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review 2017-08-08 10:33
Eindringlich, psychologisch vielschichtig, unverzichtbar
Beloved - Toni Morrison

Interessiert man sich für weibliche, afroamerikanische Literatur, kommt man an Toni Morrison nicht vorbei. 1993 erhielt sie als erste schwarze Frau den Literaturnobelpreis. Bereits fünf Jahre zuvor wurde ihr Roman „Beloved“, in dem sie sich mit der Geschichte der Sklaverei in den USA auseinandersetzt, mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Das Buch basiert lose auf der Biografie von Margaret Garner, die 1856 ihre zweijährige Tochter tötete, um sie vor einem Leben in Sklaverei zu bewahren. Ich habe lange gebraucht, bis ich bereit für „Beloved“ war. Tatsächlich begann ich das Buch schon einmal, bemerkte aber, dass ich mit dem Schreibstil noch nicht zurechtkam und stellte es zurück ins Regal. Drei Jahre wartete es geduldig auf mich.

 

18 Jahre ist es her, dass Sethe eine Sklavin in Sweet Home war. Unaussprechliches wurde ihr angetan, bis sie, hochschwanger und allein, floh. Zu Fuß schlug sie sich nach Ohio durch, wo sie im Haus ihrer Schwiegermutter Baby Suggs unterkam. Heute ist die 124 ihr Heim, in dem sie mit ihrer Tochter Denver lebt. Freiheit ist jedoch mehr als ein physischer Zustand. Noch immer wird Sethe von ihren Erinnerungen heimgesucht. In ihrem Haus spukt der Geist ihres Babys, auf dessen Grabstein ein einziges Wort eingraviert ist: Beloved. Als ein Besucher aus ihrer Vergangenheit eines Tages auf der Schwelle der 124 auf Sethe wartet, scheint es, als erhielte sie erstmals eine Chance auf wahres Glück. Doch diese Hoffnung währt nur einige Herzschläge, denn kurz darauf tritt eine junge Frau in ihr Leben, die Sethes Glauben, ihre Mutterliebe und ihr Verständnis von Freiheit hart auf die Probe stellt. Sie sagt, sie heißt Beloved…

 

