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text 2017-04-19 10:51
Das Zeugnis eines gebrochenen Mannes
De Profundis - Oscar Wilde

Dies ist keine gewöhnliche Rezension. Vielleicht ist euch bereits aufgefallen, dass ich dieses Mal auf eine Sternevergabe verzichtet habe. Ich habe diese Entscheidung getroffen, weil ich glaube, dass „Epistola in Carcere et Vinculis“ oder auch kurz „De Profundis“ von Oscar Wilde es nicht verdient, mit einer plumpen Sternenanzahl beurteilt zu werden. Bei dem Text handelt es sich um einen Brief von etwa 50.000 Worten, den Wilde während seiner Zeit im Zuchthaus von 1895 bis 1897 an seinen ehemaligen Liebhaber Lord Alfred Bruce Douglas schrieb. Wie anmaßend wäre es, ein Schriftstück bewerten zu wollen, in dem ein verzweifelter Mann sein Innerstes nach außen kehrte und niederschrieb, was ihn bewegte?

 

Daher habe ich beschlossen, von der gewohnten Struktur meiner Rezensionen Abstand zu nehmen und diesen berührenden Brief vollkommen eigenständig zu besprechen. Es ist kein Roman. Es ist keine Geschichte, obwohl der Text durchaus eine Geschichte erzählt. Ich kann meine üblichen Maßstäbe hier nicht anlegen. Stattdessen möchte ich euch zuerst die historischen Fakten darlegen, bevor ich erkläre, wie „De Profundis“ auf mich wirkte und welche Schlussfolgerungen ich daraus ziehe. Es ist das tragische Zeugnis eines gebrochenen Mannes, das ihr ohne Kontext nicht verstehen werdet. Ich war entsetzt, was aus dem ehemals erfolgreichen Autor Oscar Wilde geworden war.

 

 

Oscar Wilde ging stets recht offen mit seiner Homosexualität um. Obwohl er verheiratet war und mit seiner Frau Kinder gezeugt hatte, machte er nie einen Hehl daraus, dass er sich zu Männern sexuell und emotional hingezogen fühlte. Er arbeitete seine persönlichen Vorlieben in seine Werke ein, die nachweislich homoerotische Unterströmungen beinhalten. Trotz dessen wäre er vielleicht nie im Gefängnis gelandet, hätte er im Juni 1891 nicht die Bekanntschaft von Lord Alfred Bruce Douglas gemacht. Die Details ihres Kennenlernens konnte ich leider nicht herausfinden, in „De Profundis“ deutet Wilde allerdings an, dass Douglas sich als Oxford-Student mit einem Problem an ihn wandte und um Hilfe bat. Die beiden Männer trennte ein Altersunterschied von 16 Jahren; 1891 war Wilde 37, Douglas – genannt Bosie – 21 Jahre alt. Sie waren ein halbes Jahr befreundet, bevor sie eine Liebesbeziehung eingingen. Diese hatte anfangs wohl eine sexuelle Komponente, Wilde und Douglas berichteten jedoch beide, dass diese nur kurz währte und ihre Affäre fortan rein emotionaler Natur war.

 

Die Beziehung zwischen Wilde und Douglas war turbulent und dramatisch. Sie stritten oft, hauptsächlich wegen der ungeheuren Summen, die der vergnügungssüchtige Douglas täglich verprasste. Er war es auch, der Wilde in die geheime Welt der männlichen Prostituierten einführte. Er ließ sich wie selbstverständlich von seinem älteren Liebhaber aushalten und pflegte einen extravaganten Lebensstil, den der aus dem Bürgertum stammende, disziplinierte Autor nur schwerlich nachvollziehen konnte. Obwohl Oscar Wilde öffentlich als Bon-Vivant und Dandy bekannt war, nahm er seine Arbeit sehr ernst und zeigte sich hinsichtlich seiner Texte als unverbesserlicher Perfektionist.

