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review 2018-08-15 11:21
Willkommen bei der skurrilsten Selbsthilfegruppe der Welt
We Are All Completely Fine - Daryl Gregory

„We Are All Completely Fine“ von Daryl Gregory hat eine interessante Entstehungsgeschichte. Es erschien 2014, ein Jahr, bevor Gregory den lovecraftischen Horror-SciFi-Fantasy-Young Adult-Roman „Harrison Squared“ veröffentlichte. Diese Veröffentlichungsreihenfolge entspricht allerdings nicht der Reihenfolge, in der Gregory die Bücher geschrieben hat. „We Are All Completely Fine“ entstand nach „Harrison Squared“ und hätte ohne den YA-Roman wohl nie das Licht der Welt erblickt. In diesem geht es um den jungen Harrison, der seine Stadt Dunnsmouth vor einer Monsterinvasion retten muss. Nachdem er diese Geschichte abgeschlossen hatte, fragte sich Gregory, welche Konsequenzen sie für seinen Protagonisten haben könnte. Wie schlüge sich Harrison als Erwachsener? Garantiert wäre er traumatisiert, müsste Psychopharmaka schlucken und eine Therapie absolvieren. Was wäre, wenn es allen Held_innen von Monster- und Horrorgeschichten so erginge? Was wäre, wenn sie einmal die Woche zusammenfinden würden – in einer Selbsthilfegruppe?

 

Wir treffen uns einmal die Woche: Harrison, Barbara, Stan, Martin, Greta und die Leiterin unserer Gruppe, Dr. Jan Sayer. Wir alle haben Schreckliches erlebt. Wir tragen Wunden, Narben und unser ganz privates Trauma mit uns herum. Niemand glaubte uns. Man erklärte uns für verrückt, geistesgestört, psychotisch. Erst Dr. Jan hörte uns zu und gab uns einen sicheren Ort, um über unsere Erfahrungen zu sprechen. Wir sind die exklusivste Selbsthilfegruppe der Welt. Wir wurden vom Unnatürlichen berührt. All die Menschen, die an unseren Geschichten zweifeln, sollten sich eins fragen: was wäre, wenn sie wahr sind?

 

