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review 2017-08-31 17:37
Gesellschaftskritik als Spiel für Bücherwürmer
Prinz Zazamael - Johannes Ulbricht

+++ Hinweis: Diese Rezension bespricht sowohl „Prinzessin Serisada“ als auch „Prinz Zazamael“ +++

 

Im April 2017 erhielt ich eine E-Mail, in der mir der Zweiteiler „Sumerland“ von Johannes Ulbricht zur Rezension angeboten wurde. Das Besondere an diesem Projekt ist seine multimediale Ausrichtung: neben den beiden Büchern „Prinzessin Serisada“ und „Prinz Zazamael“, existiert eine Augmented Realtiy – App, die eine Schnitzeljagd inszeniert. Ich war sofort Feuer und Flamme. Ich wollte die Kombination aus moderner Technik und klassischer Literatur unbedingt austesten und ließ mir beide Bände zuschicken.

 

Mitten in der ungezähmten Wildnis des Sumerlands thront der Stadtkegel Waylhaghiri, ein prekäres, babylonisches Konstrukt zahlloser Etagen. Regiert vom unsterblichen, ewig kindlichen Prinz Zazamael und dem geheimen Rat der Wirtschaftsweisen, herrscht in der einzigen Stadt der Welt ein empfindliches System gesellschaftlicher Herausforderungen, das die Menschen subtil lenkt und manipuliert. Kaum jemand ahnt, dass die Bevölkerung Waylhaghiris in einer Illusion gefangen ist: unsere Realität ist nicht mehr als ein Traum, die uns die Kontrolle des Zentralcomputers vergessen lässt. Prinz Zazamael und der Rat streben nach Perfektion, nach der vollkommenen Fusion von Realität und Illusion, benötigen dafür allerdings den wilden Wein, der irgendwo im Sumerland versteckt ist. Das Sumerland ist das Reich der unsterblichen, ewig kindlichen Prinzessin Serisada, für die Waylhaghiri ein unerträglicher Makel in der wilden Schönheit ihres Landes ist. Während Prinz Zazamael und seine Okkupationsarmee auf der Suche nach dem wilden Wein ins Sumerland eindringen, schleicht sich Serisada in den Stadttrichter, um eine Revolution auszulösen und Waylhaghiri endgültig vom Antlitz der Welt zu tilgen. Der Krieg der Königskinder schlägt gewaltige Wellen, die bis in unsere Realität zu spüren sind. Wird die große Fusion gelingen oder werden Traum und Wirklichkeit in sich zusammenstürzen?

 

Diese Rezension ist aus zwei Gründen anders als meine üblichen Besprechungen. Erstens habe ich mich entschieden, „Prinzessin Serisada“ und „Prinz Zazamael“ gemeinsam zu rezensieren, weil ich sie für eine untrennbare Einheit halte, die nur zusammen die Geschichte „Sumerland“ erzählen können. Zweitens möchte ich euch an dieser Stelle nicht nur einen Eindruck meiner Leseerfahrung anbieten, sondern auch eine Einschätzung meiner Erlebnisse mit der App. Ich hoffe, dass ich diese Aufgabe meistern kann, denn ich habe noch nie eine Rezension zu einer App geschrieben. Seid also ein wenig nachsichtig mit mir. ;)

 

Bereits vor der Lektüre von „Sumerland“ war ich äußerst neugierig, wie die Verbindung einer Augmented Reality – App mit einem klassischen Printmedium funktionieren würde. Meine Vorstellungen orientierten sich stark an meinen Erfahrungen mit Pokémon GO, da diese Spiele-App mit dem gleichen Prinzip arbeitet: über die Kamera des Smartphones wird die wahrnehmbare Realität durch computergenerierte Bilder in Echtzeit erweitert. Als ich „Prinzessin Serisada“ und „Prinz Zazamael“ aus dem Regal nahm, beschloss ich, mich zuerst mit der App auseinanderzusetzen. Diese hatte ich mir schon beim Eintreffen der Bücher von der Website (www.endederwelt.de) kostenlos heruntergeladen.

 

Die Idee hinter der App ist eine Art Schnitzeljagd. Da unsere Realität laut Johannes Ulbricht nicht mehr als eine Illusion ist, sollen die Leser_innen durch die App Hinweise auf die Wirklichkeit des Sumerlands und Waylhaghiris hinter dieser Scheinwelt entschlüsseln. Dafür müssen mit der App Symbole eingescannt werden, die auch in den Büchern wiederholt auftauchen. Diese schwarz-weiß gehaltenen Yin und Yang – Zeichen schalten dann Rätsel, Illustrationen und Auszüge aus den Büchern frei. Löst man alle Rätsel, wird man in die „Geheimgesellschaft der Wissenden“ aufgenommen. Auf der Website wird versprochen, dass die Symbole über ganz Deutschland verteilt und schier überall zu finden sind, an Unis, in Einkaufszentren, in Fußgängerzonen. Das kann ich leider nicht bestätigen. Es ist wahr, dass die Symbole deutschlandweit versteckt sind, doch um jedes einzelne einzuscannen, müsste man schon einmal quer durchs Land reisen. Die integrierte Deutschlandkarte der App zeigte mir zum Beispiel, dass sich in meiner Heimatstadt Berlin bloß ein einziges Symbol befindet. Die beiden nächsten Symbole sind im brandenburgischen Oranienburg verborgen, was von mir etwa 50 Kilometer entfernt ist. Wie soll man so alle Symbole vor Ort einscannen können? Ich finde das sehr enttäuschend, weil sich der ursprüngliche Reiz der App somit in Luft auflöste. Ich hatte erwartet, mit meinem Smartphone durch Berlin zu tingeln und fleißig Symbole abhaken zu können. Da das nicht möglich war, musste ich auf eine Auflistung der Symbole zurückgreifen, die auf der Website zu finden ist. Schade.

 

Nichtsdestotrotz wollte ich die App nicht sofort abschreiben. Ich scannte die Symbole über den Bildschirm meines Laptops ein. Dabei fiel mir auf, dass die App ärgerlicherweise ziemlich instabil ist. Sie stürzt oft ab. Als ich alle Rätsel freigeschaltet hatte, widmete ich mich der ersten Aufgabe. Es handelt sich um ein Suchbild; die Nutzer_innen sollen die Stelle des Bildes berühren, an der sich Prinz Zazamael befindet. Ich wusste natürlich noch nicht, wo er sich versteckt, weil ich mit der Lektüre ja noch nicht begonnen hatte und riet einfach drauf los. Ich tippte die Stelle an, klickte auf „Weiter“ und gelangte so zu einem Auszug des ersten Bandes „Prinzessin Serisada“. Ich dachte, ich hätte das Rätsel gelöst und hielt die Textpassage für meine Belohnung.

 

Beim Lesen der Passage dämmerte mir, dass ich mich, würde ich weitere Rätsel lösen, vermutlich heftig spoilern würde. Ich besuchte noch einmal die Website und suchte nach einer Anleitung, die mir erklären würde, wie die Nutzung der App in die Lektüre der Bücher zu integrieren sei und fand… nichts. Es gibt keine Hinweise darauf, wie beides unter einen Hut zu bringen ist. Ich blätterte durch die Seiten der Romane, in der Hoffnung, dort eine Aufforderung zu entdecken, die App einzuschalten. Fehlanzeige. Offenbar ist das Projekt dann doch nicht so multimedial, wie ich angenommen hatte. Bücher und App existieren parallel, haben aber außer der Geschichte keine Verbindung. Sie sind unabhängig voneinander. Erneut enttäuscht beendete ich die App und beschloss, mich den Rätseln zu widmen, wenn ich die Lektüre abgeschlossen hatte.

