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review 2017-07-12 11:05
Ich werde wohl nie ein Fan der Chic-Lit
P.S. Ich liebe Dich - Cecelia Ahern,Christine Strüh

Einst schwor ich, sollte mir jemals ein Chic-Lit-Roman begegnen, der mein Interesse weckt, würde ich ihm eine Chance geben. Im April 2017 ging ich an der Buch-Telefonzelle vorbei, die bei uns in der Nähe aufgestellt ist. Einem Impuls folgend schaute ich mir an, welche Bücher dort aktuell auf ein neues Zuhause warteten und hielt plötzlich „P.S. Ich liebe Dich“ von Cecelia Ahern in der Hand. Ich kannte die Geschichte bereits, denn vor Jahren hatte ich die Verfilmung mit Gerard Butler und Hilary Swank gesehen. Ich mochte den Film, also entschied ich meinem Vorsatz entsprechend, es mit dem Buch zu versuchen. Gekauft hätte ich es sicherlich nicht, aber da ich es umsonst ergatterte, fand ich, ich hätte nichts zu verlieren.

 

Man sagt, stirbt ein geliebter Mensch, stirbt ein Teil von uns mit ihm. Als Gerry starb, verlor Holly nicht nur ihren Ehemann, ihren besten Freund und ihren Seelenverwandten, sondern auch sich selbst. Sie weiß nicht, wie sie allein weiterleben soll. Gerry war ihre ganze Welt, die Sonne ihres Universums. Depression und Trauer haben sie fest im Griff. An den meisten Tagen findet sie nicht einmal die Kraft, aufzustehen. Doch ihr Angetrauter kannte seine Frau besser, als sie dachte. Nach seinem Tod erreicht Holly ein Päckchen, in dem sich 10 nach Monaten beschriftete Briefe befinden. Hollys Herz setzt beinahe aus, als sie Gerrys Handschrift erkennt. Jeder Brief enthält genaue Anweisungen; Aufgaben, die Holly Monat für Monat meistern soll. Zögernd, aber entschlossen, Gerrys Wünsche zu erfüllen, begibt sie sich auf die schwerste und beängstigendste Reise, die sie je unternehmen musste: den Weg zurück ins Leben.

 

Ich denke, ich habe durch „P.S. Ich liebe Dich“ herausgefunden, welches grundsätzliche Problem ich mit Chic-Lit habe. Doch bevor ich euch von dieser bahnbrechenden Erkenntnis berichte, erst einmal ein paar Worte zum Buch selbst. Für das richtige Publikum ist Cecelia Aherns Erfolgsroman garantiert die Erfüllung eines literarischen Traums. Die Idee, dass der verstorbene Gerry seiner Frau Briefe hinterlässt, um ihr zurück ins Leben zu helfen, ist ohne Zweifel süß und – so ungern ich das Wort gebrauche – romantisch. Gerry liebte Holly und kannte sie gut genug, um zu wissen, dass es ihr schwerfallen würde, sich eine Zukunft ohne ihn vorzustellen. Trauer lähmt. Cecelia Ahern illustriert diesen Fakt elegant, indem sie Hollys Umfeld große Veränderungen durchleben lässt, während sie selbst stillsteht. Um sie herum geht das Leben weiter, nur sie tritt auf der Stelle. Gerrys Tod versetzte sie verständlicherweise in eine Schockstarre, aus der sie erst die Briefe langsam befreien. Sie ist verblendet, vollkommen in ihrer Trauer versunken und nicht mehr in der Lage, sich selbst korrekt wahrzunehmen. Als sie sich in einem Film sieht, den ihr Bruder an einem feuchtfröhlichen Abend mit ihren Freundinnen drehte, ist Holly schockiert, wie unfassbar traurig sie nach außen wirkt. Sie glaubte, sich gut zu schlagen, dabei ist ihr ins Gesicht geschrieben, wie furchtbar unglücklich sie ist. Ahern versäumt es nicht, abzubilden, dass ein Verlust dieser Größenordnung durchaus hässliche Seiten hat. Holly ist selten eine würdevoll trauernde Witwe, oft überkommen sie giftige, eifersüchtige, ungerechte Gefühle und Gedanken, betrachtet sie das Glück ihres Freundeskreises. Ich fand ihren Trauerprozess insgesamt sehr realistisch beschrieben und hatte keinerlei Schwierigkeiten, jede der vier Phasen (nach Kast) zu erkennen und nachzuvollziehen. Trotz dessen berührte mich Hollys Leidensweg nicht in dem Maße, wie er es vermutlich sollte. Zu oft wurde ich daran erinnert, wie abhängig die junge Frau von ihrem Ehemann war. Das Frauenbild, das Holly verkörpert, widerspricht allem, was ich mir für mein Leben wünsche. Ohne Gerry hat Holly nichts: kaum Freunde, keine Hobbys, keinen Job und keinen Lebenssinn. Sie definierte sich über ihre Beziehung; es war ihr genug, Gerrys bessere Hälfte zu sein und er scheint sie nie dazu inspiriert zu haben, mehr erreichen zu wollen. Er ist an ihrer Hilflosigkeit nicht unschuldig, denn er ließ es zu, dass sie sich von ihm abhängig machte. Sie sah sich nie veranlasst, eine eigenständige Persönlichkeit zu entwickeln und steht deshalb jetzt vor der Mammutaufgabe, sich selbst zu erfinden. Ich konnte sie nur bedingt bemitleiden, weil ich das Gefühl hatte, ihre unbestreitbar schmerzhafte und grauenvolle Situation wäre leichter zu ertragen gewesen, hätte sie sich bereits weit vor Gerrys Tod ein eigenes Leben aufgebaut. Außerdem war mir der Druck, Holly bemitleiden zu müssen, viel zu stark. Ich denke, DAS ist mein Problem mit der Chic-Lit. Ich reagiere allergisch auf die allzu plakative Manipulation meiner Emotionen. Ich will Mitgefühl empfinden, weil die Figuren es verdienen, nicht, weil ich gezwungen werde. Ich will aus eigenem Antrieb weinen, nicht, weil ich keine andere Wahl habe. Zwang erstickt jegliches natürliche Gefühl im Keim.