Ich liebe Autor_innen, die den Mut aufbringen, eine völlig absurde Geschichte lässig zu erzählen und ihre Leser_innen im Brustton der Überzeugung vor vollendete Tatsachen zu stellen. Mit „We Are All Completely Fine“ sucht Daryl Gregory die Konfrontation mit seinem Publikum. Er präsentiert eine komplett abgedrehte Szenerie und überlässt es seinen Leser_innen, aus den Fakten eine kohärente Geschichte zu formen. Er schubste mich in die Handlung hinein und erwartete von mir, mich selbst zurechtzufinden. Er hielt es nicht für nötig, irgendetwas zu erklären – er stellte die Weichen, damit ich selbst Erklärungen finden konnte. Ich hatte keinerlei Schwierigkeiten, mich auf dieses Konzept einzulassen. Ich fand es toll, dass Gregory durch seine selbstverständliche, entschiedene Zurückhaltung immensen gedanklichen und emotionalen Spielraum ermöglichte. Er zwang mir nichts auf, keine Schlussfolgerungen, keine Interpretationen. Er ließ mich einfach machen. Ich konnte vollkommen selbstbestimmt, ja geradezu emanzipiert lesen und die Handlung von „We Are All Completely Fine“ erleben, wie es mir passte. Und die hat es in sich, eine stimulierende Mischung aus oberflächlichem Wahnsinn und nachdenklicher Tiefe. Im Mittelpunkt stehen die Biografien von sechs Menschen, die ihre Begegnungen mit dem erschreckenden Unnatürlichen traumatisiert überlebten und nun versuchen, ihre Traumata durch eine Selbsthilfegruppe zu überwinden. Ich musste mich unwillkürlich fragen, was es hieße, hätten all die Menschen, die behaupten, Kontakt mit dem Übernatürlichen, Fantastischen und Überirdischen gehabt zu haben, keine Wahnvorstellungen. Angenommen, sie sagten die Wahrheit, wurden wirklich von Außerirdischen entführt oder von Monstern verfolgt – was bedeutete das für unsere Wahrnehmung der Realität? Die unfreiwillige Korrektur ihres Weltbildes spielt im Aufarbeitungsprozess der Figuren eine fundamentale Rolle. Sie müssen nicht nur verkraften, was sie physisch durchlitten, sie müssen auch lernen, diese neue, alternative Wirklichkeit zu akzeptieren. Dabei gehen sie ganz unterschiedlich vor. Obwohl sie alle auf ähnlich verstörende Erfahrungen zurückblicken, verarbeiten sie ihre Erlebnisse äußerst individuell. Ich kann mir bildlich vorstellen, wie viel diebische Freude es Daryl Gregory bereitet haben muss, diese sehr verschiedenen Persönlichkeiten in einen Raum zu sperren und sie zur Interaktion zu zwingen. Die Selbsthilfegruppe ist ein Experiment, sowohl für den Autor, als auch für die Figuren, die passend zu ihren Charakteren mal mehr, mal weniger bereit sind, ihre Geschichten preiszugeben. Gregory beweist erneut vornehme Zurückhaltung und nötigt sie nicht, mehr zu erzählen, als sie möchten. Er offenbart nichts, was sie nicht selbst berichten, wodurch es für mich umso spannender war, ihre Biografien langsam und Stück für Stück ans Licht zu bringen. Ich hatte das Gefühl, dass er sich in der Rolle des Erzählers stark mit der Gruppe identifiziert, ein Eindruck, der durch seinen ungewöhnlichen Erzählstil unterstützt wurde. Der Erzähler spricht von sich oft als Teil der Gruppe, bleibt die ganze Handlung über jedoch anonym und taucht in den Sitzungsbeschreibungen nicht auf. Aber wenn er teilnimmt, ohne physisch anwesend zu sein, wer erzählt dann da eigentlich? Daryl Gregory beantwortete diese Frage in einem Interview – ich werde euch die Antwort allerdings nicht verraten. Wo bliebe sonst der Spaß? ;-)

 

„We Are All Completely Fine“ ist ein köstliches Vergnügen, voller Wahnsinn, Absurdität und philosophischem Surrealismus. Die Lektüre erfordert einen wachen, aufgeschlossenen Geist und die Bereitschaft, ein unkonventionelles Experiment zu wagen, ohne jede Kleinigkeit zu hinterfragen und auf explizite Erklärungen zu warten. Ich warne euch, es wird seltsam, fantastisch, abgefahren und manchmal sogar ein bisschen beängstigend. Daryl Gregory mag es extrem und schreckt vor Brutalität nicht zurück. Der Trick ist, hinter die schrillen, nervenaufreibenden Szenen zu blicken und auf die Bedeutung der stillen, nachdenklichen Momente zu achten. Wer sich auf diese Herangehensweise einlassen kann, wird ein einzigartiges Abenteuer erleben – mit der skurrilsten Selbsthilfegruppe aller Zeiten.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2018/08/15/daryl-gregory-we-are-all-completely-fine
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text 2018-01-06 07:55
Meine Besten Bücher 2017
Eine allgemeine Theorie des Vergessens: Roman - José Eduardo Agualusa,Michael Kegler
28 Tage lang - David Safier
Die Vegetarierin: Roman - Han Kang,Dr. Ki-Hyang Lee
Der Report der Magd: Roman - Margaret Atwood,Helga Pfetsch
Damals in Nagasaki (Broschiert) - Kazuo Ishiguro
Das merkwürdige Verhalten von Schimpansen in Kinderkleidung: und andere sozialpsychologische Experimente - Felicitas Auersperg
Wirklich wahr!: Die Welt zwischen Fakt und Fake - Simon Hadler,Stefan Rauter
Falco: Die Legende lebt. Die Graphic Novel - Reinhard Trinkler
Der Bankert vom Naschmarkt: Ein Kriminalfall aus dem alten Wien (Graphic Novel) - Gerhard Loibelsberger,Reinhard Trinkler

Das Buchjahr 2017 war wirklich sehr erfolgreich, noch nie habe ich so viele gute Bücher zusammenbekommen, insofern war meine Auswahl der Best of 5 sehr schwer. Im Bereich Belletristik, konnte ich mich aber letztendlich doch entscheiden.