 

Ich weiß nicht genau, was ich von „Sumerland“ erwartet hatte, vermutlich eine etwas… durchschnittlichere Leseerfahrung, aber garantiert keine Geschichte, die dermaßen vollgestopft ist mit metaphorischer und handfester Gesellschaftskritik. „Prinzessin Serisada“ und „Prinz Zazamael“ kritisieren, betonen und beschreiben all die Mechanismen unserer Realität, die getrost als Verrücktheiten bezeichnet werden können – mal ernsthaft, mal mit einem amüsierten Augenzwinkern. Die beiden Romane rücken die Lächerlichkeit der Entwicklung der Menschen und der Welt, in der wir leben, schonungslos ins Licht und demaskieren die ritualisierten Strukturen der alltäglichen, künstlichen Zwänge, denen wir uns selbst aussetzen. Laut Johannes Ulbricht sind die Prozesse unserer Realität ein Abbild der Lebensweise der Menschen in Waylhaghiri, die Hamstern im Laufrad gleich permanent Rituale und Herausforderungen durchlaufen, um ihren sozialen Status anhand verschiedenster Faktoren zu verbessern oder zu zementieren. Die Trichterstadt ist ein einziges, gigantisches, allumfassendes, nahezu perfektes, kompliziertes Konkurrenzsystem, das ganz eindeutig den Gesetzen des Kapitalismus folgt. Begierden und Bedürfnisse werden künstlich erzeugt; Selbstbestimmtheit ist eine Illusion; alle Lebensbereiche werden ökonomisch instrumentalisiert. Auf mich wirkte Waylhaghiri beinahe wie ein lebendiger, atmender Organismus, der sich immer wieder selbst verschlingt und erneuert. Sie ist ein Irrgarten ohne Ausweg, weil die Bevölkerung gar nicht merkt, dass sie vom regierenden Prinzen Zazamael, dem geheimen Rat der Wirtschaftsweisen und dem Zentralcomputer gnadenlos manipuliert und ausgebeutet wird. Die Menschen träumen ohne Unterlass. Sie träumen unsere Realität.

 

Waylhaghiri ist die einzige Stadt der Welt, außerhalb des Turms existiert lediglich die unendliche Weite des wilden Sumerlands. Dadurch erreicht Johannes Ulbricht einen unmittelbaren, harten Kontrast zwischen Technologie und Natur, zwischen Ordnung und Chaos, zwischen kühler Kalkulation und leidenschaftlicher Emotionalität. Waylhaghiri ist alles, was das Sumerland nicht ist und umgekehrt. Erstaunlicherweise sind die Oberhäupter der beiden Domänen allerdings weniger verschieden, als man meinen sollte. Prinzessin Serisada und Prinz Zazamael sind beide seit Jahrhunderten etwa 13 Jahre alt und schrecklich einsam. Beide haben keine Spielgefährten, sondern nur Untergebene, die im Gegensatz zu ihnen durchaus sterblich sind. Ich habe intensiv darüber nachgedacht, warum sich der Autor entschied, Herrscher und Herrscherin als Kinder darzustellen. Ich glaube, dass Ulbricht sich bei Michael Ende bediente und seine eigenen Versionen der kindlichen Kaiserin aus „Die Unendliche Geschichte“ erschuf. Die kindliche Kaiserin regiert als personifizierte Fantasie und Unschuld über Fantasien. Weder Serisada noch Zazamael sind unschuldig, doch sie verkörpern gewiss unterschiedliche Spielarten der Fantasie. Serisadas Fantasie ist rein imaginär ist und findet Wege, sie über lange Zeiträume hinweg allein zu beschäftigen. Das Sumerland ist voller Spielzeug, das sie irgendwann einmal liegen ließ. Zazamaels Fantasie hingegen ist konkret und greifbar. Seine Vorstellungskraft formt Waylhaghiri. Neue Ebenen werden nach seinen Ideen gebaut. Es kann kein Zufall sein, dass die Königskinder wie die zwei Seiten derselben Münze wirken, da sich dieses Motiv durch die ganze Geschichte zieht. Arbeit und Freizeit, Gier und Großzügigkeit, Gesellschaft und Individuum – all diese Faktoren sind lediglich Aspekte eines menschlichen Lebens, keine Konstanten, die sich wechselseitig aussschließen. Die Kunst besteht darin, das Gleichgewicht zu finden.

 

So langsam werdet ihr euch wahrscheinlich fragen, warum ich für das Gesamtwerk „Sumerland“ bloß zwei Sterne vergebe, obwohl ich eine Menge Positives darüber zu berichten habe. Es ist wahr, „Sumerland“ ist wahnsinnig kritisch und extrem intelligent. Ich erkenne das und ich respektiere Johannes Ulbricht dafür, dass er in der Lage war, seine hochabstrakten Gedankengänge auszuformulieren und in eine verrückte Fantasy-Geschichte zu transformieren. Für meinen Geschmack ist die Dilogie nur leider zu verkopft. Es war mir zu viel. Der ständig präsente doppelte Boden der Geschichte, die vielen Nuancen, die zwischen den Zeilen stehen, haben mich überfordert. Ich suchte permanent nach den Analogien zu unserer Realität; ich konnte mich nie einfach zurücklehnen und genießen. Es war ermüdend, auslaugend. Vieles erschien mir irritierend und verwirrend.

 

Allein schon die Erzählstruktur empfand ich als mühselige Fleißarbeit, weil vier verschiedene Handlungsstränge parallel laufen und sich im Grunde kaum berühren, was in ein ausschweifendes Gesamtbild resultiert. Neben Prinzessin Serisada und Prinz Zazamael folgen die Leser_innen einer anonymen Ich-Erzählerin in unserer Realität, deren Wert für die Geschichte meines Erachtens nach marginal ist, weil man nie genug über sie erfährt. Sie verdeutlicht lediglich die Prozesse, die sich von Waylhaghiri aus in der Scheinwelt fortsetzen. Ich hätte diese Verständniskrücke nicht gebraucht. Zusätzlich stellt sie uns Susanne vor – ein junges Mädchen, das behauptet, das Sumerland und Waylhaghiri durch das Erzählen einer Geschichte erfunden zu haben und prompt ihren eigenen Handlungsstrang erhält. Mir schwirrte der Kopf, denn ich verstand irgendwann nicht mehr, in welcher Beziehung diese Erzählstränge zueinanderstehen. Mir hätten Prinzessin Serisada und Prinz Zazamael vollkommen ausgereicht.

 

Die beiden Bücher vermitteln keine Leichtigkeit, keine Freude am Erzählen und für mich unglücklicherweise auch keinen Spaß an der Lektüre. „Prinz Zazamael“ fiel mir zwar leichter, da das Tempo im zweiten Band deutlich anzieht und die Handlung im Gegensatz zum ersten Band endlich aus dem Knick kommt, doch ich musste mich zum Lesen zwingen. Es war keine schöne Leseerfahrung. Ich fühlte mich nicht wohl. Trotzdem kämpfte ich mich durch, primär aus Prinzip, aber auch, weil ich hoffte, irgendwann für meine Mühen belohnt zu werden. Vergebens. Das Ende von „Sumerland“ ist nahezu eine Antiklimax, weil die Moral bzw. die Botschaft des Ganzen schon lange vorher offensichtlich sind. Ich empfand es als flach und unbefriedigend. Ich war erleichtert, als ich „Prinz Zazamael“ schließlich zuschlagen konnte.

 

Nachdem die Lektüre von „Sumerland“ eine eher enttäuschende Angelegenheit war, muss ich zugeben, dass ich keine große Lust hatte, mich noch einmal mit der dazugehörigen App zu beschäftigen. Ich wollte dieses Experiment hinter mir lassen und mich neuen Geschichten widmen. Ich wusste aber, dass ich keine umfassende Rezension würde schreiben können, wenn ich mich vor dieser Aufgabe drückte. Also riss ich mich ein letztes Mal zusammen und stellte mich den Rätseln.