 

„P.S. Ich liebe Dich“ ist ein gutes Buch. Das kann ich reinen Gewissens behaupten. Cecelia Aherns nahbarer Schreibstil liest sich leicht und flüssig; die Geschichte ist einfühlsam und psychologisch realistisch, wenn auch ein wenig kitschig, was ich allerdings erwartet hatte. Ich bereue nicht, es gelesen zu haben, obwohl mich der Film damals besser erreichte. Das wichtigste Ergebnis dieses Lektüre-Experiments ist für mich indes, verstanden zu haben, warum ich der Chic-Lit kaum etwas abgewinnen kann. Alle Autor_innen manipulieren die Gefühle ihrer Leser_innen. Das ist ihr Job als Geschichtenerzähler_innen. Autor_innen wie Cecelia Ahern jedoch spielen berechenbar und unverblümt auf der Klaviatur der Emotionen, was mir persönlich einfach nicht subtil genug ist. Kurz gesagt, ich möchte nicht merken, dass ich manipuliert werde. Daher werde ich vermutlich niemals ein Fan der Chic-Lit. Und das ist okay. Ich habe es versucht, herausgefunden, dass es mir nicht zusagt und die Gründe dafür analysiert. Fall abgeschlossen.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/07/12/cecelia-ahern-p-s-ich-liebe-dich
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review 2017-07-06 11:46
Herz und Köpfchen
Scardust - Suzanne van Rooyen

Ich habe wenig Erfahrung mit LSBTTIQ-Literatur. Um die Gay Romance habe ich bisher einen großen Bogen gemacht, weil ich – wie ihr mittlerweile wissen dürftet – kein Fan von Liebesgeschichten bin. Ich weiß, dass sich dieses spezielle Genre eines stetigen wachsenden Publikums erfreut, mir war allerdings nicht klar, dass die Kategorisierung als Gay Romance nicht zwangsläufig bedeutet, dass das entsprechende Buch als klassischer Liebesroman betitelt werden kann. Jede Genre-Kombination ist erlaubt. Ich bin daher sehr froh, dass mir Suzanne van Rooyens Science-Fiction-Roman „Scardust“ bei Netgalley begegnete und mir die Augen öffnete.

