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review 2019-03-03 07:55
Mittelmäßig genialer Roman kaum mit genialen Freundinnen sondern eher mit dummen Teenager-Gänsen
Meine geniale Freundin: Band 1 der Neapolitanischen Saga (Kindheit und Jugend) - Elena Ferrante,Karin Krieger

Tja ich muss Euch gestehen, dass ich von Band 1 dieser Neapolitanischen Saga nicht ganz so begeistert war wie die meisten von Euch.

 

Versteht mich nicht falsch, ich erkenne die positive Richtung und weiß (zumindest glaube ich zu wissen) wohin der Roman tendieren soll, aber ich finde eben der erste Teil dieser Lebensgeschichte weist erhebliche Schwächen auf. Ich frage mich gerade, ob er meiner Meinung nach überhaupt so viel hergibt, um als eigenständiger Band der Biografie eine Existenzberechtigung zu haben, oder einfach als Vorgeschichte in den anderen Teilen hätte aufgehen sollen.

 

Dabei geht es mir nicht um die vermeintliche Handlungsarmut des Plots prinzipiell. In einer Lebensbiografie darf meiner Meinung auch auch mal eine Weile nichts Außergewöhnliches passieren und ich mochte diese gemächliche Beschreibung der geistigen Entwicklung und der Konkurrenz unter den Mädchen sehr. Mir geht es aber um die Tiefe der angesprochenen Emotionen und Themen. Anstatt als übergeordnete Autoreninstanz auch mal über Familien, Gewalt und das Armenghetto in Neapel ein bisschen intensiver zu reflektieren, wenn auch aus kindlicher Sicht (indirekte Andeutungen gab es ja genug) drehen sich zwei Drittel der Gedanken der Mädchen um die Frage, wer in wen verliebt ist, wer manipuliert werden kann etc. Dieser Ringelpietz mit Anfassen aller weiblichen Figuren ist so oberflächlich und widerlich. Fast könnte man meinen, der Roman hieße die Bachelorettes, gleich einem Gäseblümchen werden die Blüten ausgerissen "X liebt Y, Z liebt Y nicht, oder doch? Mir ist schon klar, dass es auch solche amurösen Gedanken in der Jugend gibt, aber wenn man dem Ghetto entkommen möchte, und auch noch begabt bis hochbegabt sein soll, macht man sich auf jeden Fall in seinem Leben nicht hauptsächlich und vorwiegend Gedanken darüber, pubertierende testosteronabsondernde Burschen möglichst effizient zu manipulieren. Das wäre eine derartig unnütze Zeitverschwendung, deren ich intelligente Menschen, auch wenn sie sehr jung sind, für nicht würdig erachte.

 

Vor allem ist man zudem auch in ganz jungen Jahren schon durchaus im Stande, die vorherrschende Gewalt zu reflektieren und darunter zu leiden. Was sollen diese in Mikrodosen eingeworfenen lapidaren Anspielungen im Vergleicht zum raumgreifenden lebensgreifenden verliebten nutzlosen Geschwätz? Sehr unrealistisch! Ich weiß wirklich wovon ich spreche, bin ich doch in noch viel prekäreren familiären Verhältnissen aufgewachsen als die Protagonisten und habe es aus dem Glasscherbenviertel bis auf die Universität geschafft. Wobei möglicherweise hatte ich Glück und wurde auf Grund meiner Begabung, in eine streng katholische sehr leistungsorientierte Mädchenschule gesteckt. Für uns waren Gespäche über Burschen zwar auch wichtig, aber sie bestimmten nicht derart unser Leben, unser Denken und unsere Entwicklung.