 

Douglas‘ Leben war allzeit von dem schwierigen, konfliktbelasteten Verhältnis zu seinem Vater, dem 9. Marquis von Queensberry, geprägt. Dieser hatte seinem flatterhaften Sohn stets jegliche Anerkennung verwehrt und war demzufolge höchstwahrscheinlich indirekt dafür verantwortlich, dass Douglas sich auf eine Beziehung zu einem deutlich älteren Mann einließ. Daddy Issues aus dem Lehrbuch. Der Marquis vermutete, dass zwischen Wilde und Douglas mehr als eine Freundschaft existierte und verlieh seinem Verdacht 1895 Ausdruck, indem er seine Visitenkarte im Albemarle Club (ein Etablissement, das Wilde oft besuchte) hinterließ, die er mit der beleidigenden Aufschrift „Für Oscar Wilde / posierenden Sodomiten“ („For Oscar Wilde posing Somdomite [sic!]“) versehen hatte. Von selbst hätte Wilde auf diese Beschimpfung möglicherweise nicht reagiert, er ließ sich jedoch von Douglas zu einer Verleumdungsklage drängen, entgegen des Rats seiner Freunde. Douglas war entzückt von der Vorstellung, seinem Vater eins auswischen zu können und scheute sich nicht, seinen Liebhaber für seine Rache einzuspannen. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Als Beklagter fiel es dem Marquis zu seiner Verteidigung zu, den Wahrheitsgehalt seiner Beschuldigung zu beweisen. Das Blatt wendete sich, Wilde wurde vom Kläger zum Angeklagten und musste sich plötzlich selbst verteidigen. Er wurde verhaftet und wegen Unzucht angeklagt. Er verlor den Prozess. Am 25.05.1895 wurde er zu 2 Jahren Zuchthaus und schwerer Zwangsarbeit verurteilt. Eine Flucht aus England lehnte er ab. Paradoxerweise war es nicht Wildes Verhältnis zu Douglas, das ihm zum Verhängnis wurde, sondern sein Umgang mit männlichen Prostituierten, die als Zeugen gehört worden waren. Douglas hingegen kam straffrei davon, weil eine Prüfung die Geringfügigkeit seiner sittlichen Vergehen feststellte.

 

Zu Beginn seiner Strafe war Oscar Wilde im Londoner Zuchthaus Wandsworth untergebracht, wurde allerdings am 20.11.1895 nach Reading überführt, wo er den Großteil seiner Strafe abbüßte. Noch im Gefängnis wurde er enteignet, weil er die Prozesskosten nicht tragen konnte und durch den Marquis von Queensberry als bankrott erklärt.
Wilde erholte sich von seiner Inhaftierung nie mehr. Seine Gesundheit hatte unter den menschenunwürdigen Bedingungen im Zuchthaus schwer gelitten. Nach seiner Entlassung 1897 traf er sich noch einmal mit Alfred Douglas. Gemeinsam verbrachten sie einige Wochen in Neapel, bis sie ihre verhängnisvolle Beziehung endgültig beendeten. Danach floh er ins Exil nach Paris und lebte dort verarmt und isoliert. Er schrieb außer „Die Ballade vom Zuchthaus zu Reading“ nichts mehr. Freunde, die ihn besuchten, beschrieben ihn als vereinsamt und niedergeschlagen. Er starb 3 Jahre später am 30.11.1900, wahrscheinlich an Syphilis, obwohl eine Theorie südafrikanischer Wissenschaftler behauptet, sein Tod sei von einer schweren Hirnhautentzündung verursacht worden. Er hatte seine Heimat Britannien nach seiner Flucht nie wieder betreten.

 

„De Profundis“ entstand während Wildes Zwangsaufenthalt in Reading. Er durfte ihn nicht abschicken, es wurde ihm jedoch gestattet, den Brief bei seiner Entlassung mitzunehmen. Er übergab ihn seinem Lektor, Freund und ehemaligen Liebhaber Robert Baldwin Ross, der ihn aufbewahren und eine Kopie an Alfred Douglas schicken sollte. Douglas bestritt, den Brief je erhalten zu haben. Ob das der Wahrheit entspricht, ist bis heute nicht geklärt.
Veröffentlicht wurde das Werk posthum; die erste, gekürzte Ausgabe erschien im Februar 1905 bei S. Fischer in Berlin und etwa zwei Wochen später in England. Die vollständige, korrekte Version erblickte erst 1962 das Licht der Welt, in dem Band „The Letters of Oscar Wilde“. Das Originalmanuskript wird im British Museum verwahrt.