 

Eine allgmeine Theorie des VergessensJosé Eduardo Agualusa
Mein absoluter Favorit im Jahr 2017. Eine wundervolles ironisches Märchen im Stile des lateinamerikanischen magischen Realismus über den Bürgerkrieg in Angola, Schuld und Sühne, Überlebenskampf, Revolution und Einsamkeit, das mich regelrecht vom Hocker gerissen hat.

 

28 Tage lang David Saffier
Meine positive Buchüberraschung in diesem Jahr. Nie hätte ich David Saffier eine derartig leise, wundervolle Geschichte über junge Leute im Warschauer Ghetto zugetraut. Großartig!

 

Die VegetarierinHan Kang
Durch meine A-Z Autorinnenchallenge lese ich vermehrt Bücher von Schriftstellerinnen. Dieses Werk über Unterdrückung und Selbstbestimmung einer Frau im asiatischen Kulturraum hat mich restlos begeistert.

 

Der Report der Magd Margaret Atwood
Mein Lieblingsklassiker 2017. Da heuer die Fernsehserie rauskam, hatte ich nun endlich die Möglichkeit, auf dieses grandiose Werk aufmerksam zu werden, das ich bei seinem Erscheinen 1985 offensichtlich überhaupt nicht bemerkt habe. Eine furchtbare, brilliante feministische Dystopie.

 

Damals in Nagasaki Kazuo Ishiguro
Anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises habe ich ein paar Ishiguros gelesen, und dieser Roman muss unbedingt auch auf die Liste der High-Fives. Eine asiatische mysteriöse Geschichte, die fast ein bisschen an Murakami erinnert, mit einem sehr intelligenten Twist zum Ende, der reichlich Interpretationsspielraum für den Leser offen lässt.

 

Im Bereich Sachbuch möchte ich Euch zwei geniale Werke ans Herz legen, die mich 2017 sehr begeistert haben

 

Wirklich Wahr! - Simon Hader
Eines der besten Sachbücher, das unter anderem auch in praktischen Beispielen zeigt, wie man in der heutigen Medienlandschaft mit Fakten und Fakenews umgehen sollte. Gut recherchiert, humorvoll aufbereitet und grafisch wundervoll illustriert.

 

Das merkwürdige Verhalten von Schimpansen in Kinderkleidung - Felicitas Auersperg  
Mein Sachbuchhighlight des Jahres 2017! Felicitas Auersperg zeigt durch die Sammlung von spannenden sozialpsychologischen Experimenten genau auf, wie der Mensch wirklich tickt.

 

Seit ein paar Jahren habe ich auch das Genre der Graphic Novel für mich entdeckt und in diesem Bereich möchte ich auch zwei Empfehlungen aussprechen, die 2017 herausgekommen sind

 

Falco - Reinhard Trinkler
Text: Zum Geburtstag des Sängers Falco eine Biografie als Graphic Novel. Eine Innovative und großartige Idee und mein Highlight 2017 in diesem Genre!

 

Der Bankert vom Naschmarkt - Gerhard Loibelsberger und Reinhard Trinkler
Eine sehr gut gezeichnete Geschichte in Form eines Wien-Krimis um die Jahrhundertwende. Ein exzellentes realistisches Sittenbild dieser Zeit und zudem ein spannender Kriminalfall.

