann dachte beim ersten Blick auf den Roman, es sei eine Biografie, dabei ist Nach einer wahren Geschichte nur der Titel und nicht die Beschreibung des Werks.

 

Fazit: Absoluter Buchstoffhöhepunkt 2020! Einzigartig! Ein Teil Thriller, viel Psychologisches und Philosophisches in einer sprachlich grandiosen fiktionalen Geschichte (oder auch nicht?) verpackt. Dieses Werk ist so wundervoll vielschichtig und nicht nur vordergründig, sondern auch auf einer Metaebene so spannend, dass ich eben nur noch hingerissen war.

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review 2019-08-07 10:35
Intimes, präzises Porträt eines umstrittenen, zerrissenen Staates
Breaking News - Frank Schätzing

Man kann über den deutschen Autor Frank Schätzing sicher vieles schreiben. Über seine Karriere in der Werbebranche, seinen explosiven Erfolg mit seinem Wissenschaftsthriller „Der Schwarm“, den ich während des Erdkundeunterrichts heimlich unter dem Tisch las, über seine Ausflüge in die Schauspielerei und über sein Werken als Musiker. Alles interessant, aber längst nicht so spannend wie sein Einsatz als Unterwäschemodel für die Marke Mey im Jahre 2009. Als ich über diese Info stolperte, ist mir wirklich die Kinnlade runtergefallen. Die Fotos, geschossen von der Fotografin Gabo, sind ästhetisch und Schätzing, damals 52, ist durchaus attraktiv, doch es wundert mich. Schriftsteller_innen neigen ja eher selten zur Selbstinszenierung. Seiner Glaubwürdigkeit schadete dieses Projekt trotzdem nicht, denn auch sein 2014 erschienener politischer Thriller „Breaking News“ eroberte Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste.

 

Vor drei Jahren war Tom Hagen der gefeierte Star des Kriegs- und Krisenjournalismus. Kein Konflikt war ihm zu gefährlich, kein Schützengraben zu tief, kein Risiko zu gewagt. Überall auf der Welt fand man ihn an vorderster Front. Doch 2008 ging er zu weit. In Afghanistan verlor er alles. 2011 ist Hagen ein Schatten seines früheren Ichs und sucht verzweifelt nach der einen bedeutenden Story, die seine Karriere wieder in Schwung bringt. Verbittert und von Selbstvorwürfen zerfressen strandet er in Israel. Kurz nach seiner Ankunft in Tel Aviv bietet sich ihm eine einmalige Gelegenheit: Im Untergrund sind geheime Dokumente des Inlandgeheimdienstes Schin Bet aufgetaucht. Hagen erkennt sofort, dass der brisante Stoff den nächsten großen Knüller verspricht. Aber was sein fulminantes Comeback werden sollte, entwickelt sich schnell zu einem mörderischen Katz-und-Maus-Spiel. Hagen stößt auf eine Verschwörung, die die Grundfesten des Staates in Frage stellt – und auf die tragische Geschichte einer Familie, in der das Herz Israels schlägt.

 

„Breaking News“ ist ein Meisterwerk. Der Rechercheaufwand, der für diesen Roman nötig war, sprengt jegliche Vorstellungskraft. Frank Schätzing konzipierte nicht einfach einen Thriller, der vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts spielt, er schildert auf 955 Seiten die gesamte Historie des Staates Israel von dessen inoffizieller Gründung unter britischem Mandat bis in die Gegenwart und ergänzt diese um einen Agententhriller. Tatsächlich erfasst die Bezeichnung „Thriller“ meiner Ansicht nach gerade mal einen Bruchteil dieses Buches. Schätzing arbeitet mit zwei Zeitlinien: eine beginnt 1935, als Israel noch eine Idee war und fokussiert die Familie Kahn, die eng mit dem Nachbarsjungen Arik befreundet ist, der Jahrzehnte später als Ariel Scharon Geschichte schreiben wird; die zweite folgt dem Kriegsjournalisten Tom Hagen von 2008 bis ins Jahr 2011, in dem die Linien letztendlich aufeinandertreffen. Vergleiche ich die prozentualen Anteile und die inhaltliche Bedeutsamkeit der beiden Handlungsstränge, qualifizieren sich die Erlebnisse des mir gänzlich unsympathischen Tom Hagens lediglich als durchschaubarer Aufhänger, der es Schätzing ermöglichte, Israels komplizierte, schmerzhafte Geschichte detailliert aufzurollen. Er ist ein nebensächlicher Protagonist, weshalb meine Antipathie nicht von Belang war. Ich denke, der Autor wollte mit „Breaking News“ ein intimes, präzises Porträt Israels und dessen tiefer innerer Spaltung vornehmen. Es ist ihm geglückt. Mein Verständnis für dieses zerrissene, umstrittene Land wuchs während der Lektüre außerordentlich. Noch immer kann ich Israels aggressive Politik nicht gutheißen, aber ich begreife sie jetzt. Ich kann das ausgeprägte, beinahe paranoide Sicherheitsbedürfnis und die religiös motivierte Überzeugung, die allen Siedlungsbeschlüssen zugrunde liegen, nachvollziehen. Ich erkannte, dass Israels Gründung und Expansion Ausdruck der unerfüllten Sehnsucht nach einer gemeinschaftlichen jüdischen Volksidentität sind. Dank der Implementierung der fiktiven Familie Kahn, die mich durch Israels Vergangenheit leiteten, lernte ich die Wünsche, Ängste, Sorgen und Träume mehrerer Generationen kennen und durfte den emotionalen, mentalen und politischen Zustand der Bevölkerung greifbar erleben. Obwohl reale historische Persönlichkeiten unvermeidlich auftauchen, bleiben es diese Einzelschicksale, die die Handlung bestimmen. Ich empfand „Breaking News“ daher nicht als sachliche Geschichtsstunde, sondern als eine intensive Leseerfahrung, für die ich gern die notwendige immense Geduld aufbrachte.