 

Ich persönlich vertrete die Meinung, dass Alfred Douglas den an ihn adressierten Brief sehr wohl erhielt. Robert Ross hätte Wildes Wunsch nicht ignoriert, da bin ich sicher. Ich denke, Douglas glaubte, einfach so tun zu können, als hätte ihn „De Profundis“ nie erreicht, um sich nicht öffentlich mit dessen Inhalt auseinandersetzen zu müssen. Die Veröffentlichung des Textes machte ihm dann natürlich einen Strich durch die Rechnung. Statt demütig seine Fehler einzugestehen, teilte Douglas aus und äußerte sich oft abfällig und beleidigend über Oscar Wilde. Er gab später zu, dass seine Wut auf „De Profundis“ zurückging und bedauerte sein Benehmen. Selbstverständlich war sein Verhalten falsch, aber ich verstehe ihn. Ich verstehe, dass Douglas fuchsteufelswild war, weil die intimen Bekenntnisse seines ehemaligen Geliebten nun öffentlich zugänglich waren. Die Dinge, die Wilde schrieb… ganz ehrlich, so etwas würde ich auch nicht über mich und eine vergangene Beziehung veröffentlicht sehen wollen.

 

In „De Profundis“ rechnet Oscar Wilde mit seinem Verhältnis zu Alfred Douglas und seinem eigenen Leben ab. Er führt bis ins kleinste Detail auf, wann und inwiefern sich Douglas seiner Meinung nach falsch und verletzend aufführte. Er zeichnet das Bild eines Parasiten, der immer nur nahm, ohne jemals zu geben. Er schildert Szenen ihrer Beziehung, ihres gemeinsamen Lebens in allen Einzelheiten und geht hart mit Douglas ins Gericht. Tatsächlich hatte ich den Eindruck, dass Douglas keine einzige positive Eigenschaft besaß. Durch Wildes Aussagen erschien er mir extrem unsympathisch: anstrengend, melodramatisch, undankbar, egoistisch und launisch. Mir ist natürlich bewusst, dass diese Charakterbeschreibung vollkommen subjektiv ist und nur eine Seite der Realität darstellt. So eingängig und nachvollziehbar Wilde seine Gefühle wiedergibt, bleibt doch eine Frage bestehen – wieso trennte er sich nicht von Douglas, wenn ihm dessen Gesellschaft persönlich und professionell schadete?

 

Wilde bietet auf diese Frage eine Antwort. Er betont, dass er durchaus wiederholt versuchte, ihre Beziehung zu beenden, es aber einfach nicht schaffte. Douglas stahl sich immer wieder in sein Leben und war sich nicht zu schade, dafür die Hilfe seiner eigenen Mutter oder der Freunde und Familie seines Liebhabers in Anspruch zu nehmen. Ich gestehe, diesbezüglich fehlt mir ein wenig historisch-gesellschaftliches Kontextwissen. Ich weiß nicht, ob die gesellschaftlichen Normen Wilde zwangen, die Freundschaft weiterzuführen. Ich bin nicht sicher, ob er überhaupt eine andere Wahl hatte, sobald seine Freunde und in einem beispiellosen Fall sogar seine eigene Ehefrau ihn für seine Distanz zu Douglas schalten und ihn in dessen Namen baten, den Kontakt wiederaufzunehmen. Ich habe keine Vorstellung davon, ob er ihnen die Situation hätte erklären können oder ob es sich für damalige Verhältnisse nicht schickte, diese vertraulichen Details zu offenbaren. Ich habe wirklich keine Ahnung. Nichtsdestotrotz erschien mir das Eingeständnis seiner eigenen Willensschwäche eher fadenscheinig und nicht besonders glaubwürdig. Er mag zugegeben haben, dass er sich dem Druck von außen nicht entgegenstellen konnte, meiner Ansicht nach sah er die Schuld dafür jedoch trotzdem bei Douglas, nicht bei sich selbst. Ich glaube nicht, dass er seinen eigenen Anteil am katastrophalen Wesen ihrer Beziehung einsah. Meinem Empfinden nach sind seine harschen Anschuldigungen zu umfangreich, vorwurfsvoll und nachdrücklich; aus seinen Worten sprach zwischen den Zeilen zu viel Schmerz und Enttäuschung. Tatsächlich bin ich sogar überzeugt, dass Wilde Douglas noch immer liebte, als er „De Profundis“ schrieb.

