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review 2019-02-09 18:06
Auf ins weite Europa – ohne Sinn und Verstand
Kartografie der Freiheit. Roman - Andrej Kurkow

Als ich nach Beendigung des Romans das Nachwort des Autors las und realisierte, wie er die Tonalität seiner Geschichte und deren Intention sah, war ich total überrascht und von der Rolle, denn ich hatte das Gefühl, ein komplett anderes Buch gelesen zu haben. Kurkov meint, er habe einen sehr europäischen Roman über junge Leute geschrieben, die „den Wegfall der Grenzen und die europäische Zusammengehörigkeit ernst nehmen.“ Das ist bei mir überhaupt nicht so angekommen.

 

Im Prinzip geht es um drei junge Paare aus Litauen (Barbora und Andrius, Ingrida und Klaudjus, Vitas und Renata), die am Tag des Wegfalls der Schengen-Grenzen während eines Festes miteinander vereinbaren, sich ihren Traum von Europa zu erfüllen, mit dem Ziel, in die Ferne, in ihre Traumstädte London, Paris und Rom aufzubrechen, um genau dort ihr Glück zu versuchen und sich niederzulassen.

 

Dabei gehen sie aber derart hirnlos vor, dass ich die ganze Zeit den Kopf schütteln musste. Keiner checkt vorab über das Internet die Lage, sucht sich in Jobportalen von Litauen aus schon eine qualifizierte Arbeit, sie lassen sich treiben, brauchen ihre Ersparnisse auf und taumeln von einem zufällig ergatterten Billiglohn-Gelegenheitsjob zum nächsten. Zwei Paare – und das muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen – deren Traumdestinationen Paris und Rom sind, sprechen noch nicht mal ein Wort in der Sprache des Ziellandes, in dem sie sich dauerhaft niederlassen, leben und arbeiten wollen. Das ist irgendwie total verrückt und kann ja von vornherein nicht gut gehen. Irgendwie hatte ich als Leserin auch das Gefühl, der Autor vermittelt uns unterschwellig, dass Europa diesen Paaren, die sich derart respektlos ihren Zielländern gegenüber verhalten, etwas schuldig sein soll.

 

Zum Beispiel gerade in Paris angekommen, dem Bus entstiegen, entspinnt sich folgender Dialog:

Der Barkeeper antwortete in einem langen unverständlichen Satz. Andrius und Barbora tauschten Blicke.
„Was hat er gesagt, was glaubst Du?“ fragte die junge Frau.
„Dass ich eine wundervolle Begleiterin habe, nehme ich an“.
„Nein, er hat doch zu mir gesprochen“, widersprach Barbora. „Also, wir müssen Französisch lernen! Warum haben wir das eigentlich nicht gemacht?“
„Weil wir keine Zeit hatten.“ Andrius nahm einen Schluck Espresso.“Und wenn wir welche hatten, haben wir lieber geschmust, als Französisch gelernt …“
„Na, dann lernen wir jetzt Französisch. Das Schmusen kann warten …“
“ Wieso denn das?“ Andrius tat entrüstet.

 

Gerade meine Generation kann so eine Situation wie hier im Roman in Litauen beschrieben, sehr gut nachvollziehen, denn als wir ungefähr im Alter der Protagonisten waren, gingen auch für uns schon vor dem Beitritt Österreichs zur EU (durch Gegenseitigkeitsabkommen) in den 90er-Jahren unvermittelt die Grenzen auf – das war wie im Schlaraffenland. Was vorher extrem bürokratisch und schwierig – fast schon unrealistisch war, war plötzlich ganz einfach möglich, nämlich arbeiten in Deutschland, in Italien, am Meer, studieren durch Finanzierung mit Au-pair oder Jobben in allen großartigen Städten der EU. Einige wollten das Meer sehen, einige viel Geld verdienen, manche hatten als Zieldestination die Stadt der Liebe, Paris. Aber keiner war so unvorbereitet wie diese Protagonisten, jeder paukte wie verrückt Französisch, Italienisch, Spanisch oder Griechisch, Englisch war ja nicht notwendig, denn das konnten wir und durchsuchte die lokalen Zeitungen vorab schon nach Jobs und bewarb sich. Dabei hatten wir damals nicht so einfach Zugang zum Internet wie heute und waren trotzdem weitaus besser gerüstet für das Leben in fernen Ländern.

