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review 2017-08-31 17:37
Gesellschaftskritik als Spiel für Bücherwürmer
Prinz Zazamael - Johannes Ulbricht

+++ Hinweis: Diese Rezension bespricht sowohl „Prinzessin Serisada“ als auch „Prinz Zazamael“ +++

 

Im April 2017 erhielt ich eine E-Mail, in der mir der Zweiteiler „Sumerland“ von Johannes Ulbricht zur Rezension angeboten wurde. Das Besondere an diesem Projekt ist seine multimediale Ausrichtung: neben den beiden Büchern „Prinzessin Serisada“ und „Prinz Zazamael“, existiert eine Augmented Realtiy – App, die eine Schnitzeljagd inszeniert. Ich war sofort Feuer und Flamme. Ich wollte die Kombination aus moderner Technik und klassischer Literatur unbedingt austesten und ließ mir beide Bände zuschicken.

 

Mitten in der ungezähmten Wildnis des Sumerlands thront der Stadtkegel Waylhaghiri, ein prekäres, babylonisches Konstrukt zahlloser Etagen. Regiert vom unsterblichen, ewig kindlichen Prinz Zazamael und dem geheimen Rat der Wirtschaftsweisen, herrscht in der einzigen Stadt der Welt ein empfindliches System gesellschaftlicher Herausforderungen, das die Menschen subtil lenkt und manipuliert. Kaum jemand ahnt, dass die Bevölkerung Waylhaghiris in einer Illusion gefangen ist: unsere Realität ist nicht mehr als ein Traum, die uns die Kontrolle des Zentralcomputers vergessen lässt. Prinz Zazamael und der Rat streben nach Perfektion, nach der vollkommenen Fusion von Realität und Illusion, benötigen dafür allerdings den wilden Wein, der irgendwo im Sumerland versteckt ist. Das Sumerland ist das Reich der unsterblichen, ewig kindlichen Prinzessin Serisada, für die Waylhaghiri ein unerträglicher Makel in der wilden Schönheit ihres Landes ist. Während Prinz Zazamael und seine Okkupationsarmee auf der Suche nach dem wilden Wein ins Sumerland eindringen, schleicht sich Serisada in den Stadttrichter, um eine Revolution auszulösen und Waylhaghiri endgültig vom Antlitz der Welt zu tilgen. Der Krieg der Königskinder schlägt gewaltige Wellen, die bis in unsere Realität zu spüren sind. Wird die große Fusion gelingen oder werden Traum und Wirklichkeit in sich zusammenstürzen?

 

Diese Rezension ist aus zwei Gründen anders als meine üblichen Besprechungen. Erstens habe ich mich entschieden, „Prinzessin Serisada“ und „Prinz Zazamael“ gemeinsam zu rezensieren, weil ich sie für eine untrennbare Einheit halte, die nur zusammen die Geschichte „Sumerland“ erzählen können. Zweitens möchte ich euch an dieser Stelle nicht nur einen Eindruck meiner Leseerfahrung anbieten, sondern auch eine Einschätzung meiner Erlebnisse mit der App. Ich hoffe, dass ich diese Aufgabe meistern kann, denn ich habe noch nie eine Rezension zu einer App geschrieben. Seid also ein wenig nachsichtig mit mir. ;)

 

Bereits vor der Lektüre von „Sumerland“ war ich äußerst neugierig, wie die Verbindung einer Augmented Reality – App mit einem klassischen Printmedium funktionieren würde. Meine Vorstellungen orientierten sich stark an meinen Erfahrungen mit Pokémon GO, da diese Spiele-App mit dem gleichen Prinzip arbeitet: über die Kamera des Smartphones wird die wahrnehmbare Realität durch computergenerierte Bilder in Echtzeit erweitert. Als ich „Prinzessin Serisada“ und „Prinz Zazamael“ aus dem Regal nahm, beschloss ich, mich zuerst mit der App auseinanderzusetzen. Diese hatte ich mir schon beim Eintreffen der Bücher von der Website (www.endederwelt.de) kostenlos heruntergeladen.

 

Die Idee hinter der App ist eine Art Schnitzeljagd. Da unsere Realität laut Johannes Ulbricht nicht mehr als eine Illusion ist, sollen die Leser_innen durch die App Hinweise auf die Wirklichkeit des Sumerlands und Waylhaghiris hinter dieser Scheinwelt entschlüsseln. Dafür müssen mit der App Symbole eingescannt werden, die auch in den Büchern wiederholt auftauchen. Diese schwarz-weiß gehaltenen Yin und Yang – Zeichen schalten dann Rätsel, Illustrationen und Auszüge aus den Büchern frei. Löst man alle Rätsel, wird man in die „Geheimgesellschaft der Wissenden“ aufgenommen. Auf der Website wird versprochen, dass die Symbole über ganz Deutschland verteilt und schier überall zu finden sind, an Unis, in Einkaufszentren, in Fußgängerzonen. Das kann ich leider nicht bestätigen. Es ist wahr, dass die Symbole deutschlandweit versteckt sind, doch um jedes einzelne einzuscannen, müsste man schon einmal quer durchs Land reisen. Die integrierte Deutschlandkarte der App zeigte mir zum Beispiel, dass sich in meiner Heimatstadt Berlin bloß ein einziges Symbol befindet. Die beiden nächsten Symbole sind im brandenburgischen Oranienburg verborgen, was von mir etwa 50 Kilometer entfernt ist. Wie soll man so alle Symbole vor Ort einscannen können? Ich finde das sehr enttäuschend, weil sich der ursprüngliche Reiz der App somit in Luft auflöste. Ich hatte erwartet, mit meinem Smartphone durch Berlin zu tingeln und fleißig Symbole abhaken zu können. Da das nicht möglich war, musste ich auf eine Auflistung der Symbole zurückgreifen, die auf der Website zu finden ist. Schade.

 

Nichtsdestotrotz wollte ich die App nicht sofort abschreiben. Ich scannte die Symbole über den Bildschirm meines Laptops ein. Dabei fiel mir auf, dass die App ärgerlicherweise ziemlich instabil ist. Sie stürzt oft ab. Als ich alle Rätsel freigeschaltet hatte, widmete ich mich der ersten Aufgabe. Es handelt sich um ein Suchbild; die Nutzer_innen sollen die Stelle des Bildes berühren, an der sich Prinz Zazamael befindet. Ich wusste natürlich noch nicht, wo er sich versteckt, weil ich mit der Lektüre ja noch nicht begonnen hatte und riet einfach drauf los. Ich tippte die Stelle an, klickte auf „Weiter“ und gelangte so zu einem Auszug des ersten Bandes „Prinzessin Serisada“. Ich dachte, ich hätte das Rätsel gelöst und hielt die Textpassage für meine Belohnung.

 

Beim Lesen der Passage dämmerte mir, dass ich mich, würde ich weitere Rätsel lösen, vermutlich heftig spoilern würde. Ich besuchte noch einmal die Website und suchte nach einer Anleitung, die mir erklären würde, wie die Nutzung der App in die Lektüre der Bücher zu integrieren sei und fand… nichts. Es gibt keine Hinweise darauf, wie beides unter einen Hut zu bringen ist. Ich blätterte durch die Seiten der Romane, in der Hoffnung, dort eine Aufforderung zu entdecken, die App einzuschalten. Fehlanzeige. Offenbar ist das Projekt dann doch nicht so multimedial, wie ich angenommen hatte. Bücher und App existieren parallel, haben aber außer der Geschichte keine Verbindung. Sie sind unabhängig voneinander. Erneut enttäuscht beendete ich die App und beschloss, mich den Rätseln zu widmen, wenn ich die Lektüre abgeschlossen hatte.