 

 

Einzig und allein die so grausam und bösartig skizzierte schielende, hinkende, peinliche, dumme, böse Mutter von Linu (Elena Greco) hat einen Funken von Realismus und Verstand in ihrem Schädel und versucht die richtigen Dinge in für ihre Tochter in die Wege zu leiten. Auch wenn sie anfangs ob der Armut und weil sie nicht weiß, wie sie das Geld zusammenkratzen soll, gegen die weiterführende Schule ist, unterstützt sie ihre Tochter dann immer wieder sehr verbissen in ihrem Weg, oft gegen die Meinung ihres Mannes und auch oft selbst gegen die Unvernunft ihrer Tochter, ihr Leben einfach aus lauter Dummheit und Übermut gegen die Wand zu fahren. Denn Elena hat nicht 1000 Chancen wie viele andere reiche Kids sondern wahrscheinlich immer nur eine, um sich Schritt für Schritt weiterzuentwickeln.

 

Einen weiteren gravierenden Kritikpunkt muss ich auf der stilistischen Seite anbringen. Die Autorin schmeißt in dem ganzen Ringelspiel der Verliebtheit zusätzlich bei der Beschreibung des neapolitanischen Stadtteils Rione auch inflationär, verwirrend und sehr unstrukturiert für die Geschichte zum Erwähnungszeitpunkt unzählige unnötige Verwandte und noch irrelevante Kinder der Hauptfamilien in den Plot. Das ist wie bei einem Wimmelbild aus Rione oder wie bei Gabriel Garcias Amazonasgewimmel 100 Jahre Einsamkeit. Einige der Figuren haben auch noch Spitznamen, die dann auch noch abwechselnd eingestreut werden und zusätzlich für Chaos sorgen. Das muss nicht sein! Können die Figuren bitte eingeführt werden, wenn sie gebraucht werden - das geht handwerklich besser und viel übersichtlicher ohne ein Jota am Plot zu verändern.

 

Warum ich mir aber sicher bin, dass die Geschichte im zweiten und dritten Teil besser wird, dafür sorgt der geniale Einstieg in den Roman. Die 66-jährige Lila, die im Buchtitel angesprochene geniale Freundin, haut aus ihrem Leben ab, verschwindet und tilgt sich selbst zuvor und alle Erinnerungen an sich. Kein Schnipsel, kein Ding bleibt in ihrer Wohnung, aus den Fotos hat sie sich herausgeschnitten. Der längst erwachsene, mehr als 30jährige Versagerstubenhocker, genannt Sohn, ist fassungslos. Das ist eine Bombenidee seinen Roman so zu beginnen und macht dem Leser Lust auf das Ende der Geschichte in Band 3.

 

Weiters habe ich nun hoffentlich jede auch noch so irrelevante Person des Stadtteils kennengelernt, hab eine ungefähre Ahnung der verwandtschaftlichen, freundschaftlichen und feindschaftlichen Struktur des Viertels und es bleibt zu wünschen, dass ich in einem weiteren Entwicklungschritt im Gymnasium nicht nochmals 1000 neue, für die Geschichte total unwesentliche Leute kennenlernen muss.

 

Fazit: Ganz Ok, aber nicht sehr gut sondern mit einigen gravierenden Schwächen behaftet. Ich hoffe und erwarte, dass die Saga irgendwann einmal auch wirklich so gut wird, wie es von vielen begeistert angekündigt wurde. Da ist also noch VIIIEEEL Luft nach oben.

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review 2018-02-05 16:22
Zwei ungleiche Freundinnen
Die Geschichte des verlorenen Kindes: Ba... Die Geschichte des verlorenen Kindes: Band 4 der Neapolitanischen Saga (Reife und Alter) (Neapolitanische Saga) - Elena Ferrante,Karin Krieger

Elena Greco, genannt Lenù, ist schließlich doch nach Neapel zurückgekehrt - und zwar aus Liebe. Sie ist davon überzeugt, dass es die beste Entscheidung ihres Lebens war. Doch als sich ihr allmählich die ganze Wahrheit über den geliebten Mann offenbart, fällt sie ins Bodenlose. Raffaela Cerullo, genannt Lila, die Neapel nie verlassen hat, ist eine erfolgreiche Unternehmerin geworden. Aber dieser Erfolg kommt sie teuer zu stehen.

„Die Geschichte des verlorenen Kindes“ ist der vierte Band der Bestsellerreihe von Elena Ferrante und bildet den Abschluss der neapolitanischen Saga.