 

In keiner Situation des im ganzen mehr als 600 Seiten dauernden extrem langen Romans wird ob dieser Blauäugigkeit und des mangelnden Realitätssinns irgendwann mal ein Funken Selbstkritik der Figuren oder eine kritische Darstellung des Autors vermittelt, im Gegenteil, die im selbstgewählten Exil im Ausland „Gestrandeten“, hadern und lamentieren permanent herum. Schlimmer ist zudem noch, dass Renata und Vitas, jenes Paar mit Ziel Rom, das durch die notwendige Versorgung von Renatas Großvaters an der Auswanderung gehindert wurde, offensichtlich als Einzige mit Hirn und Verstand die Segnungen des Internets einzusetzen vermag, und damit in Litauen erfolgreich ist. Was soll das nun? Was ist die Moral von der Geschicht?: Renn mutig aber kopflos wie ein Hendl gegen Westen und werde unglücklich oder bleib zu Hause trau Dich nix, dann bist Du erfolgreich und froh?- Das ist so BÄÄÄHHH (sorry für das Wort, aber dieselben fehlen mir gerade).

 

Zudem begeht Kurkov mit seiner Geschichte – zumindest für meine Begriffe – eine unverzeihliche Todsünde, nämlich sie hat mich über weite Strecken extrem gelangweilt. Zwei Paare wandern also ziemlich friktionsfrei aus …. und dann passiert 200 Seiten gar nix: Ein paar Gelegenheitsjobs und ein alter Hund ist gestorben, ansonsten nichts als Banalitäten … und dann passiert bis Seite 500 wieder fast gar nichts. Der Roman hat das Tempo einer Schnecke, in super-super-slow-motion vegetiert der Plot dahin. Ich wünschte mir die ganze Zeit, dass einer der Figuren mal was richtig Furchtbares zustößt, damit endlich Schwung in die Story kommt. Ich brauche ja nicht immer Drama, aber das ist mir wirklich zu wenig Action. Wenn mein Leben in jungen Jahren so gewesen wäre, wäre ich wahrscheinlich vor Langeweile schon längst gestorben. Ab Seite 500 – das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen – kommt die Handlung dann endlich richtig in Schwung, aber da habe ich schon irgendwie die Lust an den Figuren und ihren Schicksalen verloren.

 

Fazit: Viel zu langer, gähnend langweiliger, inhaltsloser, larmoyanter Roman, in dem ich die Botschaft des Autors einfach nicht vernommen habe. Eines muss man Kurkov aber lassen, auch wenn er sich in Banalitäten ergeht, diese kann er sehr gut und mit ausgezeichneter Sprache transportieren.

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text 2018-06-16 17:43
...
10 Jahre Freiheit - Natascha Kampusch,He... 10 Jahre Freiheit - Natascha Kampusch,Heike Gronemeier

3096 Tage, sehr interessant.

 

Jetzt dachte ich das könnte vielleicht genau so interessant werden, aber irgendwie hatte ich was anderes erwartet.

An sich auch sehr interessant, aber auch langatmig. Sie erzählt was, wie, wo, danach passiert ist. Wann sie was gemacht hat und warum. Zwischen drin dachte ich mir:... "ja klingt logisch, und hm,.. das versteh ich." Aber auf dauer nur so ein 'monotones' gelaber zu lesen das zieht einen schorn runter. Sie lebt, ihr geht es gut und jetzt lasst ihr das Leben was sie sich aufgebaut hat. Außerdem habe ich immer mehr hass und wut auf die Leute bekommen die sie nicht akzeptiert haben, in Ruhe gelassen haben, oder sie verbessern wollte und ihr gesagt haben was sie wie machen soll...