 

Ich frage mich ernstlich, wer sich diese Rätsel ausgedacht hat. Kann man überhaupt alle lösen? Ist das möglich? Die Fragen fokussieren teilweise winzige Details der Handlung von „Sumerland“, die in den Büchern gar nicht besprochen werden. Über der Aufgabe, einzugeben, welche drei Tierkreiszeichen Serisada in welcher Reihenfolge berühren musste, um ein bestimmtes Schmuckstück aus ihrer Nachttischschublade nehmen zu können, bin ich verzweifelt, denn in der entsprechenden Szene wird meines Wissens nach nie auch nur erwähnt, dass sie überhaupt einen Mechanismus auslösen muss. Ich habe das sogar nachgelesen. Raten fällt bei 12 möglichen Tierkreiszeichen leider aus. Ich weiß nicht, woher ich die Lösung nehmen soll, wenn sie nicht in den Büchern steht.


Ebenso unerfreulich sind alle Rätsel mit Suchbildern. Erinnert ihr euch, dass ich dachte, ich hätte die erste Aufgabe, Prinz Zazamael auf einem Bild zu lokalisieren, gelöst? Irrtum. Ich habe die Aufgabe offenbar nicht gelöst; es fehlt das grüne Häkchen, das mir einen Erfolg anzeigt. Keines der Suchbilder scheint korrekt zu funktionieren, denn egal, wie oft ich mit dem Finger darauf herumtippe, es passiert gar nichts. Die Textpassage, die ich für meine Belohnung hielt, ist immer zugänglich, ob man ein Rätsel nun knackt oder nicht. Da versagt mutmaßlich die Technik.

Letztendlich konnte ich mit Müh und Not (und ein bisschen Raten) acht von zwölf Rätseln bewältigen. Damit werde ich nicht in die „Geheimgesellschaft der Wissenden“ aufgenommen. Aber wisst ihr was? Es ist mir egal. Die App hat mich insgesamt mehr frustriert als unterhalten und von mir aus können sich die Entwickler ihre Geheimgesellschaft an den Hut stecken. Angeblich erhält man ja irgendeinen gratis Song, der extra für das Projekt von „der renommierten Künstlergruppe QNTAL“, (von der ich vorher noch nie gehört habe) produziert wurde, wenn man alle Rätsel knackt und dann einen Registrierungscode an die Entwickler schickt. Bedenkt man all meinen Missmut, wäre ein einziger Song ohnehin ein schmaler Trost. Ihr könnt ihn behalten, ich will ihn nicht, vielen Dank.

 

Meiner Ansicht nach ist „Sumerland“ als multimediales Projekt nicht mehr als eine tolle Idee, die an der Umsetzung scheitert. Die App und die Romane „Prinzessin Serisada“ und „Prinz Zazamael“ bilden längst nicht die Einheit, die ich erwartet hatte und interagieren überhaupt nicht miteinander. Die Rätsel sind aufgrund mangelnder Anhaltspunkte sowie unzuverlässiger Technik eher verwirrend statt unterhaltsam und haben mir keinerlei Mehrwert geboten. Die freigeschalteten Textpassagen sind überflüssig, liest man die Bücher, was mir allerdings auch keine Freude bereitete. Für mich ist die App daher nicht mehr als verschwendeter Speicherplatz auf meinem Smartphone und wird entfernt, sobald diese Rezension online ist.
Die Geschichte, die Johannes Ulbricht in „Sumerland“ erzählt, ist definitiv ein kluges Stück tiefgehender Gesellschaftskritik. Der subtile Appell, unsere Welt zu hinterfragen, statt alles klaglos zu schlucken, ist unmissverständlich bei mir angekommen. Trotz dessen bin ich der Meinung, dass er das Ziel, seine Leser_innen zu unterhalten, vollkommen aus den Augen verlor. „Sumerland“ ist langatmig, hochgradig abstrakt und unverhältnismäßig strapaziös. Ulbricht verlangt zu viel und verlässt sich zu sehr auf die intellektuelle Ebene seiner Geschichte. Intelligenz ist eben nicht alles und vermag mich alleinstehend nicht zu fesseln.

 

Zusammengefasst muss ich euch demzufolge davon abraten, mein Experiment mit „Sumerland“ selbst zu wiederholen. Das Projekt hält einfach nicht, was es verspricht – weder technisch, noch systematisch, noch literarisch. Vielleicht waren die Ambitionen von Autor und Entwicklern dann doch ein wenig hochgestochen. Gesellschaftskritik als Spiel für Bücherwürmer – in der Theorie ein netter Gedanke, in der Praxis die reinste Quälerei.

 

Vielen Dank an den Verlag Panini und Literaturtest für die Bereitstellung dieser Rezensionsexemplare im Austausch für eine ehrliche Rezension!

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/08/31/johannes-ulbricht-prinzessin-serisada-prinz-zazamael
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Gesellschaftskritik als Spiel für Bücherwürmer
Prinzessin Serisada - Johannes Ulbricht

+++ Hinweis: Diese Rezension bespricht sowohl „Prinzessin Serisada“ als auch „Prinz Zazamael“ +++

 

Im April 2017 erhielt ich eine E-Mail, in der mir der Zweiteiler „Sumerland“ von Johannes Ulbricht zur Rezension angeboten wurde. Das Besondere an diesem Projekt ist seine multimediale Ausrichtung: neben den beiden Büchern „Prinzessin Serisada“ und „Prinz Zazamael“, existiert eine Augmented Realtiy – App, die eine Schnitzeljagd inszeniert. Ich war sofort Feuer und Flamme. Ich wollte die Kombination aus moderner Technik und klassischer Literatur unbedingt austesten und ließ mir beide Bände zuschicken.

 

Mitten in der ungezähmten Wildnis des Sumerlands thront der Stadtkegel Waylhaghiri, ein prekäres, babylonisches Konstrukt zahlloser Etagen. Regiert vom unsterblichen, ewig kindlichen Prinz Zazamael und dem geheimen Rat der Wirtschaftsweisen, herrscht in der einzigen Stadt der Welt ein empfindliches System gesellschaftlicher Herausforderungen, das die Menschen subtil lenkt und manipuliert. Kaum jemand ahnt, dass die Bevölkerung Waylhaghiris in einer Illusion gefangen ist: unsere Realität ist nicht mehr als ein Traum, die uns die Kontrolle des Zentralcomputers vergessen lässt. Prinz Zazamael und der Rat streben nach Perfektion, nach der vollkommenen Fusion von Realität und Illusion, benötigen dafür allerdings den wilden Wein, der irgendwo im Sumerland versteckt ist. Das Sumerland ist das Reich der unsterblichen, ewig kindlichen Prinzessin Serisada, für die Waylhaghiri ein unerträglicher Makel in der wilden Schönheit ihres Landes ist. Während Prinz Zazamael und seine Okkupationsarmee auf der Suche nach dem wilden Wein ins Sumerland eindringen, schleicht sich Serisada in den Stadttrichter, um eine Revolution auszulösen und Waylhaghiri endgültig vom Antlitz der Welt zu tilgen. Der Krieg der Königskinder schlägt gewaltige Wellen, die bis in unsere Realität zu spüren sind. Wird die große Fusion gelingen oder werden Traum und Wirklichkeit in sich zusammenstürzen?