 

 

 

 

 

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review 2017-12-20 09:27
Fuck the Fake
Wirklich wahr!: Die Welt zwischen Fakt und Fake - Simon Hadler,Stefan Rauter

Dieses Sachbuch von Simon Hadler sollte man unbedingt in den Schulen in einem eigenen Fach Medienkunde durcharbeiten. Es ist ein klug gemachtes, sehr sachliches, witzig präsentiertes, gut recherchiertes Werk mit vielen praktischen Beispielen, wie man zwischen Fakt und Fake unterscheiden lernen kann, aber auch wie Fakten derart tendenziös grafisch präsentiert werden können, dass sie zu einer verzerrten Aussage führen. Wundervoll bereichert wird der Inhalt durch die unzähligen großartigen Grafiken gezeichnet von Stefan Rauter.

 

Schon auf der ersten Seite stößt man auf ein Bild von Marvin, dem depressiven Roboter und ein Zitat von Slartibartfaß aus Douglas Adams The Hitchhiker's Guide to the Galaxy und genauso informativ, fundiert, humorvoll und augenzwinkernd wird der Leser durch das Universum der Medien, Fakten und Fakemeldungen geführt. Dabei wird auch nicht mit guten Tipps gespart, wie man Quellen recherchiert, und wie man entspannt mit Informationen aus alten und neuen Medien umgeht.

Zusammenfassend: Eine Meldung ist entweder offensichtlicher Bullshit oder nicht. Eine Meldung betrifft mich oder nicht. Ist sie Bullshit oder betrifft sie mich nicht, kann ich sie geflissentlich ignorieren. Ist sie kein offensichtlicher Bullshit, betrifft oder bewegt sie mich, dann schaue ich sie mir näher an. Ich checke die Quelle und setze etwaige Zahlen in Relation. Meist nehmen die Schritte kaum zehn Minuten in Anspruch und verhindern, wie man in der Theaterstadt Wien sagt, dass man sich in einen Pseudokrieg „hineintheatern“ lässt. Wenn sich freilich nach all diesen Schritten die Empörung nicht gelegt hat und sich der Anlass der Aufregung als solcher bestätigt, dann kann man nur mit Stéphane Hessel sagen: Okay, dann empört euch – aber nicht vorher, weil unser Leben für unnötige Empörung zu schade ist. Und wenn ihr euch schon empört, dann – noch einmal Hessel – „engagiert euch!“ Ansonsten und das ist jetzt nicht mehr Hessel: „Entspannt Euch!“

Genial werden zu Beginn postfaktische Mechanismen sowohl philosophisch als auch in ihrer Wirkung auf die menschliche Wahrnehmung und das Verhalten sozialpsychologisch analysiert - so habe ich das noch nie gesehen - weiters wird das Ganze in einen historischen Kontext gesetzt. Früher war eben nicht alles besser oder weniger postfaktisch, früher herrschte auch nicht weniger Gewalt, im Gegenteil, nur die Medien haben heute einen größeren Verstärkereffekt.

 

Ab Seite 75 werden dann praktische Fake-News Beispiele mit den oben erwähnten grandiosen Grafiken detailliert analysiert. Vieles ist natürlich sonnenklar, wenn ein denkender Mensch es in diesem Kontext im Rahmen des Buchs serviert bekommt, aber es macht den aufmerksamen Beobachter auch sehr sensibel für jegliches Hinterfragen, wenn man in freier Wildbahn auf Fakes oder Empörung über Fakes trifft.

 

Über den kuriosen Hintergrund einer der populärsten internationalen Falschmeldungen der letzten Jahre habe ich mich sehr überraschend amüsieren können: Dass harte Austeritätspolitik in der Krise weil zyklisch totaler Quatsch ist, weiß ich seit ich Volkswirtschaft 1990 bei Prof Schneider/Schuster in Linz studierte. Aber dass diese unsägliche Politik aufgrund eines kapitalen Rechenfehlers in der Excel-Tabelle der US-Ökonomen Reinhard/Rogoff von allen eingeführt wurde, wusste ich nicht. Was für Dilettanten!! Nicht nur die Amis sondern auch die deutschen Steuerberater in der Regierung, die sich als Volkswirte ausgeben und von Makropolitik und offensichtlich auch von Excel keine Ahnung haben.