 

 

Also es ist eher ein kann, kein muss.

(kurz und knapp, dass geht doch Nuria applaus :D  )

 

Einen schönen Abend, ich geh jetzt kochen :)

Nuri

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review 2018-04-17 08:00
Psst! Eine politische Jugend-Dystopie!
Die Verschworenen - Ursula Poznanski

Betrachtet man die Liste der Werke von Ursula Poznanski, fällt die dystopische „Die Verratenen“-Trilogie als ungewöhnlich auf. Normalerweise tummelt sich die österreichische Autorin nämlich nicht in der Science-Fiction. Überwiegend schreibt Poznanski Thriller und allgemein Spannungsliteratur für Erwachsene und Jugendliche. Ihren Ausflug in ein anderes Genre begründete sie gegenüber der FAZ damit, dass sie, um die Geschichte erzählen zu können, die ihr vorschwebte, ein spezielles Gesellschaftskonstrukt benötigte, das extreme Gegensätze zuließ. Dies bedeutete entweder Fantasy oder Dystopie. Sie entschied sich für die Dystopie. Meiner Ansicht nach war ihre Wahl goldrichtig, da der Realitätsbezug ihres Dreiteilers in einer düsteren Zukunftsvision definitiv glaubwürdiger ist.

 

Niemals hätte Ria geglaubt, dass Tageslicht das kostbarste Gut in ihrem Leben werden würde. Seit sie und ihre Freunde in Quirins unterirdisches Labyrinth flohen, sehnt sie jede Sekunde unter der Sonne herbei. Doch diese wertvollen Momente sind selten. Nur wenige der Schwarzdornen wissen, dass ihre Abreise inszeniert war – zum Schutz des Clans und zu ihrem eigenen Schutz, denn die Sphären suchen noch immer nach ihnen. Die Frage, warum ihre eigenen Leute sie umbringen wollen, quält Ria in den langen, dunklen Stunden unter der Erde. Trotz dessen hält sie Aureljos Plan, sich heimlich in eine Sphäre zu schmuggeln, für zu gefährlich. Quirin hingegen unterstützt ihn tatkräftig bei seinen Vorbereitungen. Fast, als wollte er sie loswerden… Während Aureljo beschäftigt ist, sortiert Ria die Bücher der Bibliothek. Inmitten von dicken Wälzern voller längst vergessenem Wissen entdeckt sie handgeschriebene Briefe. Aufgeregt beginnt sie, zu lesen und begreift schnell, dass sie die Antwort auf all ihre Fragen in den Händen hält. Sie kann nicht länger bei den Schwarzdornen bleiben. Sie muss Aureljo in die Sphären begleiten. Denn jetzt geht es nicht mehr nur um ihr Leben.

 