 

Diese Rezension ist aus zwei Gründen anders als meine üblichen Besprechungen. Erstens habe ich mich entschieden, „Prinzessin Serisada“ und „Prinz Zazamael“ gemeinsam zu rezensieren, weil ich sie für eine untrennbare Einheit halte, die nur zusammen die Geschichte „Sumerland“ erzählen können. Zweitens möchte ich euch an dieser Stelle nicht nur einen Eindruck meiner Leseerfahrung anbieten, sondern auch eine Einschätzung meiner Erlebnisse mit der App. Ich hoffe, dass ich diese Aufgabe meistern kann, denn ich habe noch nie eine Rezension zu einer App geschrieben. Seid also ein wenig nachsichtig mit mir. ;)

 

Bereits vor der Lektüre von „Sumerland“ war ich äußerst neugierig, wie die Verbindung einer Augmented Reality – App mit einem klassischen Printmedium funktionieren würde. Meine Vorstellungen orientierten sich stark an meinen Erfahrungen mit Pokémon GO, da diese Spiele-App mit dem gleichen Prinzip arbeitet: über die Kamera des Smartphones wird die wahrnehmbare Realität durch computergenerierte Bilder in Echtzeit erweitert. Als ich „Prinzessin Serisada“ und „Prinz Zazamael“ aus dem Regal nahm, beschloss ich, mich zuerst mit der App auseinanderzusetzen. Diese hatte ich mir schon beim Eintreffen der Bücher von der Website (www.endederwelt.de) kostenlos heruntergeladen.

 

Die Idee hinter der App ist eine Art Schnitzeljagd. Da unsere Realität laut Johannes Ulbricht nicht mehr als eine Illusion ist, sollen die Leser_innen durch die App Hinweise auf die Wirklichkeit des Sumerlands und Waylhaghiris hinter dieser Scheinwelt entschlüsseln. Dafür müssen mit der App Symbole eingescannt werden, die auch in den Büchern wiederholt auftauchen. Diese schwarz-weiß gehaltenen Yin und Yang – Zeichen schalten dann Rätsel, Illustrationen und Auszüge aus den Büchern frei. Löst man alle Rätsel, wird man in die „Geheimgesellschaft der Wissenden“ aufgenommen. Auf der Website wird versprochen, dass die Symbole über ganz Deutschland verteilt und schier überall zu finden sind, an Unis, in Einkaufszentren, in Fußgängerzonen. Das kann ich leider nicht bestätigen. Es ist wahr, dass die Symbole deutschlandweit versteckt sind, doch um jedes einzelne einzuscannen, müsste man schon einmal quer durchs Land reisen. Die integrierte Deutschlandkarte der App zeigte mir zum Beispiel, dass sich in meiner Heimatstadt Berlin bloß ein einziges Symbol befindet. Die beiden nächsten Symbole sind im brandenburgischen Oranienburg verborgen, was von mir etwa 50 Kilometer entfernt ist. Wie soll man so alle Symbole vor Ort einscannen können? Ich finde das sehr enttäuschend, weil sich der ursprüngliche Reiz der App somit in Luft auflöste. Ich hatte erwartet, mit meinem Smartphone durch Berlin zu tingeln und fleißig Symbole abhaken zu können. Da das nicht möglich war, musste ich auf eine Auflistung der Symbole zurückgreifen, die auf der Website zu finden ist. Schade.

 

Nichtsdestotrotz wollte ich die App nicht sofort abschreiben. Ich scannte die Symbole über den Bildschirm meines Laptops ein. Dabei fiel mir auf, dass die App ärgerlicherweise ziemlich instabil ist. Sie stürzt oft ab. Als ich alle Rätsel freigeschaltet hatte, widmete ich mich der ersten Aufgabe. Es handelt sich um ein Suchbild; die Nutzer_innen sollen die Stelle des Bildes berühren, an der sich Prinz Zazamael befindet. Ich wusste natürlich noch nicht, wo er sich versteckt, weil ich mit der Lektüre ja noch nicht begonnen hatte und riet einfach drauf los. Ich tippte die Stelle an, klickte auf „Weiter“ und gelangte so zu einem Auszug des ersten Bandes „Prinzessin Serisada“. Ich dachte, ich hätte das Rätsel gelöst und hielt die Textpassage für meine Belohnung.

 

Beim Lesen der Passage dämmerte mir, dass ich mich, würde ich weitere Rätsel lösen, vermutlich heftig spoilern würde. Ich besuchte noch einmal die Website und suchte nach einer Anleitung, die mir erklären würde, wie die Nutzung der App in die Lektüre der Bücher zu integrieren sei und fand… nichts. Es gibt keine Hinweise darauf, wie beides unter einen Hut zu bringen ist. Ich blätterte durch die Seiten der Romane, in der Hoffnung, dort eine Aufforderung zu entdecken, die App einzuschalten. Fehlanzeige. Offenbar ist das Projekt dann doch nicht so multimedial, wie ich angenommen hatte. Bücher und App existieren parallel, haben aber außer der Geschichte keine Verbindung. Sie sind unabhängig voneinander. Erneut enttäuscht beendete ich die App und beschloss, mich den Rätseln zu widmen, wenn ich die Lektüre abgeschlossen hatte.

 

Ich weiß nicht genau, was ich von „Sumerland“ erwartet hatte, vermutlich eine etwas… durchschnittlichere Leseerfahrung, aber garantiert keine Geschichte, die dermaßen vollgestopft ist mit metaphorischer und handfester Gesellschaftskritik. „Prinzessin Serisada“ und „Prinz Zazamael“ kritisieren, betonen und beschreiben all die Mechanismen unserer Realität, die getrost als Verrücktheiten bezeichnet werden können – mal ernsthaft, mal mit einem amüsierten Augenzwinkern. Die beiden Romane rücken die Lächerlichkeit der Entwicklung der Menschen und der Welt, in der wir leben, schonungslos ins Licht und demaskieren die ritualisierten Strukturen der alltäglichen, künstlichen Zwänge, denen wir uns selbst aussetzen. Laut Johannes Ulbricht sind die Prozesse unserer Realität ein Abbild der Lebensweise der Menschen in Waylhaghiri, die Hamstern im Laufrad gleich permanent Rituale und Herausforderungen durchlaufen, um ihren sozialen Status anhand verschiedenster Faktoren zu verbessern oder zu zementieren. Die Trichterstadt ist ein einziges, gigantisches, allumfassendes, nahezu perfektes, kompliziertes Konkurrenzsystem, das ganz eindeutig den Gesetzen des Kapitalismus folgt. Begierden und Bedürfnisse werden künstlich erzeugt; Selbstbestimmtheit ist eine Illusion; alle Lebensbereiche werden ökonomisch instrumentalisiert. Auf mich wirkte Waylhaghiri beinahe wie ein lebendiger, atmender Organismus, der sich immer wieder selbst verschlingt und erneuert. Sie ist ein Irrgarten ohne Ausweg, weil die Bevölkerung gar nicht merkt, dass sie vom regierenden Prinzen Zazamael, dem geheimen Rat der Wirtschaftsweisen und dem Zentralcomputer gnadenlos manipuliert und ausgebeutet wird. Die Menschen träumen ohne Unterlass. Sie träumen unsere Realität.