Wie könnte ich für dieses preisgekrönte Buch weniger als fünf Sterne vergeben? „Beloved“ ist ein moderner Klassiker, der das vor allem in den USA ungeliebte Thema der Sklaverei psychologisch vielschichtig und glaubwürdig bespricht. Erstaunlicherweise halte ich den Roman trotz dessen nicht für eine Abhandlung über Sklaverei. Meiner Meinung nach ist es eine Geschichte darüber, was Freiheit bedeutet, speziell für farbige Frauen. Laut Vorwort entspricht dieser Eindruck auch Toni Morrisons Intention. Die Handlung spielt vermutlich zwischen 1865 und 1890, nach dem amerikanischen Sezessionskrieg und der offiziellen Abschaffung der Sklaverei. Im Mittelpunkt stehen Vergangenheit und Gegenwart der Protagonistin Sethe, die untrennbar miteinander verwoben sind. Sethe lebte viele Jahre als Sklavin auf der Farm Sweet Home in Kentucky, bis sie die Qualen unter ihren weißen Herren nicht mehr aushielt und den gefährlichen Entschluss traf, zu fliehen. Ich war sehr dankbar, dass Sethes Sklavenzeit zur Gegenwart des Buches bereits knapp 20 Jahre zurückliegt. Dadurch erlebte ich ihr Leid mit einem gewissen Abstand und war nicht gezwungen, die furchtbaren Torturen, die ihr angetan wurden, live zu beobachten. Ich will damit nicht ausdrücken, dass ich die Augen vor der Realität verschließe, doch die menschenunwürdigen Methoden der Sklavenhalter in Sweet Home waren selbst als Rückblenden äußerst schwer zu ertragen. Sethes Rücken ist von Narben entstellt, die Zeugnis vom brutalen, rücksichtslosen Einsatz der Peitsche tragen. Morrison vergleicht das Narbengewebe mit einem Baum, aus dem neues Leben entspringt – als ich diesen Absatz las, liefen mir Tränen über die Wangen, weil es mir sehr zu Herzen ging, dass die Autorin für etwas so schreckliches und falsches wundervolle Worte fand. Ihren Schreibstil empfand ich insgesamt als sanftmütig, gefasst und würdevoll; sie wedelt nicht mit dem moralischen Zeigefinger vor den Augen ihrer Leser_innen, sondern lässt die beschämenden Wahrheiten ihrer Geschichte für sich selbst sprechen. Sie deutet vieles erst nur an und führt es später genauer aus, wodurch sich das Gesamtbild der Erlebnisse der Sklaven in Sweet Home und ihrer Strategien, ihre Erinnerungen zu verarbeiten, langsam zusammensetzt. Während Baby Suggs ihr Herz für alle öffnete und sich zu einer spirituellen Leitfigur entwickelte, konzentrierte sich Sethe voll auf ihre Mutterrolle. Es stimmte mich traurig, dass Sethe sich zwar selbst befreite, aber niemals frei wurde. Ihre Vergangenheit bestimmt noch immer jeden ihrer Schritte. Sie verfolgt keine Pläne oder Träume, weil ihre Fähigkeit zur Fantasie irreparabel verkrüppelt wurde. Sie flüchtet sich in Gewohnheiten, die ihr Sicherheit vermitteln. Ihr einziger Wunsch lautet, dass ihre Kinder es besser haben sollen. Ich hatte das Gefühl, dass Sethe unbewusst die ganze Zeit darauf wartet, dass das Leben, das sie sich mühsam aufbaute, erneut von außen demontiert wird. Sie erwartet neuen Schmerz, neues Leiden und konnte deshalb nie lernen, ihr Leben auszufüllen, obwohl ihr Lebenswille unfassbar stark ist. So stark, dass sie als Löwenmutter in Kauf nahm, ihre eigene Familie zu zerstören, um ihre Kinder vor den Erfahrungen zu retten, die ihr aufgezwungen wurden. Bis heute beteuert sie die Rechtmäßigkeit ihrer verzweifelten Entscheidungen, doch auf mich wirkte es, als lechze sie nach Absolution. Sie ist nicht überzeugt, dass ihr Handeln richtig war und geißelt sich jeden Tag. Ich habe versucht, mich in sie hineinzuversetzen, herauszufinden, was ich an ihrer Stelle getan hätte. Ich habe keine Antwort gefunden. Ich kann das Ausmaß der Verzweiflung, das Sethe empfunden haben muss, unmöglich nachempfinden, so sehr ich mich auch anstrenge. Darum urteile ich nicht über sie. Ich bemühe mich lediglich, sie zu verstehen, wie Toni Morrison es meiner Ansicht nach auch beabsichtigte.

 

„Beloved“ ist eine eindringliche Aufarbeitung der psychologischen Folgen der Sklaverei, die unverzichtbar für den amerikanischen und globalen Kanon ist. Toni Morrison sagte einst, dass sie das Buch geschrieben habe, weil es für die Opfer der Sklaverei in den USA keinerlei Denkmäler gäbe. Ich glaube, man muss diesen Roman genau auf diese Weise lesen: als Hommage, als Gedenken, als Anerkennung des millionenfachen Leids, dass die Sklaverei verursachte. Wir müssen uns mit unserer Verantwortung, unserer Schuld auseinandersetzen, nicht nur in den Staaten, sondern weltweit, weil die schiere Dimension der Grausamkeit, mit der Menschen damals wie Vieh behandelt wurden, uns alle angeht. Wir wollen mal nicht vergessen, dass sich auch europäische Länder eine goldene Nase mit dem Sklavenhandel verdienten. Außerdem halte ich eine Aufarbeitung dieses vergangenen Unrechts, wie „Beloved“ sie bietet, für unumgänglich, um gegen dessen Entsprechungen in der Gegenwart kämpfen zu können. Sklaverei wird heute Menschenhandel genannt, aber das Prinzip hat sich nicht verändert. Noch immer gibt es Menschen, die ähnliche Verzweiflung und ähnliches Leid wie Sethe erfahren. Jeden Tag. Überall.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/08/08/toni-morrison-beloved
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review 2016-12-01 10:28
Ein Schatten bemächtigte sich meiner
Prince of Thorns - Mark Lawrence