 

Raleigh Williams will die Erde verlassen. Was hält ihn schon in Dead Rock, Texas? Eine traumatische Vergangenheit voller schlechter Erinnerungen? Nein, Raleigh ist entschlossen, Teil der Marskolonie zu werden, koste es, was es wolle. Als eines Nachts jedoch ein Meteor in der texanischen Wüste einschlägt, werden all seine Pläne auf den Kopf gestellt. Im Krater findet er einen mit Narben übersäten, unverschämt gutaussehenden Mann ohne Gedächtnis, der weder weiß, wer er ist, noch wie er den Einschlag überleben konnte oder wieso er überhaupt als Meteor auf die Erde stürzte. Genau genommen ist nicht mal sicher, ob der Fremde ein Mensch ist. Der einzige Anhaltspunkt sind die Erinnerungsfetzen, die die beiden austauschen, wann immer sie sich berühren. Raleigh erklärt sich bereit, Meteor-Mann zu helfen. Eine folgenschwere Entscheidung, denn schon bald sind ihnen krude Regierungsbeamte auf den Fersen. Auf ihrer Flucht erforschen sie gemeinsam die Erinnerungen des jeweils anderen und kommen sich dabei beständig näher. Doch je mehr Antworten sie erhalten, desto unklarer wird das Gesamtbild, bis die Grenzen von Realität und Einbildung verschwimmen.

 

Ich fand „Scardust“ toll. Mir ist selbstverständlich bewusst, dass das Buch nicht perfekt ist und einige verbesserungswürdige Aspekte enthält, wie zum Beispiel die Objektifizierung der Hauptfiguren durch die zwanghafte Darstellung ihrer körperlichen Attraktivität oder der beschämende Umgang mit dem Thema Prostitution, aber die Lektüre bereitete mir so viel Freude, dass ich darüber hinwegsehen wollte und konnte. Vielleicht sollten mir diese Stolpersteine mehr ausmachen, doch ich hatte einfach Spaß beim Lesen. Dieses Gefühl überstrahlt jegliche Kritik, die die kleine nörgelnde Stimme in meinem Kopf geltend machen möchte. Meiner Meinung nach überzeugt dieser SciFi-Roman vor allem durch die Protagonisten, die in abwechselnder Ich-Perspektive nicht nur äußerst glaubwürdig und realistisch ausgearbeitet, sondern auch schlicht und ergreifend unheimlich sympathisch sind. Raleigh ist ein traumatisierter junger Mann, der aus einer zerrütteten Familie stammt und bisher nicht viel Glück hatte. Seine sexuelle Orientierung brandmarkte ihn stets als „anders“, was in einem kleinen texanischen Kaff natürlich schwierig ist. In seiner Vergangenheit liegt so manches dunkles Geheimnis, das ihn bis heute verfolgt. Suzanne van Rooyen integrierte Raleighs Trauma hervorragend in ihre Geschichte, ohne seine Persönlichkeit schwach wirken zu lassen. Ich fand es vollkommen verständlich, dass er seinem seelischen Ballast zu entkommen versucht und dafür den radikalsten Weg wählt, der ihm einfällt: ein Leben auf dem Mars. Als ihm der Meteor-Mann begegnet, den er kurzerhand Crow tauft, geraten diese Pläne allerdings heftig ins Stolpern. Sein Entschluss, Crow zu helfen, bringt ihn und alle, die ihm nahestehen, in Gefahr. Plötzlich wird er gejagt und bedroht, ohne zu wissen, wieso. Den Mann ohne Gedächtnis umgibt ein haarsträubendes Rätsel, das ich überaus spannend fand. Ich begriff nicht, was mit Crow nicht stimmt und wollte unbedingt herausfinden, was die scheinbar nicht-menschlichen, etwas übertrieben heftigen Symptome, die er durchleidet, zu bedeuten haben. Crow ist ein extrem unterstützender, toleranter Charakter, der Raleigh trotz seiner fragwürdigen Vergangenheit nimmt, wie er ist, ohne ihn zu verurteilen, da er durch ihre geteilten Erinnerungen buchstäblich in seiner Haut steckte. Die sich rasch entwickelnden Gefühle zwischen den beiden erschienen mir daher durchaus nachvollziehbar. Sie verbindet eine sehr intime Beziehung, die sich mit jeder Berührung weiter intensiviert. Ist es da verwunderlich, dass sie sich schnell ineinander verlieben? Sie lernen sich auf einer Ebene kennen, für die andere Menschen Jahre brauchen. Es gibt zwischen ihnen keine Lügen, Schmeicheleien oder Geheimnisse, nur reine, echte Nähe, die sogar Raleighs sorgsam errichteten emotionalen Schutzwall durchbricht, weil Crow ihm all das bietet, wonach er sich insgeheim sehnt. Ich fand ihre Beziehung entzückend und bangte der niederschmetternden Auflösung, wer Crow ist, entgegen. Diese Wendung der Geschichte kann ich nur als abgefahren bezeichnen. Meine Kinnlade rauschte zu Boden. Ich sehe zwar ein paar kleinere Probleme hinsichtlich der Plausibilität dieses Erklärungsansatzes, kann aber nicht leugnen, dass mich dessen Originalität beeindruckte. Ich war wie vom Donner gerührt und hätte niemals erwartet, dass Suzanne van Rooyen mit dermaßen futuristischen Ideen aufwartet.