 

Ich weiß nicht genau, was ich von „Sumerland“ erwartet hatte, vermutlich eine etwas… durchschnittlichere Leseerfahrung, aber garantiert keine Geschichte, die dermaßen vollgestopft ist mit metaphorischer und handfester Gesellschaftskritik. „Prinzessin Serisada“ und „Prinz Zazamael“ kritisieren, betonen und beschreiben all die Mechanismen unserer Realität, die getrost als Verrücktheiten bezeichnet werden können – mal ernsthaft, mal mit einem amüsierten Augenzwinkern. Die beiden Romane rücken die Lächerlichkeit der Entwicklung der Menschen und der Welt, in der wir leben, schonungslos ins Licht und demaskieren die ritualisierten Strukturen der alltäglichen, künstlichen Zwänge, denen wir uns selbst aussetzen. Laut Johannes Ulbricht sind die Prozesse unserer Realität ein Abbild der Lebensweise der Menschen in Waylhaghiri, die Hamstern im Laufrad gleich permanent Rituale und Herausforderungen durchlaufen, um ihren sozialen Status anhand verschiedenster Faktoren zu verbessern oder zu zementieren. Die Trichterstadt ist ein einziges, gigantisches, allumfassendes, nahezu perfektes, kompliziertes Konkurrenzsystem, das ganz eindeutig den Gesetzen des Kapitalismus folgt. Begierden und Bedürfnisse werden künstlich erzeugt; Selbstbestimmtheit ist eine Illusion; alle Lebensbereiche werden ökonomisch instrumentalisiert. Auf mich wirkte Waylhaghiri beinahe wie ein lebendiger, atmender Organismus, der sich immer wieder selbst verschlingt und erneuert. Sie ist ein Irrgarten ohne Ausweg, weil die Bevölkerung gar nicht merkt, dass sie vom regierenden Prinzen Zazamael, dem geheimen Rat der Wirtschaftsweisen und dem Zentralcomputer gnadenlos manipuliert und ausgebeutet wird. Die Menschen träumen ohne Unterlass. Sie träumen unsere Realität.

 

Waylhaghiri ist die einzige Stadt der Welt, außerhalb des Turms existiert lediglich die unendliche Weite des wilden Sumerlands. Dadurch erreicht Johannes Ulbricht einen unmittelbaren, harten Kontrast zwischen Technologie und Natur, zwischen Ordnung und Chaos, zwischen kühler Kalkulation und leidenschaftlicher Emotionalität. Waylhaghiri ist alles, was das Sumerland nicht ist und umgekehrt. Erstaunlicherweise sind die Oberhäupter der beiden Domänen allerdings weniger verschieden, als man meinen sollte. Prinzessin Serisada und Prinz Zazamael sind beide seit Jahrhunderten etwa 13 Jahre alt und schrecklich einsam. Beide haben keine Spielgefährten, sondern nur Untergebene, die im Gegensatz zu ihnen durchaus sterblich sind. Ich habe intensiv darüber nachgedacht, warum sich der Autor entschied, Herrscher und Herrscherin als Kinder darzustellen. Ich glaube, dass Ulbricht sich bei Michael Ende bediente und seine eigenen Versionen der kindlichen Kaiserin aus „Die Unendliche Geschichte“ erschuf. Die kindliche Kaiserin regiert als personifizierte Fantasie und Unschuld über Fantasien. Weder Serisada noch Zazamael sind unschuldig, doch sie verkörpern gewiss unterschiedliche Spielarten der Fantasie. Serisadas Fantasie ist rein imaginär ist und findet Wege, sie über lange Zeiträume hinweg allein zu beschäftigen. Das Sumerland ist voller Spielzeug, das sie irgendwann einmal liegen ließ. Zazamaels Fantasie hingegen ist konkret und greifbar. Seine Vorstellungskraft formt Waylhaghiri. Neue Ebenen werden nach seinen Ideen gebaut. Es kann kein Zufall sein, dass die Königskinder wie die zwei Seiten derselben Münze wirken, da sich dieses Motiv durch die ganze Geschichte zieht. Arbeit und Freizeit, Gier und Großzügigkeit, Gesellschaft und Individuum – all diese Faktoren sind lediglich Aspekte eines menschlichen Lebens, keine Konstanten, die sich wechselseitig aussschließen. Die Kunst besteht darin, das Gleichgewicht zu finden.

 

So langsam werdet ihr euch wahrscheinlich fragen, warum ich für das Gesamtwerk „Sumerland“ bloß zwei Sterne vergebe, obwohl ich eine Menge Positives darüber zu berichten habe. Es ist wahr, „Sumerland“ ist wahnsinnig kritisch und extrem intelligent. Ich erkenne das und ich respektiere Johannes Ulbricht dafür, dass er in der Lage war, seine hochabstrakten Gedankengänge auszuformulieren und in eine verrückte Fantasy-Geschichte zu transformieren. Für meinen Geschmack ist die Dilogie nur leider zu verkopft. Es war mir zu viel. Der ständig präsente doppelte Boden der Geschichte, die vielen Nuancen, die zwischen den Zeilen stehen, haben mich überfordert. Ich suchte permanent nach den Analogien zu unserer Realität; ich konnte mich nie einfach zurücklehnen und genießen. Es war ermüdend, auslaugend. Vieles erschien mir irritierend und verwirrend.

 

Allein schon die Erzählstruktur empfand ich als mühselige Fleißarbeit, weil vier verschiedene Handlungsstränge parallel laufen und sich im Grunde kaum berühren, was in ein ausschweifendes Gesamtbild resultiert. Neben Prinzessin Serisada und Prinz Zazamael folgen die Leser_innen einer anonymen Ich-Erzählerin in unserer Realität, deren Wert für die Geschichte meines Erachtens nach marginal ist, weil man nie genug über sie erfährt. Sie verdeutlicht lediglich die Prozesse, die sich von Waylhaghiri aus in der Scheinwelt fortsetzen. Ich hätte diese Verständniskrücke nicht gebraucht. Zusätzlich stellt sie uns Susanne vor – ein junges Mädchen, das behauptet, das Sumerland und Waylhaghiri durch das Erzählen einer Geschichte erfunden zu haben und prompt ihren eigenen Handlungsstrang erhält. Mir schwirrte der Kopf, denn ich verstand irgendwann nicht mehr, in welcher Beziehung diese Erzählstränge zueinanderstehen. Mir hätten Prinzessin Serisada und Prinz Zazamael vollkommen ausgereicht.

 

Die beiden Bücher vermitteln keine Leichtigkeit, keine Freude am Erzählen und für mich unglücklicherweise auch keinen Spaß an der Lektüre. „Prinz Zazamael“ fiel mir zwar leichter, da das Tempo im zweiten Band deutlich anzieht und die Handlung im Gegensatz zum ersten Band endlich aus dem Knick kommt, doch ich musste mich zum Lesen zwingen. Es war keine schöne Leseerfahrung. Ich fühlte mich nicht wohl. Trotzdem kämpfte ich mich durch, primär aus Prinzip, aber auch, weil ich hoffte, irgendwann für meine Mühen belohnt zu werden. Vergebens. Das Ende von „Sumerland“ ist nahezu eine Antiklimax, weil die Moral bzw. die Botschaft des Ganzen schon lange vorher offensichtlich sind. Ich empfand es als flach und unbefriedigend. Ich war erleichtert, als ich „Prinz Zazamael“ schließlich zuschlagen konnte.

 

Nachdem die Lektüre von „Sumerland“ eine eher enttäuschende Angelegenheit war, muss ich zugeben, dass ich keine große Lust hatte, mich noch einmal mit der dazugehörigen App zu beschäftigen. Ich wollte dieses Experiment hinter mir lassen und mich neuen Geschichten widmen. Ich wusste aber, dass ich keine umfassende Rezension würde schreiben können, wenn ich mich vor dieser Aufgabe drückte. Also riss ich mich ein letztes Mal zusammen und stellte mich den Rätseln.