Auf die Frage hin, welche Autor_innen Mark Lawrence inspirierten, seinen Debütroman „Prince of Thorns“ zu schreiben, antwortete er „A Clockwork Orange“ von Anthony Burgess. Hätte ich das gewusst, hätte ich vielleicht eher zu diesem Roman gegriffen, denn ich liebe die Geschichte des zum Gutmenschen konditionierten Alex. Hätte ich es gewusst, wären meine Erwartungen allerdings enttäuscht worden, weil die beiden Bücher letztendlich kaum etwas gemeinsam haben. Lediglich ihre Protagonisten sind sich sehr ähnlich: sowohl Alex als auch Jorg sind ultragewaltbereite, intelligente, einnehmende Figuren. Demzufolge war es vermutlich von Vorteil, dass ich erst im Nachhinein erfuhr, dass „Prince of Thorns“ ursprünglich als Hommage an Burgess‘ großen Roman gedacht war. So konnte ich mich der Lektüre unbelastet widmen.

 

Der Tod seiner Mutter und seines Bruders veränderten Jorg. Das Attentat, das eigentlich auch ihn beseitigen sollte, machte aus einem unschuldigen Kind den skrupellosen Kopf einer Räuberbande, die plündernd und mordend durch die Lande zieht. Aus Gier und Opportunismus halten sie ihm, einem 14-jährigen Burschen, die Treue. Vier Jahre ist es her, dass Jorg davonlief. Nun ist es Zeit, heimzukehren, an den Hof des Königs von Ancrath. Denn unter den Schichten aus Grausamkeit, Dreck und bitteren Erinnerungen ist Jorg niemand geringes als der Kronprinz des Reiches. Er ist fest entschlossen, seinen Anspruch auf den Thron durchzusetzen und seinen Vater dafür bluten zu lassen, dass er das Leben seiner Frau und seines Sohnes verscherbelte. Ebenso, wie er ihren Mörder für seine Tat bezahlen lassen wird. Von Rachedurst getrieben führt Jorg seine Bruderschaft Ausgestoßener in das Herz der Macht. Ein tödliches Netz aus Magie und Intrigen erwartet ihn. Doch Jorg weiß, wie das Spiel gespielt wird. Er weiß, wie man gewinnt. Und er will verdammt sein, wenn er mit 15 nicht bereits König ist!

 

„Prince of Thorns“ hat mir die Sprache verschlagen. Dieser Trilogieauftakt ist beklemmend düster, viel düsterer, als ich erwartet hatte. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, ein Schatten würde über den Seiten liegen, der mit Fortschreiten der Handlung immer dichter wurde und sich meiner bemächtigte. Sowas habe ich noch nie erlebt. Ich habe allerdings auch noch nie einen Protagonisten wie Jorg erlebt. Schon oft bekam ich es mit finsteren Antihelden zu tun, die es kaum auf eine nennenswerte positive Eigenschaft brachten (ja, ich schaue dich an, Ringil Eskiath), aber Jorg ist so… jung. 14 Jahre. Ich weiß, es klingt banal, doch seine Jugend bereitete mir wirklich Probleme, weil ich einfach nicht fassen konnte, dass jemand in diesem Alter so grausam, eiskalt und kompromisslos sein kann. Er ist doch fast noch ein Kind. Oder er sollte es sein. Da das Buch aus Jorgs Ich-Perspektive geschrieben ist, befand ich mich während der Lektüre unmittelbar in der Gedankenwelt des Prinzen – ich kann euch versichern, da ist nichts Kindliches. Gar nichts. Ich verstehe selbstverständlich, wie und warum Jorg so wurde wie er ist, denn Mark Lawrence erklärt seine Entwicklung nachvollziehbar durch eine hervorragende Mischung aus aktuellen Ereignissen und Rückblenden. Umso tragischer erscheint mir jedoch seine Figur. Der Tod seiner Mutter und seines Bruders zerfetzten alles Unschuldige in ihm innerhalb eines Wimpernschlags. Er wurde sehr schnell sehr radikal erwachsen und glaubt, alle zärtlichen Gefühle im Keim ersticken zu müssen, um nie wieder angreifbar und verletzlich zu sein. Jorgs Seele ist eine verbrannte, von Asche bedeckte Ödnis und das verheerende Feuer, das sie zerstörte, legte er selbst. Nichtsdestotrotz wird er von Schuld zerfressen. Tief in seinem Inneren glaubt Jorg noch immer, dass er seine Mutter und seinen Bruder hätte retten können. Er fühlt sich ohnmächtig und hilflos – um dieses Gefühl zu kompensieren, schlägt er um sich und versucht zu beweisen, dass er es an Brutalität und Skrupellosigkeit mit Männern aufnehmen kann, die doppelt so alt sind wie er. Ich denke, sein Plan, König zu werden, ist ebenfalls Ausdruck seines Bedürfnisses, als vollwertiger Erwachsener wahrgenommen zu werden. Er behauptet zwar, das zersplitterte Reich einen zu wollen, das der Trilogie ihren Namen gibt, aber so ganz nehme ich ihm das nicht ab. Trotz dessen zweifle ich nicht daran, dass es durchaus im Rahmen des Möglichen liegt, dass er dieses Ziel erreicht, denn was Jorg an Erfahrung und Weitblick fehlt, macht er durch pure Willensstärke, Intelligenz und unkonventionelles Denken wett. Ich habe gelernt, ihn niemals zu unterschätzen, weil er mich ein ums andere Mal überraschte.

