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review 2018-04-10 10:46
Alles beim Alten
Die Macht der Alten - Richard Schwartz

Havald zersplitterte. Der Nekromantenkaiser zerriss seine Seele. Nur mit Mühe gelang es ihm, sein Selbst wieder zusammenzusetzen. Nun teilt er seinen Körper mit all den Seelen, die ihm der Verschlinger und Seelenreißer überließen. Hunderte, Tausende aller Zeitalter leben in ihm weiter, während er von ihrem Wissen und ihren Fähigkeiten profitiert. Die dunkle Gabe pulsiert in ihm. Mit seinem Schicksal hadernd zieht er sich zurück, versteckt sich im Hammerkopf, der Schenke, in der alles begann. Hier findet ihn Leandra. Einfühlsam überzeugt sie ihn, sich nicht abzuwenden. Illian und Askir brauchen ihn, denn noch immer bedroht Thalak die Königreiche, trotz des erfolgreichen Eingreifens von Xiang. Drachen wurden am Himmel gesichtet, primitive, furchtbare Wesen, die nicht mit der Majestät und Intelligenz Elsines vergleichbar sind und von einer Kriegsfürstin in weißer Lederrüstung kontrolliert werden: Farlin, Aselas Tochter. Havald kehrt nach Askir zurück und beginnt sofort, die Feldzüge vorzubereiten, die den Krieg ein für alle Mal beenden sollen. Seine unkonventionellen Ideen inspirieren nicht nur Zustimmung, doch seine engsten Freunde vertrauen seiner Führung. Leandra, Serafine, Zokora und Varosch begleiten ihn ins Blutige Land, um endlich das Geheimnis des Tarns zu lüften. Welche Macht haben die Alten ihren Nachfahren hinterlassen? Welche Opfer werden nötig sein, um den Krieg der Götter zu entscheiden?

 

Um es mit Erich Kästner zu sagen: da samma wieder. Alles beim Alten. Ein Schritt nach vorn, zwei zurück. Wisst ihr, nach der erfreulichen Lektüre des Zwischenbandes „Der Inquisitor von Askir“ hoffte ich von Herzen, dass Schwung in die Reihe „Die Götterkriege“ kommt. Schließlich habe ich lange genug darauf gewartet. Die Perspektivverschiebung hin zu dem charmanten Dieb Wiesel erschien mir wie ein Silberstreif am Horizont. Es sah wirklich so aus, als hätte sich Richard Schwartz endlich ausgekekst, weil Wiesel der Geschichte die Leichtigkeit verlieh, die sie dringend benötigte. Leider verfällt Schwartz in „Die Macht der Alten“ erneut in die alten, steifen Muster. Der fünfte Band ist einseitig, vorhersehbar und ziemlich langweilig. Schwartz ergeht sich in mikroskopischen Entwicklungen, statt endlich die epische Handlung anzuvisieren, die ich mir wünsche. Kurz vor dem Finale kommt er immer noch nicht zu Potte, weshalb es sich gar nicht so anfühlte, als steuerten wir auf einen explosiven Showdown zu. Die Inkonsequenz des Autors lähmt die gesamte Geschichte. Da er sich weigert, Charaktere sterben zu lassen, jongliert er mit zu vielen Figuren, wodurch sich wiederum zu viele Komplikationen ergeben, die Komplexität vorgaukeln. Er muss unheimlich weit ausholen, um inhaltliche Fortschritte zu erzielen, die allen Verwicklungen logisch gerecht werden. Die Altlasten der Reihe sind ein Klotz am Bein der Geschichte, der ihr Potential fesselt, einschnürt und daran hindert, sich zu entfalten. Ich hatte das Gefühl, Schwartz könnte längst fertig sein, würde er nur einmal auf überflüssiges, seitenfüllendes Geplänkel verzichten und seine Figuren nicht länger in bedeutungsarme Situationen schicken, die keinerlei Mehrwert bieten. Fokus, Herr Schwartz, Fokus. Er gestaltet jede Entwicklung frustrierend umständlich. Er rennt mit der Kirche, ach was rede ich, mit einem ganzen Dom ums Dorf. Deshalb schafft es „Die Macht der Alten“ nur noch knapp und dank viel guten Willens meinerseits auf drei Sterne. Ich bin enttäuscht. Besonders Havald ernüchterte mich maßlos. Warum erlaubt Schwartz ihm keinen einzigen Funken Düsternis? Warum muss seine Heldenrolle so pathetisch sein? Warum nicht mit dem Konzept des Antihelden spielen? Nach dem vierten Band „Die Festung der Titanen“ glaubte ich wirklich, er hätte an Ambivalenz gewonnen und wir hätten das nervtötende Verfluchen seines Schicksals hinter uns gelassen. Aber nein, Havald ist erstens ermüdend facettenlos und zweitens eine Dramaqueen allererster Güte. Er verfügt offenbar über endlose Ressourcen der Jammerei, was einfach traurig ist, weil ich ihn eigentlich gernhabe und Schwartz seine Ich-Perspektive glaubwürdig transportiert. Wie schmerzlich vermisste ich den witzigen, lockeren Wiesel, der zu meinem Leidwesen wieder völlig in der Versenkung verschwand. Immerhin befindet er sich auf dem Friedhof der aussortierten Figuren in bester Gesellschaft, denn dort tummeln sich auch Sieglinde und Janos, die bedauerlicherweise zu farblosen Komparsen degradiert wurden. Wann ist das überhaupt passiert?