 

Wie bereits erwähnt, war das Thema Finanzen zwischen Oscar Wilde und Alfred Douglas ein immerwährender Konfliktherd. Für mich war es befremdlich, Wilde in seinem Brief die Kosten seines Lebens mit seinem Liebhaber genauestens aufrechnen zu sehen. Oh ja, er nennt Zahlen, als hätte er exakt darüber Buch geführt. Ausgerechnet der Mann, der in der Öffentlichkeit den Anschein eines Dandys erwecken wollte und dieses Bild penibel pflegte, warf seinem Geliebten Verschwendung vor. Ich will nicht behaupten, dass diese Kritik ungerechtfertigt war, es war nur seltsam, dass sie jemand äußerte, dem Schönheit und Spaß im Leben stets überaus wichtig waren. Ich denke, diesbezüglich zeigt „De Profundis“ sehr deutlich, wie stark sich Oscar Wildes äußeres Image und seine wahre Persönlichkeit unterschieden. Er wollte als Luftikus erscheinen, dem kaum etwas viel bedeutete außer seinem Vergnügen, nicht einmal seine Werke. Glücklicherweise wissen wir mittlerweile, dass das nicht stimmt. Ich denke, seine bürgerliche Herkunft war in Oscar Wilde stärker verwurzelt, als er zugeben wollte. Natürlich konnte er demzufolge mit dem ausgefallenen Lebensstil des Adels, aus dem Douglas stammte, nichts anfangen und hatte kein Verständnis für dessen verschwenderische Vergnügungssucht. Teure Essen, teure Weine, Club- und Theaterbesuche – offenbar brauchte und wollte Wilde all das gar nicht in dem Maße, nach dem es Douglas verlangte. Scheinbar war er viel bescheidener, als ich bisher annahm.

 

Neben all den Verletzungen und Kränkungen, die Wilde durch Douglas erlitt, nahm er ihm dessen Drängen auf eine Verleumdungsklage gegen seinen Vater vermutlich am übelsten. Er sah sich als Opfer des Hasses zwischen Vater und Sohn und glaubte, von beiden Seiten in einer alten, festgefahrenen Fehde benutzt und instrumentalisiert worden zu sein. Obwohl ich ihm hier grundsätzlich zustimmen muss, weil auch ich denke, dass es bei der Provokation des Marquis und dem darauffolgenden Prozess nie um Oscar Wilde persönlich ging, hatte ich doch erneut das Gefühl, dass er seine eigene Verantwortung mehr oder weniger ignorierte. Niemand zwang ihn, den Marquis zu verklagen. Es war seine eigene Entscheidung, nicht auf den Rat seiner Freunde zu hören und sich in den Kleinkrieg zwischen Douglas und dessen Vater hineinziehen zu lassen. Er muss gewusst haben, dass er ein Risiko einging und sich das Blatt wenden könnte. Warum er sich trotzdem auf diesen Wahnsinn einließ, ist mir ein Rätsel. Vielleicht wollte er Douglas beeindrucken. Vielleicht wollte er ein Vorbild sein und seinem jüngeren Partner zeigen, was es bedeutete, für ihre Beziehung einzustehen und für einander da zu sein. Ich weiß es nicht.

 

Die kleinliche Abrechnung mit Douglas stellt nur den ersten Teil des Briefes dar. Der zweite Teil von „De Profundis“ ist eine Einschätzung von Wildes eigenem Leben und der verzweifelte Versuch, seiner hoffnungslosen Lage etwas Positives abgewinnen zu können. Wilde wird sehr theologisch; er philosophierte über Jesus, der seiner Meinung nach das Herz und die Seele eines Künstlers besaß. Ich fand, dass sich dieser Part sehr zäh und schleppend las. Er schwor, sein Leben zu ändern und beteuerte, dass sich seine Persönlichkeit durch die Haft bereits verändert hätte. Fest entschlossen, sich auf das zu besinnen, was wirklich wichtig ist, schmiedete er Pläne für die Zeit nach seiner Entlassung. Es ist tragisch, dass er diese Vorhaben nie verwirklichen konnte. Das Wissen darum, dass sich all seine guten Vorsätze spätestens in dem Moment, in dem ihm ein halbjähriger Aufenthalt als Büßer in einem Jesuitenkolleg verwehrt wurde, in Luft auflösten, gestaltete die Lektüre für mich sehr bitter. Wilde wollte sich ändern. Ich denke, seine Gelöbnisse waren definitiv ernst gemeint und kamen von Herzen, doch offenbar war die Ablehnung des Kollegleiters für ihn dermaßen niederschmetternd, dass ihn jegliche Hoffnung verließ. Meiner Ansicht nach nahm ihm diese letzte Demütigung seinen Lebenswillen. All die Erkenntnisse, die er während seiner Inhaftierung über sich selbst gewonnen hatte, der Entwicklungsprozess, den er durchlebt hatte, waren plötzlich wertlos, weil ihm nicht gestattet wurde, sie in Freiheit auszuleben. Also fiel er in alte Muster zurück, floh nach Paris und lebte dort auf Kosten des Besitzers eines billigen Hotels, bis er schließlich starb. Ich denke, er resignierte einfach, gebrochen und desillusioniert. Wer weiß, was man noch von ihm hätte erwarten können, hätte er diese 6 Monate in dem Jesuitenkolleg verbringen dürfen. Vielleicht hätte er zu seiner alten Form zurückgefunden. Es ist eine Tragödie.