 

„Breaking News“ ist ein geniales Buch, für das Frank Schätzing weit über das übliche Maß der Recherche hinausging. Ich bewundere, dass er fähig war, die komplexe Historie Israels aufzuschlüsseln und zusammenzufassen, zu entscheiden, welche Ereignisse bedeutsam waren und welche nicht. Dennoch kann ich keine Höchstwertung vergeben. Ich bin skeptisch, ob Schätzing nicht etwas viel von seinen Leser_innen verlangt. Die geballte, komprimierte Informationsflut ist in ihrem Umfang sehr schwer zu verarbeiten, trotz seines verdaulichen Schreibstils. Man kann sich nicht alles merken, schon gar nicht, wenn man sich wie ich mit den Feinheiten des Nahostkonflikts nicht bereits auskennt. Es ist einfach zu viel. Nach der Lektüre war mein Kopf wie leergefegt, ich war schlicht überfordert mit der Menge des Inputs und selbst beim Schreiben meiner Rezensionsnotizen musste ich mich anstrengen, meine schlüpfrigen Gedanken zu fassen, weil sie immer wieder wegzurutschen und in weißem Rauschen zu versinken drohten. Ich habe unheimlich viel über Israel gelernt, aber ich bezweifle, dass ich mich in einem Jahr noch an alle wichtigen Punkte erinnern werde. Will Schätzing mit „Breaking News“ hingegen primär für die israelische Geschichte sensibilisieren, erreichte er dieses Ziel bei mir. Der Nahe Osten ist ein Pulverfass – jetzt weiß ich, warum.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2019/08/07/frank-schaetzing-breaking-news
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text 2019-07-14 10:04
Reading progress update: DNF at page 103
Die Geschichte der Bienen (Klimakvartetten #1) - Ursel Allenstein,Maja Lunde

I just decided to DNF this book. Nothing in this novel makes me want to pick it back up again.

I´m sure that a lot pf people might find this book interesting, I am just bored stiff by it. And I don´t want to spend another 400 pages being bored.

 

And I just realized that this is book no. 6 that I DNFd during this game. 

 

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review 2019-04-08 15:34
Krieg und Frieden beim russischen Landadel
Es ist uns alles nur geliehen - Ursula Cerha

Die Chronik der Familie Kign aus Weißrussland ist zwar vom Plot her nicht besonders außergewöhlich innovativ konzipiert, sondern eine ganz normale Familienbiografie, und auch die Sprachfabulierkunst hat mich nicht unbedingt vom Hocker gerissen, dennoch ist sie einzigartig und empfehlenswert, da sie ziemlich genial in historische Ereignisse vor allem zur Zeit der russischen Revolution eingebettet ist und so en passant ein paar historische Details enthüllt, die wir in der Schule mehr oder weniger schon gelernt, aber nie so betrachtet haben.

 

Die Story aus Weißrussland beginnt in Österreich und rollt die Familienchronik über mehrere Generationen in Rückblenden auf. Die Kigns, väterlicherseits ein bisschen deutschstämmig, zählen zum russischen Landadel, sind aber wesentlich bodenständiger als Dostojewskis nutzlos philosophierende, hedonistische, ohne Geld kaum lebensfähige und mit dem Schicksal hadernde todunglückliche Figuren. Sie arbeiten und organisieren die Landgüter, kümmern sich recht fair um die freien Bauern und Angestellten, leben, lieben und leiden wie andere auch, aber nicht so dramatisch und mäandernde Sprache absondernd wie beim Altmeister der russischen Dichtung. Die Kigns sind fleißig, arbeiten selbst, machen sich die Hände schmutzig, haben unternehmerisches und politisches Talent und sind geerdet. Sie sind gegen den Autokratismus des neuen Zaren Nikolaus eingestellt, für die parlamentarische Monarchie und treiben die lokale Selbstverwaltung der Bauern im Rahmen von Semstwos voran. Der jüngere Sohn Alexej mit dem unternehmerischen Händchen und dem Talent für Lokalpolitik übernimmt den Bauernhof, Vladimir sein älterer Bruder ist als Journalist, Dichter, Richter und Revisor tätig. Mit 19 Jahren muss Alexejs Sohn Dimitri das Gut und die Unternehmen übernehmen, da sein Vater bei einem Unfall stirbt.