 

Mir ist bewusst, dass es klingt, als könnte ich kein gutes Haar an „Die Macht der Alten“ lassen. Das stimmt nicht. Beispielsweise freue ich mich stets über die zahlreichen tonangebenden weiblichen Figuren in „Die Götterkriege“. Es ist erfrischend, dass Richard Schwartz keine Scheu zeigt, wichtige politische, militärische und religiöse Positionen mit Frauen zu besetzen. Das rechne ich ihm hoch an. Meine Negativität ist eine Folge meiner umfassenden Enttäuschung, die manchmal mehr zwickt als die bloße Feststellung, dass ein Buch schlecht ist. „Die Macht der Alten“ wurde meinen Erwartungen, meinen Hoffnungen nicht gerecht. Ich habe Schwierigkeiten, diesen Fakt zu verdauen, weil ich mich so gern begeistern lassen möchte und Schwartz eine Chance nach der anderen einräume, um genau das zu erreichen. Es gelingt ihm einfach nicht. Irgendwie kommen wir auf keinen grünen Zweig. Ich weiß natürlich, dass meine Messlatte für gute High Fantasy sehr weit oben liegt, doch wie man es auch dreht und wendet, „Die Götterkriege“ kann sich nicht mit Epen wie „A Song of Ice and Fire“, „Das Spiel der Götter“ oder gar „Herr der Ringe“ messen. Die Reihe ist zu kleindimensional, weil Richard Schwartz als Schriftsteller weder mutig, noch experimentierfreudig oder abenteuerlustig ist. Ich denke, ihm fehlt die Vision für seine Geschichte. Abwarten, wie er sie im nächsten Band „Der Wanderer“ enden lassen wird.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2018/04/10/richard-schwartz-die-macht-der-alten
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review 2018-01-05 18:25
Nebulöser Monday Club
Monday Club. Das erste Opfer: Band 1 - Krystyna Kuhn

Was ist Wahrheit, was ist Illusion? Fayes beste Freundin Amy stirbt bei einem Autounfall. Doch wenig später sieht sie ihre verstorbene Freundin auf der Straße stehen! Ist Amy am Leben oder hat sie halluziniert? Warum darf sie nicht darüber sprechen? Und was hat der nebulöse Monday Club damit zutun?

„Monday Club. Das erste Opfer“ ist ein Trilogie-Auftakt im Bereich Mystery-Thriller und richtet sich an eine jugendliche Leserschaft.

Jugendbücher lese ich sehr gern, auch wenn ich schon längst dem Alter entwachsen bin. Zu „Monday Club“ habe ich viele begeisterte Stimmen gehört und wollte mir selbst eine Meinung bilden.