 

Im dritten und letzten Part des Briefes kommt Wilde noch einmal auf Alfred Douglas zurück. Er berichtete von seiner Korrespondenz mit Douglas‘ Mutter, die ihn hinter dem Rücken ihres Sohnes oft bat, positiven Einfluss auf ihn zu nehmen, während sie selbst es nicht über sich brachte, seine Fehler offen anzusprechen. Wilde beschwerte sich darüber, dass Douglas‘ Mutter ihre Verantwortung unter dem Mantel der Verschwiegenheit an ihn abzugeben versuchte. Betrachtet man Douglas‘ Eltern, wird schnell klar, warum seine Persönlichkeit so viele negative Züge aufwies. Sein Vater war abwesend, dominant und aggressiv; seine Mutter nicht fähig oder nicht willens, ihrem Sohn Grenzen aufzuweisen. Er hatte zwei ältere Brüder, von denen nur einer eine gewisse Vorbildfunktion hätte erfüllen können. Soweit ich das sehe, hätte die ganze Familie in psychotherapeutische Behandlung gehört. Der junge Alfred Douglas konnte gar nicht lernen, ein guter Mensch zu sein, weil es ihm niemand beibrachte. An Wildes Stelle hätte ich von Anfang an einen großen Bogen um diesen Mann gemacht. Tja, aber wie sagt man so schön? Das Herz will, was das Herz will. Am Ende von „De Profundis“ forderte Wilde seinen Liebsten auf, sein Leben und ihre Beziehung objektiv zu betrachten und sich in ihn hineinzuversetzen. Ich denke nicht, dass Douglas dazu in der Lage war. Später vielleicht, aber nicht im Alter von 27 Jahren. Er hatte es ja noch nicht einmal fertiggebracht, Wilde während seiner Inhaftierung auch nur ein einziges Mal zu schreiben. Die Enttäuschung darüber äußerte Wilde wiederholt, konnte ganz zum Schluss allerdings nicht aus seiner Haut. Mit den letzten Worten seines Briefes öffnete er Douglas doch noch einmal seine Tür. Er schien zu glauben, dass zwischen ihnen noch nicht alles verloren sei. Meinem Empfinden nach vermisste Wilde Douglas weit mehr, als er eingestehen wollte. Vielleicht ist das die größte Tragödie ihrer geteilten Geschichte: trotz des fatalen Verlaufs ihrer Beziehung konnte er nie von Douglas lassen. Möglicherweise konnte er ihn bis zu seinem Lebensende nicht loslassen, obwohl er ihre Verbindung nach seiner Entlassung endgültig trennte.

 

Ich weiß nicht, was in ihren letzten gemeinsamen Wochen in Neapel vorgefallen ist, doch ich habe den Eindruck, dass die Trennung eine rein vernunftbasierte Entscheidung seitens Wilde war, weil er wusste, dass Douglas ihm nicht guttat. Ich denke jedoch, dass er nie aufhörte, ihn zu lieben. Die Umstände seiner letzten Lebensjahre, die resignierte Einsamkeit, die ihn gefangen hielt, erscheinen mir die direkten Folgen eines gebrochenen Herzens zu sein. Ach, ist das alles traurig. Vielleicht interpretiere ich zu viel in diese Geschichte hinein, das will ich nicht ausschließen, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass Alfred Douglas trotz all des Kummers, den er ihm bereitete, Oscar Wildes große Liebe war.