 

Waylhaghiri ist die einzige Stadt der Welt, außerhalb des Turms existiert lediglich die unendliche Weite des wilden Sumerlands. Dadurch erreicht Johannes Ulbricht einen unmittelbaren, harten Kontrast zwischen Technologie und Natur, zwischen Ordnung und Chaos, zwischen kühler Kalkulation und leidenschaftlicher Emotionalität. Waylhaghiri ist alles, was das Sumerland nicht ist und umgekehrt. Erstaunlicherweise sind die Oberhäupter der beiden Domänen allerdings weniger verschieden, als man meinen sollte. Prinzessin Serisada und Prinz Zazamael sind beide seit Jahrhunderten etwa 13 Jahre alt und schrecklich einsam. Beide haben keine Spielgefährten, sondern nur Untergebene, die im Gegensatz zu ihnen durchaus sterblich sind. Ich habe intensiv darüber nachgedacht, warum sich der Autor entschied, Herrscher und Herrscherin als Kinder darzustellen. Ich glaube, dass Ulbricht sich bei Michael Ende bediente und seine eigenen Versionen der kindlichen Kaiserin aus „Die Unendliche Geschichte“ erschuf. Die kindliche Kaiserin regiert als personifizierte Fantasie und Unschuld über Fantasien. Weder Serisada noch Zazamael sind unschuldig, doch sie verkörpern gewiss unterschiedliche Spielarten der Fantasie. Serisadas Fantasie ist rein imaginär ist und findet Wege, sie über lange Zeiträume hinweg allein zu beschäftigen. Das Sumerland ist voller Spielzeug, das sie irgendwann einmal liegen ließ. Zazamaels Fantasie hingegen ist konkret und greifbar. Seine Vorstellungskraft formt Waylhaghiri. Neue Ebenen werden nach seinen Ideen gebaut. Es kann kein Zufall sein, dass die Königskinder wie die zwei Seiten derselben Münze wirken, da sich dieses Motiv durch die ganze Geschichte zieht. Arbeit und Freizeit, Gier und Großzügigkeit, Gesellschaft und Individuum – all diese Faktoren sind lediglich Aspekte eines menschlichen Lebens, keine Konstanten, die sich wechselseitig aussschließen. Die Kunst besteht darin, das Gleichgewicht zu finden.

 

So langsam werdet ihr euch wahrscheinlich fragen, warum ich für das Gesamtwerk „Sumerland“ bloß zwei Sterne vergebe, obwohl ich eine Menge Positives darüber zu berichten habe. Es ist wahr, „Sumerland“ ist wahnsinnig kritisch und extrem intelligent. Ich erkenne das und ich respektiere Johannes Ulbricht dafür, dass er in der Lage war, seine hochabstrakten Gedankengänge auszuformulieren und in eine verrückte Fantasy-Geschichte zu transformieren. Für meinen Geschmack ist die Dilogie nur leider zu verkopft. Es war mir zu viel. Der ständig präsente doppelte Boden der Geschichte, die vielen Nuancen, die zwischen den Zeilen stehen, haben mich überfordert. Ich suchte permanent nach den Analogien zu unserer Realität; ich konnte mich nie einfach zurücklehnen und genießen. Es war ermüdend, auslaugend. Vieles erschien mir irritierend und verwirrend.

 

Allein schon die Erzählstruktur empfand ich als mühselige Fleißarbeit, weil vier verschiedene Handlungsstränge parallel laufen und sich im Grunde kaum berühren, was in ein ausschweifendes Gesamtbild resultiert. Neben Prinzessin Serisada und Prinz Zazamael folgen die Leser_innen einer anonymen Ich-Erzählerin in unserer Realität, deren Wert für die Geschichte meines Erachtens nach marginal ist, weil man nie genug über sie erfährt. Sie verdeutlicht lediglich die Prozesse, die sich von Waylhaghiri aus in der Scheinwelt fortsetzen. Ich hätte diese Verständniskrücke nicht gebraucht. Zusätzlich stellt sie uns Susanne vor – ein junges Mädchen, das behauptet, das Sumerland und Waylhaghiri durch das Erzählen einer Geschichte erfunden zu haben und prompt ihren eigenen Handlungsstrang erhält. Mir schwirrte der Kopf, denn ich verstand irgendwann nicht mehr, in welcher Beziehung diese Erzählstränge zueinanderstehen. Mir hätten Prinzessin Serisada und Prinz Zazamael vollkommen ausgereicht.

 

Die beiden Bücher vermitteln keine Leichtigkeit, keine Freude am Erzählen und für mich unglücklicherweise auch keinen Spaß an der Lektüre. „Prinz Zazamael“ fiel mir zwar leichter, da das Tempo im zweiten Band deutlich anzieht und die Handlung im Gegensatz zum ersten Band endlich aus dem Knick kommt, doch ich musste mich zum Lesen zwingen. Es war keine schöne Leseerfahrung. Ich fühlte mich nicht wohl. Trotzdem kämpfte ich mich durch, primär aus Prinzip, aber auch, weil ich hoffte, irgendwann für meine Mühen belohnt zu werden. Vergebens. Das Ende von „Sumerland“ ist nahezu eine Antiklimax, weil die Moral bzw. die Botschaft des Ganzen schon lange vorher offensichtlich sind. Ich empfand es als flach und unbefriedigend. Ich war erleichtert, als ich „Prinz Zazamael“ schließlich zuschlagen konnte.

 

Nachdem die Lektüre von „Sumerland“ eine eher enttäuschende Angelegenheit war, muss ich zugeben, dass ich keine große Lust hatte, mich noch einmal mit der dazugehörigen App zu beschäftigen. Ich wollte dieses Experiment hinter mir lassen und mich neuen Geschichten widmen. Ich wusste aber, dass ich keine umfassende Rezension würde schreiben können, wenn ich mich vor dieser Aufgabe drückte. Also riss ich mich ein letztes Mal zusammen und stellte mich den Rätseln.

 

Ich frage mich ernstlich, wer sich diese Rätsel ausgedacht hat. Kann man überhaupt alle lösen? Ist das möglich? Die Fragen fokussieren teilweise winzige Details der Handlung von „Sumerland“, die in den Büchern gar nicht besprochen werden. Über der Aufgabe, einzugeben, welche drei Tierkreiszeichen Serisada in welcher Reihenfolge berühren musste, um ein bestimmtes Schmuckstück aus ihrer Nachttischschublade nehmen zu können, bin ich verzweifelt, denn in der entsprechenden Szene wird meines Wissens nach nie auch nur erwähnt, dass sie überhaupt einen Mechanismus auslösen muss. Ich habe das sogar nachgelesen. Raten fällt bei 12 möglichen Tierkreiszeichen leider aus. Ich weiß nicht, woher ich die Lösung nehmen soll, wenn sie nicht in den Büchern steht.


Ebenso unerfreulich sind alle Rätsel mit Suchbildern. Erinnert ihr euch, dass ich dachte, ich hätte die erste Aufgabe, Prinz Zazamael auf einem Bild zu lokalisieren, gelöst? Irrtum. Ich habe die Aufgabe offenbar nicht gelöst; es fehlt das grüne Häkchen, das mir einen Erfolg anzeigt. Keines der Suchbilder scheint korrekt zu funktionieren, denn egal, wie oft ich mit dem Finger darauf herumtippe, es passiert gar nichts. Die Textpassage, die ich für meine Belohnung hielt, ist immer zugänglich, ob man ein Rätsel nun knackt oder nicht. Da versagt mutmaßlich die Technik.

Letztendlich konnte ich mit Müh und Not (und ein bisschen Raten) acht von zwölf Rätseln bewältigen. Damit werde ich nicht in die „Geheimgesellschaft der Wissenden“ aufgenommen. Aber wisst ihr was? Es ist mir egal. Die App hat mich insgesamt mehr frustriert als unterhalten und von mir aus können sich die Entwickler ihre Geheimgesellschaft an den Hut stecken. Angeblich erhält man ja irgendeinen gratis Song, der extra für das Projekt von „der renommierten Künstlergruppe QNTAL“, (von der ich vorher noch nie gehört habe) produziert wurde, wenn man alle Rätsel knackt und dann einen Registrierungscode an die Entwickler schickt. Bedenkt man all meinen Missmut, wäre ein einziger Song ohnehin ein schmaler Trost. Ihr könnt ihn behalten, ich will ihn nicht, vielen Dank.