In erster Linie geht es um das Spiel zwischen Sein und Schein. Was ist real und was bildet sich Protagonistin Faye ein? 

Faye ist sechzehn und ist an idiomatischer Insomnie erkrankt. Dabei handelt es sich um eine Schlafkrankheit, die sie nachts nicht zur Ruhe kommen lässt. Zum Schlafentzug gesellen sich demnach weitere körperliche Symptome, zu denen auch Halluzinationen zählen.

Ihre beste Freundin Amy kommt bei einem Unfall ums Leben. Doch etwas später trifft Faye Amy auf der Straße an. Hat sie sich dieses Treffen nur eingebildet oder vielleicht sogar geträumt? Denn ein Mensch, der gestorben ist, kann doch nicht in der Nacht herum spazieren.

Über allem hängt das Damoklesschwert des Monday Clubs, der sich nebulös über sämtliche Ereignisse erstreckt. Jeden Montag treffen sich ehrwürdige Bürger der Stadt, um hinter verschlossenen Türen … was zu tun?

Meiner Meinung nach ist es ein Plot der Spannung verspricht, sie jedoch in der Umsetzung nicht ganz halten kann. Einerseits liegt sehr viel im Ungewissen, andrerseits schwebt mir die Handlung zu sehr zwischen Wahrheit und Illusion.

Doch fangen wir von vorne an. Schon allein Amys tödlicher Unfall und Fayes merkwürdige Verwicklung darin hat mich nicht überzeugen können. Es ist bestimmt schlimm, wenn die beste Freundin stirbt, aber auch andere Menschen trauern sicherlich um sie. Im Buch hatte ich das Gefühl als ob nur Faye in Trauer ist und Amys Umfeld den Tod als gegeben hinnimmt. Auffällig ist, dass alle mit Faye so viel Mitleid haben, wobei wohl auch Amys Mutter vom Tod ihrer Tochter betroffen sein sollte. 

Der Monday Club bleibt von Anfang bis Ende sehr nebulös und genauso sind auch weitere Charaktere dargestellt. Sie reihen sich wie Schablonen in die Handlung ein, ohne ein Gesicht zu bekommen. Es gibt Fayes Freunde, ihre Familie und Bekannte, die eben ihre Rollen erfüllen, ohne für mich als Leser wirklich greifbar zu sein. Sogar Protagonistin Faye bleibt meiner Meinung nach blass, weil sie nur bedauert und herumgeschoben wird, ohne selbst zu wissen, was sie eigentlich macht.

Die Handlung an sich war teilweise recht spannend zu lesen, auch wenn sie mich nicht ganz für sich eingenommen hat. Mir hat es an Logik hinter den Ereignissen gefehlt und so konnte ich viele Entwicklungen einfach nicht nachvollziehen.

Im Endeffekt kann ich mir aber gut vorstellen, dass die Geschichte für junge Leser recht gut funktioniert, weil sie eine sehr geheimnisvolle Stimmung hat und trotz der genannten Schwächen Neugier entfacht.

 

Die Trilogie:
1) Monday Club. Das erste Opfer
2) Monday Club. Der zweite Verrat
3) Montag Club. Die letzte Rache

Source: zeit-fuer-neue-genres.blogspot.co.at
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review 2017-12-13 11:01
Er ging Zigarettenholen
Frankenstein - Mary Shelley

„Frankenstein“ (Untertitel: „The Modern Prometheus“) von Mary Shelley ist meiner Meinung nach Pflichtlektüre, interessiert man sich für Fantastik- und Science-Fiction-Literatur. 1818 anonym erstveröffentlicht, entwickelte es sich zu Shelleys bekanntestem Werk, das die Pop-Kultur wie kein zweites prägte. Die damals 18-jährige Autorin wurde von einem Albtraum inspiriert, der sie 1816 heimsuchte, während sie in Begleitung ihres Ehemannes Percy Bysshe Shelley und ihrer Stiefschwester Claire Clairmont Lord Byron in Genf besuchte. Bis heute ist umstritten, welche Einflüsse Mary Shelleys Traum auslösten, es scheint jedoch sicher, dass der in der Gruppe diskutierte Galvanismus ein entscheidender Faktor war. Für mich spielt es letztendlich keine Rolle, warum Shelley die Geschichte des Wissenschaftlers Victor Frankenstein niederschrieb – ich freue mich einfach, dass ich sie 200 Jahre später lesen kann.