Meine Meinung:
Der Roman besteht aus zwei Teilen ("Reife" und "Alter), die wiederum in mehrere kurze Kapitel untergliedert sind. Zudem gibt es einen Epilog. Erzählt wird die Geschichte aus der Ich-Perspektive aus der Sicht von Elena.

Der Schreibstil gefällt mir unglaublich gut. Er ist flüssig und angenehm zu lesen, allerdings nicht anspruchslos.

Auch inhaltlich konnte mich der vierte Teil überzeugen. Die Hauptprotagonisten sind aus den Vorgängerbänden bekannt. Sie werden authentisch dargestellt.

Nach wie vor steht die Freundschaft von Lenù und Lila im Vordergrund. Aber auch Liebe, Tod und einige andere Themen mehr machen den vierten Teil der Saga zu einer interessanten Lektüre. Wie schon bei den vorangegangenen Bänden finde ich es super, dass man ganz nebenbei einiges über die Stadt Neapel und die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe dieser Zeit lernt.

Die Handlung ist erneut stimmig und kann mit einigen unerwarteten Ereignissen und Wendungen überraschen. So wurde der Roman trotz der eher hohen Seitenzahl nicht langatmig, sondern blieb unterhaltsam.

Ein Pluspunkt ist die Übersicht über die Namen und Personen zu Beginn des Romans. Die kurze Zusammenfassung hilft dabei, die Zusammenhänge besser zu verstehen.

Das Cover lehnt sich an den Look der Vorgängerbände an und gefällt mir wieder sehr gut. Positiv finde ich auch, dass man sich beim deutschen Titel wieder am italienischen Original orientiert hat.

Mein Fazit:
„Die Geschichte des verlorenen Kindes“ ist der gelungene Abschluss der neapolitanischen Saga von Elena Ferrante. Ich kann nicht nur den finalen Band der Tetralogie, sondern sogar die gesamte Reihe wärmstens empfehlen.

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text 2017-11-27 15:35
Band drei der Saga um die beiden Freundinnen
Die Geschichte der getrennten Wege: Band 3 der Neapolitanischen Saga (Erwachsenenjahre) (Neapolitanische Saga) - Karin Krieger,Elena Ferrante

Die Geschichte der getrennten Wege ist der dritte Band um die beiden Freundinnen Lila und Elena. Sie haben ihre Jugendjahre hinter sich gelassen und leben nun beide ihre Leben, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Das Buch beginnt, nach einer kurzen Rückblende genau dort, wo Band zwei geendet hat. Bei der Buchvorstellung von Elenas erstem Buch. Unter den Zuhörern befindet sich auch Nino, ihr früherer Schwarm und Lilas früherer Liebhaber. Und so nimmt das Schicksal ihren Lauf.

Elena hat ihr Studium beendet und hat ihr erstes Buch geschrieben. Es verkauft sich sehr gut und lässt sie von einer großartigen Schriftstellerkarriere träumen. Doch der Ruhm hat auch Schattenseiten. Das viele ihrer Romanfiguren verblüffende Ähnlichkeit mit realen Personen aus Elenas Leben haben, führt nicht nur zu positiven Reaktionen auf ihr Buch. Privat könnte sie sich glücklicher kaum schätzen. Ihr Verlobter bekommt eine tolle Professorenstelle angeboten und die beiden ziehen gemeinsam nach Florenz. Gekrönt wird ihre Liebe von zwei wunderbaren Töchtern. Doch gerade dieses „glückliche“ Familienleben lässt Elena in ein tiefes Loch stürzen. Das Mutter- und Ehefrau-sein überfordert sie komplett und bringt eine Schreibblockade hervor. Plötzlich findet sie sich  in ihrer eigenen Kindheit wieder, geprägt von Gewalt und Hoffnungslosigkeit.
Lila hingegen versucht einfach nur über die Runden kommen. Frisch getrennt  versucht sie sich und ihren Sohn zu versorgen. Sie jobbt in einigen Fabriken und stellt ihre eigenen Bedürfnisse hinten an. Bis zu dem Zeitpunkt an dem es ihr gelingt, mit Hilfe der Entwicklung des Computers ihre eigene Karriere ins Rollen zu bringen und endlich die Karriereleiter aufzusteigen.
Was auffällt ist, dass sich die Beziehung der beiden Freundinnen stark verändert hat. Sie haben sich weit voneinander entfernt und teilen nur noch wenige gemeinsame Momente. Auch hat man das Gefühl, das der Kontakt eher von Neid geprägt ist und die beiden scheinen sich ihre Erfolge nicht so wirklich zu gönnen.
Auch das Auftauchen des Jugendfreundes Nino verändert einiges. Tatsachen kommen ans Licht, die bisher immer anders dargestellt wurden. Die Freundschaft der beiden Frauen scheint zerrütteter zu sein denn je. Ob die Freundschaft der beiden diese schier unüberbrückbaren Differenzen überstehen kann? Auf Antworten werden wir uns bis Januar gedulden müssen.