 

Meiner Ansicht nach ist „Sumerland“ als multimediales Projekt nicht mehr als eine tolle Idee, die an der Umsetzung scheitert. Die App und die Romane „Prinzessin Serisada“ und „Prinz Zazamael“ bilden längst nicht die Einheit, die ich erwartet hatte und interagieren überhaupt nicht miteinander. Die Rätsel sind aufgrund mangelnder Anhaltspunkte sowie unzuverlässiger Technik eher verwirrend statt unterhaltsam und haben mir keinerlei Mehrwert geboten. Die freigeschalteten Textpassagen sind überflüssig, liest man die Bücher, was mir allerdings auch keine Freude bereitete. Für mich ist die App daher nicht mehr als verschwendeter Speicherplatz auf meinem Smartphone und wird entfernt, sobald diese Rezension online ist.
Die Geschichte, die Johannes Ulbricht in „Sumerland“ erzählt, ist definitiv ein kluges Stück tiefgehender Gesellschaftskritik. Der subtile Appell, unsere Welt zu hinterfragen, statt alles klaglos zu schlucken, ist unmissverständlich bei mir angekommen. Trotz dessen bin ich der Meinung, dass er das Ziel, seine Leser_innen zu unterhalten, vollkommen aus den Augen verlor. „Sumerland“ ist langatmig, hochgradig abstrakt und unverhältnismäßig strapaziös. Ulbricht verlangt zu viel und verlässt sich zu sehr auf die intellektuelle Ebene seiner Geschichte. Intelligenz ist eben nicht alles und vermag mich alleinstehend nicht zu fesseln.

 

Zusammengefasst muss ich euch demzufolge davon abraten, mein Experiment mit „Sumerland“ selbst zu wiederholen. Das Projekt hält einfach nicht, was es verspricht – weder technisch, noch systematisch, noch literarisch. Vielleicht waren die Ambitionen von Autor und Entwicklern dann doch ein wenig hochgestochen. Gesellschaftskritik als Spiel für Bücherwürmer – in der Theorie ein netter Gedanke, in der Praxis die reinste Quälerei.

 

Vielen Dank an den Verlag Panini und Literaturtest für die Bereitstellung dieser Rezensionsexemplare im Austausch für eine ehrliche Rezension!

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/08/31/johannes-ulbricht-prinzessin-serisada-prinz-zazamael
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Stoff für die Leinwand
Artificial - Jadah McCoy

„Artificial“ von Jadah McCoy fand seinen Weg über den Newsletter des Verlages Curiosity Quills Press zu mir. Ich erhalte schon seit letztem Jahr regelmäßig Informationen über zur Verfügung stehende Rezensionsexemplare – seit mich „Don’t Eat the Glowing Bananas“ von David D. Hammons begeisterte. Meinem Gefühl nach konzentriert sich der Verlag auf ungewöhnliche, fantasievolle Geschichten, die immer ein bisschen abseits des sogenannten Mainstreams liegen. Ich hoffte, dass „Artificial“ ähnlich unkonventionell sein würde.

 

Der Planet Kepler ist eine Einöde, das beschämende Zeugnis des verheerenden Konflikts zwischen Menschen und Maschinen. Die Menschheit ist beinahe ausgerottet; zur Beute degradiert von den Cull – riesige, an Insekten erinnernde Prädatoren, das Ergebnis der genetischen Kriegsführung der Androiden, bevor diese spurlos verschwanden. Die Cull jagen Menschen. Sie fressen Menschen. In dieser feindseligen Welt kämpft die junge Syl ums Überleben. Als sie auf einem Streifzug entführt wird, bringt man sie an einen Ort, den es eigentlich gar nicht geben dürfte: ein Labor in einer Stadt voller Androide. Dort erfährt sie am eigenen Leib, dass die Roboter skrupellos mit Menschen experimentieren. Sie muss fliehen, aber wie sie soll sie aus einer Stadt entkommen, in der sie auffällt wie ein bunter Hund? Ihre einzige Hoffnung ist der Android Bastion, der zu einer Untergrundbewegung gehört, die Menschen über die Stadtgrenze schmuggelt. Ohne zu wissen, ob sie Bastion trauen kann, lässt sie sich auf ein gefährliches Katz-und-Maus-Spiel ein, während sie eine Frage quält: ist sie nach den Experimenten überhaupt noch ein Mensch?

 

Obwohl ich „Artificial“ von Jadah McCoy insgesamt nicht unbedingt als unkonventionell bezeichnen würde, enthält dieser Reihenauftakt einige interessante, ausgefallene Ideen. Die Ausgangssituation des Krieges zwischen Menschen und Maschinen ist zwar nicht neu, doch die Gründe für diesen Krieg empfand ich als angenehm originell. Als die Erde starb, beschloss die Menschheit, den Planeten Kepler zu besiedeln. Für die Reise dorthin erfanden sie Androiden, die über die Körper der vermutlich in Kryostase versetzten Menschen wachen sollten. Doch während des langen Fluges geschah etwas mit den Androiden: sie entwickelten Gefühle. Auf Kepler angekommen, hatten die Androiden ihren Zweck erfüllt und wurden durch Menschen ersetzt. Niemand erwartete, dass dieses Verhalten die Roboter verletzen oder erzürnen könnte. Ihre Ignoranz war verhängnisvoll – die Androiden begannen den Krieg, der Kepler in das Schlachtfeld verwandelte, das er heute, im Jahr 2256, noch immer ist. Sie erschufen die Cull erfolgreich als ultimative Waffe gegen ihre ehemaligen Herren. Diese Insektoiden sind wirklich zum Fürchten. Richtig gruselig. Die Vorstellung, von diesen Wesen gejagt zu werden, verursachte mir eine Gänsehaut. Jadah McCoy bebildert ihre Geschichte heftig und extrem; sie zeigt Situationen, die mir das Gefühl vermittelten, es mit einem literarischen Horrorfilm zu tun zu haben. Deshalb weigere ich mich, das Buch als Young Adult zu kategorisieren. McCoy will schockieren. Leider konnten die blutigen, brutalen Szenen nicht verschleiern, dass „Artificial“ gravierende Defizite aufweist. Meiner Ansicht nach ist das Worldbuilding des ersten Bandes der „Kepler Chronicles“ dermaßen lückenhaft, dass es sich auf die Handlung auswirkt. McCoys futuristisches Universum erschloss sich mir nicht, wodurch ich viele inhaltliche Entwicklungen nicht verstand. Gigantische Fragezeichen schwirrten durch meinen Kopf. Wieso wussten die Menschen nichts von New Elite, der Stadt der Androiden? In welcher Beziehung stehen die Androiden und die Cull heute? Warum experimentieren sie mit Menschen? Wie kann es sein, dass moderne Androide die Fähigkeit ihrer Vorfahren, Emotionen zu empfinden, verurteilen und sogar unter Strafe stellen? Wichtige Informationen fielen unbeachtet unter den Tisch; zu viel musste ich mir selbst zusammenreimen und konnte daher kein Vertrauen zur Autorin aufbauen. Wiederholt stolperte ich über ihre Inkonsequenz und war folglich nicht in der Lage, mich an den Figuren zu orientieren, trotz der wechselnden Ich-Perspektive der menschlichen Protagonistin Syl und des Androiden Bastion. Mit Bastion kam ich ganz gut zurecht, ich fand ihn liebenswürdig und nahbar, aber Syl… Furchtbar. Es ist keine Seltenheit, dass vermeintlich taffe Hauptdarstellerinnen gemein und übertrieben aggressiv dargestellt werden, doch Syl erreicht einen neuen, traurigen Tiefpunkt. So eine rotzig unsympathische „Heldin“ habe ich selten erlebt. Wie sie mit anderen Charakteren umspringt, ist ekelhaft. Keine Ahnung, wie Bastion es schafft, Syl zu mögen. Ich konnte es nicht und halte ihre seltsame Freundschaft für unmotiviert und künstlich erzwungen. Ich hätte das Miststück ihrem Schicksal überlassen.