 

Ich frage mich ernstlich, wer sich diese Rätsel ausgedacht hat. Kann man überhaupt alle lösen? Ist das möglich? Die Fragen fokussieren teilweise winzige Details der Handlung von „Sumerland“, die in den Büchern gar nicht besprochen werden. Über der Aufgabe, einzugeben, welche drei Tierkreiszeichen Serisada in welcher Reihenfolge berühren musste, um ein bestimmtes Schmuckstück aus ihrer Nachttischschublade nehmen zu können, bin ich verzweifelt, denn in der entsprechenden Szene wird meines Wissens nach nie auch nur erwähnt, dass sie überhaupt einen Mechanismus auslösen muss. Ich habe das sogar nachgelesen. Raten fällt bei 12 möglichen Tierkreiszeichen leider aus. Ich weiß nicht, woher ich die Lösung nehmen soll, wenn sie nicht in den Büchern steht.


Ebenso unerfreulich sind alle Rätsel mit Suchbildern. Erinnert ihr euch, dass ich dachte, ich hätte die erste Aufgabe, Prinz Zazamael auf einem Bild zu lokalisieren, gelöst? Irrtum. Ich habe die Aufgabe offenbar nicht gelöst; es fehlt das grüne Häkchen, das mir einen Erfolg anzeigt. Keines der Suchbilder scheint korrekt zu funktionieren, denn egal, wie oft ich mit dem Finger darauf herumtippe, es passiert gar nichts. Die Textpassage, die ich für meine Belohnung hielt, ist immer zugänglich, ob man ein Rätsel nun knackt oder nicht. Da versagt mutmaßlich die Technik.

Letztendlich konnte ich mit Müh und Not (und ein bisschen Raten) acht von zwölf Rätseln bewältigen. Damit werde ich nicht in die „Geheimgesellschaft der Wissenden“ aufgenommen. Aber wisst ihr was? Es ist mir egal. Die App hat mich insgesamt mehr frustriert als unterhalten und von mir aus können sich die Entwickler ihre Geheimgesellschaft an den Hut stecken. Angeblich erhält man ja irgendeinen gratis Song, der extra für das Projekt von „der renommierten Künstlergruppe QNTAL“, (von der ich vorher noch nie gehört habe) produziert wurde, wenn man alle Rätsel knackt und dann einen Registrierungscode an die Entwickler schickt. Bedenkt man all meinen Missmut, wäre ein einziger Song ohnehin ein schmaler Trost. Ihr könnt ihn behalten, ich will ihn nicht, vielen Dank.

 

Meiner Ansicht nach ist „Sumerland“ als multimediales Projekt nicht mehr als eine tolle Idee, die an der Umsetzung scheitert. Die App und die Romane „Prinzessin Serisada“ und „Prinz Zazamael“ bilden längst nicht die Einheit, die ich erwartet hatte und interagieren überhaupt nicht miteinander. Die Rätsel sind aufgrund mangelnder Anhaltspunkte sowie unzuverlässiger Technik eher verwirrend statt unterhaltsam und haben mir keinerlei Mehrwert geboten. Die freigeschalteten Textpassagen sind überflüssig, liest man die Bücher, was mir allerdings auch keine Freude bereitete. Für mich ist die App daher nicht mehr als verschwendeter Speicherplatz auf meinem Smartphone und wird entfernt, sobald diese Rezension online ist.
Die Geschichte, die Johannes Ulbricht in „Sumerland“ erzählt, ist definitiv ein kluges Stück tiefgehender Gesellschaftskritik. Der subtile Appell, unsere Welt zu hinterfragen, statt alles klaglos zu schlucken, ist unmissverständlich bei mir angekommen. Trotz dessen bin ich der Meinung, dass er das Ziel, seine Leser_innen zu unterhalten, vollkommen aus den Augen verlor. „Sumerland“ ist langatmig, hochgradig abstrakt und unverhältnismäßig strapaziös. Ulbricht verlangt zu viel und verlässt sich zu sehr auf die intellektuelle Ebene seiner Geschichte. Intelligenz ist eben nicht alles und vermag mich alleinstehend nicht zu fesseln.

 

Zusammengefasst muss ich euch demzufolge davon abraten, mein Experiment mit „Sumerland“ selbst zu wiederholen. Das Projekt hält einfach nicht, was es verspricht – weder technisch, noch systematisch, noch literarisch. Vielleicht waren die Ambitionen von Autor und Entwicklern dann doch ein wenig hochgestochen. Gesellschaftskritik als Spiel für Bücherwürmer – in der Theorie ein netter Gedanke, in der Praxis die reinste Quälerei.

 

Vielen Dank an den Verlag Panini und Literaturtest für die Bereitstellung dieser Rezensionsexemplare im Austausch für eine ehrliche Rezension!

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/08/31/johannes-ulbricht-prinzessin-serisada-prinz-zazamael
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Gesellschaftskritik als Spiel für Bücherwürmer
Prinzessin Serisada - Johannes Ulbricht

+++ Hinweis: Diese Rezension bespricht sowohl „Prinzessin Serisada“ als auch „Prinz Zazamael“ +++

 

Im April 2017 erhielt ich eine E-Mail, in der mir der Zweiteiler „Sumerland“ von Johannes Ulbricht zur Rezension angeboten wurde. Das Besondere an diesem Projekt ist seine multimediale Ausrichtung: neben den beiden Büchern „Prinzessin Serisada“ und „Prinz Zazamael“, existiert eine Augmented Realtiy – App, die eine Schnitzeljagd inszeniert. Ich war sofort Feuer und Flamme. Ich wollte die Kombination aus moderner Technik und klassischer Literatur unbedingt austesten und ließ mir beide Bände zuschicken.

 

Mitten in der ungezähmten Wildnis des Sumerlands thront der Stadtkegel Waylhaghiri, ein prekäres, babylonisches Konstrukt zahlloser Etagen. Regiert vom unsterblichen, ewig kindlichen Prinz Zazamael und dem geheimen Rat der Wirtschaftsweisen, herrscht in der einzigen Stadt der Welt ein empfindliches System gesellschaftlicher Herausforderungen, das die Menschen subtil lenkt und manipuliert. Kaum jemand ahnt, dass die Bevölkerung Waylhaghiris in einer Illusion gefangen ist: unsere Realität ist nicht mehr als ein Traum, die uns die Kontrolle des Zentralcomputers vergessen lässt. Prinz Zazamael und der Rat streben nach Perfektion, nach der vollkommenen Fusion von Realität und Illusion, benötigen dafür allerdings den wilden Wein, der irgendwo im Sumerland versteckt ist. Das Sumerland ist das Reich der unsterblichen, ewig kindlichen Prinzessin Serisada, für die Waylhaghiri ein unerträglicher Makel in der wilden Schönheit ihres Landes ist. Während Prinz Zazamael und seine Okkupationsarmee auf der Suche nach dem wilden Wein ins Sumerland eindringen, schleicht sich Serisada in den Stadttrichter, um eine Revolution auszulösen und Waylhaghiri endgültig vom Antlitz der Welt zu tilgen. Der Krieg der Königskinder schlägt gewaltige Wellen, die bis in unsere Realität zu spüren sind. Wird die große Fusion gelingen oder werden Traum und Wirklichkeit in sich zusammenstürzen?