 

Beim Lesen von „Prince of Thorns“ fesselte mich die Figur des Protagonisten dermaßen, dass ich kaum Zeit und Gelegenheit hatte, mich auf etwas Anderes als ihn zu konzentrieren. In den beiden Folgebänden werde ich hoffentlich die Möglichkeit haben, mich mit Mark Lawrences Universum vertraut zu machen. Ebenso hoffe ich, das vielfältige Magiesystem besser zu verstehen. Da liegt eine Menge Arbeit vor mir. Das schreckt mich jedoch nicht, im Gegenteil, ich freue mich darauf, all die Details der Trilogie „The Broken Empire“ zu erforschen und in einen größeren Zusammenhang zu bringen.
Ich fand „Prince of Thorns“ unbequem und faszinierend. Es ist ein düsteres, blutiges Buch, das eine giftige Atmosphäre von Zerstörung und Unsicherheit verströmt und einen zwielichtigen, grenzwertigen Protagonisten fokussiert. Ich weiß zwar noch nicht so recht, wie ich diesen Low Fantasy – Roman einordnen soll, weil ich mir nicht im Mindesten vorstellen kann, wohin Mark Lawrence eigentlich mit mir möchte, aber ich bin gewillt, es herauszufinden. Die Dunkelheit in Jorgs Seele übt eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf mich aus. Ich will ihn seine Schatten reiten sehen, diesen Prinzen der Dornen.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2016/12/01/mark-lawrence-prince-of-thorns
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review 2016-11-24 10:30
Humbug
And I Darken - Kiersten White

„And I Darken“ von Kiersten White begegnete mir zuerst auf Nadines Blog MAD Books. Sie stellte es im April anlässlich der Aktion Gemeinsam Lesen vor und schrieb, die Protagonistin Lada sei erfrischend anders, weil sie keine typische Prinzessin sei, sondern unbequem, gemein und rücksichtslos. Sie empfahl es so vehement, dass ich neugierig wurde und ihrem Beispiel folgte, das Buch bei Netgalley anzufragen. Die Zusage des Verlags ließ zwei Wochen auf sich warten, aber letztendlich erhielt ich ein Rezensionsexemplar.

 

Ladislav Dragwlya verehrte ihren Vater stets mit nahezu blinder Hingabe. Sie tat alles, um Vlad II. Dracul zu beeindrucken und seine Aufmerksamkeit zu erlangen; um größer, stärker und schlauer zu werden. Sie weiß, möchte sie ernst genommen werden, darf sie keine zerbrechliche Prinzessin sein. Also wurde sie eine wahre Tochter der Walachei, brutal und skrupellos. Leider verloren all ihre Bemühungen ihre Bedeutung, als ihr Vater sie und ihren kleinen Bruder Radu den Osmanen als Geiseln überließ. Lada hasst die Türken und schwört, sich eines Tages dafür zu rächen, dass sie sie gefangen nahmen. Sie pflegt ihren Hass, nährt und hätschelt ihn, verfeinerte ihre Fähigkeiten und wurde zu einer gefürchteten Kriegerin. Niemand könnte Lada jemals zähmen. Niemand – außer Mehmed. Als sie den Sohn des Sultans kennenlernte, ahnte Lada nicht, dass er das Ziel ihrer Begierde werden würde. Doch während die Jahre vergingen, wuchs und veränderte sich ihre Freundschaft, bis Lada sich die Frage stellen muss, wem ihre Loyalität gehört: ihrem Land, ihrem Bruder oder dem Sohn des Mannes, der ihr die Freiheit raubte?