 

„Artificial“ bietet hervorragenden Stoff für einen actionreichen SciFi-Horrorfilm. All die logischen, inhaltlichen und strukturellen Löcher würden auf der Leinwand vielleicht gar nicht groß auffallen, wenn Spezialeffekte davon ablenken, dass die Geschichte mäßig Sinn ergibt. Als Buch funktioniert sie für mich bedauerlicherweise nicht, weshalb ich die Reihe auch nicht weiterverfolgen werde. Ich vermute, dass Jadah McCoy ihre Inspiration für „Artificial“ durch Bilder erhielt, die vor ihrem inneren Auge auftauchten, nicht durch Handlungssequenzen, die sich in ihrem Geist abspulten. Wobei ich wirklich nicht in ihrer Haut stecken möchte, sollten diese gewalttätigen Bilder sie tatsächlich mental überfallen haben. Wer möchte schon sehen, wie jemandem in einer bizarren Operation bei Bewusstsein der komplette Torso aufgeschlitzt und auseinander geklappt wird oder einer jungen Frau bei lebendigem Leib die Beine von einem insektenartigen Monster weggefressen werden? Nein, danke, mein Hirn produziert schon von allein genug Material für schillernde Albträume.

 

Vielen Dank an den Verlag Curiosity Quills Press für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars im Austausch für eine ehrliche Rezension!

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/07/11/jadah-mccoy-artificial
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review 2017-02-10 10:21
Zeigt die Menschheit von ihrer schlimmsten Seite
Ashen Winter - Mike Mullin

Die Trilogie „Ashfall“ von Mike Mullin begann ich im Februar 2014. Der gleichnamige erste Band „Ashfall“ erhielt von mir 3 Sterne; ich fand ihn gut, aber unspektakulär. Es war mir daher nicht so wichtig, die Geschichte weiterzuverfolgen. Ich brauchte knapp drei Jahre, um mir den zweiten Band „Ashen Winter“ vorzunehmen. In dieser Zeit war Mike Mullin nicht untätig. 2015 verkündete er, dass aus der Trilogie eine Tetralogie werden würde. Mullins Deadline für das Manuskript des vierten Bandes ist der 31.12.2017. Schwer zu sagen, wann mit einem Erscheinungstermin gerechnet werden kann. Ich sehe das entspannt, weil ich ohnehin nicht sicher bin, ob ich die Entscheidung, die Geschichte um eine Episode zu erweitern, gutheiße. Abwarten und Tee trinken.

 

10 Monate sind vergangen, seit der Supervulkan unter dem Yellowstone Nationalpark ausbrach und die USA in ein Katastrophengebiet verwandelte. Nach ihrer beschwerlichen Reise haben sich Alex und Darla gut auf der Farm seines Onkels Paul eingelebt. Die Familie arbeitet hart, um einen bescheidenen Lebensstandard aufrechtzuerhalten. Doch all die anstrengende Arbeit vermag Alex nicht von seiner Sorge um seine Eltern abzulenken, die noch immer nicht aus Iowa zurückgekehrt sind. Als ihm unerwartet ein Hinweis auf ihren Verbleib in die Hände fällt, hält er es auf der Farm nicht länger aus. Gemeinsam mit Darla wagt er sich abermals hinaus in den vulkanischen Winter, um seine Eltern zu retten. Schnell wird den beiden klar, dass der Überlebenskampf der Menschheit in vollem Gange ist – gnadenlos und brutal. Ressourcen werden knapp und humanitäre Grenzen verwischen zusehends. Alex und Darla müssen entscheiden, wie weit sie zu gehen bereit sind, um einander zu beschützen. Bewahrt ihre Liebe sie davor, zu Monstern zu werden?

 

In „Ashen Winter“ beschreibt Mike Mullin eine neue Stufe gesellschaftlichen Verfalls. Während „Ashfall“ die unmittelbaren Auswirkungen des Vulkanausbruchs beleuchtet – das Chaos, die Überforderung, die kopflose Panik – zeigt der zweite Band, welche Möglichkeiten die Menschen gefunden haben, um sich mit den neuen Umständen zu arrangieren. Mullin stellt der Menschheit unmissverständlich ein Armutszeugnis aus. Er skizziert ihr wahres Gesicht als hässliche, destruktive, egoistische und grausame Fratze, die sich erst offenbart, wenn die Kontrollmechanismen der Zivilisation wegfallen. Die bittere Vision, die er prophezeit, fand ich als Zynikerin definitiv glaubhaft. Lediglich der äußerst kurze Zeitraum des Verfalls erschreckte mich. Nicht mehr als 10 Monate braucht die Menschheit laut Mullin, um ihre Menschlichkeit abzustreifen. Selbstverständlich begegnen Alex und Darla auf ihrer Rettungsmission durchaus auch gütigen, rechtschaffenen Menschen, aber meist werden sie mit barbarischer, herzloser Anarchie konfrontiert. Ich fand die Darstellung der sozialen Konsequenzen des vulkanischen Winters überzeugender als die Handlung selbst. Obwohl „Ashen Winter“ im Vergleich zum Vorgänger deutllich aufregender ist, hatte ich erneut Schwierigkeiten mit dem Spannungsbogen, der meiner Meinung nach inkonsequent konstruiert ist. Immer wieder manövriert Mullin seinen Protagonisten und Ich-Erzähler Alex in langatmige, schwer aufzulösende Sackgassen, die sowohl ihn als auch die Leser_innen in eine Warteposition zwingen. Um Alex zu befreien, muss Mullin zu extremen Mitteln greifen, was zu übertrieben abenteuerlichen Actionszenen führt, die problemlos von einem Spezialeffekte-Team aus Hollywood stammen könnten. Wir sprechen von Verfolgungsjagden, Überfällen, Schießereien und – man glaubt es kaum – einer Fahrt auf dem Dach eines Transporters. Alex ist nun nicht der besonnenste Mensch der Welt, doch etwas weniger draufgängerische Impulsivität hätte der Autor ihm ruhig zugestehen können.
Nichtsdestotrotz gefiel mir seine charakterliche Entwicklung grundsätzlich gut, weil er sich an einem Scheidepunkt befindet. Seine Erlebnisse ließen ihn rasend schnell reifen; er schwankt zwischen erwachsenem Verantwortungsbewusstsein und jugendlicher Naivität. Besonders seine Gefühle für Darla sind seinem Alter weit voraus. Die äußeren Bedingungen entfachten eine Verbindung zwischen ihnen, die viel tiefer ist als eine normale Teenagerromanze. Sie sind ein Team und verlassen sich aufeinander, obwohl Alex sich sicher stärker auf Darla stützt als sie auf ihn. Ihre herrische, aggressiv-fürsorgliche Art kommt ihm meiner Ansicht nach entgegen, weil sie ihn an seine Mutter erinnert. Nachdem, was Alex über die Beziehung zu seiner Mutter offenbart, sind Parallelen erkennbar und man sagt ja nicht grundlos, dass man meist einen Partner wählt, der den eigenen Eltern ähnlich ist. Vor diesem Gesichtspunkt ist die Dynamik zwischen ihnen wirklich interessant und ich frage mich, ob Mike Mullin sie bewusst beabsichtigte.