Für mich war dieser dritte Band etwas enttäuschend. Die Passagen über die politischen Veränderungen im Land zogen sich in die in die Länge und man musste sich etwas mehr als sonst „durcharbeiten“. Band eins und zwei haben wirklich grandios vorgelegt und vielleicht ist es ganz normal, dass es irgendwann einen kleinen Einbruch gibt. Vor allem in Hinsicht auf das große Finale der Saga, was uns im nächsten Jahr erwartet.  Trotz der kleinen Schwächen werde ich mich in die Reihe der Wartenden auf das große Finale einreihen.

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review 2017-09-12 20:09
Mulaghesh rockt!
City of Blades - Robert Jackson Bennett

Obwohl „City of Stairs“, der Auftakt der Trilogie „The Divine Cities“, ein bemerkenswerter Erfolg für den Autor Robert Jackson Bennett war, hatte er ursprünglich nicht vor, diese grandiose Geschichte fortzuführen. Er scheute sich davor, herauszufinden, was in seinem hochkomplexen Universum als nächstes geschehen könnte. Erst die Überredungskünste seines Agenten und seines Lektors überzeugten ihn davon, sein Potential zu erforschen. Das Ergebnis ist „City of Blades“, das ich gern viel eher gelesen hätte. Leider hatte ich beschlossen, auf die Veröffentlichung des Finales „City of Miracles“ zu warten. So vergingen beinahe 2 Jahre, bis ich nach Saypur und auf den Kontinent zurückkehrte.

 

Generalin Turyin Mulaghesh will nur eines: sie will all das Blut, das an ihren Händen klebt, hinter sich lassen. Sie quittierte den Dienst beim saypurischen Militär, bereit, vergessen zu werden. Der Ruhestand ist ihr allerdings nicht vergönnt. Eines Tages klopft ein Bote der Premierministerin Shara Komayd an ihre Tür, um die Generalin zurückzuholen. Shara benötigt ihre Hilfe. Inoffiziell. Mulaghesh soll in den entlegenen, ungastlichen Norden des Kontinents reisen, nach Voortyashtan, um dort verdeckt im Fall einer vermissten Geheimdienstagentin zu ermitteln, die verschwand, während sie eine mysteriöse Substanz nach Spuren des Göttlichen untersuchte. Angeblich wurde sie verrückt. Aber ist das die ganze Wahrheit? Einst huldigte Voortyashtan der Kriegsgöttin Voortya. Ihre Krieger waren grausame, unmenschliche Bestien. Mit Voortyas Tod sollten alle Relikte ihrer Macht verschwunden sein. Doch in Voortyashtan angekommen entdeckt Mulaghesh Hinweise auf eine entsetzliche Verschwörung, die plant, ihren kriegerischen Todeskult wiederzubeleben…

 