 

Im April kannte „And I Darken“ noch so gut wie niemand – heute entwickelt sich bereits ein solider Hype um den Trilogieauftakt. Ein Hype, dem ich mich wieder einmal nicht anschließen kann. Ich kann mit „And I Darken“ nichts anfangen, weil ich das Buch nicht verstehe. Ich nahm an, es würde die fiktive Lebensgeschichte der fiktiven Tochter des walachischen Woiwoden Vlad Țepeș erzählen. Ein folgenschweres Missverständnis, denn Ladislav ist zwar sehr wohl die Tochter eines Vlads, dabei handelt es sich allerdings um Vlad II. Dracul, nicht um Vlad III. Drӑculea, der unter dem Namen Vlad der Pfähler bekannt wurde und vermutlich als Inspiration für die Figur des Graf Dracula diente. Folglich ist Lada nicht die Tochter des Pfählers – sie ist selbst der Pfähler. Genau an diesem Punkt setzt es bei mir aus, weshalb ich das Buch nicht höher als mit zwei Sternen bewerten kann, trotz der grundsätzlich eingängigen Geschichte. Warum? Warum aus Vlad dem Pfähler eine Frau machen? Ich begreife es nicht und fand dadurch überhaupt keinen Zugang zu „And I Darken“. Vlad Țepeș ist eine Persönlichkeit der Geschichte, er hat tatsächlich gelebt und erlangte durch seine Grausamkeit zweifelhaften Ruhm. Ich verstehe nicht, was Kiersten White dazu bewog, sein Geschlecht zu ändern. Alles, was Vlad III. Drӑculea erreichte, konnte er nur erreichen, weil er ein Mann war. Das mag sexistisch klingen, ist im historischen Kontext allerdings die reine Wahrheit. Sein Leben wäre völlig anders verlaufen, wäre er eine Frau gewesen, weil Frauen zu dieser Zeit eben nicht die gleichen Rechte und Chancen wie Männer hatten. White ignoriert diesen Fakt schlichtweg und setzt sich dementsprechend über die historischen Gegebenheiten des 15. Jahrhunderts hinweg. Sie eröffnet ihrer Protagonistin Lada Möglichkeiten, die sie in Wahrheit niemals gehabt hätte. „And I Darken“ erschien mir daher höchst konstruiert und abwegig, obwohl White die Position der Frau abseits von Lada intensiv beleuchtet und realistisch darstellt, über welche Umwege sie Macht erlangen konnten. Darin liegt aber eben auch die Krux: Frauen mussten indirekt agieren, wollten sie Einfluss nehmen; Ladas direkte Methoden sind meiner Ansicht nach Humbug und stellen sie auf ein irreales Podest. Natürlich ist sie unabhängig von ihrem geschichtlichen Vorbild eine starke, ungewöhnliche Heldin mit speziellen Talenten und ich kann verstehen, dass dies einen gewissen Reiz auf viele Leser_innen ausübt. Manchmal ist sie vielleicht sogar zu hart, zu grausam, zu gefühlskalt, sodass sie mir hin und wieder ein wenig unglaubwürdig erschien. Ich mochte ihren Bruder Radu wesentlich lieber, auch weil über Radu als historische Person weniger bekannt ist und er somit mehr Spielraum für Spekulationen bietet. Schlussendlich spielte Sympathie für mich jedoch insgesamt keine große Rolle, weil ich nicht darüber hinwegkam, dass das Buch ein Leben nachzeichnet, das unter diesen Voraussetzungen historisch undenkbar gewesen wäre.

 