 

Von Kindesbeinen an wird Victor Frankenstein von seinem unstillbaren Verlangen nach Erkenntnissen getrieben. Sein Wissensdurst ist grenzenlos. Er trachtet danach, die Geheimnisse von Leben und Tod zu entschlüsseln. Als Student in Ingolstadt profitiert er von den jüngsten Ergebnissen der modernen Forschung des 19. Jahrhunderts. Erfüllt von fieberhaftem Ehrgeiz gelingt ihm, wozu nur Gott fähig sein sollte: die Belebung toten Fleisches. Berauscht erschafft Frankenstein die unheilige Kopie eines Menschen. Doch seine Schöpfung entpuppt sich als abstoßend, monströs. Angewidert von der Frucht seiner Arbeit wendet sich Frankenstein ab. Die Ablehnung seines pervertierten Kindes wird ihm zum Verhängnis, denn das Monster weigert sich, seine Zurückweisung zu akzeptieren. Verbunden durch gegenseitigen Hass beginnen Schöpfer und Schöpfung einen tödlichen Tanz, der sie bis ans Ende der Welt führt.

 

„Frankenstein“ von Mary Shelley gilt als der erste Science-Fiction-Roman der Geschichte. Es ist immer schwierig, einen Klassiker, der so großen Einfluss auf Literatur und Kultur hatte, zu rezensieren. Oberflächlich scheint „Frankenstein“ lediglich der Unterhaltung zu dienen; erst in der Tiefe offenbaren sich zahlreiche elementare Themen, die sich um die zentrale Schöpfungsgeschichte des namenlosen Monsters herumranken. Dadurch entsteht eine verblüffende Ambiguität, die eine gradlinige Einteilung in Gut und Böse strikt verweigert. Die psychologisch konsequente, realistische Konstruktion der Protagonisten erlaubt der Geschichte, weit über diese engen Dimensionen hinauszuwachsen. „Frankenstein“ enthüllt sich als Tragödie dunkelster Couleur, die unausweichlich fatal enden muss. Ich war in vielerlei Hinsicht von der Lektüre überrascht. Am meisten erstaunte mich, dass ich Victor Frankenstein seinem Monster vorzog. Ich bin vom Gegenteil ausgegangen. Ein Grund ist sicher die Ich-Perspektive des ehrgeizigen Wissenschaftlers, doch diese Erklärung genügt nicht, um meine Schwierigkeiten mit dem Monster zu determinieren. Obwohl ich den Status der Kreatur als einsame, enttäuschte und verlassene Schöpfung anerkenne und objektiv Mitgefühl empfinde, stieß mich ihre aggressiv-explosive Seite ab. Das Monster ist kein rehäugiger, sanfter Galan, es wird von Zorn und Rachsucht beherrscht. Selbstverständlich sind diese Gefühle gerechtfertigt, aber die Verbissenheit, mit der es eine tödliche Fehde mit Frankenstein provoziert, erschien mir kleingeistig, selbstzerstörerisch und seines intellektuellen Potentials nicht würdig. Anstatt die Zurückweisung seines Schöpfers als Chance zu interpretieren und seine miserable Existenz eigenständig zu verbessern, reagiert es jähzornig und gewalttätig, wenn seine plumpen, ungelenken Versuche, Kontakt mit der Gesellschaft aufzunehmen, scheitern und versteift sich auf die widerwärtig egoistische und gewissenlose Idee, Frankenstein schulde ihm eine Gefährtin. Als dieser ablehnt, gewinnt der obsessive Hass des Monsters auf seinen Schöpfer die Oberhand. Aufgrund dieser Negativentwicklung war ich nicht in der Lage, mich dem Monster emotional zu nähern. Das heißt jedoch nicht, dass ich Victor Frankenstein als Opfer betrachte. Von Arroganz geblendet und frei von Demut schwingt er sich eigennützig zum Schöpfer auf, leugnet seine menschliche Fehlbarkeit, die ihm erst der erschreckende Anblick seiner Schöpfung vor Augen führt. Er bereut, dass er keinen Menschen nach seinem Abbild formen konnte. Er bereut nicht, sich überhaupt an der Schöpfung vergangen zu haben. Er ist sich bis zum Ende keiner Schuld bewusst, spricht sich von jeglicher Verantwortung frei und weigert sich, sein Versagen hinsichtlich seiner bizarren Elternrolle einzugestehen. Mit seiner gleichgültigen Grausamkeit verdammt er das Monster und sich selbst unwiderruflich. Die Sünde, seine Schöpfung im Stich zu lassen, ist unverzeihlich. Victor Frankenstein ist ein Vater, der Zigarettenholen ging und nie zurückkehrte.