„City of Blades“ setzt fünf Jahre nach den Ereignissen in „City of Stairs“ ein. Shara Komayd ist tatsächlich Premierministerin von Saypur und bemüht sich redlich, die Beziehung zwischen ihrem Land und dem Kontinent in neue Fahrwasser zu steuern. Voortyashtan ist hierbei ein entscheidender Faktor, weil der Bau eines gigantischen Hafens durch die Vereinigten Dreyling Staaten dem in Trümmern liegenden Kontinent zu mehr Selbstständigkeit verhelfen und den Wiederaufbau vorantreiben soll. Die Entdeckung eines rätselhaften Pulvers in den Minen Voortyashtans bedroht das ganze Projekt, da niemand in der Lage ist, zu erklären, wie diese Substanz wirkt. Sollte sich herausstellen, dass das Pulver göttlich ist, käme der Bau des Hafens zum Stillstand und der Kontinent wäre Saypur weiterhin ausgeliefert. Bin ich die einzige, die angesichts dieser unglaublich konsistenten, logischen Ausgangssituation vor Begeisterung im Kreis hüpfen könnte? Robert Jackson Bennett beweist beispielhaftes ökonomisches, politisches Bewusstsein und zeigt die wirtschaftlichen Folgen des Todes der Götter für den Kontinent eindrucksvoll und realistisch. Worldbuilding par excellence. Der Kontinent braucht einen Neubeginn – der Hafen ist ein Versprechen auf Unabhängigkeit. Generalin Turyin Mulaghesh soll dafür sorgen, dass dieses Versprechen wahr wird. Für mich war es eine positive Überraschung, Mulaghesh als Protagonistin zu erleben. Ich mag Shara sehr, aber sie ist eine Intellektuelle, deren Gedankengänge nicht immer nachvollziehbar sind. Mulaghesh ist Soldatin. Sie ist bodenständig und emotional nahbar, wodurch sich die gesamte Lektüre als zugänglicher erwies. Es war fabelhaft, sie kennenzulernen. Nicht nur ist Mulaghesh eine schockierend lebendige Figur, der man die Fiktionalität beinahe nicht abnimmt, sie ist als gestandene, erwachsene Frau von ca. 50 Jahren auch ein Ausnahmecharakter der High Fantasy. Einarmig und mit einem köstlichen Schandmaul ausgestattet, rockt sie die an einen Agentenroman erinnernde Geschichte von „City of Blades“ fast im Alleingang. Ich liebe sie. Sie ist einnehmend, integer, mutig, verantwortungsbewusst und einfach aus dem Holz geschnitzt, aus dem Held_innen sind. Die Dämonen ihrer Vergangenheit quälen sie, treiben sie allerdings auch an, ein besserer Mensch zu sein. Ihre Definition des Soldatentums als bedingungslose Dienerschaft ist inspirierend und ermöglicht eine spannende, intensive Auseinandersetzung mit dem Konzept des Krieges, das in Voortyashtan kulturell tief verankert ist. Der Todes- und Kriegskult der antiken Voortyashtani ist gleichermaßen faszinierend wie unheimlich. Ihre Verehrung der Kriegsgöttin Voortya kannte keine Grenzen, da sie die erste war, die ihrer Religion eine echte Struktur durch die Erschaffung eines Jenseits verlieh und dadurch einen bindenden Vertrag mit ihren Gläubigen einging. Robert Jackson Bennett spielt ausführlich mit der abstrakten Wechselwirkung von Leben und Tod, wodurch sich „City of Blades“ durch eine beeindruckende philosophische Tiefe auszeichnet. Bereits mit „City of Stairs“ präsentierte Bennett ein Feuerwerk intelligenter, anspruchsvoller Überlegungen – mit „City of Blades“ erreicht er noch einmal ein ganz neues Niveau.