Für sich genommen ist „And I Darken“ kein schlechtes Buch. Vermutlich ist es sogar spannend und mitreißend, wenn man noch nichts oder nur wenig über Vlad III. Drӑculea weiß. Mir wurde ganz offensichtlich zum Verhängnis, dass ich mich bereits intensiv mit dem walachischen Herrscher auseinandergesetzt hatte und dementsprechend beurteilen kann, wie wirklichkeitsfremd Kiersten Whites Ansatz ist, ihn als Frau zu portraitieren. Ich kann ja nachvollziehen, dass sie eine fiktive Interpretation der historischen Fakten schreiben wollte, schließlich war Vlad Țepeș ein faszinierender Mann. Mit Ladislav als Protagonistin schoss sie meiner Ansicht jedoch weit übers Ziel hinaus. Ich werde die Trilogie „The Conqueror‘s Saga“ demzufolge nicht weiterlesen. Obwohl es mich durchaus ein bisschen neugierig macht, wie Ladislav Vlads folgende Jahre durchleben wird, gehe ich davon aus, dass ich mein prinzipielles Problem mit ihrer Geschichte nie überwinden werde. Außerdem weiß ich ja bereits grob, was passieren wird, weil mir Vlads Werdegang bekannt ist. Die Trilogie weiterzuverfolgen erscheint mir daher ein wenig überflüssig.
Falls ihr übrigens Lust habt, eine realistischere interpretative Biografie von Vlad III. Drӑculea zu lesen, möchte ich euch C.C. Humphreys‘ Roman „Vlad“ wärmstens ans Herz legen. Ich würde dieses Buch „And I Darken“ jeder Zeit vorziehen.

 

Vielen Dank an den Verlag Corgi Childrens für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars via Netgalley im Austausch für eine ehrliche Rezension!

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2016/11/24/kiersten-white-and-i-darken
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review 2016-11-19 07:55
Ist Marie Lu noch nicht bereit für High Fantasy?
The Midnight Star - Marie Lu

Im Nachwort meiner Ausgabe von „The Midnight Star“, Finale der „The Young Elites“ – Trilogie, schreibt die Autorin Marie Lu, dass es ihr immer ein wenig peinlich ist, zuzugeben, dass die Protagonistin Adelina von ihr selbst inspiriert ist. Ich sehe dafür keinen Grund. Im Gegenteil, ich finde, sie sollte stolz darauf sein, dass sie ihre dunkle Seite anerkennt und akzeptiert. Wir alle tragen ein Biest in uns. Nur ist es dankenswerterweise nicht bei allen so ausgeprägt und lebendig wie bei Adelina. ;)

 

Adelina Amouteru hat all ihre Ziele erreicht. Sie ist die Königin von Kenettra. Sie befreite die malfettos. Ihre Streitmacht erobert in ihrem Namen zusätzliches Territorium. Die Inquisition folgt allein ihren Befehlen. Einzig die Liebe ihrer Schwester Violetta bleibt Adelina verwehrt. Seit sie aus dem Palast floh, ist Violetta verschwunden. Bis eines Tages ein Brief eintrifft und kaum verheilte Wunden aufreißt. Raffaele teilt Adelina mit, dass sich Violetta bei den Daggers aufhält. Sie liegt im Sterben. Ihre Kräfte zerreißen sie von innen. Raffaele erinnert Adelina an seine Theorie, dass die menschlichen Körper der Young Elites nicht für die göttliche Macht ihrer Fähigkeiten geschaffen sind. Er schlägt eine Allianz vor, um die Elites ein für alle Mal von ihrem Leiden zu erlösen. Adelina wittert eine Falle, doch sie kann nicht leugnen, dass auch ihre Fähigkeiten mehr und mehr außer Kontrolle geraten. Ihre Grausamkeit wächst von Tag zu Tag. Die Dunkelheit in ihrem Herzen flüstert ihr furchtbare Dinge zu, verhöhnt sie und quält sie selbst im Schlaf. Wird sie das Risiko eingehen, ihren Feinden zu vertrauen, um das Leben ihrer Schwester zu retten und sich selbst von den Stimmen zu befreien?

 