 

Mary Shelley war ihrer Zeit weit voraus. Nicht nur literarisch, als Begründerin eines komplett neuen Genres, sondern auch gesellschaftsphilosophisch. „Frankenstein“ ist eine anregende Diskussion des Rechts auf Leben, der Position des Individuums in der Gesellschaft und des Grabens zwischen Schöpfer und Schöpfung. Obwohl Mary Shelley keine überragende Autorin war, kaschierte sie ihre Schwächen elegant und wirkungsvoll, indem sie sich hinter ihrer Geschichte völlig zurücknahm und ihren Figuren bescheiden das Rampenlicht überließ. Für mich war die Lektüre interessant und wertvoll, weil sie mir die ursprüngliche Form der Legende des Victor Frankenstein fernab von verfälschten Verfilmungen näherbrachte, die Erzählung, die der historische Beginn der Science-Fiction war. Ich hoffe, dass Mary Shelley im Jenseits beobachten kann, wie viel sie für die (weibliche) Literatur getan hat und sich daran erfreut, dass ihr Roman, der einst einem Albtraum entsprang, 200 Jahre nach seinem Erscheinen noch immer gelesen wird.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/12/13/mary-shelley-frankenstein
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review 2017-11-15 11:04
Ein Held mit Brüsten
Bloody Bones - Laurell K. Hamilton

In Großbritannien und den USA weckt der Titel des fünften „Anita Blake“-Bandes, „Bloody Bones“, vermutlich ganz bestimmte Assoziationen. Ich lehne mich mal aus dem Fenster und behaupte, dass deutsche Leser_innen hingegen keine Ahnung haben, welche Anspielung sich darin versteckt. Im englischsprachigen Raum ist Bloody Bones als Kinderschreck bekannt, der nahe Gewässern lebt und unartige Kinder ertränkt. Die Legende variiert natürlich. Alternativ lebt das Monster in einem Schrank unter der Treppe; in neueren Versionen treibt es in Abflussrohren sein Unwesen. Obwohl ich das Buch schon einmal auf Deutsch gelesen habe, erinnerte ich mich nicht an diese Sagengestalt. Insgesamt war meine Erinnerung an Band 5 vollkommen verschwunden, sodass ich „Bloody Bones“ gänzlich unbelastet beginnen konnte.

 

Jeder andere Animator hätte den Auftrag, einen ganzen Friedhof voller 200 Jahre alten Leichen zu erwecken, um einen Streit über die Besitzverhältnisse des Landes beizulegen, ablehnen müssen. Doch Anita Blake ist nicht wie ihre Kolleg_innen. Ist das Opfer mächtig genug, könnte sie es schaffen. Sie ist neugierig; will wissen, ob sie den Auftrag meistern kann, ohne menschliches Blut zu vergießen. Sie sagt zu und kurz darauf sitzt sie, begleitet von Larry, bereits in einem Helikopter, der sie nach Branson, Missouri bringen soll. Dort angekommen, bekommt sie es allerdings nicht nur mit gierigen Anwälten und der dubiosen Familie Bouvier zu tun, sondern auch mit einer rätselhaften Mordserie. Alle Opfer sind jung und nahezu blutleer. Für Anita ist der Fall klar: der Täter ist ein Vampir. Sie ahnt nicht, dass sich in den Wäldern rund um Branson noch ein ganz anderes Wesen verbirgt. Ein Wesen, das schlimmer und gefährlicher ist als ein Nest skrupelloser Vampire…