 

Nach der Lektüre von „City of Stairs“ schrieb ich, dass es ein Buch sei, das mich eher intellektuell berührte, als mein Herz zu packen. Diese Falte bügelt Robert Jackson Bennett mit „City of Blades“ zweifelsfrei aus. Der zweite Band der Trilogie „The Divine Cities“ nahm mich auf allen Ebenen meiner Persönlichkeit gefangen. Die Entscheidung, Mulaghesh als Protagonistin einzusetzen, war hervorragend, weil sie emotional greifbar ist und vehement Resonanz einfordert. Die mitreißende Mischung aus brillantem Worldbuilding, liebevoller Detailschärfe und packendem Agententhriller lässt keine Wünsche offen. „City of Blades“ hat alles, was ein außergewöhnlicher High Fantasy – Roman braucht und ist mit nichts vergleichbar. Treten Sie zurück, George R.R. Martin, Brandon Sanderson und Peter V. Brett. Ein neuer Star hat die Bühne betreten und stielt Ihnen die Show.

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review 2017-06-15 10:18
Aus dem Leben eines modernen Kriegers
No llores, mi querida - Weine nicht, mein Schatz - André Pilz

Bevor ich mit der Rezension zu „No llores, mi querida – Weine nicht, mein Schatz“ beginne, sollte ich euch erklären, wieso ich diesen Skinhead-Roman besitze. Ich habe eine tiefe persönliche Bindung zum Thema des Buches, zu der Szene, in der und für die der Autor André Pilz es geschrieben hat. Ich war selbst jahrelang in der linken bzw. unpolitischen Skinhead-Szene aktiv. Ich war ein Renee, ein Skingirl, mit allem, was dazu gehört: Musik, Kleidung, Lebensstil. Mittlerweile habe ich die Szene verlassen, weil ich mit der Stagnation selbiger nicht zurechtkam. „No llores, mi querida“ war das letzte ungelesene literarische Überbleibsel dieser Zeit. Als ich es von meinem SuB befreite, war ich extrem gespannt, wie es auf mich wirken würde. Eine Reise in meine Vergangenheit stand bevor.

 

Skinhead, Skinhead, Oi Oi Oi! Diese Worte sind Ricos Schlachtruf. Jahrelang war Rico schwach, wurde geschubst und getreten, als er am Boden lag. Er schwor sich, niemals wieder so verletzlich zu sein. Er ist ein Skin, ein Krieger im täglichen Kampf gegen die brutalen Anforderungen einer Gesellschaft, in die er nicht passt. Gewalt und Exzess bestimmen seine Existenz. Seine Freunde sind ebenso Ausgestoßene wie er. Doch tief in seinem Herzen verzehrt sich Rico nach Hoffnung. Als er die Mexikanerin Maga kennenlernt und sich rettungslos in sie verliebt, stellt er sich zum ersten Mal die Frage, ob es nicht auch anders geht. Muss er die lähmende Verzweiflung, den Zorn, die giftige Bitterkeit ertragen? Gibt es keinen Ausweg aus der Abwärtsspirale seines Lebens? Entgegen aller Widerstände wird Maga zu Ricos Licht in der Dunkelheit und lehrt ihn, dass jeder Mensch eine Chance auf Glück verdient, sogar ein Skinhead.

 