 

Was sich mir nicht so ganz erschloss, war die Einteilung der praktischen Beispiele in Kapitel, die war nicht so ganz logisch strukturiert, und das Ende hat mir wieder mal gar nicht gefallen, weil es abrupt mit dem letzten Beispiel aufhört: keine Zusammenfassung, keine Conclusio, kein Ausblick, nix. Ist es nun Mode, dass man auch bei einem Sachbuch einfach die Tastatur fallen lässt? Ist sowas jetzt chic wie vor Jahren die abgeschnittenen Portraitfotos in allen Foldern? Also diesbezüglich bin ich sehr altmodisch und traditionell, so etwas muss ich einfach kritisieren.

 

Fazit: Ein sehr wichtiges grandioses Sachbuch, das ich sowohl jedem Schüler als auch deren Eltern, eigentlich jedermann, der nicht von der Umwelt und den Medien abgeschieden auf einem einsamen Berg wohnt, empfehlen möchte.

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review 2017-06-03 10:04
Ein unangenehm realistisches Märchen
The Magician King. Lev Grossman - Lev Grossman

Wenn ich einen Blick auf die Liste der Menschen werfe, die Lev Grossmann interviewte, bleibt mir die Luft weg. Beispiele? Steve Jobs, Salman Rushdie, J.K. Rowling und – haltet euch fest – Johnny Cash. Ich bin sowas von neidisch. Es scheint zu stimmen, dass ein Harvard-Abschluss alle Türen öffnet. Ich finde es sympathisch, dass sich Grossman trotzdem nicht zu schade ist, Fantasy zu schreiben. „The Magician King“ ist der zweite Band seiner Trilogie „The Magicians“ und führt die Geschichte des Zauberlehrlings Quentin Coldwater weiter.

 

Fillory ist ein magisches Paradies, in dem Quentin Coldwaters Träume Realität wurden. Seit Janet, Eliot und Julia ihn aus seinem jämmerlichen Dasein auf der Erde befreiten und in das Land seiner Lieblingsromane entführten, erlebt Quentins die reinste Utopie. In Fillory ist er kein Versager, sondern ein König. Und doch… Irgendetwas fehlt. Mit den bequemen Annehmlichkeiten des Throns schlichen sich Langeweile und Monotonie in Quentins Leben. Er verzehrt sich nach einer Aufgabe, einem Abenteuer, neuen Herausforderungen. Als sich herausstellt, dass der äußerste Zipfel des Königreichs jahrelang keine Steuern zahlte, ergreift Quentin die Gelegenheit, endlich mal rauszukommen. Unterstützt von Julia stattet er ein Schiff aus und sticht in See. Auf ihrer Reise erfahren sie von einem magischen Schlüssel, der angeblich die Welt aufzieht. Quentin ist sofort Feuer und Flamme: der Schlüssel ist seine Quest! Doch dieser birgt eigene Geheimnisse und schon bald verwandelt sich Quentins heiß ersehntes Abenteuer in einen Albtraum. Sei vorsichtig mit deinen Wünschen – sie könnten wahr werden.

 