 

Vor rund zwei Jahren habe ich einen Artikel gelesen, der die Rolle der weiblichen Heldin in der Urban Fantasy aus der Gender-Perspektive heraus analysiert. Die These lautete, dass die Entscheidungen der Heldin festlegen, ob sie sich wahrhaft als Heldin mit weiblichem Gender qualifiziert oder ob sie eher als „Held mit Brüsten“ kategorisiert werden muss. Anita Blake ist ein Held mit Brüsten, das schlussfolgerte der Artikel einwandfrei und „Bloody Bones“ belegt diesen Ansatz zweifellos. Im fünften Band benimmt sich Anita äußerst maskulin, ist unfähig, Verantwortung abzugeben, Vertrauen zu schenken und zeigt extremes, teilweise aggressives Konkurrenzverhalten. Sie ging mir auf die Nerven, weil ihre Tendenzen zum obsessiven Kontrollfreak stark zu Tage treten. Sie muss alles selbst machen, kann nichts delegieren und reagiert wütend, stößt sie an Grenzen. Den armen Larry würde sie, wenn sie könnte, sogar auf die Toilette begleiten, da sie ihm nicht zutraut, sich selbst zu schützen. Selbstverständlich verfügt Larry weder über ihr Wissen, noch über ihre Erfahrung, aber sie ist nicht seine Mutter und hat kein Recht, ihn wie ein Kind zu behandeln und ihm Vorschriften zu machen, so sehr sie sich auch um seine Sicherheit sorgen mag. Er ist ein erwachsener Mann, verflixt noch mal. Durch ihr Verhalten stellt sie seine Kompetenz, seine Fähigkeiten und seine Autorität in Frage, was insofern paradox ist, dass sie selbst es nicht erträgt, wird mit ihr ebenso umgesprungen. In Branson, Missouri ist Anita kaum mehr als eine Zivilistin. Sie möchte der Polizei bei den Ermittlungen in der Mordserie helfen, hat jedoch keinerlei Handhabe, als ihr Ablehnung entgegenschlägt. Außerhalb von St. Louis besitzt sie keinen offiziellen Status, was sie verständlicherweise als frustrierend empfindet. Auf diese Weise unterstreicht Laurell K. Hamilton elegant die Notwendigkeit eines potentiellen Gesetzes, das Vampirhenkern die Befugnisse der Bundespolizei verleihen würde. Noch wird dieses Gesetz allerdings lediglich diskutiert, weshalb Anita in „Bloody Bones“ ordentlich tricksen muss, um in die Ermittlung involviert zu werden. Ich fand den Fall verworren und unübersichtlich, da wieder einmal mehrere Antagonisten vorgestellt werden und ich nur mit Mühe auseinanderhalten konnte, wer sich jetzt welcher Missetaten schuldig machte. Das unausweichliche Vampirchaos überstrahlt sowohl die Ausgangssituation der Erweckung eines ganzen Friedhofs, als auch die Etablierung einer neuen Spezies, die dadurch beiläufig und enttäuschend unspektakulär daherkam. Es wirkte, als hätte Hamilton während des Schreibprozesses den Fokus der Geschichte verschoben, damit die Vampire und somit auch Anitas Verbindung zu Jean-Claude erneut im Mittelpunkt stehen, was meiner Ansicht nach unnötig war. Ich sehe zwar ein, dass die Veränderung der Beziehung zwischen Anita und Jean-Claude für die übergreifende Handlung bedeutsam ist, doch meiner Meinung nach hätte sie dieses Element nicht zwangsläufig in „Bloody Bones“ hineinquetschen müssen. Es hätte Zeit gehabt. Ich hätte eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Erweckungsszenario und der damit einhergehenden Eingliederung besagter neuer Spezies definitiv bevorzugt.