 

Dann kommen dem gemächlichen Fluss der Familiengeschichte zuerst der erste Weltkrieg und anschließend die Russische Revolution in die Quere. Sehr klar werden die wirklichen Motive Lenins und der gewaltbereiten Kader der Bolschewiken dargelegt, die nur auf Zerstörung aus waren. Selbst der ursprüngliche Sympathisant Gorki musste letztendlich erkennen:

Russland bedeutete dem „Weltverbesserer“ Lenin nichts, es war bloß ein Experimentierfeld für seine geplante Weltrevolution. Und: Für diese Utopie opfern die Bolschewiki das ganze Land. Mit tausenden von Leben und Strömen von Blut muss das Volk für deren Verbrechen bezahlen.

Dies ging sogar so weit, dass die Bolschewiki unbedingt eine Situation von Armut, Hunger und Verwirrung stiften mussten. Sie nahmen den Bauern nicht nur alle Lebensmittel ab, sondern auch das Saatgut, brannten die Häuser nieder, plünderten und verwüsteten die Felder, um eine Hungerkatastrophe zu provozieren.

Da verwundert es nicht, dass die Feinde, Österreicher und Deutsche, die auch zwischenzeitlich in Weißrussland einmarschierten, aber an der Effizienz der Landwirtschaft als Kornlieferant interessiert waren, wie Freunde empfangen wurden, da sie die ansässige Bevölkerung von Gräueltaten verschonten.

Es ist schrecklich und eine Schande, dass wir unsere Feinde wie Befreier erwarten.

So schlägt sich die Familie durch die Wirren der Revolution, wird von Schicksalschlägen heimgesucht, versucht mit Mut, Verhandlungsgeschick, Klugheit, Sturheit zu überleben und irgendwie zusammenzubleiben (oft auch vergeblich) und die Überlebenskünstler unter ihnen wandern von 1924 – 1926 allmählich nach Österreich aus.

 

Ursula Cerha hat für dieses Buch genaue Recherchen in den Archiven von St. Petersburg und Minsk unternommen, die historischen Ereignisse, sowohl die großen politischen Umbrüche, als auch die kleinen lokalpolitischen Fakten sind also in keinster Weise fiktiv. Schade ist eigentlich, dass die Familienchronik mit den ausgewanderten Schwestern endet und keinen Bezug bis in die Gegenwart zur Autorin und ihrer Familie mütterlicherseits herstellt (dies erfährt der Leser nur aus dem Klappentext). Da bleibt dann eine Lücke, quasi ein schwarzes Loch im Familienstammbaum. Es ist, als würde sich die Autorin als Erzählerin von ihrer eigenen Vergangenheit distanzieren, sie versucht sich fälschlich, als anonyme unbeteiligte Beobachterin zu installieren, indem sie alle Verbindungen kappt. Hier fehlt mir persönlich einfach der wesentliche Bezug.

 

Leider muss ich auch das Lektorat des Verlages kritisieren. Ich suche nicht wirklich nach Fehlern, und Ihr mögt mich vielleicht für einen orthografiezwangsgestörten Monk halten, aber mehr als zwei Fehler, die mir ins Auge springen, sind einfach zu viel. Umbruchfehler die am Satzanfang ein Wort stehenlassen, Wörter mit fehlenden Buchstaben am Satzanfang … da verlange ich in einer popeligen Masterthese mit der Auflage von 5 Stück mehr Genauigkeit, als der Verlag an den Tag legt.

 

Fazit: Lesenswert! Eine gute solide Familiengeschichte mit großartigen historischen Bezügen zu einem Land und einer Revolution, von der zumindest ich noch nicht so viele Details gehört habe.

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text 2019-01-04 18:55
Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen - Yuval Noah Harari,Andreas Wirthensohn

“War menschliche Gewalt in antiken Agrargesellschaften noch für 15 Prozent aller Todesfälle verantwortlich gewesen, so sank dieser Wert im Laufe des 20. Jahrhunderts auf fünf Prozent und liegt Anfang des 21. Jahrhunderts weltweit bei nur noch einem Prozent. [...] Wenn Regierungen, Unternehmen und Privatleute an ihre unmittelbare Zukunft denken, dann ist für viele zum ersten Mal in der Geschichte Krieg kein wahrscheinliches Ereignis. Die Atomwaffen haben einen Krieg zwischen Supermächten zu einem wahnsinnigen Akt kollektiven Selbstmords gemacht und deshalb die mächtigsten Nationen auf Erden dazu gezwungen, nach anderen, friedlichen Formen der Konfliktlösung zu suchen.”

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