 

Diese Rezension ist aus zwei Gründen anders als meine üblichen Besprechungen. Erstens habe ich mich entschieden, „Prinzessin Serisada“ und „Prinz Zazamael“ gemeinsam zu rezensieren, weil ich sie für eine untrennbare Einheit halte, die nur zusammen die Geschichte „Sumerland“ erzählen können. Zweitens möchte ich euch an dieser Stelle nicht nur einen Eindruck meiner Leseerfahrung anbieten, sondern auch eine Einschätzung meiner Erlebnisse mit der App. Ich hoffe, dass ich diese Aufgabe meistern kann, denn ich habe noch nie eine Rezension zu einer App geschrieben. Seid also ein wenig nachsichtig mit mir. ;)

 

Bereits vor der Lektüre von „Sumerland“ war ich äußerst neugierig, wie die Verbindung einer Augmented Reality – App mit einem klassischen Printmedium funktionieren würde. Meine Vorstellungen orientierten sich stark an meinen Erfahrungen mit Pokémon GO, da diese Spiele-App mit dem gleichen Prinzip arbeitet: über die Kamera des Smartphones wird die wahrnehmbare Realität durch computergenerierte Bilder in Echtzeit erweitert. Als ich „Prinzessin Serisada“ und „Prinz Zazamael“ aus dem Regal nahm, beschloss ich, mich zuerst mit der App auseinanderzusetzen. Diese hatte ich mir schon beim Eintreffen der Bücher von der Website (www.endederwelt.de) kostenlos heruntergeladen.

 

Die Idee hinter der App ist eine Art Schnitzeljagd. Da unsere Realität laut Johannes Ulbricht nicht mehr als eine Illusion ist, sollen die Leser_innen durch die App Hinweise auf die Wirklichkeit des Sumerlands und Waylhaghiris hinter dieser Scheinwelt entschlüsseln. Dafür müssen mit der App Symbole eingescannt werden, die auch in den Büchern wiederholt auftauchen. Diese schwarz-weiß gehaltenen Yin und Yang – Zeichen schalten dann Rätsel, Illustrationen und Auszüge aus den Büchern frei. Löst man alle Rätsel, wird man in die „Geheimgesellschaft der Wissenden“ aufgenommen. Auf der Website wird versprochen, dass die Symbole über ganz Deutschland verteilt und schier überall zu finden sind, an Unis, in Einkaufszentren, in Fußgängerzonen. Das kann ich leider nicht bestätigen. Es ist wahr, dass die Symbole deutschlandweit versteckt sind, doch um jedes einzelne einzuscannen, müsste man schon einmal quer durchs Land reisen. Die integrierte Deutschlandkarte der App zeigte mir zum Beispiel, dass sich in meiner Heimatstadt Berlin bloß ein einziges Symbol befindet. Die beiden nächsten Symbole sind im brandenburgischen Oranienburg verborgen, was von mir etwa 50 Kilometer entfernt ist. Wie soll man so alle Symbole vor Ort einscannen können? Ich finde das sehr enttäuschend, weil sich der ursprüngliche Reiz der App somit in Luft auflöste. Ich hatte erwartet, mit meinem Smartphone durch Berlin zu tingeln und fleißig Symbole abhaken zu können. Da das nicht möglich war, musste ich auf eine Auflistung der Symbole zurückgreifen, die auf der Website zu finden ist. Schade.

 

Nichtsdestotrotz wollte ich die App nicht sofort abschreiben. Ich scannte die Symbole über den Bildschirm meines Laptops ein. Dabei fiel mir auf, dass die App ärgerlicherweise ziemlich instabil ist. Sie stürzt oft ab. Als ich alle Rätsel freigeschaltet hatte, widmete ich mich der ersten Aufgabe. Es handelt sich um ein Suchbild; die Nutzer_innen sollen die Stelle des Bildes berühren, an der sich Prinz Zazamael befindet. Ich wusste natürlich noch nicht, wo er sich versteckt, weil ich mit der Lektüre ja noch nicht begonnen hatte und riet einfach drauf los. Ich tippte die Stelle an, klickte auf „Weiter“ und gelangte so zu einem Auszug des ersten Bandes „Prinzessin Serisada“. Ich dachte, ich hätte das Rätsel gelöst und hielt die Textpassage für meine Belohnung.

 

Beim Lesen der Passage dämmerte mir, dass ich mich, würde ich weitere Rätsel lösen, vermutlich heftig spoilern würde. Ich besuchte noch einmal die Website und suchte nach einer Anleitung, die mir erklären würde, wie die Nutzung der App in die Lektüre der Bücher zu integrieren sei und fand… nichts. Es gibt keine Hinweise darauf, wie beides unter einen Hut zu bringen ist. Ich blätterte durch die Seiten der Romane, in der Hoffnung, dort eine Aufforderung zu entdecken, die App einzuschalten. Fehlanzeige. Offenbar ist das Projekt dann doch nicht so multimedial, wie ich angenommen hatte. Bücher und App existieren parallel, haben aber außer der Geschichte keine Verbindung. Sie sind unabhängig voneinander. Erneut enttäuscht beendete ich die App und beschloss, mich den Rätseln zu widmen, wenn ich die Lektüre abgeschlossen hatte.

 

Ich weiß nicht genau, was ich von „Sumerland“ erwartet hatte, vermutlich eine etwas… durchschnittlichere Leseerfahrung, aber garantiert keine Geschichte, die dermaßen vollgestopft ist mit metaphorischer und handfester Gesellschaftskritik. „Prinzessin Serisada“ und „Prinz Zazamael“ kritisieren, betonen und beschreiben all die Mechanismen unserer Realität, die getrost als Verrücktheiten bezeichnet werden können – mal ernsthaft, mal mit einem amüsierten Augenzwinkern. Die beiden Romane rücken die Lächerlichkeit der Entwicklung der Menschen und der Welt, in der wir leben, schonungslos ins Licht und demaskieren die ritualisierten Strukturen der alltäglichen, künstlichen Zwänge, denen wir uns selbst aussetzen. Laut Johannes Ulbricht sind die Prozesse unserer Realität ein Abbild der Lebensweise der Menschen in Waylhaghiri, die Hamstern im Laufrad gleich permanent Rituale und Herausforderungen durchlaufen, um ihren sozialen Status anhand verschiedenster Faktoren zu verbessern oder zu zementieren. Die Trichterstadt ist ein einziges, gigantisches, allumfassendes, nahezu perfektes, kompliziertes Konkurrenzsystem, das ganz eindeutig den Gesetzen des Kapitalismus folgt. Begierden und Bedürfnisse werden künstlich erzeugt; Selbstbestimmtheit ist eine Illusion; alle Lebensbereiche werden ökonomisch instrumentalisiert. Auf mich wirkte Waylhaghiri beinahe wie ein lebendiger, atmender Organismus, der sich immer wieder selbst verschlingt und erneuert. Sie ist ein Irrgarten ohne Ausweg, weil die Bevölkerung gar nicht merkt, dass sie vom regierenden Prinzen Zazamael, dem geheimen Rat der Wirtschaftsweisen und dem Zentralcomputer gnadenlos manipuliert und ausgebeutet wird. Die Menschen träumen ohne Unterlass. Sie träumen unsere Realität.

 

Waylhaghiri ist die einzige Stadt der Welt, außerhalb des Turms existiert lediglich die unendliche Weite des wilden Sumerlands. Dadurch erreicht Johannes Ulbricht einen unmittelbaren, harten Kontrast zwischen Technologie und Natur, zwischen Ordnung und Chaos, zwischen kühler Kalkulation und leidenschaftlicher Emotionalität. Waylhaghiri ist alles, was das Sumerland nicht ist und umgekehrt. Erstaunlicherweise sind die Oberhäupter der beiden Domänen allerdings weniger verschieden, als man meinen sollte. Prinzessin Serisada und Prinz Zazamael sind beide seit Jahrhunderten etwa 13 Jahre alt und schrecklich einsam. Beide haben keine Spielgefährten, sondern nur Untergebene, die im Gegensatz zu ihnen durchaus sterblich sind. Ich habe intensiv darüber nachgedacht, warum sich der Autor entschied, Herrscher und Herrscherin als Kinder darzustellen. Ich glaube, dass Ulbricht sich bei Michael Ende bediente und seine eigenen Versionen der kindlichen Kaiserin aus „Die Unendliche Geschichte“ erschuf. Die kindliche Kaiserin regiert als personifizierte Fantasie und Unschuld über Fantasien. Weder Serisada noch Zazamael sind unschuldig, doch sie verkörpern gewiss unterschiedliche Spielarten der Fantasie. Serisadas Fantasie ist rein imaginär ist und findet Wege, sie über lange Zeiträume hinweg allein zu beschäftigen. Das Sumerland ist voller Spielzeug, das sie irgendwann einmal liegen ließ. Zazamaels Fantasie hingegen ist konkret und greifbar. Seine Vorstellungskraft formt Waylhaghiri. Neue Ebenen werden nach seinen Ideen gebaut. Es kann kein Zufall sein, dass die Königskinder wie die zwei Seiten derselben Münze wirken, da sich dieses Motiv durch die ganze Geschichte zieht. Arbeit und Freizeit, Gier und Großzügigkeit, Gesellschaft und Individuum – all diese Faktoren sind lediglich Aspekte eines menschlichen Lebens, keine Konstanten, die sich wechselseitig aussschließen. Die Kunst besteht darin, das Gleichgewicht zu finden.