Ich frage mich, ob Marie Lu vielleicht noch nicht bereit war für die Königsklasse der High Fantasy. High Fantasy verlangt ein Gespür für Zusammenhänge und Feinheiten. Es verlangt eine exakte Kenntnis der fiktiven Welt, in der die Handlung spielt. Ich hatte das Gefühl, dass Marie Lu im Universum der „The Young Elites“ – Trilogie nur Gast war und nicht diejenige, die sie konstruierte. Das Worldbuilding ist skizzenhaft und roh. Die Kontinente und Länder sind nicht differenziert ausgearbeitet; ich sehe kaum Unterschiede, kein politisches Zusammenspiel und keine individuellen Kulturen, die Handlung und Charaktere beeinflussen. Sie hätte so viel mehr aus ihrem Setting herausholen können, nutzte es jedoch lediglich als Bühne für das Drama ihrer Figuren. In „The Midnight Star“ wird nicht deutlich, dass die Young Elites eine direkte Folge der Besonderheiten ihres Universums sind und ihre Existenz ausschließlich dort möglich war. Erst gegen Ende des Buches erklärt Marie Lu, dass das Blutfieber, welches die malfettos und die Elites hervorbrachte, das Ergebnis göttlicher Einmischung in weltliche Belange war. Obwohl ich mich freute, nun endlich zu verstehen, woher die Elites ihre übermenschlichen Fähigkeiten haben, hätte ich mir gewünscht, dass Glaubenssystem und Götterpantheon in den vorangegangenen Bänden besser etabliert worden wären. Mir war nicht bewusst, dass Glaube in dieser Welt eine große Rolle spielt. Ich kann mich nicht erinnern, Adelina jemals beim Beten erlebt zu haben.
Im finalen Band büßte die Antiheldin zahllose Sympathiepunkte ein. Adelina ist eine Heulsuse. Dass mir das vorher nie aufgefallen ist. Sie sieht sich stets als Opfer, fühlt sich grundsätzlich ungerecht behandelt und findet daher immer eine Legitimation für ihre Grausamkeit. Sie schiebt die Verantwortung für ihre eigene Verderbnis prinzipiell äußeren Einflüssen zu, mal ihren Feinden, mal den Stimmen in ihrem Kopf. Sie ist kaltblütig und gnadenlos und wundert sich dann darüber, dass sie kaum jemand mag und ihr so gut wie niemand vertraut. Ich hätte überhaupt keine Schwierigkeiten mit ihrer düsteren Persönlichkeit, würde sie denn dazu stehen, wie sie ist. Aber nein, Adelina ist ohne Fehl und Tadel. Die anderen sind schuld. Ich verstehe nicht, wie Magiano es an ihrer Seite aushält. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, ist Adelina außerdem eine entsetzliche Königin. Ich weiß gar nicht, wie sie auf die Idee kommen konnte, dass sie für diesen Posten geeignet wäre. Sie hat keine Vision für Kenettra. Sie missbraucht ihre Macht für private, persönliche Ziele. Ihre einzig gute Tat ist die Befreiung der malfettos, die sie allerdings wieder ruiniert, indem sie alle Nicht-Gezeichneten unterdrückt und demzufolge erneut für Spannungen in ihrem Volk sorgt. Das Mädchen ist eine wandelnde Katastrophe und ich finde, dass Marie Lu am Ende der Geschichte sehr lasch mit ihr umgeht, weil sie dieses märchenhaft und hoffnungsvoll gestaltete. Ich bin nicht sicher, ob Adelina diese Güte verdient. Ich bin nicht sicher, ob sie Vergebung verdient.

 

Ich kann nicht abstreiten, dass ich mir vom Finale der „The Young Elites“ – Trilogie weit mehr versprochen habe. „The Midnight Star“ bringt all die Handlungsstränge der beiden Vorgänger irgendwie zusammen, aber richtig stimmig ist das Buch nicht. Mir fehlte vor allem die Kreativität, die ich sonst von Marie Lu gewohnt bin. Ich glaube, als sie den Auftakt „The Young Elites“ schrieb, wusste sie nicht, wohin ihre Geschichte sie führen würde. Sie hatte keinen Plan. Dadurch wirkte der zweite Band „The Rose Society“ holprig und darunter litt auch die Überzeugungskraft des finalen Bandes. Ich wünschte, ich könnte anders urteilen, doch ich denke wirklich, sie ist noch nicht bereit für die speziellen Anforderungen der High Fantasy, die von fleißiger, detaillierter Vorbereitung lebt.
„The Midnight Star“ schaffte es mit Hängen und Würgen auf 3 Sterne. Ich war großzügig, weil ich trotz der Mängel Spaß beim Lesen hatte und mich in der Atmosphäre der gesamten Trilogie sehr wohlfühlte. Ich mag Marie Lus Schreibstil und möchte ihren Mut, die Geschichte einer Antiheldin zu erzählen, honorieren. Ich hoffe allerdings, dass ihr nächstes Projekt „Warcross“ überzeugender ausfällt. Auch Vorschusslorbeeren verlangen Pflege.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2016/11/19/marie-lu-the-midnight-star
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review 2015-05-17 15:53
Brutal faszinierend...
Elias & Laia - Die Herrschaft der Masken - Sabaa Tahir,Barbara Imgrund
 


Ja... ich war eine der glücklichen 200 Blogger/innen, die "Elias & Laia" als Rezensionsexemplar sogar noch vor Erscheinen bekommen haben *-*

 

 

 

 


Titel: Elias & Laia - Die Herrschaft der Masken
Autor: Sabaa Tahir
Verlag: Luebbe One
Genre: Dystopie
Format: Hardcover
Seitenzahl: 512
Reihe: 1/?