Vor kurzem wurde unter meinen geschätzten Buchblogger-Kolleg_innen diskutiert, welche Buchwelt wir gern besuchen würden. Neben dem Potter-Universum und Mittelerde wurde Narnia wohl am häufigsten genannt. Ich kann mich diesem Wunsch nicht anschließen, weil ich vermute, dass es mir dort genauso erginge wie Quentin Coldwater in Fillory, das frappierende Ähnlichkeit zu C.S. Lewis‘ magischem Reich aufweist. Ich würde mich langweilen. Was geschieht, wenn alle Abenteuer erlebt wurden, alle Bedrohungen beseitigt sind und Frieden eingekehrt ist? Irgendwann verliert selbst ein Land, das so mit Magie vollgestopft ist wie Fillory, seinen Reiz. Wird das Außergewöhnliche zur Routine, ist es Zeit, sich neuen Aufgaben zu stellen. Auf Quentin trifft das vermutlich besonders zu, da er in „The Magician King“ zwar älter, aber kaum erwachsener ist als im Vorgänger „The Magicians“. Er ist noch immer rast- und ziellos, ein Suchender, der verzweifelt nach Erfüllung lechzt. Er dachte, Fillory könnte ihm das bieten, was er auf der Erde nicht fand: eine Bestimmung. Dummerweise hat Fillory keinen Bedarf. Das Königreich regiert sich praktisch von selbst. Quentin braucht Fillory mehr als Fillory ihn und das Abenteuer, das er herbeisehnte, ist weit mehr, als er ertragen kann. In einem Schreibstil, der Direktheit und Symbolkraft bizarr vereint, zeichnet Lev Grossman erneut eine düstere, makabre Parodie auf die magischen Kindergeschichten, die unsere Bücherregale füllen und erteilt seinen Figuren harte Lektionen, um die Botschaft seines Romans zu vermitteln. Märchen sind lediglich in ihrem eigenen Rahmen märchenhaft. In der Realität sind sie Erzählungen von Verlust und Opfern. Heldenmut hat immer einen Preis; es gibt nichts umsonst. Grossman konfrontiert Quentin mit der Frage, was er bereit ist, aufzugeben, um ein Held zu sein. Ist er bereit, Fillory aufzugeben? All die Jahre glaubte Quentin, Fillory sei sein Schicksal, der einzige Ort, an dem er Ruhe und Glück finden könnte. Die Wunder der Erde waren ihm niemals gut genug. Er war blind. Erst, als ihn sein verschlungener Weg dorthin zurückführt, öffnet er die Augen und erkennt die Schönheit der Erde. Zum ersten Mal befasst er sich mit dem Gedanken, ob er auch in seiner Heimatsphäre glücklich werden könnte. Traurigerweise glaube ich, für Quentin spielt es keine Rolle, wo er sich aufhält. Zufriedenheit bleibt ihm verwehrt, weil er niemals in der Lage ist, seine wie auch immer geartete Situation zu genießen. Er will immer mehr, ohne zu wissen, was dieses „mehr“ eigentlich ist. In diesem Punkt unterscheidet er sich maßgeblich von seiner Freundin Julia, deren unheimlich spannende, tragische Geschichte in „The Magician King“ offenbart wird. Nachdem sie den Aufnahmetest am Brakebills College vermasselte, kannte sie nur ein Ziel: sie wollte die Magie. Egal wie. Ihr Ehrgeiz trieb sie an, unkonventionelle, gefährliche Pfade zu beschreiten, die unvorstellbare Opfer forderten, weit entfernt von der geordneten Ausbildung, die Quentin erhielt. Ausgerechnet Julias verwinkelte Vergangenheit erweiterte mein Verständnis des Magiesystems der Trilogie. Grossman beleuchtet die Magie aus verschiedenen Perspektiven und erklärt, dass sie nur eine geborgte Macht ist, die Menschen eigentlich nicht zusteht. Ich hoffe, dass er dieses Thema im Finale „The Magician’s Land“ detaillierter ausführt. Die Idee, Magie als zufälliges Diebesgut zu behandeln, ist einfach aufregend.