 

„Scardust“ ist ein Science-Fiction-Roman aus der Gay Romance voller Action und glaubhaften Emotionen. Suzanne van Rooyen bietet einige interessante Denkanstöße bezüglich der Zukunft und spricht erstaunlich viele Tabuthemen an, ohne jemals die Handlung ihrer Geschichte aus den Augen zu verlieren. Das Buch enthält zwar den einen oder anderen Mangel, doch unterm Strich war die Lektüre unterhaltsam und mitreißend, was meines Erachtens nach stets schwerer wiegt als jeder Kritikpunkt. Es wundert mich nicht, dass „Scardust“ im Rahmen der Rainbow Awards 2016 ausgezeichnet wurde. Raleighs und Crows Geschichte ist eine bezaubernde Mischung aus Herz und Köpfchen, die ich euch guten Gewissens weiterempfehlen kann.

 

Vielen Dank an den Verlag Entangled Embrace für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars via Netgalley im Austausch für eine ehrliche Rezension!

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/07/06/suzanne-van-rooyen-scardust
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review 2017-06-21 11:58
Eine Geschichte in einer Geschichte in einer Geschichte
The Crane Wife - Patrick Ness

„The Crane Wife“ von Patrick Ness basiert auf einem japanischen Volksmärchen. Im Nachwort schreibt Ness, dass er die Erzählung bereits seit dem Kindergarten kennt. Ich hingegen musste sie nachschlagen. Die Geschichte existiert in verschiedenen, alternativen Versionen, die grundlegenden Elemente gleichen sich jedoch sehr. Stets geht es um einen verletzten Kranich, der von Menschen gesundgepflegt wird und sich für ihre Hilfsbereitschaft großzügig revanchiert. Ich bin froh, dass mir das Märchen völlig unbekannt war, da ich aufgrund meiner Unwissenheit gänzlich unbelastet an „The Crane Wife“ herangehen konnte.

 

George Duncans Leben lässt sich mit einem Wort zusammenfassen: unspektakulär. Er ist Inhaber eines kleinen Copyshops, der mäßigen Gewinn abwirft, Vater einer erwachsenen Tochter, die ihn nicht ernstnimmt und geschieden, weil seine Ex-Frau ihn für „nicht Manns genug“ hielt. George ist sich seiner sanftmütigen Durchschnittlichkeit bewusst und hätte niemals erwartet, dass sich daran etwas ändert, doch das Schicksal hat andere Pläne. Eines nachts weckt ihn ein unmenschlicher, herzzerreißender Schrei. Verschlafen taumelt George aus dem Bett und staunt nicht schlecht: in seinem Garten hockt ein großer weißer Kranich. Ein echter Kranich! Ist das ein Traum? Nein, das kann nicht sein, der Kranich wurde angeschossen. Ein Pfeil steckt in seinem Flügel. Kurzentschlossen hilft er dem Vogel. Als das majestätische Tier davonsegelt, ahnt George nicht, dass er soeben den Verlauf seiner Zukunft fundamental veränderte. Am nächsten Tag betritt eine Frau seinen Laden. Sie heißt Kumiko, ist wunderschön und wird all das in Georges Leben bringen, das er bisher vermisste: Liebe, Wunder und Magie.

 