 

So langsam werdet ihr euch wahrscheinlich fragen, warum ich für das Gesamtwerk „Sumerland“ bloß zwei Sterne vergebe, obwohl ich eine Menge Positives darüber zu berichten habe. Es ist wahr, „Sumerland“ ist wahnsinnig kritisch und extrem intelligent. Ich erkenne das und ich respektiere Johannes Ulbricht dafür, dass er in der Lage war, seine hochabstrakten Gedankengänge auszuformulieren und in eine verrückte Fantasy-Geschichte zu transformieren. Für meinen Geschmack ist die Dilogie nur leider zu verkopft. Es war mir zu viel. Der ständig präsente doppelte Boden der Geschichte, die vielen Nuancen, die zwischen den Zeilen stehen, haben mich überfordert. Ich suchte permanent nach den Analogien zu unserer Realität; ich konnte mich nie einfach zurücklehnen und genießen. Es war ermüdend, auslaugend. Vieles erschien mir irritierend und verwirrend.

 

Allein schon die Erzählstruktur empfand ich als mühselige Fleißarbeit, weil vier verschiedene Handlungsstränge parallel laufen und sich im Grunde kaum berühren, was in ein ausschweifendes Gesamtbild resultiert. Neben Prinzessin Serisada und Prinz Zazamael folgen die Leser_innen einer anonymen Ich-Erzählerin in unserer Realität, deren Wert für die Geschichte meines Erachtens nach marginal ist, weil man nie genug über sie erfährt. Sie verdeutlicht lediglich die Prozesse, die sich von Waylhaghiri aus in der Scheinwelt fortsetzen. Ich hätte diese Verständniskrücke nicht gebraucht. Zusätzlich stellt sie uns Susanne vor – ein junges Mädchen, das behauptet, das Sumerland und Waylhaghiri durch das Erzählen einer Geschichte erfunden zu haben und prompt ihren eigenen Handlungsstrang erhält. Mir schwirrte der Kopf, denn ich verstand irgendwann nicht mehr, in welcher Beziehung diese Erzählstränge zueinanderstehen. Mir hätten Prinzessin Serisada und Prinz Zazamael vollkommen ausgereicht.

 

Die beiden Bücher vermitteln keine Leichtigkeit, keine Freude am Erzählen und für mich unglücklicherweise auch keinen Spaß an der Lektüre. „Prinz Zazamael“ fiel mir zwar leichter, da das Tempo im zweiten Band deutlich anzieht und die Handlung im Gegensatz zum ersten Band endlich aus dem Knick kommt, doch ich musste mich zum Lesen zwingen. Es war keine schöne Leseerfahrung. Ich fühlte mich nicht wohl. Trotzdem kämpfte ich mich durch, primär aus Prinzip, aber auch, weil ich hoffte, irgendwann für meine Mühen belohnt zu werden. Vergebens. Das Ende von „Sumerland“ ist nahezu eine Antiklimax, weil die Moral bzw. die Botschaft des Ganzen schon lange vorher offensichtlich sind. Ich empfand es als flach und unbefriedigend. Ich war erleichtert, als ich „Prinz Zazamael“ schließlich zuschlagen konnte.

 

Nachdem die Lektüre von „Sumerland“ eine eher enttäuschende Angelegenheit war, muss ich zugeben, dass ich keine große Lust hatte, mich noch einmal mit der dazugehörigen App zu beschäftigen. Ich wollte dieses Experiment hinter mir lassen und mich neuen Geschichten widmen. Ich wusste aber, dass ich keine umfassende Rezension würde schreiben können, wenn ich mich vor dieser Aufgabe drückte. Also riss ich mich ein letztes Mal zusammen und stellte mich den Rätseln.

 

Ich frage mich ernstlich, wer sich diese Rätsel ausgedacht hat. Kann man überhaupt alle lösen? Ist das möglich? Die Fragen fokussieren teilweise winzige Details der Handlung von „Sumerland“, die in den Büchern gar nicht besprochen werden. Über der Aufgabe, einzugeben, welche drei Tierkreiszeichen Serisada in welcher Reihenfolge berühren musste, um ein bestimmtes Schmuckstück aus ihrer Nachttischschublade nehmen zu können, bin ich verzweifelt, denn in der entsprechenden Szene wird meines Wissens nach nie auch nur erwähnt, dass sie überhaupt einen Mechanismus auslösen muss. Ich habe das sogar nachgelesen. Raten fällt bei 12 möglichen Tierkreiszeichen leider aus. Ich weiß nicht, woher ich die Lösung nehmen soll, wenn sie nicht in den Büchern steht.


Ebenso unerfreulich sind alle Rätsel mit Suchbildern. Erinnert ihr euch, dass ich dachte, ich hätte die erste Aufgabe, Prinz Zazamael auf einem Bild zu lokalisieren, gelöst? Irrtum. Ich habe die Aufgabe offenbar nicht gelöst; es fehlt das grüne Häkchen, das mir einen Erfolg anzeigt. Keines der Suchbilder scheint korrekt zu funktionieren, denn egal, wie oft ich mit dem Finger darauf herumtippe, es passiert gar nichts. Die Textpassage, die ich für meine Belohnung hielt, ist immer zugänglich, ob man ein Rätsel nun knackt oder nicht. Da versagt mutmaßlich die Technik.

Letztendlich konnte ich mit Müh und Not (und ein bisschen Raten) acht von zwölf Rätseln bewältigen. Damit werde ich nicht in die „Geheimgesellschaft der Wissenden“ aufgenommen. Aber wisst ihr was? Es ist mir egal. Die App hat mich insgesamt mehr frustriert als unterhalten und von mir aus können sich die Entwickler ihre Geheimgesellschaft an den Hut stecken. Angeblich erhält man ja irgendeinen gratis Song, der extra für das Projekt von „der renommierten Künstlergruppe QNTAL“, (von der ich vorher noch nie gehört habe) produziert wurde, wenn man alle Rätsel knackt und dann einen Registrierungscode an die Entwickler schickt. Bedenkt man all meinen Missmut, wäre ein einziger Song ohnehin ein schmaler Trost. Ihr könnt ihn behalten, ich will ihn nicht, vielen Dank.