Wie überlebt man in einer Welt, in der Männer mit silbernen Masken jeden Tag den Tod bringen können? Wie kann man sich selbst treu bleiben, wenn die Herrschenden des Imperiums alles dafür tun, voller Grausamkeit ein ganzes Volk zu unterjochen?

Elias und Laia stehen auf unterschiedlichen Seiten. Und doch sind ihre Wege schicksalhaft miteinander verknüpft. Während Elias in der berühmten Militärakademie von Schwarzkliff dazu ausgebildet wird, als Elite-Krieger die silberne Maske der Macht voller Stolz und ohne Erbarmen zu tragen, muss Laia täglich die Willkür der Herrschenden fürchten. Als ihre Familie ermordet wird und ihrem Bruder die Hinrichtung droht, schließt sie sich dem Widerstand an. Als Sklavin getarnt, dringt sie in das Innerste von Schwarzkliff vor. Dort trifft sie auf Elias, den jungen Krieger, der eigentlich ihr Feind sein müsste ...


Jaaa... wo fange ich bloß an? Damit, dass dieses Buch so gar nicht das war, was ich erwartet hatte? Weil ich mich eher auf eine Dystopie á la "Legend" gefreut hatte, in der die Charaktere von Anfang an wissen, was sie wollen und erst im Laufe des Buches merken, dass ihre Position vielleicht nicht ganz richtig ist? Weil ich eine Liebesgeschichte, ähnlich Romeo & Julia erwartet habe, die von der ersten Sekunde zum Scheitern verurteilt ist?

Oder doch damit, dass mich diese wortwörtlich unverblümte Gewalt schockiert hat und mir durch Mark und Bein ging? Dass ich geheult, vor Überraschung die Augen aufgerissen, vor Wut innerlich geschrien, vor Entrüstung den Kopf geschüttelt und vor Anspannung an den Nägel geknabbert habe???

Vielleicht sollte ich aber mit den Charakteren anfangen... denn die haben mir den Atem genommen. Ich habe angefangen zu lesen, mir ein mehr oder weniger gutes Bild gemacht und erwartet, dass es so weiter geht. Tja... dem war nicht so. Immer wieder zeigten die Charaktere neue Fassetten und stellten mein Bild von ihnen auf den Kopf. Insbesondere Helena hat mich mehr als überrascht!

Die Story erinnerte mich etwas an das Alte Rom, wenngleich die Masken deutlich brutaler und gefühlsloser sind, als ich mir die Römer je vorgestellt habe!


Lesen, rezensieren und ins Regal stellen??? NEIN! Nicht bei diesem Buch! "Elias & Laia" werde ich so schnell nicht vergessen können, da es ungewöhnlich und brutal, aber vor allem nachdenklich stimmend ist. Aber wie bewertet man ein Buch, dass einen überwältigt und geschockt, enttäuscht und gefesselt hat? Brutal faszinierend, ungerecht schockierend und schrecklich berührend.

Das Cover finde ich sehr aussagekräftig und die Ruinen im unteren Teil bestätigen für mich meine Assoziation mit dem Alten Rom. Zugleich sagt mir die Maske sehr zu, wenngleich sie ganz anders ist, als ich sie mir vorgestellt hätte ;)

Inhalt: 
Cover: 





Maskierte, die die Welt mit brutaler Grausamkeit beherrschen, andere Völker rücksichtslos versklaven und sogar ihre eigenen Kinder nicht verschonen... habt ihr das Buch schon gelesen und wie hat es euch gefallen?

Ich finde ja, dass die Altersangabe "ab 14 Jahren" viel zu jung ist... mindestens 16 bei so viel Gewalt, die zwar nicht bis ins Detail beschrieben wird, aber trotzdem recht bildlich ist.




 
 
 
 
 
Source: marys-buecherwelten.blogspot.de/2015/05/elias-laia-die-herrschaft-der-masken.html
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