 

Zusammenfassend lässt sich wohl getrost behaupten, dass die Beziehung zwischen Oscar Wilde und Lord Alfred Bruce Douglas eine verhängnisvolle Liebschaft war. Der Autor hätte sich niemals auf den viel jüngeren, unsteten Mann einlassen dürfen. Dieses Verhältnis zerstörte buchstäblich sein Leben. Ich schreibe absichtlich „Verhältnis“ und schiebe den schwarzen Peter nicht Douglas zu, weil ich fest davon überzeugt bin, dass zu einer fatalen Beziehung immer zwei gehören. Natürlich ist der negative Einfluss des exzentrischen Adligen nicht zu leugnen, schreibt Wilde doch, dass er in Anwesenheit desselben nicht in der Lage war, seiner Arbeit nachzugehen, aber Wilde war derjenige, der diesen negativen Einfluss zuließ. Er war älter, er war reifer, er hätte erwachsen genug sein müssen, um die unkontrollierbaren Auswüchse ihrer Beziehung zu erkennen und entsprechend zu handeln. Ich weiß nicht, ob er es nicht konnte oder schlicht nicht wollte. Es fällt mir jedenfalls schwer zu glauben, dass Wilde keine Möglichkeit hatte, ihre toxische Verbindung zu lösen. Ich kann ihn von seiner Verantwortung nicht freisprechen. Trotz dessen hätte ich mir natürlich ein anderes Ende für den unvergleichlichen Autor gewünscht. Er hatte ein Happy End verdient.

 

„De Profundis“ hat mein Verständnis meines Lieblingsautors deutlich vertieft. Ich habe begriffen, dass sich hinter all den Vergnügungen, dem scharfen, ironischen Witz und der unleugbaren Arroganz ein empfindsamer, verletzlicher und ernsthafter Mann verbarg, der erstaunlich bodenständige Vorstellungen vom Leben hatte. Er wollte als der akzeptiert werden, der er war, trotz all seiner öffentlichen Exzentrik. Das Schreiben war sein Leben. Seine Hingabe zur Kunst war mindestens ebenso stark wie seine Gefühle für Lord Alfred Bruce Douglas. Es ist so schade, dass ihn seine Zeit im Zuchthaus für immer von seiner Muse trennte und er dadurch nicht mehr Werke erschaffen konnte, die die Menschen bis heute bewegen. Er ist definitiv zu früh gestorben. Obwohl er mir da vielleicht widersprechen würde. Schließlich lauteten seine angeblichen letzten Worte „Entweder geht diese scheußliche Tapete – oder ich“.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/04/19/oscar-wilde-de-profundis-epistola-in-carcere-et-vinculis
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text 2016-07-04 21:05
Liebster Award

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I've been tagged for this by Kendall Roberts of curious•pondering on Wordpress – thank you so much! 

 

Since it's very much in line with the things folks on BookLikes seem to find irresistible, too (witness the most recent incarnation, "50 questions") – and since it's specifically designed to spread the word on (and communicate with) new blogs, something the BookLikes community also deeply cares about, I figured I'd cross-post my responses on both sites.

 

FWIW, in case anyone is wondering, there's no actual "award" ceremony: as with other memes of this type, the "award" is being tagged at all.  Also, while the name sounds German and there is a literal translation for it that you may see being bandied about on the web in connection with this thing, it really only makes sense if you make it a whole phrase (in which "liebster" is an adjective, not a noun): "Mein liebster Blog" – "my favorite blog."  I don't think whoever first envisioned this actually ever thought of nominating random strangers' blogs as their "darling" or "beloved" (which would be the literal translation of "Liebster" when used as a noun).

 

Anyway, since this sort of thing seems to spread like wildfire regardless how many people are tagged (or not), I'm just going to invite everyone who sees this and wants to join the fun to consider themselves tagged.

 

Since its purpose also is, however, to highlight recently-created blogs (or, I suppose, blogs that are new to us, which in my case comprises just about the entire Wordpress community), and the rules expressly call for specific blogs to be tagged, too, I'm going to tag:

 

On BookLikes:

 

On Wordpress:

 

... and as a bonus entry, a blog I just discovered on both BookLikes and Wordpress: Mybookfile (= BookLikes) / My Book File (= Wordpress)!

 

 

The Rules:

1. Thank the blog that nominated you and link back to them.
2. Nominate up to 11 other bloggers for the award.
3. Answer the 11 questions from the blogger who nominated you.
4. Tell your readers 11 random facts about yourself.
5. Give your nominees 11 questions to answer themselves.

 

 

 

My Answers to the 11 Questions Asked of Me:

What is your favorite season?

I've more or less answered this one before, at least after a fashion, though obviously only on BookLikes (so here goes for the Wordpress crowd):

 

Spring, summer and early fall, at least where I am living now.  Winters tend to be gray, wet and murky hereabouts.  I love snow, so if I were living in the mountains, I might just go for "year round," or "any day that it doesn't rain all the time."  But I don't particularly mind heat (and I'm not living in the tropics to begin with) ... and I absolutely love what spring and early summer does to nature, including our own back yard.