 

Meiner Ansicht nach ist „Sumerland“ als multimediales Projekt nicht mehr als eine tolle Idee, die an der Umsetzung scheitert. Die App und die Romane „Prinzessin Serisada“ und „Prinz Zazamael“ bilden längst nicht die Einheit, die ich erwartet hatte und interagieren überhaupt nicht miteinander. Die Rätsel sind aufgrund mangelnder Anhaltspunkte sowie unzuverlässiger Technik eher verwirrend statt unterhaltsam und haben mir keinerlei Mehrwert geboten. Die freigeschalteten Textpassagen sind überflüssig, liest man die Bücher, was mir allerdings auch keine Freude bereitete. Für mich ist die App daher nicht mehr als verschwendeter Speicherplatz auf meinem Smartphone und wird entfernt, sobald diese Rezension online ist.
Die Geschichte, die Johannes Ulbricht in „Sumerland“ erzählt, ist definitiv ein kluges Stück tiefgehender Gesellschaftskritik. Der subtile Appell, unsere Welt zu hinterfragen, statt alles klaglos zu schlucken, ist unmissverständlich bei mir angekommen. Trotz dessen bin ich der Meinung, dass er das Ziel, seine Leser_innen zu unterhalten, vollkommen aus den Augen verlor. „Sumerland“ ist langatmig, hochgradig abstrakt und unverhältnismäßig strapaziös. Ulbricht verlangt zu viel und verlässt sich zu sehr auf die intellektuelle Ebene seiner Geschichte. Intelligenz ist eben nicht alles und vermag mich alleinstehend nicht zu fesseln.

 

Zusammengefasst muss ich euch demzufolge davon abraten, mein Experiment mit „Sumerland“ selbst zu wiederholen. Das Projekt hält einfach nicht, was es verspricht – weder technisch, noch systematisch, noch literarisch. Vielleicht waren die Ambitionen von Autor und Entwicklern dann doch ein wenig hochgestochen. Gesellschaftskritik als Spiel für Bücherwürmer – in der Theorie ein netter Gedanke, in der Praxis die reinste Quälerei.

 

Vielen Dank an den Verlag Panini und Literaturtest für die Bereitstellung dieser Rezensionsexemplare im Austausch für eine ehrliche Rezension!

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/08/31/johannes-ulbricht-prinzessin-serisada-prinz-zazamael
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review 2017-07-12 11:05
Ich werde wohl nie ein Fan der Chic-Lit
P.S. Ich liebe Dich - Cecelia Ahern,Christine Strüh

Einst schwor ich, sollte mir jemals ein Chic-Lit-Roman begegnen, der mein Interesse weckt, würde ich ihm eine Chance geben. Im April 2017 ging ich an der Buch-Telefonzelle vorbei, die bei uns in der Nähe aufgestellt ist. Einem Impuls folgend schaute ich mir an, welche Bücher dort aktuell auf ein neues Zuhause warteten und hielt plötzlich „P.S. Ich liebe Dich“ von Cecelia Ahern in der Hand. Ich kannte die Geschichte bereits, denn vor Jahren hatte ich die Verfilmung mit Gerard Butler und Hilary Swank gesehen. Ich mochte den Film, also entschied ich meinem Vorsatz entsprechend, es mit dem Buch zu versuchen. Gekauft hätte ich es sicherlich nicht, aber da ich es umsonst ergatterte, fand ich, ich hätte nichts zu verlieren.

 

Man sagt, stirbt ein geliebter Mensch, stirbt ein Teil von uns mit ihm. Als Gerry starb, verlor Holly nicht nur ihren Ehemann, ihren besten Freund und ihren Seelenverwandten, sondern auch sich selbst. Sie weiß nicht, wie sie allein weiterleben soll. Gerry war ihre ganze Welt, die Sonne ihres Universums. Depression und Trauer haben sie fest im Griff. An den meisten Tagen findet sie nicht einmal die Kraft, aufzustehen. Doch ihr Angetrauter kannte seine Frau besser, als sie dachte. Nach seinem Tod erreicht Holly ein Päckchen, in dem sich 10 nach Monaten beschriftete Briefe befinden. Hollys Herz setzt beinahe aus, als sie Gerrys Handschrift erkennt. Jeder Brief enthält genaue Anweisungen; Aufgaben, die Holly Monat für Monat meistern soll. Zögernd, aber entschlossen, Gerrys Wünsche zu erfüllen, begibt sie sich auf die schwerste und beängstigendste Reise, die sie je unternehmen musste: den Weg zurück ins Leben.

 

Ich denke, ich habe durch „P.S. Ich liebe Dich“ herausgefunden, welches grundsätzliche Problem ich mit Chic-Lit habe. Doch bevor ich euch von dieser bahnbrechenden Erkenntnis berichte, erst einmal ein paar Worte zum Buch selbst. Für das richtige Publikum ist Cecelia Aherns Erfolgsroman garantiert die Erfüllung eines literarischen Traums. Die Idee, dass der verstorbene Gerry seiner Frau Briefe hinterlässt, um ihr zurück ins Leben zu helfen, ist ohne Zweifel süß und – so ungern ich das Wort gebrauche – romantisch. Gerry liebte Holly und kannte sie gut genug, um zu wissen, dass es ihr schwerfallen würde, sich eine Zukunft ohne ihn vorzustellen. Trauer lähmt. Cecelia Ahern illustriert diesen Fakt elegant, indem sie Hollys Umfeld große Veränderungen durchleben lässt, während sie selbst stillsteht. Um sie herum geht das Leben weiter, nur sie tritt auf der Stelle. Gerrys Tod versetzte sie verständlicherweise in eine Schockstarre, aus der sie erst die Briefe langsam befreien. Sie ist verblendet, vollkommen in ihrer Trauer versunken und nicht mehr in der Lage, sich selbst korrekt wahrzunehmen. Als sie sich in einem Film sieht, den ihr Bruder an einem feuchtfröhlichen Abend mit ihren Freundinnen drehte, ist Holly schockiert, wie unfassbar traurig sie nach außen wirkt. Sie glaubte, sich gut zu schlagen, dabei ist ihr ins Gesicht geschrieben, wie furchtbar unglücklich sie ist. Ahern versäumt es nicht, abzubilden, dass ein Verlust dieser Größenordnung durchaus hässliche Seiten hat. Holly ist selten eine würdevoll trauernde Witwe, oft überkommen sie giftige, eifersüchtige, ungerechte Gefühle und Gedanken, betrachtet sie das Glück ihres Freundeskreises. Ich fand ihren Trauerprozess insgesamt sehr realistisch beschrieben und hatte keinerlei Schwierigkeiten, jede der vier Phasen (nach Kast) zu erkennen und nachzuvollziehen. Trotz dessen berührte mich Hollys Leidensweg nicht in dem Maße, wie er es vermutlich sollte. Zu oft wurde ich daran erinnert, wie abhängig die junge Frau von ihrem Ehemann war. Das Frauenbild, das Holly verkörpert, widerspricht allem, was ich mir für mein Leben wünsche. Ohne Gerry hat Holly nichts: kaum Freunde, keine Hobbys, keinen Job und keinen Lebenssinn. Sie definierte sich über ihre Beziehung; es war ihr genug, Gerrys bessere Hälfte zu sein und er scheint sie nie dazu inspiriert zu haben, mehr erreichen zu wollen. Er ist an ihrer Hilflosigkeit nicht unschuldig, denn er ließ es zu, dass sie sich von ihm abhängig machte. Sie sah sich nie veranlasst, eine eigenständige Persönlichkeit zu entwickeln und steht deshalb jetzt vor der Mammutaufgabe, sich selbst zu erfinden. Ich konnte sie nur bedingt bemitleiden, weil ich das Gefühl hatte, ihre unbestreitbar schmerzhafte und grauenvolle Situation wäre leichter zu ertragen gewesen, hätte sie sich bereits weit vor Gerrys Tod ein eigenes Leben aufgebaut. Außerdem war mir der Druck, Holly bemitleiden zu müssen, viel zu stark. Ich denke, DAS ist mein Problem mit der Chic-Lit. Ich reagiere allergisch auf die allzu plakative Manipulation meiner Emotionen. Ich will Mitgefühl empfinden, weil die Figuren es verdienen, nicht, weil ich gezwungen werde. Ich will aus eigenem Antrieb weinen, nicht, weil ich keine andere Wahl habe. Zwang erstickt jegliches natürliche Gefühl im Keim.