Im selben Interview, in dem Ursula Poznanski erklärt, warum sie die „Die Verratenen“-Trilogie als Dystopie konzipierte, scherzt sie, dass sie Hemmungen hat, die drei Bücher als politisch zu betiteln, um ihre jugendlichen Leser_innen nicht zu vergraulen. Bei mir muss sie sich da keine Sorgen machen. Im Gegenteil, ich freue mich sehr darüber, dass der zweite Band „Die Verschworenen“ die politische Ebene der Geschichte subtil aber deutlich fokussiert. Genau diese Verbesserung hatte ich mir nach der Lektüre des ersten Bandes „Die Verratenen“ gewünscht und siehe da, Poznanski hat mich erhört. Dank spannender Einblicke in das gesellschaftliche Gefüge innerhalb der Sphären und in das Verhältnis zwischen Sphären- und Außenbewohnern lernte ich die Strukturen der potentiellen zukünftigen Welt besser kennen und erfuhr darüber hinaus beiläufig die realistische Ursache für die Eiszeit, die einen Teil der Menschen veranlasste, Zuflucht in den gigantischen Plastikkuppeln zu suchen. Ursula Poznanski hätte all dieses Wissen bereits im Auftakt der Trilogie verraten können – ich bin froh, dass sie es nicht getan hat. „Die Verschworenen“ ist erneut eng an die Protagonistin und Ich-Erzählerin Ria geknüpft. Ihr Erlebnis- und Erkenntnishorizont bestimmt das Fortschreiten der Geschichte. Es ist vollkommen plausibel, dass sie Zeit brauchte, um zu begreifen, dass ihre Wahrnehmung der Welt durch ihre Erziehung in den Sphären einseitig, voreingenommen und teilweise schlicht falsch ist. Rias Blickwinkel musste sich erst verschieben, um sie sehen zu lassen: Unrecht und Ungleichgewicht in zahllosen Facetten, nicht nur bezüglich der Behandlung der Außenbewohner durch die Sphären, sondern auch hinsichtlich der Organisation des Lebens in den Sphären selbst. Mir war nicht bewusst, wie privilegiert Ria und ihre Freunde als Elitestudenten waren – es fiel uns gemeinsam wie Schuppen von den Augen, als sie erfährt, wie sich der Alltag normaler Arbeiter_innen gestaltet, wie vielen Einschränkungen und Vorschriften diese unterworfen sind. Diskret hinterfragt Poznanski, ob die gefährliche Freiheit der Außenwelt der klaustrophobischen, erdrückenden Sicherheit der Sphären vielleicht vorzuziehen ist. Dank Rias beeindruckender Auffassungsgabe sind die Klassenunterschiede allgegenwärtig. Ihre Gedankengänge zu beobachten war faszinierend. Aufgrund ihrer Ausbildung zeichnet sie sich durch ein außergewöhnliches Maß an Struktur, Rationalität und Kontrolle aus, wirkt jedoch niemals kalt oder unglaubwürdig, weil sie ihre Gefühle überzeugend durchlebt. Sie verfügt lediglich über Strategien, die es ihr ermöglichen, sich zu beherrschen. Dadurch nervt sie sehr viel weniger als manch andere YA-Heldin. Sie ist keine Heulsuse und darin geschult, sich selbst zu helfen und Probleme eigenständig zu lösen. Hysterie ist ihr fremd, weshalb sogar ihr unvermeidliches Liebesdreieck erträglich war, was allerdings auch daran liegt, dass es die Handlung niemals überlagert. Poznanski erhält den Fokus aufrecht.

 

Ich fand „Die Verschworenen“ zweifelsfrei besser als den Trilogieauftakt. Beinahe hätte es für eine 4-Sterne-Bewertung gereicht, bräuchte die Handlung nicht etwas lang, um in Gang zu kommen. Die Zeit, die Ria unterirdisch verbringt, erschien mir langatmig; es dauert eine Weile, bis sich die Situation der Protagonistin entscheidend ändert. Trotz dessen erkenne ich nun doch Ursula Poznanskis Talent. Sie schreibt sehr elegant und ökonomisch, verzettelt sich nicht und verzichtet auf unnötige inhaltliche Schlenker. Ihre Dystopie ist ebenso vorstellbar wie innovativ und ich habe das Gefühl, dass trotz der unerwarteten, schockierenden Wendung des zweiten Bandes noch längst nicht alle schmutzigen Geheimnisse aufgedeckt wurden. Ich freue mich auf das Finale „Die Vernichteten“ und drücke Ria die Daumen, dass sie eine Brücke zwischen Sphären und Außenwelt schlagen kann. Für mich wäre die Wahl übrigens eindeutig: lieber frei als sicher.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2018/04/17/ursula-poznanski-die-verschworenen
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review 2018-01-07 13:05
Knasterfahrungen eines Autors
Freiheit ist 49: Erkenntnisse aus 4 Jahren Knast - Constantin Himmelried

Diese Überschrift für meine Rezension wähle ich nicht aus dem Grund, dass Constantin Himmelried zum Zeitpunkt seiner Verhaftung bereits Autor war, sondern, weil ihn diese Zeit zum Schreiben gebracht hat und man als Leser ein Buch ganz anders wertschätzt, wenn die Geschichte zum verfassenden Autor gehört.