 

„The Magician King“ ist ein unangenehm realistisches Märchen. Lev Grossman zerrt all die finsteren Facetten in den Fokus, die wir niemals kennenlernen wollten. Es ist daher schwierig, im Zusammenhang mit diesem Buch über „gefallen“ zu sprechen. Gefiel es mir, die Vorstellungen und Fantasien meiner Kindheit, die von magischen Abenteuergeschichten geprägt sind, ad absurdum geführt und ins Groteske verdreht zu sehen? Selbstverständlich nicht. Doch faszinierte es mich? Zweifellos. Ihr müsst selbst entscheiden, ob ihr bereit seid, euch der bitteren Realität der Trilogie zu stellen. Solltet ihr es wagen, verspreche ich euch ein einzigartig prickelndes Leseerlebnis, das die Dimensionen eines verzauberten Kleiderschranks oder eines sprechenden Kaninchens weit hinter sich lässt. Wobei – einen sprechenden Hasen gibt es. Immerhin.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/06/03/lev-grossman-the-magician-king
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review 2016-01-13 10:47
Ich bin verliebt
Beautiful Creatures - Margaret Stohl,Kami Garcia

Um „Beautiful Creatures“ bin ich ewig herumgeschlichen, bevor ich es endlich gekauft habe. YA Urban Fantasy bedeutet für mich immer ein recht hohes Risiko, wegen des Schnulzen-Faktors. Die Entscheidung für „Beautiful Creatures“ fiel dank Yvo – sie hat es gelesen und geliebt. Da sie einen recht anspruchsvollen Geschmack hat, war ich gewillt, ihr zu vertrauen und habe mich direkt für das hübsche Box-Set mit allen Bänden der „Caster Chronicles“ entschieden. Nichtsdestoweniger hielt ich meine Erwartungen im Zaum, denn ich wollte nicht enttäuscht werden.

 

Ethan Wate kann es kaum erwarten, seine Heimat, die Südstaaten-Kleinstadt Gatlin in South Carolina, zu verlassen. Er möchte die Welt sehen, will raus aus dem kleinen Kaff, in dem sich niemals etwas ändert. Drei Jahre und sein Schulabschluss trennen ihn noch von der Freiheit. Als Ethan am ersten Tag des neuen Schuljahres erfährt, dass die Stonewall Jackson High eine neue Schülerin hat, kommt er fast um vor Neugierde. Schließlich handelt es sich um die Nichte von Old Man Ravenwood, dem stadtbekannten Einsiedler und Sonderling. Auf den Anblick von Lena Duchannes war er jedoch nicht vorbereitet. Seit Wochen träumt Ethan Nacht für Nacht von einem fremden Mädchen – ein Blick in Lenas Gesicht genügt und ihm ist klar, dass sie das mysteriöse Mädchen seiner sehr realen Träume ist. Er fühlt sich unwiderstehlich von ihr angezogen. Fest entschlossen, herauszufinden, was sie verbindet, stürzt Ethan in eine Welt voller Geheimnisse, Magie, Licht und Dunkelheit und muss lernen, dass sich hinter der Südstaatenidylle Gatlins weit mehr verbirgt, als er je für möglich gehalten hätte…

 