Es ist nahezu unmöglich, „The Crane Wife“ einem Genre zuzuordnen. Patrick Ness tunkt seine Zehen in die Wasser vieler Kategorien, taucht aber niemals unter. Das Buch ist von allem ein bisschen, entzieht sich jedoch einer klaren, eindeutigen Definition. Organisatorisch bereitet mir ein solcher Roman einige Probleme, inhaltlich hingegen liebe ich Grenzgänger dieser Art, weil sie so viele ineinander verschlungene Themen ansprechen. Objektiv betrachtet handelt „The Crane Wife“ von George Duncan, einem durchschnittlichen Mann, dem Wundervolles und Außergewöhnliches widerfährt. Worum es in diesem Buch allerdings tatsächlich geht, steht auf einem ganz anderen Blatt. Es besteht eine hohe Spannung zwischen der oberflächlichen Geschichte und der tiefer liegenden Bedeutung, wodurch sich ein immenser Interpretationsspielraum entfaltet. Ich denke, jeder Leser bzw. jede Leserin liest etwas eigenes, sehr intimes und Persönliches aus Georges Geschichte heraus. Meiner Ansicht nach geht es in „The Crane Wife“ um Liebe und Vergebung, um das Geben und Nehmen in einer Beziehung und um verzehrende Leidenschaft. Inwieweit kann, sollte und darf man eine andere Person besitzen? Wie gut muss man einen Menschen überhaupt kennen, um ihn oder sie lieben zu können? George verliebt sich in Kumiko, obwohl ihm all die Fakten, an denen wir ein „zivilisiertes“ Menschenleben messen, fehlen. Er vertraut seinem Gefühl. Es ist nicht wichtig, woher sie kommt oder wie ihr Leben vor ihrer Begegnung aussah. Wichtig ist nur, was er für sie empfindet und wie er sich in ihrer Gegenwart fühlt. Kumiko verändert Georges Wahrnehmung seiner eigenen Person. Er lernt unheimlich viel über sich selbst; darüber, wer und wie er ist und dass es in seiner eigenen Macht liegt, sein Leben als zauberhaft, überraschend und bedeutsam zu betrachten. Ich denke, im Grunde war er dazu immer in der Lage, er hatte es nur vergessen. Er hatte vergessen, dass eine Geschichte niemals nur eine Geschichte ist, sondern Legion. Egal, was auf der Welt geschieht, es sind immer viele Menschen und dementsprechend auch viele Perspektiven involviert. Dadurch entsteht ein dichtes und weit verzweigtes Netz miteinander verknüpfter, ineinandergreifender Geschichten. Dieses Netz ist ein Wunder, weil es uns als Menschen verbindet. Unsere Leben berühren sich viel häufiger und intensiver, als wir meist annehmen. Ich finde, das ist ein wundervoller Gedanke, den Patrick Ness bis in die elementare Konstruktion von „The Crane Wife“ verfolgt. Auch sein Buch ist eine Geschichte in einer Geschichte in einer Geschichte. Jede hat ihren eigenen Helden bzw. ihre eigene Heldin, jede fokussiert andere Sorgen, Nöte und Themen. Ich tue mich daher schwer damit, George als Protagonisten des Romans zu bezeichnen. Er mag der Hauptdarsteller seiner Geschichte sein, aber im größeren Rahmen ist er vielmehr ein Knotenpunkt, ein Schmelztiegel der Milliarden Facetten, die wir menschliches Miteinander nennen.

 

Ich kann in dieser Rezension lediglich einen sehr allgemeinen Eindruck von „The Crane Wife“ von Patrick Ness vermitteln. Man muss es selbst gelesen, selbst erlebt haben, um zu verstehen, wie eindringlich dieses Buch mit Bedeutung aufgeladen ist und wieso es so schwierig ist, es angemessen zu beschreiben. Für mich war es genau die leise, zärtliche und ruhige Lektüre, die ich nach „No llores, mi querida“ von André Pilz brauchte. Ich brauchte ein Buch, das vollkommen ohne Härte und Aufregung auskommt, das mich sanft zum Lächeln und Nachdenken bringt. Der starke philosophische Einschlag von „The Crane Wife“ ließ meine Gedanken fliegen, ich hätte mir allerdings eine etwas deutlichere Richtungsangabe gewünscht. Patrick Ness lässt seinen Leser_innen so viel Freiraum, dass ich lange überlegen musste, was er mir möglicherweise sagen möchte. Etwas mehr Führung hätte mir sehr geholfen, die Gedankenflut in meinem Kopf zu sortieren. Nichtsdestotrotz ist „The Crane Wife“ ein wundervolles Buch, das ich gern weiterempfehle und enthält einige stilistische Perlen, die mich wirklich berührten. Oder ist ein Bücherregal als Zustandsbeschreibung der Seele etwa nicht eines der schönsten Gleichnisse, die euch je begegnet sind?

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/06/21/patrick-ness-the-crane-wife
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review 2017-06-07 09:18
Keine Struktur, kein roter Faden
Die Dunkelmagierin - Arthur Philipp

Pseudonyme sind für mich ein ständiges Ärgernis. Es wurmt mich, wenn ich nicht weiß, wer ein Buch geschrieben hat und ich keine zusätzlichen Informationen recherchieren kann. „Die Dunkelmagierin“, ein Rezensionsexemplar von Random House, erschien ebenfalls unter einem Pseudonym. Arthur Philipp ist ein erfolgreicher deutscher Autor, der 1965 geboren wurde und heute in Mainz als Journalist und Kabarettist arbeitet. Diese Hinweise sind so markant, dass eine simple Suchanfrage die Antwort darauf lieferte, wer Arthur Philipp höchstwahrscheinlich ist. Das war fast zu leicht, weshalb ich mich frage, welchen Zweck das Pseudonym erfüllen soll. Aber keine Sorge liebe Random House Gruppe, ich werde es nicht verraten.