 

Einige Leser, die den Autor auf Facebook begleiten, werden mitbekommen haben, dass es dort Diskussionen zum Thema Titel und Cover gab.

Ich habe meine Meinung auch kundgetan und bin nach dem Lesen nun sehr glücklich, dass alles anders kam. Ich habe für ein anderes Cover abgestimmt. Allerdings muss ich im Nachhinein sagen, dass solche Entscheidung sehr schwer zu treffen ist, wenn man die Geschichte hinter dem Titel und dem Cover nicht kennt.

Im Nachhinein kann ich sagen, dass beide getroffenen Wahlen perfekt zu diesem Buch passen. Für viele Leser mag der Titel ein wenig abschreckend sein, einfach weil man diesen nicht wirklich einzuordnen weiß.
Was bedeutet dieses „Freiheit ist 49“?

Ich als Leserin und Rezensentin kann euch nur sagen, dass man dieses Buch allein um dieser Frage auf den Grund zu gehen, lesen sollte. Mich hat die Auflösung überrascht und sehr berührt.

 

Das Buch startet mit einer Einführung, in der der Autor Constantin Himmelried dem Leser sehr private Fakten entgegenbringt. Gleich zu Beginn legt er die Karten, wieso er verhaftet wurde, offen auf den Tisch. Bereits an dieser Stelle zog ich meinen imaginären Hut. Für solche Darlegungen und allgemein für den Mut zu diesem Werk gebührt ihm mein Respekt, denn ich finde, dass gerade das Thema Knast in unserer Gesellschaft noch sehr tabuisiert wird.

 

Im Folgenden berichtet der Autor über die lange Zeit in Untersuchungshaft. Seine Erlebnisse, seine Gefühle, aber auch seine Erkenntnisse spielen eine große Rolle.

Bereits sehr schnell wird ihm klar, dass er nun zuerst zu sich selbst finden muss, um diese Zeit zu überstehen.

 

„…hatte ich doch in meinen Augen überhaupt keine Fehler gemacht. Schließlich hielt ich mich für perfekt. Schuld waren immer die anderen.“ (S. 21f.)

 

Ebenfalls steht er offen zu seiner Persönlichkeit „vor dem Knast“.

Er selbst bezeichnet sich als arrogant. Aufgrund seiner Beschreibungen kann man dem als Leser sehr gut zustimmen. Interessanter ist es jedoch, als der Autor diesen Punkt an vielen Stellen im Buch selbst bemerkt. Wieso verurteilt man arrogante Menschen vorschnell? Constantin Himmelried findet im Knast eine Erklärung.

Diese Personen stellen einen vorgehaltenen Spiegel dar.

 

„Sei ehrlich zu dir selbst und beurteile dich, wie du andere beurteilst.“ (S. 69)

 

Im weiteren Verlauf zeigt der Autor auch Schwäche. Ein Fakt, der bereits in seinen einführenden Worten besprochen wird, ist der Punkt, dass nicht nur er verhaftet wurde, sonder mit ihm auch sein Vater. Dieser Umstand hat Himmelried schwer zu schaffen gemacht. Die Tätertrennung macht es ihm nicht möglich Kontakt zu seinem Vater aufzunehmen. Und doch gibt es besondere Momente. Momente, in denen der Autor pures Glück empfindet und vor Glück weinen kann.

Auch Wörter wie WERTSCHÄTZUNG UND DANKBARKEIT haben durch die Knasterfahrung einen ganz anderen Stellenwert für den Autor.

Diese beiden Themen und noch ein weiteres, auf das ich gleich noch eingehen werde, haben mich selbst stark zum Nachdenken gebracht.