 

„P.S. Ich liebe Dich“ ist ein gutes Buch. Das kann ich reinen Gewissens behaupten. Cecelia Aherns nahbarer Schreibstil liest sich leicht und flüssig; die Geschichte ist einfühlsam und psychologisch realistisch, wenn auch ein wenig kitschig, was ich allerdings erwartet hatte. Ich bereue nicht, es gelesen zu haben, obwohl mich der Film damals besser erreichte. Das wichtigste Ergebnis dieses Lektüre-Experiments ist für mich indes, verstanden zu haben, warum ich der Chic-Lit kaum etwas abgewinnen kann. Alle Autor_innen manipulieren die Gefühle ihrer Leser_innen. Das ist ihr Job als Geschichtenerzähler_innen. Autor_innen wie Cecelia Ahern jedoch spielen berechenbar und unverblümt auf der Klaviatur der Emotionen, was mir persönlich einfach nicht subtil genug ist. Kurz gesagt, ich möchte nicht merken, dass ich manipuliert werde. Daher werde ich vermutlich niemals ein Fan der Chic-Lit. Und das ist okay. Ich habe es versucht, herausgefunden, dass es mir nicht zusagt und die Gründe dafür analysiert. Fall abgeschlossen.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/07/12/cecelia-ahern-p-s-ich-liebe-dich
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review 2017-06-07 09:18
Keine Struktur, kein roter Faden
Die Dunkelmagierin - Arthur Philipp

Pseudonyme sind für mich ein ständiges Ärgernis. Es wurmt mich, wenn ich nicht weiß, wer ein Buch geschrieben hat und ich keine zusätzlichen Informationen recherchieren kann. „Die Dunkelmagierin“, ein Rezensionsexemplar von Random House, erschien ebenfalls unter einem Pseudonym. Arthur Philipp ist ein erfolgreicher deutscher Autor, der 1965 geboren wurde und heute in Mainz als Journalist und Kabarettist arbeitet. Diese Hinweise sind so markant, dass eine simple Suchanfrage die Antwort darauf lieferte, wer Arthur Philipp höchstwahrscheinlich ist. Das war fast zu leicht, weshalb ich mich frage, welchen Zweck das Pseudonym erfüllen soll. Aber keine Sorge liebe Random House Gruppe, ich werde es nicht verraten.

 

Einst waren die Utorer gezwungen, ihr Königreich zu verlassen und den Lavaströmen eines wütenden Vulkans zu überlassen. Sie fanden eine neue Heimat auf der Insel Edun, die bis in den letzten Winkel von Magie durchdrungen war. Die Zauberer des Königs zapften die Magie an, blind für den Schaden, den sie anrichteten. Denn Edun war keineswegs unbewohnt. Das Volk der Weren musste hilflos zusehen, wie ihnen ihre Heimat entrissen wurde und die zauberhafte Kraft, die alles verband, langsam versiegte. Sie nannten die Eindringlinge Aschlinge.
Viele Jahre später wird die junge Feja in den Orden der Grauen Magier aufgenommen und dort ausgebildet. Fejas magisches Talent ist ein Rohdiamant: stark und rein, aber ungeschliffen. Ihre Meister erkennen ihr ungeheures Potential und wollen ihre Macht nutzen, um den Orden zu alter Größe zurückzuführen. Doch der Orden ist tief gespalten und Feja muss schnell lernen, dass sie niemandem trauen kann. Ihr Schicksal ist ungewiss. Ist Feja möglicherweise nicht die Zukunft des Grauen Ordens, sondern die Erfüllung einer alten Prophezeiung der Weren, laut der ein Held das unterjochte Volk befreien und die Herrschaft der Aschlinge brechen wird?

 

Ich tat mich furchtbar schwer damit, den Inhalt von „Die Dunkelmagierin“ zusammenzufassen. Manchmal sind diese Schwierigkeiten ein Anzeichen dafür, dass ein Buch komplexer ist, als ich angenommen hatte, in diesem Fall sind sie allerdings eher eine Bestätigung dessen, was ich bereits während der Lektüre empfand: „Die Dunkelmagierin“ ist wirr und unnötig umständlich. Ich gebe es ungern zu, aber ich habe kaum Gutes über diesen Reihenauftakt zu berichten. Meiner Meinung nach wollte Arthur Philipp einfach zu viel. Die Geschichte enthält einige interessante, spannende Ansätze, diese versinken jedoch in einer Flut inkohärent und inkonsequent aneinander gereihter Komponenten. Mir fehlte Struktur, eine klare, logische Ordnung, die alles verbindet, als hätte der Autor seine Ideen in die Luft geworfen und just so aufgeschrieben, wie sie landeten.
Wir lernen die etwa 14-jährige Protagonistin Feja kennen, bevor sie in den Grauen Orden aufgenommen wird. Die Graumagier haben Interesse an ihr, weil ihr magisches Talent aufgrund der Mondkonstellation zum Zeitpunkt ihrer Geburt beträchtlich ist. Ich mochte das Konzept der Mondmagie sehr, doch leider erweiterte und verkomplizierte Arthur Philipp sein Magiesystem mit Fejas Eintritt in den Orden fortwährend, sodass ich rückblickend nicht in der Lage bin, es zu erklären. Ich habe nicht verstanden, wie alles zusammenhängt, woher Magier_innen nun Macht beziehen und wieso es neben dem Orden der Graumagier weitere Orden gibt. Himmel, ich habe ja nicht einmal begriffen, wie der Graue Orden strukturiert ist und nach welchen Regeln und Gesetzen seine Mitglieder leben. Sind sie Assassinen? Ich weiß es nicht. Ihr Hauptquartier, die Graufeste, wirkte wie ein Bauernhof mit einem großen grauen Klotz in der Mitte, in dem Feja hauptsächlich Hilfsarbeiten erledigt, statt eine geordnete Ausbildung zu erhalten. Philipp ließ mich kaum an ihrem Unterricht teilhaben, weshalb ich nicht definieren könnte, was genau sie dort eigentlich lernt. Oh, doch, Fechten. Das muss eine Zauberin unbedingt können. Ich habe nicht das Gefühl, dass ihr die Aufnahme in den Orden irgendeinen Vorteil brachte, weil sie die entscheidenden Schritte bezüglich der Kontrolle ihrer Fähigkeiten ohnehin eigenständig absolvieren muss. Dass sie diese Hürden meistert, erschien mir wie ein Wunder, da sich Feja meiner Ansicht nach nicht mal allein die Schuhe zubinden kann. Sie ist eine fürchterliche Heldin, schwach und infantil. Ich fand sie unfassbar nervig und hatte überhaupt keinen Draht zu ihr. Sie ist naiv, weltfremd, gutgläubig und lächerlich mühelos zu manipulieren. Außerdem seufzt das Mädchen ständig! Ehrlich, Seufzen ist ihre Standardreaktion, als wäre sie eine weltverdrossene alte Schachtel. Und die soll die große Hoffnung der Weren sein? Na Prost Mahlzeit.

 

„Die Dunkelmagierin“ begann verheißungsvoll und verschlechterte sich dann Seite um Seite. Wie viel hätte Arthur Philipp aus der reizvollen Ausgangssituation herausholen können, hätte er nicht all seine Ideen wild durcheinandergewirbelt. Ich erkenne keine ordnende Hand, keine Autorität seitens des Autors und kann mit diesem Chaos nichts anfangen. Verwirrung war das vorherrschende Gefühl während der Lektüre, denn ich begriff nicht, worauf er hinauswollte und empfand die Handlung als irritierend ziellos. Normalerweise habe ich Verständnis dafür, dass ein Reihenauftakt die schwere Aufgabe erfüllen muss, eine komplett neue Welt zu etablieren, aber Arthur Philipp versagte dabei meiner Meinung nach. Ich denke, er hatte zu wenig Geduld, wollte sofort jeden Aspekt seines Universums vorstellen, obwohl das gar nicht nötig gewesen wäre. Es ist nichts falsch daran, einige Geheimnisse und Facetten erst in den Folgebänden zu offenbaren. Für mich erstickte die schiere Fülle unzusammenhängender Informationen jedes Bedürfnis, die Reihe „Der Graue Orden“ weiterzuverfolgen. Nicht einmal das offene Ende von „Die Dunkelmagierin“ kann mich davon überzeugen, der Fortsetzung „Die Feuerdiebin“ eine Chance zu geben.