 

Einst waren die Utorer gezwungen, ihr Königreich zu verlassen und den Lavaströmen eines wütenden Vulkans zu überlassen. Sie fanden eine neue Heimat auf der Insel Edun, die bis in den letzten Winkel von Magie durchdrungen war. Die Zauberer des Königs zapften die Magie an, blind für den Schaden, den sie anrichteten. Denn Edun war keineswegs unbewohnt. Das Volk der Weren musste hilflos zusehen, wie ihnen ihre Heimat entrissen wurde und die zauberhafte Kraft, die alles verband, langsam versiegte. Sie nannten die Eindringlinge Aschlinge.
Viele Jahre später wird die junge Feja in den Orden der Grauen Magier aufgenommen und dort ausgebildet. Fejas magisches Talent ist ein Rohdiamant: stark und rein, aber ungeschliffen. Ihre Meister erkennen ihr ungeheures Potential und wollen ihre Macht nutzen, um den Orden zu alter Größe zurückzuführen. Doch der Orden ist tief gespalten und Feja muss schnell lernen, dass sie niemandem trauen kann. Ihr Schicksal ist ungewiss. Ist Feja möglicherweise nicht die Zukunft des Grauen Ordens, sondern die Erfüllung einer alten Prophezeiung der Weren, laut der ein Held das unterjochte Volk befreien und die Herrschaft der Aschlinge brechen wird?

 

Ich tat mich furchtbar schwer damit, den Inhalt von „Die Dunkelmagierin“ zusammenzufassen. Manchmal sind diese Schwierigkeiten ein Anzeichen dafür, dass ein Buch komplexer ist, als ich angenommen hatte, in diesem Fall sind sie allerdings eher eine Bestätigung dessen, was ich bereits während der Lektüre empfand: „Die Dunkelmagierin“ ist wirr und unnötig umständlich. Ich gebe es ungern zu, aber ich habe kaum Gutes über diesen Reihenauftakt zu berichten. Meiner Meinung nach wollte Arthur Philipp einfach zu viel. Die Geschichte enthält einige interessante, spannende Ansätze, diese versinken jedoch in einer Flut inkohärent und inkonsequent aneinander gereihter Komponenten. Mir fehlte Struktur, eine klare, logische Ordnung, die alles verbindet, als hätte der Autor seine Ideen in die Luft geworfen und just so aufgeschrieben, wie sie landeten.
Wir lernen die etwa 14-jährige Protagonistin Feja kennen, bevor sie in den Grauen Orden aufgenommen wird. Die Graumagier haben Interesse an ihr, weil ihr magisches Talent aufgrund der Mondkonstellation zum Zeitpunkt ihrer Geburt beträchtlich ist. Ich mochte das Konzept der Mondmagie sehr, doch leider erweiterte und verkomplizierte Arthur Philipp sein Magiesystem mit Fejas Eintritt in den Orden fortwährend, sodass ich rückblickend nicht in der Lage bin, es zu erklären. Ich habe nicht verstanden, wie alles zusammenhängt, woher Magier_innen nun Macht beziehen und wieso es neben dem Orden der Graumagier weitere Orden gibt. Himmel, ich habe ja nicht einmal begriffen, wie der Graue Orden strukturiert ist und nach welchen Regeln und Gesetzen seine Mitglieder leben. Sind sie Assassinen? Ich weiß es nicht. Ihr Hauptquartier, die Graufeste, wirkte wie ein Bauernhof mit einem großen grauen Klotz in der Mitte, in dem Feja hauptsächlich Hilfsarbeiten erledigt, statt eine geordnete Ausbildung zu erhalten. Philipp ließ mich kaum an ihrem Unterricht teilhaben, weshalb ich nicht definieren könnte, was genau sie dort eigentlich lernt. Oh, doch, Fechten. Das muss eine Zauberin unbedingt können. Ich habe nicht das Gefühl, dass ihr die Aufnahme in den Orden irgendeinen Vorteil brachte, weil sie die entscheidenden Schritte bezüglich der Kontrolle ihrer Fähigkeiten ohnehin eigenständig absolvieren muss. Dass sie diese Hürden meistert, erschien mir wie ein Wunder, da sich Feja meiner Ansicht nach nicht mal allein die Schuhe zubinden kann. Sie ist eine fürchterliche Heldin, schwach und infantil. Ich fand sie unfassbar nervig und hatte überhaupt keinen Draht zu ihr. Sie ist naiv, weltfremd, gutgläubig und lächerlich mühelos zu manipulieren. Außerdem seufzt das Mädchen ständig! Ehrlich, Seufzen ist ihre Standardreaktion, als wäre sie eine weltverdrossene alte Schachtel. Und die soll die große Hoffnung der Weren sein? Na Prost Mahlzeit.