 

„Es brauchte den Knast, um zu erkennen, dass ich bei ganz vielem ganz falsch lag.“ (S. 77)

 

Für viele Menschen mag es schwer sein, dies zu ertragen, Himmelried bezeichnet im Verlauf des Buches seine „Allein-Zeit“ als Freude. Menschen, denen jegliche Freiheit genommen wurde, bleibt nichts anderes übrig, als sich mit dieser Gegebenheit positiv zu stellen.

 

Der Autor beschreibt in seinem Roman aber nicht nur die Zeit im Knast, sondern auch die Zeit danach. Und gerade diese ist für viele Ex-Inhaftierte eine sehr schwierige Zeit. Auch Constantin Himmelried hat mit der Zeit nach dem Knast zu kämpfen. Und hier spricht er das dritte Thema an, welches mich und viele andere Leser und Menschen zum Nachdenken anregen sollte.

Nach 4 Jahren Knast stellt er fest, dass der Gipfel der Oberflächlichkeit durch Social-Media-Kanäle und andere Plattformen erreicht ist.

Man benutzt Whats-App, anstatt zu telefonieren.

Man ist darauf aus, persönliche Dinge preiszugeben, die man als Kind in ein Tagebuch geschrieben hat, mit dem Hintergedanken, dass diese Einträge niemals jemand zu Gesicht bekommt.

Erschreckende Einsichten, aber wahre Worte.

Allerdings wird dieser Umstand nur Menschen auffallen, die eine Zeit lang ohne diese Technologisierung gelebt haben.

 

„Auf keinen Fall wollte ich meine wertvollen Erkenntnisse, die der Knast mir geschenkt hatte, über Bord werfen, indem ich einfach so in das Leben „draußen“ hineinglitt.“ (S. 154)

 

Im zweiten Teil des Buches geht der Autor zum einen auf typische Vorurteile ein, die man über das Thema Gefängnis im Hinterkopf hat. Hier war ich sehr gespannt, weil uns Menschen vor allem durch Filme oder Dokumentationen über den amerikanischen Knastalltag falsche Bilder eingeimpft werden. Aber er richtet seine Worte auch an Angehörige von Inhaftierten und Opfern, an von Inhaftierung bedrohten und allgemein an unsere Gesellschaft.

 

Das letzte Drittel gibt dem Leser Aufschluss über Knastbegrifflichkeiten.

Constantin Himmelried benutzt in seinem Buch typische Redewendungen, welche im Gefängnis Einzug nehmen. Mich hat dies beim Lesen nicht gestört und ich habe am Ende gerne die eine oder andere Erklärung durchgelesen.

 

Mein Fazit

Solche Bücher sind für uns Rezensenten immer wieder schwer zu rezensieren.

Gerade gemachte Erlebnisse und die daraus mitgenommenen und niedergeschriebenen Erkenntnisse eines Menschen kann man nicht in gut oder schlecht einteilen. Für meine Person muss ein solches Buch leserlich sein und packen können. Dieses kann der Autor zum einen mit einer interessanten Thematik, aber ich mag auch den Aufbau des Buches und den Schreibstil. Ich möchte ihn zum Teil als einfach und sachlich bezeichnen, aber gerade zum Ende jedes Kapitels schwingen Emotionen in seinen Sätzen mit. Vor allem diese letzten Sätze eines Abschnitts haben mich meist zum Nachdenken anregen können und wurden von mir markiert.

Auch mit seinem zweiten Buch kann mich Constantin Himmelried begeistern.

Vielen Dank für diesen Einblick in Ihre ganz persönliche Geschichte.

Ich freue mich auf Weiteres!