Meine Rückkehr in den Kosmos der Skinheads war seltsam. Es war merkwürdig, mit Gedanken konfrontiert zu werden, aus denen ich lange herausgewachsen bin. Ich musste mich erst wieder an den derben Tenor der Szene und den daraus resultierenden ordinären Schreibstil in „No llores, mi querida“ gewöhnen. André Pilz schont sein Publikum nicht und ich glaube, für Leser_innen, die noch nie mit der Szene in Kontakt gekommen sind, ist das Buch vermutlich zu krass, mit all der Gewalt, literweise Alkohol und einem Leben am äußersten Rand der Gesellschaft. Ich brauchte ein wenig, um mich auf Pilz‘ Schilderungen einzulassen, kam dann aber schnell rein und konnte mich mit der extremen Härte des Romans arrangieren, obwohl ich nicht behaupten kann, dass ich mich wohlfühlte. Das ist wahrscheinlich gar nicht möglich. Ricos Auffassung seiner Identität als Skinhead unterscheidet sich radikal von dem, was ich damals empfand. Ich hätte nichts mit ihm und seinen „Freunden“ zu tun haben wollen, weil ich sie als asoziale Prolls eingeschätzt hätte. Ich habe Skingirl zu sein niemals damit assoziiert, eine Kriegerin zu sein. Für mich ging es um bodenständige Werte; darum, sich innerhalb der Gesellschaft eigene Regeln und Grenzen zu schaffen. Für Rico hingegen sind die Glatze, die schweren Stiefel und sein provokatives Verhalten Ausdruck seines persönlichen Krieges gegen die Gesellschaft. Er ist ein Anarchist, benimmt sich wie ein in die Enge getriebenes Tier. Er empfindet Hilflosigkeit, Ohnmacht und Weltschmerz und da er nicht weiß, wie er mit seinen Gefühlen umgehen soll, schlägt er nach außen. Das stimmt mich unheimlich traurig, denn in seinem Kern ist Rico hypersensibel, eine maßlos empfindsame Seele und eigentlich viel zu zart für unsere grausame Welt. Die schützende emotionale Mauer, die Menschen normalerweise davor bewahrt, angesichts all des Leids und des Elends in der Welt verrückt zu werden, hat Rico nicht. Er tut, als würde ihn das alles überhaupt nichts angehen, dabei zerbricht er sich täglich den Kopf darüber. Ich kann nachvollziehen, dass er glaubt, ein Krieger sein zu müssen, um zu überleben. Er kennt nur Extreme, trotz seiner erstaunlich weit entwickelten Intelligenz. Man traut es Rico nicht zu, aber er ist tatsächlich ziemlich klug und ich gehe mit den meisten seiner philosophischen, gesellschaftskritischen Überlegungen konform. Lediglich die Konsequenzen schätze ich anders ein. Man kann das System nicht von außen zerstören, man kann es nur von innen heraus verändern. In diesem Punkt bin ich einer Meinung mit Maga, die für Rico einfach alles ist. Sie ist Auslöser, Motivation und Perspektive seiner Veränderung. Er wäre vermutlich auch ohne sie eines Tages darauf gekommen, dass sein Dasein deprimierend und leer ist, dass seine „Freunde“ asoziale Schläger sind, denen nichts irgendetwas bedeutet, aber dank Maga sieht er eine Alternative. Ihretwegen erkennt er, dass er die Wahl hat, ein anderes Leben zu führen.

 

Ich kann euch „No llores, mit querida – Weine nicht, mein Schatz“ ausschließlich unter ganz bestimmten Umständen empfehlen. Ich fand es zwar großartig, überraschend tiefsinnig und verblüffend berührend, aber es ist auch äußerst speziell, außergewöhnlich hart und ab und zu regelrecht abstoßend. Meiner Ansicht nach solltet ihr diesen Skinhead-Roman nur dann lesen, wenn ihr wahrhaft bereit für eine extreme, grenzwertige Variante des Konflikts zwischen Gesellschaft und Individuum seid. André Pilz treibt es auf die Spitze. Er kennt keine Tabus. Falls ihr meint, damit umgehen zu können, versucht es. Ich habe lediglich eine Bitte an euch. „No llores, mit querida“ mag autobiografische Elemente enthalten, doch bitte glaubt nicht, der Protagonist Rico und seine Truppe stünden stellvertretend für die gesamte Skinhead-Szene. Das ist nicht wahr. Ich habe in meiner Zeit in der Szene glücklicherweise nur wenige Gestalten kennengelernt, die ähnlich asozial und kaputt waren wie Rico. Die meisten Skins sind in einem gesunden Maß angepasst, wenn auch oft laut, wild und reichlich verrückt. Dieses Buch vermittelt nur einen winzigen Bruchteil der Realität. Skinhead zu sein kann vieles bedeuten. „Krieger“ ist nur eine Auslegung.

 

P.S.: Für all diejenigen unter euch, die Schwierigkeiten mit der Unterscheidung von Skinheads und Nazis haben und nach dieser Rezension ein bisschen verwirrt sind, finden auf der folgenden Website eine Erklärung der Szene: Du sollst Skinheads nicht mit Nazis verwechseln

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/06/15/andre-pilz-no-llores-mi-querida-weine-nicht-mein-schatz
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