 

 

What is your favorite security item? *If this is too personal, do not feel pressured to answer.*

No "item":

Her name is Holly.  She's the most loving and affectionate creature in the world, and whenever I'm down or depressed there is nothing better than feeling her soft, warm body and silky fur cuddling up next to me with the sweetest and most eager of purrs.  I love her to pieces.

 

 

What is your third favorite website?

Hmm. Until a mere three days ago, I'd have said I have two favorite websites; BookLikes and Leafmarks. Since Leafmarks's sad demise, however, it comes down to just one – the BookLikes community that I've come to care about more than about anything and anyone else online.

 

Everything else is just utilities. I do tend to get my news from a bunch of major newspapers' sites (both English and German), I use Facebook to stay in touch with a number of friends who neither live close by nor are members of BookLikes, and there's a really good translation website named Leo that I use a lot – though first and foremost for my job – but that's pretty much what it comes down to.

 

Wordpress is looking promising, but at the moment I'm still building up the basics of my blog and I haven't connected with too many people yet (which is why this "Liebster award" is probably coming exactly at the right time, so thanks again, Kendall). Will have to wait and see, I guess.

 

 

What is your favorite movie?

Another one I've answered before on BookLikes:

 

"Here's looking at you, kid ..."

 Casablanca, hands down.

 

 

What is the best smelling plant/flower to you?

At a pinch, I'd probably say citrus fragrances and similar scents (especially verbena); though I love most natural fragrances – flowers (lavender, roses and apple blossoms come to mind in particular), Mediterranean herbs, spices (the more exotic, the better), pine woods, wet grass, sandalwood, you name it.

 

 

If you could have one wish, what would you use it on?

Well, this is going to sound boring beyond belief, but I'm a little past the mid-point of my life now and I've had the good fortune of being able to fulfill some of my really great wishes already, so I mostly would wish I'm going to be able to go on leading a meaningful life instead of just going through the motions.

 

Of course if someone were to somehow transform me into a literary genius of Shakespearean dimensions, that would be very nice indeed ...

 

 

Would you rather be able to produce music or literature?

See last paragraph above, I suppose. I love music and my life wouldn't be the same without it, but the use of language (which is what literature is ultimately all about) is a big part of my day job, too, so I suppose literature would be somewhat more within my reach, and it would also be, I think, ultimately what I'd most like to try my own hand at.

(Sure. One day ...)

 

Who is your favorite actor/ actress?

Actor(s): Humphrey Bogart; closely followed, however, by Robert Redford, Kevin Spacey, Colin Firth, Jeremy Brett, David Suchet, and half the alumni of the RSC (in no particular order and to name just a few, John Gielgud, Ian McKellen, Derek Jacobi, Kenneth Branagh, Mark Rylance, Alan Rickman (RIP earlier this year), Patrick Stewart, Ralph Fiennes ... plus a whole bunch of others).

 

Actress(es): Emma Thompson, Susan Sarandon, Maggie Smith, Judi Dench, Helen Mirren, and the great leading ladies of Hollywood's golden years – Lauren Bacall, Bette Davis, Greta Garbo, and Marlene Dietrich.

 

 

What is your favorite beverage?

Tea – pretty much any and all kinds –, Diet Coke, and single malt Whisky (preferably Glenlivet, Laphroaig, or Bowmore; though the latter only if 18 years and upwards.  And yes, I know I'm a snob when it comes to whisky).

Left: 17yo cask strength limited edition Glenlivet (this: http://www.whiskyshopdufftown.com/shop/the-glenlivet-17-years-old-cask-strength-edition/) Right: 10yo Tobermory:

 

 

What author do you most wish to meet?

Dead: William Shakespeare – the greatest literary genius that ever walked the earth.
Living: Salman Rushdie – one of, if not the most important contemporary literary voices, particularly (though for reasons I wouldn't wish on my very worst own enemy) on the great scouges of the post-Cold War world: fundamentalism (religious and otherwise), racism, and the encroachment of freedom of thought and freedom of expression.

                https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1d/Salman_Rushdie_2012_Shankbone-2.jpg

 

 

Do you keep an offline written journal?

No. I tried a couple of times, but the habit never stuck – I neither have the patience nor the time for it.

 

 

 

11 Random Facts About Me

For this, I'm going to draw on the "50 Questions" list that is currently making the rounds on BookLikes.