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review 2017-08-08 10:33
Eindringlich, psychologisch vielschichtig, unverzichtbar
Beloved - Toni Morrison

Interessiert man sich für weibliche, afroamerikanische Literatur, kommt man an Toni Morrison nicht vorbei. 1993 erhielt sie als erste schwarze Frau den Literaturnobelpreis. Bereits fünf Jahre zuvor wurde ihr Roman „Beloved“, in dem sie sich mit der Geschichte der Sklaverei in den USA auseinandersetzt, mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Das Buch basiert lose auf der Biografie von Margaret Garner, die 1856 ihre zweijährige Tochter tötete, um sie vor einem Leben in Sklaverei zu bewahren. Ich habe lange gebraucht, bis ich bereit für „Beloved“ war. Tatsächlich begann ich das Buch schon einmal, bemerkte aber, dass ich mit dem Schreibstil noch nicht zurechtkam und stellte es zurück ins Regal. Drei Jahre wartete es geduldig auf mich.

 

18 Jahre ist es her, dass Sethe eine Sklavin in Sweet Home war. Unaussprechliches wurde ihr angetan, bis sie, hochschwanger und allein, floh. Zu Fuß schlug sie sich nach Ohio durch, wo sie im Haus ihrer Schwiegermutter Baby Suggs unterkam. Heute ist die 124 ihr Heim, in dem sie mit ihrer Tochter Denver lebt. Freiheit ist jedoch mehr als ein physischer Zustand. Noch immer wird Sethe von ihren Erinnerungen heimgesucht. In ihrem Haus spukt der Geist ihres Babys, auf dessen Grabstein ein einziges Wort eingraviert ist: Beloved. Als ein Besucher aus ihrer Vergangenheit eines Tages auf der Schwelle der 124 auf Sethe wartet, scheint es, als erhielte sie erstmals eine Chance auf wahres Glück. Doch diese Hoffnung währt nur einige Herzschläge, denn kurz darauf tritt eine junge Frau in ihr Leben, die Sethes Glauben, ihre Mutterliebe und ihr Verständnis von Freiheit hart auf die Probe stellt. Sie sagt, sie heißt Beloved…

 