 

Vielen Dank an das Bloggerportal von Random House und den Verlag blanvalet für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars im Austausch für eine ehrliche Rezension!

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/06/07/arthur-philipp-die-dunkelmagierin
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review 2016-07-30 11:06
I would die for my country but I'd rather kill for it
The Autumn Republic - Brian McClellan

Die monatelange Reise hinter feindlichen Linien, stets auf der Flucht vor den Kez, hat ein Ende. Feldmarschall Tamas und seine Pulvermagier sind wieder in Adro. Der Feldmarschall ahnt nicht, dass ihn in seiner Heimat unangenehme Überraschungen erwarten. Er plant, sich schnellstmöglich mit den verbliebenen Truppen Adros zu vereinigen, doch die Armee ist durch Verrat tief gespalten und wurde in eine desaströse Lage manövriert. Sein Sohn Taniel Two-shot ist gezwungen, sich vor seinen eigenen Kameraden in den Bergen zu verstecken. Seine einzige Verbündete ist Ka-Poel, deren fremdartige, beängstigende Magie den Gott Kresimir in Ketten legte. Nun befindet sich die Essenz des Gottes in den Händen einer jungen Frau, die rein instinktiv handelt. Taniel muss sie und ihre riskante Fracht unbeschadet nach Adro bringen, weit weg von den Kez, um zu verhindern, dass der Gott erneut erwacht und in den Krieg eingreift.
Währenddessen wird in Adros Hauptstadt Adopest die erste demokratische Wahl vorbereitet. Die Ernennung eines Ersten Ministers soll das Machtvakuum füllen, das Tamas‘ Putsch hinterließ. Einer der Kandidaten ist der undurchsichtige Lord Claremonte, dessen Geheimnisse Inspektor Adamat beunruhigen. Er ist überzeugt, dass Claremonte mehr ist, als er zu sein vorgibt und sein Wahlsieg katastrophale Folgen hätte.
Adro gleicht einem Pulverfass. Das Land steht am Scheideweg. Erwartet die Menschen eine Zukunft in Frieden und Freiheit oder eine Zukunft im Zeichen der Gewalt?

 

Es verblüfft mich immer noch, dass mich militärische Fantasy zu begeistern vermag. Brian McClellans fabelhafte „Powder Mage“ – Trilogie überzeugte mich von diesem Subgenre und beseitigte meine Skrupel, sodass ich nun bereit bin, es für mich zu erforschen. Ich habe entdeckt, dass ich für das Gemeinschaftsgefühl und die Loyalität einer Armee sehr empfänglich bin. Ich kann nachvollziehen, warum sich Männer und Frauen entscheiden, unter einem charismatischen Anführer wie Feldmarschall Tamas zu dienen und ihm bis in den Tod folgen. Seine Überzeugungskraft ist unglaublich. Lauscht man seinen Worten, besteht kein Zweifel, dass man für das Richtige kämpft, dass seine Ideen es wert sind, das eigene Leben zu opfern – für eine bessere Zukunft, die in „The Autumn Republic“ mit einer Präsidialrepublik gleichgesetzt ist. Adro an der Schwelle zur Demokratie zu erleben fand ich unheimlich aufregend. Zum ersten Mal erhält das Volk eine Stimme und betritt einen Weg, der idealerweise zu mehr Gerechtigkeit und Freiheit für alle führt. Leider ist in diesem krisengeplagten Land niemals etwas einfach, weshalb es mich nicht überraschte, dass der nebulöse Lord Claremonte fest entschlossen ist, in Adros Politik einzugreifen. Mein tief verwurzeltes Misstrauen ihm gegenüber teilte ich mit Adamat, der sich der Aufgabe annimmt, Claremonte zu demaskieren. Er findet heraus, dass Claremonte seine Fühler schon viel länger nach Adro ausstreckt, als er öffentlich behauptet, was impliziert, dass er bestimmte Ereignisse zu seinen Gunsten manipulierte. Wer weiß, vielleicht hatte er auch beim Putsch die Finger im Spiel? Die Möglichkeit, dass Tamas all die Jahre von äußeren Mächten beeinflusst wurde, empfand ich als ungeheuerlich. Er würde alles für sein Land tun, strebt immerzu das Beste für Adro an und ist eventuell doch nur eine unwissende Marionette in einem Spiel, das sich seiner Kontrolle entzieht. Meiner Ansicht nach unterstreicht das die Tragik, die seine Figur umgibt und betont seine Erschöpfung, die erst jetzt zu spüren war. Zu Beginn der Trilogie strahlte er eine unbeugsame, eisenharte Energie aus, doch nun ist er müde. Er will nicht mehr kämpfen. Diese durchaus realistische Entwicklung erschreckte mich, weil ich Tamas gern als unbesiegbar betrachte. Die Entwicklung seines Sohnes Taniel hingegen war sehr erfreulich. Taniel durchlebt einen umfassenden, überzeugenden Reifungsprozess. Ein verzogener, wütender Junge wächst zu einem verantwortungsbewussten Mann heran. Sicherlich trägt Ka-Poel ihren Teil dazu bei, denn trotz ihrer Wehrhaftigkeit sorgt sich Taniel permanent um sie. Ihre Kräfte erscheinen mir noch immer mysteriös, während ich die Elementarmagie der Privilegierten nun sehr viel besser begreife. Es gefiel mir außerordentlich, dass Brian McClellan sich im finalen Band seiner Trilogie noch die Zeit nimmt, diese wichtige Komponente seines Universums zu erklären. Er wartete den perfekten Moment ab, sodass seine Erläuterungen elegant und natürlich wirken, statt losgelöst von der Handlung im Raum zu schweben. Obwohl er meiner Meinung nach ein hohes Maß an Kontrolle ausübt, beweist McClellan auf diese Weise, dass er seinen Figuren und seiner Geschichte genau den Raum zur Entfaltung zugesteht, die sie benötigen. Es lohnt sich, ihm zu vertrauen.

 

Die „Powder Mage“ – Trilogie ist mit „The Autumn Republic“ abgeschlossen. Doch die Geschichte Adros ist es meiner Empfindung nach nicht. Es würde mich nicht wundern, wenn Brian McClellan irgendwann in der Zukunft noch einmal dorthin zurückkehrt. Ich hoffe es, schließlich verlässt man das Land zu Beginn einer neuen Ära. Adro erwarten wilde Zeiten und ich möchte nicht eine Sekunde davon verpassen. Vorerst werde ich mich allerdings damit zufriedengeben, ein anderes Land in McClellans Universum kennenzulernen: Fatrasta. Fatrasta ist der Schauplatz seiner nächsten Trilogie (?), deren erster Band „Sins of Empire“ im März 2017 erscheinen soll, welchen ich mir natürlich nicht entgehen lassen werde. Die „Powder Mage“ – Trilogie überzeugte mich von McClellans schriftstellerischem Talent und eröffnete mir eine Sparte der Fantasy, von der ich bisher annahm, sie würde nicht zu mir passen. Die drei Bände strotzen nur so vor Kreativität, Originalität, politischem Verständnis und strategisch-militärischem Wissen, vernachlässigen aber auch das Emotionale nicht. Ich fand diese Mischung großartig und kann euch die Trilogie guten Gewissens empfehlen.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2016/07/29/brian-mcclellan-the-autumn-republic
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