Ich bin verliebt. „Beautiful Creatures“ hat mir unheimlich viel Spaß bereitet. Ich hätte nie gedacht, dass mich dieser Reihenauftakt so überzeugt. Das Buch ist charmant wie die Südstaaten selbst, mit einer reichen Geschichte und einem ganz besonderen Flair. Meiner Meinung nach kann man es ohne Weiteres zur Southern Gothic zählen, wodurch es für mich leuchtend aus dem Genre der Young Adult Urban Fantasy heraussticht. Kami Garcia und Margaret Stohl bieten ihren Leser_innen eine unwiderstehliche Mischung aus Vertrautem und Neuem, aus Spannung, Magie, Romantik und Witz. Um den Schnulzen-Faktor hätte ich mir nie Sorgen machen müssen, denn ich empfand die Liebesgeschichte zwischen Ethan und Lena als sehr süß, herzergreifend und unaufdringlich. Ich denke, das hat viel damit zu tun, dass es dieses Mal nicht die Perspektive des Mädchens ist, die die Leser_innen einnehmen. Ethan ist Protagonist und Ich-Erzähler seiner eigenen Geschichte, womit die beiden Autorinnen meinem Empfinden nach genau richtiglagen. Die männliche Sichtweise gibt den Ereignissen eine andere, erfrischende Dimension. Ethan hat eine angenehme, erstaunlich gefasste Art und Weise, zu erzählen. Da gibt es kein Gejammer, kein Geheule und keine ewig langen Monologe darüber, dass seine Angebetete perfekt und er selbst ihrer Liebe unwürdig ist. Das bedeutet natürlich nicht, dass er distanziert oder nicht in der Lage wäre, Emotionalität auszudrücken. Er steht zu seinen Gefühlen, schämt sich ihrer nicht, ist aber trotzdem ein pragmatischer junger Mann, der die Dinge anpackt, die getan werden müssen. Mir hat das sehr imponiert. Außerdem fand ich seine Südstaaten-Manieren einfach köstlich und entzückend. Das Leben im Süden der USA folgt speziellen Regeln und Verhaltensnormen; diese Atmosphäre haben Garcia und Stohl hervorragend eingefangen. In Gatlin ist Geschichte heute noch so lebendig wie vor 150 Jahren, obwohl die braven Bürger_innen selbstverständlich nicht ahnen, wie viele Geheimnisse sich in den Stammbäumen ihrer Vorfahren verstecken. Ich kann mir keinen besseren Ort für eine magiegestützte Handlung vorstellen als diese fiktionale Kleinstadt.
Die Darstellung der Magie in „Beautiful Creatures“ ist prinzipiell nicht neu, doch die Autorinnen haben eine Möglichkeit gefunden, Altbekanntem einen frischen Anstrich zu verleihen. Die Welt der Caster bietet äußerst viel Potential; ich habe das Gefühl, dass noch zahlreiche Mysterien aufzudecken sind, die Ethan und Lena herausfordern werden. Ich glaube jedoch fest daran, dass sie gemeinsam alle Hindernisse überwinden werden, denn ihre Beziehung ist außergewöhnlich. Ich habe die beiden so gern begleitet, es war so schön, ihre zarten, jungen Gefühle für einander zu erleben. Ihre Liebe verschiebt Wolken und lässt Sonnenschein dort entstehen, wo er eigentlich nicht hingelangen kann. Ethan und Lena verkörpern einen Wunsch, den wir insgeheim wohl alle hegen: die Sehnsucht nach echter, wahrer Liebe. So dramatisch der Weg, der vor ihnen liegt, auch zu sein scheint und bereits im erste Band war, es hat mich wirklich glücklich gemacht, Zeugin so tiefer Empfindungen zu werden.

 

„Beautiful Creatures“ hat mir viel mehr geboten, als ich erwartet hatte. Ich bin in Ethans und Lenas Geschichte versunken und wollte gar nicht mehr auftauchen, weil mich einfach alles daran verzaubert hat. Liebe und Magie – was braucht es mehr, um einen tollen Young Adult Urban Fantasy – Roman zu schreiben? Kami Garcia und Margaret Stohl haben bewiesen, dass sie definitiv nur diese beiden Zutaten mit viel Herzblut und Kreativität vermischen mussten. Der Auftakt der Reihe „Caster Chronicles“ wirkte nicht ein einziges Mal angestrengt, übertrieben oder kitschig, sondern war meinem Empfinden nach voll und ganz stimmig. Mein Lesevergnügen war enorm und ich kann es kaum abwarten, den nächsten Band zu lesen.
Ich bin fest überzeugt, dass „Beautiful Creatures“ die richtige Lektüre für alle Fans der Young Adult Urban Fantasy ist und glaube darüber hinaus, dass es sogar denjenigen den Glauben an das Genre zurückgibt, die zu viele schlechte Erfahrungen damit machen mussten. Folgt Ethan und Lena nach Gatlin und seht, wie viel Magie diese Südstaaten-Kleinstadt zu bieten hat!

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2016/01/13/kami-garcia-margaret-stohl-beautiful-creatures
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