Wie könnte ich für dieses preisgekrönte Buch weniger als fünf Sterne vergeben? „Beloved“ ist ein moderner Klassiker, der das vor allem in den USA ungeliebte Thema der Sklaverei psychologisch vielschichtig und glaubwürdig bespricht. Erstaunlicherweise halte ich den Roman trotz dessen nicht für eine Abhandlung über Sklaverei. Meiner Meinung nach ist es eine Geschichte darüber, was Freiheit bedeutet, speziell für farbige Frauen. Laut Vorwort entspricht dieser Eindruck auch Toni Morrisons Intention. Die Handlung spielt vermutlich zwischen 1865 und 1890, nach dem amerikanischen Sezessionskrieg und der offiziellen Abschaffung der Sklaverei. Im Mittelpunkt stehen Vergangenheit und Gegenwart der Protagonistin Sethe, die untrennbar miteinander verwoben sind. Sethe lebte viele Jahre als Sklavin auf der Farm Sweet Home in Kentucky, bis sie die Qualen unter ihren weißen Herren nicht mehr aushielt und den gefährlichen Entschluss traf, zu fliehen. Ich war sehr dankbar, dass Sethes Sklavenzeit zur Gegenwart des Buches bereits knapp 20 Jahre zurückliegt. Dadurch erlebte ich ihr Leid mit einem gewissen Abstand und war nicht gezwungen, die furchtbaren Torturen, die ihr angetan wurden, live zu beobachten. Ich will damit nicht ausdrücken, dass ich die Augen vor der Realität verschließe, doch die menschenunwürdigen Methoden der Sklavenhalter in Sweet Home waren selbst als Rückblenden äußerst schwer zu ertragen. Sethes Rücken ist von Narben entstellt, die Zeugnis vom brutalen, rücksichtslosen Einsatz der Peitsche tragen. Morrison vergleicht das Narbengewebe mit einem Baum, aus dem neues Leben entspringt – als ich diesen Absatz las, liefen mir Tränen über die Wangen, weil es mir sehr zu Herzen ging, dass die Autorin für etwas so schreckliches und falsches wundervolle Worte fand. Ihren Schreibstil empfand ich insgesamt als sanftmütig, gefasst und würdevoll; sie wedelt nicht mit dem moralischen Zeigefinger vor den Augen ihrer Leser_innen, sondern lässt die beschämenden Wahrheiten ihrer Geschichte für sich selbst sprechen. Sie deutet vieles erst nur an und führt es später genauer aus, wodurch sich das Gesamtbild der Erlebnisse der Sklaven in Sweet Home und ihrer Strategien, ihre Erinnerungen zu verarbeiten, langsam zusammensetzt. Während Baby Suggs ihr Herz für alle öffnete und sich zu einer spirituellen Leitfigur entwickelte, konzentrierte sich Sethe voll auf ihre Mutterrolle. Es stimmte mich traurig, dass Sethe sich zwar selbst befreite, aber niemals frei wurde. Ihre Vergangenheit bestimmt noch immer jeden ihrer Schritte. Sie verfolgt keine Pläne oder Träume, weil ihre Fähigkeit zur Fantasie irreparabel verkrüppelt wurde. Sie flüchtet sich in Gewohnheiten, die ihr Sicherheit vermitteln. Ihr einziger Wunsch lautet, dass ihre Kinder es besser haben sollen. Ich hatte das Gefühl, dass Sethe unbewusst die ganze Zeit darauf wartet, dass das Leben, das sie sich mühsam aufbaute, erneut von außen demontiert wird. Sie erwartet neuen Schmerz, neues Leiden und konnte deshalb nie lernen, ihr Leben auszufüllen, obwohl ihr Lebenswille unfassbar stark ist. So stark, dass sie als Löwenmutter in Kauf nahm, ihre eigene Familie zu zerstören, um ihre Kinder vor den Erfahrungen zu retten, die ihr aufgezwungen wurden. Bis heute beteuert sie die Rechtmäßigkeit ihrer verzweifelten Entscheidungen, doch auf mich wirkte es, als lechze sie nach Absolution. Sie ist nicht überzeugt, dass ihr Handeln richtig war und geißelt sich jeden Tag. Ich habe versucht, mich in sie hineinzuversetzen, herauszufinden, was ich an ihrer Stelle getan hätte. Ich habe keine Antwort gefunden. Ich kann das Ausmaß der Verzweiflung, das Sethe empfunden haben muss, unmöglich nachempfinden, so sehr ich mich auch anstrenge. Darum urteile ich nicht über sie. Ich bemühe mich lediglich, sie zu verstehen, wie Toni Morrison es meiner Ansicht nach auch beabsichtigte.

 

„Beloved“ ist eine eindringliche Aufarbeitung der psychologischen Folgen der Sklaverei, die unverzichtbar für den amerikanischen und globalen Kanon ist. Toni Morrison sagte einst, dass sie das Buch geschrieben habe, weil es für die Opfer der Sklaverei in den USA keinerlei Denkmäler gäbe. Ich glaube, man muss diesen Roman genau auf diese Weise lesen: als Hommage, als Gedenken, als Anerkennung des millionenfachen Leids, dass die Sklaverei verursachte. Wir müssen uns mit unserer Verantwortung, unserer Schuld auseinandersetzen, nicht nur in den Staaten, sondern weltweit, weil die schiere Dimension der Grausamkeit, mit der Menschen damals wie Vieh behandelt wurden, uns alle angeht. Wir wollen mal nicht vergessen, dass sich auch europäische Länder eine goldene Nase mit dem Sklavenhandel verdienten. Außerdem halte ich eine Aufarbeitung dieses vergangenen Unrechts, wie „Beloved“ sie bietet, für unumgänglich, um gegen dessen Entsprechungen in der Gegenwart kämpfen zu können. Sklaverei wird heute Menschenhandel genannt, aber das Prinzip hat sich nicht verändert. Noch immer gibt es Menschen, die ähnliche Verzweiflung und ähnliches Leid wie Sethe erfahren. Jeden Tag. Überall.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/08/08/toni-morrison-beloved
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