 

Unter dem Yellowstone Nationalpark liegt tatsächlich ein Supervulkan, der jeder Zeit ausbrechen könnte. Das geologische Untersuchungsamt, das für dessen Überwachung verantwortlich ist, hält eine baldige Eruption zwar für unwahrscheinlich, aber die Möglichkeit besteht. Deshalb finde ich die „Ashfall“-Tetralogie so faszinierend: das Ausgangsszenario ist schlicht und realistisch. Dadurch unterscheidet sich die Reihe maßgeblich von der Masse der Young Adult – Dystopien auf dem Markt. „Ashen Winter“ ist ein guter zweiter Band, der die Menschheit überzeugend von ihrer schlimmsten Seite zeigt. Wenngleich es Mike Mullin etwas an schriftstellerischer Finesse und einem Gespür für inhaltliche Ausgewogenheit mangelt, hat mich diese Fortsetzung gut unterhalten. Ich mag den Protagonisten Alex und beobachte sein persönliches Wachstum mit Freude, weil es einen so starken, positiven Kontrast zur Degeneration der Gesellschaft darstellt. Fragt sich nur, ob er als edler Held in einer zerfallenden Gesellschaft menschlicher Monster langfristig überleben kann.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2017/02/10/mike-mullin-ashen-winter
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review 2016-11-16 10:53
Nicht mehr als ein kurzes Flackern im literarischen Kosmos
Five Days in May - Ninie Hammon

Über „Five Days in May“ von Ninie Hammon bin ich nicht zufällig gestolpert. Ich habe diesen Mystery-Thriller bewusst ausgewählt, weil ich für das Lesebingo 2016 dringend ein Buch mit einem Monatsnamen im Titel brauchte. Ich durchforstete Goodreads und sah mir hunderte von Büchern an, um die passende Lektüre zu finden. „Five Days in May“ hatte eine gute Durchschnittsbewertung und klang interessant, also wagte ich den Kauf, obwohl ich von der Autorin noch nie etwas gehört hatte. Ninie Hammon arbeitete viele Jahre als Journalistin, bevor sie eine Vollzeit-Schriftstellerin wurde. Bisher scheint der gewaltige Erfolg ausgeblieben zu sein, trotz 10 veröffentlichter Werke. „Five Days in May“ ist Hammons siebter Roman.

 

Joy, die Tochter, die glaubt, sie müsse das ungeborene Leben in sich beenden, um ihr eigenes zu schützen.
Mac, der Vater, der allen Glauben verlor, als seine große Liebe starb und sich von Gott abwendet.
Jonas, der Großvater, dessen Liebe stark genug ist, um der leeren Hülle seiner Frau die letzte Gnade zu erweisen.
Princess, die Mörderin, die im Todestrakt des Gefängnisses auf ihre Hinrichtung wartet.
Vier Menschen, die nicht ahnen, dass ihre Leben durch ein Geheimnis untrennbar miteinander verknüpft sind. Vier Menschen, die Freitag, den 10. Mai 1963, gleichermaßen herbeisehnen und fürchten.
Fünf Tage im Mai, die alles verändern werden.

 

Wisst ihr, was ich an Lesechallenges liebe? Sie bringen mich dazu, Lektüre zu lesen, die ich sonst vermutlich niemals angefasst hätte. „Five Days in May“ wäre mir ohne meine Suchaktion sicherlich nicht begegnet und selbst wenn, hätte ich mich wahrscheinlich von der Kategorisierung als „christliche Fiktion“ abschrecken lassen, weil ich nicht gläubig bin. Dank des Lesebingos habe ich darauf überhaupt nicht geachtet. Ich kann nun nicht behaupten, dass es das eine Buch wäre, auf das ich mein Leben lang gewartet habe, aber es war eine neue Erfahrung und als solche werde ich „Five Days in May“ auch verbuchen. Grundsätzlich ist die Geschichte nicht schlecht und in einigen Momenten ordentlich spannend, sodass ich keinerlei Schwierigkeiten hatte, diese bis zum Ende zu verfolgen. Trotz dessen muss ich zugeben, dass ich mich mit dem christlichen Unterton nicht ganz wohlfühlte. Ninie Hammon verwendet christliche Motive zwar dezent, doch eine göttliche Präsenz war meinem Empfinden nach durchaus spürbar. Ich habe großen Respekt vor der Religiosität anderer Menschen, persönlich kann ich jedoch wenig mit dem Konzept des Glaubens anfangen. Ich kann mich nicht überwinden, zu glauben, dass es da draußen im Universum jemanden geben soll, der einen Plan für mich und jedes einzelne Lebewesen auf unserem Planeten hat. Das Thema göttliche Vorhersehung schwingt auf jeder Seite des Romans mit, wie eine niedrige Frequenz, die man kaum wahrnimmt. Es fiel mir schwer, diesen Ansatz zu akzeptieren. Darüber hinaus scheint Ninie Hammon Abtreibungen abzulehnen, was meiner eigenen Einstellung dazu widerspricht. Es gefiel mir nicht, dass sie diese Haltung in ihre Geschichte involvierte, obwohl es ihr gutes Recht ist und sie offenbar keine allzu radikalen Ansichten vertritt. Ihr Schreibstil trifft ebenfalls nicht meinen Geschmack; ich hatte das Gefühl, sie ergeht sich in überflüssigen Details und braucht einigen Anlauf, um zur Sache zu kommen. Dadurch erwischte ich mich hin und wieder dabei, Sätze und manchmal sogar ganze Absätze zu überspringen. Sie hätte mit den Perspektivwechseln disziplinierter umgehen und die Handlung klarer strukturieren sollen, statt nach Lust und Laune zwischen ihren Figuren zu schwanken. Diese sind definitiv sympathisch. Es ist leicht, mit ihnen zu fühlen, weil sie alle auf die eine oder andere Art und Weise unter einem Verlust leiden. Ihre Seelen liegen blank; ich musste sie nicht analysieren, um ihr Verhalten oder ihre Beweggründe zu verstehen. Man bekommt genau das, was man sieht: vier verwundete Menschen, die mit ihren eigenen Dämonen kämpfen. Aus dieser emotional aufgeladenen Situation entwickelt sich eine äußerst dramatische Geschichte, die leider recht vorhersehbar ist. Ich vermutete bereits früh, welche Wendung mich erwarten würde und lag richtig. Das große Geheimnis des Buches war für mich daher nicht annähernd so schockierend, wie Ninie Hammon es vermutlich geplant hatte. Schade, denn ich wäre gern bis zur Auflösung im Dunkeln getappt und hätte mich auch gern überraschen lassen.

 

Ich denke, ich verstehe, wieso Ninie Hammon bisher keine gefeierte Bestsellerautorin ist. „Five Days in May“ ist weder eine Perle der Literatur, noch ein brillantes Stück schriftstellerischen Talents. Das Buch erinnert stark an Stephen Kings „The Green Mile“ und ist alles in allem zu offensichtlich für einen Mystery-Thriller. Meiner Meinung nach rettet sich die Geschichte hauptsächlich über die angenehmen Charaktere, die in ihrer gradlinigen, emotionalen Offenheit mühelos Sympathie erzeugen. Der religiöse Aspekt des Romans sagte mir nicht zu, das ist jedoch Geschmackssache. Ich bin zufrieden damit, einen Ausflug in die christliche Fiktion gewagt zu haben und mir nun ein Urteil bilden zu können: es ist nicht meins. Für einen ersten Versuch hätte ich es allerdings sicher auch schlechter treffen können als mit „Five Days in May“. Weiterempfehlen möchte ich das Buch trotzdem nicht, denn dafür weist es zu viele Mängel auf. Es ist ganz nett, aber mehr auch nicht – ein kurzes Flackern im literarischen Kosmos, das völlig zu Recht keine Wellen schlägt.

Source: wortmagieblog.wordpress.com/2016/11/16/ninie-hammon-five-days-in-may
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