 

„Die Dunkelmagierin“ begann verheißungsvoll und verschlechterte sich dann Seite um Seite. Wie viel hätte Arthur Philipp aus der reizvollen Ausgangssituation herausholen können, hätte er nicht all seine Ideen wild durcheinandergewirbelt. Ich erkenne keine ordnende Hand, keine Autorität seitens des Autors und kann mit diesem Chaos nichts anfangen. Verwirrung war das vorherrschende Gefühl während der Lektüre, denn ich begriff nicht, worauf er hinauswollte und empfand die Handlung als irritierend ziellos. Normalerweise habe ich Verständnis dafür, dass ein Reihenauftakt die schwere Aufgabe erfüllen muss, eine komplett neue Welt zu etablieren, aber Arthur Philipp versagte dabei meiner Meinung nach. Ich denke, er hatte zu wenig Geduld, wollte sofort jeden Aspekt seines Universums vorstellen, obwohl das gar nicht nötig gewesen wäre. Es ist nichts falsch daran, einige Geheimnisse und Facetten erst in den Folgebänden zu offenbaren. Für mich erstickte die schiere Fülle unzusammenhängender Informationen jedes Bedürfnis, die Reihe „Der Graue Orden“ weiterzuverfolgen. Nicht einmal das offene Ende von „Die Dunkelmagierin“ kann mich davon überzeugen, der Fortsetzung „Die Feuerdiebin“ eine Chance zu geben.

 

Vielen Dank an das Bloggerportal von Random House und den Verlag blanvalet für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars im Austausch für eine ehrliche Rezension!

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/06/07/arthur-philipp-die-dunkelmagierin
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review 2017-03-10 17:12
Roboter, Cyborgs und Bienen: 4 dystopische Kurzgeschichten


Das Clarkesworld Magazine ist eine Sammlung von Kurzgeschichten, Autoreninterviews und anderen thematisch passenden Beiträgen. In der Ausgabe 125 treffen sich vier neue (neben zwei nachgedruckten) Geschichten verschiedener Autoren, zum Thema dystopische Zukunft.

AssassinsJack Skillingstead and Burt Courtier Bewertung: 4 von 5 Sterne
Sonia ist Programmiererin. Sie arbeitet für die Editoren, die Charaktere für die virtuelle Welt Labyrinthian erschaffen. Zuschauer besuchen diese Welt mithilfe ihrer besonderen Brillen und erleben dort Freundschaften und Beziehungen mit fiktiven Figuren. Doch seit die Editoren Sonias Lieblingscharakter »gestrichen« haben, ist sie nicht mehr dieselbe. In der Rolle ihres Avatars Simone The Slayer rächt sie sich an den Editoren, indem sie die beliebtesten Charaktere der virtuellen Welt ermordet.
Die Grenzen zwischen Realität und virtueller Umgebung sind in dieser Geschichte fließend. Die Menschen stecken eine intensive Zuneigung in fiktive Figuren und manchmal werden sie so große Fans von ihnen, dass sie ihr Äußeres an diese Figuren in der realen Welt angleichen. Spannend ist dabei, dass die emotionalen Auswirkungen über den Tod einer virtuellen Figur, dennoch sehr real und schmerzlich für die Menschen ist, die einen geliebten »Menschen« verlieren.
Eine spannende und lesenswerte Geschichte, die ich als Buchwurm, der sich regelmäßig in fiktive Figuren verliebt oder ihren Tod beweint, mehr als nachempfinden kann.