 

Ich hatte leider nur mäßig Spaß an der Lektüre des fünften „Anita Blake“ – Bandes „Bloody Bones“. Einerseits fand ich das unglücklich wirre Handlungskonstrukt langatmig und gestreckt, andererseits manifestieren sich Anitas negative Eigenschaften so dominant, dass sich die Distanz zwischen uns, die sich bereits im letzten Band „The Lunatic Cafe“ aufzubauen begann, weiter vertiefte. Ich gebe es ungern zu, aber Anita ist in „Bloody Bones“ keine Sympathieträgerin – sie ist eine nervige, kontrollsüchtige, waffenschwingende Irre. Zum Glück weiß ich, dass diese Facetten lediglich einen Aspekt ihrer Persönlichkeit darstellen und bessere Zeiten nahen. Diese werden mich daran erinnern, warum ich sie trotz oder gerade aufgrund ihrer Fehler gernhabe, weshalb ich nicht einmal ansatzweise darüber nachdenke, die Reihe abzubrechen. Einfach durchhalten und diesen durchschnittlich überzeugenden Band erneut vergessen.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/11/15/laurell-k-hamilton-bloody-bones
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review 2017-11-14 10:13
Überbewertet
American Gods - Neil Gaiman

Mein erstes Date mit Neil Gaiman wollte ich ursprünglich mit „Neverwhere“ bestreiten. Jahrelang schlich ich um den populären Fantasy-Autor, der eng mit Terry Pratchett befreundet war, herum. Ich hatte Respekt vor seinem Ruf und traute mich einfach nicht, ihn kennenzulernen. Dann sahen der Lieblingsmensch und ich den Trailer zur Amazon-Serie „American Gods“. Ich wusste, dass es sich dabei um die Verfilmung von Gaimans gleichnamigen Roman handelt und als der Lieblingsmensch äußerte, dass er der Serie eine Chance geben wollte, entschied ich spontan, zuerst das Buch lesen zu wollen. Mein erstes Date mit Gaiman sollte nicht länger „Neverwhere“ sein. Es sollte „American Gods“ sein.

 

Nach 3 trostlosen Jahren im Gefängnis wünscht sich Shadow nur noch eines: er möchte nach Hause, zu seiner Ehefrau Laura. Als ihn der Gefängnisdirektor in sein Büro bestellt, ahnt er, dass ihn schlechte Nachrichten erwarten. Betäubt lauscht er den Worten des Direktors, der ihm mitteilt, dass Laura bei einem schrecklichen Autounfall ums Leben kam. Er wird verfrüht entlassen, um an ihrer Beerdigung teilnehmen zu können. Von einem surrealen Gefühl der Unwirklichkeit begleitet besteigt er ein Flugzeug, das ihn an einen Ort bringen soll, der nicht länger sein Zuhause ist. Neben ihm sitzt ein gut gekleideter älterer Herr. Er stellt sich als Mr. Wednesday vor. Obwohl sie sich gerade erst kennenlernen, weiß er Dinge über Shadow, die er unmöglich wissen kann und bietet ihm einen Job an. Shadow findet ihn seltsam, doch er hat kein Leben, zu dem er zurückkehren könnte. Er hat nichts zu verlieren. Er schlägt ein, unwissend, dass er schon bald in einen kosmischen Sturm hineingezogen werden wird. Um sich zu schützen, muss Shadow den Funken wiederfinden, der mit Laura starb: seinen Glauben.

 