 

1. I've never made a habit of counting my steps, but when walking on brick or flagstone paths, tiled sidewalks and the like, as a kid I used to make up rules about where I had to / could only step – e.g., never on the same stone / slab / tile with both feet, etc.

The Yellow Brick Road:

 

2.  My everyday breakfast consists of black tea, freshly-pressed orange juice, and a roll straight from the baker's with butter and jam.  I love hotel breakfast buffets, however, and when traveling will always indulge in those; with everything from cereals (preferably granola) and fresh fruit to scrambled eggs / omelet / eggs over easy, bacon, croissants, you name it.  Bonus points if the buffet includes local food items.  When in Great Britain, nothing but a full English breakfast will do (solely minus grilled tomato, which I can't stand).  Similarly in Mexico, huevos rancheros, quesadilla, and at least one variety of a tortilla wrap (enchiladas, burritos, etc.) are a must.

 

3.  Stubbornness is one of my greatest failings (or strengths, as the case may be?).  I can also be lazy to the point of utter procrastination – which however tends to conflict with the fact that as a rule I am also fairly ambitious and, if something truly matters to me, an OCD level perfectionist.

 

4. In Chinese astrology, I'm a dragon.

Dragon

 

5. The last time I had a photo taken for a portrait by a photographer was four years ago, for our office's website.  More recently, an artist friend of a colleague / friend of mine created a micro-portrait picture on the basis of a photo of me – though you have to stand very close to the picture to recognize it's (a) a photo (b) of me, which is sort of the point of the whole thing.

 

6. The first music performance I can remember attending was Engelbert Humperdinck's children's opera Hänsel and Gretel, together with my mom and my grandparents, when I was about 5 years old.

Hänsel und Gretel (Oper Bonn)(Hänsel & Gretel and the gingerbread house: image from a recent production of Bonn Opera)

 

The first concert I attended without parental supervision, just with my then-best friend, was either Chris de Burgh or Hot Chocolate (anybody remember them?) – anyway, same venue for both, and in pretty quick succession one after the other, as I recall. I must have been about 14 or 15 at the time.

          

 

7.  If in terms of biorhythm we are either owls or nightingales, I am definitely an owl.  Can't go to bed, much less sleep, before 11pm, but the only way I'm able to function at all early in the morning is on autopilot.  Change even the slightest bit of my morning routine, and I'll be walking around like a zombie, utterly and completely lost.

 

8.  The issue of tucked-in sheets doesn't arise as a matter of routine, as we don't use them in Germany and I never used them when living in the U.S., either, but in hotel beds, the first thing I do is pull out the sheets.  I need to be able to wrap my feet in whatever I'm using as a cover, and anything tucked in makes me feel claustrophobic.

(A Highlands welcome – The Torridon Hotel, Torridon, Scotland)

 

9.  If listening to CDs while I'm driving, I sing along all the time.  Same if / when there's a song on the radio that I truly like.  Lately, that hasn't been the case very often, though, as my heretofore favorite station has taken a musical turn towards the bland an meaningless recently, thus putting me in the position of either having to find a new radio station or live with their current musical selections in order to continue getting their (still rather good) talk radio contributions and editorial contents.

 

10.  I've never used a gun, nor would I ever want to.

 

11.  I have tremendous respect for the fact that the greater the height you're at, the worse you're likely going to get injured if you fall (if you survive in the first place, that is).  That doesn't stop me from climbing up every bell and observation tower I come across for the view from the top, but I'll never be found too close to the edge.

 

 

 

Questions for Others

For my questions for others, finally, I'm going to draw chiefly (though not exclusively) on the Proust Questionnaire:

 

1.   What do you most appreciate in your friends?

2.   What fault do you find easiest to tolerate in others?

3.   What is your favorite occupation?

4.   What is your idea of happiness, and what is your idea of misery?

5.   If not where you are actually living right now, where would you like to live?

6.   What is your favorite color?

7.   Who is your hero / heroine in fiction, and why?

8.   Who is youro hero / heroine in real life, and why?

9.   What natural talent would you like to be gifted with?

10. If you had a time machine allowing you to travel to up to 3 different eras (past and future), what era(s) would you like to travel to?

11. From a burning building, you have the option to rescue either a [cat / dog / supply your own favorite animal] or a priceless work of art, but not both.  Which of the two do you rescue, and why?

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url 2014-03-08 14:53
The Liebster Blog Award

I was thrilled to be nominated for this!

 

Thanks to Tiffany @ Beneath the Jacket Reviews for the nomination.

 

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