Prosthetic DaughterNin Harris Bewertung: 2 von 5 Sterne
Mit Prosthetic Daughter hatte ich leider große Schwierigkeiten. Grob betrachtet geht es um Identitätsdiebstahl und zwar einen, der tatsächlich jegliche Erinnerungen an das eigene Ich stielt. Möglich ist es dadurch, dass alle Menschen Cyborgs sind und so eine Art Erinnerungschip im Gehirn haben. Erinnerungen sind also rein digital gespeichert und löscht jemand diese Erinnerung, weiß man absolut nichts mehr über sich, nicht einmal die Familie erinnert sich an einen. Soweit so gut. Was ich nicht verstanden habe ist der Einwurf von Zeitreise-Aufträgen, wobei nie wirklich in der Zeit gereist wird. Dafür springt aber die Handlung immer wieder an verschiedene Momente der Protagonistin, mal vor, mal zurück, aber dann doch in Erinnerungen, obwohl die Erinnerungen ausgelöscht sein sollten. Das ganze wirft mehr Fragen auf, als Antworten geboten werden. Was ist der ominöse Auftrag, der gelegentlich erwähnt wird? Was war nun die ausgebuffte Falle, in die die Identitätsdiebin offenbar munter hineingetappt ist? Was genau hat die Erwähnung von Zeitreisen in dieser Geschichte zu suchen? Ich hatte den Eindruck viele angefangene Ideen zu vor mir zu haben, die auf zu wenig Raum komprimiert werden mussten. Es war mir alles zu bruchstückhaft und es hätte nicht geschadet ein paar »glatte« Übergänge vom einen zum anderen Ereignis zu schaffen und hier und da auch mal eine Antwort zu geben. Schade, denn die Grundidee finde ich eigentlich recht spannend.

How Bees FlySimone Heller Bewertung: 5 von 5 Sterne
Als Fan der Autorin und von post-apokalyptischen Szenarien, hat mich How Bees Fly mit seiner etwas düsteren und dystopischen Stimmung gleich in ihren Bann gezogen. Erzählt wird die Geschichte aus Sicht der nicht menschlichen Salpe, die ihre von kleinauf angelernten Ängste und Vorurteile gegenüber der »Dämonen« auf die Probe gestellt sieht als sie zwei solcher Kreaturen begegnet. Selbst verletzt, wäre sie ein leichtes Opfer, doch die Dämonen sind anders als in den Geschichten und während sie Salpe pflegen, sieht die zu, wie liebevoll die beiden Dämonen auch miteinander umgehen. Salpe bekommt Zweifel an dem, was man ihr all die Jahre beigebracht hat.
Ich finde die Grundaussage dieser Geschichte gerade wieder brandaktuell, geht es doch darum über die eigenen festgefahrenen Ansichten hinauszublicken und nicht blind Parolen nachzubrüllen oder Feindbilder einfach nur hinzunehmen. In How Bees Fly werden wir daran erinnert, dass die Dinge aus der Nähe betrachtet oft anders sind als wir zu wissen glauben, und dass wir uns die angelernten Ängste und Feindbilder genau ansehen sollten, bevor wir ihnen blind vertrauen. Denn manchmal steckt hinter dem Vermeintlichen nichts weiter als Mythos und Aberglaube.
Als Bonus zu dieser unaufdringlich tiefgründigen Aussage gibt es auch noch verlorenes Wissen um technische Gimmicks, wie etwa Bienen, die ihre Energiezellen durch Sonnenlicht aufladen. Ein sprachgewandtes und emotional rührendes Stück SF das mir wirklich gut gefallen hat.

Rain ShipChi Hui Bewertung: 4 von 5 Sterne
In ferner Zukunft ist die Menschheit verschwunden. Stattdessen gibt es nun eine Rasse von intelligenten Ratten, welche die archäologischen Reliquien der Menschheit erforscht. Als ein riesiges Menschenschiff gefunden wird, dessen Technologie noch zu funktionieren scheint, ruft das Grabräuber und Archäologen auf den Pan. Im Handumdrehen entsteht eine tödliche Auseinandersetzung zwischen den beiden Parteien.
Bei dieser durchaus phantasievollen und temporeichen Story wurden etliche Fußnoten in den Anhang gepackt. Ich empfehle diese einmal vor der Lektüre von Rain Ship zu lesen. Es genügt vollkommen die Infos grob im Hinterkopf zu haben, da sich die Geschichte prima ohne ständiges Blättern zum Anhang verstehen lässt, das doch eher den Lesefluss stört. Insgesamt ein unterhaltsames und gewitztes Weltraumabenteuer mit einer etwas anderen Heldin.

Unterm Strich eine qualitativ hochwertige Sammlung von Kurzgeschichten, die für mich nur einen Ausreißer hatte.

Div. Autoren: Clarkesworld Issue 125
Verlag: clarkesworldmagazine.com, 2017
ISBN: 9781890464820
143 Seiten, TB
Source: moyasbuchgewimmel.de/rezensionen/titel/c/clarkesworld-issue-125
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