Warum schreibt ein Brite ein Buch über die Götter der Vereinigten Staaten von Amerika, nachdem er zum Zeitpunkt dessen Erscheinens bereits selbst seit 9 Jahren in den USA lebte? Welche Mission verfolgt er? Welche Botschaft möchte er vermitteln? Ich denke nicht, dass ich „American Gods“ durchschaut habe, denn ich finde keine Antworten auf diese Fragen. Neil Gaiman wollte mir mit diesem Roman etwas sagen, dessen bin ich fest überzeugt. Er schrieb „American Gods“ nicht ausschließlich zur Unterhaltung seiner Leser_innen. Grübele ich über seine Motivation nach, taucht in meinem Kopf das Wort „Identität“ auf, doch es schwebt frei in meinen Gedanken herum, ohne Anker, ohne Begründung, ohne Erklärung. Ich vermute, dass es in der Tiefe dieses Buches um die Identität der USA geht, aber ich kann meinen Finger nicht darauflegen, welche Aussage Gaiman diesbezüglich tätigt. Ich empfand „American Gods“ als irritierend und verwirrend, weil ich all die kryptischen Untertöne der Geschichte nicht zu deuten wusste. Ich hatte das Gefühl, enorm viel zu verpassen und gar nicht allen Details die nötige Aufmerksamkeit schenken zu können. Ich fand nicht in den Rhythmus des Buches und musste mich nach jeder Lesepause wieder neu einfinden. Ich denke, worauf Neil Gaiman abzielte, ist ein Roman mehrerer sich überlappender Ebenen. Leider schätze ich, dass ich dessen Kern, die Ebene, die alle anderen verbindet, nicht begriffen habe. Daher begleitet mich seit der Lektüre ein Gefühl diffuser Ratlosigkeit, obwohl ich den offensichtlichen Grundgedanken der Geschichte durchaus interessant fand. Der sympathische Protagonist Shadow, dessen Funktion und Rolle undurchsichtig bleiben, gerät zwischen die Fronten eines Krieges der Götter um den Glauben des amerikanischen Volkes. Anhand von ergreifend geschilderten Einzelschicksalen, die betonen, dass Glaube und Leid Partner sind, erfahren die Leser_innen, dass die alten Götter von Siedlern verschiedener Epochen in die Neue Welt gebracht wurden. Der Glaube der Menschen belebte sie; Opfer, die in ihren Namen erbracht wurden, verliehen ihnen Macht und Substanz. Unglücklicherweise vergaßen die Gläubigen über die Jahrhunderte jedoch die Gebräuche ihrer alten Heimat, womit auch ihre Götter Macht einbüßten oder sogar ganz verschwanden. Nun kämpfen die Götter um die letzten religiösen Almosen, die die USA auszugeben bereit ist; erschleichen und ergaunern sich unbewusste Anbetungen und Preisungen. Aus allmächtigen Wesen wurden verblasste, bedauernswerte Bittsteller, die von der Schnelllebigkeit der Moderne überholt werden. Auf diese Weise beleuchtet Neil Gaiman die Beziehung zwischen Göttern und Menschen von einem spannenden Blickwinkel aus: die wahre Macht liegt nicht bei den Göttern. Sie liegt bei den Gläubigen. Was ist ein Gott ohne Anhänger_innen? Überflüssig. Ihre tragische Abhängigkeit von den Menschen zwingt sie, die Konfrontation zu suchen, weil die USA einfach nicht genug Raum für alle bieten. Ein Land abenteuerlicher geografischer Weite – doch spirituell ein Stecknadelkopf.

 

Meiner Ansicht nach ist „American Gods“ überbewertet. Es ist ein faszinierendes Buch, das eine ungewöhnliche Geschichte erzählt, aber das Meisterwerk, das mir von zahlreichen Lobpreisungen versprochen wurde, kann ich darin nicht erkennen. Das Konzept der vom Glauben abhängigen Götter war mir bereits durch niemand geringeren als Terry Pratchett bekannt, der sich weitaus früher mit diesem fesselnden Gedankenspiel auseinandersetzte. Neil Gaiman versäumte es, mir nachvollziehbar den größeren Rahmen seines Romans zu vermitteln, sodass ich für all die leisen Untertöne und Bedeutungen zwischen den Zeilen taub und blind blieb. Wahrscheinlich gingen viele Anspielungen unbeachtet an mir vorbei. Ich weiß einfach nicht, was er mir sagen wollte und wartete während der gesamten Lektüre auf die große Erleuchtung, die sich niemals einstellte. Ich empfinde ein Schulterzucken. Vielleicht habe ich mit der Serie mehr Glück. Vielleicht helfen mir bewegte Bilder, zu verstehen, worauf er hinauswollte. Vielleicht hätte ich aber auch meinem Entschluss, zuerst „Neverwhere“ zu lesen, treu bleiben sollen.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/11/14/neil-gaiman-american-gods
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